Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 86 (27.10.1933)
- Date
- 1933-10-27
- Page
- Seite 712 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Sefcf 710 JüDISCRS RUWOSOff Alf Nr. 86, 37. X1933 Der Gesialiwandel des Judentums Zur Entwicklung des modernen jüdischen Denkens Eine Aufsatzreihe von Hans Kohn Wir setzen heute die in Nr. 79/80 und 81/82 begonnene Aufsatzreihe fort, die den Wandel des jüdischen Denkens innerhalb der letzten 50 Jahre an repräsen■ tattven Persönlichkeiten auf zeigen will. Wir verweisen hierbei auf die Vorbemerkung, die wir dem ersten dieser Aufsätze vorangeschickt haben. Wir haben dort auf die Verünaer ungen hingewiesen, die sich im 19, Jahrhundert durch die Wirkung allgemeiner Ideen wie des Liberalismus und des Nationalismus im jüdischen Leben vollzogen haben, und fügten hinzu: ״Nur aus diesem Gesialiwandel heraus kann die wichtigste moderne jüdische Bewegung, der Zionismus, verstanden werden. Viele unserer Leser, die erst jetzt mit dem lebendigen Judentum in Berührung kamen und sich nun auch für den Zionismus interessieren, sind nicht vertraut mit der Geschichte des bewußt• jüdischen Denkens, wie es sich im 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. vollzogen hat und ohne dessen Kenntnis vieles in der zionistischen Entwicklung unverständlich bleiben muß," Wir glauben, einem entstandenen Bedürfnis entgegenzukommen, wenn wir wenigstens in kurzen Abrissen etwas aus der Gedankenwelt der Persönlichkeiten des neuen Judentums übermitteln. Es sei noch besonders unterstrichen, daß es sich hier «m geistesgesch ich t liehe Darsiellungen handelt, in denen die Entwich• lungssiadien einzelner Denker zu bestimmten Zeiten gewürdigt werden. Red, Nathan Birnbaum Eine einsame Gestalt, die durch die neujüdische Ideologie der letzten Zeit liindurchging, sie in allen ihren Wandlungen vorausnehmerid und befruchtend, ist Nathan Birnbaum1), der sich Mathias Acher nannte. Ein Feuergeist von unbändiger Lebenskraft, die stets nach tieferer Wahrheit, nach heilerer Klarheit, nach größerer Freiheit ringt. Ein Fanatiker, der keine Kompromisse kennt und jeder Idee mit seinem urigeteilten leb dient. Aber kauin hat er sich mit vollem Enthusiasmus irgendwo angeschlossen, da wird ihm der Anschluß der Anlaß zu neuer Kritik, der Anstoß zum Abfall. Vor Herz! bereits verkündete er den nationalen Staatsgedanken, doch wendet er sich aüsogleich von der rein diplomatischen Tätigkeit ab, der praktischen Palästina-Arbeit zu, und als einer der ersten Westjuden folgt er Achad Hai ms Gedanken vom national-kulturellen Zentrum. Aber auch Achad Haam ist ihm zu mechanisch, seine gebundene Marschroute zu unlehendig; er wendet sich von der mechanistisch-territorialen Lösung der judenfrage ab. Auch die Diaspora ist eine jüdische Entwicklung innerhalb der großen menschlichen Ent- Wicklung, Liier ist Leben, hier sind Kulturmöglichkeiten. ״Man darf dem jüdischen Vorne auch nicht eine einzige von den vielen Kultuimöglichkeiten, deren es nach- und nebeneinander fähig ist, ,abspreeheil.“ Der Zionismus will doktrinär reiches jüdisches Leben töten, der jiddischen Sprache, in die so viele Generationen ihre Leiden ־und ihre Hoffnungen gegossen haben, ihren Wert absprechen, das reale jüdische Leben der Massen verwerfen. Im Ostjudentum haben wir wahres, urgewachsenes jüdisches Leben vor uns; der Hebraismus in Zion ist eine blutleere Ideologie. Die Nationalität ist für Birnbaum ein kulturelles, ein geistiges Prinzip, das nicht der mechanischen Bindung an dn Territorium bedarf. Die vom Mechanisch-Räumlichen losgelöste Diasporanationalität ist nicht etwas Abnormal es^ sondern eine neue Art zukünftiger Menschheitskultur. Das Entscheidende ist die kulturelle Energie eines Volkes, sein« Festigkeit in der plastischen Durchsetzung seines Wesens. J Wisches Wesen kann sich in verschiedenen Formen erfüllen: in einem kulturellen Zentrum in Palästina, ebenso wie in dem Leben der jüdischen Massen in der Diaspora. Birnbaums Judentum treibt zur Differenzierung. Durch seine Bejahung des Lebens der jüdischen Diasporamassen hatte er sich immer mehr mit dem religiösen Problem beschäftigt, bis ihm die elementare Innere religiöse Erfahrung zuteil wurde. Auch hier geht er bis zur äußersten Konsequenz: er dient mit seiner ganzen Persönlichkeit Gott. Es gilt, sich auf das Kommen des Messias durch Heiligkeit des Lebens vorzubereiten, ״Wir allein haben unsere kleine Gemeinschaft für Gott und nicht für unseren beschränkten Machtnutzcn eingerichtet.“ Für das Judentum ist das Gesetz der ״Ausdruck des göttlichen Befehls, seinen Leidens- und Ehrenweg durch das Gedränge der Völker bis ans Ziel der Menschheitsdämmerung zu gehen.“ Das Judentum hat ״seine Gesetzeszucht als die Voraussetzung religiöser Entfaltung von Millionen Einzelseelen;1וז sich erlebt, vermöge seiner Disziplin seine Anlagen zu Tugenden verdichtet, die seine Laster überstrahlen“. So ist Birnbaum nach einem langen Wege, auf dem er alle Stadien der modernen jüdischen Ideologie durchlaufen zu haben scheint, bei Wer Glut des religiösen Lebens und strenger Gesetzestreue angeiangt. ln ihm rundet sich der Kreis, der das Pathos revolutionärer Jugend in altererbte Heiligtümer einmünden läßt. * Martin Buber Kehrte Nathan Birnbaum zu den Quellen ostjüdischen Volkslebens zurück, so schöpfte eine andere Bewegung aus der ostjüdischen Religiosität, wie sie zuletzt im Chassid 1 s m 11 s ihren Ausdruck gefunden hatte, belebende Förderung. fti ihren Anfängen war diese Bewegung von Achad Haam beeinflußt; es ging ihr um ״die Umgestaltung des Volkslebens, um die Erzirtung einer wahrhaft neuen Generation“ («Martin Buber 1900). Politischen Ausdruck fand diese Bewegung in der auf den kulturellen Renaissance-Gedanken eingestellten ״demokratischen Fraktion“ auf dem fünften Zionistenkongreß (1901), literarischen Ausdruck in der bald darauf erfolgten Gründung des Jüdischen Verlages durch Berthold Feiwel und Martin Buber. Aber die Begründer waren nicht nur ״Achad Baamisten“, sie waren auch Söhne der Aufklärung und standen als solche den ״Jungen“ in ihrem Kampfe gegen Achad Haam nahe. ״Für diese Generation ist das Judentum nichts Gewesenes und Abgeschlossenes und nichts in starre Formen Gebanntes, sondern das lebendige Volkstum in seiner ganzen Weite und Tiefe, in seiner Vielfälligkeit, in allen seinen Formen und Kundgebungen.“ (Programm einer 1903 von Feiwel, Buber und Weizmann ge- ־־lanten Zeitschrift ״Der Jude“.) Aber das Judentum ist inältlich bestimmt. Jc.% soll versucht werden, die Bestimmung des Volkes aufzuzeigen und aus der Erkenntnis heraus seinen Zukunftsvillen zu entfachen.“ Nicht weniger steht diese Bewegung unter dem Einflüsse des Geisteslebens Europas, Sie macht dessen Wendung zu der Philosophie des deutschen Idealismus, dessen Interesse für das religiöse Leben der Primitivem und des Orients und dessen Sehnsucht nach einer neuen sozialen Ordnung mit. Für sie ist die Wiedergebürt des jüdischen Volkes zugleich die Form, ״in der dieses ß נ) Nathan Birnbaums ״Ausgewählte Schriften zur jüdisehen Frage“ (Czernowitz 1910); aus späterer Zeit ״Gottes Volk“ (R. Löwit, Wien 1918) und ״Um die Ewigkeit“ (Weltverlag, Berlin 1920). lieber Birnbaum siehe Leo Herrmann ״Nathan Birnbaum, sein Werk und seine Wandlungen“ (Jüdischer Verlag, 1914). Adolf Böhm ״Die Zionistische Bewegung“, II. Teil (Weltvcriag, Berüa 192t). Volk ea einer groß« Kulturbewegung der heutigen Menschheit tdtaimmt* JBubert Referat auf den fünften Zionistenkongreß). Die Jüdische Renaissance kann Dir ״nur im Zusatnmennange mit den die moderne Gesellschaft und das moderne Völkerleben bewegenden Ideen verstanden werden״. Das Studium des Chassidismus führte Buber von diesen Ausgangspunkten weiter. Er gab der westlichen Judenheit und der allgemeinen Kuiturwelt die erste Kunde von diesem religiösen Leben, das aus traditionsjüdischen Quellen gespeist, die menschliche Unmittelbarkeit des Herzens befreit, das die Finsternis mit freudiger Zuversicht erfüllt, das den Wert der Persönlichkeit erhöht hat, und das noch in seiner Verzerrtmg bis in die Gegenwart das Bild einer Gemeinschaft trägt, in der sich der einzelne vor dem Führer nicht durch Zwang und durch Macht, sondern durch Erkenntnis und Liebe beugt. Buber rang nicht nur darum den reinen Kern der chassidischen Lehre unverhüllt immer klarer leuchten zu lasse», durch seine Botschaft wurde der Chassidismus auch eine wirkende Macht, Die einsame Voraussage Moses HeB’ schien erfüllt. Wie in Heß selbst, vereinigen sich auch in Buber die beiden Ströme, die den Gestaltwandel des Judentums seit dem XVIII. Jahrhundert lenken: Aufklärung und Chassidismus, beide in ihrer reinen Oestalt, der späteren Verzerrung ledig. Die Auseinandersetzung von Aufklärung und Chassidismus in Buber selbst, die in seinem frühen Werke am Chassidismus Gestalt gewann, ließ ihn auch die Judenfrage als eine persönliche Auseinandersetzung jedes einzelnen mit seinem überkommenen jüdischen Wesenskern erkennen. Dadurch wird ihm die Judenfrage zur Persönlichkeitsfrage, was selbst ein jüdischer Robinson noch als Judenfrage in sich erlebt. Für das Volksdasein sind die äußeren Formen: Land, Sprache, Sitte, zweifellos von ge- *faltender Wirksamkeit; sie treten aber an entscheidender Bedeutung weit zurück hinter der ererbten Wesenssubstanz eines jeden, dem ״Blut“. So ist das Judentum inhaltlich bestimmt, aber diese Inhaltliehe Bestimmung ist keine statisch-unveränderliche, sondern eine dynamische. ״Das Judentum ist dn geistiger Prozeß, der sich in der inneren Geschichte des Judenvolkes und in den Werken der großen Juden dokumentiert hat.“ Die jüdisehe Substanz ist nicht rine Summe abstrakter Ideenbegriffe, sondern das Spannungsverhältnis dynamischer Tendenzen de» Valkscharakters, ״di« sich mit so großer Kraft und so großer Dauer äußern, daß sie einen Komplex von geistigen Werken und Werten erzeugen, welcher als das absolute Leben des Volkes angesprochea werden darf,“ Nicht die Tendenz« als solche sind einem Volke eigentümlich, sie sind allgemeinmenschliches Gemeingut, nur ihre Intensität und Dir Spannungsverhäitnis sind bei den einzelnen Völkern verschieden. Für das Judentum ist kennzeichnend, daß es einen polaren Charakter hat, daß daher die Spannungsverhältnisse bei ihm am größten sind, die schärfsten Gegensätze nebeneinander wohnen. Als die dominierenden Tendenzen des jüdischen Volkslebens hat Buber das Streben nach Einheit, das aus der polaren Gegensatzspannung folgt, nach Bewährung durch di« Tat und das messianlsche Zukunftsideal erkannt. ״Der geistige Prozeß des Judentums vollzieht sich in der romi eines Geisteskampfes, eines ewig erneuten inneren Kampfes um die reine Erfüllung der Volkstendenzen.“ Dieser Kampf vollzieht sich ebenso in der Brust jedes einzelnen Juden wie in der jüdischen Gemeinschaft. Die beiden Kräftegruppen, die ihn in der Gemeinschaft ftihren und die Buber das ״offizielle“ uni das ״unterirdische“ Judentum naurt, sind auch ihrerseits unlöslich miteinander verschlungen und treten nur in ihren Höhepunkten durch die Stärke der jeweils prädominierenden Form deutlich und rein hervor. Als solche Höhepunkte des unterirdischen Judentums sieht Buber vor allem den Prophetiatnus und den Chassidismus. An diese muß jede künftige Erneuerung des Judentums anknüpfen. Au* dieser Erneuerung heraus wird dann das Judentum in Palästina, wo die jüdische Wesenssubstanz mit den Formen des Lebens mit jüdischer Sprache, jüdischer Sitte und jüdischem Land in Harmoiüe sein wird, wieder ein Leben führen, wo das relative Lebern des Alltags und das absolute Leben der geistigen Werke und Werte nicht auseinanderfallen, wo der Geist ins Leben kommt. Das Wesentliche in einem jeden Juden Ist sein jüdisches Erbe; eine wirkliche Assimilation ist daher unmöglich. Aber dieses innerlich Wesenhafte erscheint in seiner Reinheit gefährdet durch die das äußere Leben beherrschenden Formen. Es gilt, sich bewußt für das innere Wesen zu entscheiden, aus dem Objekt der Spannungsverhältnisse zwischen außen und innen, zwischen den unjüdischen Fermen der Umwelt und der jüdischen Seele ein bewußt wählendes und entscheidendes Subjekt zu werden. Aus dieser persönlichen Entscheidung aber entsteht dann die Sehnsucht, ia einer Gemeinschaft zu leben wo auch die äußeren Formen — Land, Sprache, Sitte — mit dem inneren Wesen übereinstiraunen, wo die Spannung sich harmonisch löst. Diese Erneuerung des Judentum* ist nicht nur von persönlicher Bedeutung, nicht nur von volkhaft er, da sie den jüdischen Geistesprozeß wieder in Klarheit hervortrefen lassen wird sondern, wie schon Heß gesehen hat, auch von men s c h h eit lieh er. Buber hat die Empfindüng, an einer Weltenwende zu stehen, in einer Zeit, wo ein neues Weltgeffihl zu keimen beginnt, das in den Mensehen eines kommenden Geschlechtes aufblühen wird. In uns lebt dieses heute noch unaussprechliche menschliche Weltgefühl ebenso wie in den anderen. ״Die Gestaltung dieses weltgefühls und die Erneuerung des Judentums sind zwei Seiten eines Vorgangs. ,Denn das Heil kommt von den Juden‘: die Grundtendenzen des Judentums sind die Eiemente, aus denen immer wieder eia neues Weltenwort sich aufbaut. Und so meinen und wollen unserer Seele tiefstes Menschentum und unserer Seele tiefstes Judentum dasselbe.“ So lehrt Buber den Zionismus als die tiefste persönliche und menschhdtliche Aufgabe «ine* jeden einzelnen verstehen. Der jfktiache Nationalismus hat hier nicht mehr die Selbst- Verständlichkeit, die er bei Pinsker und Herd hatte; er ist fragwürdiger geworden; er weiß sich Im Ucbeigange, von den Winden einer neuen Zeit gestreift( die Sehnsucht nach einem neuen Glauben trägt ihn. ״Zugleich wird eine bewußt ethische Verankerung des Nationalismus gesucht, man hebt ihn aus seiner Enge in weltweites Licht, man sticht ihn aus der Verstrickung in das Reich des Seins in die moralische Ebene des Sollens zu verlegen, man leiht ihm tnessianische Farben.“ Der aus seelischer Not hier geborene jüdische Nationalismus findet als Glied der Welterlösung seine Berechiigung. Unsere Aufgabe ist es daher, nicht nur in unbewußter Zufälligkeit Juden zu sein, sondern unser Judentum in bc• wußte Klarheit zu heben. Bubers tiefgründige Untersuchungen über das jüdische Wesen, die. unvergleichlich mit allem bisher auf diesem Gebiete Geleisteten, die Dynamik der jüdischen Geschichte und des individuellen jüdischen Lebens aufgehellt haben, seine Aufdeckung der Zusammenhänge dieser Dynamik mit dem Orient, mit dem religiösen Leben, mit unserer Aufgabe in der Gegenwart, haben eine junge Generation, die sich innerlich vom Juden htm bereits abzuwenden glaubte, ihre eingeborene Richtung wieder finden las3en, * Bubers Einfluß auf die westjüdische Intelligenz fand seinen ersten Ausdruck in dem 1913 von dem Prager Studentenverein ״Bar Kochba“ herausgegebenen Sammelbuch ״V 0 nt Judentum“, später in der von Martin Buber seit 1916 herausgegebenen Monatsschrift ״Der Jude“. Hier wurde der Erkenntnis von der Dynamik des jüdischen Geisteslebens weiter nachgegangen, die Aneignung jüdischer Kulturwerte als treibende Kräne ln der Entwicklung der Volksgesamtheit und der Einzelpersönlichkeit angestrebt. Der so um ihr eigenes Bewußtsein ringenden Generation erschien die Assimilation nicht mehr «1■ das VoBmaH&ende «chlechtfiin, die gefähr liehe Spitze war ihr gebrochen, die Kulturen der Menschheit konnten voll aufgenommen werden und bereicherten und vermehrten, umgestaltet und angepaßt, die jüdische Wesens Substanz, die wieder ihrerseits suf sie zurückstrahlte. Dadurch mußte eine historisch richtigere Würdigung der Aufklärung rintreten und ihre große Bedeutung für die Befreiung au! der Enge des Ohettos als Grundlage einer Erneuerung de! Judentums erkannt werden. Dabei ging man zugleich de: verschiedenfälfigen Auswirkung des ererbten Judentums in den Repräsentanten der Assimilation nach und gewann so neu« Erkenntnisse Ober Dauer und Dynamik der jüdischen Erb Schaft. Die Erkenntnis des Zionismus als eines P « r s ö n 1 i c h keitsprobiems rückte*die Frage der Erziehung in der Vordergrund, nicht nur die des einzelnen, sondern auch di« der Gesamtheit. Zugleich aollte die neue Erziehung nich nur das Judentum des einzelnen stärken, sondern auch sei- Menschentum erhöhen und befreien; sie schaltet sich aß Glied in die Kette der Bestrebungen ein, den kommende: Generationen aller Völker eine hellere Zukunft zu bereiten Die Erkenntnis jüdischen Wesens sowie die geographisch: Lage Palästinas führten zur Einstellung des jüdischen Kom plexes in den Rahmen des Orients und seiner Wiedergeburt Wie jeder einzelne Jude Erbschaft des Orients und Einflui seiner jahrhundertelangen Wanderung durch westliche Kul turen in sich vereint, so spannt sich auch der Zionismus vyi! rine Brücke zwischen diesen rwd Welten nicht nur in geographischen, sondern im kulturell verbindlichen Sinne. S1 vollzieht sich in der Spannung zwischen den Traditionen de Vergangenheit und dem Ringen um ein neues Land zwischc: Orient und Okzident der Oestaltwandel des Judentums. Vortrag von Rabbiner Dr. Prinz kn Kulturbund. Die Vor träge des Kultiirbundes Deutscher Juden eröffnete Rabb. Dr Prinz vor einem großen Auditorium mit dem ersten 51י seines Zyklus ״Einführung ins Judentum“. Ge plant sind noch vier weitere Abende, in denen die wesent liehen Gedanken und Probleme des Judentums dargcles werden sollen. Dieser erste Abend war geschichtlicher Bc trachtung gewidmet. In Riesenschritten ging es durch di׳ Jahrtausende, angefangen mit dem Jahr 2000 v, Chr., enden« mit dem Schicksaisjahr 1933, Was in anderthalb Stunde! an Geschichte geboten wurde, war keineswegs «in historische Kolleg — una durfte es auch nicht sein. Grundlegend t» die Betrachtung war vielmehr die Auffassung, daß Geschieht? erkenntnis Wesenserkenntnis bedeutet; daß es für uns wicht!: ist, uns heute nicht einsam zu fühlen, sondern uns in du große geschichtliche Kontinuität eingebettet zu wissen. b־ entstand ein« außerordentlich farbige, lebendige und plastisch« Schilderung der wichtigsten Ereignisse der letzten 4000 Jahre man sah förmlich die großen jüdischen Gestalten vor sich man lebte gleichsam in den Begebnissen mit, und man wa erschrocken über die ungeheure Gleichförmigkeit im Ge schichtsablauf, der im iudenschicksal nur wenig Variationei schuf. Aber nicht minder wertvoll als die klare Darlegun! des Geschichtsablaufes war die knappe Hineinstellung de jüdischen Vorgänge in die jeweilige weltpolitische Situatio: (eigentlich eine Selbstverständlichkeit, aber keineswegs '0! allen befolgt). Nicht minder wertvoll war die psychologisch« Ausdeutung besonderer Situationen und besonderer Men sehen. Nur so kann man Menschen, die geschichtliche Denken nicht gewohnt sind, Geschichte verständlich machen indem man ihnen zeigt, wie auch die großen Menschen yo! Fleisch und Blut waren. Man kann dadurch freilich leich in die Gefahr einer Modernisierung der Vergangenheit gy raten, eine Gefahr, an der der Vortrag nicht immer vorbei ging; aber der große Vorteil bleibt doch, daß Vergangene ui dieser Art besonders eindringlich der Phantasie des heut! gen Menschen nahegebradit ,werden kann, N•