Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 78 (29.9.1933)
- Date
- 1933-09-29
- Page
- Seite 593 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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1933 Nr. 78, 29. IX. 1933 JÜDISCHE RUNDSCHAU Sehe 591 ß aber 1 dcut- ׳!eichen nssiini- »n. Die Juden »in füll- »gehensch wo- I den ein era wie in. kann!utschen 8 Juden ind des nneriß, wie ad raög- Uen dos!n, ein auf hin-;enar t t formal als der r Juden ie £11־ liehe n;eie gt 1er Men- ■lbst hezunächst, und der t finden, i 8 c 11 e 11 ©ser Been heut© man es isbcgriff. aus sich 1 müssen n, d, h. nha 1 te 1 heraus 1t einmal k t atr/.uleut sehen and ■wirtnkt, nach en hätte, eren Uin- :kutschen t nur die teri, auch dafür ge- Transjüdischen «kräftige e u t u n um ein. ttclt den sein und ergangenlibavi des sind. Pa- Zentrum, hingehen, :aktisebes seins vor heute in >en sind, nd selbst ei ein/•.•:• werden, laben Pa• ie festzunationalen eten sind, r 1 e b n i s Israel gibt 1 Heran- ,en -Volke, Der Versöhitungsiag Von Hermann Cohen. In seinem großen nachgelassenen Werk ״Rcligion der Vernunft aus den Quellen des Judentums“ hat Hermann Cohen ein Kapitel dem Versöhnungstag gewidmet. Darin wird die religiöse Bedeutung des Tages und seine einzigartige Rolle innerhalb des jüdischen Lebens mit fener abgeklärten Eindringlichkeit dargestellt, die für Cohens philosophische Gedankenführung charakteristisch ist. Hermann Cohen, selbst ein Kind des Aufhlärungs- und Assimilations-Zeitalters, in seinen politischen Anschauungen häufig erstaunlich kurzsichtig, hat in seinen letzten Lebensfahren eine entschiedene Wendung zum Judentum vorgenommen. Hat er in seinem gesamten philosophischen Werk, in der Erneuerung des Kantischen Idealismus, ein Bekenntnis zu den letzten absoluten Werten abgelegt, so ist sein hier erwähntes Nachlaßwerk, das vor einiger Zeit von der ״Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums“ in zweiter Aufläge (bearbeitet von Bruno Strauß, Verlag Max Marcus, Breslau) herausgegeben wurde, eine Verherrlichung der ewigen Werte des Judentums und damit eines der größten jüdischen Dokumente unseres Zeitalters geworden. Wir glauben gerade in diesem Jahre, u>0 infolge der Erschütterung der Herzen die jüdischen Feste mit einer tieferen Innerlichkeit gefeiert werden, unseren Lesern einen Dienst zu erweisen, wenn wir aus Cohens Kapitel über den Versöhnungstag mit Genehmigung der Herausgeber einige Abschnitte abdrncken. Wir können aus Raummangel nicht das ganze Kapitel wiedergeben und haben einzelne Abschnitte ausgewählt, wobei Kürzungen durch Punkte angezeichnet sind. Red. 1. Dem Problem der Reinigung und Läuterung hat der Polytheismus überall Feste eingerichtet. Sie waren die eigentliehen Opferfeste, die ursprünglichen Kulte. Auch im alten Israel war die Reinigung der Hauptzweck fast aller Feste. Auch das Passahfest dürfte hiervon nicht auszunehmen sein. Nun aber ist es schon bedeutsam, daß der Festgedanke der die Feste von Neujahr bis zum Hüttenfest umspannt, zusammengezogen ־wird auf einen Tag. Während ursprünglich wohl das Hüttenfest den Hauptteil der Reinigung bildete, für welches die beiden anderen Feste nur Riisttage waren, wird allmählich die Gliederung umgekehrt, und für die Reinigung wird ein Tag als der Tag der Versöhnung ausgezeichnet und in die Mitte der ganzen Reihe gestellt, so daß nunmehr das Neujahr nur zum Rüsttag wird und das Hüttenfest als Schlußfest dient... 3. Da nun aber die Schegaga (unwissentliches Vergehen) die Grundbedingung des Opfers wurde, welche sehr charakteristischerweise benutzt wurde für die Hereinziehung des Fremdlings in die Rechtsgemeinschaft mit den Eingcborenen, so ־wurde demgemäß der Höhepunkt der Versöhnungslehre in das ganze Opferritua! eingepflanzt in dem Satze: ״Und es werde verziehen der ganzen Gemeinde der Kinder Israels und dem Fremdling, der weilt unter ihnen; denn dem ganzen Volke gilt Schegaga“ (4. M. 15, 26). Dieser Satz nun wurde zur Devise des Versöhnungstages, wie der Talmud ihn für die Geschichte des Judentums ausgebaut hat. So werden für den Versöhnuiygstag die beiden Haeptglicder der Versöhnung als Anfangs- und Endpunkt festgesetzt: die Schegaga und die Vergebung. Keine Vergebung ohne die erfüllte Voraussetzung der Schegaga. Die frivole Verletzung des Gesetzes schließt die Möglichkeit der Vergebung aus. Aber auch keine Schegaga ohne den Enderfolg der Vergebung. Wie das Vorurteil der Blutschuld durch die Errichtung der Asylstätte bekämpft wurde, so wird es als Unglauben an die Güte Gottes festgestellt, wenn man an der Sündenvergebung zweifeln könnte. Nicht der Asasel ist es, der die Sünden trägt, sondern die Vergebung Gottes wird selbst als Tragen der Sünden bezeichnet. .,Er trägt die Sünde“, er nimmt sie auf sich, er nimmt sie dem ]Menschen ab. So erscheint die Sündenvergebung schlechthin auch als die Konsequenz der Schegaga. fbini eines mer noch sn liest!• wichtigen igen wirt!. K. L. r ie ״Frankpreußische die Franc ng der- I Nicht־ II a h r t ץ sofern die* urch nicht * altuug 111י Gemeinde-■ Ausschluß■ n Nicht־■ zneimittelnji int mi 1ז; die Her•■ eichsgebiet■ n Preußen! ariem b«• 1 ngen «us־| nicht d«fj g genügen■ cliteihgung würde, leker da/'» je 11 lg en er a e u t• die de! 4. Nun bildet aber auch das Sündenbekenntnis den Mittelpunkt in der Liturgie des Versöhnimgstages ... Alle Gebete an jedem Tage werden von dem Siindenbekenntnis durchzogen, wenngleich nur in der allgemeinen Atmosphäre dieses Grundgedankens. 5. Es ist auch ein sehr wertvolles Symptom von der innerlichkeit der Gesinnung, welche die Einrichtung dieses Gebetrituals beseelt hat, daß in diesem Sündenbekenntnis, soweit es spezialisiert wird, nurrein sittlicheVergehungen zwischen Mensch und Mensch ausdrücklich formuliert worden sind. In dieser Auswahl, in dieser Beschränkung auf die rein sittlichen Vergehungen ist eine monotheistische Großtat des Rabbinismus anzuerkennen. Es handelt sich hier nicht etwa um eine beiläufige Sache; denn dieses große Sündenbekenntnis ist ein großes Register mit einer genauen Einzelliste der sittlichen Vergehungen• Und eine Psychologie und eine Pathologie der menschlichen Leidenschaften bekundet sieh hier. Es muß diesen Männern schwer gefallen sein, der rituellen Erwähnung sich zu enthalten; dennoch haben sie es über sich gebracht. Und daß sie dies vermocht haben, ist nicht lediglich ihr eigenes Verdienst und das Ergebnis ihrer ethischen Reife und ihrer inneren Freiheit von den Fesseln, die sie sich zum Teil selbst im Ritualgesetzt angelegt haben: es ist zugleich und zunächst die strenge Konsequenz von der Auffassung der Sünde als Schegaga und '0n dem Vertrauen auf Gott, der, als der Gute, die Sünden des Menschen vergibt... So ist das Sündenbekenntnis in dieser sittlichen Reinheit das ebenbürtige Wahrzeichen des Versöhnungstages mit seiner Devise der Schegaga, welche den Tag einleitet. 6. Auch das Schlußgebet des Tages ist von ebenso einleuch־ fender, als ergreifender Bedeutung. Das Hauptgebet (Schcmonc Esre) des Schlußgebetes (Ncila) kann nicht hoch genug ge- Priesen werden. ״Du gibst die Hand den Frevlern, und Deine Rechte ist ausgestreckt, zu empfangen die Reuigen (Rückkehrenden). Und Du hast uns gelehrt, Ewiger, unser Gott, Bekenntnis abzulegen vor Dir über alle unsere Sünden, auf daß wir zurückhalten vom Raube unsere Hände, und Du uns aufnimmst in vollkommener Buße vor Dir.“ Den Schluß dieses Absatzes bildet das Bekenntnis, welches in das tägliche Morgengebet aufgenommen ist. ״Was sind wir, was ist unser Leben, was unsere Liebe, was unsere Gerechtigkeit, was unsere Tugend, was unsere Kraft, was unser Heldentum? ... Der Vorzug des Menschen vor dem Tiere ist nichtig, denn alles ist eitel.“ Aber es bleibt nicht bei dieser skeptischen Anwandlung, so wenig Kohelet mit ihr abschließt. 7. Der neue Absatz beginnt sogleich mit der Korrektur. ״Du hast abgesondert den Menschen von Anbeginn, und hast ihn anerkannt zu stehen vor Dir.“ So ist der Mensch dennoch vom Tiere unterschieden, und es ist keineswegs alles insgemein eitel, sondern der Mensch ist abgesondert, ist ausgezeichnet, ist anerkannt, vor Gott zu stehen. Dieses Stehen vor Gott ist ja einer der technischen Ausdrücke für den Gottesdienst. Der Mensch steht vorQott. So wird die Selbständigkeit des Mensehen in der Korrelation mit Gott deklariert. In diesem Stehen vor Gott vollzieht das Individuum seine Selbstheiligung. Es ist charakteristisch, daß bei dem Sündenbekenntnis der sonst übliche Ausdruck der Niederwerfung nicht gebraucht wird. Diese und das Kniebeugen mögen angebracht sein bei der Anbetung, dem feierlichen Bekenntnis Gottes. Aber bei dern Bekenntnis des Menschen von seiner Sünde und bei dem damit verbundenen Bekenntnis seines Vertrauens auf den guten Gott für die Sündenvergebung, da gehört nicht die Niederwerfung hin, sondern vielmehr das aufrechte Stehen vor Gott. Sonst wäre ohnehin die Auszeichnung des Menschen vor dem Tiere nicht vollständig. Sie besteht in dein aufrechten Gang, und demgemäß bezeugt sich die Würdigkeit des Menschen für seine Erlösung von der Sünde in dem zwar demütigen, aber auch ebenso aufrechten Stehen vor Gott. ״Am Tage, als du standest vor dem Ewigen, •deinem Gotte, am Horeb“ (5. M. 4, 10). Das ist der Ausdruck für die Situation des Volkes beim Empfange der Offenbarung. Und so ist das Gebet und sein Gipfel, das Siindenbekenntnis und die Bitte um Vergebung, in diesem Stehen vor Gott, in dieser Auszeichnung des Menschen vor dem Tiere die Fortführung der Erwählung, welche die Offenbarung bildet. Und so bekundet sich durchgängig in der rabbinischen Gestaltung des Versöhnungstages die Durchführung des Monotheismus. Es ist daher wohl zu verstehen, daß der Versöhnungstag das Wahrzeichen der gottesdienstlichen Frömmigkeit geworden ist. 8. Dabei ist zu beachten, daß die rabbinischc Ausgestaltung des Versöhnungstages nicht verabsäumt hat, die Versöhnung des Menschen mit Gott abhängig zu machen von der Versöhnung zwischen Mensch und Mensch■ Es ist keine mystische Versöhnung, die etwa den Schleier breitet über alle sittlichen Vergehungen des bürgerlichen Lebens, sondern nur die intimen Menschlichkeiten sollen von dem Dunkel der Angst und der Schwermut befreit werden. ״Der Versöhnungstag versöhnt nur in bezug auf die Vergehungen zwischen Gott und Mensch; diejenigen aber zwischen Mensch und Mensch sühnt der Versöhnungstag nur, bis der Mensch seinen Mitmenschen befriedigt hat.“ Dieses Gesetz steht voran. Und so ist die Versöhnung mit Gott zugleich die Mahnung zur Versöhnung mit den Menschen. fndessen, alle sittlichen Bestrebungen der Menschen bleiben doch mangelhaft, und der einheitliche Charakter des Menschen ist nur das Ideal des Menschen, das daher nur annäherungsweise erreicht werden kann. Es ist der praktische Sinn der Gottes- Verehrung, im Unterschiede von dem Urbilde der Sittlichkeit in Gott die Gebrechlichkeit des Menschen zu erkennen. Aus diesem zentralen Gedanken ist das Institut des Versöhnungstages mir zur monotheistischen Reife gekommen, nicht aber etwa als ein mythischer Vorwand, um die sittlichen Pflichten gegen den Mitmenschen zu erleichtern oder gar zu vereiteln ... 9■ Mit dem Versöhnungstage ist das Neujahrsfest verbunden. Es ist der erste der zehn Bußtage, deren zehnter der Versöhnungstag wird. So werden diese beiden Feste, die als ״die Tage der Ehrfurcht“ bezeichnet wurden, unter dem gemeinsamcti Problem des menschlichen Schicksals verbunden. Sie sind daher die Tage des göttlichen Gerichtes. Es gibt ja kein Schicksal mehr fiir den Monotheismus. Was der Polytheismus V erhängnis und Schicksal nennt, das nennt der Monotheismus Gericht und Erlösung. Kein Gericht bei Gott ohne die Erlösung, als das Ende des Gerichtes. Aber auch keine Erlösung ohne den Vorgang des Gerichtes. Die Verbindüng zwischen Gerechtigkeit und Liebe bei Gott ist das Geheininis seines Wesens. Wir haben nur diese als seine Attribute zu erkennen. Die Einheit dieser Attribute ist das Wesen, ist die Substanz Gottes. Wir würden das Wesen Gottes begreifen können, wenn wir die Verbindung begreifen könnten, welche in der Einheit Gottes zwischen Gerechtigkeit und Liebe sich ewig vollzieht. Man kann daher diese Tage als die Feste dieses Gedankens der Einheit von Liebe und Gerechtigkeit in Gott bezeichnen. Diese Einheit ist die Einheit Gottes. 10. Nun wird an diesen Tagen in unaufhörlichen Wiederholungen das Gericht Gottes angerufen, und auf seine Liebe im Gerichte die Hoffnung aufgepflanzt. Aber die Schrecken des Gericiites werden nicht abgedämpft, sondern die Zerknirschting der Reue und der Buße malt in erschütternden Gleichnissen die Strafen des Gerichtes. Dabei ereignet sieh nun aber in der Liturgie eine Anordnung, die man nicht genug bewundern kann. Die■ Worte der Theophanie, welche die dreizehn Eigenschaften enthalten, werden beinahe nur an diesen Tagen rezitiert; aber an den Worten der Schrift haben die Rabbincn es gewagt, eine Aenderung vorzunehmen. Während nämlich der Schluß dieser Worte nach den Worten: ״er trägt das Vergehen, die Missetat und die Sünde“ lautet: ״und er läßt nicht ungestraft“ (ינקה לא ינקה), hat der Talmud für diese Liturgie das negative Verbum fortgelassen, so daß nunmehr das positive Wort bedeutet: ״und er macht rein“. Diese Aenderung darf man ohne Uebertreibung wohl als eine Tat der tiefsten Frömmigkeit und der innigsten Menschenliebe bezeichnen, die vor keiner Verletzung des Buchstabens an den heiligsten Worten der Offenbarung zurückschrickt. Die Rabbinen sagten sich offenbar, daß des göttlichen Gerichtes und der göttlichen Strafen an diesen Tagen genugsam gedacht wird. Wenn aber das Wesen Gottes in seinen dreizehn Eigenschaften als Inbegriff des Gebetes angerufen wird, so soll nicht als die dreizehnte Eigenschaft das Strafgericht gelten, sondern die letzte Eigenschaft soll sich einheitlich den voraufgehenden anschließen, die alle nur die Liebe spezialisieren: ״Ewiger, Ewiger, Gott, erbarmend und gnädig, langmütig und groß an Liebe und Treue, er bewahrt die Liebe ins tausendste Geschlecht, er trägt das Vergehen, die Missetat und die Sünde, und er macht rein.“ So schließen nunmehr alle Abzweigungen der Liebe darin ab, daß Gott den sündigen Menschen wieder rein und unschuldig macht. Während die Offenbarung die Liebe dennoch mit der Gerechtigkeit beschließt, ändert der Talmud für die Liturgie dieser Tage den heiligen Text, und bringt diese durch diese Aenderung in innerliche UebereinStimmung mit dem Sinn dieser Tage, den die Versöhnung, also das Reinwerden des Menschen bildet. 23. Es ist von ergreifender Bedeutsamkeit, daß in den Gebeten des Versöhnungstages, in denen die Abwehr der schwersten Lebensnöte spezialisiert wird, neben Hungersnot und Pest und ähnlichen Plagen nebst der Sünde besonders genannt wird der grundlose Haß. Dieser Begriff ist überhaupt ein Gcbild der rabbinischen Sitieniehr«. In der biblischen Sprache gibt es den falschen, den trügerischen Haß (Ps. 35, 19 שנאת שקר), aber der nichtige, der mit dem Wort bezeichnet wird, das allgemein ״umsonst“ bedeutet, שנאת חנם, dieser eitle Haß ist das tiefste Wort für die Verwerflichkeit des Hasses. ״Du sollst nicht hassen deinen Bruder in deinem Herzen“ (3. M. 19, 17), Dieser Ausspruch vernichtet den Haß durch die beiden Worte: des Bruders und des Herzens. Wen du hassen willst, der ist vielmehr dein Bruder. Und wie du hassen willst, so mißbrauchst du dein Herz, das zum Lieben da ist. So ist aller Haß grundlos, eitel und nichtig. Es gibt überhaupt keinen Grund und kein Recht nun Menscherhaß. Unter dem Leiden am Menschen steht obenan dieser eitle Menschenhaß, der tragische Grundzug aller bisherigen Weltg e s c 11 i c 111 e. 24. Dieses Leiden im Menschengeschlecht ist vorzugsweise das Leiden Israels. Es ist das alte Thema, das durch alle Propheten, die Psalmen und die ganze nachfolgende Literatur hindurchklingt . . . 30. So wird es verständlich, auch wenn wir nichts wüßten von der symbolischen Lcidcnsgestalt des Messias, daß das Volk Israel, als Bekenner des reinen Monotheismus, zu einem Leidens Volk In der Geschichte geworden ist, Wenn man heute, wie zu allen Zeiten, von der Frage bewegt worden ist, wie das monotheistische Volk sich in allen diesen Vcrfolgungen lebendig erhalten konnte, und wenn man sich mit der Antwort nicht begnügt, daß der historische Grund seiner Erhaltung in den Wahrheiten liegt, welche die jüdische Gemeinde zu erhalten sich auferlegte, so kann man es vielleicht als einen hinlänglichen historischen Grund erkennen, daß es ein Volk des Leidens in seiner ganzen bisherigen Geschichte gewesen i:t. Das Leiden wurde seine Lebenskraft. Was bedeutet alles Erdenglück und alle Macht und Herrlichkeit dieser Welt gegenüber diesem ,nationalen Vorzug, der in seinem Glauben wurzelt? Israel ist das historische Volk des Leidens, des Leidens für seinen einzigen Gott. Auch das Leiden hat ihm Einzigkeit verliehen. Andere Völker haben zwar auch gelitten in ihrem Dasein, aber ihr Leiden fiel zusammen mit ihrem Untergang. Solange sie gegenwärtig waren auf der Weltbühne, hat das Leiden bei ihnen reichlich abgewechselt mit dem Glanz und der Macht der Lebensfreuden. Ihr Leiden begann erst typisch zu werden mit ihrem nationalen Untergang. Es besteht eigentlich daher nur im Horizont der Geschichte. Israel dagegen hat seine eigentliche Laufbahn erst da begcmnen, als es mit allen nationalen Schätzen dieser Welt gebrochen und ein neues Dasein, eine ganz neue Art von Dasein in der W'cltmission angetreten hat. Sein sonstiges Leiden gehört in die Gesamtrechnung aller politischen Völker. Seine Märtyrerlaufbahn beginnt mit seiner Weltmission. So ist das Leiden Israels kein tragisches Motiv im Sinne des nationalen Partikularismus, und in keiner ästhetischen Deuhing kann es daher zur richtigen Erklärung gebracht werden. Das Leiden ist der Charakterzug der Religion, und die Aufgäbe des Monotheismus ist es, welche durch dieses Leiden der Bekenner des jüdischen Monotheismus symbolisch ausgedrückt ist. Der Monotheismus sollte Selbsthcwußfsein werden in seinen Bckenneni. Daher mußten diese, wie vor dem irdischen Richter, die Strafe, das Leiden erkennen und anerkennen lernen als die göttliche Fügung zu ihrer Sclbstheiligung, zu ihrer Erziehung und Reifung /um Ich für die Korrelation mit Gott. Die Versöhnung mit Gott ist es, welche symbolisch ausgedrückt ist in dem Leiden Israels. Das Leiden Israels in seiner Geschichte ist sein ״langer Tag-, wie der deutsche Volksmund den Versöhnungstag nennt. 31. Das Leiden ist die Vorbedingung der Erlösung. Diese aber ist die Befreiung von allen Schlacken der empirischen Menscheiizeit und der Aufstieg zu dem idealer! Moment, in welchem der Mensch zum Selbst wird. Wir werden diese Vollendung des Menschen in der messianischen Menschheit, und in ihr die Vollendung der Erlösung später zu betrachten haben. Jetzt, da wir an der Geschichte Israels das typische Leiden des Menschen uns gedeutet haben, darf nun auch an diesem Beispiel die Erlösung der Menschheit erspäht werden. Es kann nicht an ihr fehlen, denn das Leiden ist immer nur Vorspiel, auch wenn es Jahrtausende dauert. Durchaus liegt es im Begriffe des Monotheismus, daß die Erlösung Israels nicht abgetrennt von der aller Menschen und aller Völker gedacht werden kann. Aber die Erlösung gilt uns ja nur als ein Moment, das daher nicht nur als Schlußglied in der Entwicklung des Menschengeschlechts seine Bedeutung zu haben braucht, sondern diese auch völlig schon in jedem Momente der geschichtlichen Entwicklung in Vollzug bringt. So können wir auch in der gesamten Geschichte Israels die ununterbrochene Verbindung erkennen, die zwischen dem Leiden und der Erlösung besteht. Die Erlösung braucht gar nicht hinausgeschoben zu werden auf das Ende der Tage, sondern sie haftet schon an jedem Momente des Leidens und sie bildet an jedem Momente des Leidens einen Moment der Erlösung. So verliert die Geschichte Israels ihr Dunkel. So hört sie auf, ein Rätsel zu sein im Bildersaal der Völker. Das Leiden vollführt und vollbringt Israels Selbstcrhaltung. Denn ■dieses! Leiden ist kein asketisches der Mystik, das sein Genügen in sich selbst hat, sondern es wurde erkannt und ertragen als eine Prüfung, in der die Bekenner des Monotheismus sich läutern und sich stählen sollten für den großen Beruf, der ihnen in ihrem einzigen Gotte beschieder, ward. Das Leiden bildet keinen Widerspruch gegen ihren Fortbestand, sondern vielmehr dessen wirksamsten Grund. Ohne Leiden keine Erlösung. Ohne Selbstheiligung, und zwar auch im Leiden, keinen Aufstieg zur wahren Freiheit des Menschentums. Vom Leide aber gibt es Befreiung, wenn im einzigen Gotte der Zielpunkt gesetzt wird für die Sclbstheiligung. Der Versöhnungstag ist das Symbol für die Erlösung der Menschheit.