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Jüdische Rundschau · 1933-10-27 · Heft 86 (27.10.1933) · p. Seite 709

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 86 (27.10.1933)
Date
1933-10-27
Page
Seite 709 (sequence 5)
Language
German
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1933 I Nr. 86, 27. X. 1933 jüdische Rundschau Seite 707 ti 1 a eine en gejdischen!ländlich gnerisch id, aber itt deiitseinem iß nicht age gein den zwar in lalheims. )lien, so innersondern in der onst im itimmen, prochcn. iehendeti :rorganichem er nangelrrtschland ak t i 0n 1g dieser Jache• ter Linie Weltkrieg, e überall en, reizt i uns in 1, wenn soll und Rache jüdische en Seite, aufbrach• aben die leutseben mit Hilfe und ge• Arbeiters gegen bt er — eben und hte eine sein Ver• nationale Boykott tem ver tt gegen ohne Er )tt gegen ida eines g Matte• Palästina lie wohl Palästinensischer Alltag ,Macht nichts! Gleich gehts weiter!“ Tagcnorgen in Palästina Von Dr. Kurt WittRowski. I. Schefeja!st ein Dorf, das 4 km entfernte Sichron Jaakob kleines Nest. Alle ein bis zwei Monate muß man nach iaifa fahren, um einiges zu besorgen, einen Arzt zu konultieren, Informationen für künftige Einwanderer einzuholen der auch nur auf der Herzlstraße zu hören, was es Neues ibt und wen die letzten Schiffe gebracht haben. Die einige fahrplanmäßige Verbindung ist die Eisenbahn, aber ie ist teuer und umständlich: 40 Minuten Fußweg bis zur (olonie Sichron Jaakob, mit Autobus zur Bahnstation, Eisen- >ahn, dann wieder Autobus zum Merkas, dem großen zentral;eiegenen Platz in Haifa, von dem aus die Autobusse in ille Teile dieser weit sich hindehnenden Stadt führen. Billier und einfacher ist ein Autobus, den man bei einigem ieschick in 20 Minuten Entfernung von Schefeja schnappen ann, da nämlich, wo die Straße nach Schefeja vom Wege icliron Jaakob—Haifa abzweigt. Aber, wie schon angeteiltet, fahrplanmäßig ist diese Route nicht, und der Reisende st vor keiner Ueberraschung sicher lind gegen keinerlei Zeitverlust geschützt. Er nehme am besten keine llhr mit, nicht in Ungeduld dauernd nach dem Minutenzeiger u sehen und sich ganz unnötig und nur zur verständnislosen erwundertmg seiner Mitreisenden aufzuregen. Er habe ein inziges Ziel, wenn er morgens um 6 Uhr an der beschriccnen Straßenkreuzung steht, das Ziel nämlich, an diesem Tage nach Haifa zu kommen, mehr nicht. Wenn er Glück wt, ist er in einer Stunde da, mitten auf dem Merkas. Und r hat noch den Genuß gehabt, ein schönes Stückchen des -arides durchstreift zu haben. Er ist durch ein arabisches Dort gefahren, hat die Berge und die Küste gesehen, ist (arawanen begegnet und ist schließlich — das letzte Stück venigstens — auf guter Chaussee in die Stadt hineingefahren, die weite Bucht zur Linken, den Karmel zur Rechten. Wenn er Glück hat. Wenn er aber Pech hat, — dazu st zunächst einmal zu bemerken, daß es zweierlei Autobusinien gibt. Erstens die große Autobuslinie Tei-Awiw—Haifa, deren Wagen meist über Sichron Jaakob gehen. An der )esagten Schefeja-Ecke fahren sie meist schlankweg an dem!öffentlich geduldigen Schefejaer Bürger vorbei: ״Besetzt!“ :5 fällt auch mal der Wagen aus, der zwischen V!5 und 10 ״fahrplanmäßig“ in Sichron Jaakob ankommen soll. Die zweite Linie ist die der Kooperative Sichron Jaakob. Jas sind meist Wagen, die an die deutschen Kremser von 1010 erinnern, und in denen es sich, lustig zwischen Arabern ind jüdischen Kolonisten schaukeln läßt. Für 6 Grüsch Piaster), die Hälfte des Eisenbalmfahrpreises, bringen sie neu nach Haifa, in 1 bis 4 Stunden. So habe ich einmal Idie Strecke von Panne zu Panne in 4 Stunden zurückgelegt.;egenühcr Als ich in der nächsten Woche mit demselben Chauffeur Reichs teigerung iland, die ache von!na Gesund׳ sich in 1 nieder zur Aus ahnärzten rmen die reits dar mdschau‘ mit denf Das eine rieht der behandelt in den’ der Kolo׳ je in den Verselb in Einzel Ionisation, ethnischen n zahlen ׳, die eine ahren üe dustrie i ist von einer Dar׳ :dingungen erteil An׳ is Metall׳ Izgewerbe, , die Tex■ erindustric, werbe, di« Der letzt« ■ Bautätig en instruk len Ueber׳ le. deutsche׳ 1933 ein׳ orten soll irigem Be jüdischer hatte, verank Anfang bedfcü Jrteils ufbauar o ist. Ge die firafl leicht rncl ügend vor •haben d! lilfeleistun eraeinscha!gebracht« nach Haifa fuhr, sagte er mir gleich lächelnd beim Einsteifen: ״Heute geht’s glatt. Wir haben einen neuen Motor.“ Und wirklich fuhr der Wagen wie ein Rennwagen über Gräben und Steine, bis ־— ja, bis er plötzlich in scharfer Kurve von der Straße abbog. Was ist los? Wir fahren aufs Meer zu, in ein arabisches Dorf hinein. Dort steigen einige Araber ein, Säcke und Kisten werden aufgeladen. Getränke und Früchte werden angeboten. Die Araber handein um den Fahrpreis. Der Chauffeur ißt eine Melone. Aus allerlei Schlupfwinkeln, anscheinend Wohnungen, kriechen neugierige Kinder hervor- Frauen tragen Wasserkrüge durchs Dorf, Männer rauchen Wasserpfeife und spielen Domino. Scherzhaftes Hin- und Herreden. Alles sehr interessant für mich. Aber wo bleibt mein Reiseziel? ״Macht nichts! Wir fahren gleich weiter!“ Bald erfahre ich, daß das erste Auto morgens immer diesen Umweg macht. ״Woher weiß man das?“ Auf diese höchst unpaliistincnsische Frage gibt es nur die eine klassische Antwort, die mir mein Autobus- N־׳.!.har in Tel-Avviw gab: ״Man weiß es!“ ,Damals hatte h nämlich die Dummheit’ begangen, nicht zu wissen, daß der allererste Autobus der Linie II ganz anders fährt als ährend des Tages. 11. Heute weiß ich es. Heute weiß ich auch, daß man auch für 3 Grüsch oder noch weniger nach Haifa fahren kann. Man setze sich ruhig in den Straßengraben und warte, bis im Laufe des Vormittags ein Lastwagen nach Haifa hrt, der einen bereitwillig mitnimmt (mir für Schwindelfreie und Luftschaukler!). Heute weiß ich auch, wo in Tel-Awiw die Autobushaltestellen sind (bezeichnet sind sie nicht, und wenn, dann falsch.) Heute weiß ich auch, daß «s mir niemals gelingen wird, außerhalb der Haltestelle das Anhalten des Autobusses zu bewirken, während andere Leute ein- und aussteigen, wo sie wollen. Heute weiß ich — und das ist das Entscheidende —, dah der Chauffeur völlig im Recht war, als er mir sagte: Macht nichts! Wir fahren gleich weiter!“ Und mit jedem lag«, den mir dieses ״Macht nichts!“ mehr in Fleisch und BLit übergegangen Ist, werde ich ruhiger, zufriedener, paläsliuensischer. III. Ich habe so viel von Autobussen gesprochen. Als ob es bloß um das bißchen Autobusfahren geht. Das ganze tag-!‘«he Leben ist hier so. Es sind die täglichen Kleinigkeiten des Lebens. So wie in Hamburg der Regen, m Berlin die falsche Telephon Verbindung, in Paris die drei- ' •gen Theaterstücke zum täglichen Leben gehören, so hier «ic ständigen Ueberraschungen auf allen Gebieten. Und wie der echte Hamburger in seinem Hause, im M«ro und bei seiner Freundin je einen Regenmantel hat, so '\appnet sich der echte Palästinenser mit Geduld. Oder ’«elmehr er wappnet sich gar nicht mit ihr, er ist bis ins ■ friste seiner Seele hinein geduldig. Er weiß, und er hat selber teil daran, daß hier Persönliches und Sachliches un- ״«inbar vermengt ist, daß man sich — um wieder auf interessanteste Erfahrungsgebiet zurückzukommen — mit p«! Chauffeuren anfreunden muß, um sie jederzeit zum Haien des Wagens veranlassen zu können. Er erwartet gar nicht, palt der Handwerker wirklich morgen kommt, wie er es ihm "crsprochen hat. Er verlangt nicht die Speisekarte vom Keil- «<־> denn der müßte sie erst schreiben. Und wozu? Er ksnn ihm ja auch mündlich mitteilen, was es heute gibt, darüber mußte ich Neuling mich erst vom Kellner selbst 1«lehren lassen.) Kurzum, er ist ein vollkommener palästinen-!־!scher Gentleman. IV. Und diesem so abgehärteten Bürger bietet daß Land eit, Plötzlich ein tägliches Leben voller Charme. Kürzlich war er ob einer solchen ״Kleinigkeit“ in nervöse Zuckungen Beraten. Kleinigkeit hat er die Begebenheit damals aifektbetont genannt, um sein zionistisch-palästinensisches Gewissen zu beruhigen: ״Es sind ja schließlich nur Kleinigkeiten!“ Diese täglichen Unpünktlichkeiten, Unzuverlässigkeiten, Improvisationen gehören jetzt für ihn ebenso zum Lande, wie der 9 Monate währende Sommer, das Kamel und die hebräische Sprache. Plötzlich erkennt er — wie undankbar und ungerecht er doch in den ersten Monaten war! —, daß dieselbe Leichtigkeit und Sorglosigkeit in der Handhabung dieser täglichen Kleinigkeiten auch Vorteile mit sich bringt. Oder ist es nicht großartig, daß dieselbe Autobuslinie 20 Kinder in Tel-Awiw in drei verschiedenen Stadtteilen mit Betten und Koffern einsteigen läßt und über vier Wegstunden hinweg Ws auf den Karmel bringt? Daß man in Tel-Awiw an jeder Straßenecke eisgekühlte Limonade trinken kann und auf den halben Grüsch noch einen Zettel für ein zweites Glas herausbekommt? Daß man vor der Hauptpost, bei einem Manne, der dort an einem Tischchen sitzt, Briefpapier kaufen kann? Daß man sich vor dem Theater fünf Minuten vor Beginn der Vorstellung als hebräische Abendklasse zusammenfinden kann, um zu halbem Preise hineinzukommen? V. Ist nicht das ganze Tel-Awiw ein Wunder? Ist es nicht märchenhaft, daß jeder Winkel des Landes an befahrbaren Wegen liegt, daß fast überall elektrisches Licht brennt, daß die kleinste Kwuzali telephonisch erreichbar ist? Man wandre nur einmal durchs Land, und man wird sofort das Grün der jüdischen Siedlung inmitten der Stein- und Felslandschaft erkennen, die das Jahrhunderte hindurch vernachliissigtc Land dem Auge bietet. Das konnte in knappen 50 Jahren nur mit einem Schwung und einer dauernden Umstcllungsbereitscbaft geleistet werden, deren natürliche Kehrseite das leicht hingeworfene ״Macht nichts! Wir fahren gleich weiter!“ ist. Wir welterfahrenen Westeuropäer mit unserer großen Erkenntnis, daß Zeit Geld ist, wir ungeduldigen Pedanten mit den eilig sich drehenden Sekundenzeigern, wir müssen hier umlernen. Wir müssen erst einmal gehörigen Respekt bekommen vor der unter großen Opfern und mit manchen Enttäuschungen vollbrachten Pionierleistung und vor der immer wieder täglich auf dem Felde, im Garten, am Brunnen, auf der Straße, am Bau, in der Werkstatt getanen Arbeit. Erst wenn wir uns in diese Tradition eingefügt haben, dürfen wir in unserer Art, mit dem Besten, das "wir mitbringen, die Arbeit fortsetzen. Die andere Seite Eine Antwort Von Dr. Albert B a e r. Die Ausführungen über die deutsche Einwanderung in Palästina von M. Y. Ben-Gavricl in Nr. 72 der ״Jüdischen Rundschau" haben einen starken Widerhall gefunden. Wir haben in Nr. 84 einen darauf bezüglichen Beitrag aus Palüstina, sowie eine, Easahrift des Autors veröffentlicht. Nachstehend geben wir noch eine 'um', zugegangene Aeußernng aus dem Kreise der deutschen Zionisten in Palästina wieder. Wir möchten auch hier hinzusetzen, daß Erfahrungen Einzelner nicht verallgemeinert werden dürfen. Doch scheint es uns berechtigt, daß auch die wirtschaftliche Seite der Sache, beziehungsweise die obwaltenden Interessen-Momente, die ia wie in allen menschlichen Dingen auch in dieser Sache unzweifelhaft mitspielen, zur Sprache gebracht werden. Red. Haifa, im Oktober. Sehr geehrter Herr ben Gavriel! Die Worte, die Sie an die deutschen Einwanderer gerichtet haben, sind gewiß beachtenswert. Ein Großteil der Einwanderer aus Deutschland ist bereit, sich in die Gemeinschaft des jüdischen Palästina einziiordnen, wenn auch leider ein erheblicher Teil aus Gründen, die Sie, wie ich annehme, sicher verstehen werden, da auch Sie in dem Abdruck Ihres Artikels mit einer städtischen Adresse angegeben sind, nicht die Möglichkeit hat, zur Arbeit am Boden zurückzukehren. Da Sie also offenbar auch in der Stadt leben und nicht auf dem Lande, 50 ist es erstaunlich, wie falsch Sie das Verhalten der städtischen Bevölkerung Palästinas gegenüber der neuen Einwanderung einschätzen. So nebensächliche Behatiptun gen wie die, daß der Lippenstift eine Angelegenheit der neuen Einwanderer aus Deutschland ist, könnten außer acht bleiben, wenn nicht eine solche Behauptung trotz ihrer Nebensächlichkeit in dem Leser eine falsche Vorstellung hervorrufen würde. Sie müssen doch als Bewohner von Jerusalein wissen, daß der Lippenstift in stärkstem Maße von der seit Jahren im Lande befindlichen Bevölkerung benutzt wird, insbesondere von den aus Rußland und Polen stammenden Frauen, daß es Schönheitsinstitute u. dgl. ״für die Töchter Jerusalems“ schon vor de! deutschen Einwanderung gab, und wenn Sie recht hinsehen, werden Sie feststellen, daß nur ganz wenige Frauen der deutschen Einwanderer an dieser europäischen Sitte in Palästina festhalten, und es ist sicher, daß sie nicht einmal nach dem Vorbild der einheimischen Bevölkerung diese Sitte annehmen werden. Weit wes entlieber ist schon ihre Behauptung, daß diese Gemeinschaft die Einwanderer aus Deutschland mit offenen Armen empfängt. Hier muß man sagen — und wir wollen ja ״in größter Freundschaft und Brüderlichkeit offen sprechen“ — dies ist keineswegs immer der Faß, und es ist bedauerlich, daß Sie nach den Erfahrungen der letzten Zeit dies sagen, weil sie damit bei den Einwanderern aus Deutschland, die die entgegengesetzten Erfahrungen gemacht haben, und das sind sehr viele, eine berechtigte Empörung hervorrufen, und weil Sie den vielen Illusionen, denen sich unsere Brüder im Galuth über Palästina hingeben, noch eine neue gefährliehe Illusion hinzufügen. Mein Bestreiten Ihrer Behauptung bezieht sich allerdings nur auf die städtische bürgerliche Bevölkerung. Ich bin überzeugt, daß die Einstellung der ländlichen Bevölkerung eine andere ist, wenn ich auch noch nicht die Möglichkeit hatte, dies aus eigener Erfahrung festzustellen. Sie machen sich auch die gesetzte Aufgabe dadurch leicht, daß Sie im Anfang Ihrer Ermahnung erklären, ausnahmsweise sich nicht mit der Wohnungsfrage und derlei Dingen belassen zu wollen und unter Außerachtlassung der wirtschaftlichen Seite dann von der ״Solidarität“ sprechen. Von welcher Solidarität? Von welchen offenen Armen? Offene Arme und Solidarität drücken doch offenbar im gewöhnlichen Sprachgebrauch ein allgemeines Verhalten in allen Dingen aus oder wenn nicht, muß derjenige, der davon spricht, genau erklären, auf welchem Gebiet diese Solidarität vorhanden ist. Gewiß wird niemand von uns leugnen, daß die jüdische Gesamtheit als solche, die Gesamtheit (nicht der einzelne Mensch), durch ihre besten Vertreter die Einwanderung aus Deutschland unabhängig von den großen wirtschaftlichen Vorteilen, die sie dem Lande bringt, willkommen heißt und daß dann diese Besten, den ganzen Komplex Deutschland-Palästina begreifend, über jeden neuen Einwanderer hoch erfreut sind. Das besagt aber noch nichts für den Mann auf derStralie. Bei dem Mann auf der Straße kommt nämlich schon die Wirtschaftliehe Seite der Sache in Frage, und es ist eine Illusion, anzunchmen, daß bei ihm andere Wirtschaffsgesetze gelten als überall in der Welf. Die Wirtschaft wird vordringlich. Für den Mann aut der Straße, der ein Haus hat, eine Pension betreibt, einen Laden, ein Speditionsgeschäft usw., ist zurzeit in Palästina Hausse. Die Nachfrage nach seinen Leistungen ist enorm gestiegen und er nützt diese Konjunktur aus. Sie sollten daher nicht von Solidarität sprechen, aber vorher ״ausnahmsweise“ die Wirtschaft herausnehmen. Ich betone nochmals, daß ich von der städtischen Bevölkerung spreche, von ihr aber können! Sie nicht sagen, daß sie nicht handelt wie die ״Einwohner von Klondike“. Denn jeder neue Ein- Wanderer empfindet es jetzt an seinem eigenen Leibe, daß alle die Konjunkturbcnife nichts anderes wollten, als schnell reich zu werden. Sie wissen doch sicher, daß auch Dizengoff, der Bürgermeister von Tel-Awiw־, sich über das Verhalten mancher der Hauseigentümer seiner Stadt öffentlich empört hat und solche Leute nicht nur Goldgräber von Klondike, sondern sogar ״Männer von Sodom“ genannt hat. Wenn Sic also nicht genau angeben, worin die von Ihnen gerühmte Solidarität besteht, so erwecken Sie, wie ich oben sagte, in dem zur Auswanderung bereiten Juden Illusionen und erschweren ihm dadurch die Einordnung in die reale Wirklichkeit Palästinas. Denn je mehr Illusionen die Einwanderer haben, um so gröber sind ihre Entbäuschiingen. Hüten wir uns, zu den vorhandenen Illusionen noch eine neue hinzuzufügen, necken wir lieber gemeinsam, so wie Sie es begehrt haben, diese Illusionen auf und konfrontieren wir lieber den out des neuen Einwanderer mit der Wir kl i er nach den! Zerflntfern der ans Europa mit! sinnen, die oft seine schwankende und falsch aiilassen, eine neue• klare Stellung findet. Ihr usw. Albert Landes, damit ebnehfen III11- Haltung ver- B a e r. Ausflug nach Rechowoih Von Immanuel, Tel-Awiw. Mit diesem Aufsatz setzen wir die in Nr. 85 der ״Jüdisehen Rundschau“ begonnene Reihe von Schilderungen eines neuen Einwanderers aus Deutschland fort. Red. Es ist ein sonderbares Land. So klein es auch ist, ist es so bunt und vielfältig, daß man niemals genug Augen hat zu sehen und niemals genug Ohren zu hören. Die Gegensätze sind messerscharf gegeneinandergesetzt, es gibt keine Uebergänge, alles steht scharf gegeneinander. Vielleicht erscheint es auch nur dem Neuling so. Die Alten, die lange hier sitzen oder sogar schon hier geboren sind, scheinen nicht viel von dieser Buntheit und dieser Gegensätzlichkeit zu verspüren. Es fällt mir immer von neuem auf, wie sie teilnahmslos an Dingen vorübergehen, die mich erregen, wie sie Landschaft, Menschen, Beziehungen, Kontraste als selbstverständlich nehmen oder gar nicht bemerken. Man gewöhnt sich woh! an all dies Neue und Fremde, vielleicht spürt man es nach ein paar Jahren auch nicht mehr. Wenn man mit Menschen hier spricht, so hört man von׳ ,,Umstellung“. Und umstellen muß man sich wohl vom ersten Tag. Schon das Sehen ist ganz anders. Die Landschaft, die ich kannte, war gemäßigt, hatte vorsichtige Uehergänge. gedämpfte Farben. Hier dringt das Licht mit überwältigender Gewalt auf Landschaft und Bauten ein. Es zittert alles vor Blau und Gelb. Ein unbeschreiblich blauer Himmel, nicht einfach klar, sondern einheitlich samtig, und tief-gelbe Dünen. Das Grün der Orangen, das Grau der Oliven betont mir noch diese zwei Farben, die immer wiedcrkeliren. Zuerst unterscheidet man kaum etwas vor dieser Farbenstärke; man braucht Zeit, sich hincinzusehen und /nrechtzufindcn. Und Alteingesessene, die diese Landschaften liebengelernt haben, erzählen, daß sic für manche Gegenden, vor allem für das sonderbare herbe Jcru- Salem, fahre zur Gewöhnung gebraucht haben. Es scheint, daß auch die Umstellung in der Landschaft erkämpft werden muß. Von dem G e s c 11 ä f t s v i e r t e I in T e 1 - A \>־ i w gehen die Autobusse in die Umeebmig־. Hier ist es sehr häßlich; haßliehe Häuser, häßliche Straßen, heiß, staubig und lärmend. Alle Läden sind voll, denn hier bekommt man Decken. Betten, Möbel, Haushaltungsgegenstände. Jeder von den Einwanderern braucht etwas, viele eine volle Einrichtung, und so wird überall fieberhaft gearbeitet und gehandelt. Der Autobus nach Rechowoth ist voll. Man fährt hier überhaupt sehr viel. Man hört alle Sprachen, natürlich viel hebräisch, aber daneben russisch, polnisch, jiddisch, ungarisch, jetzt auch schon sehr viel deutsch. Sehr viel Eile merkt man nicht, obwohl alle laufen und sich lebhaft unterhalten. Der Chauffeur wartet auf einen Fahrgast, der noch etwas zu erledigen hat, verlädt mit unendlicher Geduld einen Kinderwagen auf das Dach _ des Autos und wenn man schließlich abfährt, wird auch bald wieder gehalten, •weil unterwegs Leute rin- und aussteigen. Man fährt durch Jaffa hindurch, eine schöne, aber ganz verstaubte Palmenallee entlang, an den Straßen sitzen Araber vor den Cafes. Es scheint hier noch sehr viel Ruhe und Zeit zu geben. Dann kommt man auf die Chaussee nach Jerusalem und es geht rasch und wie auf Samt. Wenn man ein Auto hat, kann man hier überall leicht hirikommen, freilich gibt es außer den großen gut gehaltenen Straßen, auch kleine schlechte Nebenwege, auf denen man sich plagen muß. Sobald man aus der Stadt heraus ist, wird es stiller, trotz der großen Bewegung auf der Straße. Autos, Autobusse, Kamele, einzeln und in langen Ketten aneinandergebunden, Esel, Radfahrer, Fußgänger. Zu beiden Seiten sicht man weithin Orangenplantagen, dazwischen nackten Roden, nur wenige Häuser. Die wenigen sind alt, man sagt mir, sie gehören Arabern aus Jaffa. Rechts vom Wege gellt von einem Tor eine junge Palmenallee ab und dahinter sieht man hohe Baumbestände und Häuser. Hier ist die landwirtschaftliche Knabenschule Mikweh Israel, die im Jahre 1870 von der französischjüdischen Gesellschaft Alliance Israelite Universelle gegründet w׳urde. Ein paar Jungens steigen hier ab, in Hemd und Arbeitshose, braungebrannt und mit verarbeiteten Händen. Schüler der Anstalt, die ein paar Tage in Tel-Awiw gewesen sind. Die Landschaft ist glatt, wir sind hier in einer der großen Ebenen des Landes, aber am I iorizont wird der Boden wellig und die Farben ändern sich. Es ist Nachmittag, die Sonne ist im Sinken und gegen die judiiischcn Berge zu beginnt ein ganz unwahrscheinliches Farbenspiel, lila, dimslbiau und rötlich-gxün, das Vorspiel des Sonnenunterganges in den Bergen. Aber wir fahren nicht auf die Berge zu, wir biegen rechts ab aut den Weg, der zu den Orangcakolcmien führt. Hier liegen

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