Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1933-09-20 · Heft 75-76 (20.9.1933) · p. Seite 570

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 75-76 (20.9.1933)
Date
1933-09-20
Page
Seite 570 (sequence 26)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2651273-2653725-2653801--24127-2687060
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

16 entity mentions

Seite 568 jüdische Rundschau Nr. 75/76. 20. IX. 1933 Die Intimität im Judenwitz Der jüdische Witz ist schon häufig die Quelle mehr oder minder scharfsinniger Untersuchungen gewesen. Und wirklich reizt ja auch diese Art menschlicher Aeußerung, in der so viel LnlerbewulHes sich offenbart, in der jüdischen Abart und ihrer unverkennbar volkhaft betonten Note besonders zur Betrachtung, hin Witz ist ja nicht etwas Freischwebendes an sich, er ist ein Spiel des Geistes, aber eben eines bestimmten, aus hundert Bindungen entbundenen Geistes. Es gibt keinen internationalen Witz und kein internationales Verstehen von Witzen. Nur ein mehr «der minder großes. Das am größten beim sexuellen Witz ist, in dem sieh auch schließlich der allgemeinste Vorgang spiegelt. Und doch schon hier: welche Fülle volkhafter Abarten in Nuance und Ton. In seinem neuesten Werk ״N a c h d e n k l i c h e Heiterkeif* (Internationaler psychoanalytischer Verlag, Wien) widmet der durch viele Veröffentlichungen bekannte I’sychologe und Analytiker Theodor Reik ein Kapitel dem Judenwitz. Reik fußt zuin Teil auf den Ausführungen Freuds in dessen ״Lust und Leid im Witz״, führt aber weiter darüber hinaus, wenngleich auch er das ungeheure Thenia nur anreißt. Im allgemeinen ist man der Ansicht, daß die Hauptfundamente des Judenwitzes Selbstkritik und Abwehr durch Verspottu 11 g sind. Reik weist aber vor allem auf ein, auch diesen beiden Faktoren zugrunde liegendes, gemeinsames Gefühl hin: die Intimität, Er geht dabei von einem sehr wichtigen, seinerzeit auch von Freud angeführten Witz folgenden inhalts ans: ,,Ein gaiizischcr Jude fährt in der Eisenbahn und hat es sich recht bequem gemacht, den Rock aufgeknöpft und die Füße aut die Bank gelegt. Da steigt ein modern gekleideter Herr ein. Sofort nimmt -uh .lcr Jude zusammen, setzt sich in bescheidenere I,o-.it 11 r. Der Fremde blättert in einem Buch, reell net, besinnt sich und richtet plötzlich an den Juden die Frage: ״Ach bitte schon, wann haben wir Jom Kippur?!“' — ״Aesoi“, sagt der Jude und legt die Füße wieder auf die Bank, che er Antwort gibt. in Freuds Untersuchung dieses Witzes findet sich die Bemerkurig, ״daß dieser Witz die demokratische Denkungsart der Jinten schildere, die keinen Unterschied von Herren und Knechten anerkenne, leider aber auch Disziplin und Zusarnmen wirken störe.“ Diese Auffassung, an sieh richtirr tun! durch die dem Sozialen übergeordnete i in heit des Religiösen begründet, scheint liier gar nicht 3m Platze. Viel eher die Auffassung Reiks, die der in einem Gespräch in Schnitzlers Roman ״I>er Weg ins Freie'׳ gefunden hat. Sie geht dahin, daß in dem Witz die Wahrheit ausgedrückt sei, daß ein Jude vor dem anderen nie wirklichen Respekt hätte. ״So wenig wie Gefangene in Feindeslarul voreinander wirklichen Respekt haben, besonders hoffnungslose.“ (Wobei eirraischalten ist, daß Respekt mit Anerkennung nicht gleichzusctzcn ist. Das Sprichwort vom Propheten, der in seinem Vaterlande nichts gilt, ist gemeinhin beim jüdischen Volk, allerdings vielleicht aus seinem Exil- Dasein heraus, nicht gültig.) Gefangene In Feindesland — wenn sie voreinander den Respekt verlieren, haben sie die Haltung verloren. Noch in einer anderen Gemeinschaft verliert man leicht die Haitung: in der Familie. Die Intimität des Judeswitzes zieht ihre positiven und negativen Bestandteile aus dem rur großen Familie degradierten Volk. Der jüdische Witz ist wirklich ein Witz, er hat wirklich dieselbe Wurzel wie das altdeutsche Wtzrf und das englische Wit (= Wissen). Er weiß um die Welt und die Dinge und ordnet sich ihnen unter. Er ist nicht sarkastisch, er •zerfleischt“ nicht. Da, wo der bekannteste Jude der Welt-Uteratur in einem Höllenausbruch von Sarkasmus deliriert, ist dieser Jude, Shylock, von einem Nichtjuden gestaltet Irst Gegental, der jüdische Witz hebt sich meist nicht hs Höhen und Tiefen. Er bleibt auf der Ebene der Weit, ja in ihm ist das Bestreben, die * *Gleichheit des Irdischen herzu stellen und zu betonen. Reik zeigt auch (und weist es vorzüglich nach), daß die manchmal im Juden witz zum Ausbruch kommende Frechheit mehr eine Art Versuch ist, den Andern dem eigenen Ich anzug!eichen, als daß sie eine Verletzung des Partners zum Ziele hat. Noch im grimmigsten Angriff liegt versteckt eine gewisse Zärtlichkeit verborgen. Ein besonderes Kapitel sind freilich jene Judenwitze, die Reik kaum streift, schon deshalb, weil ihre Behandlung sicher ein ganzes Buch erfordern würde. F.s sind jene Witze, die jeder selbstbewußte Jude tödlich gehaßt bat, und die namentlich in eben letzten Jahrzehnten einem charakterlich vermanschten Großstadt-Publikum von einer gewissen Sorte Conferenciers überall vor״vwt/.t wurden. Hier war nur nackte Frechheit, die geradezu Strafe provozierte. Kadi psvehoanalytischer Methode müßte darin ״der Ausdruck eines unbewuBten Straibedürfnisses zu finden sein, das sich auf die zugrunde liegenden feindseligen und angriffslustigen Impulse bezöge''. Wer rin bißchen dies weiter denkt, gelangt von selbst zu den Abgründen jüdischen Schicksals. Den Schluß der Reikschen Abhandlung bildet ein Hinweis aut jene Intimität des Judenwitzes, die auf eine sublime Höhe lächelnder Menschenbetrachtung ragt, Reik erzählt jene Anekdote, die man als den unsterblichen jüdischen Witz bezeichnen könnte. Es ist dies die Geschichte von dem Juden, der bei Kriegsausbruch 1914 an der russisch-deutschen Grenze aut einen Posten stößt, der bei seinem Herannahen das Gewehr hebt und ruft: ״Halt oder ich schieße!“ Darauf der Jude mit einer ärgerlichen Handbewegung: ״Sind Sie meschugge? Tun Sie das Gewehr weg! Sehen Sie denn nicht, daß hier ein Mensch steht?!“ ln diesem Witz ist die Intimität die alles gern greifbar (eventuell sogar durch einen Angriff) in der gleichen Nähe haben möchte, ins Weltweite abgewandelt. Jargon statt Klassiker-Pathos. Aber man kann nur Reiks Schlußworte unterschreiben: ,,Die Meinung dieses Witzes verliert nichts von ihrer Aufrichtigkeit und Größe, auch wenn sie nicht im feierlichen Chor einer Beethovenschen Hymne erklingt.“ Die Arbeit Reiks gibt viel. Namentlich auch im Zusammenhang mit den anderen Aufsätzen des Werks. Sie ist ein wichtiger Baustein zur Psychologie des Galuth-juden. Manfred Georg, Der hebräische Aristoteles Ham-metaphysika le-Aristote. Aristoteles’ Metaphysics. Book 1. Translated into Hebrew by Leon Roth, Jerusalem. At the University Press 1932. ln der von der Publikationsgesellschaft der Hebräischen Universität herausgegebenen Reihe der ,,Philosophischen Klassiker“ erscheint nun — nach D e s c a r t e s'. ״Discours“ und ״Meditationes“, nach Werken von Leibinz und Rousstau — das erste Buch von Aristoteles’ Metaphysik, übersetzt ins Hebräische von dem bekannten Spinozaforscher Lear. Roth, Achad-Haam-Professor an der Jerusalemer Universität. Das Erscheinen dieses hebräischen Aristoteles- Buches verdient eine besondere Beachtung auch über den Rahmen der hebräischen Uebersetzungs-Literatur und Phil os o p h i e hinaus. Das ältere jüdische Denken, vor allem die jüdische Philosophie des Mittelalters, hat mehrere Versuche unternonimen, Aristoteles jm Judentum zu verankern. Neben Plato, dem Neuplatonismus und anderen Gedankenweiten und Kulturreichen war es vor allem die Philosophie des Aristoteles, die das Judentum tief befruchtet hat, mit der die bedeutendsten jüdischen Denker des Mittelalters in unaufhörlicher Auseinandersetzung standen. ״Der Weise", ,,Der Philosoph" schlechthin, der im jüdisch-philosophischen Schrifttum des Mittelalters herangezogen, zitiert und kritisiert wurde, ist der Stagiritc. Die stärksten philosophischen Impulse hat die jüdische Philosophie des Mittelalters Aristo• teles, dem ״Dolmetsch der Natur“, wie ihn der Philosoph Ibn-Roschd nannte, oder dem ״Zentralbüro der griechischen Wissenschaft“, wie ihn ein neuerer Historiker der griechischen Philosophie bezeichnete, zu verdanken. Das Judentum scheute nicht davor zurück, Aristoteles zum Juden zu stempeln! So ist er sowohl zu Rabban Gamliel als auch zu Simeon Ha-Zaddik in Beziehung gebracht worden. Er soll auch von Alexander dem Großen zum Statthalter in Jerusalem ringesetzt worden sein, und auf diese Weise die Quellen ältester jüdischer Weisheit erlernt haben. Nicht nur die Philosophie (Maimonides u. a.), auch die philosophische Predigt una Schriftauslegung des Mittelalters berief sich auf Aristoteles, fußte auf seiner Philosophie, deutete in seinem Sinne manche biblischen Gestalten und Motive. Und nicht nur in Spanien, dem klassischen Lande der jüdischen Philosophie, auch in dem ״finster"-rabbinischen Polen des 16. Jahrhundert» lebt und wirkt Aristoteles, wenn freilich auch hier die ihm zugeschriebenen Werke, die Pseudo-Aristoteles- Schriften viel bekannter waren als die echten Aristoteles- Schriften. Auch die jüdischen Gegner und Kritiker des Aristoteles, die dem philosophischen rGott des Aristoteles“ gegenüber dem jüdischen genuin-religiösen ״Gott des Abraham“ in den Vordergrund der religionsphilosophischen Auseinandersetzung rückten (Jehtida Halevi 11. a.), haben dafür gezeugt, welche gewaltige Rolle Aristoteles’ Gedankenwelt in der jüdischen Philosophie gespielt hat Es ist hier nicht der Platz, die entscheidenden Phasen der Begegnung des Aristoteles mit dem Judentum auch nur anzudeuten, geschweige die hiermit verbundenen philosophischen Probleme zu beleuchten. Sicherlieh wäre hier philosophisch-systematisch viel mehr zu gewinnen, als es z. B. in Saul Horovitz’s interessantem Vortrag ״Die Stellung des Aristoteles bei den Juden des Mittelalters“ (1911) der Fall ist. Wie groß der Anteil der jüdischen Aristoteles-Forscher, der -Kommentatoren und -Uebersetzer am mittelalterlichen und späteren Aristotelismus, ja somit an der Philosophie überhaupt ist, davon kann man sich beim Klassiker der hebräischen Bibliographie, Moritz Steinscheider, überzeugen. Der erste Abschnitt seines Werkes ״Die hebräischen Uebersetzungen des Mittelalters und die Juden als Dol* metscher“ (1893) beginnt mit folgenden Worten: ״Die Philosophie des Mittelalters gruppiert sich wenigstens äußerlich um die Schriften, welche unter dem Namen des Stagiriten gingen. Daher würden wir fast alle hebräischen Ueber- Setzungen philosophischer Schriften der Araber unter Aristoteles unterbringen können.“ Der jüdisch-mittclalterliche Aristotelismus und Anti-Aristotelisimis mußte natürlieh darunter leiden, daß man damals weder den ganzen, noch den echten Aristoteles kennen konnte. Dank der moderneren Forschung und der besonderen Zeitumstände kann jetzt an die Wiedergutmachung dieses historischen ״Fehlers“ herangegangeti werden. Leon Roth macht mit dem ersten Buch der aristotelischen Metaphysik den Anfang hierzu. Der historische Aristoteles soll nun hebräisch geformt und so für die Philosophie des Judentums fruchtbar gemacht werden. Abgesehen vom Aristoteles-Text, dem die Aristoteles-Ausgabe von W. D. Roß zugrunde gelegt wurde, enthält der vorliegende Band eine kurze Einführung des Uebersctzers, biographischen und philosophiegeschichtlidien Inhalts. Besonders instruktiv sind die zahlreichen, sehr kurzen und prägnanten Erläuterungen Rotli’s zum aristotelischen Text. Diese Anmerkungen sollen auch als ein Kommentar dienen. Es werden darin sowohl erläuterungsbedürftige Tex־tstellen kommentiert, als auch Zusammenhänge aristotelischer Gedankengänge mit denen seiner Vorläufer (Plato u.a.) b?• leuchtet. Diese erwähnten Vorläufer werden auch u. a. in den Band abschließenden Personenregister aufgezählt. Es dart auch nicht unerwähnt bleiben, daß der hier besprochene Anfang zur Einverleibung des Aristoteles in das hebräisch• philosophische Schrifttum, um die, wie erwähnt, Denker und Uebersetzer des Mittelalters so gerungen hatten, gerade zu einer Zeit geschieht, wo sich in der allgemeinen Philosophie die große Wendung zur Ontologie vollzieht, wo Aristoteles immer mehr die große aktuelle Macht in der modernen Philosophie wird. ״Zurück zu Aristoteles“ ist kein Kampfruf mehr, wie z. B. im vorigen Jahrhundert bei Trendelcnburg, sondern ein konkreter Wegweiser für die Philosophie unserer Tage. Ein sinnvolles, wenn auch ״zufälliges“ Zusammentreffen! Möge dieses verheißungsvolle Beginnen Leon Roth's von Erfolg gekrönt sein, mögen die Hoffnungen auf eine Erneuerung der jüdischen Philosophie und der jahrhundertealte Wunsch, den ״hebräischen Aristoteles“ zu schaffen — trotz der Ungunst der Zeit, die ״natürlich" das auch sonst nicht verwöhnte hebräische Buch besonders trifft —, in Er- Füllung gehen! Dr. Simon Rawidowicz. Eine neue Mommsen-Ausgabe Wir haben bereits kürzlich den ersten Band der volkstümliehen Ausgabe von Mommsens Römischer Geschichte angezeigt, die der Phaidon-Verlag in Wien herausgibt. Nunmehr liegt auch der zweite Band dieser schönen Ausgabe vor, der den Titel trägt ״Das Weltreich der Caesaren“ und den Text enthält, der in der Original-Ausgabe den 5. Band der römischen Geschichte ausmachte. Im zwateu Teil des Bandes hat der Herausgeber die Teile zusammengefaßt, die über römische Literatur, Kunst und Kultur handeln und bei Momnisen über das ganze Werk verstreut sind. Man muß es begrüßen, daß durch diese schöne Ausgabe eines der größten Werke der klassischen deutschen Geschichtsforschung, zugleich dn Buch von größtem literarischen Reiz, in weitere Kreise getragen wird. Der zweite Band enthält eine ganze Reihe von Stellen, die von spezifisch jüdischem Interesse sind. Vor allem ist darin das Kapitel über Judäa und die Juden“ enthalten. Momrasen macht ane deutliche Scheidung zwischen der Geschichte des jüdischen Landes Palästina und der Geschichte des jüdischen Volkes, die viel umfassender ist, weil sie auch die ganze jüdische Daspora umfaßt, die schon zu jenen Zeiten gewaltige Ausmaße hatte. Das Kapitel umfaßt mehr als 60 Säten und ist über seine rein geschichtliche Dar- Stellung hinaus eine Auseinandersetzung mit der eigentümliehen Rolle der Juden in der Geschichte; man findet Ausblicke, die bis in die heutige Zeit reichen. Mommsen schildert den gewaltigen Anteil der Juden an der Entstehung des Hellenismus, die erste Periode großer jüdischer Assimilation, Die Haltung der Juden wird von ihm dahin definiert, daß sie bei aller Gräzisierung Ihre eigentümliche Nationalität behiel• ten. Die Juden der Griechenstädte, so sagt er, ״waren grie• chisch redende Orientalen“. Aber gerade durch die Absonde• rtmg vermochten sie der entstehenden hellenistischen Well große Dienste zu leisten. Trotz aller Anfechtungen, trotz dei Verteilung in verschiedene Herrschaftsgebiete und Kulturen blieb, so sagt Mommsen, ״die Gesamtheit der Juden in einer Weise vereinigt, für welche in der Gegenwart nur etwa der Vatikan und die Kaaba eine gewisse Analogie bietet“. Von da aus entwirft Mommsen ein grandioses Bild der Rolle der Juden im römischen Kaiserreich, die später auch verbun• den ist mit der des werdenden Christentums. Das unerwartete Erbhindernis Eine kleine wirkliche Geschichte Von Oskar Baum. Gerade sein Büronachbar Dannhuber mußte es sein, der ihm den Besuch anmeldete! ״Ein Gruß aus der Heimat, Herr Doktor“, sagte er mit seinem niederträchtigsten Grinsen, weil der Mann draußen sich selbst so bezeichnet hatte. Und in dem von der Frühlingssonne freundlich durchfluteten Vorzimmer stand Gutmann Fink! aus Suplje bei Drohobycz mit Kaftan und langem, leuchtend weißen Bart. Der Rechtskonswlent der I. E. Ä.G. dachte, der kleine polnische Jude sei wahnsinnig geworden, der bei seinem Anblick strahlend vor Glück, auf ihn zukam und ihn beinahe umarmte. Dr. Franz Friedrich Eyn — er hieß eigentlich Karfunkel• stein, aber der Name war ihm zu lang — war in Wien geboren. Er hatte längst vergessen, daß und woher seine Eltern erst kurz zuvor gekommen waren. In den ersten Se* mest-erri seiner Studentenzeit war er zum Katholizismus übergetreten. ״Der Antisemitismus ist eine zu häßliche Er• seheiiumg“, hatte er sich gesagt; wer sollte nicht das Seine dazu tun, ihn aus der Welt zu schaffen? Er, Karfunkelstein, gab zum Beispiel sein Judentum hin. Er zögerte nicht, nein, er ließ sich von keinerlei Bedenken zurückhalten. Um zu verstehen, wieso der sonst so kühle, spöttisch überlegene Dr. Eyn in einer geradezu wildauffahrenden Gereiztheit Reh Finkl begegnete, muß man über sein sehr empfindliches Pech in intimen Angelegenheiten jener Zeit unterrichtet sein. Er hatte, von vielen beneidet, lange mit großzügigen Investitionen, die weit über seine Gehalts- und Veriuögensvcrhältnisse gingen, als aussichtsreichster Bevverher der einzigen Tochter' K. J. Elbrichs, des allmächtigen Mannes im Stahlkon/cm, eine Rolle in der ersten Gesellschalt gespielt. Mit dem Mädchen stand er so, daß sich vermuten ließ, der anspruchsvollsten Liebcssehnsucht liege kein Wunsch mehr offen, der Vater hielt große Stucke auf ihn, und auch bei der Mutter hatte er sich warm geschmdchelt Ein Leben großen Stils als Inhaber verschiedener Ver• waltungsratltellen schien ihm sicher. Da verlobte sich plötzlich das Mädchen mit einem Zierbeuge! aus verarmtem Adelsgeschlecht, den er als Rivalen gar nicht ernst genommen hatt Es hieß, daß sein einstiger Name und seine Abstammung und besonders der Umstand, daß er davon nie Erwähnung getan hatte, von seinem Gegner in heimtückischer Wase ausgespielt worden sei. Wss auch die Schuld sein mochte, ►— er stand nun mit seinen Schulden da, die nach der geänderten Sachlage gar nicht mehr lächerlich gering erschienen, und die bisher immer 50 liebenswürdigen Gläubiger wurden sehr unangenehm. * ״Was wollen Sie?' fragte er den Mann mit der Schmacht• locke, aber es ließ sich dem Ton entnehmen, daß er in Wahrheit sehr wenig Interesse dafür besaß. Guttmann Finkl hatte eine etwas überstürzte, nicht leicht verständliche Redeweise; dennoch wurde bald klar, daß er nicht, wie Dr. Eyn befürchtet hatte, ein entfernter Verwandter, sondern nur ein Jugendfreund seines Vaters war. Der kleine Mann war voll Begeisterung darüber, daß er trotz all den unsagbaren Schwierigkeiten, die es in so einer Großstadt machte, seinen Landsmann gefunden hatte. Er merkte gar nichts von der abweisenden Ungeduld Eyns. Er brachte eine große, wunderbare Nachricht von einer Verwandten, an die sich Dr. Eyn ganz gewiß nicht mehr erinnern würde. Eyn war auf keinerlei Nachricht von Verwandten neugierig. Er wollte den Redeschwall grob unterbrechen; er war sehr pressiert. Aber auf Guttmann Finkl wirkte das nicht. Er beschrieb mit verzücktem Gesicht die Charakterstärke, das goldene Herz und die geschäftliche Tüchtigkeit der seltenen Frau, die Eyns Urgroßmutter gewesen, von ihren Kindern, trotz ihrem Widerstreben nach Amerika verpflanzt, war sie dort, da Lungenseuche und anderes Unglück in der Familie alle um sie her allmählich hinwegraffte, mit 98 Jahren in völliger Einsamkeit, ohne einen einzigen Verwandten gestorben. Dr. Eyn fuhr nun gereizt mitten in den Satz, hinein; er habe keine Zeit, herrschte er Finkl an er sei hier im Amt. Und er wandte sich zum Gehen. Finkl stand verwirrt, er stockte, er sah den jungen Menschen mit sonderbarem, prüfenden Blick an. Ms Rabbiner von Suplje zum Testamentsvollstrecker dieser Erbschaft bestimmt, war er, nachdem alle schriftlichen Nachforschungen nach dem letzten Urenkel vergeblich gewesen waren, kurz entschlossen selbst nach Wien gefahren, um nicht vielleicht durch die Schlamperei der Aemter den Sohn seines einstigen Jugendfreundes um ein solches Vermögen zu bringen, urn zweihundertfünfundsechzigtausend Dollar! Die andere Erb• berechtigte, die als Weise in der Gemeinde aufgezogen worden war, hatte er gleich mitgebracht, damit alles bei den Behörden persönlich von den beiden einfacher und schneller erledigt werde. Hatte er da nicht einen anderen Empfang verdient? — Guttmann Finkl hatte schließlich auch seinen Stolz und war nicht ganz ohne Menschenkenntnis ins sieb• zigste Jahr gekommen. Er sagte denn also, indes Dr. Eyn schon auf die Tür seines Büros zuging, kurz und trocken, was ihn herführte. Es waren nur geringfügige Bedingungen an den Erbantritt geknüpft: Kaddisch zu sagen und alljährlich am Todestag vor der Thora einen genau Bestimmten Betrag für die Armen von Suplje und für die Brautaussteuer eines jüdischen Waisenmädchens zu spenden. Dr. Eyn war bei Nennung der Erbsumme mitten auf seinem Wege stehengeblieben. Sein Gesicht bei den letzten Worten war es wohl, das Finkl hinzufügen ließ: ״Im Falle der Herr Doktor aber diese Bedingungen nicht erfüllen wollten oder könnten — — An diese Möglichkeit habe er allerdings nicht gedacht. In diesem Falle würde das Mädchen, mit dem er jetzt das Erbe teilen müßte, Aileinerbin sein. Finkl nahm seinen Hut vom Stuhl neben sich und ging. Eyn, der zuletzt sehr aufmerksam zugehört hatte, hätte nun. noch einige Fragen gehabt, aber Finkl war schon zur Tür draußen. War es kein Traum, kein Fieberspuk? — 26ל .... Evn wollte ihm nach. Er hätte ihn doch zumindest fragen sollen, ob er schon bei der amerikanischen G<- sandtschaft gewesen, einen amerikanischen Rechtsanwalt brtraut habe. — Ja, aber die Bedingungen! — Lächerliche Lappalie! — Freilich, wenn man sie nicht erfüllen konnte* Vorsintflutliche Schrullen, die in diesen versteinerten alten Hirnen festsitzen. — Aber das Fluchen half nichts. Seine Gedanken kreisten um die Sache, als er wieder an* seinem Schreibtisch zurückgekehrt war. Es war ihm voll-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.