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Jüdische Rundschau · 1933-08-11 · Heft 64 (11.8.1933) · p. Seite 418

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 64 (11.8.1933)
Date
1933-08-11
Page
Seite 418 (sequence 6)
Language
German
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Seite 416 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 64, 11. VIII. 1933 Spanien, das Land derjudenausireibung Den wichtigsten Einschnitt in der Geschichte des Diaspora •Judentums nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels bildet die Vertreibung der Juden aus Spanien im Jahre 1492. Dieses Ereignis hatte nicht nur für die Juden eine große Bedeutung, sondern von Prof. Werner Sombart wurde darauf hingewiesen, daß die Jüdische Wanderung für die ganze europäische Entwicklung von nachhaltigen Folgen gewesen ist. Wenn wir diese interessante Darstellung Sombarls, die vor 20 Jahren großes Aufsehen erregt hat, hier in Erinnerung bringen, so sind wir uns natürlich bewußt, daß es sich um eine wissenschaftliche Hypothese handelt. Da jedoch in der neueren antisemitischen Literatur vielfach (z.B. in einer vielbeachteten kürzlich erschienenen Broschüre ״Die Juden") die Behauptung auf gestellt wird, die Vertreibung der Juden aus Spanien habe diesem Lande nicht geschadet, vielmehr sei erst nach der Vertreibung der Juden der große Aufstieg Spaniens zur Weltmacht und die Blüte seiner Kultur erfolgt, so glauben wir, daß die Darstellung Sombarts, der selbst ein national gesinnter deutscher Mann und keineswegs im üblichen Sinne ein ״Judenfreund“ ist, in weiten Kreisen Interesse finden wird. Es ist bemerkenswert, daß moderne spanische Staatsmänner die Vertreibung der Juden aus ihrem Lande wiederholt als ein großes Unglück ihrer Geschichte bezeichnet haben. Erst kürzlich hat gelegentlich der Verhandlungen der Petition Bernheim im Völkerbundsrat der Vertreter Spaniens vor diesem internationalen Forum öffentlich erklärt, daß Spanien heute bereue, die Juden 1492 aus seinem Lande vertrieben zu haben. Dieser Tage erst gab eine spanische Zeitung eine andere historishe Reminiszenz aus der spanischen Parlamentsgeschichte des letzten Jahrhunderts wieder, die wir hier unsern Lesern miiteilen■ Red. Die Judenfrage 1869 in den spanischen Cortes Die große Madrider Tageszeitung ״Heraldo de Madrid'1 bringt in ihrer Ausgabe vom 22. Juli d. j. einen Leitartikel aus der Teder Gon za 10 de Repa rar’ mit der Ueberschrift ״W a s Manterola und Castelar 1860 in d ea Cortes über die Juden sagten“. Nach einer einleitenden Befrachtung über die historische Tatsache, daß seit ,über 350O Jahren - seit dem Verfolgungszug des Pharao — die Juden immer wieder verfolgt und immer wieder gerettet wurden, ruckt der Verfasser jenen vor der spanischen Kainmer ausgetragenen Redcknmpf •/wischen dem Parteiführer Manterola und dem nachmaligen Ministerpräsidenten Castelar ins politische Tageslicht, Zur damals diskutierten Rcpalriierung der 1102 vertriebenen spanischen Juden hatte Manterola die ironische Frage aufgeworfen, was denn die Juden außer der Herstellung von Bahnt sehen (Pantoffeln) auf der Welt Großes leisteten, wo denn die jüdische Arcltitektur, wo die jüdische Wissenschaft und wo die Schulen der Juden seien, der Abkömmlinge der Erbauer des herrlidhen Tempels von Jerusalem. Da erhöh sich der große Staatsmann und unvergleichliche Redner und erledigte seinen Gegner, der als Vertreter der indischen Rasse oitensichilieh mir die armseligen, mit liabutschen hausierenden Marokkojuden kannte, mit einer Rede, deren Text mit dem zum geflügelten Wort gewordenen Ausruf ״Groß ist der Gott von Sinai!“ heute noch von den Bevvttrt* derer« Castelars zitiert wird. Er verkündet das Verdienst der jüdischen Rasse, ״die großen Religionen geschaffen zu haben, welche die gesamte neuzeitliche religiöse Welt umspannen“. Er spricht von dem großen Philosophen Spinoza, dem grollen Staatsmann und Schriftsteller Disraeli und dem italienischen ,Politiker Manin, drei berühmten Nachkommen von Spaniern. ״Die religiöse Intoleranz“, bemerkt Rcparaz hierzu, ״trat uns "der Ehre beraubt, daß sie in Spanien geboren wurden/‘ ״Das jüdische Volk“, sagt dann Castelar wörtlich, ״erreichte den Gipfel der theologischen Wissenschaft und ver- .breitet« — immer geängstigt, verfolgt und unterdrückt — die Erkenntnis des einzigen übermenschlichen und iiberindisehen Gottes, und verwandelte ihn schließlich in den Gott, nicht nur der Juden, sondern der Menschheit. Für die vollkorametje Entwicklung dieser, Erkenntnis war das Wirken zweier weiteren Juden notwendig: Saulus von Tharsu? und Philo von Alexandrien. Auf diesen beiden jüdischen Babutsehen konnte die neue Religion schon bis Rom Vordringen, wo durch die arischen Einflüsse ihr Wesen korrumpiert wurde und ihr Niedergang begann. Und im Abendland erhebt sich die Hebräophohie (der Antisemitismus), von der Herr Manterola ein Beispiel ist. Viele Jahrhunderte war die spanische Wissenschalt islamisch und jüdisch, nicht christlich. Jude war jener berühmte Arzt und Minister Abderrahmans III. — damals konnten die Männer von Talent noch Minister werden — mit Namen Chasdai iben Cliabrut, welcher Sancho den Dicken von der Fettsucht heilte, die ihm den Hohn seiner Untertanen zuzog; Jude jener, der iirt März 1468 den Augenstar Johanns 11. von Aragon heilte, nachdem kein Christ ihm das Augenlicht hatte wiedergeben können; Jude der Cordobeser Moses ben Maimon (Maimonides), der so viel tat, um den geistigen Star der Philosophen seines Zeitalters zu bekämpfen. Lese Herr Manterola sein Werk ״Führer der Verirrten“, vielleicht wird er dann von seinen eigenen Verirrungen befreit. Maimonides und sein Landsmann Ihn Roch (Averroes), der große arabische Schriftsteller, verwirrten mit ihrem Rationalismus den Glauben der Manterolas von damals. Schließlich lehrten jüdische Lehrer die Katalonier und Portugiesen die wissenschaftliche Geographie, welche dies« in den Stand setzte, die Meere zu durchkreuzen und die größte Revolution der Weltgeschichte zu machen.“ Die Rede Castelars, die von der Kammer mit frenetischem Beifall aufgenommen wurde, stellt eine interessante historische Reminiszenz dar. Spanien ist das Land, das die radikalste ludemvertreibung der Geschichte vornahm; 400 Jahr später fand sein großer Staatsmann Worte, die ohne Schonung der eigenen nationalen Eitelkeit eine recht scharfe Verurteil 11 ng dieser historischen Sünde darstellen. Die Verschiebung des Wirtschaft*- Zentrums seit dem 16. Jahrhundert Von Werner Sombart. N»*<in1c1< verboten Vorbemerkung; Wir entnehmen die nachfolgenden Ausführungen — mit Genehmigung des Verlages — dem bekannten, im Jahre 1011 erschienenen, Werke Somharts, ,,Die Juden und das Wirtschaftsleben" Seite 13 ff. Soweit die Ausführungen gekürzt sind, ist dies jeweils durch Punkte engedeutet. Der verbindende Text zu den einzelnen Ah• schnitten — der nicht von Sombart herrührt — ist Kursiv gesetzt. Auch die Sperrungen im Text stammen von uns. Bed. I. Eine für den Verlauf der modernen wirtschaftlichen Ent- Wicklung entscheidend wichtige Tatsache ist die Verlegung des Schwergewichts der weltwirtschaftlichen Beziehungen ebenso wie des ökonomischen Energiezentrums aus dem Bannkreise der stideuropäischen Nationen (Italiener, Spanier, Portugiesen, denen sich einige süddeutsche Gebiete angliederten) unter die norciwesteurop'aischen Völker: zuerst die (Belgier und) Holfänder, dann die Franzosen, die Engländer, die Norddeutschen. Das wesentliche Ereignis war die plötzlich ausbrechende Blüte Hollands, die den Anstoß für die intensive Entfaltung der wirtschaftlichen Kräfte namentlich Frankreichs und Englands bildete: während des ganzen 17. Jahrhunderts gibt es für alle Theoretiker und Praktiker der nordwestlichen Nationm nur an Ziel: Hofland nachzueifern in Handel, Industrie, Schiffahrt und Kolonialbesitz. ft *4 Sombart erläutert nunmehr, welche Gründe für diesen Umschwung von den verschiedenen Autoren angeführt wurden und fährt dann fort; Es ist hier nicht der Ort, die in Frage *stehende Erscheinung auf die Gesamtheit ihrer Verursachung hin zu untersuchen. Natürlich hat eine ganze Reihe von Umständen zusammengewirkt, um das endliche Ergebnis herbeizuführen. Es soll vielmehr, dem Zusammenhänge entsprechend, תו dem wir das Problem behandeln, auf eine Möglichkeit hingewiesen werden, das seltsame Phänomen zu erklären, die, wie mir scheint, alleremsteste Berücksichtigung verdient und an die man seltsamerweise, soviel ich sehe, überhaupt noch nicht gedacht hat. Ich meine natürlich die Möglichkeit, die Verschiebung des wirtschaftlichen Schwerpunkts aus dem Süden nach dem Norden Europas (wie wir nicht ganz genau der Kürze halber sagen wollen) in Zusammenhang zu bringen mit den Wanderungen der Juden. Kaum, daß man diesen Gedanken gefaßt hat, breifet sich mit einem Male ein wunderbares Licht über die Vorgänge jener Zeit aus, die uns bisher im Dunkel zu Hegen schienen. Und wir erstaunen, daß man bisher wenigstens nicht die äußere Parallelität zwischen den örtlichen Bewegungen des jüdischen Volkes und den Ökonomischen Schicksalen der verschiedenen Völker und Städte wahrgenommen hat. Wie die Sonne geht Israel über Europa: wo es hinkommt, sprießt neues Leben empor, von wo es wegzieht, da modert alles, was bisher g e b 1 iili t 11 a 11 e. Eine kurze Erinnerung an die bekannten Wechselfalle, denen das jüdische Volk seit Ende des 15, Jahrhunderts ausgesetzt gewesen ist, wird diese Beobachtung ohne weiteres in ihrer Richtigkeit bestätigen. Das große welthistorische Ereignis, dessen hier zuerst und vor allem andern zu gedenken wäre, ist die Vertreibung der Juden aus Spanien und Portugal (1492 bzw. 1495 und 1497). Es sollte niemals vergessen werden, daß am Tage, ehe Columbus aus Palos absegelte, um Amerika zu entdecken (3. August 1492), wie man sagt, 300000 Juden aus Spanien nach Navarra, Frankreich, Portugal und nach dem Osten auswanderten. Und daß in den Jahren, in denen Vasco de Gatrfa den Seeweg nach Ostindien fand, andere Teile der Pyrenäenhalbinsel ihre Juden, vertrieben. . . Sombart belegt dann mit Literaturzitaten, daß die Zahl der spanischen Juden, die vertrieben wurde, in der Tat zwischen 200 000 und 300 000 Seelen betragen haben dürfte. Ein seltsamer Zufall hat diese in Ihrer Art gleich denkwürdigen Ereignisse: die Erschließung neuer Erdteile und die michtigste Umschichtung des jüdischen Volkes in dieselben Jahre verlegt. Aber diese öffentliche Vertreibung der Juden aus der Pyrenäenhalbinsel schließt deren Geschichte am Ort noch nicht sogleich ab. Es bleiben zunächst zahlreiche Juden als Scheinchristen (Marranos) zurück, die erst durch die insbesondere seit Philipp III. immer schroffer vorgehende Inquisition im Laufe des nächsten Jahrhunderts dem Lande verloren gehen: ein großer Teil der spanischen und portugiesischen Juden siedelt erst während des 16. Jahrhunderts, namentlich gegen dessen Ende in andere Länder über. In dieser Zeit ist aber auch das Schicksal der spanisch-portugiesischen Volks- Wirtschaft vollendet. Das 15■ Jahrhundert bringt den Juden die Vertreibung aus den wichtigsten deutschen Handelsstädten: Köln (1424. 25), Augsburg (1439/40), Straßburg (1438), Erfurt (1458), Nürnberg (1498/99), Ulm (1499), Regensburg (1519). Im 16■ Jahrhundert ereilt sie dasselbe Schicksal in einer Anzahl italienischer Städte: sie werden 1492 aus Sizilien, 1540/41 aus Neapel, 1550 aus Genua, in demselben Jahre aus Venedig vertrieben. Auch hier fällt zeitlich wirtschaftlicher Rückgang und Abwanderung der Juden zusammen. Wie denn nun auf der anderen Seite der wirtschaftliche Aufschwung — zum Teil ein ganz plötzlicher Aufschwung — der Städte und Länder, wohin sich namentlich die Spaniolen wandten, seit der Zeit des Eintreffens der Judenflüchtlinge zu rechnen ist. So war eine der wenigen italienischen Städte, die im 16. Jahrhundert mächtig emporblühten, Livorno, das Ziel der meisten nach Italien fliehenden Juden. ln Deutschland sind es vor allem Frankfurt a.M. und Hamburg, die zahlreiche Juden während des 16. und 17. Jahrhunderts aufnahmen. ... Nunmehr macht Sombart Ausführungen über die Frank• furter und Hamburger Juden. n. Nach der Wiedergabe dieser Tatsachen erörtert Somhart, daß damit noch nicht mit absoluter Sicherheit der Nachweis erbracht sei, daß die Juden auch causal für das wirtschaftliche Blühen derjenigen Gebiete gewesen seien, nach denen sie ihre Schritte gelenkt haben. Er erblickt aber einen weiteren Beweis für die Richtigkeit seiner These auch darin, daß schon Zeitgenossen erkannt hätten, von welcher Bedeutung die Zuwanderung der Juden für ihre Gebiete gewesen sei. Als im Jahre 1550 der Senat von Venedig beschloß, die Marranen auszuweisert und den Handel mit ihnen ganz zu verbieten, erklärten die christlichen Kaufleuie der Stadt: das würde ihren Ruin bedeuten, dann könnten sie selber gleich mit auswandern, denn sie lebten von dem Handel mit den Juden. Diese hätten in ihren Händen: 1. den spanischen Wollhandel, 2. den Handel in spanischer Seide und Karmesin, Zucker, Pfeffer, indischen Kolonialwaren und Perlen, 3. einen großen Teil des Ausfuhrhandels: die Juden schicken die Waren den Venetianem in Kommission ״acciochä geie vendiamo per lor conto guadagnando solarnente le nostre solite provisione“ (1), 4. den Wechselhandel. Begünstiger der Juden in England war, wie wir wissen, Crom well, und die Gründe seiner Sympathie sind, wie wir erfahren, nicht zuletzt Rücksichten auf die Volkswirtschaft des Landes gewesen: er glaubte, der reichen, jüdischen Handelshäuser zu bedürfen, um Waren- und Geldhandel in Blüte zu bringen, ebenso aber auch, um für die Regierung leistungsfähige Freunde zu gewinnen. Ebensoviel Sympathie brachte den Juden der große Iranzösische Staatsmann des 17. Jahrhunderts Colbert entgegen. Und ich glaube, es ist besonders bedeutsam, daß diese beiden größten Organisatoren des modernen Staates die Eignung der Juden erkannten, die (kapitalistische) Volkswirtschaft des Landes zu fördern. In einer Ordonnanz weist Colbert den Intendanfen des Languedoc darauf hin, welchen großen Vorteil die Stadt Marseille von der kaufmännischen Geschicklichkeit der Juden ziehen könne. Die Einwohner der großen französischen Handelsstädte, in denen die Juden eine Rolle spielten, hatten diesen Vorteil längst an ihrem eigenen Leibe wahrgenommen und legten daher auf die Erhaltung der Judenschaft in den Mauern ihrer Stadt das größte Gewicht. Mehrfach vernehmen wir, Insbesondere aus den Kreisen der Einwohner von Bordeaux, günstige Urteile über die Juden. Als im Jahre 1675 ein Söldnerheer in Bordeaux wütet, rüsten sich zahlreiche wohlhabende Juden zur Abreise. Das erschreckt den Gemeinderat, und die Geschworenen berichten voll Angst: ״Les Portugais, qui tiennent des nies entiferes et font un commerce considerable, ont demandö leurs passeports. Les Portugais et etrangers, qui font les plus grandes affaires cherchent ä se retircr d’id: Gaspard Gonzales et Alvares ont quitte depuis peu, qui etaient des plus considerables parmi eux. Nous nous apercevons que le commerce cesse.“ Ein paar Jahre später faßt der Sous- Intendant sein Urteil über die Bedeutung der Juden für das Languedoc in die Worte zusammen: ״Ohne sie würde der Handel von Bordeaux und der Provinz unfehlbar zugrunde gehen“ (pdrirait infaißiblcment). 3... Nach der größten Handelsstadt der spanischen Niederlande, Antwerpen, hatten wir im 16■ Jahrhundert mit Vorliebe die spanisch-portugiesischen Flüchtlinge strömen gesehen- Als Mitte des Jahrhunderts der Kaiser die ihnen zunächst gewährten Freibriefe zurückzog (durch Dekret vom 17. Juli 1549), wandten sich der Bürgermeister, die Schöffen und der Konsul der Stadt mit einer Bittschrift an den Bischof von Arras, worin sie auf die Schwierigkeiten hinwiesen, das Dekret durchzuführen. Die Portugiesen seien große Unternehmer, hätten beträchtliche Reiehtiimer aus ihrer Heimat mitgebracht und unterhielten einen ausgedehnten Handel. ״Wir müssen bedenken“, heißt es weiter, ״daß Antwerpen nur sehr langsam groß geworden ist und eine Zeitlang gebraucht hat, bis es den Handel an sich rejßei: konnte. Und der Ruin dieser Stadt würde zugleich den Ruin des Landes nach sich ziehen. Das alles muß bei der Vertreibung der Portugiesen in Betracht gezogen werden.“ Der Bürgermeister Nicolaus v. d. Meeren unternahm noch weitere Schritte. Als die Königin Marie von Ungarn, die Regentin der Niederlande, sich in Ruppelmonde aufhielt, begab sich der Bürgermeister zu ihr, um die Sache der Neuchristen zu vertreten. Er entschuldigte das Verhalten des Magistrats von Antwerpen, der die kaiserliche Verordnung nicht publizieren könne, weil sie den teuersten Interessen der Stadt zuwiderlaufe. Diese Bemühungen haften aber keinen Erfolg. Die Antwerpener Juden und Neuchristen wandten sich, wie wir sahen, nach Amsterdam. . , Die Holländer des 17. Jahrhunderts aber sahen <Jeut-!ich genug ein, was sie an den Juden gewonnen hatten. Als Manasseh ben Israel in seiner bekannten Mission nach England gegangen war, schöpfte die holländische Regierung Verdacht: es könne sich darum handeln, die holländischen Juden nach England hinüberzuziehen. Sie beauftragte daher ihren Gesandten in England, Neuport, Manasseh über seine Absichten zu fragen. Neuport berichtet (Dezember 1655) in beruhigendem Sinne an seine Regierung: es sei keine Gefahr vorhanden. Manasseh ben Israel hath been to see me and did assure me, that he doth not desire any thing for the Jews in Holland, but only for these an sit in the Inquisition, in Spain and Portugal• Dasselbe Bild in Hamburg. Im 17. Jahrhundert wächst die Bedeutung der Juden dermaßen, daß man sie für un entbehrlich für Hamburgs Gedeihen erachtet. Der Senat tritt einmal für Zulassung der Synagogen ein, mit der Begründung, daß sonst die Juden wegziehen würden, und daß Hamburg dann zu einem Dorfe herabzusinken Gefahr liefe- 1697 richtet umgekehrt die Hamburger Kaufmannschaft an den Rat das dringende Ersuchen (die Juden sollten vertrieben werden), ihnen entgegenzukommen, um schwere Schädigungen des Hamburger Handels zu verhindern. Im Jahre 1733 heißt es in einem Gutachten, das sich bei den Senatsakten befindet: Im Wechselgeschäft, im Handel mit Galanteriewaren und in der Herstellung gewisser Stoffe sind die Juden ״fast gantz Meister'*, sie haben ״die Unseren überflügelt“. Früher brauchte min sich nicht um die Juden zu kümmern. Doch, ״sie nehmen an Zahl merklich zu. Es ist fast kein Teil des großen Comtnercii, der fabrlquen und der täglichen Nahrung, worin sie nicht stark: mit eingeflochten sind. Sie sind uns schon ein malum neceäsa | riutn geworden.“ Den Geschäftszweigen, ln denen sie eine her ] vorragende Rolle spielten, könnte man noch das Seeversichel ruiigsgeschäft hinzufügen._

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