Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 86 (27.10.1933)
- Date
- 1933-10-27
- Page
- Seite 714 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 712 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 86, 27. X. 1933 Zionististische Fauenarbeit in Deutschland Was ist die Aufgabe der W i z o, der Zionistischen Franenorganisation, in Deutschland in dieser schwierigen Zeit? — fragt inan sich und wird man oft gefragt. Kann nun das Programm, so wie es besteht, fortführen, muß man cs aisandern, muß man es erweitern? Bevor man in die VC i 11 t e rar be it eintritt, sollte man’sich diese Frage vorlegen und sich noch einmal klarmachen, wie sich die Wi/o entwickelt hat und was sie erstrebt. Schon der Verband Jüdischer Frauen für k ultu rarbeit in P a I ä s t i n a, der Vorläufer der Wizo in Deutschland, erkannte es als seine Aufgabe, Mädchen lind I rauen in Palästina zur Berufsarbeit zu erziehen und sie in produktive Berufe zu überführen. Er errichtete Werkstätten zur Anfertigung von Handarbeiten, sorgte auch für deren Verkauf und hat als erste Frauenorganisation die Ausbildung für landwirtschaftliche Arbeit von Frauen durch Unterstützung der Lehrfarm in Kinereth noch vor dem Kriege gefördert. Schulung der Frau für ihre Arbeit als Kolonistin, als Bäuerin,‘ als Mitarbeiterin in der landwirtschaftlichen Siedlung oder auch für den städtischen Haushalt sah die Wizo als ihre erste Aufgabe an, und sie ist heute noch ihre hauptsächlichste. Es entstanden die vorbildliche landwirtschaftliche Schule in N a 11 a I a I, die städtische Haushaltungsschule in T e I - A w i \v, die Lehrfarm Mess Z i o n a 11, die noch im Aufbau ist, und andere. Noch vor einiger Zeit war es fraglich, ob wirklich in dem kleinen Land diese Aushildungsstüttcn erforderlich wären. Jetzt weiß man, daß diese Plätze nicht ausreichen, daß viele Mädchen aus Deutschland, die ihre Ausbildung in diesen Schulen vornehmen wollen, keine Aufnahme mehr finden können, ln N a h a 1 a I ist das zweite Haupthaus, das endlich nach langem Warten gebaut werden konnte, noch nicht fertig. In Ness Zion ah fehlt es an Schlaf- und Aufeiitli.ihsrämneii für die Mädchen. Zu wenig haben wir für unser(־ Einrichtungen getan und nun können sie uns nicht so dienen, wie es nötig ist. Vorbereitung auf Haus- und Landwirtschaft, dem Hauptarbeitsgebiet der Frau in Palästina, soll die Wizo aber auch hier in Verbindung mit dem Hcchaluz fördern. Das zweite große Betätigungsfeld der Wizo in Palästina ist die borge für Kleinkinder. Säuglings- und Mütterberatungssteilen wurden in verschiedenen Städten gegründet, ein Säuglingsheim, verschiedene Krippen und Milchküchen eingerichtet. Vielen Müttern und Kindern kann geholfen werden, aber lange noch nicht allen, die es brauchen. Lehrerinnen für Gartenbau, die Schulgärten und Vorgärten in der Stadt anlegen, hat die Wizo eingestellt. Abendkurse in praktischen Fächern und Sprachen, besonders Hebräisch, eingerichtet. Seit einiger Zeit beschäftigt sie Wanderlehre Tinnen, die Haushaltungskunde und Kochen, Anlegen von Gemüsegärten, Kleintierzucht in Kolonien und besonders in kleinen Kwuzoth lehren, um durch sachverständigen Rat das Einleben zu erleichtern und die billigste und zweckmäßigste Wirtschaftsführung herauszufinden. Die Wizo hat sich auf diese Aufgaben beschränkt, bewußt beschränkt auf das ureigenste Gebiet der Frau, nicht weil sie glaubt, daß Frauen nicht auch auf anderen Gebieten entecheidend mitzuarbeiten hätten, sondern weil sie erkannt hat, daß diese Dinge nur von Frauen für Frauen richtig bearbeitet werden und daß die wirtschaftlich gut geschulte Frau eine wesentliche Stütze der Allgemeinheit ist. Noch kann sie kaum neue Aufgaben übernehmen, denn alle ihre Institutionen 4nc* Aufbau. Viele von denen, die nach Palästina gehen, werden sie an der einen oder an der anderen Stelle in Anspruch nehmen. Schon das Bewußtsein, daß sie da sind, gibt den Neuankömmlingen Rückhalt, und es müßte daher eine selbstverständliche Pflicht sein, für ihre Unterhaltung und ihren Ausbau zu sorgen. In den Ländern des Galuth hat die Wizo noch andere Aufgaben: Erziehung ihrer Mitglieder zum Zionismus, geistige Vorbereitung auf Palästina. Viel stärker als vorher tritt Palästina jetzt in den Lebensbereich jedes Einzelncn, und die Wißbegierde ist groß. Die Wizo muß kui.c eiiirichten für Palästinakunde, für ziouisfisehe Geschichte oder dafür Sorge tragen, daß ihre Mitglieder an Kursen, die bestehen, teilnehmen können. Damit sie nicht nur wissen, wie Palästina jetzt ist, daß sie auch erfahren, wie der Palästinagedanke entstanden und begründet ist, daß sie den Aufbau kennenlernen, damit sic Achtung vor dem haben, was unter Opfern entstanden ist, und aus eigenem Antrieb den Willen erhalten, sich einzuorduem Aber auch über praktische Fragen sollen sic orientiert sein, man soll sich beizeiten damit vertraut machen, wie man einen Haushalt im Lande führt, was man von seinem 1 n v c n t a r mitnehmen soll und wie die L ob c nsbeding u n g e n in den verschiedenen Städten und au( dem Lande sind. Hebräisch ist die Sprache des Landes, sie ist die Sprache der Kinder und muß darum auch die Sprache der Mütter sein. Alle Mitglieder der Wizo sollen Hebräisch lernen. Hebräisch ist auch die Sprache der Bibel; Kurse in Bibellesen, jüdischer Geschichte, Bedeutung der Ueberlieferung, sollen eingerichtet werden, damit die Mütter Grundlagen bekommen, ihre Kinder zu jüdischen Menschen zu erziehen. Die Wizo soll nicht isoliert arbeiten, sehr eng ist sie dem Keren Kajemeth verbunden, der den Boden für ihre Institutionell in Palästina zur Verfügung gestellt hat. Die Wizo hat sich verpflichtet, in diesem Jahr ein bestimmtes Budget für den KKL aufzubringen, und durch diese Verpflichtung nur eine schon lange bestehende Tatsache noch verbindlicher gemacht. Auch an allgemeiner zionistischer Arbeit sollen sich die Wizo-Mitglieder beteiligen. In Ortsgruppen und Be/irksverbänden sollen sie mittun, denn Wizo-Arbeit ist ja nichts, was isoliert ist, sondern was eingeordnet werden soll in allgemeine zionistische Arbeit in der Galuth, in den Ge* samtkolonisationsplan in Palästina. Die Wizo hat sich vielfältige Aufgaben gestellt und zu ihrer Bewältigung fehlt es an Menschen und an Mitteln. Viele der bewährten Mitarbeiterinnen sind nach Palästina gegangen, noch sind ihre Plätze nicht ausgefüllt. Und trotzdem darf die Arbeit keine Unterbrechung erleiden, nötiger denn je wird die Wizo gebraucht. Jedes Mitglied muß sich fragen: An welcher Stelle kann ich mitarbeiten, was kann ich dazu tun, daß sich der Kreis der mit arbeitenden Frauen erweitert? Mitglied der Wizo sollte heute jede jüdische Frau sein und Mitglied der Wizo zu sein verpflichtet, ihre Aufgabe mit zu übernehmen. Grete Bloch. Der langjährige Vorsitzende des Gemeindevorstandes der Berliner Jüdischen Gemeinde, Geheimrat Julius Stern, der zeitweilig auch Vorsitzender der Repräsentantenversammlung gewesen ist, war anläßlich seines 80. Geburtstages Gegenstand mannigfacher Ehrung. Die Berliner jüdische Gemeinde errichtete eine Stiftung, die seinen und seiner verstorbenen Gattin Namen trägt. Fürsorgeerziehung in Palästina Von Dora Strauss-Weigert, Tel-Awiw. Jüdische Kinder und Jugendliche, die straffällig werden, können in Palästina nur in der allgemeinen Fürsorgeerzieh 11 ngsa 11 stalt in Tul-Kerem untergebracht werden. Dieser Unterbringung sah man stets mit einer gewissen Beunruhigung entgegen. Um Einzelheiten über die Führung dieser Anstalt kennen zu lernen, benutzte ich eine mir gebotene Möglichkeit, dieses Fürsorgeerziehungsheim zu besichtigen. Nach einigen Irrfahrten langten wir endlich am Fürsorgeerzieluingsheim an und standen bald dem Direktor der Anstalt, einem christlichen Araber, gegenüber. Obwohl festgestellt wurde, daß unsere Einführung nicht genügend sei und eine Erlaubnis seitens der Polizei vorliegen müsse, war er bereit, unsere Wünsche zu erfüllen. Die Anstalt ist ein großer von Bäumen umstandener Komplex, der aus einzelnen Steinpavillons besteht. Zunächst sahen wir den Eßrautn, wo gerade die .Wittagsmahlzeit der Knaben stattfand. Sie bestand aus gut allssehendem Essen mit reichlieh Fleisch und Brot. Zum Teil wurde aus Aluminiumnäpfen, zum Teil von Emaillctellern gegessen. Auf Wunsch wurde neu aufgefüllt. Unterhaltung war erlaubt. Die Lehrer waren nicht anwesend, die Aufsicht hatte ein militärisch aussehender Beamter. Die Knaben bis zu ca. 12 Jahren saßen an einem besonderen Tisch, auch ihr Arbeitsplan sicht eine Trennung von den Aeltcren vor. An sich werden nur Knaben bis zum 16. Lebensjahr aufgenomiticn, da ihre Aufenthaltszeit aber oft länger bemessen ist, so sieht man auch einige Jugendliche bis zu 20 Jahren. An den weiß getünchten Wänden des Eßraums hängen zwei Bilder mit der Inschrift: ״Be k i n d t o a n i m a I s“ (״Sei gut zu Tieren“). Wir besichtigen die luftigen großen Schlaf räume, in denen ca. 38 Betten standen, mit weißem zwei wie neu aussehenden Decken und einem Frottierhandtuch. Das bedeutet für die unvorstellbar ärmlichen Verhältnisse des Orients geradezu einen Luxus. Nachts haben zwei Knaben die Oberaufsicht. Die Schulbänke sind im Freien unter Bäumen und auf einer großen Terrasse aufgestellt. Wegen Platzmangels schlafen einige Knaben in Zelten. Es wird jetzt noch ein neues Haus für die jüngeren Knaben gebaut. Morgens findet der Unterricht statt, nachmittags sind turnerische Stunden. Die Regierung gewährt den Eitern der Zöglinge einen kostenfreien׳ Besuch der Anstalt. Der Besuch darf vom Zögling am Bahnhof allein abgeholt und nachher wieder allein zurückgebraehl werden. Briefe der Insassen werden kostenlos befördert. Im Sommer gehen die Knaben bei guter Führung für einen Monat zum Ferienaufenthalt ans Meer nach Akko mit nur drei Lehrern. Es wird in Zelten geschlafen. Fluchtversuche sollen sehr selten Vorkommen. Gerade jetzt war von einem jüdischen Jungen zusammen mit einem Kameraden ein solcher Versuch vorgenommen worden. Der Direktor bedauerte es sehr, weil er gerade für diesen Knaben Bewährungsfrist vorgesehen hatte (bei einer Strafe von mehreren Jahren kann nach einem Jahre guter Führung Bewährungsfrist bewilligt werden). Er schob diese Flucht auf Anstiftung durch einen schlecht beleumundeten Kameraden zurück und riet uns, selbst einmal mit dem wieder aufgegriffenen Zögling zu sprechen. Nach unserem Gespräch mit dem Fluchtling schien uns die Annahme des Direktors richtig zu sein, wenn auch innere Motive den Entschluß erleichtert haben mögen. Ein Zögling, der länger als ein Jahr bleibt, kann bei guter Führung in die W erkstatt eines Meisters in Tul-Kerem eintretea. Meder machte uns der Direktor den Vorschlag, diese Lehrstellen 21r besichtigen. Augenblicklich sind 25 -Jungen dort untergebracht. In den Werkstätten hatten wir — ebenso wie in der Anstalt — die Möglichkeit, unbelauscht mit den Knaben zu sprechen. Natürlich war die Zeit zu kurz, um wesentliches bei dieser Unterhaltung zu erfahren. So gab es hauptsächlich nur Bitten um Bücher oder die Bitte, die Eltern zu veranlassen, Briefe zu schreiben. Nie sahen wir den Zögling eine unterwürfige Haltung im Gespräch mit dem Direktor einnehmen. Als wir über den Hof der Anstalt gingen, hörten wir zarte Melodien. In einer Ecke saß ein Knabe und spielte auf einer Flöte. Ein paar Karneraden standen still lauschend um ihn herum. Auch von Theaterauffühnsngen wußte der Leiter zu erzählen. Nun einige Zahlen aus dem Jahre 1932 zur Illustration der von den Knaben begangenen Delikte: Gesamtzahl der Ein gelieferten 99, davon 10 wegen Mordes, 60 wegen Diebstahls, 10 wegen Körperverletzung, 1 wegen sexuellen Vergehens, 3 wegen homosexuellen Vergehens, 10 w׳egen verschiedenartiger Delikte. Von diesen Kindern stammen die meisten vom Land. Das erklärt auch die hohe Zahl von 77 Analphabeten. Der Direktor teilt nicht die Ansicht mancher seiner Kollegen, daß man es hier mit einer Ansammlung geborener Verbrecher zu tun habe. Jedes Kind sei an sich gut und nur durch den Einfluß von Eltern und Milieu oder durch Notdurft kriminell geworden. Selbst für die Jugendlichen, die gemordet haben, hält er diese Meinung aufrecht. Mit Bezug auf Strafen tritt er dafür ein, daß sie sinnvoll sein müssen. Es gäbe bei ihnen zwar die Möglichkeit der Prügelstrafe, davon würde aber wenig Gebrauch gemacht. Gestraft wird z. B. durch Geldbuße. Die Kinder verdienen täglich 1 Mill, der für sie gespart wird. Von diesen Ersparnissen, die nach Beendigung des Aufenthaltes ausezahlt werden, ist die Strafe zu bezahlen. Die wirksamste träfe aber ist die, daß der Ferienaufenthalt in Akko verboten wird. Das ist in diesem Jahre von 120 Knaben bei 20 erfolgt. Ueber das Leben der dort befindlichen 17 jüdischen Kinder meist orientalischer Herkunft, ist folgendes zu berichten: Säe werden von einem jüdischen Lehrer unterrichtet, den wir auch ausführlich sprachen. Bis vor zwei Jahren sind kaum jüdische Kinder dort gewesen, jetzt sei die Zahl von 4 auf 17 gestiegen, so daß mit der Anstellung eines weiteren jüdischen Lehrers gerechnet werden kann. Es wird Hebräisch, Arabisch und sonstige Elementarfächer gelehrt. Freitag Abend und Schabbath ist arbeitsfrei. Pessach darf zu Hause bei den Eltern verbracht werden. Die Orient Film Corporation Ltd. (OFC) in Tel-Awiw hat mit den Aufnahmen zu ihrem ersten hebräischen Tonfilm begonnen. Der Film wird das arbeitende Palästina in seinem Aufbau zeigen. Die Frauen-Ariuitsgemeinschatt tar paiastma ladet zu ihrem ersten Vortragsabend eia. Frauenarbeit im Aufbau von Palästina Dr. ENZO SERENI Neueste Uctitblldsnerl• der WIZO Mittwoch, den 1. Nov., »0<,Uhr. Logenhaui, KlolotatraB• w Die Juden in Spanisch-Marokko Wer als europäischer Jude nach Spanisch-Marokko kommt und dort Einblick in das jüdische Leben erlangt, ist über vieles erstaunt und fühlt sich in eine andere Zeitepoche versetzt. Betrachtet man die Geschichte der se• pnardischen Juden, so wird man verstehen, daß durch sie Charakter, Lebensart und Auffassungen völlig verschieden von der der aschkenasischen Juden gestaltet werden mußten. Schon um Christi Geburt sind Judensiedlungen an der Nordkiiste Afrikas entstanden. Später sind die Juden dem Zuge der siegreichen Araber gefolgt. 1492 ging ein Teil von ihnen, besonders aus dem südlichen Spanien," nach Marokko und siedelte sich dort an. Betrachfcf man den Anlageplau einer Sfadf wie T etuan, so werden einem interessante Details der damaligen Be- Ziehungen der Juden zu den Arabern klar. Das Judenviertel ist völlig v o m Araber viertel getrennt und nimmt den Teil der Stadt ein, der hygienisch und strategisch am gefährdetsten war. Man duldete die Juden, machte in politischer und sozialer Hinsicht bestimmte Vorschriften, ließ ihnen aber die volle kulturelle Autonomie. Man findet in Teiuan 16 kleine Bethäuser; es war verboten, grolle Synagogen einzurichten. Abends wurden die Tore des Ghetto geschlossen. Im Ghetto selbst war weltliches Wissen unbekannt. Jeschiwoth bestanden in großer Zahl und vermittelten gründliches Wissen von Bibel und Talmud. Erst Ende des vorigen Jahrhunderts trat eine Aenderung insofern ein, als durch die Gründung einer Schule durch die Alliance Israelite Universelle weltliche Bildung ermöglicht wurde. Muttersprache war immer spanisch, und zwar ein modifiziertes, das eine ähnliche Cieschichte hat wie das Jiddische. Es ist eine Fortbildung des Spanisch des 15. Jahrhunderts mit Untermischung arabischer Bestandteile. Heute sprechen die Juden außer einem reinen Spanisch fast alle perfekt Französisch und Arabisch. Die eigentliche. E m a n z ו p a t i o n hat hier erst in diesem Jahrhundert eingesetzt. Sie ist zurückzuführen auf das Eindringen der Spanier und die Uebernahme des Protektorats. In kürzester Zeit ist ein neues großes Stadtviertel entstanden, das sich fast ausschließlich in den Händen der Juden befindet. Alles, was irgend konnte, hat das Ghetto verlassen und hat der ärmeren spanischen Bevölkerung Platz, gemacht. Fast die Hälfte des Ghettos ist heute von Spaniern bewohnt. Mit den» Auszug aus dem Ghetto haben sich die Lebensgewohnheiten geändert. Die althergebrachte Tracht hat dem europäischen Anzug weichen müssen. Man sieht heute noch oft modern gekleidete Juden, bei denen ein Loch im Ohrläppchen verrät, daß sie früher den zur Tracht gehörigen traditionellen Ohrring getragen haben. Der früher überragende Einfluß der Rabbiner hat sich außerordentlich vermindert, allerdings nicht so wie in den europäischen Ländern. Das hat seinen Grund darin, daß auf Grund der den Juden belassenen Autonomie die Gerichtsbarkeit von den .Rabbinern ausgeübt wird. Gegen die Entscheidung des rabbinischen Richters gibt es eine Berufung beim Beth Din, das aus den drei Oberrabbinern Tetuans besteht. Dieses oberste Gericht ist für die ganze Zone zuständig. Interessant ist, daß 'die drei Oberrabbiner von der Mandatsr^gierung bezahlt werden. Fiir die marokkanischen Juden besteht nur die religiöse Trauung. Ehescheidung und Erbgang werden ausschließlich nach jüdischem Recht gehandhabt. Der größte Teil der heutigen jüdischen Jugend ist völlig emanzipiert. Die Anschauungswelt entspricht etwa der der jüdischen Jugend in Deutschland vom Ende des vongen Jahrhunderts. Das Judesein ist kaum Problem. Der äußere Druck ist gering, die materielle Lebensbasis nicht erschüttert. Dementsprechend hat der Zionismus hier wenig Boden gefunden. Die Tatsache des Neuaufbaus ist bekannt; man stauut darüber, bespricht es, bat aber weder Empfindung noch Antrieb, seihst mit Hand anzulegen. Dabei ist, objektiv betrachtet, die materielle Situation der marokkanischen Juden nicht ungefährdet. Während noch im vorigen Jahrhundert ein großer Teil der Juden ein Handwerk ausübte, haben sie sich heute vollständig auf den Handel konzentriert. Die Tatsache, daß der offene Markt Marokkos von fast allen europäischen Ländem mit billigsten Artikeln versorgt wurde, hat das Handwerk bei den Juden unrentabel gemacht. Bei den Arabern ist das insofern anders, als bei ihrem Festhalten an den alten Formen der größte Teil ihrer Bedarfsartikel nicht eingeführt werden kann, weil er auf dem europäischen Markt nicht existiert. Die Stellung der marokkanischen Juden zur Landwirtschaft ist völlig negativ. Zwar besitzen die meisten begüterten Familien ein Stück Land, das zur Ernährung der Familie genügte. Man hält sich einen ״Moro“, der dieses Land nach uralten Methoden schlecht und recht bewirtschaftet. Ich kenne einen Juden, der ein sehr schönes Stück Land besitzt. Seine sechs Söhne sind und werden sechs Kaufleute. Auf meine Frage, warum er nicht einen Sohn Landwirt werden läßt, meinte er, das wäre häßlich und keine rechte Arbeit. Daß auf die Dauer dieser Zustand gefährlich ist, leuchtet niemandem ein. — Ein sehr wesentlicher Unterschied besteht zwischen der Emanzipation hier und in europäischen Ländem. Es gibt keine Mischehen, weder mit Arabern noch mit Spaniern. Dr. Otto Rubens, Tetuan. Mozart-Abend des Kulturbundorchesters. Dieser Mozart- Abend, mit dem sich der künftige Kapellmeister der Kulturbundoper Josef Rosenstock den Berliner Juden vorstellte, hatte das Gepräge eines großstädtischen ״Symphoniekonzerts“: im Mittelpunkt der Künstler — ״gewaltig“ und — so meine ich — ein klein wenig ,,gewalttätig“.! Jedoch ein solcher Künstler wie Rosenstock darf bejubelt werden: er ist ein Könner von vielen Graden, sein Schlag hat höchste Präzision, seine gelösten Handgelenke, seine gemessenen Winke können jede in den Proben erarbeitete Subtilität den Musikern eindeutig in Erinnerung bringen; seine Haltung ist nicht verkrampft bei starker Konzentration für jede Note. Es ergibt sich ein kultivierter Orchesterklang, eine Plastizitat der Streicher und der Bläser (und Sauberkeit der Hörnisten), für die man sehr hohe Vergleiche wagen dürfte. — Hinter alldem treten die stilistischen Eigenheiten des Werks etwas zurück, wie angedeutet wurde. Ganz reizend und am ״richtigsten" gespielt schien mir die Serenata notturna für zwei Orchester, d. h. fiir ein chorisch besetztes Streichquartett mit Pauken und ein Soloquart elf, sehr schön auscführt von dem Kontrabassisten Kaminski, dem Bratscher chlesinger, dem zweiten Geiger Schechter, dem ersten Geiger und Konzertmeister Willy Frey, dessen zartglicdrigcr, silbriger Ton ganz mozartisch war. Schon in der Figaro-Ouvertüre fielen mir die stämmigen Bässe und die viel zu monumentalen Forti auf. Und die G-moIl־Sinf»n!e: alles zu ״bedeutend“ (besonders der erste Satz, der zu einem Allegro moderato wurde), zu dick (besser zu breit) konturiert, mit zu vielen dramatischen Kontrasten. Ich glaube nicht, daß Mozart ein derartiges ״Seelengemälde“ beabsichtigte. Rosenstock zeigte hier ganz deutlich, welch starker Theatermensch er ist, wie es ihn drängt, zu ״charakterisieren“ und zu psychologisieren. Solist des Abends war Leonid Kreutzer; er spielte das B-dur-Konzert (K. V. 450) mit vollendeter Kultur und einer Farbigkeit, wie sic nur wenige Pianisten ihrem starren Instrument abgewinnen können, famos von Rosenstock begleitet. Hans Nathan.