Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1933-09-20 · Heft 75-76 (20.9.1933) · p. Seite 547

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 75-76 (20.9.1933)
Date
1933-09-20
Page
Seite 547 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2651273-2653725-2653801--24104-2687037
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

13 Nr. 75/76, 20. IX. 1933 fODfSOHE RUNDSCHAU Seite 545 :11 10 ntrat eben c h pon-! dkcs icutfc greß eben;reßlamit; sie Vorücke lärte, uff?«־ runddein jgenh e ti Oeliunsc veil- Menchtigt ikung 1. t ^ili Koti־ 11 n dw ei einesnnten» illiger arauf» gleich gengreß d be- ו a 1 i- Staate in fang habe mgreß le aus inung, Utätcn ht, ja ie der seiner b 1 e m ingers- 1 Minrumä- deuteiteren ng ist. Volkss des inkheit litiiten- »n des n Ausg an - dem nd den gern ו wo-lle r die Zukunft r deutn Zuen, die enistangelöst, er Juhat er :heidenber das e“. Leiriernann :heinend mg des 1 Thema :raus zu wichtige rage der t kämpft e Sichegegen 3 grund- ,,Dissilinde- Mindere c h t i ־ laß trotz aufrecht- Mindersb&rgem es deutdeutsche 1 in Zu- Aufruf des Rabbinerverbandes Der ״Allgemeine Rabbinerverband" ersucht ans am Abdruck nachstehenden Aufrufes: Im Angesicht unserer Feiertage, der fomim nauroim, dieser Tage, welche Gewißheit und Ehrfurcht In uns erneuern wollen, richten wir ein Wort an untere Gemeinden- Uns umringt eine Zelt, aus der an einen Jeden von uns Sorge und Frage, Leid und Zweifel herantreten, und jeder sucht die Antwort, Jeder blickt nach Hilfe aus. Worin können sie uns gegeben sein? Eines vorerst, vor allem und über allem ist die Antwort, die an uns gerichtet ist, und die uns beisteht: Unsere Seele soll daran festhalten, daß unser Leben und unsere Geschichte in ihrem Bleibenden und Letzten nicht von Menschen bestimmt werden, sondern durch eine höhere Macht Fügung und Lenkung empfangen. ״Sein ist die Weisheit und die Macht. Er ändert Zeit und Stunde.“ Wir können als Juden nicht leben ohne den Glauben an das Wunderbare, an das im Geheimen Wohnende; wir können nicht leben ohne den sicheren Glauben an unseren Gott, dessen Namen, dessen Wesen ist: ״Ich werde sein, der ich sein werde", ״ehje ascher ehje" — ich werde immer bei Euch sein; ich werde Euch nicht verlassen, wenn ihr mich nicht verlaßt. Das ist nicht leichte Zuversicht, sondem Gewißheit, nicht Hoffnungsseligkeit dürfen wir predigen, wo alle Umschau und alle Aussicht uns das Trübsal zeigen. Aber wir dürfen und wir sollen das sagen, was unsere Geschichte uns von Anbeginn, von Geschlecht zu Geschlecht kündet. Sic sagt es uns, daß aus allem Dunkel doch wieder uns das Licht aufging, aus allem Druck die Erhebung, daß wir In aller Not doch innerlich stark und innerlich groß zu sein vermochten. Damit ist die zweite Antwort auch gewährt: Wir wer• den um so mehr uns seelisch aufrichten, je mehr wir einander zu helfen bereit sind. Nur wenn ein großer Opferwiile uns alle erfüllt, werden wir getrost in di« Zukunft blicken können. Kein Jude soll in einer Stunde meinen dürfen, daß er verlassen sei und kein Jude darf daher wähnen, daß er einen verlassen dürfe, um an sieb nur zu denken. Mehr als jedes Wort bedeutet heute di« Tat; wir sprechen oft zuviel und helfen nicht genug. Nicht reden, sondern beistehen ist die erste Auf• gäbe, unsere Gemeinden insgesamt soll diese Entschlossenneit erfassen, jede in ihren Gliedern und alle in ihrer Ein• heit, so daß ein jeder zu seiner Gemeinde steht und jede Gemeinde der anderen zur Seite tritt. Wie kaum je gilt heute das Wort unserer Weisen: Zusammenhalt oder Zusammenbruch! Und ebenso das andere, daß das der Segen ist, durch welchen Gott Bestand gibt: Liebe und Brüder• iichkelt, Frieden und Gemeinschaft. Und schließlich das Letzte der aufrichtenden Antwort; Wenn in jedem das Wissen um jene große Sicherheit und diese große Aufgabe einkehrt, dann wird die Würde ihm zuteil werden, die dem jüdischen Namen seine Ehre bringt, diese seelische Weihe, die dem Juden auch im Aeußeren seine Haltung und, wo es nottut, die Zurückhaltung zu eigen macht. Diese Würde, die wir uns geben, kann niemand uns nehmen, niemand uns mindern. In ihr ist es nicht nur selbstverständliche Pflicht eines jeden, sondern der Ausdruck seines jüdischen Wesens, daß er jedem Ge• setze des Staates die stete Treue beweist — diese Treue, die mehr ist als bloß der Gehorsam —, daß er auf seinem Platze aufrecht seine Schuldigkeit tut, arbeitend und betend für das Wohl des Landes. Feiertage, Tage, die von Bleibendem und Gebietendem zu uns sprechen, kehren zu uns ein. Möge es uns be• schieden werden, daß wir vor Gott ״eingeschrieben werden zu einem guten Jahr!“. Der Allgemeine Rabbinerverband in Deutschland DerChofezCh^ Warschau, 15. September. (J.T.A.) Am 14. Sep• tember ist in Radin der ״Baal Cliofez Chaim“, Rabbi Israel Mcir Hakohen, die größte rabbinische Autorität unserer Zeit, im Aller von 93 Jahren gestorben. Das Begräbnis fand am 17. September in Radin statt. Der ״Baal Chofez Chaim“, wie er Im Hinblick auf sein großes Werk über jüdisches Leben, das seinen Ruhm be• gründet hatte, im Volksmund allgemein genannt wurde, genoß bei der orthodoxen Judenheit der ganzen Welt höchstes Ansehen. Er lebte in äußerster Zurückgezogenheit, Einfachheit und Demut und lehnte alle Ehrungen ab. Niemals hatte er ein offizielles Amt als Rabbiner bekleidet und für seine rabbinische Tätigkeit niemals Entgelt angenommen. Er pflegte das ganze Land zu bereisen, alle jüdischen Städte und Städtchen zu besuchen und dort zur Verbreitung der Kenntnis der jüdischen Lehre seine Bücher zu dem Preise, der ihm gerade geboten wurde, zu verkaufen. Im übrigen erwarb er sich seinen Lebensunterhalt als Kleinkrämer. Als er sich das erste Mal in Radin niedcrließ, eröffnete er einen Heringsladen, später eine Gewürzkrämerei. Als er sali, dal? alle Juden der Stadt seine Kunden wurden und andere Kaufleute darunter Schaden litten, gab er den Laden auf und begann wieder, das Land mit seinen Büchern zu bereisen. Auf das Drängen der Juden von Radin, die darauf bestanden, daß er, wenn er unter ihnen lebe, auch ihr Rabbi sein müsse, nahm er diese Stellung unter zwei Bedingungen an: erstens, daß er keinerlei Gehait von der Gemeinde beziehe und zweitens, daß seine religiösen Ent• Scheidungen für alle bindend sein müßten. Als einmal ein Kadiner Jude sich weigerte, das Urteil des Chofez Chaim anzuerkennen, sandte dieser seinen Rabbinerkontrakt sofort der Gemeinde zurück und übernahm seitdem das Ami nicht mehr. Von jüdischen Organisationen schloß sich der Chofez Chaim bloß der Agudas Jisroel, zn deren rabbinischem Rat er gehörte, an. Sehr tief war seine Verbundenheit mit Pa• last Ina; wiederholt hatte er erwogen, sich dort dauernd niederzulassen. 14. Taeröffnet;iied d«;e Vizessor Dt. AntireligtSse Kampagne in Sow|etrnßland Moskau, 13. September. (J.T.A.) Der oberste Rat der Handwerker-Kooperative für die Sowjetunion hat beschlossen, anläßlich der bevorstehenden hohen jüdischen Feiertage ein« umfangreiche antireligiöse Kampagne durchzuführen. Es sollen in diesen Tagen überall Handwerkerversammlungen veranstaltet werden, In denen Fragen der Verbesserung der technischen Produktion und der gewerblichen Kooperativ« besprochen, sowie der Kampf gegen das ״religiöse und chauvinistische Gift“ proklamiert werden sollen. Gericht und Erneuerung ״Heute ist die Welt an der Geburt, heute stellt Er ins Gericht alle Lebensgebilde der Welten״ Zum erstenmal seit den Vorgängen, die es als seine Emanzipation zu bezeichnen pflegt, erlebt das deutsche Judentum den Tag des Gerichts und der Erneuerung in einer großen Notzeit. Erlebt es ihn? Weiß es auch nur wirklich, daß es der Tag des Gerichts und der Erneuerung, der Tag der Erneuerung durch Gericht ist? Unter allen Festen der Erdenvölker gibt es nur diesen Judentag, in dem die erhabene und furchtbare Wahrheit sich darstellt, daß allen Lebensgebildcn der Welten je und je die Erneuerung naht, aber in der Gestalt des Gerichts. Die Erneuerung der Schöpfung — der Schöpfung, von der es heißt, sie sei einst an diesem Tag ins Dasein getreten — vollzieht sich an diesem Tag durch die Erneuerung der Seelen. Sie werden ins Gericht gestellt; bestehen sie darin, werden sie erneuert. Aber sie bestehen nicht dann im Gericht, wenn sie zu erweisen unternehmen, sie seien schuldlos, vielmehr dann, wenn sie mit ihrem ganzen, Ins auf den Grund aufgerührten Wesen ihre Schuld erkennen, bekennen und sich von ihr abkehren; indem sie sich schuldig befinden, bestehen sie im Gericht. Diese Wendüng de! ins Gericht gestellten Seele heißt ihre Umkehr. Am Tag des Neuen Jahres kehrt die Welt in ihren Urzustand zurück, von dem aus es sich entscheidet, ob sic neu ins Dasein tritt oder verfällt; die Entscheidung aber hängt an der Umkehr. Die Umkehr, so lehren unsere Weisen, ist älter als die Welt. Denn ehe noch die Welt erschaffen war, wurde für sie der Weg bereitet, auf dem sic je und je dem Tode entgeht und die Wiedergeburt erfährt. Indem der Mensch, ihr Abgesandter, umkehrt, wird er erneuert und durch ihn die Well. Jeder Neujahrstag ist ״Gedächtnis des ersten Tags“. Wieder ist Finsternis über allem. Aber die Posaune, die mit dem Ruf zur Umkehr beginnt und mit der Ankündigung der geschehenen endet, durchstößt die Finsternis, und Licht wird. Weiß die deutsche Judenheit noch, was dieser Tag ist? weiß sie, daß das, was er aussagt, nicht Bilder der religiösen Sprache, sondern allerunmittelbarste Wirklichkeit ist? An diesem Tag klärt sichs gewaltig, daß in dem Gericht sieh das Angebot der Erneuerung birgt. Das deutsche Judentum ist ins Gericht gestellt; besteht es darin, wird ihm Erneuerung werden. Was tun die deutschen Juden, um im Gericht zu bestehen? Kehren sie um? Oder begnügt sich ein jeder damit, sich und aller Welt zu beteuern, daß er schuldlos sei? Ein teils leichtes, teils müßiges Beginnen, wenn mit ״Schuld“ die gemeint ist, deren er von draußen bezichtigt wird! Aber ein hoffnungsloses, wenn es um die geht, die man von innen her kennt! Um die Lauheit des Judeseins, um die Lässigkeit des Gemeinschaftssinns, um die geschäftige Zweckbesessenheit, um die leere Lebensgier, um das unverbindliche Kluggeschwätz, um die ehrfurchtslose Selbstsicherhel!., um die ״Trägheit des Herzens“! Und die frei sind von alledem? Keiner ist frei von Schuld, keiner darf sich entziehen. Wer wagte es, wenn, er im Sündenbekenntnis spricht: ״Wir sind treulos gewesen“, zu denken: ״Das betrifft mich nicht mit“, und wenn er spricht: ״Wir haben geraubt“, zu denken: ״Daran habe ich nicht teil“! Wir bekennen: ״Wahrlich, wir sind’s, die gesündigt haben“, nicht jeder für sich: ״Ich bins“, sondern gemeinsam dieses ״Wir“, weil ״all Israel Ein Leib ist und jeder einzelne von Israel ein Glied daran, und das ist die Bürgschaft, mit der wir für einander, die Sündigen, bürgen“. Wir stehen nicht einzeln im Gericht, sondern jeder als Israel, und nicht einzeln werden wir, wenn wir bestehen, die Erneuerung empfangen. Werden wir bestehen? Das Unheil, das über die deutsche Judenheit gekommen ist, hat aus ihr, die keine Gemeinschaft mehr war, bislang noch nicht wieder eine Gemeinschaft gemacht. Jeder von uns ieidet seine Not, leidet die der Vertrauten mit, aber wer von uns erleidet die Not der Gesamtheit״ der der Modus ihrer Existenz, die schicksalhafte, durch Leben und Werk beglaubigte Symbiose mit dem deutschen Volk, zerstört worden ist? wer von uns nimmt die Last der plötzlich ungeheuer getürmten Problematik auf sieh? wer erkennt seine eigne Schuld daran, bekennt sie, kehrt sich von ihr ab? wer kehrt um, so um, daß in ihm, durch ihn sich die Umkehr der Gesamtheit begibt? Jeder von uns sinnt, wie er sich und die Seinen bewahre; wer bewahrt das deutsche Judentum im Gericht, wer setzt sieh ein, daß es erneuert werde? ״Bläst man je in der Stadt die Posaune“, fragt Amos, ״und das Volk, sie schrecken nicht auf?“ Sie schrecken auf, aber nicht als Volk. Finsternis ist über allem, und die Posaune vermag sie nicht zu durchstoßen. Aber dringender als an alle ergeht an euch das Wort, die ihr euch Vertreter und Führer dieser Judenschaft nennt. Ich sehe manchen von euch den Geschäften seiner Gruppe oder seines Griippchens nachgehen, als wäre nichts geschehen, manchen von euch das Getriebe der unorganischen Organisation ahnungslos weitertreiben. Ich sehe manchen virtuos wie immer dem Ernstmachen ausweiehen und andern den Weg dazu versperren. Wie lange noch? Der Tag des Gerichts und der Erneuerung ist angebrochen. Heute ist die Welt an der Geburt. D , Martin Buber

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.