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Jüdische Rundschau · 1933-08-11 · Heft 64 (11.8.1933) · p. Seite 419

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 64 (11.8.1933)
Date
1933-08-11
Page
Seite 419 (sequence 7)
Language
German
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933 Nr. 64, 11. Vin. 1933 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 417 Q Jahre lerung erregt lischen 1 habe gt, so 'reisen großes %s vor nische?eJ. chicken hfe gele nostrc wissen, vie wir!aft des iandelstüte zu stungsie fran-!gegen, beiden mg. der es Lan- 1 Inten- ■teil die :eit der jsischen , hatten lommen in den nehmen תג Bor- 1675 ein e wohl- :inderat, irtugais, consjdet etran-; retirer peu, qui!rcevons tr Sousfür das rde der ugrundc lerlande iebe die ds Mitte en Freiwandten er Stadt sie auf ren. Die ächtliche en einen ׳s weiter, ist und!1 rejßeu en Ruin ler Ver- :n.“ Der weitere!ntin der rieh der zu vervon Antn könne, lfe. Me Antir sahen, en deuttten. Als ion nach egierung en Juden hren Oe- Absichten ligendem den. Mame, that and, but Portugal. •t wächst un entitet. Der , mit der und daß ihr liefe, ft an den :ben weruigeff des :ißt es in ndet: Im id in der Meister' min .sich 1 an Zahl ereil, der cht Start 1 necetsa eine her eversiche Kunst und Literatur Die Fresken der Synagoge von Dura-Europos Eine umwälzende Entdeckung in der Geschidite der ffidischen Kunst Von Dr. Ernst C o 11 n - W i e n e r, z. Zt. London. London hatte in dieser Woche eine echte wissenschaftliche Sensation, die noch dazu eine jüdische war. Es ist eine Synagoge der Mitte des 3. Jahrhunderts aufgetaucht, deren Wände vollständig mit Fresken bedeckt sind, eine Entdeckung, die einfach alles über den Haufen wirft, was wir bisher über jüdische und sogar über christliche Kunst geglaubt haben und dem Verfasser dieses Artikels völlig recht gibt, der aus den wenigen bekannten Denkmalen schon immer auf eine höchst bedeutende spätantike jüdische Kunst im inneren Orient schloß. Als Prof. Rostowzew-Paris, der übrigens selbst eine sehr interessante Persönlichkeit ist, die Funde in der Royal Asiatic Society zeigte, war das Erstaunen allgemein. Jetzt sind sie in der Ulustrated London News abgebildet worden und damit allen Interessenten zu- ״änglich. Es handelt sich um folgendes: An der Grenze zwischen Syrien und Persien lag die alte Stadt Dura-Europos, die strategisch ungeheuer wichtig war. Hier trat die Karawanenstraße, die entscheidende Verbindung in solchen Gebieten, vom Hügelland in die Ebene. Um diesen Punkt wurden harte Kämpfe zwischen den Römern und den Persern ausgefochten und sein Besitz war sehr strittig. Hier hatte die englischfranzösische Expedition, die unter Leitung von Clark Hopkins gräbt, im vorigen Jahre eine christliche Kapelle des 3. Jahrhunderts ausgegraben, die Reste von Wandmalereien enthielt, ln diesem Jahre fand sie eine Synagoge, die ungleich bedeutender war. Der Hauptraum war schmal rechteckig, acht Meter tief und dreizehn Meter lang. Ein Raum für die Frauen, durch eine kleine Tür zugänglich, war in ihm abgetrennt. Eine kleine Stufenbank lief rings um die Wände; in einer Nische war der Sitz des Synagogenvorstehers, mit dem Gesicht der Eingangstür zugewandt. Das ist dieselbe Anordnung, die uns in Delos begegnet, der schönsten Mittelmeersyn■ agoge, die wir überhaupt besitzen. Was aber Dura-Europos vor allen anderen auszeichnet, ist, daß die Wände sechs Meter hoch mit ihrem ganzen Schmuck erhalten sind, und daß sie genau datiert ist. Denn eine der buntglasierten Fliesen, die beim Einsturz der Decke heruntergefallen sind, und uns auch den Schmuck der Decke noch kennen lehren, trägt die griechische Inschrift des Stifters, eines Samuel Sohn des Eidos, Presbyters der Juden. Und eine andere, diesmal eine hebräische Inschrift, nennt außer diesem Namen das Datum 556 der seleuzidisehen Aera, also unser Jahr 245. Und nun wird klar, wie wichtig der Freskenschmuck sein muß. Er enthält Bilder aus dem Alten Testament, wie wir sie bisher nie gesehen haben. Den Vorstehersitz umrahmen vier Prophetengestaltcn in langen weißen Gewändem, genau den Heiligenfiguren frühchristlicher Kirchen gleichend. An sie schließen sich sehr figurenreiche Dar- Stellungen an, Salomos Herrlichkeit, der Auszug aus Aegypten und eine merkwürdige Gegenüberstellung von Bundeslade und Tempel. Im Norden folgt die Vision des Ezechiel und der Tod des Ahab, südlich gegenüber das Opfer und die Wundertaten des Eüsah und an der Westwand eine Dar- Stellung des Hüttenfestes neben der Einsetzung Aarons in sein Priesteramt. Der siebenarmige Leuchter erscheint auch hier, wie überall im hellenistischen Judentum besonders betont; er kommt auch über dem Thron vor, symmetrisch zum Opfer Aarons, zwischen ihnen beiden die Andeutung des Tempels. Stil und Darstellungsweise sind höchst aufschlußreich. Sie sind im wesentlichen spätantik-impressionistiscli wie die Malereien der jüdischen und frühchristlichen Katakomben in Rom und der frühchristlichen Bücher und Kirchen. Massenszenen, wie der Untergang der Aegypter irn roten Meer oder das Opfer des Elia mit vielen Zuschauern sind von außerordentlicher Raumtiefe, alle Gestalten wirken höchst plastisch und oft wie Porträts. Das setzt eine ausgebildete Kunst der Bibelillustration bei den syrischen Juden voraus. Außerdem kommen aber abstraktere Bilder vor, die nicht biblische Geschichte erzählen, sondern die Gedankengängc des Judentums deutlich machen wollen. So sind einmal Tempel und Bunderinde nebeneinandcrgestellt, also das Heiligtum der Wüstenwanderung und das des seßhaft gewordenen Volkes. Ein andermal erscheint neben der Einsetzung Aarons die Darstellung des Hüttenfestes. In ihr sind 12 Sukkoth dargestellt, vor deren jeder ein Mann anbetend steht und von ihnen führen zwölf Pfade zu dem Tempel in der Mitte und dein siebenarmigen Leuchter. Es ist eine deutliche Allegorie der Verbundenheit aller Stämme Israels im Gedanken an Zion. Es ist wichtig, daß wir uns hier zwar im syrischen Kunstkreis befinden, aber doch an den Grenzen des sasanidischen Persiens, desselben Landes, in dem gerade damals die Lehrhäuser des babylonischen Talmuds in voller Tätigkeit waren. Oft genug ist gerade dieses Gebiet von den Sasanidenheeren erobert worden. Diese Entdeckung stellt also der jüdischen Kunstfesch ichte ganz treue Probleme, ja, rechtfertigt sie eigentlieh erst. Denn bis jetzt sind weite Kreise gar nicht davon überzeugt, daß die jüdische Kunst von erheblichem Interesse und wirklich die Schöpferin bedeutender Werke war. Aber darüber hinaus ist auch die Frage nach ihrer Bedeutung für die Gesamtkunst wichtig. Es scheint ja, als ob die Fresken von Dura geradezu eine Schlüsselstellung einnehmen. Schon bei den letzten Funden jüdischer Mosaiken in Palästina fiel das Interesse auf, das der Darstellung des Opfers Abrahams entgegengebracht wird. Noch mehr ist das in Dura der Fall. Hier erscheint es über dem Vorsteher* sitz, in enger Verbindung mit dem Tempel und der Menorah. öffenbar hielt man diese Einsetzung des Tieropfers, das als solches dem Tcmpcldienst zugehört, für besonders wichtig. Dieser Gedanke ist in den ältesten christlichen Bildern weitergesponnen worden. Hier erscheint das Abrahamopfer geradezu als Hindeutung auf den Opfertod Christi. Weiter sind viele Gestalten den christlichen gleich, finden wir hier den Titel Presbyter bei den Inden, Und was das!Wichtigste ist — unsere Freskcnreihe sieht geradezu wie ein Ahn der großen frühchristlichen Bildreihen aus dem Alten Testament aus, die künstlerisch besonders wertvoll sind und von denen die schönste der Mosaikcnzyklus in St. Maria Maggiore in Rom ist. Hier lösen unsere Fresken geradezu ein Rätsel. Denn der Ursprung solcher Reihen lag ganz im Dunkel, solange man nicht an jüdische Kunst glauben wollte. Die Juden, die den Kern der neuen Christengemeinde bildeten, brachten diese Darstellungen mit. Auch die Fliesen, die die Decke verkleideten, weisen in ihrem Schmuck interessante Verbindungen und sogar Elemente auf, die später im Islam wieder auftreten. Es ist also ein ganzes Bündel von Fragen, die der Fund aufwirft. Sie zielen auf wichtigste Probleme, nicht nur der jüdischen Kunst, sondern der bildenden Kunst überhaupt im Ucbergang vom Altertum zum Mittelalter. Theater in Palästina Habimah spielt ״Jud Süfj" (Von unserem palästinensischen Korrespondenten.) gl. Tel-Awiw, 30. Juli 33. Nicht einfach Unterhaltungsstoff bieten; nicht einfach Kunstwerke, bessere oder schlechtere schaffen; nicht ein hebräisches Theater um jeden Preis; — sondern ein hebräisches Theater als eines der Zentren des palästinensischen Geisteslebens, als eine Stätte, die die Probleme des Landes und der Judenheit widerspiegelt, die jedem, der mit Palästina einen Zusammenhang besitzt, aufs engste angeht — das sollte die Habimab, das erste hebräische Theater von Format, werden. Dieses Ziel schien fast in den Wolken zu schweben. Wir hatten ein Theater ohne Literatur, angewiesen aut die ersten Versuche der hebräischen Dichtung, auf Bearbeitung biblischer Themen, auf Uebersetzungen aus den Schätzen der westlichen Völker, in einer Sprache, die erst auf dem Wege zur Modernisierung war. Die Habimah hat in den letzten Jahren in Palästina auf die verschiedenste Weise experimentiert. Sie hat auf Uebersetzungen aus dem Jiddischen zurückgegriffen (Anski, Scholcm Aleichem). Sie hat moderne Sachen autgeführt, sie hat Shakespeare gespielt. Manche dieser Aufführungen waren sehr anfechtbar, manche waren Erfolge, aber es blieb immer der Zweifel, ob das Theater wirklich ins Volk griff, ob es fähig war, die Gegenstände zu behandeln, die sich aus der Lebenslage ergaben, ob es mehr war als eine Freude an der ncuerstehenden hebräischen Sprache und einer bunten Darstellung. Jetzt hat die Habimah ein neues Stück herausgebracht. Eine Dramatisierung des Romans ״J ud S ü ß“. Die Bearbeitung und zugleich hebräische Fassung stammt von einem jungen hebräischen Dichter, Awl SchauL Und zum ersten Male seit langer Zeit sitzt der Beschauer mit dem Gefühl vor der Szene: tua res agitur. Was da auf der Bühne vorgeht, ist die Zeit von heute, ist das Judenschicksal von heute. Und doch handelt es sich nicht um vergängliche Tagesfragen, nicht um Schicksale, die von der Willkür des_ Zufalls bestimmt werden, sondern um Probleme der ewigen jüdischen Lebensgestaltung, um Menschenschicksale, die symbolisch werden in ihrer Bedeutung. Das Leben dieses Jud Süß, sein Aut׳• stieg, seine Macht und sein Fall, seine innere Wandlung und die Erkenntnis seines wahren Weges, das wirkt in dieser Dar- Stellung einmalig und zugleich symbolhaft. Hier ist der glückliche Griff, auf den die Liebhaber und ernsten Kritiker ■der Habimah so lange gewartet haben. Es soll damit noch nicht gesagt sein, daß wir es nun hier mit einem ganz großen Drama zu tun haben. Es gibt Längen, es gibt Mängel i!1 dieser Bearbeitung. Aber hier ist mit sicherem Instinkt aus dem Roman das Wesentliche und Bedeutungsvolle herausgeholt, hier spürt man eine Witterung für das Dramatische, die Schürzung und Lösung des Knotens. Es gibt Szenen von großer Stärke, Dialoge, wo man den Atem anhält und sich last fürchtet vor der Aktualität dieses Geschehens. Die Akte sind voll solcher Momente, einer schwingenden Spannung, einer in ihrer Tragik tröstenden Gewalt. Unsere Zeit, unser Schicksal, unsere Tragik, unsere Verstricktheit in den Jammer und die Verwirrung der Welt, unsere Aufgaben sprechen aus diesen Akten. Auch die A 11 f f ii 11 r u 11 g der Ha bi m a 11 unterscheidet sich zu einem großen Teil im ״lud Süß“ vorteilhaft von anderen Vorstellungen der letzten Zeit. Die bestgelnngcne Figur stammt wieder einmal von M e s k i 11, den wir schon aus anderen Rollen als eine ganz ungewöhnliche Kraft kennen. Er erscheint eindrucksvoll und doch natürlich, sein Herzog Alexander ist aus einem Guß gehämmert, er ist wandlungsfähig und dadurch nie langweilig. Auch die Titelrolle von Fink ei ist nicht übel, freilich nicht überall geglättet, die Uebergänge von dem kleinen schmiegsamen Hofjuden zum machtvollen Finanzdirektor und dann zu einer Persönlichkeit jenseits von Geld, Macht und Eitelkeit, beinahe jenseits von Zeit, sind nicht immer ganz überzeugend. Dennoch eine recht beachtliche Leistung. Ueberhaupt sind die Darstellungen recht gutes Mittelniveau, durchbrochen von gelegentlich genial anmutenden Einzelleistungen und erschütternden Momenten. _ Freilich bleiben bestimmte schwere Mängel, die nicht allein mit der Aufführung des Jud Süß Zusammenhängen, sondern seit langem spürbar sind. Vor allem macht sich immer wieder ein Hang bemerkbar, iiberzubetonen, zu stark aufzutragen, Fragen, Formen, Töne ins Unerträgliche zu übersteigern. Gesichter werden so verschminkt, so ins Groteske übermalt, daß es schwer ist, auf die Bühne zu sehen; Farben werden ohne Rücksicht auf Abscliattieriing nebeneinander gesetzt; Gesten ins Eckige verzerd. Mit dieser Neigung zusammen geht die Lust an der Deklamation, die unecht wirkt und Gehirn und Auge übermüdet. Selbst Meskin ist gelegentlich nicht frei von diesem Grtindiibel der Habimah. Es wird in diesem Ensemble (oder in seiner Regie?) immer noch nicht verstanden, daß leise Abschattierungen besser sind als gewaltsame Gegensätze, daß eine Handbewegung unter Umständen viel mehr besagt als ein noch so wütendes Aufstampfen, daß Quantität im Ton, in der Farbe, in der Beweung keineswegs eine Qualität garantieren. Wir haben schon ei früheren Gelegenheiten darauf hingewiesen, es gibt auch gelegentlich Ansätze zu einer Milderung, aber es ist auf diesem ebiet noch sehr viel zu tun. Damit 1m Zusammenhang steht ein anderer wunder Punkt: warum besteht die Habimah darauf, in jedes Stück, fast ohne jede Ausnahme, Musik und Tanz hineinzuflechten? Freilich, die Musik ist dieses Mal keineswegs übel, aber man sieht überhaupt nicht ein, wozu sie nottut. Und das ist das Entscheidende. Wenn sie nicht nottut, so ist sie ein künstliches Anhängsel, und ein künstliches Anhängsel kann niemals nützen, immer nur schaden. Was für die Musik gilt, stimmt in noch stärkerem Maße für den Tanz. Es wird vor allem schlecht getanzt (nicht etwa so wie im Dybuk!), ebenso übertrieben getanzt, wie die Gesichter und Kleider übertrieben gefärbt sind und dann: muß denn um jeden Preis getanzt werden?. Aber das sind im vollen Sinne des Wortes technische Mängel. Der große Eindruck ist vorzüglich. Das Stück reißt mit, es gibt Bilder, die bleiben und nachtönen, Figuren, die Linie und Schwung besitzen. Der Erfolg dieses Stückes ist in erster Linie der Auswähl des Stoffes zuzuschreiben. Hier war gutes Material und mit Geschick und Einsicht bearbeitet. Man sieht an diesem glücklichen Griff wieder einmal, was für eine fundamentale Bedeutung das Repertoir im hebräischen Theater cinnimmt. Es kommt eben entscheidend darauf an, was man spielt und nicht nur darauf, wie man spielt. Wenn man sich rein an schauspielerischen Leistungen und Kombinationen erfreuen soll, dann hat man es mit einer Luxusschöpfung zu tun, die sehr schön sein kann oder auch nicht — in jedem Falle ohne tieferes Interesse. Wenn überhaupt das hebräische Theater lebensfähig werden soll (wir sind ja in den allerersten Anfängenl), so muß es den Weg zu den entsprechenden dramatisehen Schöpfungen finden. Dieser Weg kann durch die originalen jungen Schöpfungen des Hebräischen führen, wenn uns wirklich gute beschert werden, oder durch Uebersetzungen, wenn sie entsprechend dem Geiste der Zeit und des Landes ausgevvählt werden. Es ist ja ein Irrtum, anzunehmen, daß das hebräische Theater sich nur mit jüdischen Fragen beschäftigen muß, obwohl diese uns allen besonders naheliegen. Wir sind mit unlöslichen Fäden in die sehr komplizierte problomreiche Welt des Heute verstrickt, wir schlagen uns wie alle Menschen mit den Ideen und Möglichkeiten der Allgemeinheit, mit Dingen der Ewigkeit und des Heute herum. Der Jud Süß ist eine wichtige Station in der Geschidite der Habimah. Und mehr als das. Es ist ein Wegweiser. Es würde sich lohnen, daß einsichtsvolle und kultivierte Dramaturgen dafür sorgen würden, daß die Habimah wirklich gutes Material zur Bearbeitung bekommt. Wenn ein solcher Griff wie der des Jud Süß glücken konnte, so kann man mehr Entsprechendes finden. Und ohne gute Dramen sind die meisten Arbeiten des hebräischen Theafers Gebäude ohne ein Fundament. Auch eine noch so reich dekorierte Fassade kann auf die p!uer eine unsolide Hohlheit nicht verbergen. Julius Guttmann: Die Philosophie des Judentums (Band 3 der Geschichte der Philosophie in Einzeldarstellungen, herausgegeben von G. Kafka), Verl. v. Ernst Reinhardt, München 1933. Professor Jul. Guttmann, der angesehene Religionsphilosoph an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, der, wie sein großer Vater, Jacob G., sich bereits durch eine Reihe ausgezeichneter Untersuchungen zur jüdischen Religionsphilosophie des Mittelalters, aber auch durch Beiträge zur neueren und allgemeinen Philosophie legitimiert hat, legt nunmehr ein Werk vor, zu dem er besonders berufen ist, und das nun zu besitzen für uns von besonderem Wert ist Diese Darstellung der jüdischen Philosophie ist nicht nur darum bedeutsam, weil wir bisher sehr arm an Büchern auf diesem Gebiete waren und weil die bisherigen Ver* suche nicht vollauf befriedigten (Neumark, Bemfeld usw.); auch ohne Vergleich ist das Werk von Guttmann von Be* deutung und gereicht der Sammlung, in der es erscheint, zur Ehre. Seine Vorzüge sind zahlreich. Die Anordnung und der Aufbau befriedigen in hohem Maße. Es ist eine glückliche Mitte innegehalten zwischen sachlichen und persönlichen Gesichtspunkten. Problemgeschichtliches und Systematisches bilden das Einteilungsprinzip, verdrängen aber nicht die große Rolle der tragenden Denker. Der eigentlichen Aera jüdischer Philosophie läßt der Autor eine gedrängte, sehr gehaltvolle Wertung der biblischen Religion, der jüdisch-hellenistisehen Philosophie und des talmudischen Judentums vorangehen und erweist sich schon hier, svie auch später in den philosophischen Kapiteln s. str. als Meister der Analyse und Interpretation. Ohne die kulturellen Einflüsse der Umweit zu vergessen, gelingt ihm die Aulweisung der originären Momente dieses Zeitabschnitts. Das Mittelalter, die Aera der jüdischen Philosophie unter dem Einflüsse des Neuplatonismus und des Aristotelismus, eingcleitet durch den Kalam, beherrscht durch die arabischen Denker, füllt den größten Teil des Werkes. Von Saadia. dem ersten großen jüdischen Philosophen, über ihn Gabirol, Bachja, Jehuda Halewi, ihn Daud strebt die Entwicklung dem Flöhepunkte Maimonides zu, um über Gersonides, Crescas abzuklingen. Die letzten philosophischen Bemühungen in Spanien und Italien leiten dann zu Spinoza über, um dann zur jüdischen Aufklärung, zu Moses Mendelssohn zu führen. Ihm folgen dann nur noch verhältnismäßig wenige Namen. Aber am Schlüsse steht noch einmal ein Großer: Hermann Cohen. Mustergültig ist die Analyse der Denksysteme und der Hauptwerke der Philosophen. Klar lierausgearbeitet ist das Verhältnis der jüdischen Philosophen untereinander und zu den Vorgängern und Nachfolgern außerhalb des jüdischen Kreises. Immer kehren die entscheidenden Fragen bei jedem Philosophen wieder: Prophetie, Freiheit, Schöpfung, Un- Sterblichkeit, Offenbarung, Stoff und Form, Leib und Seele, Wille und Intellekt. Zu rühmen ist die Sprache des Buches, die Beherrschung des Stoffes, die sorgfältige Berücksichtigung der Forschung, die überall ohne Aufdringlichkeit die Ergehnisse bestimmt. Es ist nicht meines Amtes, im einzelnen kritische Anmerkungen zu machen. So möchte ich nur Weniges sagen. Es fällt auf, daß ihn Daud verhältnismäßig schlecht wegkommt. Mit Hermann Cohen glaube ich, daß ihm als Vorgänger des Maimonides, besonders in seiner erfolgreichen Abwehr des Pantheismus (gegenüber ihn Gabirol) erhebliche Bedeutung zukommt. — Bei der BeFiandlung Spinozas — in der Einschränkung, die sich Guttmann mit Recht auferlegt, veranlaßt durch den Zweck und die Aufgabe des Buches — wäre es vielleicht am Platze gewesen, Hermann Cohens leidenschaftliche. aber geniale und von tiefstem jüdischen Antriebe diktierte Kritik Spinozas hervorzuheben. Vermutlich liegt es im Plane des Werkes, gerade in der Neuzeit sparsam zu verfahren und eine Reihe Denker und geistiger Richtungen unberücksichtigt zu lassen. Sonst hätten 7. B. S. Maimon einige orthodoxe Denker, und moderne Religionspltilosophen (z. B. Buber) Erwähnung gefunden. Gerade den niclitjüdischen Leser hätte wahrscheinlich eine Charakteristik des Chassidismus, der Moralistcnbewegung oder doch die Heraiisarbeitung ihrer wesentlichen Züge, also gleichsam eine Art Philosophie dieser Bewegungen, als innerjüdische Versuche einer nicht rationalistischen Weltanschauung interessiert. Das alles soll nicht als Tadel ausgesprochen werden, weil der Autor seine Aufgabe selbst aus erkennbaren Gründen begrenzt hat (gelegentlich deutet er das an, z. B. mit Rück sicht auf die neuesten Bemühungen jüdischer Denker). Abschließend möchte ich sagen, daß Guttmanns Buch nicht lediglich die Leistung eines Historikers der Philosophie ist, sondern eine philosophische Tat, die in der Geschichte der jüdischen Philosophie Bestand haben wird. Es ist eine histo• rische Leistung in einem schönen Doppelsinn. Oskar Wolfsberg.

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