Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 92 (17.11.1933)
- Date
- 1933-11-17
- Page
- Seite 813 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2651273-2653725-2653815--24384-2687331- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Budapest 1× ep/1002374
- Haifa 1× ep/1047930
- Riga 1× ep/1000826
OCR text
,1933 1840 ז! rlins c h e n. 2.70 an .BRUN avierlehrer; lorf, Rau . iWagncrO*^ in&hco leb redliche 1astik rander raOe 17II fliriff Maschine: ,, Sprache! =rledianö Z.Tel.rJl 58 Kenn >ß*r Eiyen• bildtmgs• uer 2 Mon. rüfuny. Präparate, «enger Straße 84 (US 3192 mg! Iler lorf 1804 ,rricht in! m Herltellung escklftigte. eich mm 43 sebichtan^ EIN ibtreu 1331 asce Kinder auf enbau 103 סו1^0€1כ n wird mn irk Kaution A. 7g *18, id. Men ndil. nter G 583 kestraße 10. 1dlg. r Durchfühnchenkenntan die Jüd. 10. l&stina HABER 1 un(.C619 inekestr. 10. ebracn 1«d!t a. 300000 Mk- , beste Ki« 1»* werden in* ׳Capital nach 3er zweck!!-1*• undscli•'•1 neke^traße lö 1au Kuliurprobleme der jüdischen Jugend Einzelnummer RM 0,23 JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Diens tag und Freitag, Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2- RM., vierteljährlich 5,75 RM. Bei Nichterscheinen infolge Streiks oder höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückerstattung der BezugBgebühren. — Auslandsahonncments werden in der Währung der einzelnen Lander berechnet. Anzeigenpreis: Acht «espalterteMillimeter-?eile 0,30 RM. Stellengesuche 0,15 RM. Finzel ״Anzeigen nu: gegen Vorauszahlung Redaktion, Verlag und Anzeigen -Verwaltung: Jüdische Rundschau G.m.b. H., Berlin W15, Meinekestr, 10. Telefon: J 1 Bismarck 7165-70. Anzeigen-Annahme: Montag bi« Freitag von 9 - 3 U h r. Anzeigenschluß: Dienstag - Nummer : Freitag nachmittags 3 Uhr I'osisclieck - Konti•«; Abonnements-Abt. (außer Groß-Berlin): Berlin 17392. Ahonnemems-Abt. für Berlin: Berlin 715 73. Buchverlag: Berlin 715 76, Inseraten- Abteilung: Berlin 716 18, Base! \9355 ׳, Belgrad AHO 32, Brü8״el 394 A3, Budapest 596 93, Danziß 1*973, Haag 140470, Frag 594 10, Riga 4155, Straßburg 164.30, Warschau 190708, Wien 156030- - Bank-Konten: 1 hrsdner Rank, [ )ep.. Kasse 54 Berlin, Kurfitrst4p״damm 181; Rumänische Kreditbank. Cernatm fRumiinion): Annio Falestine Co. וזי Haifa, lerusalc-m. I’״! Aviv; Fmti Pank, 'Inlhn (Kstlaml); The fewish Colonial Trust (Jtid, Kofonialbank) Ltd. Brooklunise Walbrook London F.C.4 Nummer 92 | Berlin, 17. XI. 1933 Redakiionsschluß S0nntag und Mittwoch nachmittag. י״ח כרהשין תרצ״ד I xxxvm. Jahre. Oer Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaltung einer öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. ״Baseler Programm.1‘ Jüdische Verantwort!!!! nc<estr D Es wird niclit immer ganz begriffen, daß der gegenwärtige geschichtliche Moment im Zeichen einer völligen inneren und äußeren Veränderung der Situation des Judentums steht. Wer die Ereignisse, deren Zeugen und Objekte wir sind, mit tiefer Erschütterung erlebt hat und sich bemüht, die Zusammenhänge zu durchschauen, wer die Einzigartigkeit der heutigen Lage erkannt hat und die brennende Sehnsucht des Suchens nach einem Wege aufbauender Gestaltung mitempfindet, kann sich eines tiefen Erstaunens nicht erwehren, wenn er sieht, daß eine große Zahl Juden offenbar der Ansicht sind, in einer ״vorübergehenden“ Phase zu stehen, nach deren Ablauf alles wieder mehr oder weniger in die alten Denkgewohnheiten zurückkehren wird. Demgemäß hört man auch mit Erstaunen da und dort alte ,!('orte wieder aufklingen, die man längst begraben wähnte. Acht oder zehn Monate sind eine kurze Zeit im Leben von Völkern, aber dieses Jahr 1933 war so ereignisreich, daß man Mühe hat, sich zu erinnern, daß dieses oder jenes Ereignis erst ein halbes Jahr oder so zuriiekliegt. Wenn jetzt Phrasen wieder auftauchen, die wir vor zwei oder drei Jahren ständig zu hören gewohnt waren, so scheint es uns, als ob wir Stimmen von vor hundert Jahren hörten. ,Wir haben anläßlich der deutschen Revolution im jüdischen Leben dieselbe Erfahrung gemacht wie bei früheren Revolutionen. Im ersten Augenblick ist die Vielheit der verschiedenen Richtungen wie weggcblasen. Am 1. April, dem Tag des ״gelben Flecks“, war nirgends ein würdiges Wort aus dem assimilatorischen Lager zu hören. Jetzt, nachdem die Konturen der den Juden zufallenden Position schon etwas deutlicher zu sehen sind, kommt nian wieder aus allen Ecken mit Erklärungen und Ratschlägen hervor. Der Geltungstrieb der kleinen Gruppen und Vereine regt sich. Statt daß man in der Situation, die für alle deutschen Juden in gleicher Weise etwas Neues darstellt, die vielen neue Erkenntnisse und allen neue Aufgaben brachte, zu einer großen. inneren Neuorientierung gelangt, sehen wir mit Schmerz, daß kleinliche Parteilichkeit wieder am Werke ist. Eine tiefsinnige jüdische Legende erzählt, daß wegen der Uneinigkeit der jüdischen Parteien das Heiligtum zerstört worden ist. Dieses Laster der inneren Uneinigkeit scheint auch nach der Zerstörung des Heiligtums das jüdische Volk auf seinen Wegen begleitet zu haben. Und wenn wir heute, angesichts einer in Jahrhunderten ־wurzcltiden, uns jetzt erst so recht ins Bewußtsein gelangten Zerstörung, uns zum Neuaufbau eines Heiligtums zu rüsten haben, wenn wir das von Generationen vernachiässigte Judentum aus unserm Innern hervorhoien und daraus ein Fundament unseres Seins und ein Zeltdach unserer Wanderung zu machen haben, dann müssen wir, so peinlich solche Betrachtung ist, uns diesem Feind zuwenden, der unser Werk und unser Sein bedroht: der inneren Uneinigkeit Wir halten es für •unfruchtbar, gegen andere jüdische Gruppen, die offen oder versteckt seit Wochen gegen uns arbeiten und sprechen, in Einzelheiten zu polemisieren. Wir sind überzeugt, daß die große Menge jüdischer Menschen innerlich zur Aufnahme von positiven Worten und Winken bereit sind, sich nicht viel für innerjüdische Parteistreitigkeiten interessieren, die meist von einzelnen Führergruppen gegeneinander durchgekämpft werden. Die große Masse der Juden hingegen interessiert es, wie heute Juden sich in der Welt beliaupten oder orientieren können. Der Tatbestand ist sehr einfach: die große Mehrheit der deutschen Juden haben in den letzten Jahrzehnten ihr Judentum niclit als Lebensrealität begriffen, sondern sie wollten als ״Deutsche“ unter Deutschen leben, und wenn von Konfession die Rede war, nannten sie sieh ״jüdische Deutsche“. Damit sollte die Theorie ausgedrückt sein, daß auch die Juden nach dem Zeitalter der Emanzipation völlig gleichartige Deutsche sind, gleich allen deutschen Volksgenossen, die ja auch konfessionell in Katholiken und Protestanten zerfallen, wozu als weitere konfessionelle Gruppe die Juden hinzutreten. Auf die Konstruktion hat die deutsche Welt in einer unmißverständlichen Weise reagiert. Der Jude, der sich geschämt hatte, Jude zu heißen, ist mit aller Kraft auf sein Judentum zurückgeworfen worden. Die Rassentheorie wäre wohl nicht zu dieser Wichtigkeit gelangt, wenn sie nicht als eine Hilfstheorie zur Ausstoßung des Jüdischen betrachtet worden wäre. Da zahlreiche Juden sich taufen ließen und auch die Mischehe um sich griff, war die religiöse Formel zur Bekämpfung des Jüdischen nicht mehr ausreichend. Der Jude wird daran erinnert, daß er nicht nur in bezug auf eine als belanglos erachtete ״Konfession“ (die ja gemäß I essings Parabel von den drei Ringen nur eine von mehreren gleichwertigen Einkleidungen der einen Menschhcitsrcligion war) Jude ist, sondern nach seiner menschlichen Substanz, nach Blut, Geschichte, Ursprung und Mythos. In der liberalen Aera, wo nur gewisse oberflächliche Attribute als ausschlaggebend zur Bestimmung des Volkstums palten, konnte man diese Unterschiede vergessen. Jetzt, wo eine Wiedergeburt der Romantik mit ihrer Besinnung auf geistige, historische und mythologische Imponderabilien Platz griff, war der Jude preisgegeben. Die Juden selbst waren zu träge gewesen, sich einzugestehen, daß ihre krampfhaften Assimilationsversuche andere Wirkungen gehabt, hatten, als sie erhofft hatten. Sie vermochten die B esinn ung auf ihr Judentum nicht aus eigenem Entschluß zu vollziehen. Jetzt wurde ihnen von außen der Stempel ״Jude“ aufgedrückt. Der einfache einzelne Jude, der durch die assimilatorischen Lehren irregeführt worden war und nun sehend wurde, empfand es als eine geradezu befreiende Entdeckung, daß er hierauf einfach ״Ja“ sagen konnte. Da stehen wir heute. Wir sind wieder als Juden zusammengefiihrt worden und müssen aus dieser Tatsache etwas machen. Wir haben gelernt, welch; das Judesein Verantwortung auferlegt. Dies ist das Wesentliche der neuen Erkenntnis, alles andere ist — um ein Wort Hilleis zu variieren — mir der Kommentar. Wir sehen mit Bedauern, daß ein Teil der Juden sich dieser Verantwortung entziehen will. Es ist begreiflich, daß in bedrängten Zeiten, wo die maforiellen Lebensmöglichkeiten stark zusammen geschrumpft sind, egoistische Momente stark wirken, und man müßte weltfremd sein, um Menschen in dieser Lage zu predigen, sie sollten sich nur von Idealismus leiten lassen. Aber ein es sind wir berechtigt zu fordern: in allem, was inan für sich selbst unternimmt, muß das Gefühl Jüdischer Verantwortung mit dabei sein. Die assimilatorischen Juden haben jetzt die Untersclnidüng erfunden zwischen zwei jüdischen Gruppen, den Auswandernden und den in Deutschland Bleibenden, und sic möchten gern den Zionisten die Sorg: für die Aus- Wanderung überlassen, seihst aber die jüdischen Einrichtungen in Deutschland beherrschen. Diese Zweiteilung ist grundfalsch, denn sie übersieht das einigende Moment der jüdischen Verantwortung, die auf allen lastet, auf den Hierbleibenden nicht minder als auf den Auswandernden, und die, alle jüdischen Gebiete und Lcbensäußerungen in gleicher Weise umfaßt. Die Einteilung ist aber auch rein mechanisch falsch, denn niemand kann behaupten, daß die Mehrzahl der ausgewanderten Juden ״Zionisten“ sind. Die Mehrzahl der Ausgewanderten besteht vielmehr aus typischen Figuren der Assimilation - eine nähere Analyse bleibe uns erspart. Aber sogar von den etwa ötlOÜ Juden, die nach Pal äst i na ausgewandert sind, war nur ein Teil zionistisch, während ein großer Teil aus assimilatorischen deutschen Juden bestand, die nach Palästina wie nach Siam gingen, weil sie von einer Konjunktur dort gehört hatten. Die Unterscheidung, die wir zu machen haben, ist keine geographische, sondern eine geistige. Wer nach Palästina geht, um dort schnell ein anderes Geschüft zu finden, nachdem er sein früheres verloren hat, und sich dabei um die jüdischen Zusammenhänge nicht kümmert, steht ebenso außerhalb der jüdischen Vcrantwortung wie die deutsch-jüdischen Emigranten, die in Anzeigenschluß für die Nummer vom 24. November: am 20. November, mittags 12 Uhr, (Diese Nummer muß des Bußtages wegen früher abgeschlossen werden.) Inseraten -Abteilung der ״ Jü d. Rundschau“ Pariser Hotels ihr unbekümmertes Leben fortsetzen. An i 11 n e n ist die jüdische Erschütterung spurlos v o r ü b e r gc g a n g e n. Und ebenso liegt es in Deuts c 1! 1 a n d. Trotz der schwierigen Veränderungen im Berufsleben wird die Mehrheit der deutschen Juden in Deutschland bleiben und sich im Daseinskämpf behaupten müssen. Es kommt aber darauf an, ob diese unter so plötzlichen Verändcmngen!eilenden Juden den inneren Halt und die seelische Kraft finden, um den Si in diese: Geschchens zu erfassen, um sich als Juden zu bewähren, oder ob sie wieder ln die frühere Verantwortungslosigkeit gegenüber allem Jiidisehen verfallen werden. In der Arbeit, die sich heute bietet, in diesem gänzlichen Neuaufbau, können manche um ihre Gemeinschaft sorgende Juden mehr seelische Erhebung finden als in einer mir egoistisch motivierten Auswanderung. Wir sollen gegen uns ganz ehrlich sein. Es ist veraltet, wenn man die Zustimmung zum Palästina- Programm heute als ein Kriterium für die innere Gruppierung des Judentums betrachtet. Man kann aus sehr verschiedenen Motiven selbst nach Palästina auswandern wollen lind man kann auch aus sehr verschiedeiien Motiven die Auswanderung anderer fördern. Wir haben es erlebt, daß jüdische Gemeinden für eine solche Auswanderung eintraten, weil sie hofften, daß durch Verringerung der Juden günstigere äußere Bcdingungen für Assimilation, für das unbemerkte Untertaudien der Ztinickbieibenden, und vielleicht sogar in hestimmten Berufen eine Befreiung von Konkurrenten einträten. Ebenso waren immer schon einzelne jüdische Gruppen naläsiinafreundlieli, um Emigranten von ihrer eigenen (icineimle fern/uhaltar. Gegenüber diesen Hoffp.ungen trat die Befürchtung, ein volljiklisches Lehen in Palästina würde das Judentum überhaupt kräftigen und dadurch die Assimilation erschweren, in den Hintergrund. Diese Art von Palastinafreundsrhnft vermögen wir nicht zu bejahen: sie hat nichts zu tun mit dem, was wir jüdische Verantwortung nennen. I);!gegen erleben wir tag. lieh, daß Zionisten, die sich mit Palästina verbunden fühlen, von Auswanderung a b r;11 e 11, auch naive Leute vor den zu erwartenden Liiliäuselitingeii warnen, und auch selbst in einer Zeit, wo Auswanderung mehr;11s Privileg denn als Opfer betrachtet wird, aus Verantworhing in den! Lande bleiben, wo als Jude leben schwer ist, alter eine Aufgabe zu erfüllen ist. Zionisten sind nicht Spezialisten für Palästina-Wanderung, sondern die Vorkämpfer des Gedankens einer Umwandlung der jüdischen Seele, einer Aufrichtung des jiidisehen Menschen, und darauf kommt es heute an. Wir verkennen nicht, daß nur ein Teil der Juden auswaiidem kann (und hiervon ein Teil nach Palästina); aber wo immer Juden leben, die Verantwortung liegt auf ihnen. Damit sie dies begreifen, muß eine innere U iti w ä 17 u n g des Judentums vor sich gehen. Unsere Zeit ist die Geburtsstunde des neuen Juden, und den werden wir uns nicht wieder verkrüppeln lassen! Dunkel wird das jetzt auch schon von den assirnilatorischen Kreisen erkannt. Sie sprechen von einer ״Erncticrung der jüdischen Religion“. Dies wäre etwas sehr Großes, aber was hier gemeint ist, ist etwas sehr Kleines. Religion soll der Name für ein möglichst unkontrollierbares Gebiet sein. Wir verkeimen sicher nicht die Notwendigkeit religiöser Besinnung, gerade wir haben oft darauf hingewiesen, daß diese Zeit der Prüfung auch solches Wunder bewirkt; wir wissen auch genau die Schätze unserer jüdischen Religion zu bewerten; aber wir weigern uns, anzuerkennen, daß z. B. Frontkämpfertum eine genügende Legitimation zur Verkündung der jüdischen Religion oder der religiösen Erneuerung sein soll. Hier wird mit Worten ein sträflicher Mißbrauch getrieben. Die Bestrebungen, die die assimilatorischen Gruppen vertreten, sind sehr weltlicher und sehr wenig religiöser Natur. Religion ist aber zu wichtig, um als Aushängeschild zu dienen, wo man es mit ihr nicht ernst meint. Nur die Anerkennung des volksinäßigen Zusaimneiihanges der Juden rechtfertigt ihre Betätigung in besonderen Verbänden auf Gebieten, die nichts mit Religion zu tun haben, wie Sport usw׳. Religion reicht