Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 92 (17.11.1933)
- Date
- 1933-11-17
- Page
- Seite 814 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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*V• ־1 :״ ו; ij :ן Seite 812 jüdische Rundschau Nr. 92, 17. XI. 1933 a’s Erklärung unserer aktuellen Phänomene keineswegs aus. Die Wahrheit ist, daß zwangsläufig, aus der S i t n a t i 0 n heraus, die Unterschiede zwischen den An- 11a 11:'.am der einzelnen jüdischen Parteien immer geringer weiden. Die Praxis liegt für alle in derselben Idcc'.tmg. Denn unabhängig von der politischen AnsrUmung sind die deutschen Juden ja auch Menschen von der gleichen geistigen Struktur. Sie alle haben das Jahrhundert der Assimilation hinter sich, sind erzogen worden in deutscher Ku.'tur und Bildung, verbunden mit di tri scher Landschaft und Sprache, und diese natürliche /s imi'afion ist auch durch die veränderten Verhältnisse nicht zu beseitigen. Uns allen ist es in gleicher Weise selbstverständlich, daß wir hier in Deutschland weiter im deutschen Kulturkreis leben. Aber wir Zionisten halten es für unpassend und sowohl vom deutschen als auch vom jüdischen Standpunkt verwerflich, wenn jüdische Chunpc'1 diese Verbundenheit mit dem deutschen Dasein 7!!m Thema lauter politischer Proklamat i ס n e 11 machen. Auch in dieser Hinsicht dürften wir die Zustimmung weiter Kreise des früher assimilatorisivui Lagers finden. Solche Proklamationen sind schon darmn abzulehnen, weil sie den Anschein erzeugen lemnon, als Denunziation anderer Juden gemeint .»1! sein. Wenn aus jüdischen Reihen die Empfehlung!:׳iiuiit, doch zwischen ״Deiitschjuden“ und ״Fremd- Juden“ zu diskriminieren, wobei man natürlich sich selbst als du! ״Deutsch judon“ anpreist, dürfte solcher schlauer Rat /war auf die maßgebenden deutschen Steilen wenig I indruck machen, unter jüdischem Gesichtspunkt aber sehen wir liier eine böse Bliite der jüdischen Zwieti ac!:t, um deretwillcn das Heiligtum zerstört wurde. Wir wollen bisher nicht annehmen, daß es sich b״i Vorkommnissen der letzten Zeit um überlegte Akti mm der sogenannten ״jüdisch-liberalen■“ Gruppe und ihrer Ableger, oder des Reichsbundes jüdischer Fronts׳■hinten und ähnlicher Organisationen handelt. Wir u is <■11, daß innerhalb dieser Organisationen viele Juden sind, die solche Methoden mißbilligen. Aber die l’n:eilte, die uns -־ /um Teil aus kleinen Orten — erreichen, sind besorgniserregend. Soll wirklich dies der Effekt dieser Lage des deutschen Judentums sein, daß nur Griipgeninteressen für das Verhalten maßgebend sind, oder wird man sich zu dem Bewußtsein jüdischer V e 1 an t w o r 111 n g für das Ganze aufraffen? Es ist, wie so vieles heute, eine Schicksalsfrage, aber diesmal eine Schicksalsfrage, deren Entscheidung in der Haupt- Sache von uns selbst ab hängt. Weizmann bei James MacDonald Genf, 13. November. (J. T. A.) Der vom Völkerbund ernannte Hochkommissar für Emigrantenwesen, James Mac Donald, ist in Genf eingetroffen und hat seine Tätigkeit sofort a u f g e n o inTit Fit.'MacDonald hielt zunächst eine Besprechung mit dem Generalsekretär des Völkerbundes, Avenol, ab und trat sodann mit einer Reihe von Diplomaten zwecks Vorbereitung der ersten Sitzung des Verales des Hilfswerks für die Emigranten aus Deutschlaiui in Verbindung. Die erste Sitzung des Verw :1 I t n 11 g s r a t e s wird vermutlich für den 25. Nov. nach Lausanne einberufen werden. Im Auftrag der Exekutive der Londoner H11 f s - k o!! 1 v r e 111 hat I)r. Weizmann den Hochkommissar ,V.ad tonalil besucht und mit ihm die Frage der Zusammenarheit der von der 1 iib'skmiferenz eingesetzten Organe mit dem Genfer i!uwrantenhiifswerk erörtert. Der Hochkomir; ar hat erkl :rt, gegen den Wunsch der Londoner i I1li-Ln1׳feren/. daß i!1 den iiun beigegebenen Verwaltungsrat des Hillswerks acht Vertreter der jüdischen Org a 11 1 - a t i 0 n e 11 berufen werden, keine Einwendungen mach 11 /u wulien. Auch erklärte sich High Commissioner .Mn■. 11c!u:1ld bereit, mit allen von der Londoner Konferenz du ie!1i1!’׳en I lilfsorganisatioiien zusammenztiarbeiten. Audi der General' ■ ekreta r ■des Völkerbundes, Avenol, siiruinte in der Unterredung, die er mit L)r. Weizmann hatte, den von diesem gemachten Vorschlägen zu. Dr. Weizmann bin:!de seine Anwesenheit in Genf, um auch mit dem Vorsitzenden der Abrüstungskonferenz, Arthur Henderso n und den noch in Genf weilenden Mitgliedern der Manda tikn!11 m i s s i o n Besprechungen über Fragen der jiidis׳,׳ben Einwanderung nach Palästina abzuhalten. Nach seiner l'nterreduiiß mit I)r. Weizmann ist High C 11:1:1;!; d .■!!er Mac! )•mahl nach Paris und London ab• gereist, um die zur Vorbereitung und Durchführung des F׳1; :־ ׳ iitenhilfswerks notwendigen Besprechungen mit 'den ׳* . .!!.׳.״enden kef;ierungsstellen abzuhalten. Soviel bisher bebekannt wurde, besteht sein Programm in großen Zügen darin, mit Hilfe bestimmter jüdischer und nichtjüdischer Persönlich- Leiten, auf die der High Commissioner rechnen zu können glaubt, und in Zusammenarbeit mit den jüdischen Or* g a n i s a t i 0 11 e n, die an der Londoner Konferenz teilcenominell haben, große Mittei für die Organisierung der Aktionen zur Wiedereingliederung der aus Deutschland Ausgewanderten in den Produktionsprozeß aufziibringen und auf eine Reihe von Staaten in der Richtung einzuwirken, daß sic eine bestimmte Zahl von Emigranten aufnehmen und ihnen Erwerbsmöglichkeiten geben. Demnächst soll in Genf oder Lausanne ein mit einem kleinen Stabe von Mitarbeitern ausgestattetes ständiges Büro des Emigranttenkommissars eröffnet werden. Die Bssischkin-Kolonie io Palästina Der Waad I. e 11 m i richtet an die Juden aller Länder den Appell, die Aktion des Keren Kajemeth Lejisrae! zur Schädling einer Palästinakolonie auf den Namen M. Ussischkins tatkräftigst zu unterstützen. Durch <)ir!:e Kolonie soll der Name des hervorragenden zionistisehen Führers und Leiters des Jüdischen Nationalfonds verewigt werden. — Der Beschluß, eine Kolonie auf den Namen 1V. ischkins zu gründen, wurde anläßlich seines 70. Geburt«- tages vom Prager Zionisten-Kongreß gefaßt ln einer Besprechung der Vertreter mehrerer jüdischer Pfadi'iiidergrtippen aus allen Teilen Palästinas wurde beschlossen, einen Landesverband der jüdischen Pfadfin• der Palästinas zu begründen. Kampf um die Einwanderung Die Aktion gegen illegale Einwanderer Jerusalem, 14. November. (J. T. A.) Die Palästinabehörde« haben begonnen, die vom Kolonieisminister im Unterhaus angekündigten Maßnahmen gegen illegale E 1 n w a nd erung nach Palästina mit großer Schärfe durchzuführen. Im Hafen von Haifa wurde ein besonderer Kontrolldienst durch Polizeimotorboote eingerichtet, die Hafenpatrouillen wurden vermehrt, Verstärkte Abteilungen englischer und arabischer Polizisten haben längs der Küste Razzien nach jüdischer» Einwanderern, die ohne Erlaubnis ins Land gekommen sind durchgcführt und zahlreiche Verhaftungen vorgeiiommeti. Die Regierung hat Prämien für die Ergreifung illegal Eingewanderter ausgesetzt. An der Nordgrenze Palästinas wurde die Kette der (ircnzwachabteilungen verdichtet. Bei der Palikontrolle werden ausschließlich die Pässe jüdischer Reisender kontrolliert. An der syrisch-paiüstinersiseben Grenzstation Rasel-Nakura halten englische und arabische Polizisten alle aus Syrien kommenden Autobusse und Privatautos an und fragen die Chauffeure, ob sich Juden unter den Passagieren befinden. Bei der Paßkontrolle werden die Reisenden nach dem Religionsbekenntnis befragt. Aus A k k 0 wurden Poüzeiabteilungen an die Nordgrenze abkommandiert, um ein Durchschmuggeln jüdischer Reisender abseits der Straßen 7.u verhindern. Aus Deraa (Syrien) wird berichtet ,daß dort eine Bespiechung des französischen Beraters der Gendarmerie und des üendarmeriekommandanten mit palästinensischen Zollbeamten zwecks Erzielung eines gemeinsamen Vorgehens gegen illegale jüdische Einwanderung aus Syrien nach Palästina stattgefuinlen hat. Die Behörden von Lihanon beabsichtigen, die Wachen an der Grenze gegen Palästina zu verstärken. Auch andere Maßnahmen zur Einschränkung jüdischer Einwanderung sind bereits im Gange. Zunächst wurde beschlossen, je Schiff nicht mehr als 250 E i n w a 11 d e - rer an Land gehen zu lassen. Diese Maßnahme trägt vorläufig nur zeitweiligen Charakter. * Wenn die vorstehenden Schilderungen zutreffen, dann darf man wohl anncltmen, daß die Leitung der Jcwislt Agency bereits m i t a 11 e r E!11 s e h i e d e n h e i 4 d i e n o t w e n d i g e n Vorstellungen bei der Regierung erhoben hat. Es entstellt der unliebsame Eindruck, daß die Palästinaregierung als F o 1 g e d e r arabischen Demonstrationen eine in die Augen fallende sichtbare Aktion führen wollte, um dadurch zu dokumentieren, daß sie eine ungehemmte Judcneinwanderung nicht zuläßt. Dabei wird wohl damit gereehnet, daß die breiten Massen der Araber keine genaue Unterschei* düng zwischen legaler und Illegaler E i n w a 11d erung machen, so daß die Vorkehrungen der Regierung schlechthin als Bekämpfung der jüdischen Einwanderung erscheinen sollen Dies schaffte jedoch ein sehr gefährliches Präjudiz, zumal ja die Regierung auch der legalen Ein- Wanderung Schwierigkeiten macht und nicht in dem Ausmaß, wie es durch die Lage der Juden notwendig und durch die Verhältnisse in Palästina gerechtfertigt wäre, EinreisebcwillK gungen erteilt. Es ist zu hoffen, daß die durch die politischen Demonstrationen entstandene Erregung timt Nervosität bald wieder ruhigen Ueherlegungen weichen wird. Die englische Regierung hat erklärt, daß sie sich ihren Verpflichtungen auf Grün d 11 es Mandates bewußt ist. Es würde ein eigentümlicher Eindruck entstehen, wenn gerade in einem Moment, wo mehr als je die elementare Notwendigkeit des Jüdischen Nationalheims nicht mir für die Juden, sondern int Interesse der Milderung eines die ganze Welt betreffenden schweren Problems offenbar geworden ist, die Verwalterin des Palästinamandates ihre Verpflichtung gegenüber den Juden einschränkend interpretieren wollte. Wauchope an die Araber Jerusalem, 15. November. (J. T. A.) Die Palästina- Regierung veröffentlicht in einem ausführlichen Communiquö das Gespräch, das High Commissioner Sir Arthur Wauchope mit sechs arabischen Bürgern) eisteril führte, die Beschwerden im Zusammenhang mit den jüngsten Ereignissen in Palästina vorbrachten. Der Bürgermeister von Jerusalem, N a s h as h i b i, behauptete, daß unter der jüdischen Bevölkerung Not und Arbeitslosigkeit herrsche, und daß häufig die Erlaubnis zur Einwanderung innerhalb der Kategorie A dadurch erlangt werde, daß ein Jude dem anderen die notwendige Summe vor! lüOit Pfund überträgt. N a s h a s I» i b 1 verlangte, daß 1 * . ,ן - יי י־ V»,i. M * יj M U t V 1 ,« ״m « M <1 H II VI V u •' > eiiistelle. Nachdem noch die Bürgermeister von Nablus Haifa und Ramleh ihre Wünsche und Forderungen vorgebracht hatten, gab der High Commissioner die Maßnahmen bekannt, die die Palästina-Regierung angesichts der äugenblickliehen t.age ergreifen wolle. Er wies daraut hin, daß die allmähliche Entfernung illegal ein ge wand erter Personen bereits durchgefülirt werde. Er gab zu, daß ״eine unerlaubte Niederlassung einer großen Zahl von Juden, die Touristenvisa hatten“, stattgefunden habe. Zu den neuen Maßnahmen, die die Regierung zwecks Unterbindung der Illegalen Einwanderung vorgesehen habe, gehörten Deportierung unrechtmäßig im Lande sich aufhalterader Personen, ihre Bestrafung mit Geld- und Gefängnisstrafen, Beschlagnahme der 60 Pfund, die zur Erlangung von Touristenvisen hinterlegt werden müssen, Zwang nur Vorweisung eines Rückreisebilletts beim Betreten des Landes, Einschränkung der Zulassung von Passagieren 3. und 4. Klasse aus Europa und Amerika in den Häfen Jaffa und Haifa, Ablehnung der Erteilung von Visen auf Nansen- und andere Interimspäste, Einsetzung eines besonderen Beamten- Stabs zur Bekämpfung der Illegalen Einwanderung und Ein Schränkung der Einwanderung von ״Kapitalisten“ auf die Zulassung solcher Personen, die sich durch Bescheinigengen bestimmter als verläßlich anerkannter Bankinstitute über den Besitz des geforderten Mindcstkapitals ausweisen kör, nen. Was die arabischen Beschwerden betreffend das Vorgehen der Polizei bei den letzten Unruhen anlange, so werde eine Untersuchungskommission unter dem Vorsitz von Sir William Murrison eingesetzt werden, die die Frage eines etwaigen Verschuldens von Polizeiorganen prilien soll. Die Stellung der arabischen Exekutive Jerusalem, 15. November. (J, T. A.) Die arabische Zeitung ״Felestin“ veröffentlicht ein Interview mit dem wegen Teilnahme an den Jaffaer Exzessen verurteilten 111ו!| gegen Kaution auf freien Fuß gesetzten Mitglied der Ara■ bischen Exekutive D s c fi e m a I e 1 H u s s e i n i, in dem dieser Mitteilungen über die nächsten Absichten der paliisti• nensisch-arabisclie Führer macht. Die Arabische Exekutive, erklärte Dschemal, wird über einen Plan zur Fort■ füll rung ihres Kampfes gegen jüdische Einwanderung beraten. Die Einstellung des Streiks ist nicht auf die Absicht zur Versöhnung• oder auf Schwäche zurfickzuführen, sondern sollte lediglich eine Kampfpause einleiten, um dem High Com• missioiier die Möglichkeit zu geben, die an ihn gelangten Petitionen zu prüfen. Zum Schluß stellt Dschemal die Forderung nach Boykott der Juden und ihrer Produkte durch alle Mohammedaner und eingeborenen Christin auf; durch einen solchen Boykott werde dem Kampf um Einstellung der jüdischen Einwanderung größerer Nachdruck verliehen werden. Die Arabische Exekutive will dcmnäclmt eine Beratung betreffend die Veranstaltung neuer Kundgebuugen abhallen. Die Leitung der Jstiklalparfej hat in ihrer letzten Sitzung beschlossen, angesichts der augenblicklichen Lage die Politik der Arabischen Exekutive zu stützen und an der Vorbereitung des Berichtes, den die Exekutive dem Völkerbund erstatten will, mitzuarbeiten. Außerdem sammelt die Partei Material für eine Klage gegen die Palästina-Rcgierung vpr. dem internationalen .Schiedsgerichtshof im Haag. Auf der Reise nach Amman und Bagdad hielt sich Exkönig Ali von Hedschas kurze Zeit in Jaffa und in Haifa auf. ln Jaffa empfing er eine Abordnung arabischer Füllrer, denen er Mitteilungen über seine Tätigkeit in Europa machte, in Haifa den Distriktskommissar Edward Keith Roacli. den mohammedanischen Bürgermeister Hassan Shukeir! un,l einige mohammedanische Notabein. Beratung de! Waad Leumi Jerusalem, 15, November. (J.T.A.) Auf der letzten unter dem Vorsitz von I. Ben Zwi abgehaltenen Sitzung de< J iidischen Nationalrats Palästinas (VEaadLeutni) wurde beschlossen, eine aus neun bis zehn Personen bestehende politische Kommission cinzusetzen, in der di, Exekutive des Nationalrats und die verschiedenen Gruppen ibs Jischmv vertreten sein sollen. Diese Kommission soll 01K Fragen zu behandeln haben, die sich aus der momentanen politischen Situation ergeben, In der Versammlung besprach Ben ,Zwi die Herabsetzung der Einwander ungsquot c. die strengen Maßnahmen gegen Touristeneinwanderung um! die wirtschaftliche l.age( in die der Jischuw durch die Ver• niinderting der Arbeiferemwanderung geraten muß. — Schließlieh kamen noch Fragen des Unterriclitsbudgets zur Verhandlung. Es wurde beschlossen, eine Anleihe von 30 001 Pfund zur Liquidierung der Schulden des Schulwerks auf/«- nehmen und eine dreigliedrige Kommission zur Behandlung der Schulfrage*! einzusetzen. Auswanderungsmöglidikeiien iör Intellektuelle? In der englischen Monatsschrift ״Contemporary Reyiew“ veröffentlicht der Abg. Robert Bernays einen in mancher Hinsicht bemerkenswerter! Aufsatz über ״Die Nazis und die Juden“. Wir sehen hier von den Anklagen, die der Verfasser gegen den deutschen Antisemitismus erheb♦, ebenso ab wie von seiner Kritik am Betragen der deutschen Juden in der Nachkriegszeit, denen er vor allem Taktlosigkeit, Verständiiislosigkeit für die Empfindungen der Massen, Protzerei Und gegenseitiges Protegieren vorVirft, — bei aller Auerkennting ihrer sonstigen großen Qualitäten. (Seine Schilderung der Lage enthält übrigens, wie die meisten derartigen Aut- Sätze, einzelne grobe Irrtiimer, z. B, über die Zahl der Nichtaricr, die er zwischen zwei und vier Millionen sucht, während sie in Wahrheit, wie in der ״Jüdischen Rundschau“ mehrfach nachgewiesen, nur etwa dreiviertel Millionen betragen dürfte.) Von Bedeutung aber ist der Schluß des Aufsatzes. Bernays schildert die bis zur Unerträglichkeit erschwerte seelische und wirtschaftliche Lage der deutschen Juden und fragt nach den Zukunftsmöglichkeiten. Die antisemitische Propaganda habe in der nationalsozialistischen Bewegung leibst einen Judenhaß hervorgerufen, der sich jeder Argumentation verschließe; die katholischen Volksteile und die Arbeiterschaft (?) seien allerdings yon diesem Haß bisher noch kaum erfaßt. Jedenfalls sei aber die Lage so, daß weder der jüdischen Jugend noch denen, die in der letzten Zeit aus ihrem Beruf geworfen worden seien, irgendwelche Erwerbsmöglichkeiten offenständen, Diese Lage werde sich noch verschlechtern. wenn viele Juden ihre Ersparnisse, von denen sie jetzt zehrten, aufgebraucht hätten. Dadurch entstehe ein Problem von fntcrnationalcr Bedeutung, da* die Juden allein nicht löiqj könnten. Wie aber könne mau hellen?. ״Die. Hilfe sollte zum größten Teil die Form einer unterstützten Auswanderung (assisted cm!- gration) nach Palästina anriehmen, oder nach irgendeinem anderen Lande, das bereit wäre, sie anfzunehmen. Es gibt Landstriche jn Südwestfrankrcjch, die, durch den Krieg cnivölkert, Gelegenheit zur Ansiejlnng bieten würden. Vielleicht wäre es auch ein befriedigender Ausweg aus den Schwierig keifen des Kolcmialproblems, die alte deutsche Kolonie Tana n y i k a (O 81a f r i k a) zu einer Z u i«uc 111 ss t ä 11 e er deutschen Juden zu machen. Man sollte auch jede Anstrengung machen, den Hohen Kommissar für die Doininions zu überreden, Erleichterungen für jüdische Einwandcrung zu gewähren. Es besteht kein Zweifel, daß dadurch i hren infei lektucilen Berufen (Professional Hasses), wie Anwälten, Aerzten und vor allem Universitätsprofessoren eine notwendige Stärkung zuteil würde. Schnelles und einschneidendes Handeln tut dringend not“. Aus Deutschland steige heute ein solcher Schrei nach Hilfe empor, dal! er über alle Grenzen des Glaubens und der Rasse hinweg gehört werden müsse, — Ueber die Notwendigkeit, möglichst viele deutsche Juden in den Palästina-Aufbau ein/ugliedern, ist natürlich hier kein Wort zu verlieren; doch kann das Land sicher nicht alle Juden aufnelitnen, die zurzeit in Deutschland keine Existenzmöglichkeit sehen. Die Idee, deutsche Juden in Südfrankreich anzusicileln, ist weder neu noch leicht durchzu führen. Von größtem Interesse wäre dagegen eine genauere Prüfung der Anregungen, die Bernays bezüglich der englischen Kolonien und Dominions gibt. Wenn der Verfasser — der dazu als Unterhausmilglied besonders gut in der Lage sein sollte! — derartigen Möglichkeiten — vor allem für die Zulassung jüdischer Intellektueller in die Dominions — ernstlich nachgehen und seinen Einfluß für ihre Verwirklichung einsetzf» wollte, so wäre ihm der Dank der deutschen Juden gewiß! A, P,