Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 75-76 (20.9.1933)
- Date
- 1933-09-20
- Page
- Seite 571 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 569 Nr. 75/76, 20. IX. 1933 Einen allgemeinen Ueberblick über die Formation der Juden im römischen Reich gibt Mommserf im ersten Kapitel, in welchem neben der römischen und griechischen Kultur als dritte Nationalität die Juden genannt sind. ״Das merkwürdig nachgiebige zähe Volk, das in der alten wie In der heutigen Welt überall und nirgends heimisch und überall und nirgends mächtig ist/‘ Mommsen schreibt dabei ü. a. folgendes: ״Dies Judentum, obwohl nicht der erfreulichste Zug in dem nirgends erfreulichen Bilde der damaligen Völkermcngütig, war nichtsdestoweniger ein im natürlichen Verlauf der Dinge sich entwickelndes geschichtliches Moment, das der Staatsmann weder sich ableugnen noch bekämpfen durfte und dem Cäsar -vielmehr, eben wie sein Vorgänger Alexander, in richtiger Erkenntnis der Verhältnisse möglichst Vorschub tat. Wenn Alexander, der Stifter des alexandrinischcn Judentums, damit nicht viel weniger für die Nation tat wie Ihr eigener David durch den Tempelhau von Jerusalem, so förderte aucli Cäsar die Juden in Alexandria wie in Rom durch besondere Begütistigur.^cn und Vorrechte und schützte namentlich ihren eigentümlichen Kult gegen die römischen wie gegen die griechischen Lokalpiaffen. Die beiden grollen Männer dachten natürlich nicht daran, der hellenischen oder italisch-hellenischen Nationalität die jüdische ebenbürtig zur Seite zu stellen. Aber der Jude, der nicht ■wie der Okzidentale die Pandoragabe politischer Organisation empfangen hat und gegen den Staat sich wesentlich gleichgültig verhält; der ferner ebenso schwer den Kern seiner nationalen Eigentümlichkeit aufgibt als bereitwillig denselben mit jeder heliebigen Nationalität umhüllt und bis zu einem gewissen Grad der fremden Volkstümlichkeit sich anschmiegt — der *Jude war eben darum wie geschaffen für einen Staat, welcher auf den Trümmern von hundert lebendigen Politien erbaut unci mit einer gewissermaßen abstrakten und von vornherein verschlafenen Nationalität ausgestattet werden sollte. Auch in der alten Weit war das Judentum ein wirksames Ferment des Kosmopolitismns und der nationalen Dekompositiön und in• sofern ein vorzugsweise berechtigtes Mitglied in dem Cäsa■* rischen Staate, dessen Politik doch eigentlich nichts als Weltbürgertum, dessen Volkstümlichkeit im Grunde nichts als Humanität war.“ Die geschichtliche Darstellung des Judentums bei Momrnsen ist aber nicht als eine Stellungnahme zur aktuelle« Judenfrage zu werten. Ihm handelte es sieb um geschichtliche Wissenschaft lind er selbst sagte, daß sein Buch ״Anspruch erhebt, den Judenschmeichlern ebenso zu mißfallen wie den Judenhassern“. Zur deutschen Juden frage hat Momrnsen bekanntlich später Stellung genommen, und zwar 1880 in dem Aufsatz ״Auch ein Wort über unser Judentum“ (enthalten in den Reden und Aufsätzen Berlin 1905). Diese Schrift wendet sich gegen Heinrich von Treitschkc und gegen den Antisemiten-Führer Adolf Stöcker. In diesem Aufsatz bekämpft Moinmsen mit großer Entschiedenheit den Antisemitismus. Er kommt dabei auch auf seine Darstellung in der römischen Geschichte zu sprechen und schreibt: ״Ohne Zweifel sind die Juden wie einst im römischen Staat ein Element der nationalen Dekomposition, so in Deutschland ein Element der Dekomposition der Stämme, und darauf beruht es auch, daß in der deutschen Hauptstadt, wo diese Stämme faktisch sich stärker mischen als irgendwo sonst, die Juden eine Stellung einnehmen, die man anderswo ihnen beneidet.“ Und zur Bewertung dieses Prozesses fügt Mommsen hinzu: ״Ein gewisses Abschleifen der Stämme aneinander, die Herstellung einer deutschen Nationalität, welche keiner bestimmten Landsmannschaft entspricht, ist durch die Verhältnisse unbedingt geboten und die großen-Städte, •Berlin voran, deren natürliche Träger. Daß die Juden in dieser Richtung seit Generationen wirksam eingreifen, halte ich keineswegs für ein Unglück und bin überhaupt der Ansicht, daß die Vorsehung weit besser als Herr Stöcker begriffen hat, warum dem germanischen Metall für seine Ausgestaltung einige Prozent Israel beizusetzen waren.“ Im übrigen ist dieser überaus interessante Aufsatz von Mommsen, unter dem Gesichtspunkt der heutigen Lage gesehen, nicht voll befriedigend. Denn der Gelehrte, der um die Eigenart der Juden wußte, redet dennoch einer Assimiiation das Wort, die in bezug auf das Verhältnis der Juden zu den Deutschen und ihrer Stellung zum Deutschtum Verwirrung stiften mußte. Aus einer richtigen Erkenntnis der Sachlage kommt Mommsen zu einem zwar edel gemeinten, aber in Anbetracht der realen Gegebenheiten nicht ganz richtigen, der liberalen Auffassung entsprechenden Lösungsvorschlag. Gerade aus seinen Voraussetzungen hieraus wäre es möglich gewesen, schon damals auch die praktische Judenfrage in ihrem Kern zu erfassen. Auch der hier angezeigte Band erhält einen besonderen Wert durch die reiche Bilderausstattung. So sind z. B. auf Bildtafeln die Köpfe aller römischen Cäsaren wiedergegeben. (Preis pro Band 4,80 M.) kommen unmöglich, zu arbeiten. Ja, wie stand es denn mit der juristischen Seite? Gewiß: ein Christ konnte nicht Kaddisch sagen! Blieb er aber nicht trotzdem der letzte männliehe Nachkomme? Vielleicht hatte die schlaue Alte nur hinter dieser verdammten Klausel das Mißtrauen gegen die Glaubenstreue der jungen Generation mit strafender Tücke maskiert! — Ach, dagegen gabs doch Mittel! Konnte man diese äußerliche Konvention eines Glaubensmäntcldiens so wie man es abgestreift hatte, nicht wieder anlegen? Eyn riet eine Stenotypistin und trug ihr auf, durch tele- |Jho:1ische Rundfrage in allen Hotels, auch dritten und sechsten Ranges, festzustellen, wo Rabbiner Outtmann Fink! aus buplje in Polen abgestiegen sei. ♦ Es wurde eine merkwürdige Szene. Dr. Eyn fand den Alten in seinem Hotelzimmer nicht allein. Das Mädchen hei ihm war wohl die junge Waise, die nun allein die Erbin War. Finkl unterbrach Eyn hei den ersten Worten; er war sehr erregt. Mit noch hastiger, sich überstürzender Zunge und verscTiluckten Kehllauten und beschwörenden Handbcwegungen legte er dar, er sei schon beim Advokaten gewesen und habe sich über die Rechtslage unterrichtet. Herr Dr. Eyn könne ja einen Prozeß anstrengen, wen« er wolle, aber es sei aussichtslos. Wenn der Herr Doktor nur um der Testamentsbestimmmig zu genügen, zum Glauben der Väter zurückkehre, werde die unmißverständliche Absicht der Erblasserin durch solche Komödie aufs gröblichste verhöhnt und umgangen. Im übrigen dauere die Vorbereitung solcher Wieacraufnahmc lang, das Studium der Gesetze und Gebote, Er würde wohl kaum eine Prüfung aus diesem Stoff bestehen. So habe also Esther derzeit allein berechtigte Erbansprüche und sie seien auch bereits angemeldet. Sie erfülle alle Bedingungen, die für den Fall genannt seien, daß nur weißliehe Nachkommen vorhanden wären. Fink! war es offenbar zu peinlich, noch länger mit dem Jungen Menschen zu streiten, der immer wieder zu Einwänden ansetzte. Es sei die Zeit seines Gebets, sagte er, und ging ins Nebenzimmer. Eyn befrachtete das Mädchen, das stumm dabeistand, im begriffe, eint Reisetasche zu packen, Es war. ein .einfaches. \ JÜDISCHE RUNDSCHAU ״Positive Ironie" Z11 einer Erz&hlung Franz Kafkas Von Dr. Werner Kraft Nur wer die Erzählung Franz Kafkas: ״Der neue Advokat“*) nicht versteht, könnte sich mit der grotesken Vision zufrieden geben, mit der sie zu beginnen scheint. ״Wir habot» einen neuen Advokaten, den Dr. Bucephalus. In seinem Aeußeren erinnert wenig an die Zeit, da er noch Streitroß Alexanders von Mazedonien war.“ Im Vordergrund steht also dasjenige Gesicht des Advokaten, das er heute hat; seine mythische Vorzeit ist verborgen. ״Wer mit den Umständen vertraut ist, bemerkt einiges.“ Schon dieser Satz deutet darauf hin, daß es hier um den Versuch geht, zu erkennen. Die bloße Wahrnehmung des grotesken Anscheins wird den kleinen Leuten überlassen, zu denen auch der durchschnittliehe Leser zählen könnte: ״Doch sah ich letzthin auf der Freitreppe selbst einen ganz einfältigen Gerichtsdiener mit dem Fachblick des kleinen Stammgastes der Wettrennen den Advokaten bestaunen, als dieser, hoch die Schenkel hebend, mit auf dem Marmor aufklingcndcm Schritt von Stufe zu Stufe stieg.“ Wenn Bucephalus in die Sphäre: des Rechts eintritt, so muß es zu einer Auseinandersetzung zwischen beiden kommen. Sie Ist das Thema des Folgenden, das durch den Satz eingeleitet wird: ״Im allgemeinen billigt das Barreau die Aufnahme des Bucephalus.“ Dann heißt es weiter: ״Mit erstaunlicher Einsicht sagt man sich, daß Bucephaius bei der heutigen Gesellschaftsordnung in einer schwicrigen Lage ist und daß er deshalb, sowie auch wegen seiner weitgeschichtlichen Bedeutung, jedenfalls Entgegenkommen verdient.“ Aus diesem Satz ist also zu entnehmen, daß die Oesellschaftsordnung heute anders ist als früher, daß die ״weitgeschichtliche Bedeutung“ zwar ein Grund zu Respekt ist, aber doch schließlich nicht mehr als ״jedenfalls Entgegenkommen“ erreichen kann, d. i. eine äußerst vorsichtige Form der Zustimmung. Die Fassung dieses Satzes ist ironisch; diese Ironie ist nicht negativ, sondern, wie immer bei Kafka, positiv. Positive Ironie ist überall dort bei Kafka vorhanden, wo aus einer verborgenen Position Aussagen! entspringen, die uns als negativ ironisch erscheinen, weil wir nicht sehen, dal! diese Position in einem mystischeni Sinne ״anders“, d. 11. verhüllt, ist. Bei aller Interpretation Kafkas geht es um nichts, anderes, als diesen ״anderen“ Sinn der sprachlichen Aussage zu enthüllen. — Bucephalus ist es, der in die Gesellschaftsordnung eindringt; sie aber bestimmt aus ihrem festen Bestand seinen Anspruch und begrenzt ihn. Sie sieht sein Positives, denn sie weiß: ״Heute — das kann niemand leugnen — gibt es keinen großen Alexander. Zu morden verstehen Z.war manche; auch an der Ge- Schicklichkeit, mit der Lanze über den Bankeltisch hinweg den Freund zu treffen, fehlt es nicht; und vielen ist Mazedonien zu eng, so datl sie Philipp, den Vater, verfluchen — aber niemand, niemand kann nach Indien führen.“ Der erste Teil des Satzes ist ironisch. Die Ironie liegt nicht darin worin sie zu liegen scheint — daß an dem Maßstab des Damals das Heute verworfen sei —, sondern sie liegt vielmehr darin, daß jener Mafistab selber, wenn nicht verworfen, so doch aus dem Zwang der Tatsachen abgelehnt wird. Das große Ziel aber des mythischen Menschen ist ausgesprochen: Indien — wohin niemand zu führen vermag. Es folgt der erstaunliche Satz: ״Schon damals waren Indiens Tore unerreichbar“, — kann das anderes bedeuten, als daß das Ziel des Mythos seinen Möglichkeiten schon damals unangemessen war, also es immer ist? — ״Aber ihre Richtung war durch das Königsschwert bezeichnet.“ Schwert und Richtung waren .jdcntls?b, und si£ schufen flas^Ziel, dem sich wenigstens zustreben ließ, wenn cs auch "״unerreichbar“ war. ״Heute sind die Tore ganz anderswohin und weiter und höher vertragen“: — ein dunkler Satz, der Ziele anzudeuten scheint, die jenseits der Identität von Schwert und Richtung vorhanden und erreichbar wären, wenn nicht das ״vertragen“ auf Irren und Verwirrung deutete. Denn ״niemand zeigt die Richtung; viele halten Schwerter, aber nur, um mit ihnen zu fuchteln; und der Blick, der ihnen folgen will, verwirrt sich.“ Nirgendwo in der Literatur gibt es eine so gewaltige, so durchschlagende Kritik des Mythos in seinem ganzen Umfang wie hier: in der stillsten bescheidensten Aeußerung. Es geht hier nicht um Opposition, die immer notwendigerweise, wenn auch im geheimen, auf gleichem Boden mit der Macht steht, die sie bekämpft, hier geht es um Erkenntnis. Das Toben aller Kriege der neueren Geschichte reduziert aut fuchtelnde Schwerter, die man gewähren lassen muß, wenn man den Blick rein erhalten will, der nur ״verwirrt“ etwas von diesen aussagen könnte — die Analogie der Art, wie Gott die Weit ansehen könnte, dessen Blick sich ja nicht verwirren ließe, liegt nahe. Der menschliche Beobachter aber leitet in unverbrüchlicher Bescheidenheit seinen Hymnus auf die Gerechfigkeit durch ein ״vielleicht“ ein. ״Vielleicht ist es deshalb wirklich das Beste, sich, wie es Bucephalus getan hat, in die *) Aus Franz Kafka: Ein Landarzt. Woiff, München, 191'). schüchternes Geschöpf, sehr sanft und wohl nicht weniger dumm: ein Dorfpflänzehen. Aber wenn sie nicht in diesem unmöglichen Feststaat aus Suplje stecken würde — Eyn sah sie im Geist in großer Toilette —, dann würde ihre gutgewachsene Gestalt und ihr zartgeschnittenes Gesicht gar nicht übel wirken. Er bot sich an, ihr beim Packen behilflich zu sein. Sie wehrte, ohne aufzusehen, errötend ab; er würde sie nur behindern... ״Es ist mir ein unbekanntes, aber gar nicht unangenehmes Gefühl, eine Cousine zu haben“, meinte er lächelnd. — Hatte der Alte sie nicht vielleicht auch mitgebracht, um dem Waisenkind mit dein plötzlichen Reichtum hier den rechten Mann, vielleicht in dem Sohn des einstigen Jugendfreundes zu finden? Ein gewisses Opfer blieb es ja trotz allem. Man müßte sie für die große Gesellschaft erst erziehen. In seiner jetzigen Lage dürfte das freilich nicht weiter in die Wagschaie fallen. Dr. Eyn wußte sehr wohl: er war das, was man einen hübschen Menschen nennt. Und er verstand sich darauf, Menschen für sich cinzunchmen, wenn es ihm wichtig war. Er fragte sie, wie ihr Wien gefallen habe. Sie habe in der kurzen Zeit gewiß zu wenig gesehen. Da müsse man einen richtigen Kenner zum Führer haben. Ihm, Eyn, würde es ein Vergnügen sein. Sie solle noch nicht wegfahren! Würde sie nicht ständig lieber in einer solchen Stadt als in Suplje leben? Sie hatte eine sehr einfache, feste Art, unfreundlich zu sein. Oder war es Befangenheit? Er trat hinzu, ihr die Tasche aus der Hand zu nehmen, die sie in die Ecke stellen wollte. Ihre Hand wich vor seiner Berührung wie erschreckt zurück. War es ländliche Auffassung der Keuschheit? ״Vielleicht schon verlobt?“ fragte er. Aber nun sah sie ihm offen mit Belustigung und Aerger ins Gesicht: ״Ist das wirklich der einzige Grund, den Sie sich vorstellen können?“ Er ließ nichts von Empörung und Wut, Ja nicht einmal von schlechter Laune merken. Er lächelte nur spöttisch überlegen, ein wenig nachsichtig und nickte leicht und stumm zum Abschied. Aber draußen auf dem Gang hätte er bald den armen Kellner mit dem großen Tablett voll Geschirr die Treppe hinabgestoßen; so stürzte er davon. Gesetzbücher zu versenken.“ Das Wort ״Gerechtigkeit“ gebraucht er selbst nicht; es ist schon zu groß. Der Erklärer, der vergrößern muß, um verstehen zu machen, hat es leichter; seine Verantwortung ist geringer. ״Frei, unbedrückt die Seiten von den Lenden des Reiters, bei stiller Lampe, fern dem Getöse der Alexanderschlacht liest und wendet er die Blätter unserer alten Bücher.“ Welch ein Gedicht ist dieser Satz! Und wie wird im Medium solchen Bildes der Sinn deutlich: doppelt und identisch! Der Reiter in der Alexanderschlacht, das ist der mythische Heros, der schon damals nicht nach Indien führen konnte, aber wenigstens im Schwert die Richtung hatte. Bucephalus, solchen Reiters ledig und solchen Getöses, steht lesend in der neuen Weltzeit: derder Gerechtigkeit. Kein zeitliches Unrecht kann ihr etwas anhaben. Es geht um andere Maße. Reinhardt und Hofmannsthal Der ״Völkische Beobachter“ vom II. September wendet sicli gegen einen Artikel des ,.Berliner Tageblatt“ zu Max Reinhardts 60. Geburtstag. Bei dieser Gelegenheit werden Ausführungen gemacht, die sehr deutlich die Wandlung beleuchten, die sich in (1er Einschätzung der jüdischen Mitwirkung im deutschen Kunst- und Literatu rieben vollzogen hat. Da dies für jüdische Leser sehr aufschlußreich ist, geben wir den ersten Teil der Darlegung des ״Volk. BcobachteF‘ hier wieder. Der ״V. B.“ schreibt (unter dem Titel ״,Genie‘ von gestern“): ״Weil der Weg Max Reinhardts, den wir Nationalso/i.1listen übrigens lieber bei seinem echten Namen Goldmann zu nennen pflegen, auch der Weg des Berliner Theaters i!1 den letzten Jahrzehnten gewesen sei, fühlte sich das ,Berliner Tageblatt‘ veranlaßt, dieses Theatergewaltigen von gestern anläßlich seines 60. Geburtstages zu gedenken. Ganz, gewiß wäre dagegen nichts «inzitwenden, wenn es von der Warte der allgemeinen deutschen Gcsinnuiigsweiide ans gesehchen wäre. Leider aber ließ der Verfasser des fraglichen Artikels in dieser Hinsicht alles und jedes vermissen, wo'ür er freilieh als mildernden Umslami dürfte anfuhren können, daß ihm zu solchen Unterfangen die Voraussetzungen fehlten. Wir sind nun aber der Meinung, daß diese Tai-ache in unscrcr Zeit als Entschuldigung nicht mehr gelten kann. Und so sehen wir uns denn veranlaß!, diesen Rückfall des ,Berliner Tageblatts' in frühere Passionen mit allem Nachdruck als eine Entgleisung sondergleichen zurück/mvosen. Anders nämlich kann man es nicht bezeichnen, wenn heult־ noch versucht wird, Herrn Reinhardt als das Genie schlechthin dem deutschen Volke aufreden zu wollen. Das lmglaiiMichstc dabei ist, daß man allen Ernstes versucht, Goklmmm z.11 einem ,Genie der Dramaturgie‘ zu stempeln. Den Beweis hierfür anzutreten unterläßt der Lobhudler des ,1 . I .׳ allerdings, von dem ganz dürftigen Hinweis abgesehen, daß Max Reinhardt sicli für Hugo von H o f 111 .ר n n s t h a 1 eingesetzt habe. Mag sein, daß dieses Faktum noch manch einem unter den durch die frühere Literaturpoliiilc des ,Berliner Tageblatts‘ urteilslos gewordenen Lesern imponiert — wir können darüber nur lächeln! Denn keineswegs ist Hugo von Hofmannstlia! die bedeutendste dichterische Persönlichkeit der Vorkriegszeit gewesen, wenn es auch, wie man sieht, Leute gibt, die das noch heute schlankweg zu behaupten Wägern Ganz im Gegenteil stellt für den mit den neuen Erkenntnissen der Rassenwissenschaft vertrauten Kritiker fest, dal) sielt gerade an Hand des Schaffens von Uofmannsthal die Tragik des mischrassigen Menschen, dem wahres Schöpfertum versagt ist, nacliweisen ließe. Man kann scltr wohlwollend und ruhig das artistische Können und darüber hinaus sogar eine gewisse seelische Gepflegtheit Hofmannsthais anerkennett, ja, man soll es! Aber über das im letzten Unfruchtbare dieser literarischen Erscheinung darf das nimmermehr hinwegtäuschen! Bezeichnend ist und bleibt für Mofmannsthal, daß er mit dem typischen Merkmal halbjüdischer Naturen ausgestattet war: Groß in kleinen und klein in großen Gefühlen zu sein. Infolgedessen bot er kaum je mehr denn Dichtung aus zweiter Hand. Mit verblüffender Aitpassungsfähigkeit wertete er große Vorbilder aus, spanische ebenso wie altenglische, antike wie ■östeireichische. Und nur zu gern dichtete er dort weiter, wo anders Geartete mit futem Grund und tiefen Ernst aufgehört hatten. So kann es keineswegs einleuchten, wieso die Pflege Hofmannsthalscher Werke eine besonders anzuerkennende Tat Goldmanns gewesen sein soll.“ . Freie Jüdische Volkshochschule Berlin. Im Rahmen der Freien Jüdischen Volkshochschule spricht Herr Dr. Emil Bernhard- Cohn über das Thema ״Jüdische Legenden“. Die biblische Legende von der Größe (zürn Neujahrsfest) — die rabbinische Legende vom Leiden (zum Versöhnung?- fest) — die chassidische Leg-ende von der Fröhlichkeit (zum Laubhüttenfest). Die Vorlesung umfaßt drei Abende, Montag von 8—9.30 Uhr in der Syn. rasanenstr., Beg. 25. Septemoer. Vom ungehobenen Schatze der jüdischen Volksdichtung. (Jakob M e i t i i s, Das M ג a s s e - B u c h. Seine Entstehung und Quellengcschichtc, Buchhandlung R. Maas, Berlin.) Seit Steinschneider und Gaster, die Väter der jüdischen Volkskunde, sich mit wahrer Entdeckerfreude eien verborgenen Schätzen der jüdischen Volksliteratur zuwandten, hat man von allen Seiten auf Sinn und Bedeutung in diesem weithin unbekannten Erbe unserer Väter und besonders unserer Mütter hingewiesen — freilich mit dem Erfolge, daß es heute fast ebenso unbekannt ist wie zuvor. Gaster unternahm schon vor Jahrzehnten eine englische Ucbersetzung des Maasse-Buches, die allerdings immer noch nicht im Druck erschienen ist: in Deutschland versuchte Bertha Pappenheim, die Fülle der ,,Allerlei Geschichten“ mit fast wortgetreuer Gewissenhaftigkeit in neuhochdeutsche Schriftzeichen zu übertragen. (1929, j. Kauftmann, Frankfurt a. M.). — Nun hat ein junger Forscher, Jakob M e i 11 i s, nach umfangreichen Studien besonders in den Bibliotheken von Paris, London und Oxford, eine sehr kennenswerte Arbeit über das alte Buch veröffentlicht. Freilieh erhebt auch sie nicht den Anspruch, die vielfachen Probiente dieses Buches abschließend zu ergründen; aber sie faßt nicht nur, wie der bescheidene Verfasser int seiner Einleitung bemerkt, die fragmentarischen und verstreuten neueren Forschungen zum ersten Male zusammen, sondern sie gewinnt auch manch aufschlußreiches neues Ergebnis wie die Entstehung des Buches und zeichnet mit Geschmack und Kenntnissen die große Entwicklungslinie, die diese Sammlung von alten Agadoth zurücklcgte, ehe sie in ihrer jetzigen Gestalt zum Lichte trat. Das Maasse-Buch bezeichnet ja nicht etwa eine Episode, sondern geradezu eine Epoche in der Geschichte des altjiddischen Schrifttums. Seit dem letzten großen jiddischen Spielmann Elia Bachur, hatte sich jene Wandlung vollzogen, die sich nun im Maasse-Buch vollendete, die Wandlung vom Epos zum Volksbuch, vom ritterlich-mittelalterlichen Gedankenkreise zu der lebendigen Alltagspoesie des Bürgertums. Meitlis Untersuchungen über Entstehinigszeit, Verfasserfrage und Handschriften des Maasse-Buches sind von nachahmenswerter Gründlichkeit und Umsicht, wie es ihm auch einer der besten Kenner des Stoffes der Chacham Dr. M. Gaster in London, in einem inhaltsreichen Vorwort, das sein Buch einkitet! bestätigt. «-bä—>