Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 79-80 (4.10.1933)
- Date
- 1933-10-04
- Page
- Seite 613 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Ein Auswandererschiff nach Palästina war früher vollgeladen mit Chaluzim, jungen Menschen, die aus der Vorbereitung für einen palästinensischen Beruf kamen, mit Landwirten und Handwerkern. Seit Jahren waren sie aufgezogen in palästinensischen Begriffen, kannten die Sprache, die Probleme, den Stil des Landes. Sie waren angezogen wie palästinensische Arbeiter, trugen die Arbeitsbluse und taten alles, um sich wie die י ר*. Kameraden aus dem Lande zu gebärden, die sie hin und wieder im Auslande getroffen haben. Ein Palästinaschiff ist heute ein Schiff der Mittelklasse. Man fährt nicht Zwischendeck, man fährt dritter. Und das ist schon eine große Einschränkung, man ist die etwas primitiven Zustände in der Unterbringung, im Essen, in der Behandlung nicht gewöhnt, die ״Umstellung“ beginnt schon an Bord. Es sind nicht junge Menschen, einzclne, die sich aus ihren Elternhäusern losgerissen haben, sondern ganze Familien. Vierzigjährige mit ihren Kindern, die sich in dieser Ecke des Mittelmeeres einrichten wollen oder einrichten müssen. Es ist keine von langer Hand vorbereitete Uebersiedlung, es ist ein plötzliebes Hineinspringen in ganz neue Verhältnisse. Auf den Decks gehen die Einwanderer auf und ab, Lehrbücher und Vokabelhefte in den Händen und lernen Hebräisch. Die wenigen — leider sind es nur wenige! — die die Sprache beherrschen, werden angestaunt und beneidet. Die Kinder sind beweglicher als die Eltern, sie haben bald mit den palästinensischen Kindern, die von einer Ferienreise kommen, Freundschaft geschlossen und stammeln ein paar hebräische Brocken. Die Aelteren machen sich Sorgen, holen sich Auskunft über Unterkunft, über erste Einrichtung, sind dankbar für jede Information, für jeden Wink. Trotz aller Beziehungen mit dem Auslände, trotz der endlosen Zahl von Briefen, die seit Monaten mit jeder Post nach Deutschland geht, trotz der Merkblätter für PaläsffnAwanderer sind bei der Mehrzahl noch immer die primitivsten Kenntnisse nicht vorhanden, und es werden gerade in den ersten Wochen viele Fehler gemacht, die Kosten und unnütze Arbeit nach sich ziehen. Da gibt es immer noch Leute, und zwar nicht etwa Qroßkapitalisten, die ihre schweren kostbaren Möbel in riesigen Lifts ins Land bringen und nachher nicht wissen, wo sie sie unterbringen, geschweige denn, wie sie sie putzen und pflegen sollen. Es können sich eben viele nicht vorstellen, daß Palästina etwas anderes sei als eine Ueber- Setzung des Kurfürstendammes ins Hebräische. In den Häfen herrscht ein Betrieb, wie er noch nie dagewesen ist. Jede Woche bringt Schiffe mit neuen Einwanderern. Die Landung ist immer noch, obwohl eine Besserung der Verhältnisse seit Jahren diskutiert und versucht wird, eine umständliche, ermüdende und ärgerliche Prozedur. Wenn man nicht erster Klasse fährt oder ganz besonderes Glück hat, nimmt die Landung mit Paßkontrolle, ärztlicher Ueberwachung, Impfung, Zollrevision mehrere Stunden in Ansprach. Durch die Fertigstellung des Haifaer Hafens sind große Erleichterungen geschaffen, die Schiffe legen direkt am Kai an und die Ankömmlinge brauchen sich nicht mehr vor der schwierigen Ausbootung zu fürchten. In Jaffa befördern freilich immer noch die kleinen Boote Menschen und Ladung durch die enge Klippeneinfahrt ans Land, und sämtliche Baulichkeiten sind trotz allen Vergrößerungen und Verbesserungen noch immer viel zu klein für eine glatte Abwicklung der Landungsgeschäfte. Aber nicht nur der Passagierverkehr hat ungekannt großen Umfang angenommen, sondern auch der Warenverkehr schwillt und schwillt. Die Steigerung der Menschenzahl mit europäischen Bedürfnissen in Palästina, die große wirtschaftliche Aktivität auf dem Land und in der Stadt, die Hebung des Standards weiter Kreise bedingt einen gewaltigen Import, damit eine vergrößerte Schiffahrt, große Belastung der Hafenbehörden. Und wenn es einem auf der Reede von Jaffa und im Hafen von Haifa nur auffällt, daß mehr Schiffe dort liegen, als man es noch vor einigen Monaten gewohnt war, so überfällt den Ankömmlung die Sturzwelle der Einwanderung bei dem Eintritt in die Stadt. Es will scheinen, als sei Tel-Awiw heute die lauteste Stadt der Welt. Als man sie gründete, um eine kleine Villenvorstadt zu erhalten, konnte man ja schließlich diese Entwicklung nicht voraussehen. Und so staut sich jetzt der Verkehr in den engen Straßen, drängen sich die Kamelkaravanen, die Autobusse, die Privatwagen und die Fußgänger, zwischen den Häuserwänden hallt der Lärm wider, und alles ist in eine weiße Wolke von Betonstaub gehüllt. Es wird gebaut und wieder gebaut. Statt abzunehmen, steigt die Bewegung an. Wo die Häuser fertig sind, wird auf gestockt; wo noch ein Platz frei ist, wird er bebaut; wo ein altes Haus gestanden hat -- alt bedeutet hier zehn Jahre und darüber — wird niedergerissen, umgebaut, vergrößert. Die Stadt ist zum Platzen gefüllt mit Aktivität, der Lärm des Verkehrs mischt sich mit dem Rattern der Baumaschinen, den Schlägen der Eisenhämmer, den Rufen der Arbeiter. Trotz alledem gilt es als ein Glück, eine einigermaßen erschwingliche Wohnung, ein bequemes Zimmer zu bekommen. Die Spekulation hat gute Tage, das Baufieber preßt zusammen mit den Maklern die Bodenpreise in die Höhe, und eine entsprechende Unterkunft zu finden, bleibt schwierig, auch wenn überall Häuser fertiggestellt werden. Läden, Restaurants, Cafes, Pensionen sind voll. Man spürt ein Anziehen der Lebensmittelpreise. Und während früher Tel-Awiw fast allein die Menschen schluckte, quillt jetzt der Strom auch auf die anderen Städte über, ln Jerusalem sind die Preise für Bauplätze im Steigen und Haifa beginnt langsam aus der ״Stadt der Zukunft“ in eine Stadt der Gegenwart sich zu verwandeln. Freilich erhält Tel-Awiw immer noch den Löwenanteil der Einvvanderung. Aber es gibt doch schon eine beträchtliche und immer steigende Zahl von ״Neuen“, die in die Hauptstadt des Landes oder in die Hafenstadt gehen oder durch den Ueberdruck in Tel-Awiw aus diesem Zentrum herausgepreßt werden. Der Geld- und Menschenström beginnt das ganze Land zu befruchten. Er bevorzugt immer noch Häuserbau und Pflanzungen, aber er geht auch bereits in andere Wirtschaftszweige und überflutet nach und nach alle Gegenden. Zugleich mit der Einwanderung wächst der Arbeitermangel; er wächst überall. Man spürt ihn in den Kolonien, wo Arbeiten, die nicht dringlich sind, aufgeschoben werden müssen, weil man sie nicht ausführen kann; man spürt ihn in den Städten, wo überall Facharbeiter fehlen, wo Aufträge nicht pünktlich ausgeführt werden können. Wer ankommt und arbeiten will und seine Sache versteht, kommt sofort unter, sei er nun Maurer, Schuster, Schneider oder Gärtner. Freilich, von Acrzten und Anwälten kann man das nicht behaupten, und da kommt man dann wieder auf das alte und so aktuelle Problem der ״Umschichtung“ ... Wie immer in Zeiten der großen Wirtschaftsblüte spürt man auch eine arabische Zuwanderung aus den Nachbargebieten. Transjordanien, der Chauran liefern Arbeitskräfte für Palästina. Und immer neues Geld und neue Menschen schaffen neue Möglichkeiten. Die Kurve ist noch im Steigen. Gerade jetzt, in den ersten Herbsttagen, wo sich die Regenwolken am Himmel sammeln und die ersten Schauer Kühlung bringen, beginnt eine neue Welle der Immigration. Der Druck von außen läßt nicht nach, die Möglichkeiten in Palästina sind nicht geringer geworden. Und so fließt der Strom der Einwanderung über die Häfen in die Städte und Kolonien, belebt, verändert, vergrößert, gibt neue Kräfte, stellt gewaltige neue Aufgaben, wandelt das Gesicht des Landes von Tag zu Tag, von Woche zu Woche. Die ״Jüdische Rundschau“ an ihre Bezieher in Groß• Berlin, Breslau, Frankfurt/Main und Hamburg Immer größer wird die Zahl der Abonnenten, immer weiter wächst der Leserkreis. Zur Bequemlichkeit unserer Leser in den oben genannten Städten wer den wir ab 1. November 1933 den Versand unserer Zeitung und das Einziehen der Bezugs• gebühren demPostzeitungs• amt übertragen. Unseren Freunden in Groß-Berlin, Breslau, Frankfurt/M. und Hamburg wird also in Zukunft um den ZO• eines Jeden Monats der Briefträger die Abonnements-Rechnung für den kommenden Monat vorlegen. Die Bezugsgebühr beträgt RM 2.- pro Monat und schließt alle Spesen ein. Bei pünktlicher Zahlung erleidet die ständige Lieferung keinerieiUnterbrechung. Quartalszahler, Streifband- Be zieher werden wie bisher beliefert. Wir bitten unsere Freunde in den genannten Städten von dieser Neuregelung Kenntnis zu nehmen. Der Briefträger kassiert also erstmalig etwa am 20. Oktober. Jüdische Rundschau Vertriebs-Abteilung Seite 611 Neujahrs - Rückblicke der palästinensischen Zeitungen Wie alljährlich sind auch diesmal zu Rosch Haschanah die drei hebräischen Tageszeitungen Palästinas in einem sehr verstärkten Umfange erschienen und haben einen großen Teil des Raumes dieser Neujahrsnummern einem Rückblicke über die Ereignisse des vergangenen Jahres gewidmet. Auf diese Weise werden die Neujahrsnummern wichtige Geschichtsquellen für den künftigen Historiker. Der ״Dawar“ brachte besonders Ueberblicke über die Entwicklung der Arbeiter- Institutionen und -Organisationen (Krankenkasse, Wirtschaften im Emek, die beiden großen Arbeitersiedlungskooperativen Kibuz meuchad und Kibuz arzi hascliomer hazair usw.). Einem Bericht über die Fortschritte der Arbeiterjugendbewegung ist zu entnehmen, daß diese Organisation jetzt zweitausend junge Arbeiter umfaßt. Der Bericht klagt darüber, daß infolge der fieberhaften Arbeit in den Werk- Stätten die fachliche Erziehung der arbeitenden Jugend vernachlässigt wird und kündigt die Gründung einer Fachschule für dieses Jahr in Tel Awiw an. Der Bericht über die Bevölkerungsbewegung verzeichnet einen Zuwachs von 32000 zur jüdischen Bevölkerung, eine Ziffer, die beinahe an das bisher erreichte Maximum (1925: 32 700) heranreicht. Ein besonderer Artikel ist einem Berichte über die Fortschritte der städtischen Siedlungsbewegung der Arbeiter gewidmet. Infolge der rapiden Steigerung der Wohnungspreise in den Städten verzehren heute die Mieten 30 bis 40 0,0 des Einkommens der Arbeiter. Diese bedauerliche Tatsache hat der städtischen Sicdlungsbewcgung der Arbeiterschaft natürlich starke Impulse gegeben. Eine Uebersicht über die arabische Bewegung im ״Dawar“ verzeichnet die wichtigsten Ereignisse in der arabischen Politik, die Wandlungen der Parteien und Organisationen unter den Arabern Palästinas und in der islamischen Welt im allgemeinen, ״Dawar“ und ״Doar Hajorn“ bringen Berichte über das Musikleben im Jahre 5C193. Alle drei Zeitungen berichten über die Entwicklung der hebräischen Literatur im vergangenen Jahre. Nach einer an der Hand der bibliographischen Vierteljahrs- Schrift ״Kirjath Sepher“ der Nationalbibliothek ausgearbeiteten Statistik sind während des abgelaufencn Jahres 478 hebräische. Bücher in Palästina gedruckt worden, davon 375 in Tel Awiw, 99 in Jenisalem. Der Literatürbericht im ״Doar Hajom“ (von Dr. Simon Ginzburg) ist auf einen sehr pessimistischen Ton gestellt. Ginzburg konstatiert, daß die Entwicklung des hebräischen Büchermarktes in keinem Verhältnise steht zu der Entwicklung Palästinas auf allen andern Gebieten. Die schwierigste Frage ist heute die Technik des Vertriebes der hebräisehen Literatur. In Polen hat man überhaupt aufgehört, hebräische Bücher zu kaufen. Schuld ist der Mangel einer Verkaufsorganisation der Verlage. Solange diese Frage nicht gelöst wird, gibt es keine Lösung für die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der hebräischen Schriftsteller und des ganzen Literaturbetriebs. ״Doar Hajom“ bringt ferner Rundschauen über die Entwicklung von T el־Awiw (Gesundheitswesen, Kanalisation, Wasserleitung, Zeitungswesen, Tour i s t i k). FemeT über die Entwicklung des Gesundhelts- Wesens im Lande, des Theaters, des Kinos, des Sport e s. Artikel mit reichlichem Zahlenmaterial sind der Entwicklung der Landwirtschaft und des Wirtschaftslebens gewidmet. Der letztere Artikel konstatiert, daß das abgelaufene Jahr vor allem als Jahr der Vorbereitung für eine schnelle Entwicklung des Landes in der nahen Zukunft gewertet werden muß. Das Einströmen des Kapitals, der Ankauf von Maschinen, die beginnende Eroberung des ausländischen Marktes kennzeichnen das vergangene Jahr. Im ״Haarez“ veröffentlicht Prof. J. Citron einen Artikel, in welchem er es als eine der dringendsten Aufgaben des nächsten Jahres bezeichnet, Vorbereitungen für die Gründung einer m e d i z i n i - sehen Faku Ität an der Hebräischen Universität zu treffen. Nach Ansicht Prof. Citrons wird infolge der letzten Ereignisse in etwa 10 Jahren ein starker Mangel an jüdischem Acrztcnachwuchs fühlbar sein und die Universität müsse die jetzt gegebene Gelegenheit ergreifen, um Lehrkräfte ins Land zu ziehen und die Eröffnung der Fakultät in der nächsten Zukunft zu ermöglichen. h. Das Verhör in der Ariosorolf - Mordnntersuchnng Jaffa, 28. September. (I.T. A.) Bei der Fortsetzung des Verhörs in der Untersuchung gegen die der Teilnahme an der Ermordung Dr. Arlosoroffs Beschuldigten wurde am 28. September der Zeuge Jakob Zelivansky einvernommen, jener junge Mann, der sich zur Zeit der Tat in der Nähe der Mordstelle am Strande von Tel-Awiw aufhiclt. Er erklärte, er sei, als der Schuß fiel, herbeigeeilt und habe gehalfen, Dr. Arlosoroff fortzutragen. Der verwundete Arlosoroff habe gesagt, er wisse nicht, wer die Attentäter waren. Staatsanwalt Shitrit verlas eine Erklärung, in der Stavsky sein Alibi nachzuweisen sucht. Es wird angegeben, daß Stavsky am Tage des Mordes 1n Jerusalem war, abends in einem Restaurant speiste und die Nacht in einem Jerusalemer Hotel zubrachfe. Am folgenden Tage sei er im polnischen Konsulat gewesen, um sich ein Visum zu besorgen. Von dem Morde habe er erst mittags erfahren und sei dann nach Tel- Awiw zurückgekehrt. Dier hierauf vernommene Beschuldigte Moses Habas stellte jede Beteiligung an der Mordsache in Abrede. Rosenblatt teilt in einer Erklärung mit, er habe am Tage des Mordes einer Zusammenkunft des Britli Trumpcldor in Kfar Saba beigewohnt und die Nacht dort in einem Zelt zugebracht. Unsere ״Kinder - Rundschau41 In der heutigen Ausgabe unseres Blattes ist nim ersten Male eine Beilage enthalten, die unter dem Titel ״Kinder- Rundschau“ dazu bestimmt ist, den Kindern unserer Leser geeigneten Stoff für ihre Belehrung und Unterhaltung zu bieten. Wir glauben, daß die Einführung dieser Beilage besonderes Interesse in den weitesten jüdischen Kreisen Deutschlands finden wird, da uns zahlreiche Zus 'hrif.esi der letzten Zeit bewiesen haben, wie notwendig es ist, dem jüdischen Kinde periodisch wiederkehrenden Lesestoff zu bicicn, der ihm jüdische Anregungen gibt und es so im Judentum verwurzeln hilft. Wir'bitten unsere Leser, uns Anregungen für den weiteren Ausbau der ,,Kindcr-Rundschau“ zukommen zu lassen und uns insbesondere darüber zu berichten, wie die Kinder selbst die Beilage aufgenommen haben. Redaktion der ״Jüdischen Rundschau“. 0053010202000253235323914853532323484823532353895323234848532348484823484890232323232348234848484853