Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 74 (15.9.1933)
- Date
- 1933-09-15
- Page
- Seite 525 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 74, 15. IX. 1933 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 531 Kampf um Hebräisch Schulvorstand der Berliner Gemeinde und Elternschaft Die Auflösung des deutschen Judentums Von Dr. Felix A. Th eil h ab er. Es klingt widerspruchsvoll, wenn wir bei der Existenz von über einer halben Million deutscher Juden von *einer absterbenden Gemeinschaft sprechen, wenn wir eine Seibstauflöstmg annehmen, die schon vor dem 1. April 1933 nicht mehr aufzuhalten war. Die ZaJrlen, die wir hier anführen, sind aber so sprechend, daß auch der Laie ihren Sinn verstehen wird. Der Kulminationspunkt der jüdischen Geburtenzijfern in Preußen war im Jahre 1376 mit 11 000 ehelichen jüdischen Geburten. Heute sind die damals Geborenen 57 Jahre alt, und dieser Jahrgang ist der am besten besetzte. , Die späteren Jahre nach 1876 hatten zuerst eine mäßig sinkende Geburtenziffer, die zum Teil durch günstigere Kindersterblichkeit ausgeglichen wurde. Ferner füllten die Alters- Hassender Herangereiften zuwandernde Ostjudeu auf. Wir haben keine genaue Auszählung der älteren Personen; aus der Sterblichkeit aber ersehen wir, daß vorwiegend ältere Leute sterben, die aus den Zeiten mit geringeren Geburts- Ziffern — vor dem Kulminationspunkt — stammen. Es muß die Sterblichkeit anziehen sobald die' hochbesetzten Jahrgänge von 1876—1890 zum Absterben kommen. Wir beabsichtigen hier keine abstrakte Statistik zu treiben und können vorerst vernachlässigen, ob und wieviel die heute zirka 6000 Personen jährlich umfassende St erblieh keit sich noch steigert. Betrachten wir statt dessen mit etwas Vorstellungsvermögen die Kurve der Geburtenzitfern. In langsamem, aber absolut gesetzmäßigem Sinken war die Geburtenziffer von 1876 bis 1914 von 11000 auf die Hälfte, auf 5500 bis 6000 herabgesunken, eine Ziffer, die in der ersten Zeit nach dem Krieg noch gehalten wurde. Ehe wir die Entwicklung der Geburtenkurve aber weiter verfolgen, seien noch einige allgemeine Betrachtungen vorausgeschickt. Wir leben im Zeitalter der Technik und Rationalisierung, die im ganzen Wirtschaftsleben ihre Geltung gefunden haben und daher auch eine Beeinflussung der Eheschließung und Kinderzeugung ausüben. Die ökonomischen Einflüsse müssen sich in einem Milieu auswirken, in dem der Besitz von Bedeutung für die Lebcnsgcstaltung wird. Die Geburtenein- Schränkung ist ein Mittel zum Aufstieg. Sie ist eine umgekehrte Lebensversicherung, eine Sicherung?ii r d a s Leben. Die Unsicherheit der Berufsaussichten, vermehrt in den Jahren der Inflation, heiligte die Selbstbescheidung. Je zerrissener die Wirtschaftsentwicklung wurde und Sprunghafter jede Wirtschaftsblütej sowie je katastrophaler der Verfall alter und bewährter Erwerbszweige, um so unsicherer wurde jede Grundlage der bürgerlichen Existenz. Dazu kam, daß die späte Eheschließung der Mädchen, die ihre Lebensaufgabe im eigenen Beruf außerhalb des Hauses entdeckten, den Rahmen des idyllischen Familienlebens sprengte. An die Stelle der Gemeinschaft trat die auf sich gestellte Persönlichkeit. War in der behäbigen Welt des jüdischen Hauses am Ende des vorigen Jahrhunderts noch Piatz für drei Kinder, so seidenen um die Jahrhundertwende in die moderne Behausung des Akademikers, des Fabrikanten oder des kautmännisehen Angestellten zwei individuell zu erziehende Kinder nur noch zu passen. Aus dem Krieg waren ganze Jahrgänge nach Haus gekommen, mit dem Vorsatz, ein standesgemäßes Auskommen zu suchen. Aber die Welt kam nicht zur Ruhe; das behagliche Glück der gesicherten Existenz ward wenigen zu teil. Täglich kamen neue Schwierigkeiten; Einnahmen und Verdienstmöglichkeiten änderten sich über Nacht; das Gespenst der Arbeitelosigkeit, der Entwertung aller Werte, kurz alles, was Lebensangst macht und das Verantwortungsgefühl belastet, nahm zu. Der unerbittliche Kampf ums Dasein mußte dm Kinderlosen leichter fallen, mußte es jedem am bequemsten erscheinen lassen, diejenigen Ausgaben zu verhüten, die das eigene Wohlsein am meisten schmälerten. So zog, oft nur als Uebergangsepoche gedacht, die kinderlose Ehe ins Land. Jetzt können wir uns wieder in die Tabellen versenken. Philinpsthal hat die neuesten Ziffern im ״Archiv für soziale Hygiene und Demographie“, Band VIII, 1933, veröffentlicht und Direktor Dr. Brugdorffer hat mir Zahlen für 1931 zur Verfügung gestellt. Nach Philippsthal ist die Geburtenziffer in Preußen 1930: 3004. — 1931 dagegen wurden in Preußen geboren in jüdischen E h e n 2712 Kinder. (Dazu kamen noch 195 uneheliche und 521 Kinder in Mischehen.) Das bedeutet, daß in ganz Deutschland im Jahre 1931 insgesamt zirka 4000 Kinder von jüdischen Müttern (ehelich resp. unehelich) sowie zirka 703 Kinder in Mischehen geboren wurden. Nach Abzug der Säuglings- und Kindersterblichkeit dürften von dem Jahrgang 1931 etwa 3600 rein jüdische und 600 Kinder aus Mischehen reif werden. Wenn wir 2•! der Kinder aus Mischehen zu den Juden rechnen, so ist ziffernmäßig der Nachwuchs aus dem Jahre 1931 in ganz Deutschland 4000 Kopie groß. Wir wissen aus der Statistik, daß der jeweilige Prozent- Satz der jüdischen Geburten von Berlin sich wenige Jahre später auch bei den Juden des übrigen Deutschlands durchsetzt. Nach P h i 1 i p p s 111 a! gab ,es 1931 in Berlin 958 jüdi sehe Geburten! In Berlin lebten!931/32 die Hälfte der preußischen Juden, von den jüngeren und zeugungskräftigen Elementen, die vielfach aus kleineren und größeren Orten nach dor Hauptstadt eingewandert waren, dürften waiirscheinlich bereits über 50 in Berlin gewesen sein. Genaue Ziffern darüber besitzen wir nicht. 1925 wurden schon 43 ״/o der preußischen Juden in Berlin angetroffen, wobei bereits die 20—40jährigen in Berlin stärker vertreten waren als in der Provinz. Durch eine Enquete des preußischen Landesamtes (1928) konnte ich zeigen, daß stellenweise kleine Gemeinden nur noch ältere Leute aufwiesen. Isrt? also die Tendenz der Geburtenziffern der Berlin«■ Juden maßgebend für Deutschland, so mußte die Geburten- Ziffer etwa um das Jahr 1033 die doppelte Geburtenzalit von Berlin für Preußen und die deutsche für das Reich, also für Preußen 205)0 und für Deutschland 3000 sein. Diese Zahlen spiegeln die Reaktion aut den Einfluß der Wirtschaftskrise von 1930—1932 wider. Die vorher für Deutschland gebrauchten Ziffern von 1930/31 sind ja noch zum Teil 1920 gezeugt, entstammen früher geschlossenen Ehen, sie sind noch nicht der letzte Ausdruck, die Anpassung an die inzwischen erfolgte Wirtschaftsverschlcchteruiig. Bayern — mit seinen 279 Geburten pro 1931 — beherbergi den elften Teil der deutschen Juden. Dabei besitzt Bayern noch einige hundert Gemeinden in Kleinstädten wie Dörfern pnd hatte trotzdem eine Geburtenquote von 6 %>. ebenso groß wie Berlin. Bei einer entsprechenden Geburtlichkeit für ganz Deutschland kämen wir zu 3900 jüdischen Gebürten für ganz Deutschland, so wie wir diese Zahl bereits nach den Ziffern von Berlin berechnet hatten. In ein paar Jahren, wenn die Ziffern des Jahres 1933 veröffentlicht werden, wird sich herausstellen, daß die Geburtenzahl in ganz Deutschland den Verhältnissen Berlins und Bayerns von 1931 gefolgt ist, wobei wir noch außer acht ließen, daß die weitere Wirtschaftsverschlechteriuig den Anteil von Berlin und Bayern inzwischen bereite noch mehr hcrabsetzte. Die Geburtenziffer war für 1933 also gewissermaßen noch zu hoch geschätzt Sie mußte — auch ohne die Am 13. Sepl. fand eint Beratung der Elternheirätc der Volks- und Mittelschulen der Berliner Jüdischen Gemeinde statt, die sich mit der Frage einer Eriveiterung des hebräischen Unterrichts l>eschäjtigte und in einer Resolution vom Schulvorstand der Gemeinde die Einführung der täglichen Hehräisch-Stunde verlangte. Die Auseinandersetzung zwischen einer Gruppe, die ehemals weite Kreise des deutschen Judentums repräsentierte und sich auch heute noch in wichtigen Aemtern befindet, da die Veränderungen auf dem Gebiete des Organisationslebens der deutschen Juden infolge des auf diesem Gebiete sich auswirkenden Trägheitsgesetzes langsamer vor sich gehen, als im Fühlen der jüdischen Massen selbst, und zwischen dem wirklichen Volkswillen der Mehrheit der deutscher! Juden spielt sich zum Teil auf Gebieten ab, die dem öffentliehen Urteil nicht besonders gut zugänglich sind, da es sich bei ihnen vielfach um Maßnahmen der innerjüdischen Verwaltung handelt. Ein gutes Beispiel für die gewaltigen Wandlungen, die die Gesamtheit der deutschen Juden in den letzten Monaten durchgemacht hat, ist die Haltung zur j ü d i - sehen Schule. Es gibt heute kaum jemanden, der nicht die Bedeutung des Aushaus jüdischer Schulen anerkennen würde. Dies gilt auch für die Berliner Reform-Liberalen; hat doch sogar Herr Woyda vor kurzem anerkannt, daß auch der, der früher vielleicht ein Gegner der jüdischen Schule gewesen sei, sich heute zu ihr bekennen müsse. Eine derartige Stellungnahme eines typischen Vertreters des Assinrilationsjudentums wollen wir fcstlialten; ist es doch noch gar nicht so lange her, daß die in der Berliner Gemeinde auf Grund der Wahlergebnisse, die in einer anders gearteten Zeit erzielt wurden, herrschenden Liberalen mit aller Macht bestrebt waren, nicht nur die Wünsche weitester jüdischer Kreise in Berlin auf Erweiterung des jüdischen Scluilnetzes einzudämmen, sondern darüber hinaus das vorhandene jüdische Schulwcrk abzubauen. Noch kurz vor dem großen Umschwung in Deutschland wurden die berühmten ״Sparmaßnahmen“ ins Feld geführt, um Einschränkungen des jüdischen Scbulwerks der Gemeinde vor der ()öffentlichkeit zu begründen. Heute ist das allerdings selbst für die Assimilation«־ Liberalen nicht mehr möglich! Sie haben erkannt, daß ihre Politik Schilfkruch erlitten hat, und fühlen instinktiv, daß die Forderungen der übergroßen Mehrheit der Gemeindemitglicder auch von ihnen in gewissem Umfange erfüllt werden müssen, wenn sie sich überhaupt noch an der Macht zu halten wünsehen, Die Auseinandersetzung ist jedoch nunmehr auf eine andere Ebene verlegt worden: Es geht nicht mehr darum, ob das Schul werk der Gemeinde überhaupt erhalten werden soll, sondern darum, welchen Inhalt die in den Schulen vermittelte Erziehung haben muß. Die in der Gemeinde herrschende Gruppe der Liberalen ist zwar bereit, Schulen für Juden anzuerkennen, aber sie fühlt nicht, daß diese Schulen nur dann sinnvoll wirken können, wenn sie dem Wesen nach jüdische Schulen sind, die unseren Kindern eine wirkliche Beziehung zum lebendigen Judentum gehen. Der Kampf wird zwischen der Mehrheit der jüdischen Elternschaft Berlins und dem Schulvorstand der Gemeinde geführt. Sein wichtigstes Objekt ist die Frage deT A u s g e - staltung de» hebräischen Unterrichts. Die Eltern haben unter dem Eindruck der äußeren Ereignisse und ihrer Rückwirkung auf das materielle und das seelische Schicksal ihrer Kinder erkannt, daß die jüdische Schule ein Höchstmaß an jüdischem Wissen den Kindern vermitteln soll, soweit dies im Rahmen der gesetzlichen Vorschriften möglieh ist. Sie wissen, daß die Erlernung des Neuhebräischen für einen erheblichen Teil der jüdischen Jugend praktisch von der allergrößten Bedeutung ist, da die heranwachsenden Generationen ihr persönliches Schicksal mit Palästina verbinden wollen. Sie wissen weiterhin, daß ein gut fundierter hebräischer Unterricht das entschcidende Mittel ist, um der Jugend die Verbindung mit dem Kulturgut des Judentums zu ermöglichen. Auch die Lehrerschaft hat die Bedeutung dieser Angelegenheit erkannt und ganz konkrete Vorschläge gemacht, die dahin gehen, ohne zu große finanzielle Mehrbelastung der Gemeinde und ohne Schwierigkeiten für den gesamten Lehrplan dem hebräischen Unterricht die ihm zukommende Stelle anzuweisen. Trotzdem sind die Dinge bisher nicht vom Fleck gekommen. Daß es möglich ist, wirkliche Erfolge auf diesem Gebiete zu erzielen, beweist, die Volksschule Rykes t r a ß c, die allerdings in einer Zeit gegründet worden ist, als die in der Gemeindeverwaltung und im Schulvorstand maßgebenden Persönlichkeiten Kreisen angehörten, die für die wirklichen Bedürfnisse des Berliner Judentums Verstandnis hatten.. Die Erregung unter den Eltern der Schüler, di*■ die Schulen der jüdischen Gemeinde besuchen, ist daher aufs höchste gestiegen. Sie kam am 13. d. M. zum Teil sehr drastisch bei einer Beratung zum Ausdruck, an der die Elternbcir&te der Schulen Auguststraße, Gr. Hatnburper Straße, Kaiserstraße und Rykestraße teilnahmcn. Bei dieser Sitzung wurde eindringlich darüber Klage geführt, daß insbesondere der Versuch, den hebräischen Unterricht an der Schule Auguststraße neu zu gestalten, bisher daran seheitertc, daß der Schulvorstand der Gemeinde die Sache höchst dilatorisch behandelt, hat. Während sich in der Umwelt die bedeutsamsten Vorgänge abspielen und auf das tägliche Leben der jüdischen Jugend rückwirken, mangelt es anscheinend bei den in der Gemeinde heute Verantwortlichen an dem notwendigen Verständnis für die Lage und die Fordern!!- gen, die sich aus ihr im Interesse der Jugenderziehung ergeben. Die erwähnte Versammlung der Elternbeiräte, in der die Entrüstung der Elternschaft über diese Haitung des Schulvorstandes zum Ausdruck kam, nahm daher folgende Resolution an: ״Die ElterribelrSte der Schulen Auguststraße, Große Hamburger Straße, Kaiserstraße und Rykestraße richten an den Schulvorstand die dringende Forderung, für eine Er- Weiterung des hebräischen Unterrichts an den Schulen der Gemeinde zu sorgen. Gründliche Kenntnis des Hebräischen ist eine Lebensfrage für unsere Kinder und die Forderung der Elternschaft. Die Unterzeichneten Elternbeiräte als die Beauftragten der Gesamtelternschaft fordern für das beginnende Winterhalbjahr die Einführung der täglichen HebrSisch-Stunde sowie die durch die verstärkte Betonung des Neuhebräischen notwendig gewordene Einführung der sephardischen Aussprache.“ Wir müssen unsererseits die Hoffnung aussprechen, daß die zuständigen Stellen der Gemeinde sich dieser Forderung der Elternschaft nicht verschließen werden. Wenn cs schon ein schwer erträglicher Zustand ist, daß über entscheidende Angelegenheiten des deutschen Judentums von einer Gruppe bestimmtfwird, deren Kontakt mit den breiten Kreisen der jüdischen Bevölkerung nur so gering ist, daß man sie überhaupt erst in einem scharfen Tone an ihre Pflichten erinnern muß, »o ist es höchste Zeit, daß sie einer solchen Ermahnung ungesäumt Folge leistet! 11!111{1n111M11mn1nHn11111111׳i111111111111w1mH1m111m1111m11!11111111111111111111m111111111111111111n111111111i111111111M111M1111H1111111111111111111111111111111:1111111111111111111i1111111[111111[1111111111111i111111111111111111111111111i111111111[111111111111111111111111111111111111111111111111111111 neuen Ereignisse — an sich selbst unter diese Ziffern sinken! Wir müssen also annchmen, daß der Geburtenstand für das Jahr 1933 mit 3090 Geborenen in ganz Deutschfand — auch ohne die Umwälzung— im Abgleiten sich befand. Was sich inzwischen ereignete, hat sicher für die Juden keine Belebung der Famiüenbildnng mit sich gebracht. Das Sinken der Geburten erschien weiten Kreisen der National- Ökonomen mid der Politiker bislang als graue Theorie. Die jüdische NataMnt, die vor 109 Jahren 33 von 1090 betrug, war 1931 in Berlin und Bayern auf 6 °A>f> gesunken. Damit war der Weg zum Nullpunkt zu Vs bereits überschritten. Nun müssen wir — wenn nicht alle bisherige Erfahrung täuscht — an sich mit einer Reduktion rechnen, die ich mit einer weiteren Halbierung der Geburtenzahlen veranschlage. In verschiedenen Arbeiten ist der Nachweis erbracht, daß die Ostjuden einen übermäßigen Anteil an den Geburten stellten. Ein Zustrom von Ostjwlen ist nicht mehr zu erwarten, von den in Deutschland lebenden ist ein Teil der Jimgcren bereits wieder abgewandert. Auch von der einheimisehen Judenschalt wird in den nächsten Jahren ein erheblicher Prozentsatz ins Ausland gehen und gerade die Masse der heiratsfähigen Elemente vermindern. Die Geburtenziffer, die wir auf Grund der Einstellung der deutschen Juden zur Geburten frage für das Jahr 1933/31 vorntisberechnen, muß daher ab 1935 noch wesentlich vermindert werden, weil die zeugungsfähigen Kreise numerisch zusammenschrumpfcn. Damit wird die Geb urteil zahl erst recht vollkommen belanglos. Sie muß auf resp. unter 1000 Geburten sinken. Es ist keine große Prophetie, wenn wir aus allem ein Versiegen der Volksvermehrung Voraussagen und das Jahr 1934 als das Jahr bezeichnen, von dem an bei den deutschen Juden ein Rückgang der jüngsten Jahrgänge in gewaltigem Ausmaße beginnen wird. Wir wollen nunmehr kurz die Sterblichkeit Studieren. Sie betrug in den letzten Jahren durchschnittlich 6000 in Preußen uni! zirka 801)0 in Deutschland. 1931 überwog also die Sterblichkeit die Geburten ums Doppelte. Vermutlich steigt die Sterblichkeit infolge der stärker werdenden Be- Setzung der höheren Altersklassen. Sinkt die Geburtenziffer, wie wir als sicher annehmen müssen, auf 1500, so besteht eine Uebcrsterblichkcit von 7000 oder in zehn Jahren von rund 70 000 Seelen. Diese Tatsachen beleuchten klar die bevölkerungspolitische Seite der deutschen Judenfrage. Anläßlich einer großen religiösen Feier in Augustow, die von vielen Tausenden Menschen, darunter eine große Zahl von Geistlichen, besucht war, hielt der Erzbischof von Wilna, Jalbys/kowski, eine Absprache, in der er sich auch mit der Judentrage befaßte.’ Der Erzbischof erklärte u. a., das polnische Volk dürfe sich an dem Judenhaß anderer Länder kein Beispiel nehmen und müsse allen Bürgern des Landes ohne Unterschied des Bekenntnisses und der Nationalität mit Achtung und Liebe begegnen. UnfjesWrte Arbeit der jüdischer» Jugendverbände De- Reichs ausschuß der Jüdischen Jugendverbände E. V. teilt folgendes mit: ״Die jüdischen Jugendverbände und Jugendgruppen haben entsprechend der bekannten Anordnung der Jugendfülirung des Deutschen Reiches zum 15. Juli 1933 ordnungsgemäß ihre Anmeldungen vollzogen. Iin Organ des Reichsjugendführers (״Das junge Deutschland'‘ vom August 1933) wird hierüber innerhalb eines Aufsatzes über die Anmeldungen der gesamten deutschen Jugendvcrbändc folgendes mitgeteilt: ״Den jüdischen .Jugendverbänden muß nachgesagt werden. daß sie sich einer besonders genauen und sauberen Meldung befleißigt haben. Man geht wohl nicht fehl in der Annahme, wenn man dieses Bemühen darauf zurückführt, auf jeden Fall eine Unterlassungssünde auszuschalten, die vielleicht einen Ausfall hätte zur Folge haben können. Noch weisen die jüdischen Jugendverbände mit ihren verschiedenen Richtungen eine äußerste Zersplitterung auf, aber in allernächster Zeit soll auch hier eine alle Verbände umlassende Dachorganisation geschaffen werden.“ Aus dieser Mitteilung geht hervor, daß die angemeldeten Bünde ihre Arbeit ungestört weiterführen können. Von interessierter Seite ist in einzelnen Bezirken verbreitet worden, daß nur Jugendgruppen des Rcichsbundes jüdischer Frontsoldaten (R. j. F.) bzw. dieser Organisation angeschlossenc Gruppen, ihre Arbeit fortführen dürfen. Diese Darsiclhing ist unrichtig und entbehrt jeder tatsächlichen Begründun g.“__ Ein Makkabi-Sieg bei den Stndenlenwellmeislerschaflen in Turin Bei den in Turin ausgetragenen Weltmeisterschaften der Studenten errang der bekannte Makkabimcistcr Engel (Hagibor, Prag) einen überraschenden Erfolg. Im 200-m-Laufen wurde er in der ausgezeichneten Zeit von 22,01 Sek. trotz trübem, regnerischem Wetter Studentenweltmcister. In einem erbitterten Finish rang Engel die beiden international bekannten Läufer Pflug (Deutschland) und Ferrario (Italien) nieder und errang durch diese Leistung einen großen Erfolg für die jüdische Sportbewegung. Beileid der Jewish Agency zum Tode König Feisais Jerusalem, 10. Scpt. (J. T. A.) Die Jewish Agency für Palästina hat anläßlich des Todes König Feisais voii Irak an die königliche Familie und an den Ministcrpräsideuten von Irak Beileidstelegramme gerichtet, in denen dem Volk von Irak das tiefe Mitgefühl des jüdischen Volkes anläßlich des Todes des Königs ausgesprochen wird. Ferner hat die Jewish Agency ein Beileidstelegramm an den älteren Bruder des verstorbenen Königs, Emir Abdullah von Trans jordanien, gesandt. Auch der Waad L e 1! m i hat ein Beileidstelegramm an den Ministerpräsidenten des Irak gerichtet,