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Jüdische Rundschau · 1933-08-29 · Heft 68 (29.8.1933) · p. Seite 463

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 68 (29.8.1933)
Date
1933-08-29
Page
Seite 463 (sequence 3)
Language
German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 465 933 Kr. 68, 29. VTIT. 1933 at, die e ue n bensder Im nd der insberung, der erden weder it dem ar von r jüdir Linie schinen י das er auch n Per- Jentum, t recht 1e Lage ion bcr b c i t. kt und tuf des ver gesuchen, t dem d e u t - lkerung ide, die . Alle 161 k eptu ng nistische ssenden im und lalitätcn os. Wir rei verin dem en wird, gedeihvon uns rafen, ist ienhart. 01k der ue zum t These e, ־W i r ets zu וs er e r iß wir i Prät1 er n t 0 p'r 0 ■ Rasse deutsche ut jedes , gleiche h n e ת I a t i o n, i s g a b e en, ab. i unsere 1 ben, ge- 1 :hes und 8 :hen iü- I können. 1׳ ius und Ei jen. E 5 ׳ן n z i p a ■ |t n t r al ■ 1 es als En erf snzen . 1 normal inge die llberechif seinen te Juden egt und der wert Erfolg egen die ■rachtung P r 01 :•> ■ werden, len einer le Volk, :relendet,!er anor- National- Zionisten zu kon- Lage der Schaf- Volkes erkern rer Ben derer ht einm r anung der appelliengesichts Vir glaugehendes daß ein I!egiertmr 1 tig nach eht. Alle isaufgabc .vegt für höchste wie ein; stellen. Hoffnung r Sanun־ rde, Rupplns Vorsdilöge zur üeuisflien juclenirajjc Es erfüllt uns sicherlich alle, die wir seit Jahrzehnten an dem Aufbau Palästinas arbeiten, mit stolzer Genugtuung, daß unsere Arbeit, die im Anfang von so vielen Seiten belächelt wurde, das Resultat gehabt hat, daß in der Katastrophe, welche die Juden eines Landes betroffen hat, Palästina aisder einzige Lichtpunkt erscheint. Während die anderen Länder, in welche sich früher der jüdische Auswanderungsström ergoß, in den letzten Jahren ihre Tore infolge der allgemeinen Wirtschaftskrisis und der ungeheuren Arbeitslosigkeit fast gänzlich geschlossen haben, ist Palästina von der Wirtschaftskrisis verschont geblieben und hat, besonders infolge jüdischer Initiative und jüdischen Kapitals, einen großen wirtschaftlichen Aufschwung genommen. Es ist das einzige Land in der Welt, in dem keine Arbeitslosigkeit, sondern kn Gegenteil Mangel an Arbeitern herrscht. Es ist in der Lage, in wirtschaftlich gesunder Weise jüdische Einwanderer zu absorbieren. Ruppin schildert nun die Auswirkungen der deutschen Gesetzgebung aut verschiedene Berufskategorien und fährt fort: Die Zahl der Juden in Deutschland betrug bei der Volks- Zahlung vom Jahre 1925 564 000. Die Ziffer ist allerdings heute niedriger. In den verflossenen 8 Jahren seit der Volks- Zahlung haben die deutschen Juden infolge ihrer außerordentlich geringen Geburtsziffer jährlich etwa 4000 durch den Lieberschuß der Sterbefälle über die Gebürten verloren. Außerdem ist der Ueberschuß der Aus- Wanderung über die Einwanderung' auf mindestens 30 000 zu schätzen, wenn man berücksichtigt, daß in den letzten Monaten allein mehrere Zehntausende Juden Deutschland verlassen haben. Ich komme deshalb zu dem Schlüsse, daß die Zahl der Juden in Deutschland heute hochst e n s 500OÖO beträgt. Sie wird infolge des erwähnten Lieber- Schusses der Sterbefälle über die Geburten noch weiter zurückgehen, denn unter den jetzigen politischen und Wirtschaftliehen Umständen werden jüdische Eltern natürlich noch viel schwerer die Verantwortung fühlen, Kinder in die Weit zu setzen. Ich glaube, daß sich im Laufe der nächsten 10 Jahre die Zahl der Juden auf natürlichem Wege um 50000, d. h. aut 450000 vermindern wird. Ich lasse dabei die getauften oder aus Mischehen hervorgegangenen ״Nichtarier“ außer Betracht. Die 500000 deutschen Juden machen nur etwa 3 ״/» der gesamten 16 Millionen der Welt aus. Aber sie sind ein wichtiges Glied der Judenheit. Sie haben in den letzten hundert iahren an der Spitze der Vorkämpfer für jüdische Gleicherechtigung in allen Ländern gestanden und haben den Juden in anderen Ländern, denen es wirtschaftlich schlecht ging, nach besten Kräften geholfen. Deshalb steht die gesamte Judenheit heute mit tiefstem Mitgefühl hinter den deutschen Juden und verfolgt gespannt die weitere Entwicklung ihres Schicksals. Es gibt füi die 200 000 Juden in Deutschland, die In ihren jetzigen Berufen sich nicht mehr erhalten können, in Deutschland keine Möglichkeit, eine Existenz in anderen Berufen za finden. Würden sie an den Uebergang zur Landwirtschaft denken, der an sich schon für Städter sehr schwer und für viele infolge ihres Alters unmöglich ist, so stoßen sie sofort auf das neue deutsche Bauerngesetz. Ein Uebergang zum Handwerk kann ebenfalls nicht in Betracht kommen, weil der jüdische Handwerker gegen die christliche Konkurrenz bei der jetzigen Lage nicht aufkoramen kann. Es ist selbstverständlich, daß der Hand el, in dem die Juden schon seit dem Weltkriege einen äußerst schweren Stand gegen die außerordentlich gewachsene Zahl ihrer christlichen Mitbewerher hatten, keine weiteren Juden aufnelimen kann. Der Uebergang eines Juden von einem Handwerkszweige zu einem anderen ist dasselbe, als wenn man sich aus einem brennenden Hause in der Hoffnung auf Rettung zum Fenster hinausstürzt. Die Lage der jüdischen Jugend, die in dieser Zeit in das Alter der Berufswahl eintritt, ist verzweifelt. Tausende und Zehntausende von jungen Leuten finden keinen Weg, auf detn sie ihr Leben nutzbringend gestalten können. In dieser Not gibt es keinen anderen Ausweg, als eine organisierte Auswanderung, die im Laufe von 5—10 Jahren die 200 000 Juden, die heute in Deutschland ״überzählig“ geworden sind und Deutschland verlassen wollen, in andere Länder bringt. Ich spreche hier als Soziologe, der sich seit mehr als 30 Jahren mit dem Schicksal der Juden in allen seinen verschiedenen Formen beschäftigt. Von diesem Standpunkte aus sehe ich keine andere Lösung, als eine organisierte Alis- Wanderung eines Teiles der deutschen Juden. Diejenigen von ihnen, die keine Existenzgrundlage mehr haben, werden den Weg der Auswanderung wählen; der Teil, der in Deutschland bleibt, würde dann — so nehme ich an — eine genügende wirtschaftlich« Basis behalten. Schließlich muß man sich immer wieder vor Augen halten, daß die Juden unter der deutschen Gesamtbevölkerung von 65 Millionen nur 8 auf 1000 ausmachen, und daß, wenn die Auswanderung ihre Ziffer auf eine Viertelrnillion herunterbringt, sich sogar nur 4 Juden unter 1000 Einwohnern in Deutschland befinden werden. Ich glaube annehmen zu dürfen, daß einer organisierten Aus- Wanderung von Juden aus Deutschland keine Hindernisse werden in den Weg gelegt werden. Ich spreche hier immer von einer organisierten Aus- Wanderung. Ich will damit den Gegensatz dieser Auswanderung zu einer fluchtartigen A u s w a n d e r u ת g. betonen. Diese fluchtartige Auswanderung ist in den meisten Fällen weder ein Segen für den Auswanderer, noch für das Land, in das er hineinkommt. Nur eine organisierte Auswanderung, welche die Ans- Wanderer nach ihren Fähigkeiten in die für sie geeigncten Berufe hinüberieitet und unter den Einwanderung»- ländern diejenigen auswählt, in welchen die Wirtschaftliehen Aussichten am besten sind, kann den Finch in einen Segen verwandeln. Unter den Auswanderungsländern richtet sich der Blick natürlich in erster Linie auf Palästina. Ich habe deutsche Juden gesprochen, die vor kurzem noch zu den schärfsten Gegnern des Zionismus und des Palästinawerks gehört haben und die heute offen eingestchen, daß sie sich geirrt haben und' daß die Lage der deutschen Juden heute viel verzweifelter wäre, wenn nicht Palästina für sie eine moralische Rücken- Stärkung und eine wirtschaftliche Hoffnung wäre. Die jüdische Bevölkerung in Palästina betrug am Ende des Weltkrieges etwa 65 000. Sie wurde bei der Volkszählung• von 1923 mit 83 000, bei der Volkszählung von 1931 mit 175 000 festgestellt und ist heute auf etwa 220 000, d. h. auf ein Fünftel der Gesamtbevölkerung Palästinas zu sdiätzen. Von dieser Zunahme entfallen ungefähr 100 000 auf. den .Lieberschuß der Einwanderung über die Auswanderung In den letzten zwölf Jahren. Wir hatten also einen durchschnittlichen Jahres-Einwanderungsüberschuft von 8000—9000. Aber das Palästina von heute ist in weit höherem Maße 1מ einer Einwanderungsaufnahme fähig als das Palästina von 1922. Die Tatsache, daß in Palästina heute 220 000 Juden und nicht nur 83 000 Juden wohnen, ist in sich selbst für die Aufnahmefähigkeit einer neuen Einwanderung ein sehr bedeutender Faktor. Die Einwanderung in ein Land tnuß־ um nicht lawinenartig das Bestehende zu überschwemmen, rn einem gewissen Prozentsatz zur bereits vorhandenen Bevölkerung stehen. Van diesem Gesichtspunkt aus allein läßt sich sagen, daß Palästina heute mehr als doppelt so viel Einivanderer aafnehmen kann als im verflossenen Jahrzehnt. Aber dazu kommt noch, daß überhaupt die Wirtschaft Palästinas in den letzten zehn Jahren sich in bedeutendem Maße entwickelt und modernisiert hat lind daß hierin große Möglichkeiten für eine neue Einwanderung liegen. Ich habe als Vorsitzender einer Kommission zur Ansied- Iung deutscher Juden in Palästina in der letzten Zeit die Ansiedlungsmöglichkeitcn in der Landwirtschaft genauer untersucht. Die Kommission hat sich zu diesem Zwecke mit dem jüdischen Nationalfonds, mit der Kolonisationsabteilung der Exekutive der Jewish Agency, mit der PICA, mit den bestehenden Pflanzungsgesellschaften usw. in Verbindung gesetzt und hat außerdem Sachverständige aus allen Zweigen der Landwirtschaft gehört. Die Kommission wird die Schlußfolgerungen, zu denen sie gelangt ist, in Kürze in einer Broschüre veröffentlichen. Es hat sich nach dein Bcrieht des Leiters der Kolonisationsabteilung der Jewish Agency herausgestellt, daß in den schon bestehenden landivirtschaftiichen Siedlungen oder auf Böden, die für neue landwirtschaftliche Siedlungen zur Verfügung stehen, für etwa 1000 Familien Platz ist. Hiervon können 725 Familien sich als Einzelsicdler ansiedein und 275 in Kwuzoth als Mitglieder aufgenommen werden. Die Siedlungen, in welchen diese 1090 Familien untergebracht werden können, liegen in Emek Jesreei, im fordantale und in der Küstenebene. Während bei der Ansiediung in Emek Jesreei und im Jordantaie die Form der Wirtschaft die gemischte Wirtschaft ist, in welcher die Milchwirtschaft die Hauptrolle spielt, ist bei der Ansiedlung in der Küstenebenc der Orangenbau der Hauptzweig der Wirtschaft. Die Kosten der Siedlung betragen in der gemischten Wirtschaft für die Ansiedler, die als Mitglieder in eine Kwuzah eintreten, 400 Pfund, für die Einzelsiedler in den Moschawim 600 Pfund. Die Siedler in der Küstenebene, welche bei einer Gesamtfläche von 20 Dunam auf 8—10 Dunam Orangen pflanzen sollen, brauchen dazu ungefähr 1000 Pfund. Außer diesen Siedlern ist noch die Ansiediung von einigen hundert Familien in der Nähe von Haifa aut den Böden des Jüdischen Nationalfonds in der Form einer vorstädtischen Siedlung in Aussicht genommen. Hierbei soll der Siedler aus der Wirtschaft seinen eigenen Bedarf an Gemüse, Geflügel, Eiern, Milch und Milchprodukten decken und im übrigen seinen Lebensunterhalt aus seiner städtischen Beschäftigung ziehen. Für solche vorstädtische Siedlung würde ein Kapital von 300—400 Pfund genügen. Die Siedler, welche die Form der gemischten Wirtschaft wählen, müssen durchweg noch in jugendlichem Alter stehen und imstande sein, alle landwirtschaftlichen Arbeiten selbst zu verrichten. Diejenigen Einwanderer, in deren Wirtschäften der Orangenbau an erster Stelle steht, können ihre Wirtschaft selbst oder durch eine der bestehenden Pfianzungsgescflschaften einrichten. In denjenigen Fällen, in denen der Siedler selbst jung und arbeitsfähig ist oder einen jungen und landwirtschaftlich vorgebildeten Sohn hat, wird die erstere Form manche Vorzüge haben, weil der Siedler und seine Familie dann sofort sich auf dem Platze der Siedlung niederlassen kann. In anderen Fällen wird die Anlage der Wirtschaft besser durch Vermittlung einer Pfianzungsgesellschaft eriolgen und der Siedler •wird erst dann seine Wirt- Schaft übernehmen, wenn die Pflanzung bereits Ertrag zu geben beginnt. In allen Fällen der Ansiedlung kann der Siedler erst dann selbst die Verantwortung für seine Wirtschaft übernehmen, wenn er oder ein Sohn von ihm mindestens zwei Jahre landwirtschaftlich tätig gewesen ist. Für die Kwuzah und Moschawim mit gemischter Wirtschaft gibt es — wie bereits erwähnt — eine solche Möglichkeit zur Ausbildung in den Siedlungen selbst. In den Wirtschaften mit Orangenbau als Hauptzweig, muß der Ansiedler oder sein Sohn entweder bei der Pflanzungsgeseilschaft, die seine Wirtschaft eingerichtet hat, oder sonst irgendwo als Arbeiter die Landwirtschaft erlernen. Außer diesen 1000 Familien können einige hundert Fami- Hcn und vielleicht mehr, von Pflanzungsgesellschaften, von der PICA oder einzelnen Kolonisten Boden zur Ansiedlung erwerben. Darüber hinaus kann eine landwirtschaftliche An- Siedlung erst erfolgen, wenn neuer Boden gekauft worden ist oder wenn durch neue Wasserfunde und Einführung bewässerter Kulturen die Siedler in den bereits bestehenden Siedlungen in den Stand gesetzt werden, sich mit weniger Botten zu begnügen und einen Teil ihres Bodens an neue Siedler abzugeben. Neue Bodenkäufe sind in Palästina zurzeit schwierig und erfordern vor allen Dingen zeitraubende Vorverhandlungen. Aber da wir in der Küstenebene, wo überall Bewässerung möglich ist, für eine Siedierfamilie nur eine Fläche von etwa 20 Dunam brauchen, ist auch bei dem Kauf kleinerer Flächen schon die Ansiedlung einer beträchtlichen Zahl von Familien möglich. Vielversprechend sind die Versuche in denjenigen Gebieten, die bisher als wasserarm galten, durch Tiefbohrungen Wasser zu beschaffen. Durch Tiefbohrungen, welche die Palestine Ecconomic Corporation zusammen mit der PICA im letzten Jahre vornahm, ist in der Kolonie J abn i el Wasser in beträchtlicher Menge erbohrt worden. Im Emek Jesreei haben die Bohrungen an drei Stellen, in Tel Adashim, Merchavja und in Jadschur, große Mengen Wasser zutage gefördert. Das läßt den Schluß zu, daß im Emek noch an vielen Steilen, wo wir bisher auf unbewässerte Kulturen angewiesen waren, Wasser erbohrt werden kann und bewässerte Kulturen in die Wirtschaft eingeführt werden können. Es ist eine unserer wichtigsten Aufgaben, an deT zur Zelt verschiedene Instanzen im Lande arbeiten, darunter auch di« Palästina-Regierung, das ganze Land durch Bohrungen systematisch zu erforschen und das bisher im Untergrund nutzlos abfiießende Wasser für die Landwirtschaft nutzbar zu machen. Es wäre sicher außerordentlich wertvoll, wenn von den Geldern, die jetzt für die Ansiedlung von deutschen Juden in Palästina gesammelt werden, ein bestimmter Betrag diesem Zwecke gewidmet würde, denn die Erbohrung. von Wasser kann uns über die größte Schwierigkeit bei der Ansiediung deutscher Juden, nämlich die Schwierigkeit des Erwerbs von Boden, hinwegbringen. Die Ansiedlung von neuen Menschen in der Landwirtschaft schafft einen vergrößerten inneren Markt für die Produkte der Industrie, gibt dem Handel und dem Transportgewerbe ein Feld für erweiterte Tätigkeit. Es ist eine alte Erfahrung in Palästina, daß mit jeder neuen landwirtschaftlichen Familie auch eine bis zwei Familien eine Existenz in Dorf oder Stadt finden können. Jedes Schilf, das neue jüdische Einwohner ins Land bringt, bringt mit ihnen neue Energien und neue Fachkcnntnisse aut dem Gebiete der Industrie. Es ist erstaunlich, mit welchem Spürsinn die Einwanderer alle Möglichkeiten herausfinden, Waren, die bisher aus fremden Landern nach Palästina importiert wurden, in Palästina selbst herzustellen, angefangen von der Herstellung eines Nagels bis zur Herstellung eines Auto- Omnibusses. Die Warenimportliste Palästinas ist eines der am meisten studierten Bücher in Palästina. Jede Woche werden kleinere oder größere Unternehmungen gegründet, welche importierte Waren durch Produkte Palästinas ersetzen. Nun müssen wir natürlich im Auge behalten, daß Palästina nicht nur für die deutschen Juden da ist, sondern daß die Tore Palästinas auch für die Juden aus anderen Ländern offen bleiben müssen. Es ist schwer zu sagen, weiche Proportion die deutsche Einwanderung unter der (iesamteinwan* derung Palästinas eliinchmcn darf, ohne die Interessen der Juden aus anderen Ländern, die nach Palästina einwandern wollen, zu beeinträchtigen. Eine• Voraussage in Ziffern ist auch deshalb schwierig, weil cs in der Natur der Dinge liegt, daß die Prosperität, die jetzt in Palästina herrscht, auch einmal von einer Periode der Stagnation oder der Depression abgelöst werden kann. Schließlich hängt die Aufnahmefähigkeit für deutsche Einwanderer auch davon ah, welche Mittel sic nach Palästina mitbringen werden und welche Mittel die Judenheit der Welt dafür auibringett wird. Darüber läßt sich etwas Bestimmtes heute nicht sagen, ich muß deshalb alle diejenigen enttäuschen, welche gehofft haben, daß ich für die Aufnahmefähigkeit Palästinas für deutsche Einwanderer eine bestimmte 2ahl innerhalb einer bestimmten Zeit nennen werde. Ich muß mich darauf beschränken zu sagen, daß Palästina voraussichtlich einen sehr beträchtlichen Teil — ein Viertel, ein Drittel, vielleicht sogar die Hälfte — der 290 000 deutschen Auswanderer im Laufe einer bestimmten Zeit — 5, 8 oder 10 Jahre — wird aufnehmen können. Wir werden die Auswanderung nach Palästina selbstverständlich nur denjenigen Juden erleichtern, die nach Palästina gehen wollen. Auswanderer, die glauben, daß für sie in anderen Ländern bessere Aussichten bestehen, sind selbstverständlich völlig frei, sich ein anderes Land zu wählen. Fyr die Aufnahme der gesamten 200000 Einwanderer werden außer Palästina andere Länder auch aus dem Grunde mit in Betracht gezogen werden müssen, weil sich die Auswanderung aus Deutschland schwerlich auf eine Anzahl von Jahren gleichmäßig zerlegen läßt. Alle diejenigen, die in Deutschland ihre Einnahmen verloren haben, können nicht einige Jahre warten, sondern müssen sofort die Möglichkeit zur Auswanderung haben. Erst wenn dieser erste Run vorüber ist, werden sich die übrigen Auswanderer auf eine Reihe von Jahren verteilen lassen. Mir scheint es deshalb notwendig, damit die Einwanderung nach Palästina nicht überstürzt, sondern in geordneten Bahnen verläuft, daß von vornherein auch die Auswanderung in andere Länder ermöglicht wird. Ich decke dabei in erster Linie an die Vereinigten Staaten. Diese haben allein im Jahre 1906 154 000 und im Jahre 1921 119 000 jüdische Einwanderer aufgenommen. Zwar wissen Sie, daß in den letzten Jahren die Vereinigten Staaten zu einer strengen Restriktion der Einwanderung gegriffen haben, im Jahre 1932 sind nur 6090 Juden in die Vereinigten Staaten eingewandert, und zwar fast nur Verwandte von anterikanischea Bürgern. Auf die gesetzliche Einwamierungsquotc, die eine Maximalziffer von 153 000 Einwanderern jährlich zuläßt, sind im Jahre 1931 mir für 48 030 Personen Visa erteilt worden. Trotzdem scheint es mir nicht ausgeschlossen, daß unter Berücksichtigung der Verhältnisse der Juden in Deutschland, besonders wenn die von der staatsmännischen Klugheit Rooscvclts angebalmte Besserung in der amerikanischen Wirtschaftslage anhält, eine gewisse Milderung in der Erteilung von Visa für deutsche Juden eintritt. Für das Wirtschaftsleben der Vereinigten Staaten mit ihren 125 Millionen Einwohnern würde diese jüdische Einwanderting so wenig bedeuten, wie das Ausgießen eines Eimers Wasser für das Niveau des Atlantischen Ozeans. Es würde sich bei Einwanderern aus Deutschland um Leute handeln, die auf einer hohen kulturellen Stufe stehen und von denen weder für den kulturellen, noch für den wirtschaftlichen Standard der Vereinigten Staaten irgendeine, Gefahr zu befürchten ist. , Abgesehen von den Vereinigten Staaten, denke ich, daß auch die im Völkerbund vereinigten europäischen und überseeisciien Staaten (Brasilien, Argentinien, Canada, Südafrika) eine beschränkte Anzahl von deutschen Juden aufnehmet» werden. Die Judenheit der Welt sollte durch den Völkerbund einen Appell an seine Mitglieds-Staaten richten, daß sie in dieser schweren Wirtschaftskatastrophe im Rahmen ihrer wirtschaftlichen Möglichkeiten einer bestimmten Zahl von deutschen Juden Zuflucht gewähren. Ich habe die Hoffnung, dafj cs möglich ist, durch solch einen Appell zumindestens für 50 000 Juden eine Zuflucht zu schaffen, ohne daß dadurch den Einwanderurigsläiwiern irgendeine Last erwächst. Die jüdischen Gelehrten, Industriellen und Kauflcute werden, davon bin ich überzeugt, für die neuen Länder ein wertvolles Aktivum werden.“ Wenn wir uns auf diese Weise an die Welt mit dem Aufruf wenden, die deutschen Juden aus ihrer wirtschaftlichen Katastrophe zu retten, so tun wir dies nicht als Bettler, sondem als ein Volk, das für die Weltkultur Großes geleistet hat und weiter zu leisten imstande ist. Wir sind nicht minderwertig, sondern anderswertig, so wie jede menschliche Gruppe sich von jeder anderen Gruppe unterscheidet. Aber so wenig man sagen kann, daß unter den Obstsorten der Apfel höherwertig ist und die Birne minderwertig, so wenig kann zwischen uns und anderen Vöikern von Höher- oder Minderwertigkeit gesprochen werden. Es ist unmöglich sich vorzustcllen, wie die jetzige Weltkultur aussenen würde, wenn man aus ihrem viclfarbigen Bilde die Farbe licrausnehmen würde, die die Juden hineingewebt haben. Aus ihrer Mitte gingen die Propheten hervor, deren Stimme als soziale Reformer durch die Jahrtausende bis in unsere Zeit erschallt, Dje Juden gaben der Weit in der

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