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Jüdische Rundschau · 1933-10-31 · Heft 87 (31.10.1933) · p. Seite 734

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 87 (31.10.1933)
Date
1933-10-31
Page
Seite 734 (sequence 6)
Language
German
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Se׳te 732 JOCHS CHE RUNDSCHAU Nr. 87. 31. X. 1933 gerichtet. Die Schaffung einer Volksküche ist geplant. Der Franenverein bemüht sich, junge Miidchen in geeigneten H*u*haltungen in allen Hausarbeiten unterweisen zu taisen. in letzte־׳ Zeit ist eine Ortsgruppe des jüdischen Kultur■ bundei ,,Rhein-Ruhr" gegründet worden. Die Arbeit der Zionistischen Ortsgruppe ist ganz aul die Jugend eingestellt, mit dem Erfolg, daß der größte Tei! der Jugend in den zionistischen Bünden zusammengefaßt ist. Beredten Ausdruck vom Geist der Jugend gab eine Veranstaltung, in der der Vorsitzende der Zionistischen Ortsgruppe über ״Jüdische Jugend in unserer Zeit“ referierte und die Jugend in einer eindrucksvollen Aussprache ihr zionistische•* Wollen zum Ausdruck brachte. Die jüdische Volksschule wird von 160 Kindern besucht. Ewald Stern. Gemeinde-Rundschau Haiierloch (Hohenzollern). Es war ein Zeichen der heutigen Lage, dal! am Simch.-ith-Thora-Abend statt des üblichen Tanzvergnügens ein ernsten Fragen gewidmeter Gemeinde,abend veranstaltet wurde. Der Vorsitzende der Gemrinrie. Herr Alfred Levi, legte in einem Referat die Notwendigkeit dar, für die Bedürftigen der Gemeinde eine besondere Aktion zu veranstalten. Ferner zeigte er die Vorteile auf, welche die (ir 1111 düng: einer jüdischen Darlehenskasje für die Angehörigen der Gemeinde bieten Endlich ging der Referent auf Fragen der Berufiumachichtung und Aus- Wanderung; ein. Nach lebhafter Aunprache wurde beschlossen, die Hiifss.irnmlung bald ins Werk zu setzen; sie ist inzv, rieben mit schönem Erfolg durdugeführt worden. Bezuglieh der I).׳irielienskasse wurde bc-eblossen, Informationen ein/nholcii, um daun evtl, an die Ausführung auch dieser Plan:' gehen zu können. Eur den Gedanken der Umschichtung zch.'tr naturgcm di die Jugend dagrollte Interesse; doch könnt«! Bi'-chhi-'e - der Art der Sache nach -- auf einem solchen Abend nicht 1: cf aßt wc/deii. Man ist villciis, einstweiien nach geeigneten Lehrstellen iur Uni-iliiehiungsbereite i 'umhau zu!!alten. -- Der ,.Verein für jüdische Geschichte und I iterntur“ und der Jüdische Jugendvercin wollen, wie in d'•! Ict/trn Jahren,;1111:11 in ilie-em Winter gemeinsame Vor- 1; ׳• adelnI!׳ \ eianstaiteii. Daliei ist vor nllem an gesdiü'lifliehe Thcinen gedacht. Ferner will man mehrere auswaitige Herren, di!־ längere Reisen in Erez Israel gemacht Italien, für Vortrage in den Vereinen gewinnen. Köln. Am Sonntag Abend fand liier die erste Vcranstaltimg des Judi-cheit KuHiirhifides Rhein-Ruhr statt. Vor Beginn des Abends wies Rechtsanwalt Jonas auf die Not der Zeit hin, die /וו dem ZusanmienscliliiB im Kulturbund geführt habe. Lmnnuel F c 11 c r 111 a 11!! (Violoncello) und Hans Wilhelm S t e in h t r g (Klavier) galten dein Abend hohes Niveau. Mit der 1 lingabe ihrer!;an/en Persönlichkeit spielten die beiden Solisten Beethovens Variationen über ein Thema aus dem Oratorium ,,Judas Matcabäus von Händel, die A-dur- Sonnte Oft. 60, ferner Bachs Suite für Violoncello solo D-möll und Mendelssohns D-dur-Sonate Op. 58. J■ Mannheim. Musikalische Ä b e u d f c i e r. Die erste musikalische Abendfeier am 22. und 23. Okt. in der Synagoge bildete für das jüdische Kunstleben ein bedeutsames Erelgnri. Der Gesangverein ״Liederkranz“, auf eine lange Tradition ziiriickblickcitd, hat sich die Aufgabe gestellt, fernerhin auch Werke unserer Meister der synagogalen Mitsik zu Qefiör zu bringen. Der Leiter des Chores, Kapellmeister .Max Sinzheimer, zeigte in der Führung seiner Sänger die erstaunliche Fähigkeit, in kürzester Zelt gesangliehe Leistungen mit feinsten Abstimmungen zu erreichen. Einleitend spielte Josef Levi das ״Orgclpräludiutn zum Laubhiittenfest“ vo!1 Lewandowsky, ln ,.Liturgische Gesänge aus den! Morgengebet“ von Sulzer und ״Liturgische Terzette“ von Rossi wirkten als Solisten mit: Gisela Liebermen sch (Sopran), Reirna Weil als Altistin, Hugo Adler, bestbewä lirt wie iniiner auch liier in meisterhafter kan (oraler Weise. Iden Abschluß des Abends blldelcn Chöre aus Hündel-, Oratorium ,,Samson“, ln den Mittelpunkt war die Ansprache von Rabbiner Dr. Grünewald gestellt, L. Marx, Plauen. Die Gemeinde zählt z. Z. noch fast 500 Juden (hei 15 ■ , Abwanderung); doch konnte man wahrlich nicht vcm einem regen jüdischen Leben sprechen. Selbst die neueste Zeit hat kaum irgendwelche Aendcrung gebracht. Woran liegt das? Die Scheidung zwischen Ost und West Ist hier be-oiulers krafi, mich beute noch. Lin großer Ted der West- Juden verhält sich noch den jüdischen Geschehnissen gegenüber ziemlich passiv. Die Ostjuden gehören zum größten Teil der Orthodoxie an; und auch dort ist wenig!.eben zu spuren, Die Jugend ist größtenteils im Misrachi organisiert. Der ,,jüdische jugfndbiind'1 leistete bisher fast keine Arbeit, umi jetzt geschieht von ihm aus überhaupt nichts mehr. Als weitere Jugendorganisation existieren die ״Werkleute“, die sich in letzter Zeit erfreulicherweise zionistisch aktiv betätigen. 13. haben gerade sie sich fiir die Rasch Hftsdiaimii-Aldion des KK1. tatkräftig eingesetzt. Dank dieser Aktion konnte ein weit größerer Teil der Gcmeindemitglieder erfaßt werden als bisher. Es wurde auch hier das Projekt einer jüdischen Schule erwogen. Keiner wagte etwas dagegen zu sagen, doch fehlt der rechte Wille. Neuerdings findet unter Leitung von Herrn Kentor Wormser zweimal wöchentlich ein neuhebfllscher Kunu» statt, ein Fortschritt, der früher kaum denkbar war. Pllne zu einer umfassenden jüdischen Jugendarbeit lind aufgestellt worden, und wir hoffen, daß ihre Ausführung . nicht an Formalitäten scheitern möge. Tilsit. Trotz großer wirtschaftlicher Not hstte die hiesige Rosch He.schanah-Aktion des Keren Kajemeth einen bedeut- «amen Erfolg. Das Ergebnis war günstiger als da• der früheren Jahre. — Die hiesige Gemeinde will zu Anfang des kommenden Jahre» eine Ausblldunpsiiitte für Gärtner schaffeu, in der 40 junge Menschen diesen Beruf erlernen sollen. In erster Reihe Ist hierbei an die jüdischen Jugendlichen Ostprt’111; r ־ gedacht. Waldenburg. Am 20. September konnte die Synagogen- Gemeinde Waldenburg i. Seid, düs 50jährige Bestehen ihres Gotteshauses feiern. Herr Rabb, Bernhard Brilling (Breslau) hielt die Festrede. — Zum Versöhnungstage konnte Prediger Wieser sein Amt wieder antretCn. Das jüdische Qemeindelebcn soll jetzt besonders!־ege werden. Es werden Arbeitsgemeinschäften für Hebräisch und Palästinakunde eingerichtet. Dem Religionsunterricht wird fürjede Klasse eine Wochenstunde ln Neunebräiich angegliedert. Es Ist geplant, für die zionistischen Frauen eine Wizo-Gruppe cinzurfchten. Auch soll eine Ortsgruppe des ״Hechaluz“ gegründet werden. — In letzter Zeit sind einige Familien von hier verzogen; und ln den nächsten Wochen wird eint erhebliche Anzahl von hier wegziehen, meist nach Palästina. Deshalb ist der erste Oemeinaeabend, der am 15. Oktober ln der hiesigen Synagoge stattfand, zu einem Abschiedsfest timgestaltet worden. Semiimrdozcnt Dr. l.ewkowitz (Breslau) hielt einen Vortrag über: Religion und Volk als Einheit im Verlaufe der jüdischen Geschichte und in der Gegenwart. Frau Sehwarz-RoSenbaum (Breslau) bot Proheu ihrer Dcklaimationskunst 111111 alsdann sprach Herr Adolf Meyer zu allen Scheidenden herzliche Abseluedsworte namens der jüdischen Gemeinde. Besonderen Dank widmete er Herrn Dr. Leo Cohn, der als Mitglied des Repräsentantenkollegiums und als Leiter der Zionistischen Ortsgruppe sich große Vcrdiente erworben hat und In wenigen Tagen nach Palästina ühersiedeln wird. Prediger Wieser entbot den Scheidenden einen Gruß. Nachdem noch von der zionistischen Jugendgruppe einige hebräische Lieder gesungen waren, ergriff Dr. Cohn das Wort. H. Wieser. Das Alte Testament im Religion »unterricht Wie das VDZ-Biiro meldet, steht eine Neuregelung des evangelischen Religionsunterrichts in den Schulen bevor. In jüngster Zeit haben nämlich Verhandlungen zwischen der neuen evangelischen Kirchenregierung und aen zuständigen Ministerien über ein« solche Reform staftgefunden, die vorläufig zu dem Ergebnis geführt haben, daß bis zu der endgültigen Neuregelung der evangelische Religions• unterricht in der Schule in der bisherigen Form erteilt werden soll. Eine große Rolle dürfte bei der bevorstehenden Neurege• hing die Behandlung des aus dem Alten Testament stammenden Unterrichtsstoffes bilden. Schon jefzt läßt sich sagen, daß der Inhalt des Alten Testaments nicht mehr in dem bisherigen Umfange im Schn!unterricht vorgetragen werden wird, wo er bisher ganze Schuljahre in Anspruch genommen hat. Dadurch, daß'man iibere'ingekommen ist; bis zur Durchführung dieser Reform, die für das ganze Reich einheitlich vorgenommen werden soll, keine Aendcrung im Religionsplan vor- »!nehmen, hat auch jene Verfügung des Regierungs• Präsidenten von Schleswig ihre Erledigung gefunden. wonach die Geschichte von der Opferung Isaaks wegen einer 111 ihr zum Ausdruck kommenden undeutschen Oottesanschauuug aus dem Lehrplan der Schulen zu streichen sei. Auch diese Einzelfrage wird erst be! der bevorstehenden Reform endgültig geklärt werden. Die Arierklausel für Erbhofrichter Der amtliche preußische Pressedienst berichtet, daß das Staatsministerium in seiner Sitzung vom 26. Oktober das preußische Ausführungigeietz zum Reichserbhofgesetz verabschiedet hat. Das Gesetz bestimmt 11. a״ daß die nach dem Reichserbhofgesetz regelmäßig für die Dauer eines Kalenderjahres erfolgende Ernennung der Vorsitzenden der Anerbcngeriche jederzetlt widerrufen werden kann, wenn sich horanssfellt, daß ein Richter nicht deutschen Blutes ist. Nach dem Rcichscrbhofgesetz werden «n den Nachweis der Deutsehhlütigkelt der Richter in den Anerbenbehörden schärfere Anforderungen gestellt als im allgemeinen Beamtenrecht. Ebenso wie der Erbhofbauer muß auch der Richter im Ancrbengericht naehweisen können daß unter seinen Vorfahren bis zurück auf das Jahr 1800 nicht Angehörige der jüdischen oder einer farbigen Rasse waren. *,Die Judenfrage ad acta gelegt״ Reichsminister Dr. Goebbels hielt in Dresden anläßlich der Eröffnung der Relchstagiwahlpropaganda eine Rede, ln der er auch auf die J u d e n f r a g'e zu sprechen kam. Dem Bericht des ״Völkischen Beobachters“ vom 29. 10. zufolge erklärte er hierzu: ״Wir haben an dieser Frage das gelöst, was zu lösen war und sie dann ad acta gelegt.“ Jüdische Verbaudsvertreter und Arbeitsgericht Einen Beitrag zur Frage der Zulassung von V e r - bandsvertretern nicht arisch er Abstammung hat jetzt als Berufungsinstanz das Landesarbeitsgerieht Berlin gegeben. Es hatte sich laut Bericht des ״Berllner Tageblattes“ vom 27. 10. mit der Klage eines Arbeitgeberverbandes zu beschäftigen, der dagegen Stellung nahm, daß vor dem Arbeitsgericht sein nichtarischer Vertreter, Dr. F. abgewiesen war; die Abweisung war unter Bezugnahme auf den Arierparagraphen erfolgt, die im Berufsbeaintengesetz und an anderen Stellen jetzt Gültigkeit hätten. Der Arbeitgeberverband machte geltend, daß Niehtarler als Verbandsvertreter auch fernerhin zuzulassen seien, da ja eine Ausweisung von Nichtariern auch aus diesen Posten dem Willen des Gesetzgebers nicht entspreche. Der Gesetzgeber hatte sonst jedenfalls entsprechende Vorschriften erlassen; solange sie nicht bestünden, müsse der bisherige Rechtszustand gelten. — Das Landesarbeitsgericht hat diesen Einwand zurückgewiesen. Es spricht in seinem Urteil aus, daß gewiß eine ausdrückliche Erwähnung solcher Art in den gesetzlichen Bestimmungen nicht vorhanden sei. Eine R e v o I n t i onsgesetzgebung vermöge aber auch nicht alle Einz clverhältnissc zu regeln timl müsse cs bpi vorhandenen Lücken den Gerichten und den sonst maßgeblichen Stellen überlassen, Entscheidungen zu treffen, die ihren Grundlinien gerecht werden. Auch sei eine gesetzliche Regelung der Frage nichtarischer Verbandsvertrctcr deshalb wohl überflüssig gewesen, weil es nach Bildung der deutschen Arbeitsfront aß ausgeschlossen gelten könne, daß von ihr oder ihren Untervcrhiihden Vertreter nichtarlseher Abstammung zu den Arbeitsgerichten entsandt würden. Ausnahmen würden wohl allein dann gegeben sein, wenn cs sich um die Vertretung von Rechtsangelegenheiten der Mitglieder der in Aussicht genommenen Verbände nicht arischer Arbeitnehmer lundelte. Die nationalsozialistische Bewegung, in deren Hiinden die Rcgirruiigsgcwalt liege, so erklärt dieses Urteil, wolle unzweifelhaft alle Personen nicht,•irischer Abstammung — mit gewissen, fest timrissenen Ausnahmen — von der Mit- Wirkung in der Rechtspflege grundsätzlich ausschließen. Handel »verbände und Juden In den Berliner Kammersälen sprach in einer Versatmnlung des Berliner Vereins der Handelsvertreter der stellvertretende Vizepräsident des Reichsstandes des deutschen Handels, von Dewitz. Er wandte sich (nach dem Bericht des ״Berliner Tageblatts“ vom 26. 10.) gegen jene, die dem Vcrein der Handelsvertreter einen Vorwurf daraus ma-ehen, daß er seine jüdischen Mitglieder behalte, und erklärte; Ich betone nochmals, daß ich unabänderlich daran festhalte, daß die Juden in dieVerbände hinein ge hören. Wenn man den gt'Sälnfeti Handel erfassen wollte, dann könne nicht ein Teil der Handclstreibenden außerhalb der Verbände sein Wesen treiben. Im Deutschen Aerzteblatt, das im Verlage de! Deutschen Aerzteschaft in Berlin erscheint, werden in den Ausgaben vom 21. und 28. Oktober Informationen über die Lage des ärztlichen Berufes im Auslande mitgcteilt.!nsbesondere_ beschäftigen sich diese Informationen mit den Möglichkeiten des Unterkommens ausgew änderten deutscher Aerzte in überseeischen Ländern. Hierbei wird u. a. auf die Möglichkeiten für jüdische Aerzte hingewiesen, die allerdings, wie überhaupt die Auswanderungsmöglichkeit für Aerzte, nur äußerst gering sind. Das Urteil in dem Prozeß Df. Marx-Milhrdel 15t rechtskräftig geworden. Weder von der Staatsanwaltschaft noch von den Angeklagten ist Revision eingelegt worden. Im 60. Lebensjahr verschied in Königsberg der hervorragende Bibelforscher und Linguist Rabbiner Dr. Felix Per i es, Honorarprofessor für neuhebräisches und aramäisches Schrifttum an der Universität Königsberg. Der Verstorbene hat eine Reihe grundlegender Werke auf dem Oebiete der Linguistik und Religionswissenschaft veröffentlicht. Zeitweise wirkte er auch an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Laut einer uns zugekommenen Mitteilung hat der Verstorbene testamentarisch verfügt, daß keine Nachrufe in der Presse erscheinen sollen, ein Wunsch, dem wir uni zu fügen haben. Berliner Kanzelredner Ein krlflicher Bericht Daß man Predigten einer öffentlichen Betrachtung unterzieht, wird vielen ungewohnt sein. Dennoch liegt da* im Interesse der Predigt selbst wie des Publikums: beide haben den Wunsch nach einem möglichst guten Niveau. Eine Kritik der Predigten, die selbstverständlich nur um der Sache willen und keiner Person zuliebe oder zuleide geübt wird, kann dem Niveau und der Wirkung der Predigt nur förderlich sein. Fs hat eine Zeit gegeben, in der die Predigt bloß Füllsel, Ornament oder bestenfalls Lehre 'war. Heute jedoch hat sie eine Funktion: aufzurüttein, zu mahnen und zu trösten, Einblick in die Zeit und Ausblick in die Zukunft »1 geben. Der Prediger muß Jetzt wieder ein Mann sein, der den Neubau unserer Zukunft in sich trägt, der intuitiv weiß, auf weichem Fundament unser künftiges Leben stehen wird. Es liegt in der Natur der Sache, daß bei jungen M r n ־ Sehen, wenn sic einmal diese Aufgabe der Gegenwart erfaßt haben, der Rabbincrtypu* der Zukunft deutlicher ausgeprägt ist al» bei Aclteren. Ihr Bemühen und ihr Ringen liegt noch mehr an der Oberfläche, ist noch sichtbarer. Eine Predigt von Dr. Prinz. Ist hierfür ein Beleg. Seine Reden sind immer ein Versuch, von allen möglichen Seiten sich an die Probleme heranzulasten und die wirkliche Lage zu erkennen. So war der Grundgedanke der letzten Predigt, die wir von ihm hörten, etwa folgender: Unser Schicksal führt tin* heule zu einem ״Dasein des Schweigens"; wir können nicht sagen, was wir fühlen, weil uns die Welt nicht hören will und noch nicht «der nicht mehr versteht, E» ist daher die Zeit der schweigenden Rückkehr ins Judentum. Die Folgerung, die sich aus diesem Tatbeifand ergibt, die aber in der Predigt nicht deutlich gezogen wurde, ist eitle iieideml für den neuen jüdisch«! Menschenty p, den cs zu schaffen gilt: nicht nach außen scheinen, sondern nach innen sein. In dieser erzieherischen Richtung hätte die Predigt fortgeführt werden können. — Wenn man die Methode charakterisieren will, so könnte man sie eine Methode der seelischen Auflockertmg nennen. Dr. Prinz versucht dadurch, daß er die Dinge heim rechten Namen nennt, den Menschen deutlich zu machen, daß sie ihre Gesinnung ändern müssen. Daß diese Art günstig wirkt, zeigt der Andrang und die Bcgeisterung für den Redner. Unsere Synagogen lies 11 eher freilich: das ist rin Kapitel für sich. Die Oberflächlichkeit der Urteile, die man am Schlosse hört, wollen wir hier nicht kennzeichnen. Ließe sich nicht eine systematische Erziehung zum Synagogenbesuch durchführen, zumindest bei der Jugend? Vor allein lehrt die Jungen endlich einmal das Zuhören! Es ist ein Jammer, wie wenig die meisten Leute ihre Aufmerksamkeit für eine halbe Stunde zu konzentrieren vermögen. Doch dies nebenbei. Eine ganz andere Art zu wirken hat Dr. Warschauer. Abgeklärt, über den Ereignissen stehend, sucht er mit philosöphischer Gelassenheit den Zuhörern die Welt begreiflich zu machen. Wir hörten eine Predigt, die vom Naturgesetz Und *einem Wert für das menschliche Leben handelte, im Natur- Besetz offenbare *ich Gott; und da die Menschheit In der Nafiircrkeniitni׳* ständig fortschreitc, so müsse sie auch notwendig in der Erkenntnis Gottes fortschreiten. — Eine Folgerung, die logisch einwandfrei, aber geschichtlich leider nicht haltbar ist. Je intensiver seit der Renaissance das Naturgesetz erforscht wurde, um so stärker trat das Religiöse in den Hintergrund. Trotz dieser Einwäude erfüllt «ine solche Predigt ihren Zweck; denn sie hebt die Menschen aus ihren Alltagssorgen heraus und stimmt sie nachdenklich, was gewiß kein Fehler ist. Man könnte die Art Dr, Warschauers als eine theo* logische Psychotherapie bezeichnen: beruhigend, über die Zeit hinausfiihrend. Das Publikum fühlte sich, dieser Eindruck drängle sich auf, angesprochen, es hatte bekommen, was es erwartet hafte. In eine ganz andere We|t fühlt sich der Hörer bei einer Predigt Dr. 0 a 1J i n e r s versitzt. Folgenden Gfidähkfthgäiig bekam man zu hören: Abraham ist von Gott in die Welt ge■ schickt worden, 11m die jüdische ״Mission“ zu erfüllen und die Religion zu verkünden. Deshalb sei es auch heute unser Schicksal und unsere Bestimmung, unter den Völkern zerstreut zu!eben und ihre Kultur in uns aufnuiehmen, 011 ne deshalb aufzuhören, Juden zu sein. — Abgesehen davon, daß es sich bei den Wanderungen Abrahams tatsächlich nur um die Streif- Züge eines Nomadenstammes handelt; und abgesehen davon, daß auch im_biblischen Bericht kein Wort von einer ״Mission“ steht, ist dieser doktrinäre Liberalismus unbegreiflich, der heute noch nicht einsieht, daß sich die Grundlagen des jüdisehen Lebens geändert haben. Wir hörten schließlich eine Predigt von Dr. Emil Lcvv, die zu mehreren Tagesfragen Stellung nahm. Z11111 Verhältnis Judentum — Deutschtum meinte Dr. Levy, es wäre besser gcwesen, man hätte früher die Distanz gewahrt; ein Zusammenleben sei nur möglich, wenn wir wieder voll und ganz. Juden Würden. Ein Ansatzpunkt hierfür sei die Gründung jüdischer Schulen. Erschwerend für die Zukunft sei freilich der unselige Parteienkampt im Judentum: ״Der Blitz hat den Stamm Israel zerschmettert, und die Zweige führen einen lustigen Bruderkrieg.“ Es sei zu hoffen daß der Aufbau Palästinas wie ein Schmelztiegel wirke, in dem die Schlacken Israels ausgemerzt werden. Dr. N. Frankfurt a. M. Am 19. November wird in der Frankfurt-Loge das unter dem Protektorat der Israelitischen Gemeinde Frankfurt a. M. stehende ,,jüdische Lehr haus" mit einem feierlichen Akt eröffnet. Die Leitung hat Professor Dr. Martin Bub er übernommen, ihm stehen zur Seite: Prof. Dr. Jur. Ernst Kantorowicz, Dr. Eduard Stratiss und Prof. Dr. Gotthold Weil. Bei der feierlichen Eröffnung spricht Martin Buber über ״Wie ist Volkaerziehung möglich?“ —• Der Syndikti« def Israelitischen Gemeinde Frankfurt a. M., Dr. Eugen Mayer, scheidet am 3i. Oktober aus den Diensten der uemeinde, um nach Palästina überatsiedcln.

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