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Jüdische Rundschau · 1933-08-25 · Heft 67 (25.8.1933) · p. Seite 454

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 67 (25.8.1933)
Date
1933-08-25
Page
Seite 454 (sequence 6)
Language
German
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Seite 452 jüdische Rundschau Nr. 67. 25. VTIT. 1933 Zur gegenwärtigen Haltung der unabhängigen Orthodoxie Von Oslsar Wolfsberg. Der!ernst der Tage, die wir durclilebcn, verbietet jede leidn lenige Polemik. Aber wir dürfen auf der anderen Seite nidit etwa notwendigen Auseinandersetzungen ausweichen. Die ,,jüdische Rundschau1‘ hat in würdigster Form auch in den letzten Monaten gegenüber jüdisch-politischen Gegnern ein דבר בעתו gesprochen. So muß auch heute wieder einmal den Wortführern der ,,unabhängigen“ Orthodoxie einiges entgegnet werden. Die Nr. 31 des ״Israelit“ vom 3. August bieiet interessante Anknüpfungspunkte für eine Diskussion. Zwei Aufsätze der zit. Nummer, der Leitartikel Dr. M. Auerbachs (,,Die deutsche Orthodoxie und Erez Jisroel“) und ein redaktioneller (״Zeitenwende im heiligen L.■uni“) behandeln aktuelle, dabei grundsätzliche Fragen dei Schulpolitik, während der Vorabdruck eines Kapitels aus dem Buche von Munk-Ansbach ״Judentum und Umwelt“ (,,Per Sinn des üeschcliens“) ganz allgemein die jüdische Schicksalssituation deuten will. Der Aucrhaclische Artikel entspricht dem Ernste des Autors und seiner oft vorgetragenen kulturellen und religiösen Lin Stellung. Cr liebt Erez Israel, ist von der Sendung der dculschen Orthodoxie und ihrer besonderen synthetischen Rolle itn Kulturellen überzeugt. In Palästina will er die Erzieliungsweise und exklusive Bildung des alten Jischub erhalten wissen, daneben aber neue Bildungsstätten, die dem Thora - im - Derech - Frez- Prinzip S. R. Hirsrhs entsprechen, *chuffen, nicht nur weil deutsch-orthodoxe Immigranten (und wohl auch Einheimische) zu einem erheblichen Teile Verl;uu:en nach solchen Schulen tragen, sondern — und das verdient Beachtung — weil die Erhaltung dieses Typus und seine Vcrpflan/img nach א״י erwünscht und bedeutsam sind. Dieser Schul- und Bddungstvp Ft nicht lediglich Notbehelf in Europa ׳;tnrrscn, sondern entspricht einem traditionellen Ideal. Fs ist unnötig, hier in eine sachliche Polemik hinsichtlich der Bewertung des Standes der Bildungsfraee iin alten Jischuh, der (dualit.1t der Talmud-Thora-Anstalten und Jcschiwo! 11 und endgültig in eine Diskussion über das Bikhmgsideal der deutschen Orthodoxie cin/utreten. Auch das wäre durcliaus notwendig, und man könnte — selbst wenn man im Prinzip Auerbach weitgehend beipflichten würde — sehr herbe Kritik, an dem empirischen Stand der Dinge üben. Das Wort Jesclmva erweckt ln vielen von uns großen Respekt und tiefe Dankbarkeit. Aber wir werden uns nicht durch den Namen!)!enden lassen und werden nicht jede /Anstalt, die diesen Namen tragt, unbesehen in den Himmel heben. Wir werden auch ermatt das Probien! des unproduktiven Lebens zur Diskussion stellen müssen. Das kontemplative Leben im Geist, im Lernen ist doch nur vor! Wert und Fruchtbarkeit, wenn hervorragende, eben geistig und religiös schöpferische Menschen sich ihm hin gehen. Zur Batlamith weiter Kreise dort es aber nicht kommen, um so weniger als nicht alle die Nutznießer des Systems sind oder waren, (die diese Lebensweise fruchtbar gemacht haben. Aber, wie gesagt, das soll heute nicht entscheidend in der Aussprache sein. Hier liegen Unterschiede in der Blickweise vor, und ich achte Auerbachs Meinung in ihrer Strenge und ihrem Ernst. Wenn er aber der Erziehung in einen! Geiste das Wort redet, der an die Moderne, an Wissenschaft und Literatur nicht vorbeigellt, so fällt einem doch auf, daß er, Auerbach, ein recht guter Kenner des Landes, mit keinem Worte der Bemühungen und Leistungen Erwähnung tut, die das erstreben und verwirklichen, was er will. Selbst ungcrechte und parteiische Beurteilung der misracliistischen Schn- Icn hätten wir in diesem Zusammenhänge besser ertragen, als das völlige Schweiger!, das Auerbach ihnen gegenüber angcsichts des Themas und der jüdischen Lage bewahrt. Der redaktionelle Artikel des ״Israelit“ ist eine mehr oder weniger verhüllte Polemik gegen Auerbach, und wir erleben das recht pikante Schauspiel, daß S. R. Jiirsrhs unmittelbare Schüler — freilich mit einer Motivierung — sein 1.ebenswerk recht stark in Frage stellen. Wird es doch — in vorsichtiger Form — mir unter den besonders trostlosen Verhältnissen der Orthodoxie Deutschlands um die Mitte des vorigen Jahrhunderts gebilligt. Daß dabei erhebliche Liebertreibungen ausgesprochen werden, daß insbesondere das übrige Deutschland völlig vernachlässigt und mir Frankfurt ge י ehe!! wird, ist für die ״Weltpolitiker“ der Aguda, die von ihrem Lokalpatriotisimis kaum loskönneii, recht bezeichnend. Am interessantesten jedoch ist, daß die Politiker, die sonst aut K. Joe! ihre Ideologie gründen, nun so kulturfeind-! i. h geworden sind und einem P ä d a g 0 g e n ihre Bedenken fiir Palästina cnigvge«halten. Im redaktionellen Aufsätze werden die mfsrachlsti-• scheu Schulen erwähnt — natürlich in ablehnendem Sinne. Neu daran ist nur, daß man den .— behaupteten — gelingen Erfolg nicht allein dein Misraehi und seinem Schülermaterial zur La-d legi, sondern schicksalshafte Schwierigkeiten funüitet. Ls heißt dort: ״Aber das darf uns nicht dazu verführen, zu glauben, daß gegen solche Gefahren nun ein auf .־igudistis:hen Grundlagen zu errichtendes Schulwerk gefeit und geschützt wäre.“ Es scheint, daß man noch immer Palästina als Realität aus dem Wege geht und vor allem glaubt, den Problemen der zeitgenössischen Judenheit im Zusammenhänge mit Erez Krad ausweichen zu können. — Und doch fehlt der letzte Mut zur Verneinung und Ablehnung dessen, was Auerbach als unumgänglich ansieht, und was bereits einige Trcnnungsorthodoxe verwirklichen wollen: im Geiste S. R. Kirschs geleitete Institute. Ich will über die Notwendigkeit bzw׳. über die Problematik dieses Systems heute nicht sprechen. Es erweckt aber den Eindruck, als ob der ,,Israelit“ fühlt, daß er ein Rückzugsgefecht liefern muß, und so mahnt er ״zur Vorsicht und zu immer wiederholter ernstlicher Beratung mit den berufenen Größen der Thora und der pädagogischen Wissens• fiaft“. Die erstcren, unter denen es an einigen Größen nicht fehlt, werden ja wohl kaum ermutigende Worte sprechen. ()ernannter kann man auf die Entscheidung der zweiten Gruppe sein. Wieviele berufene Größen der pädagogischen Wissenschaft es wohl im Lager der Aguda geben mag? Ich furchte, daß einige Lehrer dazu ernannt werden. Die Ausführungen von Munk-Ansbach im Zusammenhang mit den anderen hier erwähnten Beiträgen geben der Nummer einen gewissen programmatischen Charakter. Nachdem zwei Aufsätze Sehulproblcme Palästinas im Zusammenliange mit der Lage der deutschen Juden erörtern, wird durch den Versuch einer Sinngebung des gegenwärtigen Geschehens die Betrachtungsweise der Orthodoxie abgerundet. Und da in Munks Worten eine deutliche Ablehnung des Zionismus /um Ausdruck gelangt, so sind wir gewiß berechtigt, seine Meinung kritisch zu beleuchten. Munk rollt die Frage auf, wie sich die Judenheit nach allem Erlebten zu orientieren habe. Dabei fragt er: ״Oder sollte uns etwa der Zionismus die Lösung des Judenproblems bieten wollen? Das kann er heute weniger denn je. Denn er vertritt für das Judentum den gleichen engherzigen und überspitzten Nationalismus, wie wir ihn bei allen Völkern vertufeilen und dessen Unterordnung unter den (!) Ethos wir zu fordern nicht müder werden. Und darüber hinaus zeigt er uns keinerlei sittlichen Fortschritt, sondern bleibt i!1 den gleichen politischen Erwägungen und materiellen Berechnt!!!- gen haften, deren Zuverlässigkeit vor unseren Augen soeben ruft unbarmherziger Wucht ad absurdum geführt worden ist — Wir haben es satt, unsere Hoffnungen an die Mächtigen der Erde und die Parteien des Landes zu knüpfen. Oder kann uns der Zionismus etwa garantieren, daß ihm das gleiche, das wir gegenwärtig erleben, über kurz oder lang־ nicht ebenso widerfahren wird?! Und auf wen werden wir dann unsere Hoffnung setzen?“ Dieses Zitat wollte ich den Lesern nicht vorenthalten. Ich werde mit Munk nicht darüber streiten, was der Zionismus zur Lösung des Judenproblems beiträgt. Daß er sie heute weniger gehen kann als je, ist die gemeinsame Anschauung aller Antizionisten, auf die sich diese —׳ recht voreilig und geistlos — geeinigt haben. Manche fordern, daß der Zionismus fetzt zur Seite tritt, andere konstatieren bereits sein Versagen. Merkwürdigerweise auch Kreise, die Palästina jetzt für sich und ihren Kreis entdeckt haben. Was sie wohl täten ohne die zionistische Vorarbeit? Ist Mangel an Dankbarkeit und Anerkennung ein Bestandteil des geforderten ״sittlichen Fortschritts?“ Noch viel ungerechter ist die Charakterisierung unseres Nationalismus als engherzig und die Feststellung mangelnden sittlichen Fortschritts. Der AnsbaCher Rabbiner scheint nichts von der sittlichen Erneuerung zu wissen, die das berufliche Schaffen der Arbeiter, der Siedler in der Heimat bewirkt, hat offenbar keine Kennfnis von dem bewundernswerte!■ Anstrengungen weiter zionistischer Kreise, keinen Chauvinismus aufkornmen zu lassen, keine Entartung des Nationalismus zu dulden! Sonst ■würde er sich hüten, so billige Reden zu halten und noch gar drucken zu lassen. — Die innere lnkonsequenz, das eigenartige Gemisch von religiöser Abwendring von den Dingen der Erde und die an uns gerichtete Frage nach der Garantie wird ia wohl dem aufmerksamen Leser allein genug zum Bewußtsein kommen. Wir können nur mit tiefem Bedauern konstatieren, daß zu den ernstesten Schicksalsfragen mancher das Wort nimmt, der recht wenig die Sprache der Geschichte — auch der Wesensgeschichte, auch die Mahnung des religiösen Judentums — versteht. Wollte ich meine Befrachtungen recht vollständig sein lassen, so müßte ich noch das Organ der Aguda ״Die jiidisrhe Presse“ (Wien) zitieren. Da ist alles ins Derbe übersetzt. Da sniclt sich die Aguda als die überwachende Instanz in den Palästina-Aemtem der Jewish Agency auf, da wird gegen die Agency gleichzeitig Sturm gelaufen und für die Zukunft noch mancherlei angedroht. Wir kennen diesen iiblen Ton, aber da wir Nachkommen der biblischen Helden sind, so halten wir uns an den oft an uns ergangenen Ruf: Fürchtet euch nicht und banget nicht — und wir werden vermutlich Haltung bewahren — sogar angesichts der Drohungen der Aguöas Jisroel. Achi-Meir verhaltet Jerusalem, 10. August. (J.T.A.) Gegen den revfsionistischen Agitator Ach! Meir, der vor einigen Tagen aus Jaffa in das Gefängnis von Jerusalem überführt worden ist, wurde neuerdings eine Untersuchung wegen Mitschuld an der Ermordung Dr. Arlosoroffs eingeleitet. Die Beschuldigung gegen Achi Meir, der noch nicht vernommen wurde, wird auf Grund von Dokumenten, die bei im Juli durchgefiihrten Haussuchungen beschlagnahmt wurden, erhoben. Die Polizei hat in dieser Sache den Führer der Revisionisten von Tel-Awiw, Dr. Jacob Weinschal, vernommen. Einnahmen-lieberschuß der Palästina - Regiernng Jerusalem, 17. August. (J.T. A.) Wie aus dem soeben veröffentlichten Bericht des Schatzamtes der Palästinaregiernng hervorgeht, betrug der Verwaltungsfiberschuß der Palästinaregierurig Ende März 1 230206 Pfund. ln den inländischen Banken befanden sich Denoslten in der Höhe von 7 Millionen, außerdem waren ln ausländischen Banken 3 Millionen zugunsten Palästinas deponiert. Die außerordentlich hohen Einkünfte der Paiästina-Regierunrf, insbesondere aus Zöllen, spiegeln die günstige Wirtschaftslage wider: Anzeichen fiir eine Verschlechterung dieses Zustandes sind nicht vorhanden. Im Bericht des Schatzamtes erfolgt keinerlei Hinweis auf die Rolle der jüdischen Wirtschaft bei der Erzielung dieses hohen Überschusses der Landesverwaltung. Die Einwanderung im Monat Jnni fm Monat Juni sind nach Palästina 1364 Personen, unfer ihnen 1263 Juden, eingewandert. 227 Einwanderer gehörten der Kapitalistenklasse an. Im Vormonat betrug die Zahl der nach Palästina elngewanderten Juden 1854 von einer Gcsamfeimvandererzahl von 1058. 242 jüdische Einwanderer fielen unter die Kategorie A 1 mit einem Eigenkapital von mindestens 1000 Pfund, Einwanderer der Kategorie X 2 (Mindestkapital 500 Pfund) wurden im Monat Mai nicht verzeichnet; dagegen sind einige Angehörige der Handwerker-Kategorie, für die ein Mindestkapital von 250 Pfund vorgeschrieben ist, eingewandert. Der ״Judcnstaat“ in neuer Auflage. Soeben ist Theodor Herzls ״Judenstaat“ in 9. Auflage vom Jüdischen Verlag, Berlin, herausgegehen worden (Preis 0,90 M.) Diese neue Auflage des grundlegenden Manifestes, das an der Wiege der zionistischen Bewegung Westeuropas gestanden hat, ist im gegenwärtigen Augenblick besonders nützlich, da viele Tausende deutscher Juden das Wort Herzls willig aufnehmen und aus ihm die klare Analvse der jüdischen Lage auch unserer Zeit heraushören werden. Der Zionismus und sein Werk. Unter diesem Titel ist im Verlage der ,Jüdischen Rundschau“ eine Schrift von Dr. Georg Herlitz als erstes Heft der Neuen Folge der ,,Schriftenreihe der Jüdischen Rundschau, I, Zionismus und Zionistische Organisation“ erschienen (Preis 0,30 M.). Die Schriftenreihe, die mit dieser Broschüre eröffnet wird, soll das Gedankengut des Zionismus, die Kenntnis seiner Geschichte, seiner Organisation und Leistung sowie die Kenntnis des Landes Palästina und seiner Möglichkeiten den Lesern vermitteln. Entsprechend behandelt das soeben erschienene erste Heft die Geschichte der Zionistischen Organisation vom ersten Kongreß in Basel im Jahre 1897 bis zur Gegenwart. Ein weiterer Abschnitt beschäftigt sich mit dem Aufbau der Zionistischen Organisation und der Jewish Agencv. Weiterhin werden die Leistungen der Organisation auf politischem, wirtschaftlichem, kulturellem und finanziellem Gebiete, sowie ihre Bedeutung für die Diaspora-Arbeit behandelt. Den Abschluß der Broschüre bildet ein Uebcrblick über Aufbau und Tätigkeit der Zionistischen Vereinigung fiir Deutschland. Den einzelnen Abschnitten sind Literaturangaben beigefügt, an Hand derer sich der Leser über die einzelnen Gegenstände genauer informieren kann. Spemere sperni ״Wie geht׳«, junger Freund?“ Es ist der alte Justizrat. der mich auf der Straße anruft. Er zählt 20 Jahre mehr als ich und leitet davon die liebenswürdige, von Sarkasmus nicht freie Gewohnheit ab, mich als seinen jungen Freund za bezeichnen. Der alte Justizrat schreitet rüstig daher — das wunderl mich nicht an ihm. Aber er macht auch einen unbekümmerten Eindruck — das setzt mich in Erstaunen. Denn von ihm weiß ich, was ihm widerfahren ist. Nichts, was nicht andere Juden auch erlitten haben; Verlust des Notariats, Verlust aller Ehren■ stellen in den juristischen Organisationen, Verlust seines Syndikatspostens, Verlust des größten Teils seiner Klientel. Freilieh: er hat zu leben; vorläufig hat er noch zu leben. Das macht manches leichter. Dennoch! Seit jeher kenne ich den Mann im Glanze seiner Titel und Ehren, die er mit würdige! Schlichtheit zu tragen verstand. Jetzt treffe ich ihn da nach einer Degradation, die sonst die Folge und das Zeichen ehrenrühriger Verfehlungen gewesen wäre, die nun aber ihn getroffen hat, weil er Jude ist. Sieht er verändert aus? Niehl im geringsten. Und eben das ist es, woran ich mich stoße. Das Schicksal, das er trägt, kann ihm ja unmöglich gleichgültig sein. Er macht eine Bewegung geringschätziger Abwehr ״Kommt Ihnen das so unbegreiflich vor? Muß wohl sein Wenigstens sehe ich, wie sich andere stellen, denen das_ gleiche passiert. Sie tragen schwer daran, sie werden damit nichl fertig, manche verlieren jeden Half und jede Fassung, sie drohen zusammenzubrechen. Ich verdenk’ es keinem, ich gewiß nicht. Ist ja wirklich schwer zu tragen. Abgesehen^ von ae! materiellen Sorge. Aber davon sprech’ ich gar nicht. Sie fühlen sich eben um jede menschliche Ehre gebracht. Sie fühlen sich geschändet. Sehen Sie; In den guten Jahren, als ich Erfolge hafte und als die. Leute mir den Hof machten — es ist manch^einer dar unter, der sich heule nicht mehr erinnert — hab ich oft zu meiner Frau gesagt: Alles schön und gut, hab ich gesagt aber wenns darauf ankommt, bin ich nur ein alter Jüd. Fragen Sie meine Frau, wie oft ich das gesagt habe. Was hab ich da mit gemeint? Damit hab ich gemeint: überhebe dich nicht werde nicht übermütig, erinnere dich, wer du bist. Nu also- Nu sehen Sie, wie ich recht gehabt habe? Ein alter Jüd, weite! nichts. Da haben wir die Bescherung. Aber ich frage Sie: Ist denn das gar nichts? Ein alter Jüd, soll denn das heißen ein Lump und ein Schuft? Ein ehrlicher Mann soll es heißen Ein Mann, der ein Gott gefälliges Leben geführt hat. Eir Mann, von dem niemandem mit Wissen Unrecht geschehen ist Ein Mann, der seine Pflichten gegen den Staat erfüllt hat bis auts i-Tüpfelchen. Wenn die anderen, die Gojim, hören: ein alter Jüd, werden sie lachen. Sollen sie lachen! Sie Wissens eben nicht besser. Aber Sie, junger Freund, wissen es besser imd ich weiß es auch besser. Kennen Sie die alte Mönclisregel ״S p e r n e r e s p e r n I?“ Ucbcrsetzcn Sie das mal. Nicht, wie Sies auf dem Gymnasium übersetzt haben, schülermäßig, sondern seiner wahren Bedentung nach. Also ich übersetz* das: Sich nichts draus machen daß die anderen sich nichts aus einem machen. Was wissen schon die anderen? Siebrauchen sich nichts aus mir zu machen sie dürfen mich geringschätzen; meinethalben sogar mich ver• achten. Ich mache mir nichts draus. Aus Mangel an Selbstgefühl? fm Gegenteil, hahaha, ganz im Gegenteil. Gerade aus Selbstgefühl. Weil ich eben ein alter Jüd bin. Weil ich ein alte! Jüd bleiben werde. Und weil mir das genügt. Lassen Sie sich! gut gehen, junger Freund.“ Damit stapft er seiner Wege, rüstig und unbekümmert, und ich stehe und bücke hinter ihm her. Er ist doch ein Kerl, der Justizrat, Moritz Goldstein. Strandbad Wannsee für Juden verboten. Wir veröffentlichten in der letzten Nummer der ״J. R.“ eine Zuschrift de! Leitung des Strandbades Wannsee, wonach der Besuch diese- Bades auch weiterhin Nichtariern erlaubt sei. Nunmehr haben verschiedene Tageszeitungen eine Notiz veröffentlicht, wonach, um für die Zukunft Unzuträglichkeiten, wie sie sich in der letzten Zeit wiederholt herausgcstcllt haben, zu verhüten, die Direktion der Strandbad Wannsee G. m.b. H. an!!8. d. M. ein Schild hat anbringen lassen, daß Juden der Besuch des Bades verboten ist. ״Volksgcsundheitswacht“. Zahlreichen Aerzten geht eine Zeitschrift ״V olksgesundheitswach t“ zu, deren Ilerausgeber Dr, Bernhard Härm a n n ist. Es handelt sich hierbei um ein Blatt, das wohl in der Hauptsache zur Auslegung im Wartezimmer bestimmt ist. Uns liegt das Augustheft dieser Zeitschrift vor, das sich in der Hauptsache mit der Judenfrage beschäftigt und auf einen radikalantisemitischen Ton abgestimmt ist. EL a._ werden Bilder aus Palästina veröffentlicht mit der ironischen Ucberschrift: ״Das gelobte Land der Juden, in das sie vor Jahrtausenden zogen und das sie jetzt wieder als Heimat ersehnen, um aut Grund jüdischer Ethik einen eigenen Staat zu gründen•'1 An anderer Stelle des Heftes wird dann über jüdische Ethik in einem Sinne geschrieben, der weder mit den tatsächlichen ethischen Auffassungen des Judentums, noch insbesondere auch mit denjenigen Idealen übereinstimmt, die vom jüdischen Volk beim Wiederaufbau Palästinas verfolgt werden. Aerzte vor 16 Jahrhunderten. Ein ärztlicher Leser übersendet uns aus einem Abreißkalender für 1933, der an Aerzte ausgegeben wurde, den Abschnitt vom 29. Juli, worauf sich folgende Anekdote befindet: Der letzte berühmte Arzt des klassischen Altertums war Oribasius, der in Alexandria ausgebildet war und Leibarzt des Kaisers Julianus Apostata wurde, den er bis zu seinem Tode begleitete. In dessen Auftrag sammelte er die Lehren der antiken Aerzte in einem Werke. Nach Julianus’ Ende verbannte dessen Nachfolger Jovlan den ״heidnischen“ Arzt, der zu den Goten floh und dort zu hohen Ehren kam. Nach einigen Jahren riefen ihn die Römer zurück, denn ״bei einem Arzt kommt es auf die Kunst und nicht auf den Glauben an“. Canada für Palästina. Man schreibt uns: Kurz nach der Beendigung seiner Arbeit in England begab sich Herr L. J a f f e, geschäftsführender Direktor des Keren Hajessod, nach Canada, wo er die United Campaign für Keren Kajemeth und Keren Hajessod geführt hat Während seines Aufenthaltes von 21/2 Monaten besuchte er 16 Punkte, vom Atlantic bis zum Pacific: Montreal, Toronto, Ottawa, Brandford, Kitchener, Hamilton, Kingston, London (Ontario), Winnipeg, Saskatoon, Edmonton, Calgary, Vancouver Regina. Fort Williams und St. John. Das praktische Resultat seiner Arbeit war die Verdoppelung der Einnahmen des Vorjahres. Ucbcr 35 000 Dollar wurden bereits nach Palästina überwiesen. Auch die Einnahmen der speziellen KKL-Sammlungen und die der durch die Frauen geführten Sammlungen für Kahaial usw. sind gestiegen. Vor Jaffes Abfahrt tagte der Council der kanadischen Zionistischen Organisation und nahm von Jaffe einen Bericht über seine Erfahrungen und die nötigen Reformen entgegen.

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