Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 89 (7.11.1933)
- Date
- 1933-11-07
- Page
- Seite 772 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 770 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr 89, 7. XI, 1933 an völlig ruhig, während des Tages aber spürt man den Streik und eine große Erregung; die mit Stahlhelmen ausgestattete Polizei dominiert die Straßen. Haifa ist noch stärker von der Unruhe erfaßt, viele Juden, die in arabischen Gegenden wohnen, ziehen sich auf die rein jüdischen Viertel wie Hadar Hakarniel zurück. Auch dort ist von 6 Uhr abends an jeder Verkehr gesperrt. Nur Jerusalem hat noch abends Bewegmigsfreibeit, die auch nach den Ereignissen von gestern nicht be-!rindert wurde. Die Entwicklung der letzten Woche hat mit grausamer Deutlichkeit bewiesen, daß die Oeffentlichkcit, auch die ״Eingeweihten“ und Politiker unter den Juden, die Situation unter den Arabern völlig falsch eingeschätzt haben. Es wurde allgemein angenommen, daß neue Gewaltaktionen der Araber in nächster Zeit nicht zu erwarten wären. Freilich war es klar, daß zu einer Lösung des arabischen Problems während der letzten Jahre wenig oder nichts geschehen war, aber in der Regel wurde die Rechnung gemacht, daß die gegetnvärtige Prosperität auch auf die arabische Bevölkerung beruhigend wirken müsse. Schließlich verdienten weite Kreise auch der Nichtjuden beträchtlich durch die Bodenverkäufe, durch den erwiderten Arbeitsmarkt, durch größere Absatzmöglichkeiten. Und wenn jemand schon eine neue politische Krise, eventuell neue Unruhen fürchtete, so keineswegs jetzt, sondern zu einem Zeitpunkt, wo wir ökonomische Schwierigkeiten, eventuell eine Arbeitslosigkeit haben würden. Alle die Berechnungen haben sich als grundfalsch erwiesen. Daß die Araber an der Einv,;:micru!1g verdienten, hat sie nicht daran gehindert, sic zu furch len Die nn sich nicht unbeträchtlichen Zahlen der Immigration wurden in der arabischen Presse noch stark aufgekuiseht, und einer der arabischen Führer hat die Befürchteneen öffentlich formuliert, indem er sagte, die Vorbereitung der Juden int europäischen Existenzkampf zusammen mit den impoi tierten Kapitalien gäbe ihnen starke Waffen und bereite ihnen den Weg z״ einer überlegenen Stellung in der Industrie, im Handel und in der Landwirtschaft. Es ist. im übrigen durchaus toöglicl!, daß die Führer im Anfang nichts anderes beabsichtig!(cn als ein paar Demonstrationen, um die Einwanderung zu begrenzen und einen Schritt weiter auf dem Wege zur Seili.-tverwaitung zu kommen. Ais dann in Jaffa Blut geflossen war, n,׳:lim die Bewegung überhand, war auch von den I!ihrem nicht mehr richtig zu lenken und zu übersehen. Besondtrs eins ohnedies radikal gesinnte Haifa mit seinen unübersichtlichen Straffen und einer extremistisch orientierten Jugend sd'iloH sich der Bewegung mit großer Verve an. Die offen proklamierte Parole des Kampfes ist: Gegen die Regie r u!1 g. Das ist die neue Richtung der arabischen Politik, wie sie zuerst von der Gruppe des ״Istaklal“ verlangt wurde. Sie hat unter der Jugend und den radikal gcsinnten Elementen großen Anhang gewonnen. In allen Aktionen kommt diese Tendenz zum Ausdruck. Man wklersetzt sich den Verordnungen der Behörden, macht Demonstrationen trotz, der Verbote, stürmt die Polizeistationen. Im August 1029 während der Unruhen bot das Land ein völlig anderes Bild. Damals galten die Vorstöße den Juden, und die Gegner- Schaft gegen die englische Mandatsherrschaft war indirekt, lndem man sich gegen die Juden wandte, wollte man das englische Regime treffen. Dieses Mal wird der Angriff direkt geführt, und es ist im Moment charakteristisch für die Situation, .daß die Juden völlig unbelästigt gelassen werden. Verschiedene Ausschreitungen haben dazu geführt, daß einige Juden leicht verletzt wurden. Aber das sind gewissermaßen Beglciterscheimingen, sic sind für die Gesamtlage keineswegs charakteristisch. Die Eindämmung der jüdischen Einwanderung, die Unterbindüng ihres ökonomischen Vormarsches im Lande ist zusammen mit der arabischen Scibstrcgicrung das Objekt des Kampfes. Der Gegner jedoch ist heute England, und alle Aussprüche der Führer mul alle Taten der Masse beweisen dies. Bei der Überaus engen Verflechtung der Interessen im Lande, der Abliäiigigkeit der Juden von den Beschlüssen «1er Regierung in all diesen Fragen, der Notwendigkeit, gegenüber dieser neuen Situation einen modus vivendi zu finden, gibt es jedoch natürlieh kein Gebiet des jüdischen Lebens, das nicht von diesem Konflikt zwischen Engländern und Arabern betroffen würde. Die Stimmung im Lande ist anders als bei den Unruhen des J alt res 1929; es fehlt die erstickende Atmosphäre des Araberhasse■; Regen die Juden, die damals alles umhüllte. Das Problem aber, das sich blutig in den Städten Palästinas manifestiert, ist dasselbe wie das von 1029: w ie muß eine p a 1 ä s t i - ncnsische Politik g e s t a i t e t werden, um s o 1 - c h e S c h r c c k e n s z e i t e 11, um P e r i o d e n des Blutv e r g i c ß e n s u 11 d d e r U n ruhe zu vermeiden? fn den vier Jahren hat man in der Lösung dieser Frage so gut wie gar keine Fortschritte g(?macht. Die arabische Bewegung bat aber in dieser Zeit an Stärke angenommen, sie hat ihr Ziel klarer formuliert, sie hat eine Jugend erhalten, die für ihre Sache zu kämpfen bereit ist. Das ist durch die Ereignisse der letzten Tage offenbar geworden. Die Judentrage in Polen ln Warschau fand im polnischen Sejm eine Ausspräche über die RegierungspoUtik statt, in der auch die Vertreter der Opposition das Wort ergriffen. Der natianal demokratische Abgeordnete Rvbarski beschädigte sich hierbei ausführlich mit der Judenfrage in Polen. Die Frage des polnischen Judentums, sagte Rvbarski, nach dem Bericht der ״Voss. Zeitung“ vom 4. 11., sei eines der aktuellsten und wichtigsten politischen und kulturellen Probleme Polens, die aus dem allgemeinen Fortschreiten der nationalen Idee auch in Polen erwachsen. Auch liier müsse die Nation Grundlage des Staates werden, denn nur die nationale Idee können den Staat vor Kommunismus und vor der Herrschaft des internitiorialen Kapitals schützen. Man wird bei diesen Ausführungen gewiß zu bedenken haben, daß sie von dem Vertreter einer Gruppe gemacht wurden, die in scharfem Gegensatz zur offiziellen polnischen Rcgierungspoütik steht. Trotzdem darf man nicht ■verkennen, welche Gefahren die Ausbreitung der nationalen Idee in Europa in dieser Form für die Juden mit sich bringt, die naturgemäß nicht in das Schema eines derartigen ״National- Staates“ passen. _ Gründung einer Studlengesellschaft für Hochseefischerei und Binnenfischzucht ln Palästina. Unter Mitwirkung der Palästina-Wirtschaftsstelle wurde in der vergangenen Woche eine Studiengesellschaft zur Erforschung der Möglichkeiten auf d .1 Gebiet der Hochseefischerei und der Binnenfischzucht in Palästina gegründet. Eine Expertengruppe, die aus besonders qualifizierten wissenschaftlichen, technischen und kautmänniseben Sachverständigen bestellt, begibt sich in den nächsten Tagen nach Palästina, wn eingehende Unter- Buchungen vorzunehmen. ״C״V.-Zcit1möÄ berichte* über Palästina Die ״C. - V. - Z e itu n g“, das Organ des ״Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, veroffentlicht in ihrer letzten Nummer den Anfang einer Serie von Brieten zweier Mitarbeiter, die sich gegenwärtig auf einer Inf&rinationsreise durch Palästina befinden. Die Berichte stammen aus den Tagen vor den Unruhen und geben zunächst die ersten Eindrücke wieder. Der erste Brief behandelt die Reise und schildert die Begegnung mit zahlreichen Palästina-Reisenden auf dein Schiffe, wobei als positivster Eindruck eine Gruppe deutscher Chaluzim beschrieben wird, die als einzige unter den zahlreichen reisenden Oruppen ein klares Bewußtsein dessen hat, was Palästina bedeutet. In dem zweiten Artikel werden dann die ersten Berichte aus dem Lande selbst zusammengefaßt. Der Verfasser des Briefes erwähnt zunächst, daß er nur eine Darstellung und keine Beurteilung beabsichtige. ״Nichts hat bei Freunden und Gegnern dem Palästina-Gedanken mehr geschadet als die begeisterten oder ablehnenden Berichte von Sterischen, die nach einem Sechstagerennen durch das Land ihr fertig klischiertes Urteil abgaben.“ Der zionistische Leser wird (in Erinnerung an Vergangenes) eine solche Feststellung in den Spalten der ״C.-V.-Zeitung ‘ auf das freudigste begrüßen. Der Berichterstatter der ״C.-V.-Zeitung“, als den wir ein gegenwärtig in Palästina befindliches prominentes Mitglied des C.-V.-Vorstandes vermuten, schildert seine lieberrasch mg von der Schönheit der Landschaft Pahlästinas in ihrer Fülle und Mannigfaltigkeit. Am stärksteil wirkte auf ihn die Landschaft des Emek mit ihrer ״Zartheit der Färbers“, und die Einzigartigkeit Jerusalems. Das zweite Moment, das neben den ästhetischen Eindruck tritt, ist die historische Verbundenheit. Es sind die Landschaften der Bibel, vielen mir aus ferner Jugendzeit bekannt, die jetzt ganz konkret faßbar vor dem Reisenden stehen.“ Wer jahrelang die Bibel nicht mehr in der Hand gehabt hat, fühlt sich gedrängt, diese Lücke möglichst bald wieder zu schließen.“ Der Berichterstatter fährt dann fort: ״Aber wichtiger als historische Verbuiulenhellsgcfühle. selbst als Natt1:t;1:׳.lriicke i»t schließlich das aktive Leben selber. Wir gehen cs dort suchen, wo d:1s Herz des Landes schlägt, (tut den Siedlungen im Lande. Es kann jedem, der wissen will, was Palästina wirklich bedeutet, nur geraten weiden, sich »«nächst den Skullen nur!Tüchtig za widmen, so wicht io sie für das Gesamturteil sind, und eit» paar Tage ins Land •za fahren, so wie wir cs unter sachverständigster Führung taten. Auch hier wieder noch keine kritischen Wertungen, sondern nur unmittelbare Eindrücke. Sie sind gewaltig. Man hat so viel über diese Siedclungen gehört und gelesen. Man kennt ihre tiesdrichtc, ihre Wirtschaftsweise, ihie Kämpfe. W enn man rum aber eine Reihe von Kwuroth im Emek besucht, das Geschaffene selbst sieht, diese freien selbstsicheren Menschen kenoeidcrnt, dann sind die Eindrücke so elementarstarb, «Ja ß m an seinen kritische n Vers t and sehr stark ans ין a n n e n ni u ß, u m nicht von ihnen überwiiltigt *u werden. Was man liier sicht, ist keine Angelegenheit eines umstrittenen Parteiprogramms mehr, sind keine potemkinsehen Dörfer in des Wortes eigenster Bedeutung; das ist das starke 11 n gebrochene I, eben von Menschen, die ihr Schicks a 1 selber in die Hand g e n o tn men haben- Prächtige .Menschen, denen die Aibeit.dast biu’!•liehen Lebens und die Kämpfe um den Boden im Gesicht geschrieben stehen, die aber auch die Gchr-scnhcit und freudige Ruhe d s bodenverbundenm Mannes darbieten, liier wird einem auch klar, daß Hebräisch׳ keine theort-tisehe Angelegenheit eines Partefdogma•! ist. Es ist ihre natürliche Sprache, Und das Deutsch einer in Plag geborenen Frau, die seit Jahirchnten hier lebt, wirkt schon fast wie L'ebersctzung. Der Dauer, der uns auf seinem Leiterwagen auf der Landstraße beg־gnet imd den wir nach dem Weg fragen — er sieht aus wie ein niederdeu* scher Eandinann —, die Männer und Frauen auf dem Felde und in den Ställen, sie alle sprechen ein selbstverständliches Hebräisch. End hier wird zuerst in uns das Bedauern wach, daß wir noch nicht mit ihnen in dieser Sprache sprechen können, in der unsere biblischen Vorväter auf den gleichen Feldern gesprochen halten. Und vollends natürlich wirkt es hei den Kindern. Sie sind überhaupt der stärkste Eindruck dieser Fahrt. Wie wachsen hier die Kinder heran! In einer Atmosphäre, di״, durch nichts getrübt, ihre Eigenart und Wertigkeit sich voll entwickeln läßt. Ein schon physisch gani neuer M e n s c 11c n t y p, der neu beweist, wie vieles an dem .. j ü d i s r h e n“ Typ ein Prod ak t der I. c b c n s tt n> s t ii n d c ist. Frohe gesunde Menschenkiniler, denen man eine manchmal vorhandene unbekümmerte Trierzogenheit gern nachsieht, sind sie die bevorzugten Lieblinge jeder Kwuzuh. Wenn «he Erwachsenen noch in primitiven Baracken schlafen, wird schon für die Kinder das erste feste Steinhaus gebaut. Wenn man sie dort auf den Höfen der Wirtschaften hcntmlaufcn sieht, mit jedem Pferd md jeder Kuh b״fre״rulet. dann weiß man, da IS man liier;111: dein richtigen Wege ist. Daß alle wirtschaftlichen Bedenken — über sic wird später au reden sein — zurücktreten müssen gegenüber der gesunden 1-ebensluit, die hier Weht. ' Wir fragen überall nach der neuen deutschen A 1 i j 6 h. Sic ist noch kaum im Gange. Nur an wenigen Stellen arbeiten bisher dent'-che Chaluzim aus der neuesten Zeit.. Erst allmählich kommen sie ins Land und auf die Siedlungen. Die Bereitschaft, sie aufzuherinnen, ist überall vorhanden, bei den mit Ostjuden besetzten Kwuroth fast noch größer als bei dm mit deutschen Juden besetzten. Auf einer kleineren Kwuzah trciien wir schließlich drei unserer Freunde von den Verklemm“. Sie sind in jeder Beziehung zufrieden. Als wir in den Hof cinfahren. sehen wir einen von ihnen, der irr Deutschland schon landwirtschaftlich gearbeitet hat, auf einem Wagen stellend, wie er sein Gespann in das Viehgehege lenkt, froh und zufrieden, handfeste Arbeit in frei r, bäuerlicher Atmosphäre unter den Händen zu hnhen. Alle drei haben' sich gut hineingefunden. Die Landschaft liegt ihnen, die Lettens- und Arbeitsgemeinschaft der Kwuzah ist für sie die lebendige Verwirklichung von vielem, was sie in der Jugendbewegung als Forderung hochgehalten haben. Um ihre Zukunft ist uns nicht bange. Ihnen werden, Trupp für Trupp, die Freunde ihres Bundes narhfolgcn. Das wird ihnen manches leichter machen, sic werden aber darüber nicht das Zu-?;*ntmcnwachscn mit dem neuen Kreis der Genossen, die aus anderen Gegenden in dieses Land kamen, vergessen.“ Der Berichterstatter schließt dann seine Eindrücke über die Chaluzsiedltingen im Emek mit folgender Feststellung ab: ״Was hier an Menschen lebt und hcranwächst, ist so prächtig und so bedeutungsvoll für das Land und für die Judenheit, daß es Raum zum Weiterleben haben muß, auch wenn es mit wirtschaftlichen Opfern erkauft wird.“ Diese Schilderung des jüdischen Werkes in Palästina, die wohl noch durch kritische Betrachtungen ergänzt werden wird, wird zweifellos dazu beitragen, auch zahlreichen nichtzionistischen Juden Deutschlands den Palästina-Gedanken in anderem Lichte erscheinen zu lassen als es bisher der Fall war. Von Anfang September bis zum 22. Okt. wurden aus Palästina 18000 Kisten Grape Fruit, 12 Kisten Tangerinen (kleine Orangen) und 6809 Kisten Zitronen, insgesamt 25749 Kisten Zitrusfrüchte ausgeführt♦ Pressesdiau Zu den Unruhen in Palästina liegen wiederum eine groß« Anzahl von Pressestimmen aus dem In- und Auslande vor. Es ist natürlich nicht möglich, alle Aeußerungen zu registrieren, die sich zum Teil in sachlich referierender Form mit den Vorgängen in Palästina beschäftigen, teilweise kritisch dazu Stellung nehmen und in vielen Fällen die Vorgänge weni-1 ger unter objektiven Gesichtspunkten behandeln als mit der Absicht, eine judengegnerische Haltung auszudrücken. Wir erwähnen zunächst eine Aeußerung der ״Vossisehen Zeitung“ vom 3. Nov״ die sich mit der Frage des Palästinamandates beschäftigt. Das Blatt schreibt hierzu folgendes: ״Der Protest gegen die jüdische Einwanderung und die Landverkaufe an Juden — die Folie, nicht der Inhalt dieser Bewegung — sollte nicht den Blick cinengea für die entscheidendere Tat- Sache, daß es sich bei diesen Unruhen nicht um einen Kamp: 4er Rassen im üblichen Sinne, sondern um «len Ausbruch einer nationalen Revolution gegen die Bevormundung durch eit!׳: Macht handelt, in der nicht nur der konkrete Gegner uugcgriffei. wird. Denn hinter England steht der größere und eigentlich. Feind: der Herrschaftsanspruch der Europäer über Völker, die im Kriege zur Sclbitbesinnung erwacht oder schon gereift, heut,; die Selbstbestimmung verlangen. Dieser größere 'vampt. im Vordergründe geführt gegen Institutionen, deren Aufrechterhaitung diese Volker als Demütigung und Entrechtung empfinden, l*t das einzige Ziel, das sie als ihre ״heilige Aufgabe“ anerkennen.״ Auch in der ״Deutschen Zukunf t“, Berlin, Vom 5. Nov. wird in einem größeren Aufsatz die Grundlage der englischen Politik in Palästina behandelt und das Problem der nationalen Haltung der Araber angeschnitten. 111 dem Artikel heißt es: ״Die ״D i v i rl e et i m p c ra - P o 1 i t i k“ Großbritanniens hat hier eine solche innere Unruhe, eine solche Gespann:- heit der Verhältnisse geschaffen, daß die Londoner Politik schein zuweilen gezweifclt hat, ob der mit der Balfour-Deklaration lv. - tretene Weg tatsächlich im Interesse des bri' Ischen Imperium., liegt. Aber die nervösen Schwankungen der englischen Stellungnähme gegenüber Judentum und Arabertum haben die Schwierigkeiten und das mangelnde Sichcrheitsgefühl beider Bevölkerung«- elcmcnlc nur vermehrt. Englands Prestige kann weder zulassen, eine so feierliche und grundsätzliche Erklärung wie die Ualfour-Dcktaratlon zurückzuziehen, noch den nationalen Abwehrkampf der Araber zu schüren. Es wird daher zum mindesten versuchen müssen, di״ Quelle ständiger Reibereien durch ein Kompromiß zu verstopfen, das den Zu.ainmmprnll zionistischer und arabisch« Gegensätze auf ein Mindestmaß beschränkt.“ Gegenüber der Bewertung des arabischen Nationalismus, die in zahlreichen Blättern erfolgt, ist ein Aufsatz von W i 1 - fried Martini in der ״Deutschen Allgemeinen Zeitung“ von! 2. Nov. bemerkenswert, in welchem das wirfscliaftliche Verhältnis von luden und Arabern in Palästina geschildert wird. Der Verfasser sagt hierzu folgendes: ״Tatsächlich scheint die zionistische Kolonisation nicht ein natürlieber Gegner des arabischen Nationalismus zu sein. Sie hat den Wohlstand des Landes vermehrt oder —- besser -— geschaffen, der gegenwärtig Palästina als Oase der Weltwirtschaftskrise erscheinen läßt und an dem selbstverständlich auch die miloehthone Bcviilkerung teilnimmt. Das in Palästina vorhandene Elend der Fellachen hat mit dem Zionismus nichts zu tun: außerhalb Palästinas geht es den Fellachen zum Teil weitaus schlechter, keineswegs aber besser, und vor der Einwanderung waren sie im Lande selbst nie!!• um einen Grad besser gestellt. Die Zahl der ,.dislozierten“ Araber ist offiziell jetzt a!1t noch nicht ganz 900 festgesetzt worden. Und ,£Ufh. diese 99Q werden wahrscheinlich bald wieder «ngesiedelt werden können. \Vii tc däs'Kolonisalionswcrk so schädlich für die Interessen der Araber, so wäre es nicht zu verstehen, warum diese dann ständig scharenweise vom Osten her den Jordan überschreiten. Sind wirtschaftlich sicher keine objektiven Interessengegensätze vorhaitden — höchstens bezüglich der Großgrundbesitzer, die von der Erhöhung des Lebensstandards der Fellachen «lerer! geringere Ansheutungsmögllchkcit befürchten •—, so sind auch die nationalpolitisehen mindestens iihcrbrückbar.“ Martini kommt dann zu dem Schluß, daß man den arabischen Nationalismus nicht überschätzen dürfe, da insbesondere die religiösen Differenzen innerhalb der 1110• hammedanischen Welt ihn beeinträchtigten, Auch in der ausländischen Presse wird auf die Problematik hingewiesen, in die England infolge seiner allgemeinen orientalischen Interessen, die es mit dem gesamten mohammedanischen Orient verbinden, hineingestellt ist. So schreibt das ,Journal de Oeneve“ vom I. Nov., daß das jüdische Element in Palästina noch nicht stark einig ist, um für England eine sichere Stütze des Manates zu bieten. Aus diesem Grunde mache England den! arabischen Nationalismus Konzessionen. Im ״Temps“ vom 30. Okt. wird die Vorgeschichte der Unruhen ausführlich geschildert und darauf hingewiesen, daß es für die. Wohlfahrt Palästinas als ihres gemeinsamen Vaterlandes erforderlich ist, daß Araber und luden in gutem Einvernehmen leben. E; sei die Aufgabe der englischen Politik, diesen Weg anzubahnen. * In dem In Bamberg erscheinenden Blatt ״Fränkisches Volk“ vom 2. 11. wird in einem längeren Aufsatz: ״Sturm in Palästina“ zu den Ereignissen in Palästina Stellung genommen. In diesem Aufsatz wird u. a. folgendes mit Beztig auf die jüdische Arbeit ln Palästina gesagt: ״Man spiegelt der Welt eine Hochkonjunktur dieses söge::, jüdischen Musterstaates vor, das Budget des Landes weist der. phantastischen Ueberschuß von dreißig Prozent der Gesamteinnnl:• men auf. Dieser Scheinerfolg konnte aber nur erreicht werden auf Kosten der eingeborener, arabischen Bevölkerung, deren Blut, Schweiß und Tränen an dem neuen Judasgelde kleben. Wieder hat der Jude es verstanden, sich aut Kasten eines anderen Volkes zu bereichern, von einer eigenen Staatlichkeit kann jedoch nicht die Rede sein. Der Händler allein bildet nicht das Staatsvolk. Auf der einen Seite gebraucht inan tl: arabische Bevölkerung zur Arbeitsleistung und auf der ander!:, die Hoheit des englischen Staates zur Aufrcchtcrhaltung '״«,:! Rul 1e und Ordnung. Englische Truppen, englische Bombenflu״- zeuge, englisches Blut muß herhalten, um die jüdischen Aussauger vor der Wut der Unterdrückten zu schützen.“ Es scheint uns? daß es genügt, diese Sätze zu zitieren, ohne näher auf sie einzugehen; ihr Inhalt entspricht, soweit es sich um die Rolle der Juden in Palästina handelt, so wenig den Tatsachen( daß jeder, der auch nur ein« oberflächliche Kenntnis des jüdischen Aufbauwerkes in Palästina besitzt, ihre Unrichtigkeit sofort erkennen muß. In den nächsten Tagen wird mit dem Bau der W a s s e r leitung von Ras el Ain bei Petach Tikwaä nach Jerusalem begonnen. Zunächst werden Gräben für die' Rohrleitung ausgehoben. Drei englische Vorarbeite! sind zur Leitung der Arbeiten eingetroffen. Man rechnet da• mit, daß die Leitung in anderthalb Jahren fertiggestellt sein jvird,