Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 88 (3.11.1933)
- Date
- 1933-11-03
- Page
- Seite 754 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 752 Jüdische Rundschau Nr. 88, 3. XL. 1933 ✓ Aus Welt und Leben Realistische Träumerei aus einem spanischen Boot Von Alic e B e 11 rend t. Die bekannte Schriftstellerin, die hier Eindrücke aus Spanien schildert, schreibt i!n )’erlauf einer Korrespondenz mit dem Herausgeber der ״Jüd. Rundschau'‘ 1'lher ihre Beziehu it zum Judentum: ״Wohl habe ich gewußt, daß ich alles das, was ich sehe und wie ich es sehe, in dieser H riv!׳ nur auf Grund meines Judentums sehen und erleben kann, aber ich habe noch nie zergrübelt und zerspalten und ganz bewußte F.rhlärungcn darüber abgegeben usie. . . . Ich habe es nie fertig bringen können, mich irgendeiner Bewegung anschließm zu können, die Vertreter der beiden jüdischen I.agcr haben stets so furchtbar viel und klug gesprochen, daß sie das, was sich in mir für ihre Idee dann auftat, oder vielleicht hätte auflun können, herunlergetreten haben. Doch eins ist sicher, daß ich stets ganz gefühlsmäßig und aus dem Blut sprechend, die armseligen Assimilationsbestrebungen nicht milmachen konnte. . . . Ich, weiß, daß neben mir noch viele sind, die in dieser indischen ,1'nbeschwertheit“ aufwuchsen und di(’ cs gerade jetzt nicht ein dich haben, weil alles nach dem Abzeichen, dem Stempel, der Marke fragt. Und ge■ rade das fäll! ans doch so schwer.“ — il1’׳> glauben, daß wir die seelische Situation dieser vor die jüdische Prahlernatik gestellten Juden, von denen die Verfasserin schreibt, wohl verstehen, und hoffen, daß ihre jetzt geweckte Nach■ (frnhlichkeit sie immer enger zu ihrem Judentum zurück■ führen wmf. t'nd wenn man fragt, wie ein Bericht über Spanien in die ״Jütl. Rundschau“ kommt, so lassen wir zur Erklärung, falls cs einer solchen bedarf, wieder die Verjasscrin seihst sprechen: . , Dann wurde mir klar, daß alles, was ich schreibe, tu mit jüdischen .faqt’r! gesehen ist und daß sich die indischen Beziehungen daraus von seihst ergehen, . . .Auch der Leser wird das empfinden. (Red.) Frapf einen Seiltänzer, warum er gerade das wurde, warum er dem Beruf seines Vaters, (irolivaters, einer (jeneration folgte — er wird Euch groll ansehen und im besten Falle antworten: ״Weiß nicht, Vater war es auch.‘‘ Gewöhnlieh lost eine solche Frage mir ein Achselzucken aus, von einem erstaunten langen Blick begleitet. Manchmal stolz, manchmal ergeben und müde. — Aber es ändert nichts, wir wurden es“, sagt der Blick, ״nein, wir sind es, vom ersten Augenblick unseres Lebens an, wir werden da einfach hineingeboren. Eine Arbeit wie andere ist es nicht, es ist ein Schicksal. Aber, bitte nicht weiter fragen, wozu denn? Versteht Ihr es denn, wo wir es kaum selbst begreifen?...“ Da klingt Bekanntes auf... — Mir widerfuhr dieses' stumme Zwiegespräch einmal mit einem jener Artisten, die aus Menschenleibern Türme bauen. Schwester und Großvater stürzten, er arbeitet in der Zirkuskuppe hoch oben weiter. Weiß nicht warum. Er sieht und erlebt mit Augen und Seele seiner Welt und kennt nicht deren Anfang und Ende innerhalb der sie umgebenden großen. Nach vielen Jahren kehrt dieses kleine Erlebnis mit seitsamer Eindringlichkeit in mein Gedächtnis zurück: Wir wechselten das Seil, auf dem wir bisher tanzten ז man hat sich ein wenig dabei verletzt. Etwas zerschunden erklimmt man rum das andere Seil, umgeben von dem staunenden, noch fremden Publikum der neuen Zirkusarena. ״Warum bleibt Ihr denn dabei, warum macht Ihr Euch nicht frei, wenn es gar so beschwerlich ist?“ fragen sie. Die Arvtwort darauf ist eben jenes kleine Erlebnis mit dem Artisten. Sie wird nur gedacht, sie auszusprechen wäre umsonst. Verstehen sie es denn, wo wir selbst es kaum begreifen? Denn sie wissen hier nichts von uns, das ist schade, sie kennen nur Menschen, und das ist gut. Aber wir müssen bald merken, daß wir von ihnen fast noch weniger wissen und wenn wir beginnen, sie kennenzulernen, dann sind wir sehr erstaunt. .Mit einem Lächeln fängt das an. Das bahnt den Weg. Das Lächeln ist hier echt zu Hause, nie kann ein Lächeln verschiedenartiger, schillernder, ausdrucksvoller sein. Fast ist es ein selbständiges Etwas an diesen .Menschen, obwohl es in sie hinetngeboreii wurde und zu ihnen gehört — wie die Sonne zu ihnen gehurt. Ist in denn Leben ohne das? Seht, ist doch da ein junger Nichtsnutz in der Straßenbahn ohne Fahrschein ditrdigeschliipft. Das Schicksal ereilt ihn in Gestalt des Kontrolleurs: Lächelndes Bedauern, trotzdem zewngomi: .,Bitte steigen Sie aus.“ Und der junge Talmielegant lächelt wie ein ertappter Schulbub! Antwort tmge fahr des Sinnes: ״Schwindeln wollte ich nicht, umsonst fahren wäre sehr nett gewesen.“ Nun lächelt die ganze Bahn. Kleiner Vorfall dies, aber bezeichnend und dadurch bedeutsam. Es ist ganz gewiß, daß der Kontrolleur mit der ganzen Intensitat seines Inspektorgewissens dieses Delikt verdammt, er tut konsequent seine Pflicht. Auch der dunkeläugige Jos6 wird empört gewesen sein — über sein Pech. Es soll irgendwo Menschen geben, die in solchen Fällen versuchen, aus dem Ankläger den Angeklagten zu machen... . hier nicht. Wenn Autorität sich in einer Art Kollegialität im Menschsein präsentiert, die unvermeidliche Zigarette hüben und drüben, überdies Milderung in die gespannte Atmosphäre bringt, dann versucht man keine Umwege, sondern ergibt sich eben lächelnd in sein Schicksal. Ein ähnlicher Fall in einem Omnibus, der mit dem gleichen Lächeln begann — und endete, hatte allerdings ein dramatisches Mittelspiel. |ackeft des Fahrgastes und Billett-Tasche des Schaffners flogen in weitem Bogen aut die Straße und der Omnibus — mit uns! wartete ruhig, bis die beiden Gegner ihre Meinung handgreiflich ausgefatischt hatten. Eine regelrechte herrliche Prügelei, ohne jeden Polizisten, ohne weise Ratschläge des Publikums. Man beschränkt sich darauf, Zuschauer zu sein, allerdings kritischer. Als jeder der Beiden auf diese sehr deutliche Weise genug gesagt hatte und sie sich anscheinend ausgezeichnet verständigt hatten, ging der Fahrgast mit einer frisch entzündeten Zigarette seines Weges, der Schaffner bestieg den Bus und wir durften wirklich weiterfahreti. Wir überholen den feindlichen Fußgänger — und da geschieht das schier Unglaubliche: Fahrgast und Schaffner, eben noch bis ins Innerste verfeinde(, lächeln sich zu. Hört Ihr es'1׳ Sie lächeln. Der Fall, ihr Fall, ist ja mm erledigt, basta. Es geht doch in den Dingen des alltäglichen Lebens nicht so weit, daß man darüber seine innere ganz fest verankerte Herzensfröhlichkeit verliert. Wie denn? Es geht alles weiter! Wir haben die Sonne, haben Wein und Früchte und Gemüse iw Uebermaß, Wir haben das Meer mit den Fischen, schöne und feine Fische für die Reichen, und kleinere gröbere für die Armen. Aber unsere Frauen kochen gut (und kochen gern) und es schmeckt auch, wenn es nicht so fein ist. An Sonntagen angeln wir oft die Fische zwischen den riesigen Steinblöcken am Meer selbst, das ist dann noch billiger und macht uns großen Spaß. Wir haben die Berge und Felder, sammeln dort Pilze, wir kochen ' dort auch, wir ruhen dort, wir lieben dort, oft leben wir | ganze Tage dort im Zelt. Manchmal wissen wir selbst nicht, was wir mehr lieben, das Meer oder die Berge. Wir haben den Regen, der uns Tausende von Schnecken schenkt. Bei uns kann man nicht so teicht den Mut verlieren oder die Zuversichtlichkeit. So lächeln sie. Mit dem gleichen Lächeln kommt der Briefträger, der Bäckerjunge. Und unsichtbar, aber fühlbar in einer Art heiteren Freundlichkeit schwebt es noch über den Büros, den Behörden, den Geschäften. Jedem sein eigenes Lächeln. Und noch der Nachtwächter, den man in entlegenen Vierteln der Stadt trifft in bunter Uniform, mit Latent* und einem riesenhaften Stock, mit dem er auf dem Pflaster (sofern es eins gibt!) zu seinen Schritten den Takt laut schlagt, auch er lächelte, als ich ihn seine nächtliche Wanderung antreten sah: ״Adios, Adios, que buena noche hoy, eh?!י‘ Als man uns in der Schule von Spanien erzählte, hörten wir von Stolz und Leidenschaft. Dramatisch geladene Atmo- Sphäre erfüllte das Kapitel Spanien. Vieles ist wahr daran, aber, so scheint es mir, aus anderen Voraussetzungen geboren, als wir cs lernten. Darüber werde ich später noch erzählen können. Aber von der geradezu undramatischen Fröhlichkeit sagte rnan uns nichts. Und gerade das ist das Wunderbarste und Erste, was man hier staunend erkennt und allmählich begreift, ohne darin einen Widerspruch zu der gesamten Struktur des spanischen Charakters zu sehen. Es ist in g'cwisser Weise beglückend für unsercinen, der — wir wissen es doch — den Hang zum Schweren seit Generationen in sich trägt, wie jener Artist die dumpfe bohrende Angst vor dem Sturz. Und es ist selbstverständlich, daß dieses Gegensätzliche in der Umwelt hier uns besonders auffällt und ans Herz greift, weil es uns seelisch entlastet. Es ist wie ein kleiner Lcuchtturm, den jeder von uns in sein hiesiges Leben gesetzt erhielt, dessen Licht viel Schönes aufdeckt, woran wir sonst wahrscheinlich vorübergegangen wären. Aber man muß sicli ebenso klar darüber sein, daß auch dadurch nicht der zutiefst liegende Unfersefried überbrückt werden kann, der sich auch hier auftut. Wir sehen mit unseren Angen, jahrtausendelang, und wissen im Grunde genommen, trotz aller Forschungen und kluger Schriften, nicht warum und kennen kaum die Grenzen unserer Welt in der uns umgebenden großen anderen. Wie der Seiltänzer. Warum auch wühlen und suchen? Genug, es ist da, unser Leben, auch hier, obwohl eine mehr oder weniger südliche Sonne uns ähnliches Aussehen, ähnliche Lebendigkeit und Vitalität gab, wie diesen hier. Und darin liegt einzig und allein der Schlüssel zu einem Verstehen und Ergänzen, zu einer sehr glücklichen Basis für praktische und geistige Produktivität. Natürlich gibt es auch hier Strömungen, die mehr lntellektuaütät im Sinne moderner Geistesrichtung und Beweglichkeit fordern, die meinen, daß man (grob gesprochen) mit Lächeln nicht arbeiten, nicht denken, nicht schaffen, befehlen und regieren kann. Es ist fraglich, wie weit sie recht haben. Sämtliche erstrebte und ״zu importierende“ geistige Fortschrittlichkeit mit ihren Folgen wird die urgesunde Natürlichkeit und Naturhaftigkeit dieser Menschen nicht schmälern können. Nimmt man sfe ihnen, dann sind sie nicht mehr sie selbst, sind nicht rein, sondern werden ein armseliges Mischmasch, ein halbes in sich unsicheres Etwas. Nein, das soll man nicht! Die Eigenschaft, sich so lange wie möglich vom Alltagsstaub fernzuhalten — wobei es ihnen weniger auf die ideelle Unbeschwertheit ankommt, als darauf, in Ruhe ihr Essen einzunehmen — beruht ja nicht auf Indolenz. Jedenfalls nicht bei den Katalanen, die allerdings den Ruf haben, arbeitsamer, beweglicher und interessierter zu sein als die Bevölkerung der anderen Provinzen. Und doch wird oft behauptet, daß auch dieser so geartete Charakter seine tiefen Konflikte durchzukämpfen hat, die durch wüste Gegensätze in sich selbst entstehen. Mag sein. Ich entdeckte kürzlich eine Zeichnung, die einen Stierkämpfer darstellt, der über dem verendeten Tier mit dem Ausdruck höchster Trauer zusammenbricht. Sollte da ebenfalls das Seiltänzerprobelm aufklingen? Das alles muß man zu ergründen versuchen, muß man erkennen und lernen, um diesen wunderschönen Menschenschlag zu verstehen, um hinter ihren Lebensablauf zu kommen, ihre Tage und Nächte, Begierden und Abneigungen, um zu verstehen, wie sie Arbeit sehen, Musik, Kirche, Liebe, Freund- Schaft und Tod. In einem kleinen wackligen Boot fahre ich fast täglich bis an das Ende des Hafens, wo das Meer beginnt. Hier ist das Zentrum der Szenerie für dieses Leben hier, das in seiner inneren und äußeren Pittoreskheit wie ein Spiel zwischen Kulissen anmutet: Vor mir das Meer, hinter mir Bergketten 811n1m111n11111111111in11n1111[11111111111111nn11[1un111n11n1un11n11n1111m1u1n111nn11i1nt11n1nn11uun111111111u1n11n11nnnn111 Warschauer Synagoge Von Arthur S i 1 b er gl e i »*) Durch die Traumwelt blauer Scheiben Strömt des Morgens-rote Woge, Und die dunkle Synagoge Lädt sie lächelnd zum Verbleiben Und geruhig einzufließen In die hohen Wächterkerzen. Die wie goldne Blumen sprießen Leber samtnen Deckenschwärzen. Vor geheimnisvoll durchglühten, Reichbest irkten Vorhangfallen Knieen biblische Gestalten, Schwarze, gläubige Leviten, Und sic küssen lieiß die Säume Vor den zedernhohen Pfosten, Ihre stolzen Köiiigsträwnc Pilgern im Gebet gen Osten. Siege-licdcr wie Debora Jauchzen sie, rieht im Gepränge, Auf den läppen Festgesänge, Der Rabbiner mit der Thora. Wie ein Tro־t von Gottes Throne Klingt der stolzen Tempeltochter Klirrend hohe Silberkrone Leber Seufzern Unterjochter. Vom Gebetpult strömen Greise, Männer, Kinder ihr entgegen, Träumen aut der Tempelreise Wieder sich auf Zions Wegen, In ihr seidnes Brautzeit weben Sic den Wunsch: Es möge jeden Fesseln für das ewige Leben Mit unlösbar festen FädenJ *) Der ״Kulturbund deutscher Juden“ bringt am 1. November Dichtungen von Silbcrgieit sowie von G. A, Goldschlag und Stenzei zu Gehör. — (Red.| und itn ferneren Hintergrund, nur noch geahnt, der sagenumwobene Montserrat und die eisbedeckten Pyrenäen. Dazwischen, amphitheatralisch aufgebaut, die Millionenstadt Barcelona, eine der eigenartigsten Mischungen von internationalem Wettbetrieb tmd typisch nationaler Ländlichkeit. Hier, von dieser Stelle, aus diesem kleinen Boot heraus, muß man, auch wenn man noch so ahnungslos ist, begreifen, lernen, wie die Menschen auf ihrer Bühne des Lebens sich bewegen, wie sie sprechen und agieren. Und man beginnt ihre tiefe Erdverbtiridenheit und ihre gewaltige fast traurige Abhängigkeit von der Natur zu verstehen. Jeder Tag bringt viele Episoden, die das bunt schillernde Leben dieser großen spielenden Kinder kaleidoskopartig heleuchten und von denen ich aus meinem Boot heraus das nächste Mal erzählen kann. Wenn das noch geht: Denn es wird Herbst hier. Die Tage sind warm und kurz, die Abende kalt. Ein neues Spanien, ein anderes Gesicht. In der Dunkelheit der frühen Nacht leuchtet vor mir allabendlich eine kleine Wachskerze neben einem Madonnen- Bildchen — Geschenk meines kleinen Freundes Manuela: Billigste Farben, rauhes Holzrähmchen. Doch die Madonna läch<: gar nicht madonnenhaft — sie lächelt spanisch. Ein kleiner primitiver Handwerker spricht durch sie für sein ganzes Volk..., Barcelona, im Oktober 1933. Stimmen aus dem Westen Paris, Ende Oktober. Es gibt immer noch in der Masse der deutschen Juden jene tief in ihrem nun plötzlich verwandelten Leben verwurzelte Schicht, die die internationale Gültigkeit ihrer nationalen Erfahrungen in dieser Zeit zum mindesten im Unterbewußtsein leugnet. Sentiment und Unkenntnis treffen hier zusammen, um eine Fata Morgana westlichen Liberalismus dem bedrängten Sinn vorzuzaubern, die wenigstens jenseits der Grenzen des vom Nationalsozialismus beherrschten Raumes verlorengegangene Paradiese dauern wähnt. Nnr wer in einem Zusammenbruch Mannes genug gegen sich selbst ist, alle scheinbaren Hoffnungen unbarmherzig zu durchprüfen, kann aber auf einen Ausweg rechnen. Dazu gehört zuerst die Erkenntnis, daß jüdisches Unglück trotz aller Protestversammlungen und Komitees über allgemeine Sympathien oder manche individuelle Hilfeleistung hinaus letzten Endes von niemanden mitgetragen wird; höchtens daß es als Objekt hier und da einem politischen Zweck untergeordnet wird, im Grunde — wie banal eigentlich es noch einmal zu betonen —• decken sich die Judenfrage und die des National¬ Sozialismus für die Welt nirgends. Und weil dem Juden nur durch die Wahrheit geholfen werden kann, sei er etwa auf jene literarischen und politischen Erscheinungen in Frankreich aufmerksam gemacht, um die zu wissen, für ihn nicht ohne Gewinn sein dürfte. Da hat zum Beispiel das schriftstellernde Brüderpaar Jeröme et Jean Tharaud, das sich seit Jahren in einer merkwürdig läebeshasserischen Weise mit dem Judentum als Erscheinung und Problem abgibt, ein neues Buch ״Quand Israel n’e s t p I u s r o i“ herausgebracht. Es hat einen ziemlichen Leseerfolg wie alle Arbeiten dieser Autoren, von denen ״L’ombre de la croix“ und ״Quand Israel est roi“ dem neuen Opus so- Zusagen den Weg gebahnt haben. Man liest es als Jude mit den widersprechendsten Gefühlen, denn es ist oberflächlich, aber journalistisch wirksam geschrieben. Inhaltlich ist es das Ergebnis einer Reise nach Deutschland; die zu einer Aufrollung der ganzen deutschen Judenfrage führt. Das geschieht, mit ziemlicher Bildungskoketterie, durch vielerlei Zitate von Voltaire bis Bismarck; dabei wird die deutsche Entwicklung und die Geschichte der Juden in Deutschland in historischer Uebertreibung derart identisch behandelt, daß sich notgedrungen ein schiefes Bild ergibt. Tageswitze, Stimmungsbilder und Polemiken füllen das Ganze in lebendiger Form auf ... aber ob das nun gut oder schlecht gemacht ist, darauf kommt es eigentlich nicht an. Auch nicht auf die tatsächlichen Fehler, daß zum Beispiel Liebknecht als Jude erscheint, Arlosoroff von einem Beduinen umgebracht worden sein soll u, ä., sondern darauf: die beiden Tharaud repräsentieren jene Form des liberalen Antisemitismus, der die offene Art scheut und (um in Frankreich, das schließlich einmal die Dreyfus-Affäre erlebt hat, wirksamer zu sein) lieber mit ״indirekten“ Kriegserklärungen vorgeht. Das Herzl-Wort vom Antisemitismus, den der Jude auf seinem Rücken mit sich trägt, erweist sich in diesem Fall geradezu beispielhaft. Zugegeben, die Gebrüder Tharaud sind etwas konfus in ihren Beweisführungen. Primär wichtig ist ihr Gefühl: der Jude im fernen Karpathorußland erscheint ihnen ebenso pittoresk wie erhaben, der Jude an der Seine — nun, er wäre ihnen in Karpathorußland lieber. Das sagen sie ganz scheu und ohne Verbrämung. Und um den Fall Frankreich für alle Verblendeten noch weiter auszubauen: es darf nicht vergessen werden, daß dieses! Land, in dem der Parlamentarismus zwar nicht zum Sturz reif, aber doch höchst unpopulär geworden ist, trotz seiner Gide und Rolland eine ganze Anzahl Autoren der führenden biirgerliehen Intelligenzschkht aufweist, die dem faschistischen Gedanken immer zugänglicher werden. Von Herve ganz zu schweigen gibt es da die Leute vom ״Assaut“, das Triumvirat vom ,,Pamphlete“ (Dominique, Prevost und Fabre-Luce), Ltichaine vom ״Notre Temps“, Aron (!) vom ,,L’ordre nouveau“ und vor allem Jules Romains, die bereits völlig erfüllt sind von der Umwälzung der alten Staats- und Geseilschaftsform. Während bei ihnen die Judenfrage freilich nicht akut ist, tritt sie bei einem Mann wie A11dr4 Germain klar 1'n den Vordergrund. In seiner soeben, erschienenen Arbeit ״Hitler ou Moscou“ (die im Niveau die •der Tharaud beträchtlich überragt) bestätigt er zum Bei• spiel die deutsche nationalsozialistische Auffassung vom Einfluß des Judentums in der Literatur, und aus der ganzen Frage- Stellung des Buches muß der jüdische Leser Folgerungen ziehen, in denen er zum mindesten keine Rolle mehr spielt. So bleibt auch, aus dem kleinen Winkel dieser Aufzeichnung gesehen, dem Juden von heute keine Flucht in fremde Assimilation. Es bieibt nur das ״Unterkriechen“ bis zur nächsten Geschichtskurve, an der der Wagen seines Schicksals wiederum entgleist oder der Weg des freien Mannes zu sich selbst und ins eigene Land. Wo immer auch der Ruf der Frage hin schallt, von allen Seiten tönt das Echo: ״Sei Du s e I bs t!“ ®•g־