Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 81-82 (11.10.1933)
- Date
- 1933-10-11
- Page
- Seite 643 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 81/82, 11. X. 1933 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 641 Der Geslaliwandel des Judentums Zur Entwicklung des modernen jüdisdien Denkens Eine Aufsatzreihe von Hans Hohn Wir setzen heute die in Nr, 19J80 begonnene Aufsatzreihe fort, die den Wandel des jüdischen Denkens innerhalb der letzten 50 Jahre an repräsentativen Persönlichkeiten aufzeigen will. Wir verweisen hierbei auf die Vorbemerkung, die wir dem ersten dieser Aufsätze vorangeschickt haben■ Wir haben dort auf die Veränderungen hingewiesen, die sich im 19. Jahrhundert durch die Wirkung allgemeiner Ideen wie des Liberalismus und des Nationalismus im jüdischen Lehen vollzogen haben, und fügten hinzu: ״Nur aus diesem Gestaltwandel heraus kann die wichtigste moderne jüdische Bewegung, der Zionismus, verstanden werden. Viele unserer Leser, die erst jetzt mit dem lebendigen Judentum in Berührung kamen und sich nun auch für den Zionismus interessieren, sind nicht vertraut mit der Geschichte des bewußtjüdisdien Denkens, wie es sich im 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. vollzogen hat und ohne dessen Kenntnis vieles in der zionistischen Entwicklung unverständlich bleiben muß." Wir glauben, einem entstandenen Bedürjnis entgegenzukommen, wenn wir wenigstens in kurzen Abrissen etwas aus der Gedankenwelt der Persönlichkeiten des neuen Judentums übermitteln. Red. Theodor Herzl Theodor Herzl kam von außen an das Judentum heran. Er hatte den typischen Werdegang■ des jüdischen Bürgerssohnes aus assimilierter Familie in Mitteleuropa zurückgelegt. Er hatte die Emanzipation und die Asimilation erlebt. Gerade aus ihnen heraus gewann er Distanz und konnte mit einem umfassenden Blick die ganze äußere Lage des jüdisehen Volkes erkennen und sie an den Maßstäbeii des ihm vertrauten europäischen Lebens messen. Theodor Herzl sah das jüdische Problem von außen her. Dies war ihm Stärke. Dies gab ihm die Kühnheit seines Entwurfs ein. Ihm war das Judentum keine geistige Tradition, in der er gelebt hätte, oder in die er cingetreten wäre; es war ihm eine politisch-soziale Tatsache, geschaffen und zusammengehalten durch äußere Faktoren, durch einen Druck von außen, der auch für das innere Leben und für die Reg־ungen dieses inneren Lebens verantwortlich war. Das Judentum als solches hatte ursprünglich für ihn keinen Eigenwert. Es war Re-Aktion auf eine von allen Seiten gegen es einsetzende Aktion — den Antisemitismus. Herzl erkannte die volle eigentümliche Bedeutung des Antisemitismus und seine siete Wechseibedingtheit mit der Existenz des Judentums. Er entsprang für ihn nicht dem bösen Willen oder dem Unverständnis der anderen Völker. Ihm gegenüber hilft kein Ueberreden, keine Aufklärung und kein Moralisieren. Der Antisemitismus geht nicht, wie die Juden im neunzehnten Jahrhundert oft dachten, bloß auf Gcmiitsgründe, alte Vorurteile oder Borniertheiten zurück. ״Die causa remota ist der jm Mittelalter eingetretene Verlust unserer Assimilierbarkeit die causa proxima unsere Ueher- Produktion an mittleren Intelligenzen, die keinen Abfluß nach unten haben und keinen Aufstieg nach oben — nämlich keinen gesunden Abfluß und keinen gesunden Aufstieg.“ Die Existenz der Juden erzeugte den Antisemitismus. Der Antisemitismus verneinte die Assimilation der Juden, zwang sie, weiter zu bestehen, und so wiederum den Antisemitismus wach zu erhalten. Der Antisemitismus setzte überall ein, wo das Judentum mit anderen sozialen Gruppen zusammenstieß, er war eine Randreibungserscheinung, wie sie bei aiien Völkern vorkommt. Nur daß die Judenheit nur aus Rändern bestand und keinen Kern hatte,,-daß -sie nirgendwo konzcufriert war und überall verbreitet und daß daher der Antiscmitisimis eine Erscheinung war, die auf der ganzen Erd- Oberfläche auftrat, überall dort, wo es Juden gab. Aus dieser Lage heraus hätte es den Weg der Assimilation gehen können, des Untergangs des Judentums, und Herzl hätte diesen Weg bejaht, wenn er möglich gewesen wäre. Aber gerade der Antisemitismus ließ diesen Weg nie 11t zu. So blieb nur ein anderer Weg übrig, den Herzl in einer künstlerisch-genialen Konzeption erfaßte, der Weg, die Juden aus ihrer anormalen Lage eines Volkes der bloßen Peripherie zu befreien, sie zu einem normalen Volke zu machen, sie an einem Orte der Erdoberfläche zu konzentrieren. ״So sind und bleiben wir denn, ob wir es wollen oder nicht, eine historische Gruppe von erkennbarer Zusammengehörigkeit." ״Wir sind ein Volk — der Feind macht uns ohne unseren Willen dazu, wie das immer in der Geschichte so war. In der Bedrängnis stehen wir zusammen und da entdecken wir plötzlich unsere Kraft. Ja, wir haben die Kraft, einen Staat, und zwar einen Musterstaat zu bilden. Wir haben alle menschlichen und sachlichen Mittel, die dazu nötig sind.“ Aus Herz! sprach in allen seinen Aeußerungen und Vor- Stellungen das ausgehende neunzehnte Jahrhundert und zugleich der künstlerisch veranlagte Mensch. Wie so viele seiner Zeit und seiner Umgebung litt er an der Zurücksetzung der Juden in der bürgerlichen Gesellschaft des neunzehnten Jahrhunderts. Es war ein verletzter Stolz, der sich gegen das jüdische Schicksal aufbäumte. Er wollte eine neue Art Juden, freie, aufrechte, schöne MenscJien, von denen alle Niedrigkeit des Goius abgefallen wäre. Aber von dem eigentlichen jüdischen Leben, von dem wahren Judentum der Jahrtausende blieb Herzl unberührt. Es war ihm nie ein Problem geworden. Herzl sah im Judentum nicht den Inhalt, sondern die Form, und die Form war, von außen gesehen, — häßlich und vom Europa des neunzehnten Jahrhunderts aus gesehen — unvollkommen. Es galt, sie vollkommen zu machen. Auch darin äußerte sich sein Künstlertum. Das Judentum aus einer formlosen Masse, aus einer Herde in eine Form zu bringen, hieß aber in der Sprache des neunzehnten Jahrhunderts — einen ״Judenstaat“ schaffen, dem jüdisdien Volke jene Form zu geben, die für das neunzehnte Jahrhundert als die höchste und endgültigste Form galt, die eine Nation erringen konnte. Noch im Jahre 1894, in einer Rezension des Romans von Dumas ״La femme de Claude“ hatte Herzl geschrieben; ״....der gute Jude Daniel will die Heimat seines Stammes wiederfinden und seine zerstreuten Brüder heimführen. Doch gerade ein solcher Daniel weiß, daß den Juden mit ihrer historischen Heimat nicht gedient wäre. Es ist kindisch, die geographische Lage dieses Landes zu suchen.... und wenn die Juden wirklich ״heimkehrten“, so würden sie am andern Tage entdecken, daß sie längst nicht mehr zusatnmengehören. Sie wurzeln seit Jahrhunderten in neuer Heimat, entnationalisicrt, voneinander verschieden, in einer Ctiarakterähnlichkeit nur durch den sie überall umgebenden Druck erhalten.“ Die Bedeutung des die Juden überall umgebenden Druckes sollte sich in kurzer Zeit steigern. Beim Erleben der Dreyfus-Verfolgungen in Paris 1m Jahre 1895 erkannte Herzl die wurzelhafte Natur des Antisemitismus. «Was ist eine Nation? — Eine historische Menschengruppe von erkennbarer Zusammengehörigkeit, die durch einen ge- "י einsamen Feind zusammen gehalten werden..., der Feind ״ucht uns ohne unseren Willen zum Volkel“ So sah Herzl mit einem Blicke die großen Zusammenhänge, und er zog aus seiner Erkenntnis die naheliegenden logischen Folgerungen: ״Wir sind ein Volk, ein Volk!“ Dieses Volk muß den Schritt tun, den alle anderen Völker Im neunzehnten Jahrhundert getan haben, um ein menschlich schönes, freies Gebilde zu werden; — es muß sich einen Staat schaffen. Für die Juden wird der ״Judenstaat“ noch mehr bedeuten als für alle anderen Völker, die auch ohne Staat ein beinahe geschlossenes, normales Dasein auf eigener Scholle mit eigener Sprache und Kultur, mit eigener Wirt- Schaft führen. Der Judenstaat wird den Juden eine neue Würde geben, er wird sie erst zu wirklichen Gleichberechtigten machen, er wird die Emanzipation vollenden. Gleichzeitig wird er die jüdische wirtschaftliche Not lindern und beheben, die dadurch entsteht, daß die luden zu dicht gedrängt innerhalb fremder Völker leben. Der Judenstaat wird die Juden glücklich machen. In einem ungeheueren, rauschartigen Enthusiasmus konzipierte Herzl diese Idee, schrieb er den ״Judenstaat“. ״Ich erinnere mich nicht, je etwas in so erhabener Gemülsslimmung wie dieses Buch geschrieben zu haben. Heine sagt, daß er die Schwingen eines Adlers über seinem Haupte rauschen hörte, als er gewisse Verse niederschrieb. Ich glaubte auch an so etwas wie ein Rauschen über meinem Haupte, als ich dieses Buch schrieb. Ich arbeitete an ihm täglich, bis icli ganz erschöpft war.“ Aus diesem dünnen Bändchen weht uns das Pathos und der technische Stolz des neunzehnten Jahr- Hunderts entgegen. In dem Briefe, den Herzl an den Baron Hirsch schrieb, ist das Wesen des Buches kurz zusammengefaßt: ״Ich hätte Ihnen schließlich sagen müssen, weiche Fahnen und vv i e ich sie aufroilcn will und hätten Sie mich später gefragt. ״Eine Fahne, was ist das? Eine Stange mit einem Fetzen Tuch!“ — nun mein Herr, eine Fahne ist mehr als das. Mit einer Fahne führt man die Menschen, wohin man will, selbst ins gelobte Land; für eine Fahne leben und sterben sie, es ist sogar das einzige, wofür sie in Massen zu sterben bereit sind, wenn man sie dazu erzieht. Wissen Sie, woraus das Deutsche Reich entstanden ist? Aus Tränmereien, Liedern, Phantasien und schwarz-rot-goldenen Bändern; und in kurzer Zeit! Bismarck hat nur den Iiaum geschüttelt, den die Phantasten pflanzten. Ja, nur das Phantastische ergreift die Menschen, und wer damit nichts anztifangeft weiß, der mag rin vortrefflicher, -bräver und tiflritferner Mensch sein und selbst ein Wohltäter im großen Stil. Führen wird er die Menschen nicht, und es wird keine Spur von ihm bleiben.“ Der Inhalt der Schrift ״Der Judenstaat“ ist nicht so sehr in seinen allgemeinen und sozialen Details bemerkenswert, wie sjc wichtig und wesentlich ist durch ihren Ton, durch die Erweckung einer neuen Persönlichkeit. Wohl ist der Inhalt des ״Judcnstaatcs“ eine Uebernahme dessen, was dem liberalen Bürgertum um 1895 als erstrebenswert galt. Aber welche Perspektiven eröffnen sich! ״Der Auszug ins Gelobte Land stellt sich praktisch als eine ungeheure, in der modernen Welt beispiellose — Transporfunternehinung dar. Was, Transport? Ein Komplex aller menschlichen Unternehmun^en, die wie Zahnräder ineinandergreifen werden. Und bei dieser Unternehmung wird schon in den ■erster! Stadien die nachstrebende Menge unserer jungen Leute Beschäftigung finden; alle die Ingenieure, Architekten, Technoiogen, Chemiker, Advokaten, die in den letzten dreißig Jahren aus dem Ghetto herausgekommen sind und glaubten, daß sie ihr Brot und ein bißchen Ehre außerhalb des jüdischer. Schachers finden würden, die jetzt verzweifeln müssen und ein furchtbares Bildungsproietariat zu bilden beginnen. Denen aber meine ganze Liebe gehört und die ich so vermehren will, wie Sie sie vermindern möchten. In denen ich die künftige noch ruhende Kraft der Juden sehe. Meinesgleichen, mit einem Wort.“ ״Niemand ist stark oder reich genug, um ein Volk von einem Wohnort nach einem andern zu versetzen. Das vermag nur eine Idee. Die Staatsidee hat wohl eine solche Gewalt. Die Juden haben die ganze Nacht ihrer Geschichte hindurch nicht aufgehört, diesen königlichen Traum zu träumen: ״Uebers Jahr in Jerusalem!“ ist unser altes Wort. Nun handelt es sich darum, 711 zeigen, daß aus dem Traum ein tagheller Gedanke werden kann. Dazu muß vor allem in den Serien tabula rasa gemacht weiden von mancherlei alten, überholten, verworrenen, beschränkten Vorstellungen. So werden dumpfe Gehirne zunächst meinen, daß die Wanderung aus der Kultur hinaus in die Wüste gehen müsse. Nicht wahr! Die Wanderung vollzieht sich mitten in der Kultur. Man kehrt nicht auf eine niedrigere Stufe zurück, sondern ersteigt eine höhere. Man bezieht keine Lehmhütten, sondern schönere, modernere Häuser, die man sich neu baut und ungefährdet besitzen darf. Man verliert nicht sein erworbenes Gut, sondern verwertet es. Man gibt sein gutes Recht nur auf gegen ein besseres. Man trennt sich nicht von seinen lieben Gewöhnheiten, sondern findet sie wieder. Man verläßt das alte Haus nicht, bevor das neue fertig ist. Es ziehen immer diejenigen, die sicher sind, ihre Lage dadurch zu verbessern. Erst die Verzweifelten, dann die Armen, dann die Wohlhabenden, dann die Reichen. Die Voran gegangenen erheben sich in die höhere Schichte, bis diese letztere ihre Angehörigen nachschickt. Die Wanderung ist zugleich eine aufsteigende Klassenbewegung.“ Den allgemein-menschlichen Zügen gegenüber sind die nationalen jüdischen Züge in der Broschüre wenig ausgeprägt. Für Herzl handelte es sich 11m ein Staatsterritorium, nicht aber um Palästina. Es kann Palästina sein, es kann aber auch ein anderes Land sein. Es wird keine nationale Sprache geben; es ist für Herzl selbstverständlich, daß die Juden im Judenstaate nicht hebräisch miteinander Tedcn können. Jeder wird seine Diaspora-Sprache behalten. Mit der Zeit wird die praktischste Sprache eine Vorrangstellung einnehmen. ״Jeder behält seine Sprache, welche die liebe Heimat seiner Gedanken ist. Für die Möglichkeit des Sprachenföderalismus ist die Schweiz ein endgültiges Beispiel. Wir werden auch drüben bleiben, was wir jetzt sind, so wie wir nie aufhören werden unsere Vaterländer, aus denen wir verdrängt wurden, mit Wehmut zu lieben. ....Unsere Volksgemeinschaft äst ja eine eigentümliche, einzige. Wir erkennen uns eigentlich nur noch am väterlichen Glauben als zusammengehörig.“ Volle Glaubensfreiheit soll herrschen, und der Nichijude soll dem Juden völlig gleichberechtigt sein. ״Jeder ist in seinem Bekenntnis oder in seinem Unglauben so frei und unbeschränkt, wie in seiner Nationalität. Und fügt es sich, daß auch Andersgläubige, Andcrsnationalejmtcr uns wohnen, so werden wir ihnen einen ehrenvollen Schutz und die Rechtsgleichheit gewahren.“ Das Wichtige aber war nicht der Inhalt dieser Schrift, sondern ihre Form; nicht die Gedanken 1 icr/ls, sondern k i a u t u f g Zu! ersten Male seit vielen Jahrhunderten war hier Volke eine gemeinsame politische Aufgabe gestellt worden. Die jüdische Frage, sonst gelegentlich oder nur in heimlichen Winkeln diskutiert, wurde auf die weltpolitische Bühne erhoben und stand groß und frei erhobenen Hauptes da. Schon davon ging ein Glanz, und eine neue Wurde aui die Juden aus. Herzl setzte ihnen ein Ziel mit dem Glorienscheine einer großen öffentlichen Aktion, wie die Juden sie kaum je geträumt hatten. Herzl war Disraeli ähnlich, ein ״Träumer des Ghettos“ wie er, aber ein Träumer, der nicht die Macht des britischen Reiches hinter sich hatte, sondern mir die Sehnsucht von Teilen des jüdischen Volkes und seine eigene Zuversicht, die er mit einer königlichen Geste zu verwirkliehen suchte. Aber neben diesem Ziele gab Herzl dem jüdischen Volke auch den Zionistischen Kongreß und die Zios tische Organisation. Bisher war die Judensache 1 Angelegenheit zerstreuter Bemühungen und einzelner Menschen gewesen. Jetzt erhielt sie einen Mittelpunkt, Zum rsten Male seit zweitausend Jahren schaffen sich die Juden ihre Tribüne. Diese Grundzüge, die Herzls zionistische Auffassung in den ersten Tagen auszeichncten, blieben für sie charaktetisch. Wohl hat er inzwischen Palästina und seine sachlichen Bedingungen und die Sehnsucht der Juden nach diesem einzigartigen Flecken Erde kenuengelernt. Dies hat seine ursprüngliche Konzeption beeinflußt, das Politische zurücktreten, 'das Beglückende noch Stärker aüftlämmen lassen. Er hat in seinem Romane ״A 1 ז - N e ti I a n d“ kurze Zeit vor seinem Tode das Nationale nicht vertieft, der ״Judenstaat“, der jetzt kein ״Judenstaat“ mehr ist, sondern eine ״Neue Gesell- Schaft“, ist im Grunde nicht jüdisch, er hat aber das Allmenschliche, das Ailbeglückende in seiner ursprünglichen Konzeption noch erweitert. Die Worte, mit denen er den ,,Juden- Staat“ abschloß: ״Die Welt wird durch unsere Freiheit befreit, durch unseren Reichtum bereichert und vergrößert durch unsere Größe. Und was wir dort nur für unser eigenes Gedeihen versuchen, wirkt machtvoll und beglückend hinaus zum Wohle aller Menschen“ sollten jetzt in der Neuen Gesellschaft Wirklichkeit werden. Das Politische und der Souveränität»- und Macliigedanke traten völlig zurück, das All menschliche trat stärker hervor. Aeußerlich gesehen, war für Herzl der Zionismus eine Unternehmung, die in verhältnismäßig kurzer Zeit (er rechnete mit zwanzig Jahren) vollzogen sein könnte. Von einer langsamen Vorbereitung des Volkes auf diese Unternehmung wußte er nichts. Das Palästina, das er in seinem Rom׳ne schildert, ist auch äußerlich gesehen kein Judenstaat, sonder!! eine ״Neue Gesellschaft“: ״Wir sind kein Staat. Wir sind eine Gemeinschaft, eine große Genossenschaft, innerhalb deren cs wieder eine .Anzahl kleinerer Zweckgenossetisciiaftcn gibt. Und dieser unser Kongreß ist im Grunde nichts als die Generalversainnlung der Genossenschaft, welche die Neue Gesellschaft genannt wird. Dennoch aber fühlen wir alle, daß es liier um mehr geht als um die rein materiellen Interessen einer Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaft. Wir pflanzen Parks und Schulen, wir bekümmern uns über die gemeine I)entliehkeit und Nützlichkeit der Dinge hinweg um die Weisheit und Schönheit. Denn auch dies wird als ein Vorteil der Genossenschaft von uns verstanden. Wir verstehen, daß für eine Gemeinschaft von Menschen das Ideal ein Nutzen, ein Vorteil — sagen wir es heraus: daß es unentbehrlich ist. Das Ideal zieht uns hinan. Auch diese Wahrnehmung haben wir nicht zuerst gemacht, sic ist alt wie die Welt. Was für den Einzelnen Wasser und Brot ist, das ist für die Gesamtheit das Ideal. Und unser Zionismus, der uns hierher führte und höher hinaufführen soll in noch unbekannte Regionen der Gesittung, er ist nichts anderes als ein endloses, endloses ideal.“ Die edlen menschlichen Ideale Herzls sind in diesem Roman verwirklicht. Von den nationalen Staatsgedankcn ist hier keine Rede mehr. Vom Jüdischen selbst hört man kaum etwas. Die Zionisten, die diese ״Neue Gesellschaft״ errichtet haben, haben das Beste aus aiien Ländern mit herübergenommen und wollten der Menschheit dienen, indem sie ihrem eigenen verfolgten Stamme gedient haben. ״Denn Neudorf (das einzige zionistische Dorf, das in ״Alt-Neuland“ geschildert wird), ist gar nicht in Palästina gebaut worden, es ist gebaut worden in England und Amerika, in Frankreich und in Deutschland. Es entstand aus Erfahrungen, Büchern und Träumen. Alle eure Pflanzungen werden verdorren, wenn bei euch Freisinn, Großmut und Menschenliebe nicht gedeihen.... es wäre unsittlich, wenn wir einem Menschen, woher er auch käme, welchen Stammes und welchen Glaubens er auch sei, die Teilnahme an unseren Errungenschaften verwehren wollten .... unser Wahrspruch muß sein: M e 11 s c 11, du bist mein Bruder!“ in ״Altneuland“ gibt cs in politischer, staatsrechtlicher und wirtschaftlicher Beziehung keine« Unterschied zwischen den Völkern. ״Wir fragen nicht, welchen Glaubens und welcher Rasse Einer ist. Ein Mensch soll er sein, das genügt uns“ — bekennt mit Stolz der zionistische Führer David