Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 75-76 (20.9.1933)
- Date
- 1933-09-20
- Page
- Seite 553 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 75/76, 20. IX. 1933 JÜDISCHE ■RUNDSCHAU Seite 551 gische Ausprägung and organisatorisch-geaeteliche Festigung erhielt. In Wahrheit täuschte der treue ftitmalismus die ei genon Führer und Anhänger darüber hinweg, wie tief die Assimüation durch die Lücken des Religionsgesetnes in des Innere des Baues eingedrungen war. Ein Symptom dafür ist *. B. die Tatsache, daß noch Moses Mendelssohns Thoraüber- Setzung in hebrüischen Buchstaben gedruckt werden mußte, um den Juden verständlich zu sein, und ־trotzdem — allerdings auch wegen ihrer Tendenz, die reine deutsche Sprache lehrend zu vermitteln — dem Banne der extrem orthodoxen Rabbiner nicht entging, während nun Hirsch die Bibel nicht nur in ein romantisches Neudeutsch übersetzen durfte, sondern es auch, von der ganzen Orthodoxie hoch gelobt, wohl zum ersten Male in der Geschichte des Judentums wagen konnte, seinen Thorakommentar in einer nichthebr&isehen Sprache abzufassen: Mendelssohns ״Beur“ war selbstverständlich ‘noch hebrSisch gewesen. Neben diesem sprachliehen Symptom der Assimilation noch ein Inhaltliches: die Umdeutung, die Hirsch mit dem klassischen Satz der Mischnah ״Japheh Thorah im Derech Erez“ vorgenommen hat. Der Ursinn in den ״Sprüchen der Väter“ ist bekanntlich, daß die Lehre und die Beschäftigung mit ihr Hand in Hand gehen müsse mit einem vollen Leben produktiver Arbeit. Hirsch macht daraus eine Parole, die zur Synthese zwischen jüdischer Gesetzestreue und Gesetzeskenntnis einerseits und allgemeiner europäischer Bildung andererseits aufruft. Den Mischnahsatz in seinem ursprünglichen Sinne erfüllt Rabbi Jochanan Hassandel ar, der große Lehrer und Schuhmacher; die llirschsche Parole erfüllte er selbst vielleicht in dem Augenblick am treuesten, als er, der orthodoxe Raw, zur Schillerfeier 1859 dem deutschen Dichter »eine berühmte Festrede hielt Bei seinem Versuch, den Orthodoxen das Verlassen der zum großen Teil liberal regierten jüdischen Gemeinden zu ermöglichen, ohne daß sie dadurch aus dem Judentum austreten mußten, fand Hirsch die Hilfe des fortschrittlichen Abgeordneten Lasker, der persönlich an religiösen Dingen völlig desinteressiert war, aber als konsequenter ״Demokrat“ fürdie Rechte der Selbstbestimmung aller Gemeinschaften eintreten zu müssen glaubte. Das ״Austritlsgcsctz“ von 1876, das, nach ungarischem Vorbild, den letzten Resthcstand jüdischer Volks-Organisation auf deutschem Boden: die einheitliehe KehiUah, zerschlagen half, ist dem Bündnis zwi• sehen dem Führer der Neu-Orthodoxie und einem völlig ent• judeten jüdischen Politiker zu verdanken. Lasker selbst steht nun in einer weiteren Reihe von Juden, die im Kampf um das Eindringen in den deutschen Nationalstaat ihr Judentum persönlich zwar nicht nufgeben wie die oben geschilderten Täuflinge, aber auch keineswegs als Exponenten einer der drei soeben analysierten jüdischen Gruppen auftreten wollten oder könnten. Sie sind Einzelgänger, und ihr Zusammenhang mit dem ״angestammten Glauben“ ist oft ein rein zufälliger. Die Reihe beginnt mit dem schon erwähnten Gabriel Riesser, einem Vorkämpfer zugleich der deutschen Einheit und der Judenemanzipation, den also immerhin noch ein politisches Kolleklivgefühl mH den Judenheit verknüpfte. Sein Aufstieg vom Rechtsstudierenden, dem sich bei Beziehen der Universität noch keinerlei praktische Verwerlungsmöglichkeitcn für das Gelernte boten, denn Anwaltschaft, Richterarnt und Dozentenlaufbahn waren den Juden noch gleichermaßen versperrt, bis ouf den Sitz des ersten Vizepräsidenten der deutschen Nationalveraammlung in Frankfurt am Main nach dem Revolutionsjahr 1848 — dieser Aufstieg hat etwas Märchenhaftes und scheint für eine ursprüngliche Genialität seines Trägers zu zeugen. Dem ist aber nicht so. Riesser wurde herauf gestoßen, er stieg nicht auf: es gab für den Juden damals keine andere Wahl, als von der Woge herabgerissen zu werden oder sich von ihr tragen zu lassen. Mit besserem Bilde: die pressenden und einengenden Mächte der Umwelt, ihre großenteils noch fortwährenden hemmenden Ausnahmebestimmungen drückten die Masse der Juden unter das durchschnittliche Niveau der Staatsbürger und zwangen eine zunächst kleine, dann jährlich anwachsende Führersdhicht, oft gegen ihren Willen, sich über dieses Niveau zu erheben. Eine Normalloge gab es nicht für den deutschen Juden im 19. Jahrhundert; er mußte Führer, Führer wider Willen, sein, wenn er überhaupt ein volles Leben zu genießen wünschte. Dieses Phänomen erklärt viel deutsch -jü d ischea Fflhrertum 1a •einer aktiven Anteilnahme an der politischen Gestaltung des Heimatstaates. Riessers eigene, durchaus mittelmäßige Figur ist auch insofern ein Beleg für den Gedankengang, als er offenbar gern, gleichasm mit einem erleichterten Aulatmen, die große Politik verläßt, sowie es möglich scheint und sich mit der nun endlieh möglich gewordenen Position eines Rechtsanwalts in seiner Heimatstadt durchaus zufrieden gibt. Dort verfolgt er mit einem meist nur noch passiven Interesse die Vorbereitimen zum Bau 4«» einheitlichen deutschen Nationalstaates, essen Vollendung er nicht mehr erleben sollte. Aber andere Juden waren aktive Mitarbeiter an diesem Bau. Von dem 1848er Vorläufer Jaeoby und seinem Freunde S t e i n h c i m (der als jüdischer Religionsphilosoph bedeutender war) einmal abgesehen, sind hier vor allem die Namen von Ferdinand Lassalle, Bamberg er und Lasker zu nennen. Lassalle, der Begründer der deutschen Sozialdemokratie, hat bekanntlich im letzten Jahre vor seinem tragischen Ende — er fiel im Duell wegen einer adligen Liebesgeschichte — eine Anzahl vertraulicher Besprechungen mit Bismarck gehabt, an die sich der große Kanzler später im Reichstag von Bebel gar nicht so ungern erinnern ließ. Das Bündnis, das Lassalle damals dem preußischen Ministerpräsidenten anbot, beruht auf dem Hauptgedanken, daß der Staat von oben und die Arbeiterschaft von unten sich gegen das Kapitalbürgertum in der Mitte zusammenschließen müssen und können. Staatliche Sozialpolitik und allgemeines Wahlrecht waren die beiden Voraussetzungen, die Lassalle, iin Namen der Arbeiterschaft, aber ohne ihren Auftrag, von Bismarck als Preis für die Unterstützung des preußischen Staate» verlangt«, Schon vor Lassalles frühem Tode hatten die Unterredungen an eigentlicher Aktualität verloren, aber man darf fcststellen, daß Bismarck beide Vorschläge Lassulles später zu Kardinalpunkten seiner Politik gemacht hat: das allgemeine Wahlrecht gab er schon dem norddeutschen Reichstag von 1869 und später dem deutschen Reichstag; die staatliche Sozialpolitik leitet er mit der ״Kaiserlichen Botschaft“ von 1880 ein. Ludwig Bnmbergcr hat sich gleichfalls aus revolulionären Ursprüngen zu einer nalionaldeutschen Staatspolitik gewandelt. Als Teilnehmer an den Revolten der Jahre 1848 und 1849 in Mainz in conturaaiam zum Tode verurteilt, lebte er als Bankier in Brüssel und Paris, wo er zu großem Reichtum aufstieg. Bismarcks Amnestie Heß ihn in die Heimat ztirückkehrcn, und er hat dann entscheidende Dienste bei der Schaffung der deutschen Goldwährung und bei der Begründung der deutschen Reielisbank geleistet. In einem ähnlichen Sinne arbeitete Eduard Lasker, der — neben Rudoit von Bennigsen — als Führer der nutionallibcralen Partei der Reichsgründung Bismarck vor allem bei tlcn Vorbcrcitungcn zur Schaffung eines einheitlichen deutschen Rc :11tes behilflich war. Aehnlich wie bei Bambc-ger verläuft auch Lasker» politischer Lebenslauf Ln drei Ilmiptepoehcn: die erste und die dritte in Opposition zum offiziellen Deutschkmd, die zweit«, mittlere, in loyaler Zusammenarbeit mit ihm. Mit dem Tode Laskers tritt die aktive Anteilnahme der Juden am deutschen Nationalstaat in neues, anonymeres Stadium. Die bei der Analyse Riessers gezeichnete Ausnahmesituation, dis zum Führcrtum wider Willen zwang, war einerseits einer gewissen Normalisierung gewichen, und andererseits machte auch die bald kräftig cinsetzende a n t i - semitische Bewegung Stöckers ein persönliches Hervortreten der Juden bereits schwieriger. Die jüdischen Massen stiegen unterdessen in ein meist verhältnismäßig wohllebendes Bürgertum auf, nahmen aber trotz ihrer sozialen Stellung, als Wähler Partei mehr für die bürgerlichen und linksbürgerlichen Gruppen als für die meist programmantisemitische Rechte. Dieser Zustand ändert sich erst wieder grundlegend nach dem Kriege und der Bim folgenden Revolution. Die Republik brachte Kräfte zur Macht, die bis dahin von der Anteilnahme an der Leitung des Staates mehr oder minder ausgeschlossen waren, und der Verlauf der Entwicklung seit 1880 läßt es verständlich erscheinen, daß unter ihnen eine verhältnismäßig große Anzahl von Juden war, und daß keiner von ihnen weiter rechts als die Deutsche Demokratische Partei stand. Unter den Juden, die nun in die erste Reihe treten, sind vor allem Hugo Preuß, als Schöpfe* der deutschen Reichs- Verfassung, and Walther Rathenau, deutscher Wirtschafts• und später Außenminister, ins volle Licht der Weltöffentlichkeit getreten. Aber auch die unglücklich verlaufenen revolutionären Versuche, vor allem in Süddeutschland, sahen Juden unter ihren Führern. Es braucht nur am Ernst Toi• 1 e r, Kurt E i s n e r und Gustav Landauer erinnert zu werden. Handelt es sich bei diesen letzterwähnten Ereig* nissen um den Versuch mit untauglichen Mitteln, einem subjektiv heiß geliebten, aber objektiv fremden Volke einen ihm nicht angemessenen Lehensrhythmus und ein ihm über״ steigertes Tempo aufdrängen, zu wollen, also um einen Ver* such, der gar nicht anders als tragisch enden konnte, so sehen wir in den Bemühungen von Preuß und Rathenau zwei andere Komponenten «er jüdischen Anteilnahme am deutschen Nationalstaat hervortreten, die wir nun, rückwärts deutend, auch schon vorher werden beobachten können. Die eine ist der Wille zum deutschen Einheitsstaat, der zentralistische Unitarismus, der vom ersten Eintritt der Juden in die deutsche Politik an, von Jaeoby und Riesser an, über Lasker, Bamberger, den Täufling Simson bis hin zu Preuß durchgeht. Der zweite durchgehende Zug ist der Kosmopolitismus, der sich aber, wie bei der Rubel, und wie nun bei Rathenau, in den Dienst der deutschen Sache zu stellen sucht. Wenn Rathenau in jener großen Rede vor den Völkern der Welt, die Deutschland die Aufnahme in den Völkerbund vorbereitete, seine Ansprache selbst übersetzte und so als ein vollendeter Europäer sein Vaterland repräsentierte, so sehen wir darin eine Transposition jenes Dienstes, den die Weltbttrgerin Rahel einst ihrem Goethe geleistet hat. Die Queue dieser beiden divergierenden und doch, eben in ihrem Ausgangspunkt, zusammenhängenden Linien ist nun nicht mehr schwer zu entdecken. Sie liegt ir! einem heimliehen, meist ihren Trägern selbst unbewußten Judent ums re st. In das einheitliche, große Deutsche Reich konnte der Jude glauben, unauffällig aufzugehen, während es schwer halten mußte, sich seiner engsten, stammestUmlieh und landschaftlich gefärbten Umgebung ohne weiteres zu assimilieren. Und wenn sich gar die Gemeinschaft zu der der ganzen Menschheit erweiterte, dann war ihm gewiß sein Platz gesichert. Aber neben diesen beiden, positiv oder negativ zu bevver* tenden Motivreihen gibt es noch eine dritte, die Zweifellos negativ ist und die von I,assalles Tode, unsichtbar heinahe, zu dem Walther Ruthennus läuft. I.assaile, der dem eigenen Werk in ein Duell mit einem adligen Gegner wegen einer adligen Dame davon! ief, der eine Todesart der von ihm bekämpften und doch heimlich angeheteten preußischen Fcudalkaste wählte, der, nach eigenem Bekennt nis, die Unterweit vielleicht nur deshalb in Bewegung gesetzt hat, weil cs ihm mit der Oberwelt, trotz der Versuche mit Bismarck, auf die Dauer nicht gelang, I.assaile steht neben Walther Rathenau, der vielfach gewarnt jeden Schutz ablehnt und so vorzeitig aus seinem Werke geschleudert wird. Bismarck hätte sieh schützen lassen können und hat sich in solchen Fällen schützen lassen, denn er brauchte keiner feindlichen Umwelt den ״Mut des Juden“ vorzudemonstricrcn. Er lebte wohl auch in einem tieferen, selbstverständlicheren Glauben an sein Werk, in einer anderen Sicherheit des Atmens und der Atmosphäre: selbst sein Gegner war ihm greifbarer und verständlicher als jenen jüdischen Politikern noch der Parteigenösse und Freund. Auf dem Wege des deut schen Judentums zwischen 1760 und 193t) aber liegt der verhüllte Selbstinord zweier seiner führenden Politiker. Aber, gerade Rathenau läßt schon dpn Weg ahnen, der aus dem völligen Zusammenbruch eines Versuches von 160 Jahren in eine alt-neue Zukunft führt. Aus seinen Briefen und Tagebüchern entnehmen wir, daß er in den allerletzten Tagen seines Lebens begonnen hat, die Thora im hebräisehen Wortlaut zu erlernen. Gewaltig klingen die Urworte an sein tausend Göttern und Götzen höriges, aber dem Rufe des einen Gottes bisher verschlossenes Ohr. Ergreifend beschreibt er die Wirkung mit einem Vergleich, der noch verräterisch an nur Aestlictisches gemahnt, aber auch jene fruchtbare Beziehung zu den Ewigkeitsgehalten deutscher Kultur enthält und ein innerst Menschliches im Jüdischen selber auszusprechen versucht: wie Beethovens Neunte Symphonie klingt ihm das Hebräisch der Thora. Doka Schokoladen Feinstes Konfekt eigener Herstellung D. Kayeer Cie8*brecht*traßell, pur. Telefon: J 1 Bismarck 7535 Audi tclcfon. Bettellungen werden prompt autgt/Chri, •Chemisch R einigen-! von Pol iter^MQbeln im Hanse, •ovi« EntflccScaa imd Rolnlffon von Dämonand KarraB-Kl»i41aag Abholung und Lieferuztff frei Hm Irma ßlumann, CSceroatr. 14 T«l«phon: J 7 Hochmeister 3421 Ihre Möbel verwerte* heifntOtHdut ti iheKaimf. tt&beunjn8. Evtl. Bevorschussung. Anfragen unt. F 685 «n die J&dLische Rundschau, Berlin W 15, Mcinekestrafie 10. *A Max FMHeistein v * Kohlen-Oroöhandi unfi " > Berlin-Halengee. Nestorttraß« 2 Telefon: Satnrael-Nr. 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