Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 72 (8.9.1933)
- Date
- 1933-09-08
- Page
- Seite 500 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 498 jüdische Rundschau Nr. 72, 8. IX. 1933 Pressestimmen Die englische Zeitschrift ״The Near East and India“ beschäftigt sich in ihrer Nummer vom 31. August ausführlich mit der politischen Situation in Palästina mit Rücksicht aul den tagenden zionistischen Kongreß. Zwei Faktoren, so schreibt die Zeitschrift, kommen in Betracht, nämlich die. Palästina-Regierung und das britische Volk einerseits und die Palä stina-Araber andererseits. Vas die Regierung und England betrifft, so seien diese bereit, die Schwierigkeiten, die sich für den Zionismus aus den gewaltigen Anforderungen der heutigen jüdischen Weltsituation ergeben, anzuerkennen. Die zionistischen Führer haben heute die Aufgabe, große Mittel für ihr Werk zu sammeln und sie können dieses angesichts der Weltwirtschaftskrise nur dann tun, wenn sie einen starken ideellen Antrieb haben. Die Zeitschrift warnt aber vor unverbindlichen Redewendungen, wie sie ״sogar ein Professor der Mathematik“ (Brodetsky) auf dem Kongreß gemacht hatte, daß ״Tausende, ja sogar . Millionen von Juden in der nächsten Generation in Palästina untergebracht werden können“. Natürlich könne niemand Prophezeiungen in bezug auf die Möglichkeiten des Jahres 1960 machen. Aber was für Metamorphosen das Land auch bis dahin durchgernacht haben kann, man darf sich nicht durch solche Aussichten verleiten lassen etwas zu tun, was das gute Einvernehmen zwischen Juden und England bezüglieh Palästinas stören kann. Professor Brodetskv habe selbst in seinem Referat gesagt, dal! man die Beziehungen des Vertrauens und der Zusammenarbeit mit der Mandat,irmacht nicht beeinträchtigen dürfe. Demgegenüber weist die Zeitschrift aber darauf hin, daß viele Kongreßredner sich in scharfen Angriffen gegen die englische Politik ergangen haben. Diepe bedauerlichen Kumlgcbungen werden freilich das englische Volk nicht irre machen. Die Engländer wissen, daß Regierungen nur zu dem Zweck da sind, um kritisiert 7u werden, und sie sind auch zu toleraut, um die gesamte Judensrbaft mit der Voreingenommenheit einer Gruppe von Führern, die unter ungeheuren Sehwierigkrifeii arbeiten, /n identifiz!rreu, 1.eitler aber kenne mar dieselbe überlegene Ruhe nicht von den palästinensischen Arabi'tn erwarten. Für sie ist der Hinweis auf die Möglichkeit der Einwanderung vor! ״Millionen von Juden“ hinreichend, um jede Neigung zur Zusammenarbeit zu verdrängen und eine unparteiische Regierung hat keine andere Wahl, als solchen übernuilUgen zionistischen Wünschen enlgegeimiircten, damit sie nicht von den Arabern beschuldigt wird, ihre Uriparteilichkeit aufgegeben zu haben. Damit schließt sich der Zauberkreis, und die jüdisch-arabische Zusammenarbeit in Palästina rückt in weite Ferne, wenn nicht klügere Pläne von klügeren Köpfen kommen können. Dieses sei angesichts der glänzenden Emmgenschallen der jüdischen wirtschaftlichen Arbeit in Palästina besonders zu betlaucni. Dasselbe Heft der Zeitschrift ״The Near East and irtdia“ bringt eine besondere Anlage über die Entwicklung des neuen Irak. In dieser Darstellung finden wir auch einen längeren Artikel über die Pipe-Line, die Petroleumleitun ff, die vom Irak 7,11m Malen von Haifa geführt wird. Es handelt sich hier bekanntlich um eines der gewaltigsten wirtschaftlichen Erschließungswcrkc des vorderen Orients und es ist zu erwarten, daß auch die wirtschaftliche Entwicklung'. Palästinas und insbesondere Haifas durch den Abschluß dieser Arbeit, deren riesige Ausmaße in dem Artikel dargelegt werden, auf das stärkste beeinflußt werden wird. * In der deutschen Presse hat der Zionlstenkongreß starke Beachtung gefunden. Naturgemäß wendet sich das Interesse hier vor allem der Behandlung zu, die auf dem Kongreß die F. ge der deutschen Juden gefunden hat. ' "Die deutschen Zeitungen stellet! fest, daß die Boykottanträge der Revisionisten vom Kongreß abgelehnt wurden. Man findet aber in der deutschen Presse auch verständnisvoll« Hinweise auf die aktuellen Probleme der P a 1 ä s t i n a - P o 1 i t i k, die den Kongreß in erster Reihe beschäftigte«. Ueber Palästina ״Vorträge Ein Leser aus einer grtifieren deutschen Stadt sendet uns die nachfolgender! Zeiten, die wir um ihres wahren Gehaltes willen zum Abdruck bringen. Wir können aber nickt unterlassen, hinzuzufügen, daß die von ihm gerügte Art der Veranstaltung wohl einen vereinzelten Fall betrifft und die daran geknüpfte Kritik nicht t erallgemeinert werden soll. Red. Nichts kennzeichnet vielleicht deutlicher die veränderte Situaiion, in der wir uns befinden, als der Besuch eines Palästina- Abends jetzt und früher. Wagte man früher eine Veranstaltung dieser Art, so war das kleinste Zimmer groß genug, während jetzt meist selbst die größten Säle überfüllt!sind. Aber um so viel größer ist jetzt auch, sowohl für die Veranstalter als für die Vortragenden selbst, die Verantwortung, die sie auf sich nehmen- Es geht hier nicht um •die selbstverständliche Verantwortung nach außen, sondern tun die weit größere, weil keiner öffentlichen Kontrolle unterliegende Verantwortung nach innen. Wer heute über jüdische Gegenstände öffentlich redet, der muß mit dem ganzen Ernst, den diese ungewöhnliche Zeit fordert, hinter jedem Wort stellen, das er ausspricht. Und ver andere reden läßt, der muß, che er es tut, wissen, wen er ruft und was er von dem Gerufenen ru erwarten hat. Leider muß gesagt werden, daß dieser Forderung noch nicht überall Rechnung getragen wird. Es gibt z. B. Zionisten, die zu glauben scheinen, die Tatsache, daß man eine fnformationsreise nach Erez Ji$rael gemacht hat, verleihe ohne alles weitere die Befähigung und damit das Recht, über das Land und die Einwanderung öffentlich zu reden. Wenn, wie es gescheheu ist, solche Vorträge nach Art der Verkelirswerbung eines Reisebüros dargeboten werden, ohne auch nur den geringsten Hinweis auf die Schwere der heutigen Situation und auf die sehr ernsten Verpflichtungen, die mit einer IJebersiedlung verbunden sind, so wird man damit den Forderungen der Zeit in keiner Weise gerecht. Ver heute etwas über das Land erfahren will, dem ist es sehr gleichgültig, mit weichem Komfort man dort reisen und wohnen kann, und mit welcher ameriiranischen Fixigkeit Tel-Awiw sich entwickelt, oder vielmehr, wenn ihm das wichtig ist, so ist es nicht der Blühe wert, für ihn Vorträge zu halten• Ginge es nur um diese Dinge und um die gute Konjunktur für Hotelbesitzer, denen die neuen Zimmer abgemietet werden, noch ehe die Tapeten trocken sind; wäre das Land unserer uralten Hoffnung nichts als die Pflanzstätte einer levantinischen Großstadtzivilisatio n, ein neues Ausbeutungsobjekt für wendige Oeschäftemacher, wahrhaftig, dann wäre es schlimm um uns bestellt. Wenn wir von Erez Jisrael hören, so wollen wir nicht den Prospekt eines Vereins zur Hebung des Fremdenverkehrs vorgesetzt bekommen, sondern wir wollen bestätigt wissen, daß dort ein neues, von unserem bisherigen von Grund auf verschiedenes, im tiefsten Sinn jüdisches Dasein sich aufbaut. So scheint es geboten, künftig nicht nur auf die Zahl, sondem auch auf den Gehalt der Veranstaltungen gewissenhaft zu achten. In einer Zeit des Umbruchs wie dieser kommt es noch mehr als sonst a uf das Wort an. Ob gesprochen oder geschrieben — sobald es sich an eine weitere Oeffentlldikeit wendet, muß es ganz getragen sein von der großen Verantwortimg, die, jetzt mehr als je, jeder Jude mit allem, was er tut und äußert, für die ganze große Gemeinschaft trägt, der er angehßrt. L. AL Bubers ״Offener Brief״ an Kittel Profesior Gerhard Kittel hat in seiner Broschüre ״Die J1idenfra״c“ (Verlag Kohlhammer, Stuttgart) mit theologischen A rgtimenten die antisemitische Judenpolitik unterstützt und dabei die Anschaumig vertreten, daß ein religiös orientiertes neues Judentum eine Stellung uiucr Fremdenrecht in Deutschland als göttliches Schicksal auf sich nehmen müßte. Da in diesen Zusammenhang auch der Käme von Martin Buber zitiert wird, hat Marlin Buber in der Zeit- Schrift ״Theologische Blätter“, herausgegeben von Professor Karl Ludwig Schmidt (Verlag Hinrichs) einen Offenen Brief an Gerhard Kittel gerichtet, der im Augustheft der erwähnten Zeitschrift abgedruckt ist. In diesem Offenen Briet erklärt Buber zunächst, m den allgemeinen Urteilen und Forderungen Kittels sei nichts zu sagen, da diese die herrschenden sind, Buber fährt dann fort: Aber die Pflicht des Gcgcnspruchs fällt mir zu, sowie Sie für •diese Sinndeutung auch die Mitwirkung von Juden erwünscht heißen, der Juden nämlich, die wie ich eine Glaubenserneuerung des Juden־hnms erwarten. Für diese sei dies das Problem (S. 66 f.): ״ob es möglich sein wird. In dem die Fremdü 11 gschaft bejahenden Judentum eine lebendige Religion zu erwecken“. Das ״echte Judentum der Zukunft“ sei jenes, das den ״Oehorsam unter die Fremdling- Schaft״ übe. Was Sie aber unter ״Fremdlingschaft“ verstehen, erhellt daraus, daß Sie als Ihre Antwort auf die Frage, was mit dem Juoentum zu geschehen habe, angegeben hatten (S. 13), man solle ״entschlossen und bewußt die geschichtliche Gegebenheit einer ,Fremdlingschaft‘ unter den Völkern wahren“, und was Sie unter dieser Wahrung verstehen, im Folgenden (S. 30 f.) angegeben hatten: das ״Recht des Gastes" müsse ״allerdings in aller Deutlichkeit gegen das des Bürgers abgegrenzt sein“, der Jude müsse ״alle Ansprüche auf staatsbürgerliche Gleichberechtigung“ aufgeben; wenn er ״ein anständiger Gast“ sein würde, könnte ״vielleicht dann einmal eine Zeit kommen“, in der er nur noch ״relativ geringer“ und nicht mehr ״absolut minderwertig“ erschiene. Mit dem ״Gehorsam unter die Fremdlingschaft“, der einem gläubigen Judentum eignen müsse, meinen Sie also, daß es eine Diskriminierung und ״Diffamierung“ (R. Bultmann, ThBI 1933 Sp. 166) des Judentums gläubig anerkennen, daß cs sie somit nicht bloß als Gottes gerechte Schickung, sondern auch als der Menschen gerechte Tat betrachten solle. Sie setzen somit voraus, daß das, was Sie unter Fremdiingschaft verstehen, identisch sei damit, was Gott, dein wir unseren Gehorsam schulden, darunter versteht Aber dem ist nicht so. Buber erläutert dann an der Hand der Vorschriften der Bibel, insbesondere im 3. und 5. Buch Moses über Stellung der ״Gastsassen“ (״Oerim״), was Gott unter ״Fremdlingschaft“ yctstehe. Daran knüpft Buber die folgenden Betrachtungen: Sic, Herr Kollege, zitieren zwar (S. 57) einen Deutn.־ Text, aus dem hervorgehe, ״daß man das Recht auch des Fremdlings nicht beugen dürfe“, jedoch keinen von all denen, aus denen hervorgeht, daß dieses Recht von dem des Landes-׳ sprossen nicht gesondert, daß beides ״einerlei Recht“ ist Aber nur wenn man von dieser magna Charta des biblischen Glaubens, die nicht bloß Israel, sondern alle Völker binden soll, in deren Mitte Gastsassen gasten (oder ist's Ihre Meinung, daß Gott von den Völkern diese Gerechtigkeit und diese Liebe nicht fordre?), ausgeht als von einer, die durch das Neue Testament nicht aufgehoben worden ist (denn wie sollte das Evangelium eine Minderung an Gerechtigkeit und Liebe zwischen Volk und Volk bedeuten?), hat man die Möglichkeit, glaubensmäßig von einer ״Fremdlingschaft“ und von einem ״Gehorsam imtcr die Fremdlingschaft“ zu reden. Geht man aber von jener aus, im Glaubensernst des Gläubigen aus den Völkern, so hat man denn doch wohl zu allererst nach dem Gehorsam der Völker zu fragen- Einen Gehorsam unter die Fremdlingschaft, wie Sie sie verstehen, wie aber Gott sie nicht versteht, gebietet er ur.s nicht. Es kommt uns nicht zu, uns gegen sie aufzulehnen, aber cs kommt uns auch nicht zu, uns einem Volkswillea a 1 s dem Willen Gottes zu beugen. Psalm um Psalm unsres Buches, von der Kirche angenommen, spricht einen Appell von deri Bedrängern an den Befreier aus. Psalm um Psalm wäre Lästerung, wenn Gott von uns nicht allein heischte, daß wir in der Drangsal ausharren, sondern auch, dal) wir uns drein als in ein von ihm Verhängtes appellos schicken. Wir beten auch heute. Wir beten nicht wider andre, wohl aber um unsre und der Völker Erlösung. Der ״Feind“, wider den der Psalmist eifert, meint unserm nachsprechenden Gebet nicht Menschen und nicht Menschenmächte, sondern den U!־Versucher, der in der Geschichte die Erlösung hindert. ״Das echte Judentum“, sagen Sie, .,bleibt bei dem Symbol des ruhe- und heimatlos über die Erde wandernden Fremdlings“. Das Judentum kennt kein solches Symbol, Der ״ewige Jude“ ist eine christliche Sagengestalt, nicht eine jüdische. Das echte Judentum ist stets gewärtig, daß im nächsten Augenblick die Verheißung sich erfülle und seine Wanderschaft ende. Es glaubt nicht, daß ihm geboten sei, die Zerstreuung zu bejahen, sondern, sich in ihr für die Sammlung zu bereiten. Es kennt keine ״von Gott gewollte Tragik“ (S. 38), die es anzuerkennen hätte, denn es kennt die Gnade, und zwar als eine, die den Menschen zu ihrem Werk beruft. Geschichte ist keine Thronrede Gottes, sondern sein Gesprach mit der Menschheit. Wer nicht alles verfehlen will, muß darauf bedacht sein, die Stimmen der Partner zu unterscheiden. Die ״geschichtliche Gegebenheit“ des ״Gastzustandes“, dessen ״Wiederherstellung״ Sie, Herr Kollege, für die ״Lösung der Judenfrage“ halten, ist zu einem Teil diese Frage selbst, Gottes Frage an die Völker und an Israel, die er in der Geschichte stellt, zum andern ist sie das Ausbleiben• einer Antwort. Gewiß ist auch die Emanzipation, so wie sie erfolgt ist, keine rechte Antwort gewesen; aber daraus ist nicht zu folgern, daß nunmehr auf jenes Ausbleiben zurückzugfeiten sei. In einer Fußnote widerspricht Buber mich den antizlonlst!sehen Bemerkungen Kittels, der nicht nur ein Gegner der Assimilation ist, sondern in seiner Broschüre auch den Zionismus nicht als Lösung der Judcnfrnge gelten läßt, sondern lediglich die jüdische Fremdliojschait als solche Lösung betrachtet. Der Herausgeber der Zeitschrift kündigt an, daß in der nächsten Nummer das Gespräch veröffentlicht wird, das Huber und Schmidt im vergangenen Januar im Jüdischen Lehrhaus zu Stuttgart über ״Kirche, Staat, Volkstum, Judentum“ gehabt haben. _______ ln einer in der Paulinus-Druckerei zu Paderborn erschiencneri Abhandlung publiziert Dr. A. Alt mann neue Forschungsergebnisse über das früheste Vorkommen der Juden in Deutschland. Bisher galt das Gesetz Canstantins ״Ueber die Kölner Decurionen“ vom Jahre 321 als früheste Quelle über das Vorkommen von Juden in Germanien. Altmann kommt zu dem Resultat, daß bereits im 3. Jahrhundert in Trier Juden gewohnt haben. Trier besaß demnach die älteste jüdische Gemeinde auf deutschem Boden, Eine jüdische Wehkonferenz Die ״F r a n k f. Z t g.“ berichtet aus Zürich vom 6. d. M.: Wie aus Genf mitgeteilt wird, trat dort gestern abend die 3. vorbereitende Tagung für eine Jüdische Weltkonteren z zusammen. Die provisorische Liste enthält die Namen von 39 Teilnehmern, die etwas mehr als 30 jüdische Organisationen der ganzen Welt vertreten. Ueber_ die Auf- ״ dem Prager Kongreß, der sich ausschließlich mit der zionistischen Frage befaßte, das Forum sein wolle, vor dem alle diejenigen Probleme behandelt werden, die die Gesamt heit der Judenschalt angehen. Die Schwierigkeiten, die der Schaffung eines solchen Organs im Wege ständen, hätten bisher in der Unfähigkeit der Juden gelegen, sich für die gemeinsame Sache zu einigen. Selbst angesichts der für das ganze Judentum tragischen Vorgänge in Deutschland schienen die Auffassungen geteilt zu sein. Während die einen auch heute noch im deutschen Antisemitismus bloß eine vorübergehende Erscheinung sähen, beurteilten die andern, ־zu denen die Initianten einer Jüdischen Weltkonferenz gehörten, die Lage als außerordentlich ernst. Schon auf der jetzigen Tagung solle außer der Frage der Organisation einer ersten Jüdischen Weltkonferenz irn besonderen die Behandlung der Juden in Deutschland vom internationalen Standpunkt aus beleuchtet werden, Ueber dieselbe Veranstaltung meldet der ״Völkische Beobachter“ aus Genf vom 5. d. M.: Die vom internationalen Judentum nach Genf einberufene, sogenannte zweite jüdische Weltkonferenz, die Ort und Tag I für den eigentlichen im nächsten Jahr abzuhaltenden jüdischen I Weltkongreß bestimmen und die Oeffentlichkeit weiter mit I den Judenproblcmeri belästigen und schließlich das national- 1 sozialistische Deutschland neu begeifern soll, sollte beute abend um 8 Uhr beginnen. Antisemitische Genfer Kreise hatten aber gegen 7 Uhr den Saal derartig mit Rauchgefüllt, daß der Kongreßnicht pünktlich beginnen konnte. Ein hygienisches Institut in Haifa Wir erhalten folgende Zuschrift: Das Aufblühen von Haifa durch die Eröffnung des Hafens als zweitgrößten des Mittelmeeres mit dem Endpunkt der Petrolcuin-Röhrenleitung von Mossui und dem baldigen Anschluß an das Eisenbahnnetz Europas bedingt einen unerwartet großen Verkehr in dieser Stadt. Dazu kommt die steigende Einwanderung deutscher Juden und vieler Juden aus anderen Ländern dorthin. All dies verlangt eine energische Hebung und Beobachtung der sanitären Zustände und Prophylaxe der Infektionskrankheiten. Wie segensreich das in der Vorkriegszeit von jüdischer Seite in Jerusalem errichtete Gesundheitsamt unter der Leitung des Herrn Dr. Bcham für die Sanierung Paläsfiaas gewirkt hat, das kann uns nur mit größter Dankbarkeit erfüllen. Aus diesem Institut ist dann in der Nachkriegszeit das in Tel-Awiw errichtete Pasteur-Institut unter Leitung seines verdienstvoller» Direktors Dr. Beham hervorgegangen. Die Tätigkeit dieser Institute hat dazu beigetragen, daß Palästina heute ein so gesundes Land ist, daß es die heute dorthin strömenden Juden, die, wie z. B. die deutschen Juden, aus einem ganz anders gearteten Klima kommen, ohne Schaden für ihre Gesundheit aufnehmen kann. Um ein solches Institut in Haifa ins Leben zu rufen, sollten steh die Förderer des Palästina-Aufbau vereinen zur Aufbringung der Mittel. Hier wäre ein Platz, wo sich jüdische Förderer und jüdische Aerzte ein ehrenvolles Denkmal setzen können, wenn sie die finanzielle Grundlage dazu schaffen. Herr Dr. Beham hat sich in dankenswerter Weise bereit erklärt, bei der Errichtung des Instituts mit seiner großen Erfahrung helfend mitzuarbeiten. Anfragen sind zu richten an Dr. Julius Loewenheim, Berlin W 50, Spichernstr. 13, Tel. B 4, Bavaria 4201, oder an Dr. Beham, Direktor des Pasteur- Instituts, Tel-Awiw. Lilienbiumstr, 41. Was ist eine ״Chawurah״? Von I. Karl Meyer, Chederah. Vor kurzer Zeit wurde in Chederah die Chawurah ״Haschomron“ gegründet. Dies ist die zweite derartige Gruppe, die für Einwanderer aus Deutschland in diesem Jahre geschaffen wurde. Die erste Chawurah besteht seit zirka zwei Monaten inRischonleZion. In ihr sind rund 30 Chawerim und 5 Chaweroth vereinigt. Man plant für die Zukunft die Gründung weiterer Gruppen, evtl, auch in den Städten Palästinas. Die Chawurah ist eine Institution des Ueberganges, eine Zwischenstation, etwa ein nach Palästina verlegtes Hachscharah-Zentrurn, dessen Lebensdauer Im allgemeinen für ein Jahr vorgesehen ist. Nach dieser Zeit kann je nach dem Wunsche einer größeren Anzahl ihrer Mitglieder eine Kwuzah oder ein Kibbuz (genossenschaftliche Siedlungsgruppe) sich aus ihr entwickeln. Man bezweckt durch den Zusammenschluß von Menschen, die auf Palästina in keiner Weise oder kaum vorbereitet sind, die Schaffung eines für den Aufbau des Landes wertvollen Elements, Durch die Gemeinschaft soll den einzelnen Menschen die Einordnung im Lande erleichtert werden. Jeder Kandidat hat beim Eintritt drei Pfund zu entrichten, wovon die ersten notwendigen Ausgaben bestritten werden, wie Küchengeräte, Krankenkasse usw. Sind Bett, Decke, Bettwasche und Arbeitskleidung vorhanden, so ermäßigt sich die Eintrittsgebühr um die Hälfte. Alles ist gemeinschaftlich, Wohnen, Essen, Wäschewaschen usw. Alle Einkünfte aus der Arbeit Hießen in eine Gemeinschaftskasse, brw, die Chawurah kassiert diese Beträge selbst ein. Jeder erhält für kleinere Ausgaben pro Tag zwei Piaster Taschengeld. Für jeden wird ein besonderes Konto geführt; auf Grund der Anzahl der Arbeitstage wird der Gewinn nach Abzug aller Kosten anteilsgemäß beim Austritt ausgeschüttet. Für jeden besteht die moralische Verpflichtung auf Zugehörigkeit für ein halbes Jahr, Die der Gemeinschaft von anderen Iustitutionen zugewiesenen Kandidaten treten für zirka zehn Tage zur Probe ein, sodann wird über die Aufnahme abgestimmt. Vorbedingung für die Aufnahme ist: Wille zur Arbeit und zur Einordnung ln di# Gemeinschaft. In Chederah stehen Stein- und Holzhäuser zur Verfügung, in Rischon le Zion wohnt man vorläufig noch in Zelte«. Arbeitsmöglich keiten sind in genügender Zahl vorhanden. In der Freizeit werden Kurse und Vorträge über Zionismus, jüdische Geschichte, insbesondere zur Erlernung der hebräischen Sprache abgehaltei». Zu diesem Zwecke treten einige Chawerim schon bestehender Kwuzoth der Chawurah bei. Die Chawurah tritt dem Arbeitsamt gegenüber als Arbeitnehmer auf, hat aber andererseits auch die Aufgabe, neue Arbeitsplätze für sich zu gewinnen. Jedes Mitglied der Chawurah ist in seiner politischen und weltanschaulichen Ein- Stellung völlig unabhängig. Die Chawurah ist nur eine ZweckgemeiaschafU