Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 87 (31.10.1933)
- Date
- 1933-10-31
- Page
- Seite 736 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 734 jüdische Rundschau Nr. 87, 81. X. 1933 Der neue Mensch Von Oskar Neumann. Dieser Tage erschien im Nekudah-Verlag in Mukadevo ein Palästina-Buch ״Fahrt nach dem Osten" von Oskar Neumann. Das Buch 1017/ keine gewöhnliche Reiseheschreibung sein, sondern eine poetische Schilderung, durchglüht von aer jugendlichen Begeisterung eines Menschen, der mit seiner ganzem Seele an diesem Werke der jüdischen Erneuerung in Palästina hängt. Daher werden keine Probleme in dem Buch behandelt, weder politische noch wirtschajtliche, sondern es werden gefühlsmäßige Impressionen gegeben von der Landschaft, dem Menschen, dem jüdischen Schalfcn. Der Verfasser stellt uns aus diesem Buch ein Kapitel zur Verfügung, in weichem seine Eindrücke gewisser• maßen zusammen ge faßt werden, ll'ir bringen nachstehend das Kapitel in gekürzter Fassung zum Abdruck. Red. Und aus der bunten Blüte dieser sieh täglich verjüngenden Landschaft, aus diesem Zauber der Zeitlosigkeit einander be• rührender Jahrtausende, wächst neues Menschtuni: die neue Gesellschaft, der neue palästinensische Mensch, der palästinensisehe Jude, Und was diesen neuen Judenrnensehen vor allem besonders charakterisiert, das ist sein ungemein ausgeprägtes Heimats• und Freiheitsgefühl.... Nirgend wohl ist der Jude tiefer und fester mit der Scholle verwachsen, nirgendwo fühlt er sich so zu Hause wie hier.... trotz der Araber und der Engländer....! Aber nirgends auch ist sein Freiheitsgefühl ein 10 ausgeprägtes, sein Rücken so gerade und gestrafft wie hierI Man staunt mit beglücktem Schauen ln das Mysterium, wie schon das bloße Gefühl der Freiheit, de* Zuhauseseins, des Verwurzelns in Heimatscholle das physiologische Wunder vollbringt, aus einer Generation gekrümmter < iakrihrücken, verstaubter, vertrockneter und naturfremder Galuthseclcn — ein Geschlecht stolzer, aufrechtschreitender, singender und lachender Judeiimenschen 711 formen, deren sedisdut Frische und Starke sie auch die größten Schwierigkeiten und 11,arten eines so vielen Schwankungen und Scliwierigkeiten ai.*gesetzten Pionierwerkes ertragen lallt, ohne zu verzagen. Und wie schon allein die Tatsache produktiver, scholienverwurzelter Selbstarbeit aus Nervenbündeln lebender Minderwertigkeitskomplexe, sonngebräunte, starke, lebenstüchtige und was wohl das wesentlichste ist, furchtlose Mensehen schuf, die bereit sind das, was sie mit ihrem eigenen Schweiße und Blute aus dem Nichts geschaffen haben, bis zum letzten Blutstropfen zu schützen. Und diese gesunde Furchtlosigkejt. sie ist wohl die Stärke dieses noch 10 kleinen jungen Jischmv irn Lande. ״Warum sollen wir nicht auf dieser unserer 1 icimatssrholie, wo wir doch für uns und unsere Kinder ein neues Glück und ein neues Lehen aufhauen, wenn es sein muß, für unser Land auch sterben können?'1 So spricht beinahe jeder Palästinenser! Und noch etwas zeichnet diesen neuen jüdischen Mensehen in Lre/ Israel aus! Sein ungemein ausgeprägtes, hochentwickeltes G e m e i ri s c 11 a f t s g e i i'1 h 1, dieses wundersame Gefühl gemeinsamer Verantwortung, gemeinsamen Schicksals, gemeinsamer Hoffnungen und Leiden, das unser so zerrissenes und zersplittertes, in tausend divergierende Atome gespaltenes Galuthjudentum nicht mehr kennt. Wie wunderbar erhebend und erfrischend wirkt doch dieses, besonders in der jungen Chaluz- und Pioniergeneration ausgeprägte Gefühl der Gemeinschaft, das sie zu ihren heroischen Leistungen führt. Und darum gibt es in diesem Lande wohl als einzigein eine traurige, aber in der heutigen Gesellschaftsordniing tief verwurzelte Erscheinung nicht, die in krassester Form überall so*1*t zu finden ist, wo Juden leben, nämlich Kartengeist! Denn hier ist der neue Mensch auf schöpferische, bauende Arbeit eingestellt und was in dieser jungen Gesellschaft, in der eine gründliche Umwertung aller Galuthwerte, oder besser Unwerte vor sich geht, einzig und allein entscheidend ist das ist nicht die Art der Arbeit, die der Einzelne verrichtet, sondern ihr Sinn und ihr Wert für die neue Gemeinschaff. Und darum ist es an sich für den neuen Menschen in Er er. Israel vollkommen gleichgültig, ob er als Professor etwa an der hebräischen Universität Vorlesungen hält, oder als einfacher Schwarzarbeiter Ziegel schupft, oder am ״Kwisch“ in der Sonne schmachtet. Hier muß man alle herkömmlichen Begriffe umdenken lernen. Und darum ist es doch wohl auch selbstverständlich, daß an manchen Tagen der Woche die Hausfrau selbst bedient, während die Hausgchilfin, die beim gleichen Tische sitzt, bedient wird. Denn hier gibt es nicht Herren und Arbeitssklaven, sondern eine neue Gemeinschaft arbeitender freier Judenmenschen. Es ist selbstredend, da fl dieser neue, prächtige Menschentypus noch nicht 'überall im Lande zu finden ist. Es gibt auch solche, die das seelische Galuth auch hier noch nicht abgestreifl haben, die hinter starrem, toten Buchstabenkram versteckt, immer noch eifern und fluchen und ohne Verständnis dom grandiosen Schauspiele der Erneuerung eines uralten rnorsehen Volkskörpers und einer verstaubten Volksseele zusehen, den dröhnenden Rhythmus junger schöpferischer Arbeitshände, die sich vielleicht weniger zum Beten, aber dafür mehr zum Rauen falten, nicht verstehen und sich selbst aus dem schöpferischen und belebenden jungen Strom ausschalten. ־ Steht man nicht erschüttert und ergriffen vor diesen! Geiste tiefsten Gemeinschafts- und Verantwortungsgefühles? Dieses Land hat eine jüdisch« Arbeiterschaft, die wohl in erster Reihe den X>'PU* diese* neuen jüdischen Mensch«! repräsentiert, in dem sich die Svnthese von physischer Arbeit und geistiger Kultur vollzogen hat. Und Schulter an Schulter mit dem!Manne hat hier auch, und das ist vielleicht das am stärksten Ergreifende und Faszinierende, die jüdische Frau den Weg der beruflichen und sozialen Umschichtung, den Weg der sinnvollen Einordnung in die junge Wirtschaft gefunden. Sicherlich nicht kampf- und reibungslos. Denn ungeheuer viel schwerer als für den Mann, den Arbeiter, lagen 111 diesem primitiven, schwierigen und frauenarmen Lande von allem Anbeginn an die Ragen und Probleme für die Frau und das!Mädchen, die aus den Bürgerhäusern Europas den Weg hierher in die seelische Erlösung wohl vom Beginne der Pionierbewegung an gefunden hatten, aber um ihre chauptung in allen Zweigen der Arbeit einen unermüdliehen Kampf führen mußten. Und heute kannst Du diese neue, produktiv arbeitende Frau nicht nur draußen ln den jungen ländlichen Kollektivwirtschaften finden. Du triffst sie auch in aller! möglichen handwerklichen Berufen, sogar in dem der Maurer und Rtralienarbeitcr drinnen in der Stadt. Und eine ganze Reihe vorzüglicher Schulen wie etwa die Haushaltungsschule in Tel-Awiw, die landwirtschaftliche Hochschule in Nahalal, die verschiedenen Arbeiterinnenfarn!en, sie formen ständig und in immer gesteigertem Maße am geistigen und physischen Angesichte der neuen Frauengeneration im Lande. Und noch eines nicht zu vergessen, wenn Wer vom neuen jüdischen Menschen in Erez Israel gesprochen wird: ,,Die Sabres“. Sabra ist die hebräische Bezeichnung für jene gewaltig wuchernden Kakteen, die mit ihrem mächtigen Dornenpanzer _ als Hecken die Wege und Orangengärten umsätimen und jährlich eine reiche Hille junge Triebe absprossen, und ״Sabre“ nennt man datier scherzweise im ganzen Lande auch die auf der Heimatsscholle geborenen jüdischen Kinder, deren Zahl anscheinend glücklicherweise mit den wuchernden Sabra-Hecken einigermaßen Schritt hält. Nun, von allen einheimischen Produkten und Erzeugnissen dieses Landes, tozereth-haarez genannt, sind diese ״Sabres“ sicherlich das Köstlichste uaid Edelste. Herrliche, junge, aonngebräunte Früchte mit großen, tiefen und leuchtenden Augen, mit von Gesundheit strotzenden, elastischen kräftigen Körpern, mit irden, durch keinen Minderwertigkeitskomplex belasteten, aufjauchzenden jungen Seelen. Nirgendwo kannst Du so schön« gesunde, dabei natürlich-kluge und auch rin wenig wilde jüdische Kinder sehen, wie dieses prächtige ״Sabre“-Geschlecht, jene erste junge hebräische Generation auf heimatlicher Scholle, die da in Licht, Luft Arbeit und innerer wie auch äußerer Freiheit wächst, einer Freiheit, die diesen jungen Seelen Harmonie gibt. Anmut, Schönheit Und Adel. Arbeit und Gemeinschaft, das sind die beiden großen Ideale, für welche diese jungen Seelenpflänzchen von frühester Jugend an zielbewußt erzogen werden. Wie ein leuchtender Kranz junger, bunter Frühlingsblüten umschönen die ״Sabres“ die Scholle, die ihnen wirklich wieder Heimat ist und in deren geheimnisvollem, dunklen Schoße noch tausend ungeahnte Lebenskeime schlummern, die einmal mit der Kraft dieser jungen Muskeln und der Liebe dieser jungen Herzen zu neuem Leben erweckt werden sollen. Sie sind der große Traum und die blühende Hoffnung einer zerrissenen, wunden, seit zwei Jahrtausenden nicht mclir zur Ruhe gekommenen Wanderseele, Diese Menschen hier sind arm an Geld. Und auch die reichsten von ihnen stehen sehr weit davon entfernt, was man nach europäischen Begriffen reich nennt. Aber sie besitzen einen ungeheuren Reichtum, kostbarer als alles Geld! Und das ist ihr enthusiastischer, fanat'scher Glaube an d ie Zukunft. Ihr gilt aller Schweiß, alle Arbeit, alles Blut; ihr aller Jubel und auch alle Qual, die sie in die entkeimende altjunge Schotle versenke» in inbrünstiger Arbeit, in lächelnder Entbehrung, in prophetischer Ekstase, Und an ihrem dunklen, wetterschwangeren Saume, da flimmt ein zarter, silberner Streif auf wie ein fernes, fernes raumerdämniern: Der neue Mensch. Abraham Goidberg Von unserem Korrespondenten. —g. Warschau, 25. Oktober. Das Hinseheiden Abraham Goldbergs, des langjährigen Chefredakteurs des ״H a j n t“, bedeutet einen großen ver• lust für das polnische Judentum. Qoldberg war rin hervorragender Journalist und hat sich große Verdienste um die Entwicklung der jüdischen Presse m Polen erworben. Was ihn als Publizist besonders aus7.eich!1ete, war die Geradlinigkeit und Ehrlichkeit, mit der er die Interessen der polnischen Judenheit vertrat. Die Wechseifälle des politischen Lebens haben diesen aufrechten Mann nie wankend machen können. Goldberg war in der zionistischen Bewegung tätig. Der Parteistreit, die Ambitionen der Führer verursachten Abraham Goldberg tiefen Schmerz. Er fand in den letzten Jahren in sich Kraft genug, um Führern und Volksmassen Worte der Mahnung zu sagen. In den entsclicidensten Augenblicken griff er energisch ein, schonte dabei niemanden, auch nicht seine nächsten Freunde, wenn ihm sein zionistisches Oewissen etwas durchzusetzen befahl. Vorträg« des Kulturbundes. Im Kulturbund Deutscher Juden behandelte Rabb. Dr. Baeck das Problem ״Judentum und Umwelt“. Wenn man über diesen Vortrag referieren soll, so kann man Ihn nicht mit stenographischer Treue wiedergeben, sondern muß auf die Grundhaltung eingehen, auf der sich diese Ausführungen aufbauen. Judentum ist, soweit wir es geschichtlich verfolgen können, immer eine ״Ausnahme“ gewesen, eine Sache der Wenigen und damit wurde es den Völkern zu allen Zeiten zum Problcm. Alle großen Gemeinschaften haben mit dem Faktum der Masse zu rechnen; Juden sind nie im eigentlichen Sinne Massenmenschen gewesen. Damit wurden sie auch unbequem: sie waren die Träger einer Idee, die nicht die herrschende war, sie vertraten Gedanken, die nicht Allgemeingut wtTen, sie störten die Völker aus ihrer Ruhe, wie ist nun diese besondere Haltung des Juden zu verstehen? Dr. Baeck sucht sie wie folgt begreiflich zu machen: Judentum ist von Anbeginn ausgezeichnet durch seine kämpferische Lebensauf• fassung. Jakob wird von Gott deT Name ״Israel“ d, h. Ootteskämpfer gegeben; die Propheten befinden sich in einem steten Ringen mit Gott. Daher hat das Judentum nie eine fertige Glaubenslehre gekannt, sondern stets um einen neuen Ausdruck für sein religiöses Erleben gekämpft. Dieser Kampf hat sich in drei Ideen niedergeschlagen: 1. der Idee der Einheit des Kosmos, die das Judentum gegen die gesamte Antike vertrat; 2. dem ״unverbesserlichen Weltverbesserertum“ der Juden, das mit der messianischen Idee zusammenhängt, die Welt zum Gottesreiche hinzuführen, und 3. der Idee des verpflichtenden Glaubens — im Gegensatz zur Philosophie, die niemals und zu nichts verpflichtet. So ergibt sich immer von neuem die Spannung zwischen Judentum und Umwelt. Einen Ausweg aus dieser Problematik bat Dr. Baeck nicht gezeigt; und bis zum Ende des vorigen Jahrhunderts hat unsere ganze Geschichte keine Lösung gewußt. Erst mit dem zionistischen Gedanken, mit dem Versuch, selbst wieder ein normales Volk zu werden, scheint ein Ansatz zur Ueberwindung der ewigen Spannung gemacht worden zu sein. — In eine andere, unbeschwertere Welt entführte Ludwig Haidt eine zahlreiche Hörerschar. Zwei Dichter, Heinrich Heine und Peter Altenberg, bildeten daa Programm. Zwei in ihrem Wesen, in Ihrem Humor, in ihrem Sarkasmus verwandte Menschen. Heine, der sachliche Dichtcr in einer romantischer! Epoche; und Altenberg, der romantische Dichter in einer sachlich werdenden Epoche — sie haben ihre Gemeinsamkeiten und Verschiedenheiten. Der Heinesche Teil war ausgesprochen jüdisch. Von der ״Prinzessin Sabbat“ über die ״Memoiren des Herrn von Schnabelewopski“ bis zu den kleinen Gedichten über Salomo und David ist ein starkes jüdisches Gefühl spürbar, das ifns nur in gebrochener Form entgegentritt, weil es überlagert wird von der frisch erworbenen Schicht europäischer Kultur. Altenberg war dem Judentum schon zu sehr entfremdet, um noch eine innere Notwendigkeit zu sehen, sich mit ihm auseinanderzusetzen. Einige geistreiche Aphorismen — das scheint im wesentlichen alles zu sein, was er in dieser Hinsicht geschaffen hat. Die Vortragskunst Hardts gestaltete das meiste sehr lebendig. Todesfall. In Prag verstarb am 21. Okt. im 80. Lebensjahr Herr Adolf Brod, der Vater unseres Freundes Max Brod und seiner Geschwister Otto Brod und Frau Sophie Friedmann. Der Verstorbene entstammte einer frommen Familie und wandte sieh im Laufe seines Lebens immer stärker positiv-jüdischer Betätigung zu, bis er zum Zionismus kam. Reine Kinder sind nicht zuletzt auf Grund der im Elternhause genossenen Erziehung Zionisten geworden. Die kirnstlerische Ader Adolf Brods verband ihn besonders stark mit dem Theater. Er beschäftigte sich zeitweise mit Theaterkritik und war bis zu seinem Tode mit allen künstlerischen Fragen verbunden. Wir sprechen den Angehörigen unser aufrichtiges Beileid aus. Zur Frage der Ansiedlung von Akademikern Von Dr. Karl H11 b, Advokat ha Haifa. 1. Das Problem der Seßhaftmachung von Akademikern ist zwar nur ein Teilproblem der Einfügung der deutschen Juden in Palästina, ist aber deshalb von besonderer Schärfe, weil hier eine Zuwanderung von Menschen in übermäßiger Zahl stattfindet, die sich alle in der gleichen Berufsart zu betätigen gedenken. Während gegen die Niederlassung einer großen Zahl von Rechtsanwälten die Sprachschwierigkeiten und das Erfordernis der Ablegung einer Staatsprüfung noch einigermaßen als Sperre dien«!, finden Aerzte und Zahnärzte keinerlei Hemmnisse vor, die einer sofortigen Niederlassung entgegenstehen. Dies hat in den großen Städten bereits jetzt schon dazu geführt, daß fast kein Haus ohne Arzt ist. Daß eine solche Anhäufung von Aerzten und Zalm• ärzten in einem Land, das bis jetzt schon immer ärztlich gut versorgt war, zu einer Katastrophe führen muß, ist mit Händen zu greifen. 2. Es darf daher ohne Bedenken gesagt werden, daß eine weitere Zuwanderung von Akademikern, die ohne gehörige Umstellung ihren Beruf hier {ortzusetzen gedenken, nicht nur zu persönlichem Unglück, sondern such zu einer Gefahr für unsere Wirtschsft werden kann, Meines Erachtens gibt es nur eine Möglichkeit für Aerzte und Zahnärzte, ln gesundheitspolitischer Hineicht wertvolle Dienste für das Land zu leisten. Wer den chaluzisehen Mut und die Kraft zu reichlichen Entbehrungen in sich fühlt, der mag versuchen, in den arabischen Mittel- und Kleinstädten sich einen Platz zu erkämpfen. Dort werden tüchtige Aerzte noch gebraucht, dort kann der Einzelne wertvolle Erziehungsarbeit leisten und den Standard der Hygiene der Ortsbevölkerung und damit auch indirekt der jüdischen Bevölkerung verbessern helfen. Hier, liegt eine gewaltige Aufgabe, die aber nur der suf sich! nehmen kann, der den Weg voll Domen und Leiden eines wahren Chaluz zu gehen bereit ist. 3. Nur wenige Auserlesene werden diesen Weg gehen k&nnen, von den übrigen sber wird eine völlige Umstellung ihres beruflichen Lebens gefordert werden müssen. Es gibt heute in Palästina zwei Wirtschaftszweige, die Aussicht auf Erfolge bieten: Landwirtschaft und Industrie, ln diese Richtung muß nicht nur das Kapital, das im allgemeinen die akademischen Kreise mitbringen, sondern auch die einzelne Person eingestellt werden. Was den Kreis der Landwirtschaft anbelangt, so ,wird soeben der Versuch gemacht, vornehmlich Akademiker mit dem Durchschnittskapital von £ 1000 auf bewässerbarem Boden in der Haifabay anzusiedeln. (Vgl. auch den Artikel von Dr. W. Mahn, ״Jüd. Rundschau“ Nr. 81/82. — A, d, R.) Was in der Landwirtschaft möglich erscheint, sollte in der Industrie zu versuchen nicht unterlassen werden. Dies wird um so notwendiger *rin, als nicht jeder die such bei gärtnerischer Betätigung vorauszusetzende völlige körperliche Gesundheit und ein nicht zu unterschätzendes Maß zur Kraft mitbringt. Dagegen haben Aerzte (Chirurgen, Zahnärzte) vor den übrigen akademischen Berufen ein gut Teil manueller Fähigkeiten vorsus, die entwickelt und verwertet werden sollten. 4. Das Problem lautet also, wie «oll für eine größere Anzahl von Akademikern, von denen jeder ein Durchschnittskapltai von etwa £ 1000 besitzt, ausreichende Erwerbsmöglichkeit In einem industriellen Betrieb geschaffen werden. Es ist von vornherein klar, daß dies nur möglich ist, wenn die verhältnismäßig geringen Einzeikapitalien zu einem größeren Stock konzentriert werden, also in gesellschaftlicher Form gewfrtschaftet wird. Andererseits kann aber für den einzelnen Einleger Im allgemeinen keine Rendite erwartet «׳erden, die ihn und seine Familie ernährt, wenn er nicht selbst im Betrieb als einfacher Arbeiter mitarbeitet. Vor den Einlegern steht also die Aufgabe, selbst die Arbeiter für den eigenen Betrieb abzugeben. Da er aber die Arbeit nicht kennt, werden zunächst Vorarbeiter eingestellt werden müssen, aie die Einleger zu unterweisen haben. Diese Lehrzeit kostet selbstverständlich Geld, worauf bei der Finanzierung des Unternehmens Rücksicht zu nehmen ist. Deshalb dürfte sich der Einzelne nicht mit seinem ganzen Kapital beteiligen, sondern müßte soviel zurückbehalten, als zu seiner Erhaltung während der Lernzeit erforderlich ist. Nach Ablauf der Lehrzeit würde er als gelernter Arbeiter im eigenen Betrieb den Arbeitslohn eines solchen beziehen und außerdem eine Rendite für sein Kapital haben und damit eine bescheidene, aber auskömmliche Existenz finden. Ich kann mir zum Beispiel vorsteilen, daß — ohne über die Möglächkeit solcher Industrien in Palästina etwas sagen zu wollen — gerade für Aerzte die Herstellung von ärztlichen Instrumenten, Prothesen, Bandagen, Krankenhausartikeln, künstlichen Zähnen u. a. nicht ohne Reiz sein mag, namentlieh, da hier auch gewisse Branchenkenntnisse wohl vorausgesetzt werden können. Aber auch be! der Befähigung auf dem Gebiete der Optik, der Uhren-, Spielzeug- und der feinmechanischen Industrie usw. dürfte der Akademiker seine geistige Befriedigung finden. Selbstverständlich wird eine solche Betätigung nicht soviel abwerfen als eine mit der gleichen Einlagesumme begründete gutgehende Praxis. Eine ärztliche Praxis in Palästina zu begründen, ist sehr leicht, hingegen mehr als fraglich, ob sie auch die erhofften Gewinne abwerfen wird. Ja“ ich fürchte sogar, daß selbst bei bescheidenster Lebensführung viele Praxen sich nicht werden halten können, während bei einer Betätigung auf dem industriellen Gebiet die Schaffung eines bescheidenen Auskommens möglicher erscheint. Die zurzeit als wohltätig empfundene Kapitaleinfuhr wird zudem dem Lande nur zum Segen gereichen, wenn es gelingt, die einzelnen Kapitalien zu größeren Mengen zu konzentrieren, um sie aut der produktiven Seite der Wirtschaft wirken zu lassen. Werden sie aber auf der konsumtiven Seite durch Investition in überfüllten Berufen verzettelt, so wird weder der Einzelne noch die Gesamtheit Nutzen daraus ziehen können. Selbstverständlich gelten die obigen Ausführungen über die Möglichkeit des Aufbaus eines Industriezweiges mit verhältnismäßig geringen Einzelkapitalien und zunächst tu!־ gelernten Kräften nicht etwa nur für Akademiker oder gar nur für Aerzte. Jede andere Berufsklasse kann vielleicht sogar mit mehr Aussicht auf Erfolg sich zu ähnlichen Unternchmungen zusammenfinden. Hier wurde auf den Aerztestand nur deshalb besonders hingewiesen, weil hier die Fehllcitung der von diesem Stand nach Palästina bisher eingeführten Kapitalien am offensichtlichsten in Erscheinung tritt Im Zusammenhang mit einer Aktion für das Chemischlandwirtschaftliche Institut in Rechoboth hielt sich Dr. Chaitn Weizmsnn, der die Leitung des Instituts innehaben wird, einige Tage in Brüssel auf.