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Jüdische Rundschau · 1933-09-08 · Heft 72 (8.9.1933) · p. Seite 501

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 72 (8.9.1933)
Date
1933-09-08
Page
Seite 501 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 72. 8 IX. 1933 jüdische Rundschau Seite 499 Unbegreifliche Taktlosigkeit Erbauliches von einem Gemeindeabend Letzten Wontag fand in Berlin ein Gemeindeabend der Jüdischen Gemeinde Berlin statt, bei dem mehrere Führer der in der Gemeinde heute herrschenden liberalen Partei über die Aufgaben der Gemeinde — wie sie sie verstehen — sprechen sollten. Der Ort der Veranstaltung■, die altehrwürdige Synagoge in der Oranienburger Straße, legt natürlich den Teilnehmern gewisse Verpflichtungen auf, zu denen auch gehört, daß man, dem altjüdischen Brauch entsprechend, mit einer Kopfbedeckung erscheint. Die Art lind Weise, wie die heute in der Gemeinde herrschende Partei selbst in einer für das Judentum so schweren und ernsten Zeit die Gefühle der breiten jüdischen Schichten zu verletzen sich nicht scheut, wurde in einer beschämenden und bedauerlichen Weise durch das Verhalten eines der Redner, des Herrn Bruno Woyda, offenbart. Dieser Herr betrat das Rednerpult, in diesem Falle die Kanzel, demonstrativ ohne Kopfbedeckung. Das Befremden der Hörerschaft steigerte sich zu immer größerer Unruhe, als sich zeigte, daß Herr Woyda nicht aus Gedankenlosigkeit, sondern mit voller Ueberlcgung gehandelt hat. Er weigerte sich auch nach Aufforderung, dem Wunsche der Versammlung und dem Gebot primitivsten Taktgefühls, in einer jüdischen Versammlung in der Synagoge sich dein Gemcinschaftshraucli anzupassen, nachzukommen. Durch diese unverantwortliche Handlungsweise setzte er die Veranstaltung der Jüdischen Gemeinde der Gefahr aus, in einem Tumult zu enden. Nur dein schnellen Eingreifen anderer Funktionäre gelang es, Woyda zum Verlassen der Kanzel zu bewegen und einen anderen Programmpunkt einzusclialten, wonach dann später Herr Woyda sich durch offenbar weitsichtigere Parteigenossen bewegen ließ, ein Käppchen aufzusetzen; das Publikum war tolerant genug, nach dieser Pro'vokation seine Rede noch anzuhören. Der Zwischenfall ist charakteristisch genug, um zu zeigen, wie wenig die liberale Gruppe das Recht hat, Ansprüche auf Führung des Judentums in dieser Zeit zu stellen. Es ist eine völlig volksfremie Gruppe. Herrschafts- Ansprüche wurden natürlich von den Rednern der Ver- Sammlung fiir sich erhoben. Die liberalen Herren setzen ihre Hoffnung auf die äußeren Umstände, die cs unmöglich machen, jetzt, neue Wahlen zu veranstalten. Ein Piebiszit der Berliner Juden würde heute zweifellos diese Machthaber der Jüdischen Gemeinde spurlos hinwegfegen. Die deutschen Juden haben sehr viel Neues gelernt; sie haben eingesehen, wie sie von ihren früheren Führern getäuscht und preisgegeben worden sind. Wer selbst nicht den geringsten Einblick in das wirkliche Wesen des Judenproblems hat, kann die Juden weder führen, noch kann er ihnen helfen, am allerwenigsten kann er die jüdische Ehre in schwerer Zeit verteidigen. Die Berliner Gemeinde-Liberalen spüren deutlich den Niedergang ihrer Bedeutung-, die einer vergangenen Zeit angehörte. Wenn sie aber schon selbst nichts zu schaffen vermögen, so wollen sie wenigstens eine Organisierung des deutsehen Judentums nach anderen Gesichtspunkten und mit neuen Ideen stören. In diesem Sinne sind wahrscheinlich auch die Reden von Montag als gegen die im Zuge befindliehen Versuche einer jüdischen Neugruppierung gerichtet zu betrachten. Die Masse des deutschen Judentums weiß aber, daß es heute um viel zu lebenswichtige Gebiete und Fragen geht, als daß man der alten Vereinsmeierei weiter ihr Spiel gestatten dürfte. Wenn es auch langsam geht, unter Schwierigkeiten und Anstrengungen werden die deutschen Juden schließlich sich doch jene Führung schaffen, die den Aufgaben der Zeit entspricht. ״Mindestens einmal im Monat" in der ״Jüdischen Zeitung von Mittelsachsen“ (Chemnitz) finden wir eine amtliche Bekanntmachung der Israeliti• sehen Religio 11 sgemei 11 de zu Chemnitz, die festgehalten 211 werden verdient, weil an solchen kleinen Beispielen künftige Geschlechter einmal Schlüsse ziehen können auf die Mentalität der deutschen Juden in dieser Zeit, in dieser Bekanntmachung wird zu stärkerer Beteiligung am Gottesdienst aufgerufen, aber in welcher Form! Da hören wir: ״Den kleinen Zeitverlust einer Stunde Synagogenbesuch kann jeder verschmerzen.“ Weiter heißt es: ״Die besondere Not des Judentums fordert jetzt mehr als je, daß wir uns oft zusammenfinden; statt dessen geschieht dies seltener als früher! Die Synagoge ist heute der einzige Ort, an dem wir unsere Gemeinschaft pflegen und uns in unseren Idealen iestigen können.“ Was erwartet man nicht nach dieser Einleitung! Und nun kommt die großartige Eröffnung: Der ״Vorstand der Israelitischen Religionsgemcinde zu Chemnitz“ hat einen wahrhaft erschütternden Entschluß gefaßt. Er teilt mit: ״Wir wollen auch hierin unserer Gemeinde als Führer vorangehen und haben uns deshalb vorgenommen, selber künftig mindestens einmal Im Monat den Gottesdienst zu besuchen. Wir bitten alle Gemeinde-Angehörigen, uns darin zu folgen und dies als Ehrenpflicht jedes Juden und jeder Jüdin in dieser schweren Zeit anzusehen'“ Es hat wahrhaftig große Not über das deutsche Judentum kommen müssen, um in den Religionsvätern von Chemnitz den Entschluß reifen zu lassen, einmal im Monat (!) den Gottesdienst (notabene: den ״einzigen Ort“Jüdischer Betätigung) zu besuchen. Wir würden uns dabei nicht aufhalten, wenn es nicht den Anschein hätte, als ob diese Gemeindeführer glaubten, dadurch nun auch ihrer Pflichten gegenüber dem Judentum ledig geworden zu sein. Wir leben aber in einer Zeit, wo das Judenproblem wahrhaftig nicht durch solche Mittel zu lösen ist. Man muß schon etwas größere Anforderungen an sich selbst stellen, wenn man als Jude iti dieser Zeit eine führende Stellung in der Gemeinschaft beansprucht. I Beachten Sie | unseren Inseratenteil Volk oder Religion? (Anläßlich des hebräisch geschriebenen Werkes von Jecheskiel Kaufmann, betitelt ״Diaspora und Fremde“. Tel-Awiw 1932, Verlag ״Dwir“.) Von Dr. Raphael Seligmann. Bis zur großen französischen Revolution und auch etwas darüber hinaus galten die Juden in der abendländischen Welt bald als Volk, bald als Religionsgemeinschaft —■ je nach den zufälligen Aspekten, in denen die jüdische Wirkiichkeit sich den Völkern des Abendlandes darbot. Jedenfalls wußten diese Völker nicht recht, mit was für eine Art von Gemeinschaft sie es hier zu tun, und wie sie diese zu qualifizieren haben. Die Juden selber wußten es ebensowenig — wenn man unter Wissen durchaus ein Verstandesmäßig-begriffliches Erkennen verstehen will. Aber ein riehtiges Gefühl für das Wesen der Sache hatten die Juden ganz entschieden. Der Ghettojude vor der Emanzipation fühlte so deutlich wie nur möglich, daß seine Religion nichts anderes als die Form seines Volkstums, und sein Volkstum nichts anderes als die Form seiner Religion ist. Schied man aus dem Judentume aus, so hörte man eo ipso aut, Angehöriger des jüdischen Volkes zu sein, und zählte man sich nicht mehr zum jüdischen Volke, so war man kein gläubiger Jude mehr. So schätzte gefühlsmäßig der Durch• Schnittsjude vor der Emanzipation die Situation ein — mochte das rabbinisclie Gesetz immerhin etwas anderer Meinung darüber sein. Uelier die Natur dieser seiner Gefühle machte sich der Jude in der Regel keine Gedanken. Aber es steckte darin vieles, was des Nachdenkens wert ist. Es steckte darin vor allem ein klares Bewußtsein innerer Zusammengehörigkeit. Dies für sich allein würde noch wenig besagen. Ein Bewußtsein innerer Zusammengehörigkeit besitzt ja jeder Stand, jeder Beruf, jede Partei, jede Kaste lind jede Gesellschaftsklasse — kurz jede Interessengemeinschaft überhaupt. Derartige Zusammengehörigkeiten halten so lange an, wie das jeweilige, sie beherrschende Interesse an hält. Und dieses wechselt ja wie alles Irdische. Die Zusammengehörigkeit jedoch, von der hier die Rede ist, enthielt in sich noch etwas anderes: sie gründete in einem überempirischen Substrat — man nenne es nach Belieben Offenbarung, Glaube, Nomos — das, solange es in den Augen des Juden tatsächlich als iiberetnpirisch und aller Verstandesmäßigen Kritik enthoben galt, sie gegen alle äußerlichirdischen Anfechtungen gefeit war. Aber auch damit hatte es noch nicht sein Bewenden. Auf Irgendeinem überempirisehen Substrat beruhen ja alle religiösen Sekten, wie alle konfessionellen Gemeinschaften überhaupt. Und doch wissen wir aus Erfahrung, wie lose, wie abstrakt, ja blutleer die innere Zusammengehörigkeit konfessioneller Gemeinschaften des öfteren ist. Allein hier handelte es sich um noch etwas: Jenes überempirische Substrat stützte und bezog sich auf die Vorgeschichte eines bestimmten Stammes und mithin aut diesen letzteren selber. Es war in Stammesblut gleichsam verwurzelt, aber letzteres bildete nicht die Hauptsache: man brauchte nicht notwendig jüdisches Blut in seinen Adern zu haben, um gläubiger Jude sein zu können — sonst wäre ja Judentum keine Religion! — aber man mußte unbedingt die Vorgeschichte des Stammes und mithin diesen selber anerkennen. Jener überempirische Nomos, von dem hier gehandelt wird, versinnbildlichte uni vergegenständlichte gleichsam den Stamm- Wer sich zum Judentum bekennen wollte, mußte eine Art leiblicher Wiedergeburt über sich ergehen lassen — er mußte sich gleichsam einen neuen Stammesleib anschaffen. Diese Stammesbezogenheit war es, die der oben erwähnten inneren Zusammengehörigkeit unverwüstliche Lebendigkeit und Frische verlieh. Aber die Völker des Abendlands wußten nicht von dieser eigentümlichen Selbstverwandlung eines Stammes — der Verwandlung einer Stammesgenieinschaft in eine Gemeinschaft von Glaubenssätzen und sakralen Gepflogenheiten, die sämtlich in einer einzigen Wurzelspitze zusammeniiefen: der Vorgeschichte des Stammes. Und wie sollten sie es, wenn die Juden selber, \yie bereits gesagt, sich keine klare Rechenschaft darüber abzugeben vermochten, wiewohl sie es gefühlsmäßig richtig cinzusehätzen verstanden. Den Völkern des Abendlands war und blieb Religion eine Sache, die zu den Menschen irgendwoher von oben kommt, ohne Beziehung zu deren Herkunft und Stammeswurzel, und ohne Beziehung zur Vorgeschichte eines Stammes. Auch die jüdische Religion — dachten sie — kam zum jüdischen Volke irgendwo von außen her, nur verbreitete sie sich nicht wie die anderen großen Religionen, sondern blieb aus gewissen Gründen nur an diesem Volke allein haften. Die Juden waren für sie zugleich ein Volk und eine Religion, und daher lebten sie in dem guten Glauben, daß auch in diesem einzigen Falle sich Religion vom Volkstum schön säuberlich abtrennen lasse. Aber als profanes Volk sind die Juden nicht das, was sie waren. Als profanes Volk sind die Juden kein richtiges Volk, sondern eine verstreute und entwurzelte Menschengruppe, notdürftig und zufällig zusammengehalten durch etwaige gemeinsame Charakterziige und etwaige gemeinsame Schicksale, und alles dessen bedürftig, was Menschen zu einem gewöhnlichen empirisch-profanen Volke gestaltet, also vor allem der Attribute der Sprache, des Landes und des Staates. Allein fiir die Juden vor dem Anbruch der sogenannten Neuzeit waren Attribute von der Art der vorhin genannten ganz und gar unwesentlich, denn sie vermochten ihr Volkstum auch ohne sie sehr gut zu behaupten — und. sie vermochten es, weil sie in ihrem Nomos alles, was stamm- und wurzelhaft ist, besaßen, wenn auch in total veränderter Gesfalt. Es war dies kein Blut mehr, aber etwas, was stärker als Blut zusammenhielt, und zwar — ein Bewußtsein innerer Zusammengehörigkeit auf überempirischer Grundlage, und bezogen auf einen bestimmten Stamm und dessen Vorgeschichte. Fata] wirkte dieses Bewußtsein nicht minder als Blut. Der gläubige Jude brauchte keine besondere Zärtlichkeit gegenüber dem ״Volke Israel“ zu hegen, aber er hatte eben keine Wahl, er mußte sich nolens volens zu ihm bekennen, sobald er tatsächlich gläubig war. Denn ferne seien uns idyllische Schönfärbereien über angebliche Gerechtigkeit bei den Juden der Ghetto-Diaspora: der Gegensatz zwischen reich und arnt trug da einen Charakter von Gehässigkeit, wie er in »cht-jüdisehen Gemeinschaften nur selten zu finden war, rnd in den Selbstverwaltungen der Diaspora- Autonomien varen Starrsinn, Unverstand, Muckertum und grober Unfug recht heimisch. (Wie die jüdischen Gemeinde- Verwaltungen im gewesenen Rußland zur Zeit des Zaren Nikolaus I. hausten — darüber kann man sich aus der zeitgenössischcn hebräischen und jiddischen Literatur inforimeren.) Aber dis nutzte alles nicht — man gehörte einmal zusammen und war ein Volk. Noch mehr: weit entfernt davon, ein mangelhaftes und unzulängliches Volk zu sein, waren die Juden vor ihrer Emanzipation durch die Iranzösische Revolution das echteste Volk im ganzen Abendlande, ja man kann ohne Uebertreibung sagen, das einzige Volk unter den Völkern Europas, das sich mit dem Begriffe des Volksseins restlos deckte, sintemalen letzteres einen irrationellen Rest in sich enthält, der sich in kein« Definition ein fangen läßt und durch kein empirisches Attribut getroffen wird, Aber die Völker konnten kein klares Wissen davon haben, und dementsprechend gestalteten sich ihre Ansichten über die Juden als Volk gleichfalls unklar und zweideutig: Bald redeten sie von der erstaunlichen Zähigkeit ״dieses. Volkes“, das durch alle Stürme und Wechselfälle des Schicksals hindurch seine Nalionalität unversehrt davontrug, und bald redeten sie vom Judentume als einer bloß konfessionellen Gemeinschaft und stellten das Volksein der Juden in Frage. Sie stellten es in Frage, weil sie die üblichen Attribute des Volkseins bei den letzteren vermißten, weil die Maßstäbe, die sie an das Judenvolk anlegten, nicht stimme» wollten. Und diese Maßstäbe konnten in der Tat nicht stimmen — nicht weil die Juden kein richtiges Volk waren, sondern weil die Maßstäbc n111t richtig waren. Es gibt nämlich zu bedenken, daß die üblichen abendländischen Vorstellungen, Begriffe und Definitionen vom Wesen des Volkseins unter Gemeinschaften entstanden sind, in denen es fast keine urwüchsigen Völker mehr gegeben hatte, sondern bloß durcheinander gewürfelte und äußerlich zusammcneehaltene Gcmengscl von McnschenNpen, und daß diese Gemeinschaften es eben waren, die Vorbild und Muster fiir das abgaben, was wir noch heute unter Volk gemcinltin verstehen. Der Völkerbrei des nachchristlichen Abendlandes bildete eben jenen sozialen Stoff, aus dem der europäische Mensch' sich seine Begriffe vom Wesen des Volkseins zurechtzimmerte. Nun waren dann die Juden kein Gcmcogse!, sondern ein recht urwüchsiger Menschentypus schärfster Prägung. Sie waren, wie bereits hervorgehoben, das einzig richtifge Volk unter den Völkern des Abendlandes — ein Volk, dessen nationales Sein auf metaphysischer Basis beruhte. Allein die Juden konnten nicht ewig ein in c t a p h y sischcs Vol k bleiben inmitten einer Umgebung, die sich mehr und mehr säkularisierte. Es kam der Augenblick, wo sie den naiven Glauben an die Göttlichkeit ihres Nomos verloren. Damit hörten sie auf, ein metaphysisches Volk zu sein, und wurden wie alle anderer! Völker .... Wie alle anderen Völker? O ndji, viel weniger als diese, denn cs fehlte ihnen alles das, was die üblichen nationalen Grundlagen eines gewöhnlichen empirischen Volkes aiismacht. Früher das einzig richtige lind echte Volk itn ganzen Abendland, wurden sic jetzt zu einem Unvolk. Und was die Göttlichkeit des Nomos anbelangt, so ließ sie sich selbstverständlich durch keine noch so wohlgemeinten und wohlhcgründctcn theoretische Surrogate ersetzen. Wie die jüdischen Volksgenossen in Wahrheit zu Genossen eines Unvolkes wurden, so wurden die jüdischen ״ülaubcnsgenossen“ in Wahrheit zu Genossen des Unglaubens. Der Zionismus erfaßte die Situation mit treffsicherem Instinkt und zog daraus die nötigen Konsequenzen. Er sagte sich ungefähr folgendes: ,,Da die Juden kein metaphysisches Volk mehr sind und sein können, so muß ihnen das verschafft werden, was die Menschen wenigstens zu einem gewöhnlichen, empirischen Volke macht — vorausgesetzt, daß sie noch ein solches sein wollen.“ Es war und׳ blieb dies die einzige mögliche Lösung des Problems. Alles andere blieb Mißverständnis und Abweg. * Mit einem ähnlichen Thema beschäftigt sich der vor kurzem erschienene zweite Band des hebräiscli geschriebenem Werkes von Jecheskiel Kaufmann, betitelt ״Diaspora und Fremde“. Dieses Werk war es, das zu unseren obigen Betrachtungen Anlaß bot. Es sind bisher zwei Bände erschienen, und es sollen weitere folgen. Leider gestattet uns nicht der Raum, das Werk nach Gebühr zu würdigen. Soviel jedoch sei hier gesagt: So sehr das Werk an interessanten und treffenden Einzelheiten reicli ist, so ist es־ doch in der Hauptsache total verfehlt. Der Verfasser geht nämlich vom landläufigen Standpunkte aus, daß 1. die Juden ein Volk und eine Religion sind, daß sie 2. das einzige Beispiel einer Gemeinschaft bieten, ־wo Religion und Volk Zusammentreffen, und daß die Religion 3. eine konservierende Kraft auf das Volk ausübte und aasübt, und zwar in doppelter Richtung: sic hielt und hält die Juden zusammen und dient zugleich als abwehrendes Erkennungszeichen für die anderen. Aus diesen Prämissen zieht cier Verfasser formal richtige Konsequenzen, die, weil die Prämissen falsch sind, unwahr und der wirklichen Sachlage widersprechend aiisfallen. Er urteilt nämlich etwa folgendermaßen: 1. die Religion ist unabhängig vom Volk und übt auf dieses gcwisse Wirkungen ans; 2. diese Wirkungen enthalten in sich konservierende Kräfte. Daraus folgert er nun, dal! die Religion auch künftighin das Volk der Juden solange erhalten werde, solange die letzteren sich zum Judentum bekennen werden, wenn auch in ganz, äu 11 crlich-offizieller Weise. Wir haben es hier mit einer Art Religions-Fetischisinus z.11 tun. Für den Verfasser ist die jüdische Religion eine Art Fetisch, den man nur anzuglotzen braucht, um lebenspendende Kräfte von i 11511 zu beziehen. Aber wir wissen bereits aus dem Obigen, wo hier der Fehler liegt: die Juden waren kein Volk, das einen Glauben angenommen hat, sondern sie wurden erst zu einem Volk vermöge eben dieses Glaubens, und zwar zu einem Volk sui generis, zu einem metaphysischen Volk. Mit dem Aufhören des Glaubens hörte auch das Metaphysisch-!!•- rationale an den Juden auf, und sie wurden zu einen! gewohnlichen, empirischen Volk. Als empirisches Volk jedoch sind sie das unzulänglichste unter den Völkern und gelier! über kurz oder lang einer unabwendbare» Auflösung entgegen — wenn anders ihnen nicht das gegeben wird, was Menschen zu ihrer Existenz als gewöhnliches Volk unbedingt brauchen. Dr. Juda Bergmann: Das Judentum — Gedanke und Gcstaltung. 182 S. Berlin, R. Maaß 1933. In ruhigeren Tagen geschrieben, kann dieses neue Werk des gelehrten Berliner Rabbiners gerade in dieser Zeit der Verwirrung, indem es uns wieder zu den Müttern unserer Existenz geleitet, beruhigen. Bergmann arbeitet in seinen Essays die gegensätzlichen philosophischen, und historischen Tendenzen heraus, von denen die jüdische Oesamtkultur bestimmt wird. Zwischen den geistigen Polen, die die Trieb• kräfte z. B. von Kontinuität und Entwicklung, von Einheit und Mannigfaltigkeit, Autorität und Freiheit bilden, in den Spannungen, die aus den wechselnden Einflüssen von Umwelt und Eigenart, Gcfübl und Verstand entstehen, in der Unruhe der sich bekämpfenden und sich ergänzenden Prinzipien per!- delt sich schließlich die bewegte Einheit des Judentums aus zu der Synthese, in der das jüdische Leben der Wirklichkeit schwingt.”— Die edle, klare Sprache erschließt sich willig auch dem ungelehrten Leser, den keine sprachlichen und begriffliehen Mystizismen verärgern. Auch ohne die theologische Grundstimmung, die den warmherzigen und wisscnsreichcn Verfasser beseelt, vermittelt das mit reichen Quellennachweisen ausgestattete Buch eine Fülle wertvoller volksbiologischer Erkenr.tnisse und Anregungen. B. K. Der Dozent am Breslauer Theologischen Seminar, Seminarrabbiner Prof. Alicbael Guttmann, •wurde als Rektor an das Landesrabbinerseminar in Budapest berufen. Die. ungarische Regierung hat ihm aus diesem Anlaß den Titel' tiofrat verliehen.

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