Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 72 (8.9.1933)
- Date
- 1933-09-08
- Page
- Seite 497 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 72, 8. IX. 1933 jüdische kund&chaü Seite 495 Jüdische Jugend in Palästina Ben-Schemen Ein palästinensisches Landerziehungsheim Von unserem palästinensischen Korrespondenten. Der nachfolgende Artikel ist bereits seit längerer Zeit gesetzt und konnte wegen Raummangel bisher nicht ersehettten. Inzwischen sind, wie uns mitgeleilt wird, etwa tot? jüdisehe Kinder aus Deutschland in Ben-Schemen untergeh rächt worden. Red. Das Auto biegt von der glatten großen Verkehrsstraße Jerusalem—Jaffa ab. An der Station von Ludd vorbei, an der arabischen Stadt gleichen Namens, kommt man in uralte Oüvenpflanzungen, die sich grau und silbern gegen eine gelbliehe Landschaft ablieben. Weiter hinauf an einem leichten Hügel liegen die Häuser von Ben-Schemen, eingebettet in Rasen und Bäume. Ben-Schemen spielte schon in den Anfängen der zionistischen Kolonisation eine Rolle. Hier wurde die erste Modellfarm unter Wilkansky, dem jetzigen Leiter der landvvirtschaftlichen Versuchsstation in Rechovvoth, geschaffen. Hier liegt eine alte Arbeitersiedlung. Hierhin kam vor sieben Jahren Dr. Siegfried Lehmann mit einer Gruppe von Kindern aus einem Heim in Kowno und begann mit dem Aufbau eines Kinderdorfes. Im Laufe dieser sieben Jahre ist hier eine gewaltige Arbeit geleistet worden. Schritt für Schritt, mit sehr bescheidenen Mitteln, mit Ausnutzung aller Möglichkeiten wurde eine Kindersiediung aufgebaut, die ständig wuchs, immer mehr Insassen beherbergte und sich sehr bald in Palästina und im Auslande Achtung und Aufmerksamkeit erwarb. Im Laufe dieser Jahre hat sicli Ben-Schemen nicht nur vergrößert, es hat sich entwickelt, immer neue Versuche gemacht, sich den wechselnden Bedingungen angepaßt, sich nie mit dem begnügt, was da war. Es wurde nie ״fertig“, stand immer vor neuen Aufgaben und man hat die Empfindung, daß es nicht sobald sich zufrieden geben, sich nicht auf eine Arbeit der Routine einlassen, sondern mit immer neuem Interesse an seinem Aufbau Weiterarbeiten wird. Ben-Schemen begann mit Waisenkindern, die nach Palästina gebracht wurden. Aber sehr bald kamen zu diesen ersten Gruppen Zöglinge aus den verschiedensten Kreisen des Landes und Auslandes. Neben russischen und polnischen fanden sich deutsche, amerikanische, sephardische, kurdische Kinder ein. Aus den mannigfaltigen Teilen des jüdischen Volkes, die in Palästina Zusammenkommen, nahm Ben-Schcmen seine Mitglieder, bildete einen kleinen Schmelztiegel für sich, bildete aus den sehr verschiedenartigen Bausteinen eine Kindergemeinschaft. Das Dorf ist ein Landerziehungsheim und mehr als das. Es enthält einen Kindergarten, gibt die Ausbildung einer normalen Volksschule, faßt die Kinder über vierzehn Jahre, die mit diesem Unterricht fertig sind, in einer Jugendgemeinschaft zusammen; hier beginnt die eigentliche landwirtSchaftliehe Ausbildung, die Hand 1n Hand mit einer Fortbildung in allgemeinen Fächern geht. Bisher umfaßte dieser höhere Lehrgang zwei Jahre, wird aber jetzt auf drei ausgedehnt werden, weil es sich gezeigt hat, daß die Erziehung und Ausbildung sowohl fachlich wie bildungsmäßig mit sechzehn Jahren in keiner Weise als abgeschlossen gelten kann. Unterrieht, Arbeit und Leben im Dorfe sind aufs engste miteinander verknüpft. Das Leben auf dem Lande, der große landwirtscliaftiiche Betrieb, die Besorgung des riesigen Haushalts bilden die Grundlage, auf denen sich das Interesse der Kinder, ihre Fragen, ihr Unterricht und ihr soziales Leben aufbaut. Erziehung und Unterricht wachsen aus den speziellen Lebensbedingungen hervor, bedingen sie und werden von ihnen bedingt. Der große Wohnkomplex, an den sich die landwirtschaftlichen Böden und die Wirtschaftsgebäude schließen, liegt auf einer kleinen Anhöhe. Er hat —■ für Palästina etwas seltenes — Schatten durch die großen eingewachsenen Bäume, die noch aus den Pflanzungen der Musterfarm stammen. Unter diesen Nadelbäumen, unter Johannisbrot- und Maulbcerbäumen liegen die einzelnen Häuser verstreut. Um Massenansammlungen zu vermeiden und eine organische Gliederung zu gewährleisten, werden Gebäude für kleine Gruppen hergestellt, wo ein Sclilafraum, ein Eßsaal und eine Küche nebeneinanderliegen. Die Kleinen sind besonders untergebracht, in speziell ausgestatteten Räumen, und jede Gruppe hat ihre eigene Hausmutter, die die Sorge für die Kinder übernimmt und eine Anzahl Kinder zu einer Art Familie zusammenfaßt. Um einen riesigen Hof liegen die Schulzimmer, daran anschließend die Werkstätten, Tischlerei, Schlosserei, eine mechanische Wäscherei, Magazine und Schuppen. An diese schließen sich die zum Dorf gehörigen Böden, die Gemüsefeider und Aecker. Ein Stück vom Dorfe entfernt, am Wege nach Tel-Awiw, legt jetzt Ben-Schemen eine große Orangenpflanzung an, die nicht nur eine betrachtliehe Einnahme für spätere Jahre erwarten läßt, sondern auch die Möglichkeit gibt, die Kinder im Pflanzungswesen atiszubilden, was für Palästina von großer Wichtigkeit ist. Das Leben für die Kinder in Ben-Schemen ist ein« Mischung von Arbeit und Lernen, wobei die beiden Dinge ineinander übergehen und einander stark beeinflussen, in einer Klasse der Neun- oder Zehnjährigen wird gerade der Miichertrag der Kühe berechnet und die Ergebnisse in Diagrammen niedcrgelegt. Diese Art von Rechenaufgaben hat wenig Theoretisches, weil die Kinder genau wissen, um welche Kühe es sich handelt, was man von jeder erwartet und was ein ,.guter“ Milchertrag bedeutet. Die Jugendgnippen hören einen Vortrag über Düngungsmethoden, in einer kleineren Klasse beschäftigt man sich mit der Bevölkerung Palästinas und ihrer Zusammensetzung. Von diesen Kernpunkten aus, Ben-Schemen, seinem Boden, seinen Tieren, Pflanzen, seinen Werkstätten und Häusern, der Arbeitersiedlung daneben und den arabischen Dörfern ringsum, breitet sich die Erziehung und das Interesse der Kinder auf die Siedlung der Juden, auf das Land selbst und in die Ferne. Es wird versucht, einen Zusammenhang herzustellen mit den Ereignissen und den Kämpfen der großen Welt, einer weiten Aktualität, die sich an die enge Vielfältigkeit Bctfr-Schetnens aaschheßt. Das Dorf zieht für die Bildung seiner Pfleglinge nicht nur die Arbeit und den Unterricht, sondern ein bunt gestaltetes Milieu heran. Es wird versucht, einen Kontakt zu schaffen mit den mannigfaltigen Interessen und Kulturen der modernen Welt. In den Zimmern und Eßsälen hängen gute Stiche und Drucke, es wird Musik getrieben, Kurse und Vorträge über mancherlei Themen gehalten, es wird gesungen, getanzt, Theater gespielt, es werden Feste gefeiert. Im Bewässerungsreservoir wird geschwommen und seit Jahren plant man in der Nähe dieses Bassins einen Sportplatz. Das Leben soll so mannigfaltig und vielfältig wie möglich sein. Neben den festen Gebäuden stoben Zelte. Es ist sehr wenig Platz in Ben-Schemen. Schon immer waren die Anforderungen, die an die Anstalt gestellt wurden, sehr groß und es war nicht leicht, die Mittel fiir die Erhaltung aufzubringen. Heute ist der Andrang in das Dorf gewaltig. In der letzten Zeit mußten Dutzende von neuen Kindern, vor allem aus Deutschland, aufgenommen werden. Der Betrieb wuchs. Es blieb nichts übrig, als die größeren Kinder, die schon ringewöhnt und heimisch sind, zu einem Teil in Zelten unterzubringen, um Platz für neue zu schaffen. Die Zeltgruppen wetteifern miteinander in der Herrichtung dieser Wohnstätten. Es wird ein fester Fliesenfußboden gelegt und jede Gruppe denkt sich etwas besonderes für ihren Zeltgarten aus, schmückt ihn mit Steinen, Pflanzen und allerlei Zierat. Im übrigen richtet man sich ein, wie man kann; in den Eßsäien sitzt man dichtgedrängt, in den Schuizimmern ist der Raum knapp. Man hofft, jetzt mit der Herstellung neuer Gebände zu beginnen, alles ist zu erweitern. Die große Frage ist die Beschaffung der nötigen Mittel. Die Eingliederung der deutschen Kinder in Ben-Schemen ist keineswegs leicht. Es sind freilich darunter gezählte, die gut hebräisch können, die über Palästina Bescheid wissen und sich dadurch den Uebergang sehr erleichtern. Die meisten aber sind wie in eine ganz neue Welt versetzt. Sie müssen zuerst einmal eine neue Sprache lernen, haben keinen Zugang zu dem Leben im Dorf, brauchen Hilfe und Führung, um sich zurechtzufinden. Und nicht nur die Sprache gilt es zu verstehen, sondern auch den Geist Palästinas, jüdische Begriffe und Inhalte, den ״Stil“ von Ben- Schemen, seine Liebhabereien und Ideale. Die Mitarbeiter des Dorfes gehen mit Vorsicht an diese große Arbeit. Man will nichts überstürzen, um nichts zu verderben. Die neuen Kinder werden erst langsam in die allgemeinen Gruppen übergeleitet, nachdem sie sich etwas eingeleht haben, sie lernen in Gruppen und in Einzelstunden hebräisch, sie werden erst nach und nach zur Arbeit herangezogen. Vielfach handelt es sich um Kinder aus ״gutbürgerlichen“ Familien, die an Bedienung gewohnt sind, nicht fähig, selbst für sich zu sorgen, die sich an Mitarbeit und einfache Verhältnisse erst gewöhnen müssen und daher an die Geduld und Zeit der Mitarbeiter große Anforderungen stellen. Es scheint jedoch, daß die Kinder mit der ihnen eigenen Elastizität nach den ersten Schwierigkeiten bald die Situation erfassen, daß sie auch sehr viel Anziehendes in diesem Leben finden. Freilich sind die Reaktionen individuell ganz verschieden. Ben-Schemen ist einer der Versuche —• fraglos einer der interessantesten —, die jüdische Erziehung in Palästina von Grund auf anzupacken. Es geht von der Erkenntnis aus, daß die Erziehung auf das Land und seine speziellen Bedürfnisse zugeschnitten sein muß. Es bringt die Kinder in die Arbeit, in die palästinensische Landschaft hinein, bereitet sie für Berufe vor, die das Land braucht, versucht ihnen neben diesen praktischen Dingen eine Vorstellung van der Welt und einen Zusammenhang mit größeren Horizonten zu geben. Die Mensehen, die diese Arbeit tragen, stolpern natürlich immer von neuem über alle möglichen Schwierigkeiten. Neben Geldkomplikationen und Organisationsfragen häufen sich die pädagogischen Schwierigkeiten. Es gibt ja keine feststehenden Richtlinien, keine genauen Pläne, an die man sich haiten kann. Alles muß ausprobiert und neu gelernt werden. Dennoch hat in sieben Jahren von Arbeit, Versuchen, großen Mühen und Erfolgen Ben-Schemen die Grundlinien eines Landerziehungsheimes herausgebildet, das den jüdischen und palästinensischen Bedürfnissen angepaßt ist. Diese Erfahrungen sind heute, wo das jüdische Schulnetz erweitert werden muß, von entscheidender Bedeutung. Ben-Schemen ist der Typus der landwirtschaftlichen Erziehungsanstalt, wie wir ihn brauchen. Schon heute ist für viele Eltern in Deutschland das Bewußtsein, daß sie ihre Kinder hier unterbrrngen können, eine große Beruhigung. Man sollte daher Ben-Schemen die Möglichkeit geben, den Anforderungen, die an das Dorf gestellt werden, und die täglich wachsen, in vollem Umfange nachzukommen und bei Neugriindungen, die nötig sein werden, nach diesem Vorbild sich richten. Palästfnensisdie Jugend Von Dr. Kurt Wittkowski. Erstes Bild: Kinderdorf Schefeja. Wir haben eben Mittag gegessen. Es ist die heißeste Zeit des Tages. Alles zieht sich in den Schatten zurück, den unser Wäldchen reichlich spendet. Viele Kinder hocken auf den kühlen S.einböden in einem der Zimmer und spielen unermüdlich ein Steinchenspiel. Ich sitze in meinem Zimmer, das im Erdgeschoß des Hauptgebäudes liegt. Plötzlich höre ich ein Auto Vorfahren, und ehe es noch recht hält, erschallt ein lautes, helles Lachen. Eine Haifaer Schulklasse ist zu Besuch gekommen. Viele der Kinder hier sind aus Haifa. Man kennt sich, man begrüßt sich. Der Lehrer kennt die hiesigen Lehrer, die sich auch schnell zur Begrüßung eingefunden haben. Fünf Minuten später sieht man schon alic Kinder jn buntem Durcheinander im Wäldchen. Die Jungen tragen einen Fußballwettkampf aus. Die Mädchen tanzen die Horralt und tauschen die neuen Lieder aus. Eine Gruppe der älteren Kinder vereinigt sich um den Lehrer; zu ihnen geseilen sich die Größeren aus Schefeja, die ihnen vom Leben hier erzählen und neugierig nach dem Treiben in der ״großen Stadt“ fragen. Inzwischen ist die Küche mobil gemacht. Die Kinder bekommen Weintrauben zur Erfrischung. So vergehen drei Stunden in Spiel, Tanz, Turnen, Erzählen, bis ein schriller Pfiff die jungen Gäste zusammenruft. Ein herzlicher Abschied. Grüße an gemeinsame Freunde, Eilisteigen, Winken. Und auf beiden Seiten eine reine Freude über die schönen Stunden, die man gemeinsam verlebt hat. Zweites Bild: Abend im Kinderdorf. Als wir zum Abendessen hineingingen, war es noch hell. Beiin Hinausgehen ist es schon dunkel. Es gibt keine Dämmerung im Orient. Alles, groß und klein, hat einen anstrengenden Arbeitstag hinter sich. Heute ist nichts ״los“: keine Sitzung, kein Orchester, kein Kino, kein Vortrag. Und doch möchte man noch eine Stunde zusammen verbringen. Auf der Bank vor dem Hauptgebäude und auf den Steinstufen davor findet man sich ein. Einige flüstern, andere necken und stoßen sicii, zwei Jungen sind noch rauflustig. Plötzlich geht ein Raunen durch die Reihen: da sitzt ja der große Geschichten-Erzähler mitten unter ihnen. Man bestürmt ihn, man nennt Themen: ״Jack London! VomEmek! Von der Wüste! Dreyfuß!“ Er läßt sicli erweichen. Und schon wird es mäuschenstill. ״Schekct! Schckct!“ (Still!) ruft man jedem Vorübergehenden zu, der zu laut spricht. Wer zu müde ist, legt sieb bald auf den Boden, hier und da schnarcht auch mal einer. Aber das stört nicht die große Zahl der andächtigen Lauscher. Und schließlich ist das Thema ganz gleichgültig: nur recht spannend muß es sein, recht wahrheitsgetreu, sobald es sich um wirkliche Geschehnisse handelt. Und keine geschiehtliehe, geographische oder naturwissenschaftliche Tatsache wird kritiklos hingenommen. Da schwirren Fragen dazwischen. Der Erzähler unterbricht, antwortet, bis die Zuhörer wieder ,,weiter, weiter!“ rufen. So geht es bis zum Läuten. Alles steht sclnveigend auf. Die Schnarcher werden mühsam wach gerüttelt (sic behaupten, alles gehört zu haben). Der Schonur (Wächter) kommt schon mit der Taschcniaterne. Und über den Korridor hört man’s noch flüstern: ״Lebt Dreyfuß noch? Wieviel Kilometer von Damaskus nach Bagdad?“ Drittes Bild: Vor dem Essen sitzen wir auf der Bank und fragen: ״Was mag es heute gehen? Wieder Tomaten?“ Ein Junge, etwa II Jahre alt, spielt mit einer vollen Streichholzschachtel. Mit großer Geschicklichkeit wirft er sie in die Höhe und fängt sie immer wieder auf. Aber einmal will es das Unglück, daß sie docli herunterfäilt und daß die Streich- Hölzer sieh malerisch auf dein Boden verteilen. Der Junge wirft einen ־ziemlich unbeteiligten Blick auf die vielen roten Köpfchen, die sehr putzig atissehen auf (.lern weiden Stein, und gellt lächelnd weiter, ich begreife nicht, warum er nicht eintnal den leisesten Ansatz macht, die Hölzer auf/uhebeu und den Schaden wieder gutzumnehen, den er angericlitct hat. ״Was ist los? Warum hebst Du die Streichhölzer nicht wenigstens wieder auf?“ Antwort: ״Ich muß nicht!“, und er geht lächelnd weiter. Mein europäisches Pf lieh tbewu Bt sein empört sich, ich biieke mich selbst zum Aufheben, schließlich hilft er mir. Als alle Streichhölzer sorgfältig in der Schachtel gelandet sind, frage ich: ״Wem gehört eigentlich die Schachtel?“ Nach laugern Zögern sagt er: ״Mir“, nimmt sie und geht achselzuckend seines Weges. — Das ist palästinensische Jugend, wie sie dem Eingewanderten erscheint. So Heiter, unbekümmert, frisch, natürlich, dabei temperamentvoll, aktiv, wie die Kinder hier miteinander gespielt, getanzt, gesungen, geturnt haben, so sicht und hört man sic überall im Lande, in Stadt und Dorf. Und so wißbegierig, aufgeschlossen, lerneifrig, aufnahmefähig ist sie auch überall wie die Kinder, die sich hier abends Geschichten erzählen lassen. Sie wollen von ihrem Laude und von anderen!..ändern hören, von, der Gegenwart, von der Vergangenheit und auch von der Zukunft recht viel wissen, vom Leben der Tiere und Pflanzen erfahren. Nur recht anschaulich muß es sein. Und überall stößt man auch auf die Kehrseite dieser Frische und Sorglosigkeit, auf diesen Mangel an Disziplin des Streichholzschachtel-Spielers- Zu seiner Entschuldigung sei gesagt, daß er tatsächlich fest davon überzeugt war, er müsse die Streichhölzer nicht aufheben. Für jede Arbeit ist hier nämlich eine bestimmte Gruppe von Kindern angesetzt, und da er nicht zur Gruppe ״Hausreinigung“ gehört, hat er mit dem Aufheben nichts zu tun. Aber das war ja keine Entschuldigung in dem Augenblick, wo man offensichtlich aus eigener Schuld einen Schaden angerichtet hat, der dem Kameraden eine besondere Arbeit verursacht■ Muß Freiheit, Sorglosigkeit, Frische mit Eigeuwilligkeit (bis zu trotzigem Eigensinn) und Mangel an Selbstzucht (bis zu gröbster Disziplinlosigkeit) verbunden sein? Hier liegt die große Erziehungsaufgabe für unsere palästinensischen Lehrer. Es ist dies nicht nur eine Frage des ״Benehmens“, der Lebens- ״form“, sondern auch der gesamten Lebenshaltung, ja sogar der Weltanschauung. Neben dem Gemeinsamen gibt es natürlich auch hier dieselben Unterschiede wie in allen Ländern, je nachdem ob es sich um Stadt oder Land, Volksschule oder höhere Schule, neu Eingewanderte oder älteren Jischuw handelt. Aber die Unterschiede sind nicht allzu groß, denn es gibt hier ein mannigfacheres Hinüber und Herüber als in irgend einem anderen Lande: das Stadtkind verbringt die Sommerferien meist in einem Kinderdorf oder in einer Kwuzah, das Dorfkind wiederum ist oft in der Stadt, die Uebergangsmöghclikeiten von Schule zu Schule sind sehr groß, und was älterer und jüngerer Jischtnv ist,_ das ist auch ein relativer Begriff. Auch Begabung und Neigung sind hier wie überall verschieden, Tatmcnsch und Traumer, Pedant und Husch—Husch stehen sich gegenüber. Aber ein reicher Schatz an hebräischen Liedern, die große, hier so unmittelbar lebendige Weit der Bibel, die täglich akute Aufgabe und Sorge um den Aufbau des Landes, der wöchentliche, freudig begrüßte Schabbath, die großen im Lebens- und Arbeits- Zusammenhänge stehenden Feste, die klare, scharf umrissene Landschaft mit dem frischen Grün der Siedlungen, all das schafft doch eine so starke Atmosphäre der Gemeinsamkeit und der Schaffensfreude, daß wir mit Vertrauen dieser hcranwachsenden Generation entgegensehen können. Das Seminar für Lehrerinnen und Kindergärtnerinnen, Tel-Awiw, schreibt uns: In letzter Zeit häufen sich die Anfragen aus Deutschland betreffs Auskunft über unser Institut. Nachstehend einige Informationen: Das Seminar wurde_ durch das Odessa-Komitee gegründrt und befindet sich auch jetzt noch unter Aufsicht eines Kuratoriums, dessen Präsident Herr M. Ussischkin ist, sowie unter der Kontrolle der Bildungs-Abteilung der Jcwish Agency. Es werden Schülerinnen aufgenommen, welche die achtiährigc Volksschule mit gutem Erfolg absolviert haben. Die Studiendauer des Seminars beträgt fünf Jahre. Die Ausbildung in der praktischen Arbeit erhalten die Schülerinnen in einer neben dem Seminar bestehenden Schule und einein Kindergarten. Für Mädchen aus dem Auslände ist der Eintritt in die Anstalt schwierig, weil in allen Klassen mit Ausnähme der ersten keine freien Plätze vorhanden sind und weil die Kandidatinnen die hebräische Sprache beherrschen müssen. Nur wenn sich eine bedeutende Zahl von Kandidatinnen, die im Auslande eine Mittelschule beendet haben, meldet, ist die Verwaltung der Anstalt bereit, eine besondere Klasse mit dreijährigem Programm zu eröffnen. — Der Unterrichtsbeitrag beträgt £P 21 jährlich, wobei die Arbeit in den Laboratorien und Arbeitsmaterial inbegriffen ist, ebenso wie die praktische Arbeit in Schule und Kindergarten. — Adresse der Anstalt: Tel-Awiw, P.0.13. 406.