Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 90 (10.11.1933)
- Date
- 1933-11-10
- Page
- Seite 786 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 784 JÜDISCHE RUNDSCH AU Nr. 90, 10. XL 1933 Jüdische Kriminalstatistik Die ״Juristische Wo chcnsch rit t", das führende Organ des deutschen Jmistenstandes, bringt im Heft vom 4. Nov. 1933 die Besprechung eines Buches von Walter Pötsch ״Die jüdische Rasse i m Lichte der Straffälligkeit“, In dieser Besprechung heißt es: .,Die A u 1 >;a 1) t* n!lee I!n!;!1e5 sind: Einmal den lir.veis 7.11 fihrin!;!•!),!lati du.• S; 1־.,ut.1!1 ikei 1 des )üdi.mhcii Volki-, giößcr ist als die der Arier, dann :t'e-r;n-11־ eine Emire in der Reihe dir (er die .-ifil.vlie IDre! I״• i:;u;1״ der Juden(׳ ■jw׳r.v)1afl b.'reits von ami..;11 Soi11 ־0ז an״riuhnr'U * eninde au־ou;uller1.'' Der juristische Rezensent scheint gar keinen Anstoß daran 7u nehmen, daß .sich ein solches Buch eine ,,Aufgabe“ setzt, der jiulengegnersdiaft Argumente?11 liefern, demnach als T e n c! c!1 z s c 11 r i f t und keineswegs als Wissenschaftliehe Untersuchung anzusehen ist. Im weiteren Verlaut der Rezension heißt es: ״In der :lilm'nmimm S׳r.i 1 l.ii ligkrit ic1!־t d.1- Judrnt’im geg.-nnhf־r den einigt lieh׳■[! Ki>,!11!־־ imlm-! liiien an d ■r sj>i!ze. <',,־. nic.-seu an den j 1 i ׳׳ h t 1׳ 0 ’־ •״ 1 (,0 י j (inn1>r!1 ln'c»־i!.! der Jude Beirug 2 rirai ״o oll, K״• Nur ■v,־׳r,a־!n׳n 9 mal -o o.t. B.i.iirr־ u 20 ■i.al >> ott und Wucher 28 mal «»1'״ <־. Der Veri. widerlegt auch die He- 11.1U0:rmg vmi dem an-'.imiigi'ti!adoehen ltr״1״ohrr. 6 mal;onorr aD 111־!״!') 1111־,»!■ri dl die /.1hl der .Strafen v.־e׳־״n Leb 'rfreluiig der S.!:in־,!(!! u;10 ,־״ mal :!,ז־־־׳י wegen der vorwhrutw'idrigi'r, l)ed!e:e!n001)111 ״. d!i■ Der m־1־l von Keidr’Il. An-Neir Ne1! 1-lodt dm*!■ Wo, fr 0 di■׳, die 00׳do■110־ ■׳ Ra-.e u 1U.־r den ari־011-־!i 111־1.0-1־ und die-1• ־.viodfi an g,-gc11.1i>-־r Judeii und Negern die g־׳rmg־te W'ir kennen die Unterlagen, auf welchen diese Statistik anfgebaut ist, nicht. Jedenfalls darf man aber sagen, daß zumindest in dir-er Besprechung die Statistik nur iiiivoll• st.indig v, iolergegebeu \\ i: d. Efehlen jegliche Angaben dariibcr. wie - ich der Ante ii des jüdischen Verbrechertums hei f Vhktcii wie .Mord, Raub, i i n b r u c 11 d i c b s t a h 1 titul 00.101!;eit Uewaltdcükti'Si stellt. XX'as aber ,,/u ikwciaeii war'‘, faßt der Rezensent in folgender XX'eii-e zusammen: ,.Do i 1 d■ י, da״ m •.'■■111 D1111־־ sieh vor un-eren Augen darrirli0־1: .1 .010 1־0 ,׳:. E; 7a 1.0 1!oao 0! :1. da1,: die mdglidote ־\ua ״.׳ ־ h!1 1!!ס־, o u 1; ,! A 1! w c h r d o a j 11 d 1 1: ׳ u ni s niohr sdinell 11! ' d.,0 .0 ־:; do! .110 0,1 •: 0 ׳־!,.um. naht aus II,iß oder Wdidar. 11. ,01־. d r \״! o 1 ׳. iigdeit!a־o!1׳-. die eigene Au 1:1.'1 K.i-r z.1 1i'!.d.100.1 1;,׳ v־־r!!0:11 1 :.׳!*ig.tog zu |1e־.va!1ren. Als lieg;!1 ׳! g 0,r d,. N,׳:v. on־ ii.Noi; 1-, um das voriieg״n־ lc riuch Wir wissen nicht, ob es Los ־r - - zumal juristisch gcschulte — gibt, denen diese Beweisführung einieudnef. Aber für die huiidcrftaii?ende Juden in Deutschland, die niemals mit den Gesetzen in Konflikt kamen, ist die Schlußfolgen mg־ des Rezensenten eine schwere und unbegründete Kränkung. Intellekt und Charakter In einem zXrtikel .,Volksverbundenheit der Richter“ schreibt Dr. L ch m bc rg, Vizepräsident des Landgerichts Berlin, in der Zeitschrift .,Preußische Justiz“ von! 19. Oktober 1933 u. a. folgendes: ,,Die Verantwortung für das insbesondere im Strafprozeß festzustellende Absinken der Justiz beruhte, wie wohl allseitig bekannt, darauf, daß sich die Systemregicrung zur Erreichung ihrer parteimäßigen Ziele durch Stellenhesctztmg und Beeinflussung die Justiz dienstbar zu macheu versuchte. So kam es, daß mancher höhere Beamte unter dein Einfluß jüdischer, internationaler und pazifisftscher Geistigkeit — wobei eigene Schöngeistigkeit und Freizügigkeit mitunter mitsprachen — nicht in der Lage war, die in völkischem Sinne nachteiligen Auswirkungen seiner Arbeit zu erkennen. Mancher ließ sich auch noch von der irrigen Ansicht leiten, daß der jüdische Beamte ganz, allgemein dem Arier überlegen sei. Dabei wurde übersehen, daß dieser ..Intellekt‘•, weil rassisch begründet, vielfach durch charakterliche Mängel beeinträchtigt wurde. Aber auch der charakterlich einwandfreie Jude wurde durch eine Bevor-?iigung zum Vorspann der, wenn man auch Politik, Kunst, Literatur und Presse heran zieht, ganz, überwiegend zersetzend wirkenden jüdischen Fdcmcnte.“ .Man wird diese Vorwürfe gegen jüdische Beamte begreifen könne!!, wenn man sie als Ergebnis der politi* sehen Ablehnung der jüdischen Beamten ansieht. Wie es aber möglich sein soll, der! sachlichen Beweis für die .,charakterlichen .Mängel“;1:׳ führen, die mit dem jüdischen (nteliekt angeblich \erkunden sein sollen, ist eine bisher noch nicht beantwortete Frage. EN gal! unter den jüdischen Beamten gewiß Menschen mit schlechten Charaktereigen־ schäften und solche mit guten; in diesem Punkte unterschieden sie sieb in keiner Weise von den Angehörigen anderer (icmcinschaftcu, deren Charakterbild keine sehemansche Generalisierung vertragt. Die nichiarischen Kassenärzte Das .,Deutsche Aer/teblatt“ vom ■1. November veröffentlicht nachstehende Anordnung des Kommissars Dr. Wagner: ״Ich habe Herrn Dr. Claus (Berlin) auf seinen Wunsch von seinem Amte als mein Beauftragter für Berlin entbunden. Ich spreche Herrn Dr. Claus für die von ihm unter besonders schwierigen Verhältnissen und auf besonders schwierigem Boden in echt nationalsozialistischem Sinne geleistete Arbeit meinen herzlichen Dank aus. Gleichzeitig knüpfe ich daran die Bitte an Pg. Claus, weiterhin mitznarbeiien an den schwierigen Berliner Problemen, insbesondere an der Bereinigung des auf die Dauer uni! altbaren Zustandes, daß i:1 der Reichshauptstadt heute, nach Durchführung der gesetzlichen Bestimmungen nocli über 60 v. H. n i c h t a r i s c h c Kassenärzte tätig sind.“!diese Verlautbarung mufS in den Kreisen der jüdischen Aerzte Beunruhigung erregen. Nach der Ausschaltung zahlreicher jüdischer Aerzte aus den Krankenkassen war die Meinung verbreitet, daß nunmehr die Aktion abgeschloss e n ist und ein Dauerzustand einegetreten ist. So wurden auch die mit dieser Aktion verbundenen offiziellen Erklär!!))- gen gedeutet. Man muß jiidischerseits der Hoffnung Ausdruck geben, daß weitere Beschränkungen nicht erfolgen werden. Winterhilfe Das Wohlfahrtsamt der Berliner J ii d i s c h e n Gemeinde veröffentlicht in der neuesten Ausgabe des ,,Gemeindehiattes“ folgende Notiz: Anträge für die Winterhilfe (Winterhilfswerk des deutschen Volkes) sind laut Vcreinbarmig mit der NS.-Volkswohlfahrt bei unseren jüdischen Be/irkswohlfahrtsstelicn cinznreichen. Die Anträge werden von dort an die NS.-Voikswohlfahri weitergegeben und gemeinsarn bearbeitet. Nach Vereinbarung mit der NS,.Volkswohlfahrt (Winterhilfswerk des deutschen Volkes) bittet das Wohlfahrtsamt der Jüdischen Gemeinde Berlin, ihm Freitische für j ii - dis che Hilfsbedürftige im Rahmen des allgemeinen Winterhilfswerks aufzugeben. Konkreter Zionismus Große Teile des deutschen Judentums sind in den vergangenen Monaten zum Zionismus gestoßen. Man hat unter dem Eindruck der äußeren Ereignisse und des mit ihnen verbundeneri Erlebnisses die Richtigkeit der zionistischen Anschaumig von der Judenfragc und von dem Wege, der zu ihrer Lösung führt, erkannt. Der Zionismus ist zu der im deutschen Judentum maßgebenden Haltung geworden. Auch die Zion i s t i s c h e Organisation als solche hat diesen Wandel empfunden, da viele Tausende neuer Menschen sich in ihre Reihen eingeordnet haben. Die Beziehung gerade dieser neu in die Zionistische Organisation cingctretcnen Menschen zum Zionismus ist eine andere, als wir sie bisher vielfach in Deutschland gewohnt waren. Es herrscht eine direkte Beziehung zu Palästina vor, da der Auswanderung'drang dieser Kreise hesonders stark ist und fast jeder die Absicht liat, in mehr oder weniger kurzer Zeit nach Palästina zu gelangen. Aufbruch s- Stimmung ist es, die weite jüdische Kreise Deutschlands erfüllt und ihnen den Zionismus in erster Linie als für ihr persönliches Schicksal im Sinne der Auswanderung bedeutsam darstellt. Man muß in dieser Stunde klar sagen, daß es gefährlich ist, wenn sich in manchen zionistischen Kreisen Illusionen auf diesem Gebiete breit mach eil. Für eine Unzahl von Menschen, die nach Palästina streben und die auch gewiß heute von der Richtigkeit des zionistischen Weges zutiefst überzeugt sind, muß eine Erkenntnis Idar licraiisgestellt werden, die für frühere zionistische Generationen selbstverständlich war: Palästina ist nicht in der Art zu besiedeln, daß Juden in das Land iiinühertransporfirrt und dort ihrem Schicksal überlassen werden. Dies würde zu 11 nabs e b b a r c!1 Folgen für das Land selbst wie für die einwandernden Menschen führen. Vielmehr müssen die Juden, die nach Palästina gehen wollen, hierzu vorbereitet sein. Der Prozeß der beruflichen und sozialen Umschichtung, der ein unlöslicher Bestandteil des zionistischen Gedankengutes ist, muß bereits hier eingeleitet werden, um dann in Palästina seinen Abschluß zu finden. Vorbereitung auf das Leben im Lande kann daher den breiten Schichten des deutschen Judentums, die nach Palästina streben, keinesfalls erlassen werden. Ihre Lage mag wirtschaftlich und seelisch nodi so schwierig sein, es wäre ausgesprochen unzionistisch gehandelt, wollte man von dieser Grundforderung abschcn. Damit ist bereits gesagt, daß der Drang zur Auswanderung verbunden sein muß mit der Bereitschaft, selbst unter schwierigen Verhältnissen hier auszuharren und die Kunst des Wartens zu erlernen.!11 früheren Perioden der zionistischen Entwicklung haben Zehntausende von Chaluzim oft jahrelang unter den aiiersehwersten Bedingungen in den Ländern der Galuth ausgeharrt, obwohl ihre ökonomische Situation gewiß verhängnisvoll war; sie mußten warten, bis das Land ihnen die Tore öffnete, und sie haben durch dieses Ausharren bewiesen, daß sie ein wertvolles Element für den schweren Alltag in Palästina sind- Diese Haltung muß auch von den deutschen Juden verlangt werden, die neu in die zionistisehen Reihen gekommen sind. Wir begrüßen jeden, der unsere Arbeit verstärkt; aber wir verlangen, daß er sich in dem Sinne bewährt, wie es stets von dem Kern der zionistischen Bewegung erwartet wurde. Wer nach Palästina strebt, um dort nicht nur persönlich eine Existenz zu finden, sondern an dem großen wirtschaftlichen und kulturellen Werke der jüdischen Wiedergeburt mitzuarbeiten, gehört zu diesem Kern des Zioni sinus. Von den Gruppen im deutschen Judentum, die auch heute noch nicht auf dem Boden des Zionismus stehen, wird Palästina trotzdem begrüßt und unterstützt, weil es wichtige Funktionen bei der Erleichterung der jüdischen Massennot hat. Das, was im Osten schon seit Jahrzehnten empfunden wurde, ist heute allen Gruppen ini deutschen Judentum klar geworden. Der Zionismus selbst weiß es, welche Bedeutung er im Kampfe gegen die ökonomische Verelendung des jüdischen Volkes hat. Er bemüht sich ununterbrochen, diese seine Bedeutung noch zu erweitern und Palästina für möglichst große Teile des jüdischen Volkes zu öffnen. Man muß aber erkennen, daß diese Funktion des Zioni s'rn 11 s ihre in den Realitäten begründeten Grenzen hat. Politisch stoßen wir auf diese Grenze bei der Haltung der Mniidatarmacht gegenüber der jüdischen Einwanderung, die durch Rücksichten auf den arabischen Bevölkerungsteil Paktstinas und die allgemeinen Linien der britischen Politik bestimmt ist; wirtschaftlich ist die Grenze in der Aufnahmefähigkeit des Landes für neue Einwanderer gegeben, die wiederum sehr stark davon abhängt, wieviel Boden und Kapital die Juden im Lande besitzen. Hier liegt es zu einem erhebliehen Teile am jüdischen Volk selbst, ob es bereit ist, die öffentlichen Mittel der zionistischen Bewegung genügend zu unterstützen, um sie instand zu setzen, Voraus- Setzungen für die wirtschaftliche Rasierung der Einwanderung 7u erlassen. Schließlich ist die ,Möglichkeit der Ueberführung jüdischer Massen nach Palästina auch in dem Zustand des jüdischen Volkes begründet, das sich in einer gesellschaftlichen Verfassung befindet, die es nicht möglich!nacht, ohne einschneidende Veränderungen nach Palästina zu gehen. Wir müssen gerade gegenüber dem Lob, das Palästina heute auch von nichtzionistischer Seite erteilt wird, erkennen, daß der Zionismus keine neue Form des Territorialismus ist, der den Juden irgendwo in der Welt eine Heimat schaffen wollte, ohne damit das Ziel der grundsätzliehen Umgestaltung des jüdischen Volkslebens zu verbinden. Man muß im gegenwärtigen Augenblick betonen, daß der Zionismus unter allen Umständen eine bestimmte Haltung von de!! ihm sich zureclinendcn Menschen verlangt. Diejenigen, die sich der Zionistischen Organisation neu angeschlossen haben, müssen daher erkennen, daß Palästina gewiß im Mittelpunkt der zionistischen Bestrebungen steht und das wesentlichste Ziel der zionistischen Bestrebungen ist, daß aber daneben für jeden Zionisten die Notwendigkeit besteht, auch in der Galuth praktische A r b e i t z u leisten und dadurch an der Umgestaltung des jüdischen Volkes und seiner Vorbereitung für ein Lehen in Palästina mitzuarbeiten■ Es ist die Aufgabe der Zionistischen Organisation in den Ländern der Zerstreuung, diese Tätigkeit durchzufiiliren, und sie gibt hierbei den Juden ein neues Lebensgefühl und außerdem denjenigen, die dafür in Betracht kommen, Gelegenheit, einen Teil der erforderlichen Umstellung auf allen Lebcnsgcbicten bei sich selbst zu vollziehen. Damit wird die sofort in Angriff zu nehmende Regeneration des jüdischen Volkes zu einem nicht zu entbehrenden, durchaus gleichberechtigten Teil der Aufgaben, die j e d c r Zionist zu erfüllen hat. Das Gelingen dieser zionistischen Arbeit ist Voraussetzung für die Erweiterung der Aufnahmefähigkeit Palästinas. Nur eine starke zionistische Bewegung in allen Ländern, nur ein sich ernsthaft auf Palästina vorbereitendes jüdisches Volk werden die wirtschaftiichen und politischen Voraussetzungen dafür schaffen können, daß die Aufnahmefähigkeit des Landes gesteigert wird. Allerdings ist hierzu eine mühsame, stille Arbeit erforderlich. Proteste gegen Maßnahmen, die dem einzelnen mißfallen, weil sie ihn persönlich vielleicht benachteiligen, nützen der Gesamtheit wenig. Sie zeugen vielleicht von Temperament und gewiß auch von der großen Not, die eine Triebfeder des elementaren Palästinadranges ist, aber sie sind noch kein Zeichen voncchterzionistischerBercitschaftundHingäbe. Der Einsatz der Person für die nationale Renaissance des jüdischen Volkes muß an allen Punkten verlangt werden, an die man als Zionist gestellt ist. Bedingung für eine solche Haltung ist zweierlei: das Gefühl für den Wert des jüdischen Volkes und für die Einordiumg des persönlichen Schicksals in seine großen Entwichlungsliuien und die E r k e 11 11111 i s von den Zusammenhängen politischer, wirtschaftlicher und kultureller Art, mit denen der Zionismus in der Welt der Wirklichkeit zu reefmen hat Es wird eine Aufgabe des deutschen Zionismus sein, der es stets j verstanden hat, diese Zusammenhänge seinen Anhängern klarzumachcn, auch in Zukunft in dieser Hinsicht unermüdlich zu arbeiten und dem gesamten deutschen Judentum damit zu zeigen, wo seine Stellung innerhalb des jüdischen Volkes ist. Die Zeit verlangt von uns, daß wir in allen Lebenslagen bemüht sind, ein Höchstmaß von zionistischen Erkenntnissen zu verwirklichen, und uns fernhaiten von abstrakten Fordcriiiigcn, die im jüdischen Volke Illusionen erzeugen, die keinen konkreten Inhalt haben. K. L. ״Wir Juden״ Unter dem Titel ״W i r Juden“ (Besinnung, Rückblick, Zukunft) ist soeben im Verlage von F. r i c 11 Reiss in Berlin ein neues Buch von Rabbiner Dr. Joachim Prinz erschienen, das sich mit der Judenfragc und ihrer zionistischen Lösung beschäftigt. Wir haben bereits in Nr. 86 der ,,Jüdischen Rundschau“ einen Abschnitt aus diesem bemerkenswerten Buch zum Vorabdruck gebracht. In drei großen Abschnitten setzt sich Dr. Prinz mit dem modernen Judentum auseinander. Der erste Abschnitt ״Juden am Rande“ schildert die seelische Situation des emanzipierten Westjuden und seine menschliche und jüdische Tragödie an Hand zahlreicher typischer Einzel- Schicksale. Ein zweiter Abschnitt: ״Der Weg zurück“ gibt eine kurz gefaßte jüdische öcscliichtsjehre von der biblischen Zeit bis zur Emanzipation und zeigt, wiederum an Hand zahlreicher Persönlichkeiten, das besondere Wesen des in der Geschichte geformten Judentums. Im letzten Abschnitt: ״Der Gang in die Wirklichkeit“ wird die Judenfrage in all ihren Verzweigungen dargelegt und die Aufgabe für die Juden skizziert, die selbst einen Weg aus ihrer Not suchen. Die Be• deutuiig Theodor Herzls für die Erfassung dieses Problems kommt dabei besonders anschaulich zuin Ausdruck. Das Buch von Prinz dürfte durch den Schwung und die Klarheit seiner Sprache und die eindrucksvolle Betonungdessen, was dem deutschen Judentum in dieser Zeit nottut, besonderen Eindruck machen. Es wird ohne Zweifel viele seiner Leser nachdenklich stimmen und manchen zu packen verstehen, der bisher noch ״am Rande gestanden“ hat. Eine eingehende Würdigung behalten wir uns vor. Kuriose ״Erneuerung" Die Jüdische Tclegraphen-Agcntur verbreitet den Aufm! eines Komitees, das sich ״Erneuerungs-Bewegung der jiidisehen Deutschen“ nennt und hinter dem, nach Angabe der J. T. A., mehrere Führer des extrem-liberalen Flügels der Berliner Jüdischen Gemeinde stehen. Dieser Aufruf bedeutet eine neue Kampfansage an die Reichs Vertretung der deutschen Juden, die nach großen Mühen unter Beteiligung der überwältigenden Mehrheit der deutschen Juden zustande gekommen ist und ihre Arbeiten eben erst begonnen hat. Und diese seltsame Aktion wird begründet durch eine Kundgebung, worin es beißt: ״Der Zersplitterung 1111 d der Untätigkeit muß ein Ende gemacht werden.“ Um der Zersplitterung ein Ende zu machen, gründen die Herren Separatisten eine neue Gruppe! Daß im übrigen bei dieser ״Erneuerungs-Bewegung“ (wie geduldig sind in unseren Tagen Worte!) nicht von jüdischer Ernenerung die Rede ist, braucht kaum erst betont zu werden. Abgesehen von Banalitäten, die den eigentlichen Zweck des Vorstoßes bemänteln sollen, fehlt es nicht an Angriffen gegen die Zionisten. So heißt es: ״Den Zionisten aller Schattierungen (damit sollen wohl auch die zur Kooperation bereiten Nichtzionisten getroffen werden. — A. d. R. ״J._R."), überlassen wir die Regelung ihren eigenen Angelegenheiten." Was dieser Satz bedeuten soll, wissen wir nicht. Denn unseres Wissens haben die Zionisten bei den Verfassern dieses Aufrufes nicht um ihre gütige Genehmigung angesucht. fliese Kundgebung, eine Ausgeburt des verderblichsten Parteigeistes, beleuchtet so recht die tragische Position der deutschen Juden, die auch in der heutigen Lage, wo alle großen jüdischen Verbände und Organisationen angcsichts der neuartigen Probleme, die vor uns allen genteinsarn stehen, ihre Sonderinteressen zurückstclien Und. sich 7!1 weil gehender Kooperation bereit gefunden haben, nicht von den Spaltungstcndenzen Einzelner verschont bleiben. Zionismus und ״Weltherrschaft“. Ein Leser sendet uns eine Ausgabe einer in Berlin SW 61 erscheinenden Ko;־- respoiuienz ״Großdcutscher Pressedienst“, worin eine!Notiz unter der IJebcrschrift ,,Die Führer der zionistischen Bewegimp in Deutschland" verbreitet wird. In dieser Notiz ■werden durchaus irrige Informationen über den Zionismus verbreitet. Es heißt* z. B.: ״Wenn es den Zionisten gelingt, ganz Palästina zu einem jüdischen Nationalstaat zu machen, dann werden die Juden eine Zentrale haben, von der ans sie weit mehr noch als bisher die Weltherrschaft über die Völker werden ausüben können." — Wenn der Verfasser dieser Notiz den Zionismus wirklich gekannt hätte, so müii'.c er wissen, daß der Zionismus eine Konsolidierung des judischen Volkslebens anstrebt, um dem Zustande ein Ende zu machen, daß Juden verdächtigt werden können, die Oeschicke anderer Völker lenken zu wollen. In der antisemiüsehen Propaganda in Deutschland wurde den Juden stets vorgeworfen, daß sie sich als Repräsentanten des deutschen Volkes aufspielen; wenn mm aber Juden ihre eigenen Angelegenheiten unter ihrem eigenen Namen in Ordnung bringen wollen, beantwortet inan dies mit neuen Verdäcimgimgen. Es entsteht die Frage, welches dritte Verhalten eigentlich übrig bliebe, das die Verfasser solcher Informationen befriedigen könnte,