Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 79-80 (4.10.1933)
- Date
- 1933-10-04
- Page
- Seite 615 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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>33 Nr. 79/80, 4. X, 1933 jüdische Rundschau Seite 613!mg I Deutsche Juden und Palästina 1» icir 1 ff ohn| fgenosseiner I 'e des I d diel noch I le un-l Aber! . Wir!!1 auf•[ Kwu-I Wirt-I les zul 2 Ural leicheal gliederl Hilfs-I lßer inl larflberj VWU7:1''1I ich bc-l lbsHer-l!r nichtl hehrfi-l hat zul bräis׳ J r noch! Sprache men $ic| )nv5>"c Die Hf 1. Wenni tten sie irie isil ade m;s| inist!:■ :;I Kosten] 1er mul t eininel Ent bi ' •I Jahren] efalircnl nd sich] m <1;■• :| beijue• en“ ge- 1! 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Wenn der ionistische Teil des deutschen Judentums seit Jahrzehnten Jurcli unermüdliche Propaganda und Erziehungsarbeit rach den Versuch gemacht hatte, Erez Israel zu einem lebenligcn Faktor im Denken der deutschen Juden zu machen, war diesen Bemühungen nur ein Teilerfolg beschieden. Es ist vom Standpunkt des Zionismus aus unerfreulich, daß es erst der Druck der von außen auf die deutschen Juden einwirkenden Ereignisse war, der ihnen Palästina als eine leben-!!irre Realität erscheinen ließ. Die Beziehung der deutschen Juden zu I r e z Israel hat sich im Laufe der Vergangenheit mehrfach gewandelt. Gehen wir in die Zeit vor der Emanzipation zurück, so gelangen wir in eine Periode, in der das Bewußt* sein der Verknüpfung des jüdischen Volkes mit dem Lande seiner klassischen Geschichte allgemein lebendig war. Seitdem jedoch die Welle der messianischen auf eine Rückkehr nach Erez Israel gelichteten Bewegungen zusammengebrochen war, gab es unter den deutschen Juden kaum mehr nennenswerte Elemente der aktiven Beziehung zu Palästina. Gewiß empfand man die Verknüpfung mit dem Lande durchaus positiv, man sammelte auch für die Unterstützung der in Palästina lebenden und lernenden Menschen, aber man iahte verlernt, daran zu glauben, daß die lebende Generation etwa berufen sei, den Weg nach Palästina zu beschreiten. Die Palästina-Sehnsucht war ganz und gar in das religiöse Gebiet hineingedrängt worden und lebte hier als eine messianische Hoffnung fort. Man darf die Stärke dieser Hoffnung aber nicht unterschätzen. Mit gutem Grunde habere diejenigen, die auf seiten der Juden bereit waren, den Preis für die Emanzipation zu bezahlen, der darin bestand, den jüdischen Zusammenhang zu lockern und das Judentum zu konfessionalisieren, als eine ihrer bedeutsamsten Maßnahmen die Stellen aus der Liturgie entfernt, die die Erinnerungen an Zion wachhieltcn. Man wußte eben, daß im Herzen des einfachen Juden ein Gefühl für die Verbindung des ganzen Volkes mit seinem Lande bestand. Aus der positiven, aber inaktiven Be- Ziehung zu Palästina wurde so in der Nach-Emanzipationszeit eine zwar in gewissem Sinne aktive, aber negative Verbindung. Die deutschen Juden sind dadurch einen Weg gegangen, der etwas anders aussieht als derjenige der Mehrheit des jüdischen Volkes. In den östlichen Ländern Europas ist die Juden-Emanzipation erst in einem Zeitpunkt erfolgt, als man bereits Erfahrungen darüber gesammelt hatte, welche Konsequenzen die Zahlung des assimilatorischen Kauf- Preises für die Emanzipation den westlichen Juden gebracht hat Außerdem verhinderte die Tatsache, daß die Juden im Osten in Massensiedlungen zusammenlebten und dadurch nicht im gleichen Grade wie etwa die deutschen Juden einer Atomisierung ausgesetzt waren, daß eine bestimmte mit den Gefühlen der b/eiten jüdischen Masse nur löse verbundene, aber repräsentative Gruppe ihren Willen der Gesamtheit der Juden aufzwang «nd sie einen Weg führte, der zu einer Zersetzung der jüdischen Volksgüter führte. Dadurch ist Palästina im Osten stets in einem viel stärkeren Maße für die Juden lebendig geblieben, und man spürte zu allen Zeiten den Zusammenhang mit diesem Lande. Es ist daher nicht erstaunlich, daß in dem Augenblick» in dem sich die politische und wirtschaftliche Judenfrage im ehemaligen Rußland mit aller Deutlichkeit zeigte, Erez Israel sofort zu einer Realität im jüdischen Leben wurde, d. h. daß eine Tendenz zur Auswanderung entstand und darüber hinaus empfunden wurde, daß Palästina über seine Bedeutung als Ort neuer jüdischer Konzentration! hinaus wichtige Aufgaben für die Zukunft des jüdischen Volkes zu erfüllen habe. Aus dieser Beziehung des östlichen Judentums zu Palästina ist es allein zu verstehen, daß wir heute im Lande bereits etwas vorfinden, woran wir anknüpfen können. Die Summe von Idealismus und Opfermut, die von der jüdischen Jugend in Erez Israel aufgebracht worden ist, kann nicht anders erklärt werden, als daß hier ein tiefes, lebendiges Gefühl aus den Jahrhunderten der jüdischen Geschichte Wenn Du diesen Ruf hörst, Verehrtester, empfehle ich Dir, schnell in die eben gekommene Richtung wieder zurückzulaufen. Jetzt ist keine Zeit, Sprachstudien zti treiben, denn dieser Ruf zeigt an, daß in der allernächsten Nähe Sprengungen vorgenommen werden. Solltest Du meinen ' ,ebenen Rat nicht annehmen, dann empfehle ich Dir, während des Transportes ins Spital das Wort ,,ha dass ah‘• zu artikulieren (falls Du noch sprechen kannst), denn hadassah küßt nicht nur Myrte, sondern ist auch der Name des besten palästinensischen Spitals. Sollte es aber doch nicht so weit kommen und ärgerst Du Dich gemeinsam (saue-saue, wobei die Zeigefinger beider Hände aneinander gerieben werden) mit Deinem Freund über diese ״kunzim" (eine der phantastischsten Wortassimilationen, des deutschen Wortes Kunst nämlich) und biegst in eine Straße ein, in der Dir ein weibliches Wesen mit einem schwarzen Ziegenschlauch ent-;;fgenkommt, dann halt nicht an! Natürlich, Du folgst nicht; 5•hon nimmst Du von dieser blau tätowierten und auch :m;t noch exotisch-ungewaschen wirkenden Bedtiinenjung- G;’ut etwas zum Trinken entgegen, das ״laebbaen“, das Weiße, heißt und beduinische Sauermilch ist. Und schon beginnst Du Dich — Du iiast sabr, baräd, gasös und laehbaen bei einer Tagestemperatur von rund 45 Grad zu Dir genommen — schon beginnst Du Dich lebhaft nach jenem weniger romantisch als nützlich wirkenden Gebäude umzu- 5׳eben, das man in Deutschland Rotunde und in den angck sächsischen Landschaften daobelytissie nennt, doch vergeblich schweift Dein Blick durch den Dir gegenwärtigen Teil des '/orderen Orients, welcher diese Einrichtung noch nicht kennt. Mit einem etwas traurigen Gefühl in der Magengegend, aber doch erleichtert, kehrst Du aus einem gastfreundlichen Haus zurück und willst für die allfällige Zukunft feststellen, '״je das eben verlassene Lokal in den Landessprachen heißt: Die arabische Bezeichnung ״b e t h e 1 m o y e“: Haus des Wassers kannst I)u trotz der dort vorhandenen Wasserlosig- ״eit eventuell noch verstehen, die hebräische aber ״beth ״am m e I ec 11“: Haus des Königs oder ,,bet h a ]< k a v 6 d“: Haus der Ehre übersteigt Deine phantastischsten Erwartungen, •leinen ungläubigen Blick beantwortet Dein Führer mit den 'Porten: ״Wahrlich, ich will Dich nicht leblafblef.“ fieberhaft, aber vergeblich suchst Du dieses Wort im Wörteruueh, bis Du vernimmst, daß dieses Wort, von den Kindern aus dem deutschen, respektive englischen ״verblüffen“ geheraus in den Generationen wach geworden ist, die seit 50 Jahren auf dem Boden Palästinas arbeiten. Es fragt sich, ob Gefühle und Schicksale ariderer Menschengruppen nacherlebbarsind. Die deutschen Juden sind in den letzten 150 Jahren einen Weg gegangen, der erheblich von dem des östlichen Judentums abweicht. Auch wenn das Endergebnis dieser 150 Jahre in wesentlichen Punkten der Lage angenähert ist, in der sich die jüdischen Massen des Ostens befinden, so kann doch nicht geleugnet werden, daß die, seelische Struktur der deutschen Juden auch heule eine eigenartige ist. Und wenn Palästina jetzt zu einer Realität für die deutschen Juden geworden ist, so muß man konstatieren, daß es nicht eine solche Bedeutung hat, die identisch ist mit derjenigen, die das Land für das Ostjudenium und seinen jugendlichen Vortrupp in Palästina selbst besitzt. Aus diesem Grunde beginnt bei uns erst jetzt eine Erzichungsatifgabe oder, besser gesagt, die Korrektur derjenigen Fehler, die von der Generation an, welche die Emanzipation empfing, bis in unsere Tage hinein gemacht worden sind. Gewiß, die deutschen Juden merken, daß sie eine hesondere Volksgruppe darsfellen. Man hat es ihnen von außen solange und so eindringlich gesagt, daß sie es allmählich selbst glauben. Ja noch mehr, auch das Gefühl der Mehrheit der deutschen Juden für den j ü d i - sehen Volks Zusammenhang ist erwacht, 1m d unter dem Druck der Vorwürfe, die gegen das jüdische Volk erhoben werden, beginnt sich eine Art von nationalem Stolz unter den luden zu regen. Es ist für die deutschen Juden oder einen Teil von ihnen tröstlich, daß sie dem jiidischcn Volke angehören, daß sie das Bewußtsein haben, nicht als Ausgestoßene in der Luft zu hängen, sondern daß sie sich in einen historischen Zusammenhang einordnen können. Aber dieses Bewußtsein stellt doch bei vielen nur eine Art von Abwehrreaktion dar. Es ist eine neue Form des ״Trotzjudentums“, das wir auch aus früheren Zeiten kennen, gewiß innerlich reicher und der Wirklichkeit angenäherter als ein trotziges Konfessiotisjudentum, aber doch ohne verpflichtende Kraft fiir die Gestaltung des Lebens des einzelnen. Man sieht, daß die Zugehörigkeit zu einer Nation einen Wert bedeutet, der den Menschen in den Rhythmus großer Zusammenhänge einspannt, man empfindet diesen Vorgang in der deutschen Umwelt, und man möchte, von jener ausgeschlossen, etwas Aehnliches für sich selbst gewinnen. So entsteht bei manchen Juden eine.Art ״naiver Nationalismus“, der sich über seine Möglichkeiten auf dem Gebiete der Verwirklichung keine Rechenschaft gibt und in gewissem Sinne Erscheinungen ähnelt, die wir aus der Anfangszeit der zionistischen Bewegung in Westcuropa kennen. Wir sind fern davon, eine derartige Erscheinung zu verurteilen; im Gegenteil, hier liegen die Wurzeln einer die Zukunft dieser Menschen umgesialtenden Kraft, die es aber zu lenken und in Bahnen zu leiten gilt, die für das Lehen des einzelnen Juden und der jüdischen Gesamtheit nützlich sind. Diesem ״naiven Nationalismus" sieht nun bei einem anderen Teil der deutschen Juden — und zwar einem zahlenmäßigen viel bedeutenderen — die Tatsache gegenüber, daß man ganz praktisch auf Palästina eingestellt ist und sich bemüht, selbst in das Land zu kommen. Gab es früher Juden, die zwar nicht Zionisten waren, aber für die anderen (armen) Juden den Aufbau Palästinas begrüßten, so gibt es heute unter den deutschen Juden zahllose Menschen, die selbst zu diesen ״armen Juden" geworden sind und nun unter dem Druck der äußeren Verhältnisse eine neue Existenz in Palästina aufbauen wollen. Sie geben sich dabei kaum Rechenschaft darüber, welche Bedeutung der Aufbau Erez Israels für das ganze jüdische Volk, für den Ablauf der jüdischen Geschichte besitzt und welchen Sinn ihre Ein- Ordnung in das jüdische Werk in Palästina für sie selbst haben kann. So entsteht eine Art von neuem ״Territorialismus“, der in diesem Falle allerdings palästinozentrisch gerichtet ist. Und hier liegt eine große Gefahr. Es besteht die Möglichkeit, daß d i e Menschen aus Deutschland, die nach Palästina kommen, ohne sich über die Bedingungen klar zu sein, unter denen der Aufbau notwendigerweise vor sich geht, sich itn Lande nicht eingliedern können. Es besteht weiter die Gefahr, daß dadurch Schwierigkeiten für den wirtschaftlichen und den bildet, bereits in den hebräischen Sprachschatz übergegan■ gen ist. Plötzlich, Ihr habt indessen die Stadt verlassen, kommt ein Automobil. (Auf arabisch: ״trombil“, Mehaphl: ״tr o m b i 1 ä t“.) Im Fond sitzen zwei Herren. Einer bohrt in der Nase und der andere ist beduinisch gekleidet. Der erstere ist durchaus schwarz angezogen und hat einen weißen Turban auf dem Kopf. Er fragt Dich — ausgerechnet Dich — um den Weg nach ״ti d s“. Dein Freund kommt zu Hilfe und das Auto fährt weiter. Du willst natürlich wissen, was die beiden verschieden kostümierten Herren bedeuten. ״Zwei Schechs“, sagt Dein Freund leichthin. Jetzt erst erfährst Du, daß die als ״Scheiks“ wild aber edelmütig und jungfrauenheTzerobernd durch die Filme sprengenden Herren Tn Wirklichkeit ״Schechs“ ausgesprochen werden, wirst aber wieder verwirrt, wenn Dein Freund schnell hintereinander auch einen Straßenkehrer, einen Postbeamten und einen Regicrungsrat sowie einen Eseltreiber mit diesem Titel beehrt. Keine Aufregung: ״schech“ bedeutet — als Anrede — nicht viel mehr als den israelitischen Titel Doktor oder das wienerische ״Herr Baron“. Und was heißt ״uds“? fragst Du, nachdem Du es verzweifelt in allen Wörterbüchern gesucht hast. ״El u d s“ heißt Jerusalem. Eigentlieh heißt es ״cl quds“, respektive ״el quds esch scherif“, aber das Volk von Jerusalem, das sich nicht gern anstrengt, läßt in allen Worten den schwer auszusprechenden Ruchstaben q einfach weg. Wütend und hoffnungslos deponierst Du Deine Wörterbücher bei jenem Tor Jerusalems (sprich: Yeruschaläyim), das man das ״Misttor“ nennt, versuchst bei dieser Gelegenheit den Buchstaben ’a i n auszusprechen, der in keiner europäischen Sprache vorkommt und der dadurch entsteht, daß man den Versuch unternimmt, sich zu übergeben, und auf halbem Weg sich die Sache wieder überlegt. Es gelingt Dir natürlich nicht, und da Du auch den arabischen Namen des Stadttores, bei dem Du stehst, ״b ä b el moghrärbe“, gh zwischen g und r gelegen, nicht zu artikulieren vermagst, beschließt Du, zu fliehen. Wohin? Jericho ist schön, hast Du gehört. Auf nach Jericho! Du nimmst Dein Englisch zusammen und fragst einen britischen Polizcisoldaten nach dem nächsten Weg nach Jericho. ״Yes, m y d ea r man g o to Jericho!“ sagt er und lächelt süffisant Dieses Lächeln verstellst Du erst später, da man kulturellen Fortschritt des Werkes In Palästina entstehen, und es besteht schließlich die Gefahr, daß die deutschen Juden sich zwar auf Palästina als ein wichtiges Land der Einwanderung einstellen, daß sie aber die Bedeutung dieses Landes für die nationale Zukunft des jüdischen Volkes nicht empfinden und sich so selbst aus dem Ablauf der jüdischen Geschichte ausschalten. Die Bedeutung Palästinas geht über den Kreis derjenigen hinaus, die den Weg in das Land selbst finden. Allein der Schmelztiegel Palästina macht es möglich, die moralischen, gesellschaftlichen und kulturellen Werte der Totalität der jüdischen Geschichte in Verbindung mit der Gesamtheit der Kräfte der jüdischen Gegenwart zu einem starken Anziehungspunkt zu machen, der den heute lebenden Juden die Möglichkeit gibt, aus dem Irrweg der Assimilation hcrausnigekmgen. Und hier zeigt sich, was Zionismus i st. Er ist weder eine nationale Schwärmerei, noch ist er ein gewaltiges Transportunternehmen zur Schaffung eines neuen jiiilisehen Zentrums, sondern er ist eine lebensumfassende Bewegung. Dies gilt sowohl in quantitativer wie in qualitativer Hinsicht. Der Zionismus nimmt das Recht auf Führung nicht nur für diejenigen Menschen in Anspruch, die selbst nach Palästina gehen, sondern auch für alle, die ihre Existenz hier weiter fortsetzen werden. ״Führung“ bedeutet hierbei nicht etwa nur ein äußerliches Moment, z. B. die Ausgestaltung des organisatorischen Lebens der deutschen Juden, sondern viel mehr die Lebensführung des einzelnen Juden. Für die Zionisten war es von jeher eine Selbst- Verständlichkeit — und vielleicht blieb ihre Zahl deshalb unter den deutschen Juden, die ein sattes und zufriedenes Leben führten, verhältnismäßig gering —, daß sie verpflichtet seien, alle Gebiete ihres Lebens von der zionistischen Grunderkenntnis aus neu zu durchdenken und zu gestalten. Allein der Umstand, daß von Anbeginn an der gesellschaftliche Aufbau Palästinas nicht unter den Bedingungen vor sich gehen sollte, die die Juden aus der Galuth mitbrachten, sondern daß die Erkenntnis von der Notwendigkeit der Normalisierung des Volkslebens auch in seiner inneren Struktur dem Zionismus klar war, führte dazu, daß grundlegende Forderungen an die persönliche Haltung des einzelnen Zionisten gestellt wurden. Wir wissen genau, daß auch in unserer Bewegung Erfolg und Mißerfolg stets miteinander ringen, und daß der einzelne Zionist niemals das verkörpert, was er der zionistischen Forderung nach sein sollte. Aber wir glauben, daß die Grunderkenntnis des Zionismus für die deutschen Juden heute von allerhöchstem Werte sein kann. Es gilt nicht allein, ein Bekenntnis zum jüdischen Volke abzulegen, es gilt nicht allein, persönlich am Aufbau Palästinas teilzunehmen, sondern es ist notwendig, daß der einzelne Jude wieder empfindet, wie stark das jüdische Volkstum auch in den Zeiten der Galuth mit dem jüdischen Lande Erez Israel verknüpft war, und daß ct, wenn er nach Palästina geht, die Aufgeschlossenheit mitbringt, im Lande selbst als ein Zionist zu leben, d. h. sich als Glied in die Renaissance des jüdisch en Volkslebens auf allen Gebieten einzuordnen, — und wenn er hierbleibt, mit Hilfe der aus Palästina und aus dem Judentum kommenden lebendigen Kräfte einen Wandel seiner Persönlichkeit vorzubereiten. In diesem Sinne erhebt der Zionismus von jeher und heute mit verstärkter Kraft den Anspruch, in der Judenheit wegweisend zu sein. Wenn die deutschen Juden deutlich verspüren, daß ihre politischen und wirtschaftlichen Hoffnungen, die sie seit Beginn des 19. Jahrhunderts hatten, zerstoben sind, so müssen sie mit noch viel größerer Eindringlichkeit empfinden lernen, daß der Weg der Entjudung, den sie in enger Verknüpfung mit jenen Hoffnungen und mit sehr großem Erfolge eingeschlagen haben, für sie verhängnisvoll geworden ist. Und sie müssen wissen, daß Palästina für sie nur dann im historischen Sinne wertvoll sein wird, wenn sie durch dieses Land und die mit ihm verbundene Bewegung den Anschluß an die Kette der jüdischen Geschichte und an Geist und Körper des jüdischen Volkes finden und so den Weg der Umkehr zu einem gewiß noch nicht in allen Einzelheiten erkennbaren, aber erneuerten Judentum finden. K. L. Dir verrät, daß die Engländer in unserem Land stets sagen ״go to Jericho“, wenn sie meinen: ״Geh ziitn Teufel!“ Ich holle, sehr verehrter Herr Tourist, daß diese kleine Sprachlektion Dich nicht abhalten wird, nach Palästina zu reisen, aber ich hoffe dringend, daß sie das beabsichtigte Palästinabuch oder die Zeitungsartikel auf ein paar An- Sichtskartengrüße zusammenschrumpfen lassen wird. Sollte Dir aber einiges noch nicht ganz klar sein, dann lies ein paar Bücher von Drdtagereisenden und Du wirst verstehen, daß man mit dem Schreiben erst dann beginnen soll, wenn man schon ein wenig sprechen kann. Das* heißt, zum Beispiel, wenn man schon weiß, daß ein ״dag mahn Ir‘ nicht nur ein Salzhering ist, sondern auch — eine Krawatte. Ein Interview mit Staatskommissar Hinkel Der französische Journalist Jules Sauerwein, der für den ״Paris-Soir“ Deutschland bereist, veröffentlicht 1t. ״Voss. Zeitung“ vom 1. 10, eine Unterredung mit Staatskonimissar Hans Hinkel über Theater-, Literatur- und Musikwesen im Dritten Reich. Staatskominissar Hinkel erklärte, er sei sich wohl darüber im klaren, daß man im Auslande glaube, die Reichsregierung wolle selbst die Gedanken nach militärischem Vorbild befehlen. Man sei jedoch weit davon entfernt. Jn der deutschen Dichterakademie gebe es verschiedene Riehtungen. Abgesehen von der zerstörenden Ana r c h i e in den Theatern habe man Juden und Ausländer nicht vollkommen ausgeschlossen. Es habe jedoch einen derartigen Hundcrtsatz gegeben, daß 23 000 Musiker und 18 000 deutsche Schauspieler brotlos geworden seien. In Verfolg des ßeamtengesetzes habe man Klemperer an den Staatstheatern nicht halten können. Es stehe ihm jedoch frei, an anderen Bühnen zu wirken. Leo Blech sei beispielsweise geblieben. Die Deutschen hätten in ihrem Vatcrlande auch Recht zu leben. Es habe Zeiten gegeben, wo an der Hochschule für Musik das Lehrerkollegium zu 63 v. H. aus Juden und Ausländern zusammengesetzt gewesen sei. Die Kunst werde in Deutschland nicht unterdrückt, denn Hitler selbst habe großes Interesse für die Kunst.