Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 75-76 (20.9.1933)
- Date
- 1933-09-20
- Page
- Seite 549 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2651273-2653725-2653801--24106-2687039- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
>33 Nr 75/76, 20. IX. 1933 0לD1 SCH E RUNDSCHAD Seite 547 eine elbst- 1 sind lesten r be- 1 nur, 1 Oe- . Ein 1 hat, rieh- ־anzig htung 1d sie 1'aben, 1s den Deut- Turnr und 1 man )ärden in, der d darsolle, utsche .1n der sammminen n jede ׳, daß an sie geord- :rklärt, ie der rdnete;tober: hatten, hechen iegner, ׳ekom-;ierung er; die irobter 1 halten ie sind 1 Antie sind :n sich eutsch« Krinohaben enhaus indem, ,enn es :stehen, iner in itseben. 11, dem etwas, :re Re- : ״Daß mitisch ist ein Landes- :innung :h auch utschen; er sie e Israe- 1.“ lüh war bt, was s sagte berale". ngt mit' en, wie täglich r Juden zu be- Lieberden, 1 Juden, : Juden, 1 tsche- 1 tscheken mit den, wo en, und Feinden ithalten, ken. — n, wann welcher Geduld, fressen knallen, ber und ird sich ea wer- Das Tempo unserer neueren Geschichte Von Dr. Max Wiener. Wenn wir uns heute anggesichts des tiefen Ein- Schnittes in unser historisches Leben, dessen Augenzeugen wir sind, darauf besinnen, wie das Judentum des deutschen Kulturkreises durch die Emanzipationsperiode in fünfbissechsGenerationen hindurchgeschi itten, so fällt eins vor allem in unsern Blick: die eigenartige Beschleunigung des historischen Geschehens. Zwei Generationen, von den Jüngern Mendelssohns an gerechnet, genügten, um den eigenen jüdischen Lebensstil bei den tonangebenden Schichten zu zersetzen, um die jüdische Substanz wenigstens für das Rechenschaft ablegende Selbstbewußtscin so zu verdünnen, daß die allein übrigbleibende ״Konfession" den adoptierten Europäismus nicht mehr ernstlich zu trüben schien. Zwei weitere, von der Mitte des 19. Jahrhunderts ab, fühlten sich in dieser Gesinnung schon so zu Hause, ihr so wurzeihaft verwandt, daß der liberale europäische Kulturgeist mit dem Sinn alles Menschhaften und so auch mit dem Kern ״eigentlichen wahren" Judentums zusammenfalien sollte. Die Linie der Zukunft schien vernunftklar vorgezeiehnet und durch die praktischen Ereignisse empirisch-experimentell bestätigt. Diese Entwicklung von der kulturellen Geschlossenheit des Ghetto mit seiner religiösen Strenge, seiner patriarchalischen Sittlichkeit, seiner Selbstgenügsamkeit im Traditionellen hat bis zum vollen Drinstehen im moderneu Geist kaum soviel Lebensalter gebraucht, wie in der Geschichte der Umwelt Jahrhunderte notwendig waren, um vom Mittelalter zu einer ähnlichen Stufe zu gelangen. Die fünfte Generation, die Menschen umfassend, die an der Schwelle des 20. Jahrhunderts in der Blüte ihres Daseins standen, hielt in Denken und Fühlen diesen Prozeß der Europäisierutrg für sich und alle folgenden Geschlechtcr als endgültig abgeschlossen und reagierte infolgedessen mit äußerster Reizbarkeit auf alle Versuche, die von außen oder gar von innen gemacht wurden, um den erreichten Zustand zu revidieren oder auch nur kritisch zu betrachten. Es sind die, welche das Erlebnis der Gegenwart mit unerhörter Tragik erreicht hat, die nur Ende und keinen neuen Anfang zu schauen vermögen. Die sechste Generation ist unsere heutige Jugend, vor der das Wagnis neuen Lebens sich auftut, in diesem Augenblick die Ahnen einer neuen Periode jüdischer Geschichte. Im Jahrhundert der Emanzipation haben die deutsehen Juden als zusammengefaßte Einheit das erlebt, was in der allgemeinen Geschichte die hier sogenannte ״Neuzeit" ausfüllt. Das heißt freilich nicht, daß sie alle Stufen und Nuancen des wachsenden Individualismus und Subjektivismus, wie sie sich von der europäischen Renaissance an bis zur zweiten Hälfte des vorigen Jahr- Hunderts ausgebildet, durchlaufen hätten. Sie trafen ja bei ihrem Einzuge in das allgemeine Bildungs- und Gesellschaftsdasein auf eine gewisse Etappe, in der sie sich beim Niederbruch der eigenen Daseinsverfassung heimisch zu machen suchten. Selber im eigenständigen Kulturbesitz aufs höchste ermüdet, im einst so festgefügten religiösen Glauben und Brauchtum erschüttert, die bei so intim gewordener Berührung mit der Umwelt nur unter stärkster Willensanspannung vollkräftig zu bewahren gewesen, wurden sie eine Beute der überall die alten Bindungen auflösenden Zeitströmung, tausendmal mehr Opfer und Verführte als Verführer. Und was das Schlimmste war, sie sahen und fühlten nicht das Fließende in aller Geschichte: weil der liberale Zeitgeist sic aus einer unleidlich gewordenen Existenz zu erlösen schien, aber nur der! Einzelnen, die Atome der ermatteten Gemeinschaft, verabsolutierten sie diesen Geist, hieb ten ihn, der für einen kurzen Atemzug der Weltgeschichte die Individuen zu befreien schien, für den endlich und endgültig offenbar und wirklich gewordenen Geist der Wahrheit selber. Nichts ist für das jüdische Bewußtsein dieser Zeit charakteristischer als die Umbiegung des Messiasgedankens. Bedeutete diese Idee einst die heilige Gewißheit, daß Gott das Volk der Juden erlösen und auf dein alten Boden der Väter wieder einpflanzen werde, selbstverständlich eingeschmolzen der Idee, daß Gott die brüderliche Einheit aller Völker bewirken werde, so machte die Emanzipatioustheologie daraus das Dogma, daß die individuelle Gleichberechtigung der in die bürgerliche Gesellschaft aufgenommenen Juden das sichtbare Zeichen für das mit Riesenschritten herannahende Gottesreich wäre; und auf den Rabbinerversammlungen der vierziger Jahre erklärte man, daß die gegenwärtigen Staaten, in denen ersichtlich Recht und Gerechtigkeit blühe, die sich vollziehende Verwirklichung des messianischen Königstums bedeuteten, daß aus diesem Grunde für jüdische Beamte, die ja im Dienste des messianischen Staates ständen, das hergebrachte Sabbatgebot nicht zu gelten brauche. Und das war ja nicht der Ueberschwang der von dem Licht ungewohnter Freiheit Geblendeten nur, sondern blieb fast ungewandelt noch Generationen danach in Geltung. Die Juden haben für die Geschwindigkeit, mit der sie sich aus ihrem Mittelalter in die neue Zeit hineinfanden, damit gezahlt, daß sie nicht merkten, wie die Welt rings um sie herum sich wandelte. Denn als schon längst in den Kreisen, denen sie eingesprengt, Bindüngen aller Art wieder auf genommen und neue geformt wurden, blickte der Großteil von ihnen wie gebannt auf die Ideale der Frühzeit ihrer Emanzipation. Sie, denen man nicht mit Unrecht übertreibende Modernität auf so manchen Einzelgebieten nachsagte, zum Vorwurf machte, hielten mit der sich ändernden Grundgestimmtheit der Mitwelt nicht gleichen Schritt, blieben im wörtlichen Rosch Haschanah 5694 Wir alle, die wir Juden in Deutschland, deutsche Juden sind3 wissen, daß unserem Leben etwas genommen worden ist. Jedes Leben ist ein Verlieren, oft mehr noch als ein Besitzen. Aber Los und Spruch über Wesen und Seele des Menschen ist nicht, was ihm genommen wird, genommen im Tatsächlichen oder genommen nach seinem Meinen und Leiden, sondern was in ihm bleibt, in ihm, trotz allem, Wurzel und Wachstum behält. Was uns allen genommen ist, uns allen im Gemeinsamen noch mehr als jedem in seinem Besonderen, kein Wort braucht es zu sagen. Aber was will uns bleiben? Uns bleibt, vor allem, ein junges Geschlecht, ein heiliger Frühling, im Herbste des Neujahrs geboren. Jung sein, heißt in die Zukunft weisen; jung bleiben, heißt zur Zukunft stehen. Ein Ererbtes ist uns genommen; aber ein Zukünftiges, ein Kommendes, das schon gekommen ist, wird uns gegeben. Ein junges Geschlecht steht vor uns, steht in uns. Das ist kem bloßes Hoffen. Denn es ist das, was das biblische Wort vom Hoffen in scinexn Grunde besagt: erwarten. Ein ganz anderes ist das als nur das Warten. Wer wartet, blickt immer nur auf seinen nächsten Ta ״; wer zu erwarten vermag, der sieht vor sL.I1, was kommen wird, die Zeit, die sich in Neuem bestimmt. Wir waren zu lange ein Geschlecht von Wartenden, und was wären wir heute, wenn wir nur warteten. Dem Erwartenden öffnet sich der Weg. Es ist ein schwerer Uebergang, dieses Fort vom Warten zum Erwarten. Wer wartet, verharrt im Gewohnten; alles Erwarten, alles wahre, gläubige Hoffen ist ein Hinausdringen aus der alten Umhegung. Wir, denen so vieles entschwindet, was war, wir sind nun um unseres Lebens willen zu dem hinausgeführt, ja fast gezwungen, was viele bis dahin nicht vermochten, nun gezwungen, Erwartende zu sein. Jetzt lernen wir es, Gott vor uns zu sehen, Gott zu erwarten — wie manches Geschlecht hatte ihn nur hinter sich gesehen, nur von der Väterzeit her — unseren Gott und den Gott unserer Kinder, der vor uns einherzieht, den Weg zu leiten und zu leuchten. Das ist in schwerer Zeit unser Neujahr, das uns geboren wird, wenn die Tage dunkein. Auch aus ihm wie aus allem in unserem Judentum spricht das große ״Und dennoch". So vieles fiel, so vieles versinkt, was uns gehörte. Aber ״die den Ewigen ervvarten, erlangen verlierend eine Kraft“. Das bleibt uns. Leo Baeck. llllllllllllln1lllllln1ll!!lllll|[|HIIMII[IIH[||1n11n1HII1n1IIHIIIMIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIHIilllllllllll1llltllllllllll1llllllllllllllllllllllll||lllll|l|||lllllllllllllltllllllllllllllllll1lllllllllllilllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllltllliw1tlllllllllllllllllllllllllllllllllllltllllll Sinne ־— zurück. Wie erklärlich, wie entschuldbar bei ihrer besonderen Lage ein solches Außer-Takt-Kommen sein mochte, es war ein weltgeschichtlicher Fehler, der gesühnt werden muß. Der jüdische Nationalismus, der inn fünften Gliede der hier geschilderten Geschlechterreihe aufkam, ist keine Nachahmung der allgemeinen in jener Zeit vorherrschenden politischen Willensbildung, auch nicht als das Instrument zu erklären, um der damals bewußt werdenden Judennot auf konstruktive Weise zu steuern. Sondern er ist vor allem zu verstehen als Ausdruck des trotz allen! noch nicht erloschenen Gesamtlebens der jüdischen Wcltgcmcinde. Wir meinen das so: Wenn sich etwa eine Kulturbewegung wie die der Renaissance in Italien bildete und dann in Frankreich und in Holland, in England oder in Deutschland, so bestehen selbstverständlich wirkende Einflüsse, die von einem geschichtlichen Raume her den andern befruchten. Trotzdem ist die Renaissance jedes dieser Länder vor allem zu verstehen als je ein dem besonderen Lande und seiner Geschichte eigentürnlieh er Prozeß, der sich dem Totalleben eines bestimmten Volkes eingliedcrt. Es sind parallele Entwicklungen, nicht so sehr von einem Gebiet iri das andere übergreifende, die der philosophische Betrachter feststellt. Genau so verhält es sich mit dem jüdischen Nationalismus. Er ist kein Kunstprodukt, sondern die Offenbarung eines unerstorbenen jüdischen Volkstums, Form seines natürlichen Lebens. In diesen Tagen der Bedrängnis heißt man — und gewiß mit Recht — P a 1 ä st i n a die einzige große Hoffnung des Judentums. Das ist auch dann richtig, wenn man sich überlegt, daß bisher von den jüdischen Emigranten aus Deutschland aller Wahrscheinlichkeit nach nur ein Zehntel sich dort hingewandt hat. Denn nun fühlen wir es deutlich: die Alijah dorthin ist legitim; alle andere Wanderung, sie mag sich für manche weit komfortabler gestalten, nur ein Notbehelf, unter jüdischem Gesichtspunkt mehr indirekt wertvoll, indem sie die kostbaren Plätze der eigentlichen Heimat für echte Pioniere freiläßt. Aber Palästina ist ja nur ein Ausdruck, wenn auch der wichtigste, des jüdischen Nationalgedankens, wie dieser selber und sein rechtzeitiges Erwachen der Beleg dafür ist, daß das jüdische Volk aus der Verwirrung seiner überstürzten ״Neuzeit“ heraus wieder die Kraft gefunden hat, sich der Welt der Völker einzuordnen. So bedeutet gerade die deutsche Alijah den Schlußpunkt hinter eine in Unordnung geratene Periode der Weltgeschichfe des Judentums. Alle Leiden, alles persönliche Mißgeschick, Not und Tod der Einzelnen, sie können uns nicht verwehren, diese andere Seite unseres heutigen Schicksals in ihrem vollen Lichte zu schauen. Wir schreiten mit schwerer Sorge, aber auch in beglückender Hoffnung über die Schwelle des neuen Jahres hinüber. Was will der Erziehungsaussclmß? Von Prof. Ismar Elbogen. Die jüdische Schule, noch vor kurzem das Schibbolet der Parteien, wird heute von allen Richtungen, denen die Zukunft der jüdischen Jugend am Herzen liegt, bejaht. Ueber ihre Organisation und Methode mögen im einzelnen Meinungsverschiederheiten bestehen, als Ziel schwebt heute allen vor, innerlieh starke Menschen für ein bewußtes Judentum zu erziehen. Das macht für die Eltern und vielfach auch für die Lehrer eine Umstellung erforderlich, der sie sich nicht entziehen können. Im Vordergründe der Aufgaben stellt heute die Er- Ziehung. Die Berechtigungsschule hat für das jüdische Kind ihre Bedeutung verloren, es braucht in Zukunft menschliche Tüchtigkeit mehr als das Reifezeugnis einer bestimmten Klasse, Erziehung für die Gemeinschaft, nicht Bildung für das persönliehe ״Fortkommen“. Dieses Ziel des Vorwärtskommens oder Ansteigens hat die westliche Welt jetzt mehr als 150 Jahre beherrscht, unter uns Juden nicht etwa nur die vidgeläslerten ,,assimilierten“ deutsehen Juden, sondern auch die ungebrochenen des Ostens geleitet. Rabbi Abraham Danzig, der 1S10 in Wilna seinen Abriß der Halacha, ״Chaje Adam“, verfaßte, begründete die Herausgäbe dieser populären Zusammenstellung damit, daß die jungen Leute in seiner Umgebung sich nicht mehr die Zeit nehmen, gründliche Studien in Talmud und Halacha zu machen, sondern so viele weltliche Bedürfnisse haben, daß sie sich früh mit aller Anstrengung auf das Gddverdienen werfen. Dieses kapitalistische Ziel ist schon lange nicht mehr das Ziel unserer jüdischen Jugend, es kann auch nicht das unserer jüdischen Schulen sein. Die jüdische Schule muß eine jüdische Schule sein, nicht nur jüdisches Wissen, sondern auch jüdische Gesinnung vermitteln, ihren Zöglingen das Rückgrat für diejenige Haltung stärken, die in diesen Blättern mit ״Ja- Sagen zum Judentum“ bezeichnet worden ist. Zu diesem Ziel hat sich auch der jüngst von der Reichs- Vertretung der jüdischen Landesverbände eingesetzte Er- Ziehungsausschuß bekannt, dessen Programm nichts verspricht, was unerreichbar wäre, aber alles, was in sein Arbeitsgebiet einschlägt, umfaßt und jederzeit erweitert werden kann. Der Umfang der Tätigkeit des Erziehungsausschusses hängt von zwei großen Unbekannten ab, von der Stellungnähme der staatlichen Behörden zu jüdischen Schulplänen und von den Geldmitteln, die für solche zur Verfügung stehen werden. Jedes jüdische Schulwerk wird sich auf die bestehenden jüdischen Schulen stützen, sie sind ein wertvoller Besitz und verdienen jede Förderung. Zumal die höheren jüdischen Schulen stellen zumeist auf hohem Niveau, sie hatten es nicht leicht, sich durchzusetzen und konnten sich nur bei Spitzenleistungen behaupten. Die jüdischen Volksschulen litten nur einigermaßen unter der Widerwärtigkeit, daß ihnen alle nur einigermaßen befähigten Kinder nach den Orundschuljahren entzogen wurden, sie werden jetzt mit besserem Material arbeiten und sich weit günstiger entwickeln können. Beide Schularten werden den veränderten Verhältnissen Rechnung tragen müssen. Welcher Bedarf nach neuen Schulgründungen vorliegt und wie weit ihm entsprochen werden kann, läßt sich vorerst nicht übersehen, die Lage ist nach Orten und Ländern verschieden. Die Initiative muß von den Eltern und den Gemeinden ausgehen, sie müssen es begreifen, daß es um ihre ureigenste Angelegenheit, tun das Wohl ihrer Kinder geht. Der Erziehungsatisschuß kann Anregungen geben, allgemeine Richtlinien aufstellcn, Lehr-