Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1933-10-20 · Heft 84 (20.10.1933) · p. Seite 671

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 84 (20.10.1933)
Date
1933-10-20
Page
Seite 671 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2651273-2653725-2653807--24234-2687173
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

1933 Nr 84. 20 X. 1933 JÜDISCHE RUNDSCHAU ir Juden en eine idet sich .ogen in iche E\. enlebens )ge eine . Es ist der an• mneri/u. lolierun;,׳ rell und ist die fiistin• . für (■in : findet!e ״Ei!!, tus allen und der nde er• t diesen genstand Loge n, nd. f )er :rstatte;«;deuttm ״> ick Inn■ habe die en Insti• auf, dal] hen ab■ en heute iden der {lieh ,ge■ jüdische eau des f es sei nstitutio• : e Volk indes hi• r I en U anisation er über■ ׳. Di/■ jroßlo ׳•: sse, da6 Pefiach• :ilnehmc. der irrt 'eransi.1l■ n L ä n Jesaias iben pf. tenheinie für dir;r in den ina jet/t n präsi• teil. fna reik der! günstig■ ld Wand in 1.0k• indet am iIcq! .ing von rbereitet, icken im Stimmung Pachtver-;sen werle Beleblen. Der fersammnfsaflon hs, unter rder des im Zui s c h e n angehörl den fort■ 1 Nabai.1l iber «in« ause von 1 m 1 u ה g reklagie» Hussein In dieser in einer jüdischest iberlallen ren Ver■ 1 von be- 1g «Din״ muß mit Aul die : Terror• i arbeits- I Zeit in /ersamrnwo rn.1״ 1 Scheid1! geführt, reten. Lr ingckla■;■ su ver■[ 1gcb<־n. Als erste, on Haiiaj )ertragen. bestehen 5!weit« aifi stad Kritik an der deutschen Alijah Die nachfolgenden Ausführungen gehen uns von einer bekannten Zionistin zu, die vor einiger Zeit nach Palästina au<:gcwandert ist. Wir glauben, daß das ernste Thema, das von ihr behandelt wird, eine öffentliche Erörterung erfordert, da nur durch eine solche die für das Zusammenleben aller Teile des Jischuw lebenswichtige Klarheit der Atmosphäre erhalten werden kann. Red. Jerusalem, in den Selichoth-Tagen. .Der Artikel von Ben-gavriel in Nr. 72 der ״Jü- «lischen Rundschau“ berührt in sehr schonender Form ein Problem, das viel diskutiert wird und jedem neu Eingewanderfen, der sich nicht nur in seinem landsmännischen Kreis bewegt, sondern mit dem Jischuw in Berührung kommt, sehr zu denken geben 11111(1. Ben Oawricl hat, da er im Namen des Jischuw spricht, sich sciir schonend, zart und taktvoll ausgedrückt. Einer selbst neu Zugewanderten ist erlaubt, etwas deutlicher 7.u werden, und die Dinge beim Namen zu nennen. Es kann nicht geleugnet werden, daß eine gewisse Miß- Stimmung im Lande herrscht. Man wirft den deutschen Ein- Wanderern vor, daß sie anspruchsvoll sind, daß sie nicht den ernsten Willen haben, sich umzustellen, sich dem Lande anzupassen, daß sie von oben herab Kritik üben und sieb als ״Kulturträger“ und ״Kulturbringer“ fühlen. Man vermißt bei ihnen Respekt vor dem hier Geschaffenen, Liebe und Hingabe an das Land und seinen Aufbau. Ein Teil der Einwanderer wiederum spricht davon, daß man ihm vielfach abweisend entgc!;/:;kommt, und ihm aus dem Zeitpunkt seiner Ucbersiedhing, aus seinem unfreiwilligen Herkommen einen Vorwurf macht, ihn ausnutzt, u. ä. Ich möchte zunächst von meinen eigenen Erfahrungen sprechen, die mir den Ausgangspunkt zur Beurteilung der Frage gegeben haben. Ich kam Mitte Mai dieses Jahres ins Land, mit ganz minimalen hebräischen Kenntnissen, und jedem sofort als neu angekommene deutsche Einwanderin erkennbar. Ich war geradezu überwältigt von der Herzlichkeit und Wärme, mit der einen das Land empfing. Ich spreche hier nicht von Bekannten oder von Menschen, die wußten, daß man seit vielen Jahren für Erez Israel arbeitete und daß die Alijah sowieso für dieses Jahr projektiert war — ich spreche von dem ״Mann auf der Straße“, für den ich nichts anderes war, als ein durch die deutschen Verliältnisse ins Land gekommener neuer Einwanderer. In zahl* losen kleinen Erlebnissen hat sich dieser Eindruck von Tag zu Tag verstärkt, Ob ich nach einer Straße gefragt habe, ob es sich um Hilfe beim Telephonieren gehandelt bat, oder beim Einkauf — immer habe ich die gleiche Herzlichkeit gespürt. Ich bin in eine Heimat gekommen — das war das Erlebnis dieser ersten Zeit. Lind wenn mich am Hafen in Jaffa eine Abordnung des Jischuw mit Fahnen und Blumen und Musik feierlich begrüßt hätte — ich hätte mich doch nicht herzlicher aufgenommen fühlen können, als durch diesen warmen, herzliehen Empfang des einfachen, unbekannten Juden, Nie ist mir so deutlich geworden, warum man das Volk im Sinnbild der Mutter symbolisiert hat. So wie mich das Land empfing, empfängt nur eine Mutter: sie fragt nicht, warum kommst Du erst jetzt, wo Du mich brauciist, warum hast Du mich vergessen gehabt — sie ist glücklich, daß das Kind zu ihr heimgefunden hat, und daß sie ihm helfen kann. Es ist richtig, daß ich da und dort auch auf weniger schöne, und auch auf taktlose Haltung gestoßen war, aber der geschilderte Gesamteindruck war so überwältigend, daß ich dies überhaupt nicht beachtete. Dieser erste starke Eindruck liat sich inzwischen nicht abgeschwächt. Ich komme sehr viel mit dem Jischuw in Beruhrung, und begegne auch jetzt fast nur einem herzlichen und freundlichen Entgegenkommen. Da ich inzwischen eine besclicidenc Fertigkeit in der hebräischen Umgangssprache erworben habe, ist die Beziehung noch herzlicher geworden. Der Pal.istinenser freut sich rührend, wenn er sieht, daß man sich um die Sprache bemüht, und spart nicht mit aiifmtmierndem Lob und Anerkennung, auch wenn man noch so fehlerhaft spricht. Nach solchen eigenen Erfahrungen, die ich auch von zahlreichen Bekannten bestätigt fand, stelle ich nun erschüttert vor der nicht abzuleugnenden Tatsache, daß im Jischuw eine tiefe Enttäuschung und Mißstimmung vorhanden ist. Es handelt sich nicht nur um eine Stimmung der breiten Masse, vielmehr habe ich auch in zahlreichen Gesprächen mit sachlichen, objektiven Menschen ein sehr herbes, auf Tatsachen und Erfahrungen gestütztes Urteil feststellen müssen. Besonders häufig wurde ich darauf hingewiesen, wie ganz anders die Haltung und Einstellung der seinerzeit aus Rußland nach,Palästina geflohenen Akademiker war, die mit der größten Anspruchslosigkeit sich dem Land anpaßten und sich mit einem harten Anfangskampf abfanden. Unleugbar wird es dem deutschen Juden schwerer, auch bei gutem Willen, sein Leben von Grund auf neu anzufangen, er ist fester ■in bestimmten Lebensbedingungen verwurzelt und nicht zu einer grundsätzlichen Umstellung disponiert. Darüber hinaus aber gibt es ohne Zweifel auch Einwanderer, die nicht einmal den guten Willen zu einer Umstellung haben, die ohne innere Beziehung zum Land und seinem Aufbau hereinkommen, mit kalten, lieblosen Augen das Land betrachten, sich als ״kulturell Höherstellende“ fühlen, und mit unbekümmerter Naivität diese Einstellung offen zur Schau tragen. Sicherlich ist diese Schicht zahlenmäßig sehr klein, aber sie fällt auf, und ihre Aeußerungen haben in dem kleinen Land ein starkes Echo. Unter ihnen befinden sich auch einige Menschen — das stellt ebenfalls zweifelsfrei fest — die ihr früheres Vorurteil gegen ״Ostjuden“ auch in einem Lande nicht abgelegt haben, dessen Blüte der Arbeit, dem Idealismus und dem Gemcinschaftsgeist des Ostjudenliims zu verdanken ist, und die aus diesem Vorurteil auch kein Hehl machen. Ein ganzer Kranz von Aeußerungen geht von Mund zu Mund und hat ein verhundcrtfaclitcs Echo. Leider sieht man im Jischuw in dieser Schicht innerlich Fremder die Repräsentanten der deutschen Alijah, und in dieser Verallgemeinerung liegt sicher ein schweres Unrecht von seiten des Jischuw. Es ist wie überall, das Negative fällt auf, das Gute bleibt im Dunkfcl. Die Tausende, die mit langgehegter Hebe ins Land kommen, die still und selbstverständlich unter den bescheidensten Lehensbedingungen zu arbeiten beginnen, froh und glücklich, im Land zu sein — sie treten nicht ins Blickfeld. Was in den Herzen vorgdit, wenn wir ins Land kommen, diese ungeheure Erschütterung, diese unsägliche Dankbarkeit den Menschen gegenüber, die für uns das Land aufgebaut haben — das alles bleibt in Schweigen und Stille verborgen. Der Jischuw weiß nicht, ein wie großer Teil der Alijah aus alten Zionisten besteht, oder aus Menschen, die in einem auf* wühlenden Erlebnis z־u ihrem Volk mrückgefunden haben. Darum sei dem Jischuw gesagt: Beurteilt die neue Alijah nicht nach denen, die mit kalten Herzen ins Land kommen, schaut über sie hinweg, wie wir über diejenigen unter Euch, für die der Einwanderer ein Spekulationsobjekt ist, hinwegblicken auf Eure Liebe, auf Eure warme und gute Aufnahme, auf Euer herzliches Willkommen. Unser Häßliches und Euer Haßliches — laßt es uns betrachten als unsern gemeinsamcn*Makel der Galuth, der in der reinen Flamme unseres gemeinsamen, neuen Lebens verbrennen wird. D. * Fon dem Verfasser des hier erwähnten Artikels, M. Y. Ben-gavriel, erhalten wir nachstehende Zuschrift: Jerusalem, Mitte Oktober 1933. Sehr geehrte Redaktion! Ich bitte Sie um Gastfreundschaft für folgende Bernerkling zu meinem vor einigen Wochen in der ״Jüdischen Rundschau“ erschienenen Aufsatz ״Ein Wort an die Einwanclerer aus Deutschland“, der ein überraschend starkes Echo gefunden hat. Zustimmung und Ablehnung, letztere bis zu persönlichen Angriffen intensiviert (wobei fast immer die mehr ornamentalen Nebensätze des Artikels zu Hauptargumenten des Gegenangri ff gemacht wurden), erreichten mich in derartiger Fülle, daß ich der Jugend und den Aeltcren, die meiner Ansicht sind, mir kurz danken kann, den Andern aber, Jenen, die, sich getroffen fühlend, überaus heftig replizierten, in größtmöglicher Kürze mir dies noch sagen möchte: Vor allem: es handelte sich mir natürlich nicht darum, zu verallgemeinern, wie es sich mir nicht darum liandeln konnte, Einzelvorfälle zu symptomatischen Ereig- Usren zu überwerten. Es gibt nicht und hat niemals ein oifektiv gegeben, das sich auf der Basis nur negativer Charaktcrlialtung zusammenfand, wie andererseits der Zusammenstoli der Bequemlichkeit im Denken einzelner Irulividuen mit den Ergebnissen einer konstruktiven Weltan- Schädling niemals auf den Wert oder Unwert einer Gruppe schließen läßt. Wer nach Palästina kommt, ist — dies wollte ich parenthetisch sagen — wertvoll, wenn er es verstellt, daß Erlösungsimpcrialismus hier nicht am Platz ist, weil das Kommen nach Palästina für den Juden, auch für den, der gestern sein Judentum noch nicht zur Kenntnis genommen hatte, kein Hera!)-, sondern ein endgültiges ״Hinaufsteigen“ (,,Aiijaii“) 711 bedeuten hat. Wer dies nicht erkennt, trägt seine Assimilation, seine aus dem Kampf um die Bequemlichkeit geborene Tendenz zur seelischen Mimikry, weiter, und ein Weiter-Tragen der Assimilation in Palästina ist schlimmer als irgendwo in der Welt, denn: Palästina ist der Ausgangspunkt und der Endpunkt, die Landschaft des ersten und des letzten historischen Momentes des Judentums, das Wirkungszentrum seiner ersten und seiner letzten Chance. Daher die Forderung nach Demut, die mir immer wieder als Ueberhehung vorrreworlen wurde, weil der Begriff Demut in die-'er Zeit des Ellbogen k am pf es um einen ge:stig zu nichts verpflichtenden Sit/nlatz im Schoß der Zeit außer Kurs gekommen ist. Es geilt nicht an, meinte ich, leichtfertig das Gestern aus Europa in ein Land rnitzunehmen, dessen historische, geir-'ige, religiöse, in allen Bezirken des Judeseins restlos und eindeutig verpflichtende Aufgabe in jenem Augenblick verständlich wird, da man zu erkennen beginnt, daß das Spiel der Assimilation sowohl an ein europäisches Wirtsvolk wie überhaupt an den europäischen, nicht-orientalischen Geist seinen stets begrenzten Wert mm völlig verloren hat. Wer gestern Anfizionist war. wird beute, ob er cs will oder nicht, ״Zionist“ im Sinn eines konstruktiven Arbeiters am Judentum, wenn er den Fuß in unser!.and setzt, — vorausgesetzt, daß er nicht herkommt voll Resignation, und vorausgesetzt, daß er nicht herkommt itn Sinne jenes Steuernächters Tobias ben yossef, der den systematisch betriebenen Liellcnisierungsprozci. im Judentum cinleitcte, welcher heute Lcvantinisierungsprozeß luißt und um kein Jota wertvoller ist als jener. Natürlich — und damit möchte ich einen zweiten, mir immer wieder vorgcbraclilen Einwand berühren — gibt es auch unter den alten Palästinensern höchst negative Elemente, aber — habe ich etwa gesagt, daß diese Elemente für uns wertvoll sind? Ich sprach nicht von ihnen, wt 1 mein Wort ausdrücklieh an die Neuemwanderer erging, welche die Wald haben, sich für den Anschluß an die guten oder an die wertlosen Elemente zu entscheiden, an die Pioniere, welche den Aufbamveg vurnnschreifen oder a:t die Andern, jene, welche mit Sehnsucht im Herzen und mit Geld in der Bank fasziniert nach Europa bücken und niclils anderes wünschen, als daß Palästina sich — von der Zentralheizung bis zu einem kaud erheischen Esperanto im Seelischen nirgendwo fundierten I iteratur-Kosmopolilismus — sehr schnell assimiliere. Daß die Notwendigkeit der Entscheidung für einen dieser beiden Pole an den Ncueknvandercr mit großer Deutlichkeit herantritt — das war es, was ich sagen wollte im Namen der letzten großen Chance des Judentums. M. Y. Ben-gavriel. 47 Amfsgcrlcltle in Thürimien ohne jBdische Anwälte Zu der vor kurzem verbrei'etcn Meldung, wonach Marbürg die einzige deutsche Stadt sein sollte, in der es überhaupt keinen jüdischen Rechtsanwalt mehr gebe, hat die ״Frankfurter Zeitung" eine Anzahl von Zuschriften erhalten, in denen die mangelnde Orientierung breiter Schichten über die Berufsverhältnisse der Nichtarier bedauert wird. Eiin Thüringer Anwalt macht unter an- «lerein folgende!Mitteilungen über Thüringen mit dem Zusatz, daß es sich dabei nicht etwa um besondere Verhaltrisse handle, sondern daß die Dinge wohl in großen Teilen des Reiches ähnlich gelagert seien: ״In Thüringen gibt es sieben Landgerichte, und zwar in Altenburg, Eisenach, Gera, Gotha, Meiningen, Rudolstadt und Weimar, Schon vor der Neuordnung der Verhältnisse durch das Berufsbeamtengesetz hat es an dreien dieser sieben 1 andgerichte, nämlich in Altenbürg, in Rudolstadt und in Weimar, keine jüdischen Anwälte gegeben. Nimmt inan noch die 67 Amtsgerichte des! .־indes Thüringen hinzu, so waren 47 Amtsgerichte ohne jüdische Anwälte.“ ln der Zuschrift werden diese 47 Städte mit Namen aufgeführt. Dann heißt es weiter: ״Zu den drei Landgerichten dürfte nunmehr als viertes noch das Landgericht Gera treten, die größte Stadt iin Lande Thüringen, wo früher zwei jüdische Anwälte waren. Deren einer hat bereits die Zulassung endgültig verloren, während gegenüber dem anderen schon seit längerer Zeit ein Vertretungsverbot bestellt. Damit wären also bei mehr als der Hälfte, bei vier von sieben Landgerichten, jüdische Anwälte nicht mehr vorbanden.“ Aut Grund der Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze von Volk und Staat wurden im Gesamtgebiet der Freien Stadt Hamburg 58 Sportvereine, darunter der Jüdische Sportklub aHagibor“, aufgelöst. Seite 669 Der Herr sprach bet sieb: ich will nicht fördef: dem Erdboden fluchen um des Menschen willen, weil der Trieb des menschlichen Herzen böse ist von Jagend an, und ich will nicht fÖrder alles Leben vernichten, wie ich es getan habe. Vielmehr: so* lange die Erde besteht, soll Saat und Ernte, Kälte, und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht׳ nicht mehr aufhören {I. Buch Moses 8, 21*22), Woehenabsdtnilt für Sabbat, 21. Oktober Die Predigt unserer Zeit Von Dr. Gerhardt Neumann, Berlin. Es ist von Interesse, die Anpassung der jüdischen Predigt an die heutige Situation zu verfolgen. Denn wenn Predigt mehr sein soll als ein bloßer Wortschwall, der sicli über einen wehrlosen Hörer ergießt, dann muß sic ein Spiegelbild unseres internen Lebens, unserer jüdischen Wirklichkeit sein. Man konnte bereits seit mehreren Jahren diese Annäherung der Predigt an die jüdische Wirklichkeit beobachten, die sich in demselben .Maße vollzog, wie durch die Umwelt dem einzelnen Juden sein Judentum als Realität aufgezwungen wurde. Aber es fehlte bis zur Umwälzung doch an der rechten Resonanz; die Synagogen blieben lialbleer; und die Bemühungen der Knnzelrcdncr erwiesen sich als nahezu fruchtlos. Seit den Ereignissen der letzten Monate ist hierin ein deirtlieh er Wandel eingetreten. Die Synagogen sind im Durchschnitt gut besucht; bei einzelnen besonders populären Rednern herrscht ein solcher Andrang, dal! der Raum die Menge nicht zu fassen vermag. Man fragt sich na dl den Gründen dieser Erscht’inung. Sind wir Juden religiöser, frömmer geworden? Geht man jetzt nicht mehr aus Pietät, sondern aus innerem Antrieb zur ״Schilf“? Oder könnte mail nicht auch meinen, wir seien abergläubischer geworden, indem viele glauben, durch Gebete den!.auf des Schicksals bestimm en zu können? Sicher mag für den Einzelnen dies« oder jenes nitreffen; aber ־wichtiger ist, die gesamtpsvchische Situation zu erkennen, aus der sich der stärkure Svnagogenbcsuch ergibt. in jedem von uns ist heule die Problematik des Judescins in einer unerhörten Intensität wachgenifen worden. Die Mehrzahl der deutschen Juden ist unvorbereitet von den Ereignissen überfallen worden: man war nicht darauf vorbereitet, J 11 d e z u sei n 11 n d als J u de zu 1 e 11 e n. Wir alle tragen diese Prohiemalik mit uns herum; aber die meisten sind naturgemäß nicht in der Lage, sich selbständig durch die Fragen hindurchzufinden und zu einer Antwort zu kommen. Auch das Bekenntnis zu einer bestimmten jüdischen Weltanschaumig ist solange keine Antwort, als man sich nicht selbst diese Weltanschauung erarbeitet hat. Deshalb gehen die Mensehen aus einem inneren Muß heraus in die Synagoge, weil sie vorn Rabbiner — a!s einem Menschen, der von Berufs wegen in dieser Problematik lebt — eine Antwort erwarten. Es ist ein Irrtum, zu glauben, daß diese Frage des jüdischen Menschen nur materieller Art ist: Was wird aus uns werden? Nein, er fragt ebenso: Wie soll ich mich verhalten; was kann ich tun, um die jüdischen Werte in mir lebendig zu machen; wo ist der geistige und seelische Boden, auf dem ich eine licue Heimat f i n d e n k ann? Und die Frage lautet auch: Wie verbinde ich das seit Generationen in mir aufgespeicherte europäische Kulturgut mit dem jüdischen: wieweit soll ich mich lösen und wieweit kann ich cs überhaupt? Die jüdische Predigt ist so vor eine Fülle von Aufgaben gestellt worden, daß es des Einsatzes der ganzen Persönlichkeit bedarf, um den Aufgabe« gerecht zu werden. Die Zeit einer reinen Erbauungspredigt ist endgültig vorbei; es gibt wohl kaum noch einen Rabbiner, der es wagen würde, sich auf diese Weise das!.eben leicht zu machen. Wie weit aber kann die Predigt auf die Fragen eine Ant« wort geben? Zunächst ist grundsätzlich zu vermerken, daß es keine autoritative Antwort gibt. Sie bleibt immer, abhängig von der Persönlichkeit des Rabbiners, und er sagt sie auf seine eigene Verantwortung. Aber überdies kann cs auf die Fragen, die uns alle heute bewegen, noch keine endgiiltige Antwort geben, wei! die Dinge noch zu sehr im Fluß sind, und jede Lösung von heute schnell von einer neuen über, holt wird. Auch bestellt für die predigt die Gefahr einer starken■ Verweltlichung, wenn sich der Prediger völlig hemmungslos den! Tagesereignissen überliefert. Eines nur vermag nach unserer Auffassung die Predigt iu dieser Zeit 711 leisten: unseren Menschen eine neue jii-1 d i s c h e O e s i 11 n 11 n g a n z 1! e r 7 i e 11 e n. Ansätze zu dieser Erziehungsarbeit sind bereits vorhanden; und soviel der kritische Hörer itn einzelnen auch auszusetzen hat, im ganzen bedeutet das ein nicht zu unterschätzendes Stück jüdischer Auf-[ bauarbeit. Die ״Jüdische" Sippschaftstafel Man schreibt uns; Kürzlich hielt, wie die ״Voss. Ztg.“ berichtete, der Präsident des Thüringischen Landesamtes für Rassewesen Dr. Astei einen Vortrag über Stammbaum, Stammtafeln u. dgl. und erklärte, daß die S i p p s c h a f t s t a f e 1, die aus den vier Urgroßeltcrn und deren sämtlichen Nachkommen besieht, ״edlen anderen Tafeln vorzuziehen ist". Eine Ahnen- und Sippsclinftstafel zu führen, werde in Zukunft allen zur Pflicht gemacht werden. Es ist nun nicht uninteressant, daß die Tafelform der! Sipnschaftstafc! die Erfindung eines Juden, des Ber-, litier Augenarztes und Erbforsclicrs Dr. Arthur C z e 11 i t z e r, ist, der sie zuerst hier in Berlin in einem Vortrage vor der Ge•! Seilschaft für soziale Medizin und Mcdizinalstatistik am 5. November 1908 und in einer größeren Zahl von wissenschaftlichen Zeitschriften der folgenden Jahre veröffentlichte. Czellitzer hat nicht nur vor 25 Jahren diese Tafel konstruiert, sondern auch! den Namen ״Sippschaftstafel״ geschaffen, indem er das Wort ״S i p p s c 11 a f t“ als erster in die Wissenschaft cinfiihrtc als die (von ihm so definierte) ״Summe a 11 c r Bl u t s v e rwandten, die möglicherweise gleichzeitig mit, dem Probandus lebe 11“. Der NSD.-Aerztebund, Gau Hessen-Nassati-Süd, macht 1t. ״Frankfurter Zeitung“ vom 12. 10. seinen Mitgliedern zur Pflicht, den Aufdruck ״Deutscher Arzt“ auf ihrem Arzt-j Schild anzubringen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.