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Jüdische Rundschau · 1933-09-20 · Heft 75-76 (20.9.1933) · p. Seite 551

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 75-76 (20.9.1933)
Date
1933-09-20
Page
Seite 551 (sequence 7)
Language
German
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Wir glauben, daß diese Diskussion sehr gefördert wird, wenn sie in rückhaltloser Ofjenheit und auch in der Form des persönliehen Bekenntnisses geführt wird. Durch den dauernden Zustrom neuer Anhänger in die zionistische Bewegung entsteht auch die Notwendigkeit, Erörterungen, die bereits vor Jahren in zionistischen Kreisen geführt wurden, zu erneuern. Dazu gehört z. B. die Auseinandersetzung mit der Idee des N ati 0 n al i s mu s. Wir haben stets die Anschauung vertreten, daß der jüdische Nationalismus in erster Linie den Sinn einer Bejahung des eigenen Volkstums hat, nicht aber den Sinn der Betätigung ״nationalistischer“ Tendenzen. Trotzdem scheint uns Dr. Goldsteins Bekenntnis zum europäischen Geist nur die eine Seite des Problems zu berühren. Die andere Seite ist die Notwendigkeit, das jüdische Volkstum, zu dem man sich gefunden hat, nun auch zu einer inneren Realität zu machen, indem man lebensmäßig und bildungsmäßig die Zusammenhänge mit den Werten seines Volkstums, mit der jüdischen Geschichte und dem realen jüdischen Leben, der Literatur und dem eigentümlichen Geiste Israels erneuert Wir fügen diesen ausdrücklichen Hinweis hier hinzu, damit nicht durch den Artikel Dr. Goldsleins irrige Auffassungen in bezug auf die Verpflichtung, die die ״Rückkehr ins Judentum vor der Rückkehr ins Judenland" dem Einzelnen auferlegt, entstehen. Red. Leicht dürfen wir es uns nicht machen. Wir müssen die Schwierigkeiten auf uns nehmen, die Schwierigkeiten des Handelns so gut wie die des Denkens. Schwer ist das Kulturproblem der Juden, und auch mit ihm dürfen wir es uns nicht!rieht machen. Es heißt aber, sieh diese Sache leicht machen, wenn man sie geringschätzig beiseife schiebt, im Vertrauen darauf, das jüdische Kulturproblem werde mit der Volkwerdung in Palästina ״von selbst“ gelöst werden. Gewiß, um die Kultur Palästinas braucht man sich von hier aus nicht zu sorgen. Die jüdischen Menschen, die dorthin wandern, müssen in den Boden hinein wachsen — das ist die Aufgabe. Was sich daraus an Kultur ergibt, läßt sich mit keiner Theorie voraussehen, mit Beschlüssen nicht beeinflussen, muß abgewartet werden, darf auch in Ruhe abgewartet werden. Inzwischen lebt aber die Hauptmasse der Juden außerhalb Palästinas, 14 bis 15 Millionen, und niemand hat bisher zu behaupten gewagt, sie würden irgendwann einmal alle oder zum größten Teil ins Land der Väter verpflanzt werden können. Wo besteht Sicherheit dafür, das, was uns deutschen Juden zugefügt worden ist, könne nicht eines Tages auch den Juden irgendwelcher anderen Staaten widerfahren? Das jüdische Kulturproblem scheint mir heute wie ein Problem der deutschen Juden. Seinem Wesen nach fällt es zusammen mit dem Judenproblem überhaupt. Es heißt auch, die Sache sich leicht machen, wenn man den Blick abwendet mit der Begründung, die deutschen Juden hätten heute andere Sorgen. Gewiß muß jeder erst seine und der Seinen Existenz sichern, ehe er den Blick zu erheben vermag. Aber das gilt nicht nur für die Juden, sondern für die Angehörigen aller Völker. Bei allen Völkern, nicht nur bei den Juden, wird mit der Kultur nicht gewartet, bis jeder Volksgenösse behaust, verpflegt, gekleidet und beschützt ist. Jungen Pionieren, die nach Palästina auswandern, um mit eigenen Händen den Boden zu brechen, steht es wohl an, mit den Schulbüchern die Sorge für die deutsche oder irgendeine Kultur in die Ecke zu werfen und sich unbedenklich der neuen Lebensweise hinzugeben. Deswegen ist die Frage nach unserem Verhältnis zur deutschen Kultur noch keine Sache der Generationen, und wenn wir, meinethalben wir älteren, das Kulturproblem hin und her wälzen und mit ihm nicht leichten Herzens uns abfinderr, so bedrängt uns die Sache aller Juden, der alten, der jungen und der künftigen Juden. Man darf nicht an jenen exemplifizieren, die von einer jüdischen Gemeinschaft beschäftigt werden. Wer z. B. von Berufs wegen zionistisch arbeitet, wer also etwa von der Zionistischen Organisation angestellt ist, für den besteht das Problem nicht in der ganzen Zugespit/.thcit. Seine — i!1 Deutsch-!and sich abspielende — Lebensarbeit und sein Judentum drehen sich uni dieselbe Achse, es gibt zwischen beiden keinen Widerspruch. Aber solche Juden, das wird nicht bestritten werden, bilden ■die Ausnahme und nicht die Regel. Die Regel bilden die jüdischen Kaufleute, Aerzte, Juristen, Schriftsteller, Journalisten, Schauspieler, Forscher und Lehrer, die zwar Juden sind, aber eine Lebensarbeit unabhängig vom Judentum leisten. Für alle diese Juden hat oder hatte das gelebte Leben nur einen verschwindend geringen jüdischen Inhalt, verglichen mit den nichtjiidischen Inhalten ihres Lebens. Es braucht niemand Zeter zu schreien, wenn das festgestellt wird. Denn verhält es sich denn bei anderen Menschen anders? Ein Franzose handelt oder heilt oder verteidigt oder richtet oder schreibt oder forscht oder lehrt — zugegeben: als Franzose. Aber das Franzosesein erfüllt nicht sein Wirken, sein Wirken bezieht sich nicht auf das Franzosesein, sondern auf irgendwelche sachlichen Ziele. Er müßte denn gerade nach seiner Stellung die Angelegenheiten der Nation zu erledigen haben, als Offizier, Diplomat oder dergleichen. Nun entsteht ja gerade daraus die Tragik der Juden in der Zerstreuung, daß sie nicht wie die Angehörigen anderer Völker nur einfach der Sache zu dienen brauchen, um der Nation zu dienen; daß sic nicht der Nation dienen gerade dadurch, daß sie der Sache dienen. Sondern bei uns ist die sachliche Leistling das eine, und das Judesein etwas anderes, von der Leistung verschiedenes, das seine unbewußte Wirklichkeit nur hat in der Tatsache der Abstammung, das aber einen bewußten Inhaft haben kann oder nicht zu haben braucht, jedenfalls ihn erst aus irgendwelchen Momenten außerhalb der Leistung und außerhalb des gelebten Lebens bekommen muß. Darin hat sich durch die über uns verhängte Ausschließung nichts geändert. Und wenn jetzt alle deutschen Juden gezwungen werden, sich als nationale Einheit zu bekennen, auch diejenigen, die es früher nicht gewollt und das Faktum geleugnet haben, so wächst ihnen an positivem Judentum dadurch nichts zu als der Zwang zur Selbstbesinnung darüber, worin denn außer in der Tatsache der Abstammung ihr Judentum besteht und wie es sich im Leben auswirken kann. Nicht anzustelleii braucht diese Besinnung der fromme Jude. Er besitzt die Bibel als göttliche Offenbarung, und er vollzieht die Ritualien als Erfüllung göttlichen Willens. Der Widerstreit zwischen Judentum und Deutschtum geht ihn nichts an, die Rangordnung der Pflichten ist für Ihn entschieden. Gottes Gebot gilt schlechtweg, unabhängig von Achtung und Oering- Schätzung der Menschen, von Nutzen und Schaden, von Duldüng und Verfolgung, und außer dem Gebot Gottes kümmert ihn nichts. Die Rückkehr zum Judentum sollte also eine Rückkehr zur jüdischen Religion sein, und zwar zu der unverwässerten Form der jüdischen Religion in der Strenge der Gesetze und Vorschriften. Dann hätte Judentum sogleich einen Inhalt ohne Problematik. Leider vermag die klare Erkenntnis der Wünschbarkeit nichts über unseren Willen. Wer nicht strenggläubig i st, kann es nicht mit rinem Entschluß werden. Es ziemt sich sogar, vor der Selbsttäuschung zu warnen, als wäre es möglich, in die Strenggiäubigkeit sozusagen von außen wieder einzuziehen. Denn ehrlicherweise verhält es sich so: daß die Speisegesetze gehalten werden, entspricht entweder Gottes Willen und bedeutet dann eine religiöse Pflicht; oder es ist — abgesehen von einem gewissen Symbol- oder Demonstrationswert — vollkommen gleichgültig. Eins von beidem. Für die meisten deutsehen Juden als Schüler der Aufklärung ist es gleichgültig. Ohne Religion, was heißt Judentum? Nation. Das ist die Antwort des Zionismus. Eine geniale Antwort: in dem Augenblick, da die uralte Klammer des religiösen Judentums ihre bindende Kraft zu verlieren begann, wurde das nationale Judentum ergriffen als neue Kraft, die dringende Aufgabe der Bindung zu erfüllen. Zu einer Nation sich bekennen ist das eine; Nationalist sein ist rin zweites und etwas ganz anderes. Zugehörigkeit zu einer Nation ist eine Tatsache, freudige Anerkennung der Zugehörigkeit eine Forderung männlichen Anstands. ״Nationalismus“ dagegen ist eine Lehre. Sie kann wahr oder falsch sein. So wie sie uns heute von manchen jüdischen Nationalisten aufgezwungen werden soll, ist sie falsch. Was weiß ich von einem, daß er Jude ist, und sonst nichts? Was weiß ich damit über seinen Charakter? Ueber seine Intelligenz? Ueber seine Begabung? Ueber sein Wissen? Ueber sein Wollen? Gar nichts weiß ich von alledem. Er kann klug oder dumm, gebildet oder ungebildet, ehrlich oder unehrlich, mutig oder feige, geschickt oder ungeschickt, stark oder schwach, gesund oder krank, und noch vieles andere sein oder nicht sein; den Neigungen nach Künstler oder Forscher oder Händler oder Beamter oder Soldat oder Sportsmann und abermals vieles andere. Ihm steht, wenn er Jude ist so gut wie wenn er einer anderen Nation angehörte, die ganze Skala des Menschentums offen. Diese Bestimmungen oder einige von ihnen oder wenigstens eine einzige müßten aber zugleich mit der Nation gegeben sein, wenn Nationalität über Menschenwert entscheiden sollte. Judentum stecke im Blut, behauptet der Nationalismus. Steckt es nicht vielmehr in der Tradition? Wenn ein jüdisches Kind ahnungslos unter Nichtjuden aufwüchse, schlüge das Jüdische durch? Oder stimmte das Kind in seinem seelischen Habitus mit seiner nichtjüdischen ymgebung überein, für das eigene Bewußtsein und für die Beobachtung der anderen? Es müßte möglich sein, das Experiment anzustellen: denselben Mensehen einmal unter Juden, einmal unter Nichtjuden aufwachsen zu lassen. Dann erst wüßte man, was aus dem Blut und was aus der Tradition folgt. Wobei man immer noch nicht wüßte, ob es das Blut des Volkes ist, das sich meldet, oder das Blut dieser einen so und so gemischten Familie oder gar nur das Blut dieses einen, zufällig so und nicht anders geprägten Individuums. Aber das Experiment läßt sich ja nicht anstellen. * Unermeßlich ist der Unterschied zwischen Mensch und Mensch. Weifen können sie trennen. Aber der Abgrund klafft nicht zwischen Volk und Volk, sondern zwischen verschiedenen Menschen desselben Volkes, in jedem Volk reicht die Skala vom Genie bis zum Idioten, vom Helden bis zum Feigling, vom Heiligen bis zum Verbrecher. Weil es so ist, von Natur, nicht durch Satzung, darum konnten die deutschen Juden der Täuschung unterliegen, es sei ihnen möglich, ihr jüdisches Volkstum aufzugeben und mit dem deutschen Volke eins zu werden. Sie brachen aus dem Ghetto auf, 11m das Volk ihres Landes zu erreichen; aber sie erreichten es nicht, und wo sie es erreicht zu haben glaubten, da hat sich der Irrtum inzwischen herausgestelit. Aber sie waren zugleich nach Europa aufgebrochen, und dieser Zug ist an sein Ziel gelangt. Die wesentlichen Aufgaben, unser aller Aufgaben, sind heute europäische oder abendländische Aufgaben. Die Aufgaben der Geisfeswissenschaften sind es; der Naturwissenschaften; der Gesellschaftslehre, der Technik; der Kunst und der Literatur. Auch der Literatur, obwohl sie durch die Sprache an das Volk gebunden ist. Aber es gibt längst eine gemeinsame europäische Aufgabe des Romans, die jeweils zu lösen ist, des Dramas, der Lyrik. Film und Rundfunk, wenn man sie als Künste gelten lassen will, gehören durch ihre technischen Voraussetzungen von Anfang an der abendländischen Gesamtheit. Die Juden, die aus dem Ghetto aufhrachen, haben diese Aufgaben als ihre Aufgaben ergriffen. Sie haben sie in ihrem vollen Wert begriffen. Sie haben geholfen, und das Abendland hat sich ihre Hilfe gefallen lassen. Mag rin einzelnes Volk sich der Leistung der Juden versperren: das Abendland hat sich ihr geöffnet. Die abendländische Leistung, so wie sie heute vor aller Augen liegt, so wie sie auf der Vergangenheit ruht und die Zukunft trägt, ist auch jüdische Leistung. Die Anteile lassen sich nicht mehr scheiden. So wenig wie aus der Kultur der Christenheit und des Mohaimnedanismus die jüdische Wurzel gerodet werden kann, so wenig ist es möglich, aus der Kultur des letzten Jahrhunderts das Mitsuchen und Mitfinden der Juden lierauszulösen. Heute sind die wesentlichen Aufgaben abendländisch, kiinftig werden sie tellurisch sein. Was mit den Juden unter dem Zwang der Umstände jetzt auch geschieht, wohin sie zu wan- (lern gezwungen werden, mit welcher Art von noch so simpler Verrichtung sie ihr Leben fristen mögen: das Recht, am Kulturwerk des Abendlandes mitzuschaffen, wird unverrückt und unverdunkelt leuchten und locken. Und auch der Aufbau in Palästina wird seine letzte Rechtfertigung dadurch empfangen, daß er seinen Schaffenden die Möglichkeit gibt, das gemeinsame Werk für ihr Teil fortzusetzen, vielleicht in der besonderen Form, daß den palästinensischen Juden eine Synthese von Abendland und Morgenland gelingt. Wenn hier gefordert worden ist (״Jüdische Rundschau“ vom 28. Juli), die Juden sollen ״weiter treiben, was sie schon Aafl Also rufe aus vor den Ohren Jerusalems: So spricht der Herr: Ich gedenke dir der Huld deiner Jugend, der Liebe deines Brautstandes, daß da mir folgtest in die Wüste, in unbebautes Land. Ich gedenke meines Bundes mit dir aus der Seit deiner Jugend/ ich werde ihn dir aufrecht» erhalten als einen ewigen Bund. Ist mir denn Ephraim wirklich ein teurer Sohn׳ ein gehätscheltes Kind? Ja — denn so oft ich von ihm spreche, gedenke ich sein/ darum ist mein Inneres um ihn bewegt, Erbarmen, ja erbarmen will ich mich sein, ist der Spruch des Herrn. (Jeremia 2,2, Ezechiel 16,60, jeremia 31,20) Aus der Mussaf-Liturgie für Rosch hasdtana immer getrieben haben״, so war damit nicht gemeint: wer bisher seinen Kaffee am Kurfürstendamm einzunehmen pflegte, soll auch weiter seinen Kaffee am Kurfürstendamm einnehmen. Sondern es war gemeint, die Juden sollen in ihrem Willen die abendländische Gleichberechtigung nicht aufgeben, sie sollen sich dessen bewußt bleiben, daß ihre wesentlichen Aufgaben dieselben sind wie vor der Ausgliederung; und sie sollen der Pflicht gedenken, in dem Maße, wie sie die materielle Möglichkeit dazu finden, ihren Platz im Gefüge des abendländischen Kulturwerkes zu behaupten. * Jahrzehntelang mußte den Juden eingeschärft werden: Ihr seid rin Volk. Heute gehört dazu die Frage: Was ist damit entschieden, daß ihr ein Volk seid? Heißt das, ihr gehört einer fernen und fremden Dunkelheit an? Oder beißt es, ihr habt euren Platz im Lichtkreis des kulturschaffcnden Abendlandes, fähig und würdig, seine Pflichten mitzutragen? Jüdische Geschichte als Erziehungsfaktor Von Dr. Erich Rosenbliith. Die Qualität des zukünftigen jüdischen Nationalismus wird entscheidend davon abhängen, inwieweit es gelingen wird, die jüdische Geschichte und ihre Werte in den Mittelpunkt der jüdischen Erziehung zu stellen und für sie die neue Generation empfänglich zu machen. In einer ganz anderen Weise als bei anderen Völkern bedeutet die jüdische Geschichte für uns Gegenwartsgehalt. Die Erlebnisse unserer unmittelbaren Gegenwart zeigen die Aehnlichkeit unserer Ereignisse mit denen der Vergangenheit. Ohne in romantischer Sehnsucht längst verklungene Zeiten und Gestalten (künstlich) zum Leben erwecken zu wollen, beobachten wir bei uns stets dieselbe Grunderscheinung in anderen Formen. Auch die Reaktion der jüdischen Gemeinschaft auf die Ereignisse war stets die gleiche. Das Leid, das auf die innere Entfremdung von der uns eigenen jüdischen Aufgabe und Kultur folgte, brachte stets noch eine völlige Erneuerung und echte Teschuwa mit sich. (Mm lese das Budi Schoftim oder Nechemji, man verfolge den Gegensatz Jirmijahus gegen Zedekia, oder R. Jochanan ben Sakkais gegen die Zeloten, der Makkabäer gegen die griechischen Assimilanten, die spanische Tragödie, die Entstehung der Chibat Zion-Bewegung 1881 und vergleiche alle diese Begebenheiten mit unseren Erlebnissen.) Die einzelnen Abschnitte der jüdischen Geschichte werden bei aller inhaltlichen Verschiedenheit von einem und demselben Kampf um die Durchsetzung einer bestimmten geistigen Aufgabe beherrscht, der die nationalen Elemente untergeordnet werden. Man empfand die jüdische Geschichte bewußt immer als eine Einheit und ordnete die eigene Zeit in ihren Rhythmus ein. Schon bei dem Anfang der Volkswerdimg sehen wir dieses eigentümliche Geschichtsbcwußtsein Ausdruck gewinnen- Nach vielen Bemerkungen der Haggada sollen wir Pcßach nicht — wie etwa Feste bei den anderen Völkern — als bloße Erinnerung an ein einmal statfgefundenes Ereignis feiern, dessen Sinn an sich abgeschlossen ist und nur jedes Jahr neu erweckt zu werden braucht. Vielmehr wird liier der Sinn des damaligen Ereignisses erst dadurch erfüllt, daß es jede jüdische Generation in jedem Jahr gleichsam als eigenes Erlebnis feiert. Es wird hier gefordert, daß man sich immer wieder herausreißt aus der als selbstverständlich empfundenen Seßhaftigkeit in der Gola oder im Lande, und die Volkswerdung als einen zwar au? das Land gerichteten, aber vom Lande unabhängigen Akt von Beginn an in Beziehung• setzt zu der an die Gemeinschaft gestellten Aufgabe. Geschichte wird damit viel mehr als bloßes Wissen, viel mehr als ei™ an sich noch so wesentliches Mittel der Verbundenheit mit dem Volke. Sie wird gleichsam zeitlos, ihre Ereignisse werden gleichzeitig, indem sie die konstitutiven Elemente für die Gemeinschaft und den Einzelnen in jeder Zeit gibt. Die Grundkategorien der jüdischen Geschichte bleiben in jeder Zeit gleichermaßen gültig. Peßach macht das Erlebnis der Galuth und Knechtschaft zu einem das Alltagsleben des Einzelnen und der Knechtschaft immer wieder auflockernden Faktor. Schawuoth zeigt die Unterordnung unter die geistige Aufgabe, die aber gleich verbunden erscheint mit dem natürliehen Volksleben im Lande. (Chag habbikurim; Lesen des Buches Ruth ) Ebenso stellt uns der 9. Ab nicht den Tag der Zerstörung dar, sondern den Tag, an dem unsere gegenwärt! ge seelische Verbundenheit mit dem in seiner Heiligkeit zerstörten Lande immer neuen Ausdruck gewinnen soll. Gerade bei der Erfassung des Sinnes unserer Trauer am 9. Ab begegnen wir noch einem anderen, sehr wesentlichen Element jüdischer Geschichtsbetrachtung. Wir erleben Geschichte nicht so sehr nur erleidend, sondern als etwas, das wir selber mitzugestalten haben. F>ie Ursachen der Gesehehnisse sehen wir weniger von außen bestimmt, als in uns selbst liegend- Der erste jüdische Staat ist zerstört worden, weil die ZEICHNER(IN) für Zeitungsreportage u.8. von jüdischer Zeitung gesucht Bewerbungen (mitProbearbeiten, die retourniert werden) unter F 711 an die Jüdische Rundschau, Berlin W15, Melnekestr, 10. 154154

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