Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 79-80 (4.10.1933)
- Date
- 1933-10-04
- Page
- Seite 618 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 616 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 79/80. 4. X. 1933 unmittelbar mit dem Leben verbunden, aber das jüdische Herz ist ihm unverrückbarer Mittelpunkt. Actiad Haam ist ein Schüler (des rationalistischen Evolutionarismus) von Herbert Spcr-cr. Ihm fehlt das grobe Pathos des Revolutionären; er ist ein intellektueller Aristokrat; er glaubt an die Masse nicht, und er hat keinen Zugang zu ihr. Er hat sich der Enge des Ghettos noch nicht ganz entwunden: die Freiheit ästhetischen Lebens ist ihm ebenso fremd, wie die Bedeutung sozial-ökonomischer Probleme. Dennoch hat er den entscheidenden Durchstoii vollzogen aus Assimilation mul öhdtoerstarrmig zugleich. Er hat den Weg zu einem neuen Judentum gewiesen, das aus dem Blute des alten autstand, und mögen manche der Jüngeren sich gegen seinen überwiegenden Einfluß gesträubt haben, so ist er doch ihr Lehrer gewesen, denn die ewig jungen und uralten Ideen der Propheten waren in ihm lebendig. ״Immer wieder ist es dieselbe (jrundiiber- Zeugung: daß die Entscheidungen der Menschheit im Geiste bereitet werden, und daß alles äullcre Geschehen mir Spiegelbild und Schatten des inneren Wesens ist. So hat Achad Haam die nationale Antgabe ergriffen: alles Schicksal des Volkes wird entschieden durch den (!eist, in dem jeder einzelne erzogen wird. Die nationale Frage ist nicht ein Machtproblem. Die Macht ■wechselt und vergeht, entscheidend allein ist der Geist.‘• (Hugo Bergmann.) Manchen der Jungen war dieser Weg Achad Elaams zu eng, in ihnen war die Aufklärung zu stark; das neue, helle Licht Europas blendete die eben ans dem Ghetto Getretenen, fn ihnen war aber auch das Erbe des Chassidismus zu stark: sie wehrten sich gegen überkommene geschichtliche Inhalte im Namen der Tat, die ihnen ihr lebendiges Herz, gebot. Teils waren sie Voluntaristen, Schi;11• ז eines fnl=chv1'rstawlcnen Nietzsche: dir bunte Schönlu it der Welt sprach zu ihnen, überschäumende Lebensfreude, Leids 11 sc!1 r,11 künstlerischen Schaffens. All dos (aiulen sie im i'railitioinliunus Achad Elaams nicht, 'feig bewog sie das Problem der Arbeit .als solcher: jüdische Arbeit auf jüdischem Imh.I1!]. •die soziale frage und die Aufgaben der Wirt-Tritt. All das fanden sie iin Inteliektnalismiis Arhnd 1 laams nicht,!)er Mittelpunkt der Jungen war Micha Joseph B e r d v e 7 e ec s k i. der sieh ebenso wie der hciiraisi!:<• | viiker Win! T sc h e r 11 i e 11 o w s k i gegen die Vergeistigung des jüdischen I ebens wandte. Manche Edden fuhren von der Stellung dieser ״Jungen‘' 711 Pinskers und Her/is ioriii.i’cm Zionismus, ebenso wie andererseits die zweite Gruppe, von der wir oben gesprochen haben, manche der Tendenzen der Arbeiterschaft in Palästina mitgestaltet hat. Durchführung des Palästina ■־Transfers Das Palästina-Amt, Berlin, teilt mit: Für die Abwicklung der Transfer -Genehmigung für Palästina ist von Interesse, daß nach einem vor einigen Tagen ergangenen Runderlaß des Herrn Reichswirt- Schaftsministers die Devisenbewirtschaftung'stellen die Einzahlung auf das Sonderkonto II in jedem Falle genehmigen werden, wenn der Antragsteller eine Bestätigung des P a I ä s t i n a - A ni t e s, Berlin, beibringt, daß er die ernsthafte Absicht zur Errichtung einer Heimstätte in Palästina hat. Die Beibringung weiterer Unterlagen ist nicht erforderlieh, wenn diese Bestätigung voiliegt. Anträge auf Erteilung einer solchen Bestätigung sind an das Palästina-Amt, Berlin W15, Meinekestr. 10, zu richten. Die ״Romanze eines Volkes“ in New York New V'ork, 27. September. (J.T. A.) Am 24, September fand in der Kingsbridge ,Armoury eine Wiederholung des aut der Chicagocr Weltausstellung zum erstenmal aufgeführten jüdisch-historisc hen M nsseiiausxtattungsstikkes 1״ Die Romanze eines Volkes'‘ vor 2h UH) Zuschauern statt. Vor Beginn der Vorstellung hielten der Gouverneur des Staates New York. Colonel Herbert II. Lehman, der Bürgermeister O'ßrien und Senator Wagner Ansprachen. Im ganzen sollen in New York zwölf \1d111hn1nge11 des Massenseliauspicls stattfinden. Schomre Schabbos in Tel Awiw verurteilt T e I - A w i w, 21. Septemlk r. (J.T. A.) Vor dem als PoHz.eiricht er hm gierenden Beigeordneten des Distriktskonimissars halte sieh eine Anzahl von Mitgliedern der Schomre Schal-oo־.-'. )rganNntion zu Tel ■Awiw wegen Störung der öffentlichen Ruhe mul < )rdnmi■׳ zu verantworten. Hie Be- Schuldigten Inden an einem S.ibbnth den Warenverkehr in der Alienbv Street in der Nahe der <!roßen Synagoge gewaltsam aufgehal! 1:1. Hie Betreffenden hatten sich außerdem wegen Wider-t;indes geigen die Polizei und tätlichen Angriffs aut Polizei!>eamtc zu verantworten. Eines der Automobile, die uamn's au [gehalten worden waren, war von dem stellverirctciuleu DiT riklxkonunissar für den Suddistrikt R. E. IE Crcchw und von dem assyrischen Patriarchen;Mar Shiinun besetzt gewesen, der auf der Heise ins Exil nach Cypern Pal:., hin besuchte. Sechs Angeklagte wurden zu je einem Ptund Geldstrafe verurteilt und mußten einen Revers unterschreiben, in dem ־ie sich verpflichten, sich jeder Propagartda innerhalb der nächsten sechs Monate zu enthalten. Der Führer der Gruppe. Rabbi Herrn an, wurde zu sechs Pfund Geldstrafe verurteilt und mußte einen auf einen langeren Zeitraum laufenden Revers unterschreiben. Kleine Nachrichten Der ״Völkische Beobachter“ vom 30. 9. ‘meldet: Nachdem erst kürzlich in einem Breslauer Textilgeschäft eine jüdische Hetz zentrale ausgehoben worden war, gelang cs jetzt, in dem Breslauer Kaufhaus Blasse eine ähnliehe Het/.zentrale aiifziidecken. Wie in dem ersten Fall waren auch hier Türen und Wände von staatsfeindlichen Elementen mit Inschriften und Bildern beschmiert worden, die die schamlosesten Beleidigungen nationalsozialistischer Führer «!!•tlm-lten. 22 jüdische Angestellte sind daraufhin aus dem Betrieb fristlos entlassen worden. in einer soeben im amtlichen Teil des Bundcsorgans ״Kyffhniiscr“ bekanntgegebenen Führeranord 111111g bestimmt der Präsident des Deutschen Reicliskri .*gerbundes ״Kyffhäuser“ General der Artillerie a. ID. von Horn, daß Nichtarier den Kriegervereinen nicht mehr angehören dürfen. Die Frage der Erwachsenenbildung Von Julias Stern, Berlin. Die neue Situation hat dem deutschen Judentum viele Aufgaben gestellt, die es früher überhaupt nicht oder nur in geringem Umfang als verpflichtend für sich atisah. Her Aufsatz, von Elans Podscliubski, Erfurt, in Nr. 78 der ״Jüdischen Rundschau“ ״Zur Frage der Erwachsenenbildung“ weist auf eines dieser Probleme hin, das früher in der Judenheit nur geringe Beachtung fand. Mit Recht ist gerade von zionistE:'::!• Seile in den Vordergrund;111er aktueller Bemühungen des deutschen Judentums die jüdische Erziehung jüdischer Jugend gestellt worden. Die ״vvesensjiulische“ Schule als die vornehmste Stätte dieser Erziehung kann diese;Aufgabe nicht völlig allein erfüllen. Erziehung ohne oder gegen das Elternhaus ist fast unniöglieh, nur gleichmäßige Abstimmung beider Erzieliungsfaktoren auf das gemeinsame Erziehungsziel vermag die Garantie für das Gelingen des Erziehungswerkes zu geben. Jüdische Eltern, die keine innere Beziehung zum Judentum haben, denen das Wissen und die Kenntnis vom Judentum fehlt, werden keineswegs als lebendige Helfer für jüdische Er- Ziehung a!!gesprochen werden können. Die jüdische Erziehung in Schule und Haus macht also schon die Uebermitthing jüdischen Wissensstoffes an jüdische Erwachsene erforderlich. Wir wissen, wie groll die Zahl der jüdischen Menschen in Deutschland ist, die sich jetzt zwangsläufig unserer Gerneinscliaft stärker verbunden fühlen, die von Juden und Judentum nur sehr vage oder gar keine Vorstellungen bcsitzen, die nicht wissen, wofür und weshalb sie leiden, die an dieser inneren Leere 7t1 zerbrechen drohen, und ihnen müssen wir helfen. (Die Kenntnis jüdischer Geschichte, jüdischer Welfanffassung, jüdischer Religion, jüdischen Gegenwartslehens, hebräischer Sprache wird ihnen ins Bewußtsein treten lassen, daß sie einer lebendigen, wertvollen Gemein- Schaft angehören. Gewiß, es wird kein Hungriger von einem größer«! Maße jüdischen Wissens gesättigt, es wird kein Arbeitsloser mit einer vertieften Kenntnis jüdischer Geschichte leichter eine Beschäftigung finden, aber die Einstellung zur l äge der in Deutschland lebenden Juden wird durch eine engere Bindung an das Judentum geändert. Diesen Bemühungen um eine vertiefte jüdische Bildung kommt auch die Aufgeschlossenheit der jüdischen Menschen entgegen; alle suchen heute Anschluß an ihre Gerneinscliaft, bemühen sich um Erkenntnis der Zusammenhänge. Die äußere Not schweißt die Menschen zusammen, und es gilt, diese Bereitwilligkeit zu riutz.eti. Der jüdischen Gesamtheit kann nichts daran gelegen sein, die Zahl derer zu vorgroßem, die sich nur durch Lippenbekenntnis ihr zugehörig fühlen, die Stärke der jüdischen Gemeinden hängt von der inneren Verbundenheit ihrer Glieder ab. Diese kann nur vorhanden sein, wenn eine wirkliche Beziehung zu jüdischer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auf Grund einer Kenntnis des Judentums besteht. Hätten wir das von Martin Bnber geforderte Bildungsamt bekommen, so würde dies gewiß die Erwachsenenbiidung in sein Arbeitsbereich cinbczogen haben; wieweit der Erzichungsaiisschuß seiner Bestimmung gemäß diese Arbeit übernehmen kann, wäre zu prüfen. Wenn nicht, so müßte sich die nengebildcte Rcichsvertretung dieser Frage annehmen. Wir brauchen zwar hierfür keine besondere Orgauisation, aber die Bedeutung dieser pädagogischen Arbeit erfordert m. E. eine zentrale Vorbereitung und eine dezentralisierte Durchführung. Es wird notwendig sein, einen genauen, nach methodischen Gesichtspunkten bearbeiteten jüdischen Biidungsplan für Erwachsene, und zwar auch für die Generation der über 30jährigen, aufzustellen, und Riehtliniert für seine Realisierung hinzuzufiigeii. Volkshochschulen, Literaturvereine, Gemeinden, Logen u. a. haben schon immer Vorträge halten lassen. Man hatte aber bei der Lektüre solcher Ankündigungen sehr oft den Eindruck der Zufälligkeit, bedingt durch den gerade zur Verfügung stehenden Redner. Es kommt darauf an, daß man jetzt ganz systematisch vorgeht voraussetzungslos anfängt, Wissen vom Judentum verbreitet. Ir! der Situation, in der wir uns befinden, können wir uns den Luxus einer Zersplitterung der Kräfte nicht mehr leisten, wir müssen die geeignetsten Menschen wsnmmcnfassen und in den Dienst dieser Arbeit stellen. Nicht Reden ü b e r das Judentum, nicht Referate mit der Tendenz ״XY. und das Judentum“, sondern Kenntnis des Judentums vermitteln! Wir werden in den Großgcmcinden für die Erwachsenen dafür kaum einen anderen Weg als den der Vortragsabende finden.!Die in dem erwähnten Artikel vorgeschlagenen kleineren Gruppen, die siel! in Form von Arbeitsgemeinschaften zusammcnschlieflen sollen, sind methodisch sicher die besten. Für iugendlidie ist dies wahrscheinlich überall die einzig richtige Art Erfolg versprechender Arbeit; in Mittel- und Kleiiigemcinden mag sie bei geeigneter Zusammensetzung der Menschen auch bei Erwachsenen Anwendung finden können, in Großstädten wird man aber unter den gegebenen Umständen auf diese Weise wenig erreichen können. Man wird im Zusammenwirken mit Rabhinerverbänden, Lehrerorganisationen, Schulen der Jugend und sonstigen geeigneten Vereinigungen und Einzelpersönlichkeiten die behäbigsten Menschen für diese Arbeit herausstellen, früher von diesen schon gemachte Erfahrungen nutzen, sieb mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln Hörer heranziehen müssen und sich bemühen, in lebendiger Weise Wissen und Kenntnis von Juden und Judentum zu vermitteln. Ein besonderes Wort verdient in diesem Zusammenhang die I. a ת d j u d e n h e i t. In seelisch-geistiger Hinsicht sind unabhängig vom Materiellen die auf dem Lande in kleinen Gemeinden oder einzeln lebenden Juden besonders betroffen. Sie sind gesellschaftlich und geistig isoliert, sie leben als Juden auf einer Insel, und die einzige Botschaft aus der jiidischeu Welt, die 711 ihnen dringt, ist die jüdische Zeitung. Diese erreicht nicht einmal alle. Wer aber weiß, mit welchem Interesse man das Eintreffen der jüdischen Zeitung gerade in diesen kleinen Gemeinden erwartet, wird verstellen, wenn man ihr in dieser Frage eine besondere Bedeutung zuerkennt. Fs wäre zu überlegen, wie weit überhaupt jüdische Zeitungen in diesen Bildnngsnlan einzuspannen wären, in welcher Weise sic diesem Erzichungsprogramm der deutschen Judenheit einen bestimmten Raum zur Verfügung stellen könnten. Es wäre außerdem zu prüfen, ob man Bücher jüdischen Inhalts in Form von Wanderbibliotheken in die Kleingemeinden schicken könnte. Der Maler Josef Budko ist vor kurzem, von Berlin kommend, in Palästina eingetroffen. Volk und Menschheit Aus einem Briefe A. D. Gotdons Die nachstehenden Ausführungen sind einem im Jahre ]917 geschriebenen Briefe A. D. Gordons entnommen (verti ff ent licht in A, D. Garden, ״Erlösung durch Arbeit", Jüdischer Verlag, Berlin 1929}, der an seine Freunde in Europa gerichtet war. A. D. Gordon, der Führer der palästinensischen Landarbeiter, der durch sein beben ein Vorbild der zur Verbindung mit dem Boden Palästinas strebenden jüdischen Jugend geworden ist, beschäftig' sich in diesmi Briefe mit der Bedeutung des Weltkrieges für die Menschheil und das jüdische Volk insbesondere. Es hehandelt in diesem Zusammenhänge auch die Frage des 1 Besens von Volk und Mation. (Red.) ....Was heißt das: großes Lehen, erhabene Beziehungen? Kann der Mensch groll leben, wenn er der Natur entfremdet ist? Kami er frei leben als Knecht der Natur oder als Herrscher über sie — was vielleicht ein und dasselbe ist? Kami des Menschen Leben lichtvoll sein, wenn die Natur, der Quell des Lebens, blind ist? Kann dort Leben sein, wo ajles aut Mechanik, auf Technik beruht? Gell und finde da einen Sinn für die höheren Bestrebungen der menschliehen Seele! Geh und finde da höheres Leben für das Volkstum, ein Grundelemcnt der Mcnschenscele und das fruchtbarste von allen! Es muß ein für allemal klar werden, daß das ganze höhere Streben der menschlichen Seele, alle ihre höheren Forderimgen, die ihren Ausdruck in dem finden, was inan Acsthelik, •Mora/, Religion nennt, nichts anderes sind als das Streben der Seele, sich vollkommen nach allen Richtungen auszuleben, alles zu durchleben, was der Verstand faßt, und mehr als er faßt. Das hat aber keinen anderen Sinn, als ein Leben mit der Natur zu leben, nicht nur menschlich, sondern auch kosmisch. Altruismus 11. dgl. sind nur arme, schwache Ausdrücke für einen ganz klaren, aber unendlich großen Begriff: die menschliche Seele, das Ich jedes Menschen will einfach «in höheres Leben führen, nicht mir stumpf, eingesperrt, erstickt in dem kleinen, engen Kreis leben, den man Egoismus, egoistisches Ich nennt, sondern mit allem mul in allem Bestellenden, in allen seinen Tiefen, mit der Natur und in allen ihren Tieten, mit ihrem großen kosmischen Leben, in der Unendlichkeit. Je größer, tiefer und reicher die Seele ist, um so größer, tiefer und reicher ist auch ihr Streben nach eine 111 11 oberen Lebe n. So ist das Leben des Einzelnen und so das des Volkes. Eines hängt von dem andern ab. Richtiger: das Volk ist das wichtigste Zwischenglied zwischen dem Leben des Individuums und dem der Natur. Das Volk, kann man fast sagen, hat den Menschen geschaffen: das Volk hat seine Sprache, seine Sitten, seine Kunst, seine Religion geschaffen, das heißt soviel wie: seinen Verstand, seine Seele, seine Welt, — das Volk, nicht die soziale Gruppe. Das Volk ist mehr als eine soziale Gruppe. Das Volk — das ist der Mensch, das menschliehe Ich eines gewissen Teiles der Natur (eines gewissen Landes) in seinen verschiedensten Gestaltungen und Erlebnissen. Erst das Volk, das kollektive Ich, die Seele der Nation, allumfaßt die Seele der Natur, die die Seele des Einzelnen nicht zu umfassen imstande ist; erst in dem kollektiven Verstand des Volkes spiegelt sich der unendliche Verstand der Natur wider, der sich nicht vollkommen in einem einzigen Tropfen widerspiegcln kann. Erst durch das Leben des Volkes ist das menschliche Leber! fähig, menschlich zu sein, erhält der Mensch die Möglichkeit, kosmisch groß zu leben, bedeuten überhaupt die höheren Bestrebungen des Menschen etwas, sind sie keine leere Phantasie. Das Volk ist eine lebendige Kraft, die, wie wir sehen, in großem Maßstab schaffen kann, Leben schaffen kann (und daher hat sie ja in dem Maße gesündigt, als der Mensch überhaupt sündigt); aber deshalb muß sie auch lebendig sein, stets mit dem Leben Hand in Hand gehen. Das heißt: es muß wieder, ebenso wie beim Individuum, ein für allemal klar werden, daß das bessere Lehen, das die Seele eines Volkes sucht, das Glück, die Größe, nach der das nationale Ich strebt, nicht, wie man meint, im egoistisch-nationalen Glück besteht, nicht in einem Leben, das von der großen Weit abgeschlossen ist. Das nationale ich, die Seele des Volkes, will so gut wie das individuelle Ich auch ein höheres Dasein führen, über die Grenzen seines nationalen Lebens hinaus, über die Grenzen des Lebens, das ihm die Natur seines Landes gewährt, in das Leben der übrigen Völker hinein, in das Leben, das den! Menschen die ganze unendliche Natur gewährt. Die Nation lebt, so gut wie der Einzelne, nicht nur für sich selbst, sie hat, wie der Einzelne, nicht nur für sich seihst, sondern auch für die übrige Welt zu sorgen und zu arbeiten. Das, was mau nationale Intercssen, nationale Ideale nennt, ist nicht in den Grenzen egoistisch-nationalen Lebens abgeschlossen, — nationale Interessen und Ideale umfassen das ganze Leben des Menschen, die ganze Menschheit, die ganze Welt. Es gibt keine weiteren, höheren, erhabeneren Ideale und Interessen als nationale; es gibt keine besonderen nationalen und besonderen allmenschlichen Ideale und Interessen, — es gibt hier, wie beim Individuum, kleinere, engere, egoistische nationale Ideale und Interessen und höhere, weitere, a'.lmenseliliche, kosmische nationale Ideale und Interessen. Ja noch mehr, der Einzelne kann allmenschiiclie Ideale und Interessen, wenn sie einen lebendigen Wert, eine lebendige Kraft haben und nicht leere Phantasien sein sollen, erst durch das Leben des Volkes erhalten, das alle möglichen Erlebnisse und Beziehungen, Ideale und Interessen umfaßt, die das menschliche Leben nur in sich schließen kann. Das ganze menschliche Intercss: an! Lehen, der ganze menschliche — d. 11. psychologische, nicht mir physiologische — Sinn des Lebens ist durch die Nation geschaffen. ״Menschheit“, ״allmenschlkhe Ideale“ usw., das sind nur Abstraktionen, kollektive Begriffe; in Wirklichkeit gibt es nur Völker, jedes Volk mit seinem besonderen Leben; im Leben gibt es nur nationale Ideale, nur nationale Interessen. Kein Mensch lebt in der Luft, in der ״Mensch- 11 eit“: jeder lebt in seinem Volk und mit dem Leben seines Volkes (oder eines fremden Volkes), auch wenn er in der Wüste lebt (Beispiel: die Sprache, in der er denkt). Das Schlimme ist aber, daß im Leben, und gerade im bewußten Lehen, einstweilen noch die Abstraktionen wirken. Gerade diejenigen, die große Ideale, großes Leben suchen, gerade sie überspringen die Nation, springen vom Individuum gleich in die abstrakte Menschheit. Die Nation, die nationale Seele, die nationale Form des Lebens verneint man entweder ganz, als eine Uebergangsforn! des menschlichen Lebens, oder man behandelt sie wie eine alte Mutter, die inan aus alter Liebe, aus wohltätigem Sinn, aus Pflicht unterhält, oder die man für ein notwendiges Uebcl hält, mit dem man rechnen muß, und die gewisse Verdienste hat. Aber daß sie die Kraft sein soll, die vereinigt und dem ganzen Organismus Leben gibt, die ohne Aufhör wirkt und schafft, die Kraft, die die Grundläge für alle gesellschaftlichen Beziehungen ist, gleichgültig von welchem Samen sic stammen, — das klingt etwas unglaubhaft. Sie sieht inan erst, wenn sie elementar hervorbricht, und da hat sie freilich keine Lichtgestalt. So verhält man sich zu ihr, sowohl dort, wo man sich von der idealen Seite dem Leben nähert, wo man ei!1 ideal sucht, nach dem sich das bewußte menschliche Lehen richten soll, als auch dort, wo man sich ihm von der sozialen Seit« nähert, wo man das soziale Leben der Allgemeinheit zu verbessern strebt.... Jeder hat nur soviel Himmel über seinem Haupte, als er Boden unter seinen Füften half“ Keren Kajemeth Leiisrael, Jüdischer Nationalfonds E.V. Spenden für •Boden in Palästina für jüdische fugend!« a,n die Vertrauensleute oder direkt auf das Postscheckkonto 282 47, Berlin W15, Meinekestr. 10