Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 92 (17.11.1933)
- Date
- 1933-11-17
- Page
- Seite 826 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 824 jüdische Rundschau Nr. 92, 17. XL 1933 li.hkcit bleib!: mit allen Kräften den langen Weg von der Wirklichkeit hier m dtr vor ihm s t e - hcijden neuen Wirklichkeit in Ercz Israel zu bcs ch reiten. Vorbedingung hierzu ist die Erziehung zur beurigen Realität Palästinas. Der junge Jude Deutschlands soll nicht aus einer abstrakten Ziel Vorstellung heraus für sich die Aufgabe ableiten, das kulturelle Leben Palästinas von oben herab als niveaulos zu kritisieren, er soll sich nicht eine ihm zustehende Mission zulegcti. Kritik ist immer erlaubt; aber es gibt einen Unterschied zwischen rein akademischer und schöpfe;ischcr Kritik, die mit der eigenen tätigen Anteilnahme verblinden ist und dann eigentlich mehr in eigener verbessernder Tat als in Kritik besteht. Ergibt sich aus dem Kontrast die Schwere unseres Kultur• Problems, so wird uns aber auch unsere Aufgabe klar. Sic heißt zuallererst: Hebräisch! Und dann: lebendige Verbindung! i; dem Alltag Palästinas und seiner kulturellen Ausgcstaltun״, mit der hebräischen Dichtung und dem hebräischen I i1׳d. Und schließlich: Verbindung mit dem ganzen Sein der chaluzischen Bewegung und ihren Versuchen, schon hier neu« kulturelle Ausdrucksformen zu finden. Je mehr Palästina uns in Deutschland sein wird, desto näher werden wir der Lösung unseres Kulturproblems sein. Aber das gilt doch wohl trotz alledem mir für die chalu• zisclie Jugend? Und was soll mit der übrigen jüdischen J u g e n d und mit der deutschen Judenheit überh a ti p t auf kulturellem Gebiete geschehen? Nein, ich glaube, daß es nicht mir für die chahizische Jugend gilt; es ist der einzige Weg zur Lösung des Kulturprobkms der de1.1t• :scheu Judenheit, — sofern cs überhaupt eine Lösung ״ihr. Erst dann wird den deutschen Juden n ieder etwas von kuhurellem Heimatgefuhl entstehen, wenn sie den Ablauf des pahiriinensisehen Lebens in der hebräischen Presse verfolgen, \\e:::1 sic ein hebräisches Schauspiel in der Originalsprache v‘'’׳stehen können. Das Erlernen der hebräischen Sprache, -י ohne l'ntcisdiicd, ob inan nach Palästina geht oder hier- Meint ---, gehört zu den entscheidendsten kulturellen Taten des deutschen Juden, und nicht nur des jungen. Den Vorwurf der Einseitigkeit, den man gegen uns erheben kann und wird, r.k.־cp'.iereit wir gern, und den Vorwurf, daß wir ״Idealisten“ sei n: auch auf wirtschaftlichem Gebiete hat man _die cha- U.'i.-die Jugend seit jaliren einseitig und ״idealistisch*‘ geschulten,'’— unsere Einseitigkeit ist zum breiten Wege der M.1 ';:11 und unser Idealismus zum Realitätensinn geworden. Eine berechtigte Frage kann man uns stellen: glaubt ihr, dal: ihr wenigstens für eure Generation eine volle Lösung eines Kulturproblems finden werdet? Darauf antworten wir 01ic:1: nein, wir glauben es nicht. Wir sind eine lieberg a n g s g e ת e r a t i o n, die zwischen dem Alten und dem Menen sieht, mit all den Freuden und den Leiden, die einer ' 'cbergangsgencration eigen sind: mit der Freude an der ersten Erkenntnis der Lösung und an dem Kampf 11m ihre Verwirklichung, mit der klaren und schweren Erkenntnis, daß wir diese Lösung nicht ganz erreichen werden. Die neue Gruppierung der religiösen Jugend Von Dr. Erich R 0 s e n b I ü t h, Berlin. Auch innerhalb der gesetzestreuen Jugendbewegung hat die Erschütterung, die die deutsche Judenheit getroffen hat, iiiren Ausdruck gefunden. Die neben dem Zeire Mi»- raclti bisher größte und bedeutendste religiöse Jugendbewegungy der Esra, besteht, wenigstens in seiner bi»- herigen f orm, nicht mehr. Er wurde vor etwa 15 Jahren von der Aguda gegründet, hat sich aber bald von ihr gelöst, weil er glaubte, die ihm gestellten Aufgaben nur in einem weiteren Kreise der gesetzestreuen jüdischen Jugend erfüllen zu können. Seine Aufgabe sah er vor allem darin, die zimnehst überkommene Tradition den Einzelnen, als eigenes, selbstcrworbencs Gut empfinden zu lassen, und sic in ־ci1׳e lebendige Beziehung zum Alltag zu bringen. Durch den Eiter des Lernens, den Ernst der Verinnerlichung und die Konsequenz im jüdisch-religiösen Tun wurde eine Bewegung geschahen, die das gesetzestreue Leben in Deutschland aulh■rdentlieh bereicherte. Die Lebendigkeit der Bewegung zeigte sieh darin, daß dann, als die völlige organisatorische l eslosting von der Aguda erreicht war, die grundsätzlichen Auseinandersetzungen erst wirklich begannen. Schon sehr früh — 1 <124 — trat das Ercz i s r a e I - P r o b I e m in den Mittelpunkt der Erörterungen. Von da ah standen sich bis zu diesem Jahre zwei Richtungen gegenüber. Die einen glaubten, eine echte Gesctzeserfiillung sei nur in einer gcschlocseiien Atmosphäre in Ercz Israel möglich, während die anderen die entscheidende Abhängigkeit der geistig-jüdischen Faktoren von den Elementen Land und Volk bestritten und ein wirklich jüdisches Leben im Sinne des Esra für möglich hielten. Die Erkenntnis von der überragenden Bedeulung des Aufbaus Erez Israels und von der Notwendigkeit, sich selber praktisch dafür einzusetzen, drang sehr schwer, besonders bei dem westjüdischen Teil der gesetzestreuen Jugend durch. Es ist eine sehr späte Erkenntnis, wenn heute von den Führern dieser anderen Richtung erklärt wird, daß der Aufbau Erez Israels, unabhängig von der Wirtschaftliehen und politischen Krise, die wesentliche Aufgäbe des religiösen jüdischen Menschen in unserer Zeit darstcllte. Da die nichtzionistische Orthodoxie sehr lässig, wenn überhaupt, an den Aufbau Erez Israels heranging, und auch ein großer Teil des Esra sich dieser Arbeit versagte, aber auch aus grundsätzlichen Erwägungen heraus, schlossen sich die Gruppen, die bereit waren, Erez Israel in den Mittelpunkt ihrer Arbeit zu stellen, dem Zionismus an. Sie traten in eine enge Arbeitsgemeinschaft mit den misrachistischen Gruppen des Brith hanoarunddes Brith Chaluzim Dathiim, des Bundes der zionistisch-religiösen Chaluzim. Die Einseitigkeit einer auf das Individuum gerichteten Erziehungsarbeit wurde auf die Dauer als unmöglich angesehen, man forderte neben dieser Arbeit die Berücksichtigung der Aufgaben für die Gemeinschaft bereits in der Erziehung. Die Lockerung der Neutralität, die dadurch eintrat, sprengte den Bund. Die Spaltung, die 1932 auf dem Delegiertentag in Fulda mit Mühe verhindert wurde, wurde durch die Ereignisse in diesem Jahre bewirkt, als der nichtzionistische Teil der religiösen Jugend auch jetzt sich keineswegs wirklich innerlich umstellte und andererseits die Einheit der sich ganz für Erez Israel bereitstellemlen gesetzcstreucn Jugend immer nötiger wurde. In Anbetracht der jetzigen Situation der religiösen Jugend in Deutschland und der Aufgaben, die gerade in dieser Zeit an die religiöse chaluzische Jugend gestellt werden, hielt man es allgemein für notwendig, eine möglichst breite Front dieser Jugend zu schaffen. Auf der soeben stattgefundenen Pegischah des Brith Chaluzim Dathiim in Leipzig, auf der sich die Leitungen der Jugendbüridc trafen, beschloß man, den Brith hanoar, den Erez Israel-Kreis des Esra und den Zerre Misrachi z.u einem gemeinsamen Bund der religiös-chaluzischen Jugend zusammenznfassen, der mit dem Brith chaluzim datiim die Tunath ,,Thora wa’avoda“ bildet. Sie stellt nicht mehr eine Jugendbewegung in dem bisherigen Sinne dar, sondern sie ist im Begriff, die religiöse, arbeitende Jugend zu werden und alle diejenigen, die die Erziehung zur religiösen Chahiziuth in diesem Sinne als ihr Ziel erkennen, zu einer einheitlichen Bewegung zusammenzuschließen. Der Bund erzieht seine Mitglieder zum Ideal Thora va'awoda (lehre und Arbeit), wie es durch die religiöse Arbeiterschaft Erez. Israels (Hspoel hamisrachi) verkörpert wird. Der Brith Chaluzim Dathiim bildet die ausschließliche Chaluzorganisation unseres Bundes. Land, Volk und Arbeit bedeuten uns wesentliche Elemente unserer Lebensgestaltung, aber sic dienen uns doch nur als Mittel für unsere geschichtlich-religiöse Aufgabe. In der Er- Ziehung wird es daher vor allem darauf ankommen, die jüdisehen Werte der Vergangenheit in den Mittelpunkt zu stellen und persönliche Fordeningen an jeden Einzelnen zu stellen, die die Vertiefung im Lernen, im Tun und die Sinnerfassung des Jüdischen betreffen. Gerade weil die Gefahr der Veräußerfichung und Verselbständigung der nationalen Werte gegeben ist und unser Bund erhöhte Aufgaben nach außen hin hat, wird es geboten sein, die erzieherischen Aufgaben im G e - samtbunde stärker als es bisher geschehen ist, zur Geltung zu bringen. Erst dann werden wir fähig sein, wirklich fruchtbringend an den Aufgaben der Gemeinschaft mitzuarbeiten. In Verbindung damit sollen unsere Menschen zu einem arbeitenden Leben in Gemeinschaffssiedlungen erzogen werden. Der Bund ist keine politische Bewegung; er hat aber ein festumrissenes Ziel, die Erziehung zur Ein- Ordnung in die religiös-zionistische Arbeiterschaft Palästinas. Außerdem wird es eine wesentliche Aufgabe der Aelterenschaft sein, im Sinne des Thora wa Awoda-Programms in den ihm nahestehenden Organisafionen, dem unabhängigen deutschen Misrachi und der 2. V. f. D. sowie in den Jüdischen Gemeinden politisch zu wirken. Der Bund hat heute, da soviele neue Menschen zu uns stoßen und die Gefahr besteht, daß viele, auch orthodoxe Menschen hinübergehen, ohne wirklich umzulernen und sich auf ihre Aufgabe im Lande vorzubereiten, eine erhöhte Bedeutung. Er wird versuchen, trotz dem dauernden Weggange von Menschen ihr gerecht zu werden. Nachbemerkung: ln diesem Artikel wird nur die Entwicklung des einen Teils der gesetzestreuen Jugend dargestellt, der — bisher im Esra organisiert — seinen Weg zur gemeinsamen religiös-zionistischen Arbeit gefunden hat. Diese Ausführungen bedeuten noch nicht die endgültige Formulierung unseres ideologischen Programms, sie sind aber richtunggebend für die praktische Arbeit des Gesamtbundes. Auf Wache Von Dr. Kurt Wiftkowskv, Kinderdorf Schefeja. Unser Alltag ist arbeitsreich, schwer, aber friedlich. Das Kinderdorf mit seinen Hausern und Ställen, mit Schule und Hof, die Kolonie, die Berge und Täler, dis alles ist uns selbstverständlicher, sicherer Besitz, das ist unsere tägliche Welt, in der wir leben. Bis wir plötzlich aus dieser Sicherheit herausg־rissen werden. Versammlung aller Mitarbeiter. ״Es ist unruhig im Lande.“ Die älteren Palästinenser wissen Bescheid. Sie haben die Unruhen von 1929 in Erinnerung. Wir Neuen versichen sofort: hier gilt es, etwas festzuhallen, unser Dorf, die Kolonie, den Boden, die Menschen. Wer hat uns das gesagt? Vielleicht der ernste Blick der anderen, vielleicht jahrelange : ionistische Schulung, vielleicht der Verstand, vielleicht das Gefühl, vielleicht auch nur das einfache, tägliche, sinnliche Wahrnehmen der greifbaren Wirklichkeit: Boden, Häuser, Menschen. In diesem Augenblick sind wir viel einfacher, ungebrochener, naiver, als wir es je in der Gaiuth waren. W׳ir ״denken“ gar nicht. Erst nach Tagen vergleichen wir mit früheren Erlebnissen, die ja schon so weit hinter uns liegen. Damals ging es um die Position, um die Existenz, auch um Ehre und Recht. Heute geht es um das Leben, das alles in sich schließt, B-rot und Wasser, Blut und Gott. Wir denken nicht. Wir sehen, hören und — handeln. Wir beschließen, in der Nacht zu wachen. Dreistündiger Schichtwechsel. Je zwei Mann auf der Tenne, von wo man das Tal überblickt, das zwischen Sichron Jaakob und Schefeja liegt, und auf •dem Berg, von dem aus man nach Norden und Osten sJicn kann. Auf der Terrasse des Hauptgebäudes werden Betten au lg;stellt. In diesen Tagen ist die ganze Nacht über Telephonverbind’ng i־n Lande. Seit 1929 hat die kleinste Kwuzah Telephen. Alle halbe Stunde müssen wir der Polizei in Sichron jaakob Meldung erstatten. Den Kindern, heißt es, sollen wir die Wahrheit sagen, aber nicht mehr. Schon tauchen unsinnige Gerüchte auf. Die einzige einigermaßen zuversichtliche Quelle ist die Zeitung, die die Ereignisse des vorhergehenden Tages bis in alle Einzelheiten bringt. Was heute geschieht, hört dieser oder jener. Woher? Das ist kaum festzustellen. Die Wächter, die natürlich ihre Tagesarbeit fortsetzen müssen, schlafen schon um 8 Uhr, oder vielmehr, sie versuchen zu schlafen. Immer wieder stören unvernünftige, neugierige Kinder. Und die Sandlliegen sehen auch nicht ein, warum sic gerade heute ihre Beute ungeschoren lassen sollen. Um 9 Uhr läutet es zum Schlafengehen. Hinter uns liegt der Schlafsaal der Jungen. Fünf Minuten nach 9 Uhr kommen sie alle in Hemden und barfuß angeschlichen, tapsen von Bett zu Bett, flüstern die Namen der Wächter. Es war eine sehr friedliche Nachtwache. Um 11 Uhr sind wir vier dran. Wir springen sofort auf. Ich binde Kragen und Schlips um. Die anderen meinen zwar, in Erez Israel müsse man ohne Krawatte wachen. Ich will aber als gentleman sterben, was sie schließlich verstehen. Wir bekommen eine Tasse Kaffee, Tomaten und Eier. Vor dem Hause stehen die Frauen, die unsere Gewehre und Patronentaschen bewundern. (Den abgelegenen jüdischen Kolonien hat die Regierung seif 1929 Waffen zur Verfügung gestellt.) Wir gehen zur Tenne. Es ist Vollmond. Dazu ein Chamsiniag. Am Tage war es fürchterlich, vormittags stickig-heiS ohne einen Luftzug, nachmittags trockener Ost-, d. h. Wüstenwind. Jetzt ist es angenehm warm, so daß wir den größeren Teil unserer Waehtzeit auf den Steinen oben sitzen können. Rechts sehen wir nach Sichron Jaakob hinüber. Es ist fast so hell wie am Tage. Man sieht alle Konturen der Berge und Wege, nur ohne Farben. Wir sehen am Horizont die Chaussee nach Haifa, unter uns die Straße, die nach Schefeja hinaufführt. Dort erkennen wir unsern neuen Brunnen, die Wächterhüllen in den Weinfeldern, einzelne Bäume am Wegrande, Links zieht sich das Tal nach Bath Schlomoh hinüber, der noch kleineren, noch abgelegeneren Kolonie. Wir sehen deutlich den Berg, den sie hier wegen seiner Fischform den ״Leviathan“ nennen. Wir sehen den arabischen Brunnen auf halbem Wege nach Bath Schlomoh. Und wir erkennen darüber hinaus die Berge, die sich zum Emek erstrecken. Auch dort wachen sie. Ob es dort auch so ruhig ist? J. P. D. bekennt sich zum Zionismus Am 8. Oktober 1933 fand in Halle die Tagung des Bundesrates des jüdischen Pfadfinderbundes für Deutschland (J.P. D.) statt. Die Besprechung fand ihren Niederschlag in folgendem Programm, das von der Führung für den gesamten Bund verfeindlich gemacht wurde. Programm des J. P. D.: Erziehungsziel des J. P. D. ist der Zofeh. Unter Zafeh versteht der Bund den jüdischen Pfadfinder, der aufbauend auf der jüdischen Gefühls- und Gedankenwelt und den sittlichen Forderungen des Scoutf~. Aufbau in seinen wirtschaftlichen und kulturellen Erscheimmgen. — Eindeutigster Ausdruck solchen Einsatzes ist Cha- Iuziuth. — Im Sinne des zionistischen Aufbaues und der Erhaltung des Gesamtjudentums kommt der Galuth-Arbeit eine erhebliche Bedeutung zu. — Der Zofeh sieht das Aufbauwerk in Erez Israel als ein einheitliches Ganzes an, demgegenüber Gruppen- und Partei-Interessen zurückzutreten haben. — Lebensaufgabe des Zofeh ist der Dienst an der jüdischen Gemeinschaft, deren Geschichte uns Sinn und Idee für die Zukunft weist. — Die Aussprache des Bundesrates gab ein geschlossenes Bild der Erziehungsaufgabe des Bundes. — Es kam eindeutig zum Ausdruck, daß der Zwiespalt zwischen dein bisherigen Bundesprogramm und der gegenwärtigen Arbeit fast aller Ortsgruppen untragbar war. Es stellte sich heraus, daß nahezu alle diejenigen, die einer zionistischen Proklamation bis vor kurzer Zeit noch skeptisch gegeniiberstanden, sich die Erkenntnisse und Forderungen des neuen Programms zueigen gemacht hatten. — Während noch vor einigen Monaten Zweifei herrschen konnten, sieht der Bund heute als einzigen Weg für die jüdische Jugend, Judentum zu leben und zu gestalten, den Weg nach Palästina an oder zumindcstens in eine Welt, die von Erez Israel aus ihre Kräfte und Wiederbelebung erhält. So stellen sich die Beschlüsse von Halle nicht als eine für jeden jugendbund unerträgliche ״Konjunkturmaßnahme“, sondern als schlüssige Fortsetzung der bisherigen Bundeslinie dar. — Aus diesem Regenerations- und Aufbau-Willen heraus, vor allem aber auch aus dein Wissen um die großen Gefahren, die der Arbeit in Palästina heute aus der Zuspitzung der Gegensätze im Lande drohen, lehnt der Bund jede Parteibindung ab. — Maßgeblich für diesen Standpunkt sind nicht zuletzt auch erzieherische Er- Wägungen: wertvolle und zum Einsatz für das gemeinsame Ziel befähigte Menschen glaubt der Bund nur bei Berücksichtigung der individuellen Voraussetzungen seiner Jungen und Mädchen erziehen zu können. Er würde diesem Grundsatz bei einer Festlegung Jugendlicher mit Hilfe eines Milieus, das von vornherein statt der Weife großer nationaler und kultureller Begriffe engeren Parteitendenzen Rechnung trägt, nicht gerecht werden können. Dies steht nicht im Widerspruch zu der Notwendigkeit, daß reife und fertige Menschen des Bundes sich innerhalb der politischen Welt des werdenden Palästina ihren Platz suchen und sich entscheiden. Im Gegenteil sieht der Bund in einer solchen Entscheidung eine zionistische Verpflichtung. Der Bund verlangt aber von seinen Chawerim, daß sie über ihre politische Auffassung niemals den Aufbau-Oedanken in seiner Realität vergessen und vor allem, daß sie aus ihrer persönlichen politischen Zielstellung in keiner Weise eine erzieherische Forderung für den Bund machen. Die Kriterien hündischer Gemeinsamkeit liegen für den J. P, D. auch in der Wirklichkeit Palästinas nicht auf parteipolitischem Gebiet. . Die vergangenen H Tage, weiterer Arbeit bewiese!», daß nur wenige kleinere Ortsgruppen der Leitung auf Grund der Hallenser Beschlüsse die Gefolgschaft versagten, sei es, daß sie selbst heute noch Bedenken gegen eine zionistische Konsequenz haben, sei es, daß sie nunmehr die Aufgabe des Bundes als_ erfüllt anseheti und sich für die Fortsetzung ihrer Arbeit in anderem Rahmen einsetzen. — Ausgeschieden sind: die Ortsgruppe Nürnberg (bereits vor der Tagung), die Ortsdorf und Halle. — Der Bund Ist sieh bewußtj dat! zu seinen ersten Aufgaben eine ehrliche Auseinandersetzung mit anderen Gruppierungen der zionistischen Jugendbünde gehört. Sollten sich daraus Möglichkeiten der Vereinheitlichung zionistischer Jugendarbeit ergeben, so wird ihm nichts ferner als Eigenbrötelei liegen. Er ist aber andererseits zu keinerlei grundsätzlicher Konzession hinsichtlich des oben wiedergegebenen Programms, bereit. Er wird die durch dieses Programm geschaffene innere Sicherheit und Aktivitätsmöglichkeit bcnutzen, um die nunmehr gegebenen großen äußeren Arbeit«- möglichkeiten voll auszuwerten. — Der J. P. D. umfaßt heute 58 Ortsgruppen mit 1950 Chawerim und Chaweroth. Die Bundesführung liegt bei Hans Steritberg. Die Anschrift des Bundes lautet: Berlin-Charlcttenburg 2, Bleibtreustr. 50,11. Wir unterhalten uns. Mein Kamerad, ein jemenitischer Jude, als Kind eingewandert, erzählt vom Jemen und von Palästina. Vor vier Jahren war er Wächter in Schefeja, hatte damals den Wachtdienst zu leiten. Zwei Monate lang waren sie in Alarmbereitschaft. Eine Zeitlang waren einige englische Soldaten in Schefeja. Sie haben gar nicht verstanden, worum es ging. Es ist auch schwer, zu begreifen: in derselben Nacht schlafen bei dem Kolonisten, der den Gewehrschrank verwaltet, vier Araber, die am nächsten Tage mit ihm aufs Feld gehen. 50 Schritt unter uns sind die Zelte der Beduinen. Man sieht das Feuer, hört ihre Stimmen (mein Kamerad hört sogar, w a s sie sprechen), ihre Hunde bellen uns an. Wir verstehen es kaum, und da soll es der englische Soldat verstehen. Eines Tages kommt er erregt angelaufen, mit schußbereitem Gewehr,!denn er hat einen Araber in das Haus eines Juden gehen sehen. ״Na, und...?“ Er versteht nicht, daß der Araber dort bloß Viehfutter geholt hat. Um t Uhr wird es zu windig zum Sitzen. Wir machen einen kleinen Spaziergang. Ueber Steine und Dornen gehen wir ins alte Schefeja hinein, über di« Trümmer des arabischen Dorfes, das seit 30 Jahren verlassen und verfallen ist. Wir erkennen Grundrisse von Häusern, Linien von Straßen und Pfaden. Wir gehen dem Tale zu und befinden uns plötzlich unterhalb der Beduinenzeite. Ein unheimliches Gefühl, den ״Feind“ zwischen uns und unserem Dorf zu haben. Und als wollten sie unser Gefühl bestätigen und bekräftigen, bellen jetzt die Hunde der Araber so stark, daß wir schleunigst in weitem Bogen wieder nach oben klettern. Inzwischen ist es 2 Uhr geworden. Wir werden abgelöst. Ein Bauer aus der Kolonie und sein Sohn sind an der Reihe. Wir gehen schlafen. Am nächsten Morgen ist alles wie immer. Die Araber kommen in die Kolonie zur Arbeit. Man spricht mit ihnen, nicht ״darüber“. Auch wir gehen an die Arbeit. Mittags lesen wir in der Zeitung von Zusammenstößen in Jaffa und Jerusalem. Und am Abend tue ich das, was mir der sephardisch« Jude in Sichron Jaakob riet, als er mir ein knallrotes Kopftuch mit goldenem Blumenmuster verkaufte: ich schreibe an meine Freunde in Europa, sie sollen herkommer, hier arbeiijen, hier leben und, wenn cs nottut, auch hier wachen.