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Jüdische Rundschau · 1933-09-20 · Heft 75-76 (20.9.1933) · p. Seite 569

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 75-76 (20.9.1933)
Date
1933-09-20
Page
Seite 569 (sequence 25)
Language
German
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Nr. 75/76, 20 IX. 1933 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 567 Literatur-Blatt 1000 Worte Jiddisch Von Dr. Sally Rabinowit? Es äst noch gar nicht lange her, daß in Deutschland das Jiddische, die Umgangssprache der Ostjuden als ein kamisches und vulgäres Kauderwelsch verächtlich belächelt wurde. Es galt als ordinärer Jargon“, als verdorbenes Deutsch, als Sprache einer Schicht ungebildeten Volkes, und man hielt es nicht der Mühe wert, es von philologischen oder völkerpsychologischen Gesichtspunkten aus zu betrachten. Erst aas allmähliche Bekanntwerden jiddischen Schrifttums in Belletristäk und Tagespresse, nicht zuletzt auch die persönliche Berührung eines Teiles der Kriegsteilnehmer mit den Juden im Osten, hat hierin Wandel geschaffen. Man fängt an, das Jiddische als lebende Sprache anzusehen, als etwas organisch Gewachsenes, mit Wurzeln, die aus verschiedenen Schichten entspringen, mit einer Entwicklung und einer Geschichte. Dabei kann man interessante und vergnügliche Entdeckungen machen. Die Grundlage des Jiddischen ist das Deutsch des 14.—IS, Jahrhunderts. Zu dieser Zeit «׳änderten die oberdeutschen Juden unter dem Drucke der blutigen Verfolgungen nach dem Osten aus. Wenn such je nach der Landschaft, wo die Vertriebenen sich niederUeßen, Elemente der jeweiligen Landessprache in das Jiddische *indrangen, so hat sich doch durch den Zusammenschluß und die Abgrenzung des jüdischen Volksteils gegen die Einheimischen dieses veraltete Deutsch als Grundlage des Jiddischen erhalten. Als lebende Sprache hat es im Laufe der Zelt phonetische Ent- Wicklungen durchgemacht, bei welchen ebenfalls die Einflüsse der jeweiligen Landessprachen wirksam waren. So unterscheiden wir heute Dialekte des Jiddischen, die sich stark voneinander unterscheiden, den litauisch-kuriändisehen, bei dem das harte offene Russisch Pate stand, den weichereu polnischen, den durch das vokalreiche Magyarisch biegsam und tönend gewordenen ungarischen, den stark mit englischen Elementen durchsetzten amerikanischen 11. a. m. Wenn wir den folgenden Betrachtungen dem erstgenannten Dialekt, den litauischen, zugrunde legen, so geschieht dies deshalb, weil er uns als diejenige Sprachform des Jiddischen erscheint, die man die ״klassische“ nennen kann. Fritz Mordechai Kaufmann nennt, in einem Essay über Mendale Moicher Ssforim, das litauische Jiddisch eine ״knappe, lakonische, bcziehungsrdche und logische Mundart“. Die Nachbarschaft des Russischen bewirkt, daß cs scharf, klar und akzentuiert gesprochen wird. All dies hat zur Folge, daß es an Prägnanz und Ausdrucksfülle die anderen jiddisehen Idiome überragt. Daher spielen auch die berühmten ^׳Wilnaer“ Theatergruppen das jiddische Drama und Volksstück in litauischer Mundart, die dadurch, ähnlich dem allgemeingültigen dialektfreien Theaterdeutsch, die jiddische Bähnensprache geworden ist, welche von allen jiddisch Sprechenden verstanden wird. Wie schon erwähnt, ist altes deutsches Sprachgut der Hauptbestandteil des jkiclischen Wortschatzes; daneben sind naturgemäß viele hebräische Wörter in den täglichen Sprachgebrauch genommen worden. Endlich enthält das litauische Jiddisch eine Anzahl Vokabeln aus dem Russischen und Polnischen, sowie einige wenige Fremdwörter romanischer Herkunft De hebräisches Wörter und die aus den genannten Fremdsprachen wird der Kundige unschwer als solche erkennen. Auch bd dem Großtal des aus dem Deutschen stammenden Wortvorrats wird es wenig Schwierigkeiten machen, die jetzige hochdeutsche Form des Wortes zu finden, wenn man mit den phonetischen Unterschieden vertraut Wörtern, bd denen die Bestimmung Ihrer Herkunft nicht so dnfach ist Da sind zunächst die deutschen Wörter, die in unserer Umgangssprache außer Mode gekommen und fast vergessen sind. Im 14. Jahrhundert und später gehörten sie noch zum täglichen Gebrauch, und das Jiddische hat sie in ihrer alten verschollenen Bedeutung konserviert. Wie in alten Zeiten hdßt noch der Schwiegersohn ״ejdlm“ (Eidam), der Schwiegervater ״schwer“, die Schwiegermutter ״schwiger“, der Onkel ״feter“. die Tante ״mume'. Das Bettuch hdßt noch .,lachlach“, die Schürze ״fartuch״ (Vortuch), die Suppe ״jauch“, der Landarzt oder Bader ״feltscher“ (Feldscher), der Soldat ״seiner“ (Söldner), die Wöchnerin ״kimpetörin“ (Kindbetterin), Wie vor Jahrhunderten gebraucht man ״klajben“ für sammeln, ״weigern“ für walken, ausrollen, ״baiten“ für wechseln, ״mir ducht sech“ (mir däucht) für mir sehrint, ״izter“ (itzt) für jetzt, Jearg“ für geizig, ״lejdig“ für leer, ״schmeißen“ (schmitzen) für schlagen. Ebenso Ist die alte Anredeform der Fürwörter Euch( Euer, Ihr, an Stelle unserer großgeschriebenen Ihnen, Ihr, Sie als ״ajeh“, ״ajer“, Jr“ heute noch die gebräuchliche. Die schöne Maid, die heute nur noch in schlechten Schlagertexten ein spöttisch belächeltes Mumiendasein fristet, ist im Jiddischen in dem Ausdruck ״alte moid“ (alte Jungfer) höchst lebendig. E)as Wort ״eppes“ für etwas hat sich übrigens auch noch in einseinen deutscher! Dialekten, z. B. als ״ebbes“ im Hessischen oder als ״öppis“ im Schwyzerdütsch erhalten. Wenn nun aber deutsches Sprachgut durch die Laut ent- Wicklung im Jiddischen so stark!ungebildet und abgeschliffen ist, daß der deutsche Wortstamm nicht mehr erkennbar ist. dann gibt es manche Ucberraschungcn. Wer vermutet wohl hinter ״men tor nit“ (man darf nicht) das mittelhochdeutsche turren (dürfen), hinter ״gich“ (schnell) das deutsche Wort gach, jach, jäh? ״Kejlemen“ (Schächten) kommt nicht von krilen, wie manche annehmen, sondern von kehlen, abkehlen, ״umetig“ (betrübt) hieß mal unmutig, wenn jemand ״chalescht“ (ohnmächtig wird), so muß man ihn ״mintern“, d. i. (er)munlern, wer alles durcheinanderwirft, stellt ״di stub kapejr“ (kopfüber), wenn Leute sich beschimpfen, so ״sidlen“ sic sich, was nichts anderes ist als das gute deutsche Wort (be)- sudeln. Von Speisen sind die unentbehrlichen ״Lokschen“, die Nudeln, zwar russischer Herkunft, und auf den ״tscholent“ kommen wir noch zu sprechen, aber die herrlichen ״kreplach“ sind gute deutsche Kräppelchen, d, s. gefüllte Kröpf- Chen, ״bejglach“ sind gebogene Hörnchen, Böglein, ״tejglacli“ s'ind Teigplätzchen, Teiglein, und wejiti sie in ״bejmel“ gebacken sind, so ist dieser mysteriöse Stoff harmloses Baumöl, pesetze der Lautverschiebung haben es auf dem Gewissen, daß Branntwein zu ״bronfen“, Aermci zu ״arbel“, barfuß zu ״borwes“, vorhanden zu ״fa ran eit“ geworden ist. Aus einer Verschmelzung der Wörter Tränen und Zähren ist das jiddische Wort ״treren“ entstanden. Billig kann 1m Deutsehen zweierlei bedeuten: nicht teuer oder berechtigt, recht und billig. Im Jiddischen ist die Gefahr der Verwechslung behoben: was nicht teuer ist, ist ״wolwel״ oder ״welwel“, d. i. wohlfeil, das deutsche Wort billig lebt In der Redensart .es wobt sajn blichet“ (es wäre richtiger) fort. Noch kompiizierter liegt der Fall mit dem deutschen Fragewort warum. Da« deutsche Warum? heißt im Jiddischen ״farwos?״, das jiddische ״wörem“, das vom deutschen warum herkommt, bedeutet merkwürdigerweise weil. Im alten Deutsch muß es ein Zeitwort ohne werden, Partiz. ohne geworden, gegeben haben; wir verstehen es nicht mehr. Aber im Jiddischen ist es als ״onwfcren, ongeworen“ durchaus gebräuchlich und bedeutet verlieren, verloren, Die größten Schwierigkeiten bereiten die erstarrten Formen. ״Wossara“ ist nicht Suaheli, sondern ein fossil gewordencs ״was für ein“ und wird sowohl in der Einzahl wie in der Mehrzahl unverändert gebraucht: ״wossara mentsch, wossara mentschen“. ״Ssajwissaj“ ist nicht einfach sowieso, sondern erstarrt aus ״sei es wie es sei“. Für ״nun wollen wir mal“ sagt man im Jiddischen kurz ״lomir“, d. i. ״laßt uns‘. Und das belichte Fragewort ״sfajtsch?“ ist die Ellipse: ״wos is der tajtsch?“, d. i. ״was ist die Bedeutung“ und entspricht dem jüdisch-deutschen ״wie heißt?“ Auch das ״nebach“, jüdisch-deutsch ״nebbich“, wird so erklärt, daß es aus der beschwörenden Wunschformel ״nie bei euch!“ entstanden sei. Weit interessanter noch als diese etymologischen Aufhelltmgen ist die Betrachtung, in welcher Form das jiddisch sprechende Volk sdnen Vorrat an Worten und Wortverbindungen gebraucht, um damit seine Gedanken auszudrücken. Wer zu hören versteht, findet in sriner Sprache alle für den jüdischen Menschen des Exils typischen Züge, die der Verstandes- und der Gemütsseite. Hart nebeneinander stehen weltfremde Bescheidenheit und egozentrische Ueberhebliclikdt, kindlich-naive Gläubigkeit rieben einem vor nichts lialtmachenden Spott, harmloser Humor neben scharfer, oft boshafter Ironie. Besonders die KULTURBUND DEUTSCHER JUDEN ERSTE VORSTELLUNGEN Beginn Sonntag, den 1. Oktober 1933, 8.15 Uhr, im BERLINER THEATER Charlotteastraße 9293־ NATHAN DER WEISE Dramatisches Gedicht van Gotthold Ephraim Lessing Regi•: Dr. Karl Loewenberg Bühnenbild tt. Kostüme: Heinz Condell Mitwirkende: Damen: Foerder, Kaan, Reicher, Reimer. Schaffer Herren! Alexander, Brill, Huth, Katsch, Koninsky, Lion, SchSnfeld, Wiaten, Wolfgang Mitgliedsbeitrag monatlich RM 2,50. 3 Veranstaltungen: I Theatervorstellung, 1 Konzert, 1 Vortrag im Monat Anmeldungen nimmt entgegen: Das Büro des Kulturbundes Deutscher Juden, Berliner Theater, Charlottesstr. 9293־ Telephon! X 7 Dönhoff 625 Selbstironie, mit der schwere seelische Belastung abreagiert wird, hat bd den Ostjuden schon Jahrhunderte vorher in Blüte gestanden, ehe der Romantiker Heine sie ״erfand“. Kaufmann nennt das litauische Jiddisch ״bezichungsreich und logisch“. Diese Eigenschaften wachsen aus der Fähigkdt, die Worte und Wortverbindungen so zu formen, daß sie Schon und Sdn bildhaft möglichst getreu widerspiegeln. Für die scharfe Beobachtungsgabe, die hierzu gehört, sprechen diejenigen Elemente des jiddischen Wortschätze^ welche tonmalerisch gebildet Worden sind. Tonmalerei ist jeder Sprache eigen; man wird finden, daß sie im Jiddischen besonders treffend ist. Da sind zunächst die Wörter, welche Tierlaute wiedergeben sollen. Neben den deutschen Wörtern ״krejen“ für krähen, ״bilen“ für bellen usw. finden sich Neubildungen: ״hirsenen“ für wiehern, ״auken“ oder ״kaulccn“ für jaulen, ״burtschenen“ für brummen, ״kwitschen“ für zwitschern, ״tisen“ für summen (auch vom Teekessel). Für menschliche Laute gibt es eine Menge gut malender Wörter, mdst mit humoristischem oder ironischem Hintergrund: wer schnarcht, ״chropet“, wer stottert, ״meker.t“, wer näselt, ״fonfet“, wer rülpst, ״krepezt“, wer dummes Zeug faselt, ״balabetschct“, wer laut lacht, ״chachatlulet“ (vom russischen Lachlaut ״eha cha“). Der ״Chasan“ (Vorbeter), ״zikelt sich׳, womit die Mätzchen mancher Chasonlm das Trillern und •das Wiederholen von Wörtern, respektlos mit dem Gehaben einer Ziege verglichen werden. Ein schöner Ausdruck ist auch ״blekezen“, d. i. laut singen, meist ironisch-verächtlich auf den Gesang von Frauen fm Chor einer liberalen Orgelsynagoge angewandt (möglicherweise vom Blecken der Zahne beim Singen). Besonders reich ist das Jiddische an bildhaften wort- Verbindungen und Vergleichen; hier tritt der angeborene Humor des Ostjuden erfreulich in Erscheinung. Wörter, die eine Bewegung, sri es eine reale oder eine seelische, bezeichnen, haben dne scharf gesehene optische Ausdrucksform. Müßiges oder unschlüssiges Umhcrschlendern heißt treffend ״sich arumdrejn“? das farblose ״den Kopf heraus* stecken“ wird zum präzisieren ״arausruken dl kop“, der Moment des Erwachens ist mit ״sich ufchapen fun schlof“ realistisch erfaßt, sich wälzen heißt, aus der Vorstellung der Bewegung des Walkens heraus, ״sich weigern“, die Hast, mit der gemeinhin rin Telegramm aufgegeben wird, spiegelt sich wieder in dem Ausdruck ״klapen a dapescli“, In diesem Zusammenhang wird auch das Zeitwort ״lejfen“ (laufen) weit häufiger angewandt als im Deutschen. Wenn jemand ״arajnlejft Tn stub“, so ist damit weniger das schnelle Laufen ge* meint, als das Ueberraschungsmoment beim Anhauchen eines unerwarteten Besuchs. Auch tote Gegenstände ״lejfen“: die Eisenbahn ״lejft“, Und wenn man eine Münze in den Autonisten steckt, ״lejft araus a bilet“, Für die vielfachen mcnschliehen Gemütsbewegungen gibt «8 vorzügliche bildhafte Ausdrücke. Wer in Gedanken versunken ist, ist ״zutrogen“ (zertragen), der Zerstreute ist ״zutrajtcit“ (wörtlich: zerdreht), wen die Wut packt, der wird ״a zukochter“, er ״zindt sach on“; so ist es verständlich, daß er auf das Objekt seines Zorns ״»ruffallt“. Wer bösartig schielend seinen Groll mühsam unterdrückt, ist ״farkocht wi a garten“ (Räuber), oder liumoristisch gesteigert ״farkocht Wi achtzehn gaslonim“. Für die Freudlosigkeit eines sorgenvollen Alltags verfügt der Ost Jude über große Auswahl an funebren Redensarten, Sein Leben ist ״farsebwarzt“ und ״farfinstert“, er kränkt und ärgert sich, indem er ״sich fressen" und ״sich groben“ muß, er ״eßt sich op di harz“ (trifft sich das Herz ab), er ״kajt die erd“ (kaut die Erde), ״brecht di hent“ (präxisri Ausdruck iür Handeriugcn), ״schiogt sich kop an di want“ und möchte ״in der erd ligen“. Wenn er sich ekelt, so ״kert es em araus di harz“, Dafür hat er auch für breites sattes Behagen die entzückenden Bilder ״kwellen far hanoe“ (aufqucilen vor Behagen) oder ״ufgejn wi af hejbn“ (aufgehen wie auf Hefen). Aus der Fülle der hierher gehörenden Ausdrücke seien noch einige herausgegriffen. Leicht verständlich ist das Wort ״redele“ (Rädchen) für Tänzchen, ״waisse harzen“ für Vorhemden, der ״grobe finger“, d, i. dicker Finger, tür Dau• men, die Wörter ״kerblach“ und ״rendlach“ für Rubel, d. s. Münzen, deren Rand gekerbt bzw. gerändert ist. Ehvas kaputt machen heißt ״iberfiren“, also aus einem gcbrauchsfähigen in einen unbrauchbaren Zustand überführen, jemanden beschummeln heißt ״onfajfen“, Partiz. ,,ongefajft“. ״Knclcn“ heißt brüten, etwa über einer schweren Talmudstelle, und mag vielleicht daher kommen, daß man bei tiefem Nachdenken die Stirn in Falten legt, sich knüllt. Man sagt auch von einem ״melamed“, einem Lehrer, der den Kindern den Stoff energisch beibringt, ״er hot a guten kncl“. Manche Bezeichnungen und Bilder sind von unwiderstehlicher Droiligkcif. Das Gremium der Kultusbeamten, den ״row“, den ״dajen“, den ״chasen“ den ״schcjchei“ und den ״schammes“ nennt man summarisch die ״kicj kejdesch“, die heiligen Gerate der ״oreman“ der arme Mann, der bettelnd von Haus zu Haus geht, ״gejt iber di hajser“. wenn jemand verstandnislos und blöde drcinschaut, so ״kukt er wi der hon in bnej-odom“, ein Bild vom Vorabend des Jomkippur, wenn der Fromme, in der einen Hand das Gebetbuch, in der anderen den Käporah-Hahn, das Gebet beim Kaporaus-Schlagcn verrichtet, das mit den Worten ״bncj odom“ beginnt. Wenn kein Brot im Hause ist, kann man ״lejgen die reiner af di nolize“ (die Zähne aufs Bordbrett legen). Die treu« jüdische Mutter aber möchte ihr Kind mit ״fejgelsche milch“ (Vogelmilch) füttern, einen Stoff, den es zwar nicht gibt, der aber, wenn es ihn gäbe, von unerhörter Kostbarkeit wäre. Hierher gehören auch die ziemlich zahlreichen Flüche und Verwünschungen, die, wie in allen Sprachen, schlimmer klingen als sie gemeint sind. Da sind zunächst die einfachen Schimpfwörter, die gewöhnlich auf die Dummheit des Gegners abzieien: ״schejte“ (Narr) und ״grobe kop“, sowie ״amorez“ (Unwissender) uml ״gojische kop“, welche die Ueberheblichkeit des Talmudlenners verraten. Hierzu treten die aus dem Tierreich entlehnten Schimpfwörter.!Neben den in allen Sprachen hierfür beliebten Tieren, dern ״oks“, ״schcps“, ״chamer“, ״kelew“, ״klawte“, ״beliejme“ und ״chaser“, letzteres auch in dein euphemistischen, dein Rommentator Raschi entnommenen Ausdruck ״dowor acher“ (wortlieh; andere Sache, andere Bedeutung, ergänze: für Schwein), rangiert das ״ferd“, das besonders beliebt ist. Merkwürdigerweise steht bei den Ostjuden das Pferd im Geruch maßloser Dummheit, und es wirkt unwiderstehlich komisch, wenn jemand die phänomenale Blödheit seines Gegners ganz erschöpfend darsteilen will in der Feststellung: ״er is «jner tun di ganz grejsse ferden!“ An kräftigeren Schimpfwörtern mit verletzender Absicht sind zu nennen ״schejgez“ (vom hebräischen schekez, Gewürm) und ״jungätsch“ (beides etwa: Lausbub), sowie das grobe ״pardh“, das schwer zu übersetzen ist. Wörtlich bedeutet das Wort ״parch“ Kopfgrind, Krätze und ist tnöglicherweise aus dem hebräischen ״pherach“, d. L Blüte, entstanden. Die Absicht, mit einem Schimpfwort dadurch besonders zu verletzen, daß man nicht den Gegner, sondern seine Eltern beschimpft, wie in dem arabischen ״Sohn eines Hundes“ oder dem englischen ״son of a bitch“ wird sichtbar in dem Wort ״mamser“ (Bastard), welches ebenfalls die Reinheit des elterlichen Ehelebens anzweifelt und welches noch in einer erweiterten Variante im Schwange ist, die nur ein talmudischer Kopf aushecken konnte, die aber hier nicht wiederzugeben ist. ״Sidlen un schilten“, d. i. schimpfen und fluchen, ist besonders in den unteren Schichten im Osten sehr beliebt, und wie bei anderen Völkern hält auch dort das Marktweib, die ״markidene“, den Rekord. Aber so schrecklich auch die Flüche sind, sie wirken doch im Jiddischen irgendwie harmlos und leicht humoristisch, weil sie als sprachliches Kleingeld völlig gedankenlos ausgegeben werden. Das gilt sowohl für die einfachen Ersuchen, zu ״gejn zu alle tajwölim“ (Teufel mit hebräischer Phiralendung) oder ״sich awekzutrogen in alle schwarz jor“, wie für die kräftigen Vcrwiinschlingen, der Gegner möge ״farbrent“ ״ajngcsunken“, ״ausgerissen“ und ״bagroben“ werden und gefälligst ״in der erd Ilgen“. Gerade das ״schwarz jor“, das in allen möglichen passenden oder auch nicht passenden Verbindungen gebraucht wird, ist eine erstarrte Formel, über deren wörtliche Bedeniung sich kein Mensch Gedanken macht, so wenig wie über den geschmackvollen Wunsch ״a cholerje (Cholera) dir in bojeh (Bauch) arajn“, dem oft durch den drolligen Zusatz ״a gesamte cholerje“ jede Schärfe genommen wird. Weit harmloser, und bezeichnend für die Rolle, die die Träume und ihre Bedeutung im Seelenleben des Volkes spielen, ist die Verwünschung ״alle bejse chalejmes (Träume) sollen arajn zu dajn kop“. Ebenso gedankenlos wie die Verwünschunden wird auch der so liebenswürdig klingende Wunsch ״solt_ ir gesunt sajn“ angewandt, der meist die Einleitung zu einem Tadel oder Vorwurf ist, etwa: ״solt ir gesunt sajn, wos redt ir far narischkajten 1“ Von den wenigen Fremdwörtern romanischer Herkunft ist ein Teil aus dem Sprachgebrauch des Nachbarn ins Jiddische übernommen und seiner Wortmelodie angepaßt worden, z. B. ״pretensies“ (Prätensionen), Ansprüche, ״popieksie“ (Apoplexie), Schlagallfall, ״antik“ in der Bedeutung von kostbar, ״impet“ (lat. impetus), Antrieb, Wucht. Andere wieder sind in alten Zeiten aus Oberdeutschland als Sprachlesen, ״fätschejie“, buntes Frauentuch, vom italienischen fazzolettOj heute noch in der Schweiz als ״fazzilettli“ oder ״fazzinettli“ für ״Taschentuch“ gebräuchlich, der Mädchenname ״schprinze“ von Esperanza. Daß das Wort ״akorscht“ (jetzt, zunächst erstmal, soeben) von dem lateinischen ״hac hora“ (zu dieser Stunde) herkommt, ist kaum mehr zu erkennen. Das Adjektivum ״modne“ (sonderbar, merkwürdig, auffallend), ist nicht unser ״modern“, sondern kommt eher von dem Ausdruck ״ä ia mode“, der zur Zeit des 30jährigen Krieges aufkam und über das Russische ins jiddische gedrungen sein mag. Auch das Zeitwort ״dawnen“ für beten wird wohl auf das dem lateinischen devotio nachgebildete vulgärlateinische ״devotiotiare“ zuriiekgehen. Der Erklärungsversuch, das Wort komme vom hebräischen ״daf“ (Seite im Gebetbuch), bedeute also uinbliiltern, ist wenig einleuchtend. Und Um mit etwas Nährhaftem zu schließen: der ״fscholent“, die Götterspeise Schalet, hat seinen Namen, wie cs solch raffiniertem Gericht wohlansteht, aus dem Französischen bezogen. Sein Statnmwort ist ״chaud“ (heiß), welches im Altfranzösischen ״cliauld“ (vom lateinischen cafdus) geschrieben wurde. Damit ist auch der Kernpunkt seiner Reize aufa glücklichste charakterisiert; denn was ein richtiger ״tscholent“ ist, der will heiß gegessen werden.

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