Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 81-82 (11.10.1933)
- Date
- 1933-10-11
- Page
- Seite 637 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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•N r. 81/82, 11. X 1933 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 635 Ein Wort an die Zionisten Im deutschen Judentum geht ein Prozeß der geistigen Umschichtung vor sich. Unter dem Eindruck der Erlebnisse dieses Jahres ist bei dem größten Teile der deutschen Juden das Bewußtsein des jüdischen Zusammenhanges erwacht, nachdem man ein gemeinsames Schicksal erlebt hat. Der Druck, der von außen auf die deutschen Juden wirkte, führte zu ihrem Zusammenschlu ß auf zahlreichen Qebieten des gesellschaftlichen Lebens, auf denen früher vielfach eine jüdische Oenieinschaftsarbeit abgelehnt wurde. Der Strom der Wände־ rung nach Palästina stellte schließlich die Verbindung mit dem Zentrum des jüdischen Lebens in unserer Zeit her. Das deutsche Judentum steht so mitten in einem Prozeß der Zionisierung, es nähert sich in seiner Mehrheit dem Standpunkt immer mehr an, der von jeher von den deutschen Zionisten vertreten worden ist. Damit taucht die Frage auf, welche Rolle die Zionisten selbst in diesem Vorgang zu überneh* m en haben, um ihn zu lenken und so auch in der heutigen Zeit ihre historische Aufgabe zu erfüllen. Die Zionisten haben von Beginn ihrer Arbeit an stets gegen eine ganz bestimmte, gleichsam natürlich vor sich gehende Entwicklung des jüdischen Volkslebens angekänipft: Das jüdische Volk war in der Gefahr, in die Geschichtslosigkeit zu versinken. Es fand sich nicht zu gemeinsamem Handeln im Interesse seiner Zukunft zusammen. Der Zionismus hat demgegenüber den Versuch unternommen, alle Elemente des jüdischen Volkslebens, die noch vorhanden waren, zu entwickeln, das Volksbewußtsein der Juden zu wecken und das jüdische Volk für den Aufbau einer eigenen Zukunft zu organisieren. Für die Zionisten in Deutschland besteht diese Aufgabe unverändert fort. Das geschichtliche Bewußtsein der deutschen Juden muß geweckt werden. Der einzelne Jude darf all das, was er erlebt, nicht isoliert auf sich allein beziehen, sondern muß ganz deutlich sein eigenes als ein jüdisches Kollektiv- Schicksal empfinden. Zugleich muß das deutsche Judentum dazu gebracht werden, die wesentlichen Gebiete seines Lebens selbst zu organisieren und sich als Element in den historischen Zusammetihang der jüdischen Gesamtgescliichte wieder einzu• gliedern. Aus einem Zustand, in welchem die Handlungen deT deutschen Juden zwar vielfach nützlich waren, aber doch nur eine Augcnblickswirkung hatten, muß sinnvolles und plan• mäßiges Handeln entwickelt werden. Wirkte sich im Negativen der Zionismus durch seinen Kampf gegen Herabsinken des jüdischen Volkes in den ge• schichtslosen Raum aus, so benutzte er als hauptsächlichstes Mittel in diesem Kampf den Versuch, dem jüdischen Volke einen neuen äußeren Rahmen seines Lebens zu geben. Damit aber nahm dieser Kampf bereits einen positiven, aufbauenden Charakter an. Die Schaffung der äußeren Voraus- Setzungen für jüdisches Leben in Palä stina, die Neuorganisation des jüdischen Volkes auf allen Lebensgebieten auf detn Boden Palästinas war von jeher das praktische Mittel, das dem Auseinanderfallen des jüdischen Volkes entgegengesetzt wurde. Die Zionisten erkannten daher mit aller Deutlichkeit die Bedeutung einer organisatorischen Neugliederung. Erst im Rahmen eines solchen äußeren Aufbaus sollte dann der inneren Entwicklung eine neue Chance gegeben werden. Palästina wurde so zu dem Bindemittel, das die auseinanderstrebenden Teile des jüdischen Volkes zusammenhält und ihnen neue Funktionen in einem lebendigen Organismus gibt. Der Organisationsgedanke stand daher an der Wiege des Zionismus. Seine Leistung ist dabei in dem Malle sichtbar geworden, in dem die Zionisten mit ihrer persönlichen Tatkraft es verstanden haben, die auseinanderstrebenden, dem Judentum entgleitenden Teile des jüdischen Volkes orgatiisatorisch an sich zu binden und sie damit, sei es in das Volksleben Palästinas, sei es in die Sphäre des mit diesem regenerierten Volksleben verbundenen Organisationskörpers einzubauen. Und damit ist auch die Frage beantwortet, welche Rolle die Zionisten in dem Prozeß spielen können und müssen, der die deutschen Juden ergriffen hat. Gewiß führt schon die natsirliehe Entwicklung große Teile des deutschen Judentums geistig und materiell auf Palästina zu, aber es besteht die Gefahr, daß diese Menschen entweder isoliert ihren Weg gehen, ohne für die Gesamtheit des deutschen Judentums maßgebliche Bedeutung zu erlangen; es ist auch möglich, daß unter dem Druck der Umwelt Erscheinungen unter den deutschen Juden um sich wichtig, manchmal lebenswichtig und unumgängliche Voraus- Setzung für das eigentliche Tun. Man darf jedoch nicht vergessen, daß jedes Volk und auch das unsrige sein Schicksal in sich selbst trägt. Was würde es uns nützen, wenn wir alle Schätze der Welt gewännen und die Unterstützung aller Nationen, und wir selbst unzulänglich blieben? Wichtiger noch als das, was man von uns erzählt und über uns sagt, ist Selbstbesinnung. Es ist der Geist, der sich den Körper baut, und nur aus eigenem Geiste werden wir vermögen, die Zügel der Entwicklung, soweit sie uns betrifft, richtig zu fassen und den rollenden Wagen unserer Geschichte herumzureißen. Alles schickt sich nicht für alle. Wir Juden sind in einer exzeptionellen Lage und aus diesem Grunde ein exzeptionelles, d. h. aber noch nicht ein ״auserwähltes“ Volk. Wenn wir an diese Grundtatsache unseres Seins vergäßen, und meinten, uns zieme gleiche Art und gleicher Weg wie anderen Völkern, so würden wir fehl gehen. Um es klar auszudrücken: Wir müssen als Volk wieder ״ehrbar“ werden. ״Ehrbar' im Sinne, wie es im Mittelalter verstanden wurde, d. h. cingefügt in die eigene Lebensform, getreu der eigenen Lebensordnung. Gent ist in diesen Tagen zauberhaft schön. Der See, die Luft, der in der Ferne in der Sonne glitzernde Scheitel des Montblanc — das alles ist genugsam geschildert worden. Wenn man den Wilson-Kai entlang schlendert, dann fällt von einem die falsche Scham, bei hellem Sonnenschein seittimental zu sein, und man erinnert sich der ewigen Werte: der Sonne, der Blumenpracht, des Tönens und Singens der Sphären. Als Jude, der zur Erkenntnis gelangt ist, daß der schönste Golus ebenso wenig wert ist wie die mildeste Krankheit, läßt man seine Gedanken nach dem Karmel schweifen und in der zauberhaften Landschaft von Genf überkommt einen die Sehnsucht nach der Bucht von Akko. Der Verein jiddischer Schriftsteller in Warschau beabsichtigt die Herausgabe eines ״Buches der hundert Dichter“ und lädt jüdische Schriftsteller aller Länder zur Mitarbeit ein. Der Erlös aus dem Verkauf dieses Werkes ist zum Ausbau einer Schriftsteller- und Künstlerkolonie bestimmt, die den Namen des vor kurzem verstorbenen Mosche Leib Halpern tragen soll. greifen, die zu einer Pauperisierung auch auf geistigem Oebiete führen, die Juden zu schöpferischem Handeln unfähig machen. Die Bedeutung einer lebenserfüllten zionistischen Organisation liegt für die deutschen Juden damit auf der Hand. Sie allein verbindet sie mit all den Kräften im jüdisehen Volke, die den Kampf gegen Auflösung und Zersetzung führen und daran arbeiten, die äußeren Voraussetzungen für eine jüdische Zukunft zu schaffen. Die zionistische Organisation ist es, die das deutsche Judentum in diese Richtung zu lenken vermag und aus einem mehr gefühlsmäßigen jüdischen Selbstbewußtst aktives Handeln herauskristallisiert. Die deutsehen Zionisten erfüllen somit eine für das deutsche Judentum lebenswichtige Aufgabe, wenn sie einen Großteil der deutschen Juden zu jüdischer Aufbauarbeit zusammenfasseri. Die Gefahr, daß durch das Abströmen nach Palästina der Organisation wichtige Kräfte entzogen werden, kann nur dadurch aufgehoben werden, daß der Nachwuchs die Lücken ausfüllt. Dieser Nachwuchs ist nicht nur die zionistische Jugend, die selbst auf dem Wege nach Erez-Israel ist, sondern zu ihm gehören auch all die Menschen aus dem deutschen Judentum, die die zionistische Entscheidung jetzt vollzogen und sich damit entschlossen haben, ein Element im konstruktiven Neuaufbau des jüdischen Volksorganismus zu werden. Die zionistische Organisation stellt stets das dar, was die Zionisten leisten. Wenn sie die Aufgabe durchführen, die geistige Wandlung des deutschen Judentums organisatorisch auszuwerfen, so übernehmen sie damit nicht eine ״Parteiarbeit“ im Sinne des Ausbaus einer wenn auch noch so bedeutenden Qruppe, sondern sie leisten eine fiir das ganze deutsche Judentum historische Arbeit, Durch die Eingliederung der deutschen Juden in die große Bewegung der jüdischen Renaissance kann einzig und allein der Wert erhalten werden, den die deutschen Juden auf Grund ihrer Geschichte darstellen. Er mündet ein iri das große Becken der jüdischen Zukunft und kehrt damit zu der Mutter zurück, aus der er entsprungen ist, erkennend, daß eine Trennung von den natürlichen Grundlagen des eigenen Lebens verhängnisvoll sein muß. K. L. Jüdische Emigranten in Schweden Bei der schwedischen Sorialverwaltung, die Aufenthalts- und Arbeits Genehmigungen erteilt, sind lt. ״Voss. Zeitung“ vom 1. 10. in letzter Zeit zahlreiche Gesuche von deutsehen Juden eingegangen. Denjenigen, die sich als politische Flüchtlinge ausweisen können, wird im allgemeinen eine Aufenthaltserlaubnis aut drei Monate erteilt, die übrigen Gesuche — besonders zahlreich sind deutsche Geschäftsleute darunter — werden in der Regel abgeschlagen. Der schwedische Advokatenverband hat die Frage, ob deutschen nichtarischen Rechtsanwälten die Ausübung einer Praxis in Schweden gestattet werden soll, abschlägig beschieden. Schulkonflikt in Palästina Jerusalem, 2. Oktober. (J.T. A.) Die hebräischen Schulen in Jerusalem konnten nicht, wie ursprünglich bestimmt, am 1. Oktober eröffnet werden, da die Verhandlungen mit der Lehrerschaft über die von der Regierung geforderte Gehaltskürzung gescheitert sind. Die Lehrer haben auch den Vermittlungsvorsclilag des Waad Leumi, die Gehältersenkung durch Familienzulagen zu kompensieren, zurückgewiesen und bestehen auf Beibehaltung des bisherigen Gehaltsschemas. Einfuhrzollbefreiungen In Palästina. Die nachstehenden Waren sind auf die Liste der bei der Einfuhr zollfrei zu lassenden Waren gesetzt worden: Vorhitzer, Uebcrhitzer, Reinigungsapparate, Steingutgefäße, Zersetzurigstanks, Glasröhren, Granitblöcke zum Bau von Granittürinen, gelochte Steingutplattcn, Steingutröhren und andere derartige Waren in Form von fest einzubauenden Bestandteilen, die zum Aufbau einer vollständigen chemischen Anlage zur Gewinnung von mineralischen Salzen, Mineralien und Chemikalien erforderlich sind, die in und unter dem Wasser eines Binnensees oder der See in Palästina enthalten sind (indes muß der Einführende vor der Einfuhr dem Zojklirektor ein Verzeichnis der einzufiihrenden Waren beibrmgen); Heu; Tibben; Kleie; Antiquitäten, sofern dem Zolldirektor nachgewiesen wird, daß sie nicht für Verkaufszwecke eingeführt werden; Kieseierde (SiO.,). Ausgrabungen in Samaria Wie die Hebräische Universität Jerusalem mitteilt, hat die Vereinigte archäologische Expedition die Ausgrab ungsar beiten in Samaria wieder aufgenommen. Von den ursprünglichen Mitgliedern der Expedition sind der Leiter J. W. Crowfoot, sein Stellvertreter Dr. E. L. Sukenik von der Hebräischen Universität, Frau und Frl. Crowfoot, Frau Lake, Frl. Ken von und die Herren Buchanan, Pinkerfeld und Reiß am Ort der Ausgrabungen wieder eingetroffen. Ihnen haben sich später folgende neue Expeditionsmitgliedcr angeschlossen: Miss Murray, Miss Crespigny und die Herren Prof. Lake, Prof. Blake, Dr. Weingreen, Inge und Hood. Nachdem zunächst die Ausgrabungen im Gebiet der Paläste aus der israelitischen Periode fortgesetzt worden waren, hat man später eine Stelle in Angriff genommen, an der man auf Grund einer von einem englischen Militärflugzeug aus gemachten Aufnahme das Amphitheater der Herodesstadt Sebaste vermutete. Die Flugzeugaufnahme zeigte eine Einbuchtung am Nordabhang des Hügels, ein kleines Stück östlich von dem von Herodcs errichteten Augustustempel. Die Ausgrabungsarbeiteil haben die auf Grund der photographischen Aufnahme entstandene Vermutuug bestätigt. Obwohl der größte Teil des Mauerwerks abgetragen worden war, sind doch die G rund m aucr n, mehrere Sitzreihen und die Pflasterung der O rchestra deutlich erkennbar freigelegt worden. Es wurden auch einige architektonisch« Fragmente, die zum Biihnenatifbau gehören, gefunden. Die Ausgrabungen an dieser Stelle werden fortgesetzt. Außerdem wurde bei den unlängst vorgenommenen Ausgrabungen die Freilegung der Stadtmauer auf der Ostseite der Römerstadt weiter fortgesetzt. Es wurden Teilstrecken der Fundamente dieser Mauer mit drei offenbar der!modischen Periode zu gehörenden, jedocli in einem spätereu Zeitpunkt restaurierten Türmen ausgegraben. Es bleibt nur noch ein kleines Gebiet zur Forschung übrig, um die Gesamtlage der römischen Stadtmauer fcstzustcllen. Es ist damit zu rechnen, daß diese Arbeit in nächster Zeit zum Abschluß gelangt. Schließlich wurde das Gebiet der Sä ul enstraße in Angriff genommen. Der erste Graben wurde in der Nähe des Westtores ausgehoben. Es wurden mehrere gepflasterte Von der Woche Vom 15. bis 21. Oktober findet in ganz Deutschland eine Handwerkerwoche statt, die mit Umzügen, Ausstellungen, Werbungen durch Rundfunk und Presse eindringliehst für das Handwerk werben soll, um ihm Aufträge zu beschaffen. Obwohl den Innungen auch zahlreiche Juden angehören, wird von der Leitung eine Beteiligung der jüdisehen Handwerker an dieser Handwerkerwochc als unerwünscht bezeichnet, und es werden an die jüdischen Mitgliedcr der Innungen keine Einladungen ergehen. Wie der ״Berliner Börsen-Courier“ berichtet, hat der Präsident der Handwerkskammer Weimar, Rcichstagsahgeordneter Katzmann, den Handwerksmeistern untersagt, irgendwelche Ausbildung oder Kursuserteilung an Nichtarier vorzunchmen, die sich, aus dem Auslände kommend, besuchsweise in Deutschland aufhalten, um dein Handwerk irgend etwas abzuschen und für sich zu verwenden. Das Handwerk dürfe sich nicht selbst Feinde erziehen. Die Kreisbauernschaft Schlüchtern erläßt eine Bekanntmachung, in der es u. a. heißt: ״...Es ist uns wiederholt zu Ohren gekommen, daß es immer noch Bauern gibt, die die Oeschäftemacherei mit Juden noch nicht lassen können. Wir weisen beute letztmals darauf hin, daß es eines deutschen Bauern unwürdig ist, noch Geschäfte irgendwelcher Art mit den Juden zu tätigen.... Wir haben bis heute davon abgesehen, diejenigen öffentlich zu brandmarken, werden aber nach der Generalversammlung jeden, der sich ׳ noch mit Juden einläßt, der (!Öffentlichkeit preisgeben und ihn auch noch in anderer Weise empfindlich zu treffen wissen.“ Mit dem 30. Sepfernbcr sind die letzten jüdischen Aerzte aus dem Berliner Rett un״s wesen ausgcschieden. Während schon zum 1. April und 1. Juli zahlreiche Entlassungen erfolgt waren, sind jetzt zum 1. Oktober die letzten jüdischen Aerzte, die so lange auf Grund gesetzlicher Vorschriften noch beschäftigt werden mußten, ausgeschieden. Der Magistrat der Stadt Kassel hat beschlossen, j 11־ d i s c I! e 11 H a 11 d 1 e r n keinen Zutritt mehr auf den städtischen Märkten und Messen zu gewähren. Dieser Be- Schluß bezieht sich auf den wöchentlich im Kasseler Schlachthof stattfindenden Schlachtviehmarkt, auf den dreimal wöcheutlieh stattfindenden Wochenmarkt und die Frühjahrs-, Herbst- und Weihnachtsin esse. Die Reichsleitung des Arbeitsdienstes hat in einem Rundschreiben zur Beachtung und Bekanntgabe darauf hingewiesen, daß nunmehr jeder Reichsbearnte, der eine Ehe cingehen will, nachzuweisen hat, daß die Person, mit der er die Ehe cingehen will, arischer Abstammung ist. Dieser Nachweis muß durch Vorlage von Urkunden geführt werden. Die Vorschrift, daß nur arische Ehen erlaubt sind, wird damit auf die im Arbeitsdienst Tätigen übermommen. Marburg dürfte, wie die ,,Frankf. Zeitung“ vom 6.10. schreibt, die einzige Stadt sein, in der es überhaupt keinen einzigen jüdischen Rechtsanwalt mehr gibt. Es war nach Durchführung der neuen Gesichtspunkte zunächst noch e i n jüdischer Rechtsanwalt im Amte geblieben. Dieser Anwalt ist jetzt durch vorläufige Suspendierung von der weiteren Wahrnehmung seines Amtes ausgeschlossen worden. Der Klub-Ausschuß des Berliner Lawntennis-Turnierklub ״Rot-Weiß“ änderte die Satzungen so, daß der Klub künftig auf rein arischer Grundlage steht. Hinsichtlich der bisherigen Mitglieder wurden in Anlehnung an das Reichsschulgesetz besondere Bestimmungen getroffen. Den Rennvereinen ist vom preußischen Ministerium des Innern unter dem 27. September folgendes Schreiben zugegangen: ״Ich ersuche, Nichtarier künftig nicht mehr als Jockeis bz.w. Fahrer oder Herrenreiter bzw, Herrenfahrer zuzulassen. Dagegen sind nichtarische Besitzer von Rennpferden in keiner Weise zu beschränken. I. V.: gez. Grauert.“ Der Arierparagraph in den Kriegervereinen, Im amtliehen Teil des Bundesorgans des Deutschen rteichskriegerbundes ״Kyffhäuser“ ist der Wortlaut der Führeranordnung des Bundespräsidenten erschienen, demzufolge die j ii d i - sehen Kriegsteilnehmer den Krieger vereinen nicht mehr angehören dürfen. Aus der Anordnung ist 7.11 ersehen, daß die Bundes leitung gleichzeitig den Eintritt der aus den deutschen Vereinen Ausscheidenden in den Reichshund jüdischer Frontsoldaten befürwortet. Die betreffende Steile lautet: 1. Nicht arier. — Ich bestimme, daß Nichtarier den Kriegervereinen nicht mehr angeboren dürfen. Um jede entehrende Form des Ausscheidens zu vermeiden, ist den Betreffenden der freiwillige Austritt und Ucbcrtritt zum Bund jüdischer Frontsoldaten nahc/.ulcgcn. Die Anordnung muß bis 1. November d. J. durchgeführt sein. Stücke der Straßenobcrfläche freigelegt. Darunter wurde ein Stück Mauerwerk gefunden, das auf Grund seiner Lage in einem aus dem Fels ausgehaucnen Graben und des in diesem gefundenen Töpferwerks mit ziemlicher Sicherheit der Israelitischen Periode zugeschrieben werden kann. Literarische Notizen 50 Jahre Haiikwah In der kleinen Liedersainrrilung, die J. M. Pin es Im Jahre 5616 in Jerusalem von Herz Naftali Imber herausg׳ \ trägt die Hatikwali das Datum 5641. sie ist also vor jetzt 50 Jahren gedichtet. Die Sammlung führt den Titel ״Barkai“, der Morgenstern, knüpft somit an den schönen Ruf an, mit dem die jungen Priester im Heiligtum das Frührot begrüßten. Morgendlich muten alle hier zum Kranze gewuiideneii Verse an, von denen die Vorrede besagt: sie sind nicht vom Parnaß, sondern aus Israels Quell; vom Hammer sprühende Funken zum Herzen des Volkes. Wenig mehr wissen wir von Herz Naftali Imber, als. daß die Chibbat Ziori ihn Anfang der 80er Jahre ins Heilige Land trieb und ihm die Verse eingab, die in Tausenden seiner Brüder mächtigen Widerhall fanden. Ihm ward das Los zuteil, daß sein Lied zur Hymne eines um Wiedergeburt ringenden Volkes wurde, während sein Name bald in Vergessenheit gerät; als wäre der Sänger nur ein Rhapsode, der vorträgt, was alle bewegt, um das alle i in tiefsten Innern wissen. Aus dem Lieder/.ykhis, den er den ältesten, berühmten Kolonien Erez Israels widmete, hat nur noch eine: ״Mischmar liajjarden“ eine ähnliche Volkstümlichkeit erlangt. Auch seinem großen Vorgänger J e h u d a H a I e v i, dessen 600. Geburtstagswiederkclir er erlebte, hat Imber einen Hymnenkranz gewidmet. Während aber die Synagoge Jehuda Halcvis u!1* sterbliche Elegien mit der Liturgie des 0. Ab verflocht, erkor sich das Volle die schlichten Verse der Hatikwali, um mit ihnen und ihrer anfeuerndeii Melodie den Weg in seine jüngste Epoche anzutreten. Und wer hätte gedacht, daß sie nach 50 Jahren in der schicksalsschweren Wende 5694 manchem Palästina-Wanderer erstmalig neuen Mut einzuflößen bestimmt waren! Berlin, Oktober 1933. Dr, S. Sarauc 1.