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Jüdische Rundschau · 1933-11-17 · Heft 92 (17.11.1933) · p. Seite 825

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 92 (17.11.1933)
Date
1933-11-17
Page
Seite 825 (sequence 13)
Language
German
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Nr. 92, 17. XI. 1933 jüdische Rundschau Seite 823 Von jüdischer Jugend Das Kulturproblem der Jugend Die jüdische Jugend Deutschlands ist durch die Ereignisse der letzten Monate vor eine völlige Veränderung ihrer Lebens- Grundlagen gestellt worden. Dies gilt sowohl von ihrer be* ruf liehen Lage und den Aufgaben, die für die wirtscliaftliche Existenz eines jeden jungen Menschen gegeben sind, wie auch tür die geistige Situation in der sich die junge Generation des deutschen Judentums befindet. Die überwiegende Mehrzahl auch derjenigen jungen Juden, die heute am Ende des zweiten und dritten Lebensjahrzehnt stehen, lebte trotz der großen Erschütterungen, die das deutsche Judentum seit 15 Jahren durchgemacht hat, noch immer in einer verhältnismäßig gesicherten geistigen Lage. Man war mit den kulturellen Gütern des Deutschtums in jeder Weise verbunden und kam auch zumeist gar nicht auf den Gedanken, daß durch Eingriffe von außen die im Gefühl vorhandene kulturelle Identität zwischen dem eigenen Erleben und dem, was legitim als Deutschtum zu bezeichnen war. aufgehoben werden könnte. Die allermeisten jungen Menschen erhielten In Schule und Elternhaus ein anscheinend festes kulturellcs Fundament, das sie mit einer reichen Fülle deutscher Elemente versah. Wenn in der jüdischen Jugend trotzdem eine gewisse Ablehnung des geistigen LÄens der älteren Generation zu bemerken war, so richtete sich diese dagegen, daß in dem bürge! liehen Milieu des deutschen Judentums eine Art von k u 11 u r c 11 e r ״Bewegungslosigkeit‘1 entstanden war; es wurde gewiß an manchem und vielem Interesse genommen, und so entstand so etwas wie ein Kulturbetrieb unter den Juden, der allerdings, wie wir heute rückblickend feststellen können, nur einen losen Zusammenhang mit dem eigentliehen kulturellen Leben des deutschen Volkes besaß. Die geistig freieren Kräfte der jungen Generation fühlten instinktiv, daß bei der kulturellen Haltung der deutschen Juden nicht alles in Ordnung war, aber man drang nicht bis zu dem Punkte vor, an •welchem die eigentlichen Probleme zu finden waren, und glaubte, in einem unterschied der Generationen die Ursache der bekämpften Mißstände zu sehen. In der Tat wurde diese Auffassung dadurch noch bestärkt, daß diejenigen Gruppen der Jugend, die sich in das Erwerbsleben eingeordnet hatten und eine Existenz besaßen, sehr bald selbst dem als flach empfundenen Kulturbetrieb unterlagen. So kam es dazu, daß zwar manches an richtiger Kritik von der jüdischen Jugend in kultureller Hinsicht geübt, daß aber kein neuer Weg von ihr beschriften wurde. Hernichel, 16. 11. Das Judentum war dieser Jugend in der Hauptsache ein historischer Begriff. Es stand nicht im Mittelpunkt ihres Lebens, sondern höchstens an seiner Peripherie, für manche war es eine Angelegenheit der Feiertage, für andere auch noch nicht einmal dieses, und für fast alle mehr oder weniger eine Sache des romantischen Gefühls. Man war mit dem Erlebnisinhalt der jüdischen Vergangenheit noch irgendwie verbunden, sprach daher sehr viel von einer Synthese dieses Inhaltes mit den deutschen - Werten, empfand aber allein diese deutschen kulturellem Elemente als die wirklichen Gestalter des eigenen Lebens. Bei einigen kam vielleicht noch jüdisches Wissen hinzu, besonders bei denen, die aus dem traditionellen Judentum stammten; aber auch hier war im täglichen Leben die Gewalt der kulturellen Umweltselemente =0 stark, daß •die jüdischen Faktoren nur in einem begrenzten Umfange zur Wirkung gelangten. Es waren zahlenmäßig kleine Gruppen innerhalb der jüdischen Jugend, die schon in der Vergangenheit den kulturellen Zustand ihres Lebens als unbefriedigend empfatiden und einen neuen Weg suchten, wobei sie von der Er- Kenntnis ausgingen, daß ihre kulturellen Probleme nicht mit denen gleichzu.setz.en sind, die etwa für die gesamte jugendiich-bewegte deutsche Jugend Geltung haben, sondern daß ihre Sorgen aus einer spezifischen jüdischen Prolilematik abzuieiten sind. Es war besonders der Teil der zionistischen fugend Deutschlands, der den Weg der kontreten Verwirklichung auf dem Boden Palästinas ging und den Gedanken des Pioniertums von jeher vertreten hat, der auch auf kulturellen! Gebiete den Versuch machte, einen neuen Weg zu bahnen. Er hieß; Einordnung in die Kette <l e r jüdischen kulturellen Entwicklung durch Verbindung mit dem Leben Palästinas, durch Eingliederung in den Teil des Jüdischen Volkes, der eine lebendige hebräische Kultur besitzt. Aber diese Grunpe war stets klein. Auch die Mehrzahl der jungen Zionisten Deutschlands fand mir den Weg zu einer politischen Er- Kenntnis der Judenfrage, die natürlich auch wichtige Elemente der kulturellen Neuorientierung in sich enthielt, Im Leben des Tages war man jedoch so stark mit den Gütern verknüpft, die man bei seiner eigenen Erziehung in der Hauptsache empfangen hatte, daß eine Umgestaltung der Persönlichkeit des einzelnen Zionisten in kultureller Hinsicht nur selten gelang. Heute haben sich die Vorbedingungen für die jüdische Jugend Deutschlands grundlegend geändert. Das Elternii a u s befindet sich in überaus zahlreichen Fällen in einem Zustand wirtschaftlichen Zerfalls, der es nicht mehr möglich macht, den Kindern das an deutsch-kulturellen Elementen zu bieten, was früher möglich war und in der Tat einen gewissen Typus geformt hat. Es ist auch nicht mehr der behaglich« Ort eines bürgerlichen Geisteslebens, sondern höchstens der Platz, von dem aus eine minimale Ausstattung des Jugendlichen mit den für den Daseinskampf erforderliehen Hilfsmitteln möglich ist. Die Schule wird von der heutigen jungen Generation, soweit sie in die allgemeine deutsche Schule geht, naturgemäß mit anderen Augen betrachtet als «s früher der Fall war. Die den Juden gegenüber eingetretene Distanzierung muß zu einet kritischen Haitung unserer Jugend den ihr übermittelten kulturellen Eiementen gegenüber führen und sie hier in einer ganz anderen Weise als Bausteine der eigenen Persönlichkeit auswerten lassen als bisher. Daß eine positiv-jüdische Schule neuartig gestaltend wirkt, liegt auf der Hand. Ein sehr großer Teil der jüdischen Jugend trägt sich mit Plänen der Aus wanilerung, sei es nach Palästina oder nach anderen Ländern und steht schon dadurch allen Kulturfragen mit neuen Gesichtspunkten gegenüber. Das Bewußtsein von der Notwendigkeit des Ueberganges zur manueller! Arbeit schließlich bringt den jungen Menschen in ein arideres Verhiiltnis zu geistigen Werten, die ihm nun in ihrer Verbindung mit der produktiven Arbeit gegenübertreten. Er weiß, dah die neuen Tatsachen, die auf ihn einstünnen, nicht zuletzt durch sein Judesein zu erklären sind, und er empfindet daher, daß sein Wesen nicht allein durch die Elemente der deutsehen Kultur geformt wird, die er als Besitz, in sich trägt, sondern daß er aus sich heraus etwas Neues entwickeln muß, will er eine geschlossene Persönlichkeit werden. So ist es dazu gekommen, daß in der jüdischen Jugend Deutschlands eine starke Bewegung kultureller Art zu spüren ist, die nach einer Neufundierung strebt. Judentum war früher für viele ein blasses Bekenntnis. Judentum ist heute für die meisten zu einem starken Be- Kenntnis zur eigenen Art geworden, zu einem Streben nach neuen Lehensgrundlagen. Aber man empfindet, daß Bekenntnisse allein heute nicht mehr g e n ü - en. So wichtig sie und die ihnen zugrunde liegenden Erenntnisse auch sind, so sehr drängt es die junge Generation danach, im eigenen Leben das Erkannte zu verwirklichen,!dies gilt ebensosehr von den äußeren, materiellen Bcdingimgen des jüdischen Lebens wie von dem kulturellen Aufbau, der für das ganze deutsche Judentum notwendig ist. Es taucht die Frage auf, in welcher Richtung sich das kulturelle Leben der jungen Generation entwickeln soll, welche Bedeutung die Verbindung mit produktiver Arbeit in dieser Hinsicht besitzt, wie jüdische Schule und jüdischc Gemeinde der Jugend zu dienen haben, um ihr eine neue Basis geistigen Lebens zu geben, welche Bedeutung für den Einzelnen und für die Gesamtheit in kultureller Hinsicht in der Auswanderung liegt und wie das neue jüdische!.eben in Erez Israel auf die kulturell« Gestaltung des Lebens hier in der Galutli ziirückwirken wird. Es ist gefährlich, auf diesem Gebiete mit Formeln zu arbeiten. Das Leben selbst muß die Entwicklung gestalten, das von den Menschen aus der jungen jüdischen Generation geführt wird, und über das sie auch zu sprechen vermögen. Unsere Aufgabe ist es, der Stimme der jüdischen Jugend Geltung zu verschaffen, damit aus dem Zusammenklang der Meinungen und Bestrebungen ein positiver Weg sichtbar wird. u. oe. Der Wille der Uebergangsgeneration Von Georg Pape (״Hechaluz“). Man spricht in der letzten Zeit vielfach von dem Kulturproblein des j u n g e n d c n t s c h e n J u d c 11. Allerdings nimmt man sich nur selten die Mühe, die spezifischen kulturellen Bedürfnisse und Möglichkeiten des jungen deutsehen Juden zu begreifen; man untersucht die kulturelle Situation der deutschen Juden ganz allgemein, konstatiert sein Kulturproblcm und überträgt es ohne große Abwand- 1(111g־ auf die jüdische Jugend. Oder aber man tut das Gegenteil; man zerreißt den Zusammenhang zwischen dem Kulturproblem der alten und dem der jungen auf Palästina hin orientierten Generation; dieser ״steht es wohl an, mit den Schulbüchern die Sorge für die deutsche oder irgendeine Kultur in die Ecke zu werfen und sich unbedenklich der neuen Lebensweise hinzugeben“ — sie gibt damit aber jeden Zusammenhang mit dem eigentlichen Kulturproblcm des deutsehen Juden auf. Beide Betrachtungsweisen sind falsch und gehen an der eigentlichen Frage vorbei. Das Kulturproblcm des jungen deutschen Juden läßt sich weder durch völlige Gleichsetzung mit dem allgemeinen jüdischen Kulturproblen! noch durch seine Losreiihmg von ihm begreifen. Es kann überhaupt nicht begriffen werden, wenn man es aus der Perspektive der alten Generation verstehen und mit ihren Mitteln lösen will; wenn man nicht der Jugend einen eigenen, ihren Ausgangspunkt ziibüligt. Zunächst muß folgendes klar sein: wir reden liier nicht von dem Kulturproblem des jungen Juden in Deutschland, sondern von dem Kt! Iturprohfcm des jungen Juden Deutschlands. Denn keiner von 1ms kann versichern, daß der junge Jude Deutschlands morgen noch in!deutschland sein wird und daß daher die Befriedigung seiner kulturellen Bedürfnisse mit seinem Sein in Deutschland verbunden sein wird und nicht vielmehr in einem anderen Lande, z.B. in Palästina, vor sich wird gehen müssen. Kultur läßt sich nur aus den gesellschaftlichen Zusatnmenhängen heraus begreifen. Gesellschaftliche Bedingungen setzen sich!lieht geradlinig in kulturelles Bewußtsein um; dazu sind die Beziehungen allzu sehr verflochten, jedoch, wird mau niemals das kulturell« Ringen einer Mensclrcngrtrppe tiefer verstehen und wird immer an der Oberfläche bleiben, wenn man nicht ihre wirtschaftliche und gesellschaftliche Realität betrachtet. Die gei stcsgeschichtliche Entwicklung Deutschlands in! letzten Jahrhundert brachte cs dazu, daß man vielfach den inneren Zusammenhang zwischen Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur übersah. Das war mit ein Grund dafür, daß die Jugend immer dagegen rebellierte, niemals in der offiziellen Kultur der Bücher und Zeitschriften ihren Ausdruck sah, obwohl diese t;n Namen der Jugend zu spredien ־׳ י• יinten. Der ,,noütische Mensch“, lange Zeit von einer htrnai istisch eingestellten Welt nicht geliebt, ist hervorgebrociicn u;1d 11:1t sich seinen Platz erkämpft. Es ist kein Zufall, daß cs in allen Völkern die jugend ist, die den Mut hat, der vorhandenen Realität auch Ausdruck zu geben. Das braucht keineswegs g e g e 11 d i e Wissenschaft aus- Zuschlägen. Wenn dennoch vielfach eine -- zweifellos falsche und zu bekämpfende — Skepsis an der Wissenschaft herrscht, so ist das nicht zu.m geringslen Teile auf das Scbnldkonta der Wissenschaft de; letzten Jahrhunderts zu buchen. Das deutsche Judentum, das ja in jeder Beziehung ein überspitzter Exponent des Geiste» des vorigen Jahrhujiderts war und diesen Geist auch in eine schon ganz andersgeartete Zeit hineinzutragen versuchte, hat schon lange den Kontakt mit dem größten Teile der j ii dischen Jugend verloren. Doch auch der deutsch« Zionismus ist nicht an dieser Gefahr vorbeigekominen. Audi er hat die verstandesmäßige Abstraktion der Realität oft der Realität vorgezogen. Daher hat sich auch die jüdische Jugend, die von ihren ganz einfachen Wirklidikeitshedingungen ausging und nach einer neuen l.ebenswirklicbkeit strebte und der die Probleme der Berteluing zur Arbeit und zur N:1tur, die Probleme des Alltags eines Gemeinschaftslebens zu ihren Lebensproblemen wurden — daher hat sich die chnluzische Jugend im deutschen Zionismus isoliert gefühlt, ln der letzten Zeit ist vieles anders geworden. Die wirtschaftliche und politische Realität der Juden in Deutschland ist so brennend geworden, das reale Palästina ist so stark in den Vordergrund getreten, daß man der Realität eine größere Beachtung zuwenden mußte. Und dennoch fühlen wir uns auch heute noch isoliert; nur wenige kennen das Streben der Jugend nach neuen Gesellschafts-, nach neuen Kulturformen, — doch nur dann, wenn man in diese Wirklichkeit der jüdischen Jugend Deutschlands eindringt, wird man auch ihr Kulturproblcm verstellen. Wie sieht diese Wirklichkeit aus? Wie ist die Lage der jüdischen Jugend? Der weitaus größte Teil der jüdischen Jugend glaubt nicht mehr an seine Zukunft in Deutschland, Er sieht nicht die Basis, auf der ein Leben errichtet werden kann. Der Hechaluz, i!n Februar 1933 noch eine Gruppe von 500 Mensehen, zählt heute schon etwa 12 003 Mitglieder, — und di« Bewegung wächst von Tag zu Tag. Die Menschen, die heut« in die Reihen des Hechaluz strömen, kommen nicht aus chemals zionistischen Kreisen. Es sind meist Menschen, die bisher nicht nur zionistischem, sondern überhaupt jüdischem Wollen indifferent gegenübergestanden haben, für die der Eintritt in den Hechaluz gleichzeitig den Eintritt in bewußtes Judentum bedeutet. Längst ist der Einfluß des Hechaluz nicht auf bestimmte, eng abgezirkelt« Kreise begrenzt; er zieht sich durch das ganze deutsche Judentum hin. Die Zahl 12000 ist erst dann recht zu verstehen, wenn man weiß, was alles mit dieser! 12 00) Menschen verbunden ist. Das Alter der Mitglieder des Hechahu bewegt sich zwischen 18 und 35 Jahren; der weitaus grüßte Teil jedoch gehört den unteren Altersstufen an. Hinter dem Hechahu steht eine nach Tausenden zählende Jugendbewegung, und es ist klar, daß auch über sie hinaus eine so starke, organisierte Kraft wie die des Hechaluz eine große Peripherie hat, bis weit hinein in die Kreise der älteren Generation. Haben wir das Recht, von der chaiuzischen Jugend als der jüdischen Jugend Deutschlands zu sprechen? Wir haben es dann, wenn vir nicht statisch, sondern dynamisch denken, wenn wir unsere Fragen nicht unter der Perspektive des Augenblicks, sondern unter der Perspektive der Entwicklung sehen. Daher haben wir auch das Recht, in der Problematik der c 11 a I 11 z i s c h c n J u g e n d die Problematik der jüdische!1 J u g c n d z u s e 11 c 11, — die eine 11 e m p f i 11 d c ri sie sch o 11 11 e Ute, die ü b r ׳ g c n w erden sie m o r g e 11 e m p f i 11 d c 11. ihr W i r t se h a f t s p r o!1 I e 111 ist der chaiuzischen Jugcrnl völlig klar. Es lautet, auf eine Form«! gebracht: wie erreiche ich cs am besten, leichtesten und schnellsten, mich in Palästina als Arbeiter ein/!!ordnen? Alle anderen Fragen, Hachscharah und Zertiliknteerlnngung, sind eigentlich nur Vorfragen diese; Hauptproblems. Das Kulturproblcm liegt nicht so einfach. Das ergibt sich aus dem Wesen der Kultur, aus dem Wesen der geistigen Existenz im Verhältnis zur wirtschaftlichen Existenz. Ebenso wenig wie man sich auf kulturellem Gebiete so leicht ein neues Leben, eine neue Begriffs- und Empfinduugswelt aufbauen kann, wie man auf wirtschaftlichem Gebiete eine neue Stelle antritt, ebenso wenig kann man mit einem Federstrich alle geistigen Brucken zu einer bis dahin gelebten Kultur ahbredum. Das kompliziert das Kulturproblem der jüdischen Jugend Deutschlands, ließ sich ihr Wirtschaftsproblem leicht auf eine Formel bringen, so ist es auf kulturellem Gebiete nicht so einfach. Und dennoch müssen wir es versuchen: wie erreiche ich es am besten, mich in die neu entstehende hebräische V o 1 k s k u 11 u r P a - 1 ä s t i n a s heimatlich ein zu finden, ich, der ich in deutscher Sprache, in deutschem Geiste aufgewachsen bin u!1 d g e 1 e h r t wurde, mich in ihm heimisch zu fühlen? Dies ist das Hauptproblem auf kulturellem Gebiete; auch hier sind alles andere nur Vor- und Nebcnfragen. — Das Problem soll uns noch klarer werden. Das Wesen des Zionismus bestellt darin, aus der Erkentrtiiis einer unbefriedigenden Realität — der Goiah —< heraus einer neuen Realität — dem aufgebauten Erez Israel — zuzustreben. Die Größe des Zionismus und seine historische Aufgabe werden uns am klarsten aus dem Kontrast zwischen diesen beiden Realitäten bewußt. In diesem Sinne ist der Zionismus eine große Vermittlungsbewcguag; er vermittelt zwischen zwei Polen, einer vorhandenen und einer erstrebten Wirklichkeit. Je weiter sich das jüdische Volk oder eine möglichst große Summe von Individuen dem Pol der erstrebten Wirklichkeit genähert hat, desto weiter ist der Zionismus in seiner Verwirklichung gelangt. Hieraus ergehen sich auch die Forderungen der allgemeinen zionistischen Erziehung — sowohl im wirtschaftlichen als auch im kulturellen Bereiche. Hieraus erwächst auch in all ihrer — menschlichen und historischen — Größe die Aufgabe des Clialuz, der in seiner Person den ganzen weiten Sprung von dem einen Pol zum anderen tlurchztifuhren sich bestrebt. Der Kontrast zwischen dem Erstrebten und dem Vorhandenen wird uns auch das Kulturproblem des jungen Juden Deutschlands erhellen. Ziel ist: Junge jüdische ,Menschen auf palästinensischem Boden, verankert in der lieliräisehen Sprache, aufgewachscii in der hebräischen Literatur, in der hebräischen Dichtung und im hebräischen Lied. Hierin müsse!] sie sich kulturell ganz ausleben können; sie!missen das Gefühl haben, eine feste, unerschütterliche Basis zu besitzen und nicht zwischen verschiedenen Kulturen zerrissen dazustehen, Aber gerade um ganz zu sein, müssen sie sich voll entfalten und alles, was in ihnen ist, zum Ausdruck bringen zu können; und da sich in jedem einzelnen Juden die gesamte jüdische Volksgcschiclrte verdichtet realisiert, werden sie eine innige Beziehung zur jüdischen Kultur der Vergangenheit haben müssen, — eine Beziehung, die mehr als durch die hebräische Sprache und durch die Formen durch ihre Person selbst gegeben sein wird. Die Formen der neuen palästinensischen Kultur werden nicht mechanisch aus der Ueberlicfernng übernommen werden; sie werden aus der neuen Volksrealität erwachsen, jedoch werden sie infolge der niemals zerrissenen Aufeinanderfolge der jüdisch en Generationen und der sich hieraus ergehenden geistigen Kontinuität immer wieder an die alten Formen Anschluß suchen. Bedeutet das eine Einengung? Keineswegs. Denn je fester, eigener und bodenständiger eine Volkskultur ist, desto mehr ist sie auch imstande, Einflüsse anderer Kulturen irr sich auf/unehmen und zu verarbeiten. Wir wollen das gesamte kulturelle Schaffen der Menschheit irr uns aufnehmen; cs wird uns aber, — wenn wir gegen uns seihst ehrlieh sind, — nur dann möglich sein, wenn wir selbst erst einmal Boden unter die Füße bekommen. Das heutige Palästina ist zweifellos noch weit davon entfernt. Man sucht noch mehr, als daß man findet. Und dennoch: nur in der palästinensischen Realität wird die neue Kultur gebaren werden. Und in ihr wird der Arbeiterschaft «ine Hauntaufgabe zufallen, weil sie sieh am stärksten den individualisierendcn Tendenzen des städtischen Lebens entgegenstemmt; daraus erklärt sich die besondere kulturelle fiedeutung der kollektivistischen Arbeitersiedlungen. Wie ist dem Zielbild gegenüber die kultu* relle Wirklichkeit des jungen deutschen Jud e n? Aufgewachsen in der deutschen Kultur, erzogen durch die deutsche Schule, empfindet er Deutsch als seine Sprache, denkt er in deutschen Bildern, nimmt er seine Zitate von deutschen Dichtern her, singt er deutsche Lieder als die ihm vertrauten Melodien. Vom Jüdischen kennt er nur Aeußerlichkeiten; Hebräisch ist ihm fremd. Und trotzdem weiß er heute, wenn er es früher nicht gewußt hat, daß er hier keine volle kulturelle Heimat mehr hat. Er weiß, daß ihm nur eine Mög-

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