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Jüdische Rundschau · 1933-09-29 · Heft 78 (29.9.1933) · p. Seite 594

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 78 (29.9.1933)
Date
1933-09-29
Page
Seite 594 (sequence 6)
Language
German
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Seite 592 Nr. 78, 29. IX. 1933 Jüdische Rundschau Ewige Knechtschaft? Bemerkungen zu Kittels Broschüre Von Fritz Baer, Jerusalem Die in Nr, 72 der ״Jüdischen Rundschau“ wiedergegebenen Bemerkungen Marlin Bubers zu der Schrift von Professor Gerhard Kittel über ״Die Judenfrage“ bedürfen einer Ergänzung von ״weltlicher'‘ Seite. Kittels Schrift ist wohl eine der größten Ueberrasclmngeri in dieser merkwürdigen Zeit. Kittel erneuert die alte kirchliche Forderung, die zuerst von Männern wie Ambrosius, Johannes Chrysostomus und Augustinus aufgesteilt und vorn Mittelalter bis zur grausigsten Kon- Sequenz durchgeführt worden ist. Die Juden sollen bis an das Ende der Tage zu ewiger Knechtschaft verurteilt sein. Dieses theologische Verdikt trifft allerdings nicht die Rasse, sondern den Glauben — das Rassenproblem der getauften Juden hat der spanischen Kirche seit dem 15. Jahrhundert Schwierigkeiten gemacht, was unseren Antisemiten entgangen zu sein scheint —, und dieses Verdikt setzt fine eschatologischc Grundhaltung voraus, die dem modernen Antisemitismus durchaus abgeht. Kittel ist sich wohl dieser Zusammenhänge nicht mit der nötigen Klarheit bewußt. Wenn er die pairistische und frühscholastische Literatur nach ihrer Auffassung vom Judentum untersucht hätte, wurde er nicht zu dem Ergebnis gekommen sein, daß die mittelalterliehen Judenverfolgungen nur als ״Abwehr gegen unanständiges Verhalten des Gastes oder aber Ausonicli einer instinktiven Abneigung gegen den Fremdrassigen“ zu erklären seien. Auch aus der hebräischen Literatur ist über diese Frage einiges zu lernen. Aber man kann offenbar trotz dieser Lücken ״die jndcitirage ganz beherrschen“. Wieweit eine Erneuerung miltchilterlichen Denkens hinsichtlich der Judenfrage mit dem heutigen ProtiMantismus zu vereinigen ist, haben wir als Jmlc 11 nicht zu beurteilen. Dagegen kommt es für uns darauf ,־in, uns selber über eine Atmosphäre thologischcr Vorurteile zu erheben. Gahsth 14 für uns kein Dogin.i, sondern eine Ersclieimingsform unseres |)ascins, die sieh unter bestimmten historischen Bedingungen lierausgcbildet und im Laufe der Zeiten wesent• lieh geändert hat, bis sie schließlich zu einem Absurdum wurde. Die Strafandrohungen der Propheten bedeuten für uns nicht ewige Verdammnis, Unsere Vorfahren haben freilich den politischen Untergang ehr Nation nach schwerem inneren Kampf als eine Erfüllung der Piophcticn hingi'iiommcn. Dabei sind aber die Galuth-Vorstellungen der talmudischen Zeit doch noch lange nicht dieselben wie die des Zeitalters der Kreu/züge, Die ältere Diaspora ist von dem im ganzen politisch-einheitlichen Rahmen der antiken Welt eiiigeschlossen, und sie bewegt sich uni ein festes palästinensisches Zentrum. Den Juden war ihre Hauptstadt: und ihre politische IJnahhängigkeit genommen, aber sie genossen als Bürger des römisehen Reichs volle Gleichberechtigung mit den anderen Nationen. Diese wurde ihnen erst auf Verlangen der Lehrer des Christentums genommen. Die christliche Predigt und die weitere politische Entwicklung haben den Juden erst zu dem in aller Welt henimirreiuien Kain gemacht, den man haben wollte. Oder ist es wirklich noch Wissenschaft, wenn man behauptet, die Juden seien in die Welt hinausgegangen, um die Völker auszu wuchern? Die christliche Predigt hat den inhaltschweren staatsrechtlichen Begriff der ״Knechtschaft“ der Juden geschaffen, der in späteren Jahrhunderten, schon lange vor der Emanzipation, ziemlich unverständlich wurde. Die Gedanken dieser Galuth-Epoche über die Pflichten gegenüber dem andersgläubigen Mitmenschen sind nicht immer die unsrigen. Aber in dieser Beziehung hafte die jüdische und christliche Moral dieselben Mängel, wenn sie sich auch gemäß der verschiedenen politischen Lage in verschiedenen Formen äußerten. Dazu kommen unerfreuliche Erscheinungen des Gemeindelcbens, die wir neben vielem Wertvollen von dem europäischen Bürgertum übernahmen, und wenn dieses seine Schäden früher abstieß als wir, so ist das bekanntlich nicht ihr eigenes Verdienst, sondern das des Beamtentums des absoiutistischen Staates. Von all diesen Dingen haben wir gar nichts zu vertuschen, dieses wäre lächerlich, das Mittelalter liegt hinter uns, und soweit uns noch Reste davon anhängen, so kann uns eine scharfe Kritik nur erwünscht sein. Trotzdem gilt dieser vergangenen Epoche eines Volkes von Märtyrern unsere ganze Liebe, unser ganzer Stolz. Diese Epoche hat ja doch der Welt überhaupt erst gezeigt, was ein G 1 a 11 b e «smart y riu in ist! Die mit dem üaluth- Schicksal ringenden Dichtungen des Mittelalters sind in diesen ernsten Tagen unser Trost, und sie werden immer bei uns bleiben, weil sic keine ״synagogalc Poesie“ sind, sondern das L e b e rt des j ü d 1 s'c h en Volkes zum Ausdruck bringen. Dieses Leben ist aber die wahre Verkörperung der von Augustin visionär gesehenen Civitas Del, die bis zu dem von Gott gesetzten Ende büßend durch die Welt pilgert. Ein ganzes Volk mit ,Männern, Frauen und Kindern, die ja schließlich auch ernährt werden wollen, wird zu einem Orden der P>11 llendcn gemacht. Daß unsere Vorfahren dieses Ideal nicht mit restloser Reinheit erfüllt haben, wer wagt ihnen daraus einen Vorwurf zu machen? Aber wenn inan heute von außen oder von innen die Aufforderung an uns richtet, die mittelalterliche üahith-Mission wieder aufzunehmen, so muß man uns erst zeigen, wie das möglich ist ohne Erneuerung der alten Unzulänglichkeiten. Wie sich dabei unsere modernen ״Zuchtruten Gottes“ fühlen mögen, geht uns ja nichts an. Aber wenn man Zur Lösung der Judenfrage alte Sprüche hcranzieht, so können wir darauf hinweisen, daß uns zur Erläuterung des ersten der zehn Gebote gesagt worden ist: ״Seid Knechte des Königs (d. h. Gottes), aber nicht Knechte von Knechten.“ Das heißt: es ist religiöse Pflicht des Juden, ein Leben in menschlicher Würde und Freiheit zu suchen. Schließlich noch ein Wort zu den theologischen Einwänden gegen unsere Leistungen in Palästina. Das alte Judentum hat davon eine ganz andere Auffassung gehabt als die moderne christliche und die von ihr beeinflußte jüdische Theologie. Wenn das mittelalterliche Judentum uns Palästina als eine gänzlich ungelöste Aufgabe hinter• lassen hat, so ist daran zum Teil eine durch Eschatologie bedingte Schwäche des politischen Denkens, ztim Teil aber auch einfache Faulheit und Eigennützigkeit schuld, die durch das Dogma keineswegs gefordert wird. Die Teilung des Lebens in praktische Arbeit in der Galuth und fromme Wünsche für Palästina wird um so unerfreulicher, wenn der nun einmal vorhandene Drang zur politischen Betätigung in das Lebe« der anderen Völker übergreift. Das hat sich in aßen Jahrhunderten der Galuth wiederholt und wird sich wiederholen, solange es eine Galuth gibt, und dann wird es Klagen über ״unanständiges Verhalten des Gastes“ geben. Das alles ist von dem emanzipierten Judentum aller religiösen Richtungen (ibersehen worden. Nicht der Zionismus, sondern die Assimilation, auch die Assimilation orthodoxer Färbung, hat die geschichtlichen Grundlagen unseres Daseins verschoben. Diese Erkenntnis, die ja nicht erst unter dem Zwang der äußerem Verhältnisse entstanden ist, macht es gerade im Namen der Religion zur Pflicht, das große Erbe unserer Vergangenheit von Grund aus neu durchzudenken. Galuth ist eine Erscheinungsform unseres Daseins, die ohne Schaden für unsere historische Aufgabe abgesfreift werden kann. Das müssen wir tun, und dagegen hilft uns kein Midrasch einer Kirche oder einer jüdischen, wissensarrnen und geschichtsfremden Theologie. Der Almanadt des Schocken-Verla gi Dieser eben erschienene Almanach, der Beiträge der Autoren des Schocken-Verlages sowie einige Beiträge von anderer Seite enthält, ist eine innerlich una äußerlich gleich schöne Gabe zum Neuen Jahre. Das Buch, das nur 50 Pf. kostet, hat das kultivierte, drucktechnisch vollendete Aussehen, das alle Werke des Schocken-Verlags auszeichnet, sein Inhalt aber ist von einer seltenen Erlesenheit. Wir erwähnen u. a. von Martin Bub er: Der jüdische Mensch von heute — Verdeutschung des 4L Psalms — den Aufsatz ״Geschehende■ Geschichte“, der vor kurzem in der ״Jüdischen Rundschau“ zum Abdruck gelangt ist — ״Um den Messias“ (ChassiJischcs). Ferner ist Leo Baeck mit einem Beitrag ״Umwälzung und Umwandlung“ vertreten. Van Franz Rosen zweig finden wir zwei Gedichte des Jchtida Halevy, den Brief ״Deutschtum und Judentum“ und einen Brief zur Bibelübersetzung, Richard Beer-Hofmann steuert den Prolog-Entwurf zu seinem Drama ״Der junge David“ bei. Heinrich Brody ist mit der Wiedergabe und Besprechung einer Ahaba des Mose lbn Esra ״Die unauslöschlich« Liebe“ vertreten. Franz Werfels Gedichte ״Die Blindschleiche“ und ״Der uralte Ahn“ und ein Brief Kafkas über Kierkegaards Furcht und Zittern und den Erzvater Abraham schließen sich an. Unter den weiteren Autoren des Almanach erwähnen wir Alfred Mombert!Gedicht ״Das Wort“), Jehl! da Halevy (״Israels Krankheit" aus dem Chasarengespräch), Gerhard Scholetn (״Nach der Vertreibung aus Spanien“, zur Geschichte der Kabbalah), N. N. Gl atz er (Uebersetzung vier talrnudischer Gespräche), S. J. A g n o n (Die Erzählung vom Kopftuch). Ludwig Strauß (lieber- Setzung eines messianisenen Volksliedes), Rabbi Abraham Kalisker (Brief über Hachschara), A. D. Gordon (Brief aus Palästina), Leo Weißmantel (Vorträge über die Bibel- Übersetzung), Die Aufzählung der Autoren und Beiträge zeigt bereits die Reichhaltigkeit des Almanachs. Er versucht nicht nur einen Ucbcrblick über das Schaffen der Autoren des Verlag es zu gfben, sondern darüber hinaus einen Querschnitt durch die geistige Haltung des J u - d entums unserer Zeit zu vermitteln. Dies gilt sowohl iür diejenigen Beiträge, die von heute schaffenden Menschen stammen, wie auch von denen, die der Vergangenheit entnommen sind. Der Leser empfindet, daß hier eine gemeinsame geistige Haltung gegeben wird, die den Versuch macht, von einem substantiell erfüllten Judentum aus die Welt und das Leben zu sehen, die sowohl zu dem Gesamt!nhalt der jüdischen Vergangenheit in Beziehung steht wie zu den Bestrebungen unserer Zeit, eine Renaissance des jüdischen Volkslebens anzubahnen. Insofern hat der Almanach eine Bedeutung, die über den Wert der einzelnen Beiträge hinausgeht, da er ein Zeitdokument des Judentums darstellt. ״Der junge David״ Im September-Heft der ,,Neuen Rundschau" (S. Fischer-Verlag, Berlin), ist ein Akt des lange mit Spannung erwarteten Dramas Richard Beer-Hofmanns ״Der junge David“ abgedruekt. ״Der junge David“, so wird in der Vorbemerkung gesagt, ist die vor kurzem vollendete Dichtung, die, um 1010 vor Chr. spielend, die 17 Tage umspannt, in denen der Untergang König Schauls und der Aufslieg des jungen David zum jungen König sich vollzieht. Das in der ״Neuer, Rundschau“ abgp^ruckte Bild spielt in Beth-Lechem zu der Zeit, als David Lehnsmann des Philisterkönigs Achisch ist. Der Zuschauer sieht Davids Lager, ist Zeuge der Gespräche und Spiele der Krieger und Gefahrten. David wird von der Nachricht überrascht, daß die Philister gegen Schau! ziehen und steht vor der schweren Ent- Scheidung, ob er seinen Vasalleneid brechen oder aber gegen sein Volk kämpfen soll. Die Urmutter Ruth erscheint ihm, spricht aber nur das Orakeiwort ״Sei treu“, so daß David nicht weiß, ob er seinem Volk oder dem Eid treu sein soll. In großartiger Auseinandersetzung mit seinen Gefährten spricht David von den Pflichten und den Zielen des Herrschens. Nicht Macht ist das letzte Ziel, sondern die Möglichkeit der Erfüllung der Gebote. Dem Willen Gottes soll das ganze Volksleben untergeordnet sein. ״Audi für ein Volk — lohnt’s nicht, bloß sich zu leben. Wort strahlte euch — und will nun allen leuchten.“ Wenn man diese 40 Seiten aus dem ״Jungen David“ gelesen hat, diese Szenen voll Kraft und voll Zartheit, voll jüdischer Durchgeistigung und religiöser Beseeltheit, wird man mit um so größeren Erwartungen dem Erscheinen des ganzen Dramas entgegensehen, das ein jüdisches historisches Drama ganz großen Stils sein wird. Zeflschrlltenschaa Im letzten Heft des ״Morgen“, das unter dem Motiv: ״Unser Wille zum Leben — Beiträge zu den Fragen der Zeit“ steht, veröffentlicht Rabbiner Dr. Jakob Horovitz, Frankfurt am Main, einen beachtenswerten Aufsatz über ״Die jüdische Schule“. Er geht von dem ursprünglichen Sinn des Begriffes ״Chinuch“ aus, stellt die Situation des jüdischen Kindes in Deutschland dar und formuliert die wichtigsten Forderungen, die an jüdische Schulen zu stellen sind. Hebräisch, die Kenntnis der jüdischen Urquellen, der jüdischen Musik und Pflege der körperlichen Ertüchtigung werden besonders tiervorgehoben. Ausgangs-und Mittelpunkt für den Gedanken der AuserwähltBeit Israels müsse der Gedanke von der Erwähltheit und der Gottesebenbildlichkeit aller Menschen sein. Der Ausbau jüdischer Volks- und Mittelschulen sei praktisch das allerwichtigste. Sic müßten zuin Handwerker oder Landwirt erziehen und in den enisprcchcnden Fächern unterrichten. Die Ausbildung der jüdischen Lehrer müsse nach einem konsequenten Plane durchgeführt werden, um sie für die Gestaltung der jüdischen Schule fähig zu machen. — Von den übrigen Aufsätzen des Heftes interessiert in diesem Zusammenhang insbesondere noch ein zweiter Aufsatz, der sich mit der jüdischen Schule beschäftigt und Rabbiner Dr. Julius Gail in er, Berlin, zum Verfasser hat. In ihm wird als die Aufgabe der jüdisehen Schule der Zukunft dieselbe bezeichnet, die die jüdisehen Gemeinden Deutschlands bisher in ihren Schulen zu erfüllen gesucht haben. Die Erziehung zum reinen Menschentum sei ihr höchstes Ziel, abzulehnen sei eine ״nationale Minderheitsschule“, die die Erfassung des gesamten Weltbiides vom Judentum aus anstrebe. Zu diesen Ausführungen von Herrn Dr. Gaftiner muß allerdings angemerkt wc-dcn, daß das Ziel des reinen Menschentums in der Erziehung in keinerlei Widerspruch zu der jüdischen Grundlage des Weltbildes steht. Im Gegenteil ist dieses Ziel am ehesten liberal! dort erreicht worden, wo unsere Erziehungsinstitute auf dem Boden eines ungebrochenen Judentums stehen, Berichtigung, in den Artikel von Dr. Ernst Simon ״Die Juden und der deutsche Nationalismus von 1770- 1930“ hai sieh auf Seite 550 der Nr. 75/76, Spalte 3, ein Druckfehler eiugesehiichcn. Der dort im dritten Absatz ervvihnte Rechts- Philosoph und Hegelianer Gans hieß mit seinem Vornamen nicht Leopold, sondern Eduard. Gelegentlich einer Rezension Die ursprünglich von Willy Haas begründete ״Litera rische Welt“, deren Herausgeber jetzt Karl Rauch ist, kündigt ln ihrer Nummer vom 22. September an, daß sie zwecks deutlicherer Unterscheidung von ihrer Vorgängerin von nun an zu ihrem Namen das Beiwort ״Neue Folge 1933“ hinzulügen wird, in derselben Nummer veröffentlicht die Zeitschrift einen Aufsatz von Peter Ha me eher, überschrieben ״Die ,Sammlung1 Judas“. Darin wird über eine Emigranten-Zeitschrift berichtet, die uns nicht ziigänglieh ist, so daß wir uns über den Gegenstand dieser Besprcchung selbst nicht zu äußern vermögen. Dennoch gibt die Besprechung Anlaß zu einigen Bemerkungen. Der Herausgeber der angezeigten Zeitschrift ist Klaus Mann, der Sohn Thomas Manns; zu den Protektoren der Zeitschrift gehören — laut ״Li, We.“ — neben Heinrich Mann auch Andre Gide und Aldous Huxley. Warum der Rezensent der ״Literarischen Welt" dieser Zeitschrift die Bezeichnung ״Die Sammlung Judas“ gibt, ist also nicht verständlich; es sei denn, daß man wi'.Lürlich Menschen, die nicht das geringste mit Judentum zu tun haben, nur aus politischer Gegner- Schaft mit dem Namen ״Jude“ belegt, was einer seriösen literarischen Zeitschrift gewiß nicht entspricht. Auch mit Thomas und Heinrich Mann hat es in dieser Hinsicht eine eigentümliche Bewandtnis: Solange Thomas Mann als Dichter der ״Buddenbrooks“ verherrlicht wurde und Heinrich Mann als einer der bedeutendsten Romandichter gattj fiel es niemandem ein, diese arischen Lübecker Patriziersöhne mit Judentum in Verbindung zu bringen. Heute, wo die beiden verfemt sind, werden sie häufig mit ״Juden" zusammengewerfen. Der Verfasser der Kritik in der ״Li. We.“ wendet sich gegen verschiedene jüdische Mitarbeiter der von Klaus Mann herausgegebenen Zeitschrift und kommt zu ganz allgemeinen Thesen, die freilich in der heutigen Zeit wenig Originelles an sich haben: ״Die Mentalität des Juden ist also immer staatsfeindlieh auf Grund der rassischen Eigentümlichkeit. Er ist immer ein Fremdkörper unter den anderen Völkern, und er will die anderen Staaten auflösen, um das Judentum an seine (soll wohl heißen ,ihre' — Red.) Stelle zu setzen. Wenn er auch Propaganda macht für die Internationalität: er meint im Hintergründe. Israel und wird rassesentimental, sobald man nur den Juden in die Diskussion zieht. Es ist wohl selbstverständlich, daß solche Leute nicht gerade gceignet sind, deutsche Belange zu vertreten.“ Wir erwähnen diesen Aufsatz nicht wegen des hier zitierten Absatzes, sondern um seiner Sclilußbenicrkutigen willen, die sich aut eine Aeußerung von Alfred Döblin beziehen. Döblin scheint in dem Aufsatz, auf den der Rezensent anspielt, ein Bekenntnis zum jüdischen Volkstum abgelegt zu haben. Döblin gehörte auch schon früher zu den wenigen deutsch-jüdischen Literaten, die in der Judenfrage iimlernten lind allmählich die Unmöglichkeit des assimilatorischen Standtreten, daß eine Entwirrung der Judenfrage nur auf der Basis der Anerkennung des jüdischen Volkstums möglich ist, wenn er sich auch ״zu zionistischer Konsequenz noch nicht durehzuringen vermochte. Jedenfalls kann eine. jüdische Erörtening, die den Kern der Juden frage im jüdischen Verhalten und Schicksal sieht, nicht als eine aggressive Haitun״ gegen das Deutschtum betrachtet werden. Peter Hamecher stellt denn auch fest, daß ״der deutsche National- Sozialismus mit Alfred Döblin verhandeln könnte“. Dies ist ein sehr wesentliches Bekenntnis, an das sich weitere Auseinandersetzungen würden anschließen lassen. Jedenfalls ist dieser Schluß des Artikels ein Beweis dafür, daß es nicht nötig wäre, in einem solchen Falle zu verallgemeinernden Aburteilen über das Judentum zu . gclangen, die nichts zur wirklichen, auch von einsichtigen Juden gewünschten Entwirrung der Frage beitragen können. Gespräch mit Toten Die Zeitschrift ״Deutsche K u 11 u r w a ch t“, Berlin, veröffentlicht in ihrer Ausgabe vom 16. September folgende Notiz: Als norii jeder Beliebige in Deutschland ״Erziehung“ auf seine Welse betreiben konnte, gab cs eine ״Philosophisch-Polilische Ak.<- tleinie“ in der Walkenmiihle bei Weisungen (Reg.-Bezirk Kassel). Sic wurde geleitet von dem jüdischen Kommunisten ״Pro■ lessor“ Leonard Nelson. Diesem Institut wurde, wie vielen anderen seiner Art, das Lebenslicht ausgcblasen. und jetzt werden seine Räume in besserem Sinn verwandt: Eine Amtswalterschule der NSDAP, ist darin eingezogen. Wo blieb Herr Professor Nelson? Er ist nicht etwa in der Versenkung verschwunden, in die er gehört. Er hat rin״ neue, harmlose Firma: Verlag ״Ocffentliehe* Lehen“, Berlin. Von dort aus vertreibt er nun in Buchform die Weisheiten, die er miinch lieh nicht mehr verbreiten kann. Und wagt es, sich auf die neue Gestaltung des deutschen Geisteslebens zu berufen: . . . ״die Sehr!!■ ten unseres Verlages —, die wir Ihnen gerade jetzt rum Studium empfehlen, wo sich das Interesse philosophischen Schriften wieder mehr zuwendet“ I Das Interesse, das wir Ihrer Philosophie zuwenden, Herr Ne!• son, wird Ihnen vielleicht nicht besonders angenehm sein. Ra. Ob der Rcchtsphilosoph und Ethiker Leonard Nelson, der Erneuerer der Fries'sehen Philosophie, der Antimarxist, der die Parole ״Reformation der Gesinnung“ ausgab, ab ״Kommunist“ bezeichnet werden kann, müssen andere ent• scheiden, am besten wohl Kommunisten, zu denen wir nicht gehören. Nelson, der übrigens als Kind getauft wurde, starb aber im Jahre 1927. Es ist nicht ganz verständlich, was die ״Deutsche Kulturwacht“ meint, wenn sie sagt: ״Er ist nicht etwa in die Versenkung verschwunden, in die er gehört.“ Jedenfalls dürfte der Philosoph aus dem Grabe die im letzten Satze ausgesprochene Drohung mit Gelassenheit entgegen nehmen. Palästina als Käuferland. Bel einem Bericht über die Inter• nationale Prager Mustermesse erwähnt die ״Frankfurter Zeitung“ am 9. September, daß das Interesse des Ausjandes diesmal stärker als bisher in Erscheinung tritt, und dal! als Einkäufer des Uebersee vor allem Kaufleute aus Palastina anwesend wären, die zum Teil noch vom Zio* nfstenkongreß in Prag geblieben waren. Es ist sicherlich bemerkenswert, daß das kleine, vor wenigen Jahren noch wirtschaftlich überhaupt kaum ernsthaft auftretende Palästina jetzt bereits in Wirtschaftsberichten dieser Art neben Südafrika, den Vereinigten Staaten und Argentinien als Wirtschaft- Ikher Faktor genannt wird. Neue Fabriken In Tel-Awlw und Jerusalem. In Tel-Awiw und Jerusalem werden eine Reihe neuer Fabriken errichtet. Die Galil Company baut in Tel-Awiw eine Fabrik für Zelluloid-Waren. Es ist dies bereits das dritte in letzter Zeit in Tel-Awiw gegründete Unternehmen dieser Art. In Je• rusalem wird demnächst durch einen Neueinwanderer au: Riga eine Fabrik für Süßspeisen eröffnet. Das gesamte Maschineninventar ist bereits eingetroffen. Die englische Gc- Seilschaft Electric Refrigeration and AppUance Cy. wül in Jerusalem die Erzeugung elektrischer Kühlanlagen aufnehfflen.

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