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Jüdische Rundschau · 1933-08-11 · Heft 64 (11.8.1933) · p. Seite 416

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 64 (11.8.1933)
Date
1933-08-11
Page
Seite 416 (sequence 4)
Language
German
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Seite 414 frafie״ würde in erster Linie gehören diejenige der Becinflussung des körperlichen und *finalen Habitus sowie der geistigen und seelischen Art des Einzelnen und der Gesamtbeit durch: Wohnsitz, Klima, Ernährung, Inaktivität des Muskel- und Bewegungsapparates (Ghetto) oder forderte Beanspruchung desselben (Sport); durch die Art der Bcschäftigung (z. B. nur in Handel oder in körperlicher oder geistiger Tätigkeit) bzw. die Aendcrung der Tätigkeit bei Rückkehr zur Urproduktion; durch Stabilität oder Unbeständigkeit der Entwicklung bzw. Freiheit oder Rechtlosigkeit; durch Art und Schicksal der umgebenden Völker; durch kulturelles Eingeengtsein aut die eigene lokale Tradition oder Untertaucnen in fremde Kulturen oder Synthese der eigenen höchsten Werte mit denen der Menschheit überhaupt usw. Alle diese Fragen stellen außerordentlich Interessante Studien-Objekte dar. Und die Juden heit In Ihrer gegenwärtigen Struktur hat die besten Möglichkeiten, für Erforschung von Problemen dieser Art die geeigneten Unterlagen zu bieten. Das sind Studien, die in allen Teilen der Welt an ihnen gemacht werden können. An der Universität in Jerusnlem aber müßten diese Forschungen ihr wissenschaftliches Zentrum haben. Gerade sie mit ihren Gelehrten, denen die Methoden und die wissenschaftlichen Materialien der europäischen Kultur wohlvertr.mt sind, auf einem Gebiet, auf welchem Fragmente nicht nur des eigenen Stammes aus allen Gebieten der Welt Zusammentreffen, sondern auch Völker verschiedenster Rasse, auf einem Gebiet, das gleichzeitig auch Une Berührungsfläche verschiedener Kulturen darstellt: sie wäre für solche Untersuchungen ein geradezu prädestinierter Boden. Und ebenso wäre gerade diese Universität «in prädestinierler Boden noch für eine weitere, höchst interessante wissenschaftliche Aufgabe: Oft und immer wieder hat sich im Verlauf der Geschichte der Prozeß der Volk werd 11 n g vollzogen. Daß atis aufeinandertreffenden Stämmen gleichen oder verschiedenen Blutes (durch verschiedenste soziologische Prozesse, Einwanderung, kriegerisch« IJnterwerfung, kulturellen Zusammenschluß^ große historische Ereignisse, Alleingeltcndwerden einer Sprache, politische, soziale, wirtschaftjirhe und rechtliche Folgen des Wohnens auf dem gleichen I erritorium) am Finde in sich homogene Nationen werden, das wissen wir. Rückschauende Betrachtungsweise und spekulative Philosophie haben auch oft diese Volksgenese dar711stellen versucht. Nie aber hat die Wissenschaft in der Phase der Umbildung selbst und an Ort und Stelle diesen Prozeß der Strukturänderung in direkter Beobachtung unmittcl-!rar festgestellt. In unserer Gegenwart hätte noch vor wenigen Generationen Amerika den modernen Soziologen ein hierfür ausgezeichnetes Beohachttingsfeld sein können. Man ist heute allgemein der Ansicht, daß eine ״amerikanische Nation“ in unseren Tagen entstanden ist, die Vorphase dieses Prozesses aber exakt zu registrieren und zu studieren, wurde versäumt. — Wenn aber nicht alles täuscht, steht gerade Palästina gegenwärtig in einer solchen Vorphase, und für das formale Problem, die Werdung eines Volkes buchstäblich in statu mascendi zu beobachten und zu erforschen, besteht dort und jetzt eine ganz einzigartige Gelegenheit. ln Erwägung aller dieser Umstände, besonders aber der Tatsache, daß das Studium dieser Fragen — die ja solche nach den formativen Prinzipien des Körpers, der Seele, der volklichen Kollektivität, ja der Gesamtkultur überhaupt sind,-— von vornherein mit zu dem Umkreis einer ״Universitas litterarum“ gehört, daß diese Fragen aber außerdem anderwärts gar nicht lösbare, ganz besonders wertvolle Aufgaben für aas eigene Volk und für die Wissenschaft darstellen, unterbreite ich dem Kuratorium der Universität Jerusalem die Anregung, ein ״Institut für soziologische und a n t hr 0 po logische For sc h t!n g“ der Universität an- 1 zugliedern. Die Prager Makkabiäde Außerordentlich zahlreich sind, wie uns berichtet wird, die Meldungen zur Prager Makkabiade ei «gelaufen. Die palästinensische Mannschaft ist mit t>3 Aktiven bereits auf dem Wege nach der Tschechoslowakei. Sie bringt je eine komplette Fußball-, Handball- und Wasscrball-Mannschaff mit, ferner Turner und Leichtathleten, unter denen sich der frühere tschechoslowakische Meister Frankl befindet. Bulgarien beteiligt sich mit 15 Turnern, Polen entsendet insgesamt 1000 Mann, doch nur 400 werden sich aktiv beteiligen. Aus I 1ngam kommt Sarkarty, einer der besten Turner der Weit, dazu eine Türnermannschaft, die kaum zu schlagen sein wird, eine starke Wasserball- und Sehwimmannschaft. London stellt 70 Wettkämpfer, unter denen die Tennisspieler, Leichtathleten und Schwimmer hervorragen. Aus London kommt auch Daniel Prenn, der Weltranglistenspieler, der früher Deutschland im Tennis vertrat. Der Makkabj Deutschlands hat 100 Mann gemeldet, darunter die ausgezeichneten Berliner Bar Kochba-I eichtathlcten. Sehr stark werden die Wiener vertreten sein, die mit den guten Leichtathleten König, Deutscher, Blödy und den Schwimmern und Schwimmerinnen der Hakoah antreten. Finnland entsendet einige Läufer, vier Wettkämpfer kommen aus Paris. Jugoslawien hat 12, Rumänien 130, Litauen 23. Lettland 15. Danzig 22 Wettkämpfer die Schweiz, Estland, Belgien, Holland entsenden 1 Leichtathleten. gemeldet, trner und Ausgezeichnet besetzt ist das T ennisturnier. Hier treffen unter anderen Prenn (London), Wittmann (Polen), Liecht (Tschechoslowakei), Gottesmann (Tschechoslowakei), Klein (Tschechoslowakei) aufeinander. Die Vorkämpfe werden auf den Hagiborplätzen, die Endkämpfe wahrscheinlich auf den Plätzen des LTC.. ausgetragen. Noch besser besetzt ist das Ping-Pong-Turnier, an dem die besten Spieler der Welt teilnehmen. Den Auftakt der Makkabi-Spiele bildet eine Turn• Akademie, die am Sonntag, dem 20. August, im Smetanasaal veranstaltet wird. Neben den Musterte!ritriegen werden Gertrud Krauß (Wien) und Frau Kummermarui (Prag) rhythmische Tänze vorführen. Am 23. August finden im Barrandow-Schwimmstadion die internationalen Sclnvimmveftkämpfe statt. Donnerstag, den 21. August, beginnen die Leichtathletikkämpfe im Lctna-Stadion, die zwei Tage dauern. Auf dem Hagiborplatz findet am 24. August ein Tag der Jugend statt. Die Ring- und Boxkämpfe werden im Turnsaal des Prager Makkabi 1 ausgetragen, die Feehtwettbewerbe im Klubiokal des Fechtklubs ״Riegel“. Tagung der Jüdischen Jugend Skandinaviens. Wie unser H. R.-Korrespondent berichtet, trat kürzlich in Kopen• h a g e n der skandinavische Jugendverband zu seiner dies• jährigen Tagung zusammen. Der Oberrabbiner von Dänemark, Herr ur. M. Friediger, hielt einen Vortrag über die Forderungen der?.eit, der einen sehr starken Eindruck machte. Ueber Rassenfragen sprach Prof. Dr. med. L. Fri ״ dericia. Der Kongreß beschloß die Zusammenarbeit mit der zionistischen Jugend Skandinaviens. Die Tätigkeit für den Keren Kajemetli wurde als eine obligatorische Pflicht de* Verbandes festgelegt. _ JÜDISCHE RUNDSCHAO Nr. 64, 11. Vm. 1933 Jüdisches Berlin in den neunziger Jahren Von Dr. Schmarfa Levin Einer der. populärsten Fahrer des russischen Judentums und des Zionismus, Dr. Schmarja Levin, hat vor einigen Jahren in Amerika seine Memoiren veröffentlicht. Das Werk ist in englischer und jiddischer Sprache in vier Bänden erahienen. Es hat weit mehr als biographischen Wert. Die ganze Geschichte der jüdischen Entwicklung der letzten SO Jahre spiegelt sih hier in überaus lebendiger Weise. Man gewinnt Einblick in das russish-jüdische GAef/o, in dem der Verfasser seine Jugend verbradite, man durchlebt mii ihm alle die aus der jüdischen und nihtjüdishen Welt kommenden Eindrücke, den eigentumlihen Bildungsweg eines jüdischen jungen Mannes, die Veränderungen des jüdishen Denkens durh den Einbruch neuer moderner Strömungen in die bis dahin abgeshlossene jüdishe Welt. Später hat Dr. Levin in der Förderung der neuen hebräishen Bewegung, des jüdishen Renaissance-Gedankens und schließlih des Zionismus eine führende Rolle eingenommen und ist besonders als hinreißender Volksredner in der ganzen Welt bekannt. Er war in Rußland Mitglied der ersten Duma, und wurde später verbannt, hat viele Jahre seines Lebens in Detztshland und Amerika verbracht. Er ist also ein legitimierter Shilderer des Judentums der ganzen Welt Vor einiger Zeit haben die Memoiren Dr. Levins auh in deutsher Sprahe zu ersheinen begonnen. Auf den ersten Band ״Kindheit im Exil' haben wir bereits hingewiesen, ln den nächsten Tagen ersheint nun der zweite Band der deutschen Uebersetzung unter der Uebershrift ״Jugend in Aufruhr“ im Verlag Emst Rowohlt, Berlin. Dieser Band umfaßt die Studienjahre Levins und reiht etwa bis zum Jahre 1892. Wir entnehmen diesem Band (mit einigen Kürzungen) mit Genehmigung des Verlages einen Abshnitt, der die Verhältnisse im jüdischen Berlin der neunziger Jahre beleuchtet. Red. ln den neunziger Jahren des verflossenen Jahrhunderts befand sich Deutschland im Taumel seiner großen Siege über Frankreich und seiner Träume von der Schaffung eines römischen Weltreiches. Dieser allgemeine Geist in dem Deutschland der neunziger Jahre war auf die deutsche Judenheit nicht ohne Einfluß geblieben. Der deutsche Jude, der letzte der emanzipierten Westjuden, fühlte sich berufen, die moralische Führerschaft über die Juden der übrigen Weit, das heißt, insoweit der desorganisierte Zustand der in der Welt zerstreuten Judenheit eine Führung ermöglichte, auf sieh zu nehmen. Bis zum letzten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts war Frankreich für die übrige Welt tonangebend gewesen, und als Parallelwirkung hatten die französischen Juden die führende Rolle in der Judenheit der Welt gespielt. Die ״Alliance Israöiite Universelle“ war anerkannte Leiterin der jüdischen allgemeinen Angelegenheiten und Wortführerin für das jüdische Volk gewesen. Nach 1870 konnte sich die deutsche Judenheit, eine Körperschaft innerhalb der so rasch wachsenden Weltmacht, mit einer zweiten Steile in der jüdischen Weit nicht begnügen. Auch objektiv betrachtet, konnten die Juden Deutschlands wohl auf die erste Stelle Anspruch erheben. Schließlich bildeten sie die größte Gruppe unter den emanzipierten Westjuden, denn die Juden Galiziens waren nur halb emanzipiert und gehörten in gewissem Grade z.u den Juden Osteuropa«. Dazu kam, daß die geographische Lage der deutschen Judenheit ein entsprechendes Uebergewicht gab. Am schwierigsten war das Juden probiert! in Rußland, und Deutschland war der Nachbar Rußlands. Es gab aber noch einen anderen wichtigeren Grund, der den Anspruch der deutsehen Juden rechtfertigte. Sie waren die Begründer der modernen jüdischen Wissenschaft, und sie hatten neue Konstella• tionen am Himmel der jüdischen Gelehrsamkeit geschaffen, in der Erforschung der reichen jüdischen Vergangenheit standen sie in der Welt obenan. Ihre Leistungen knüpften sich an Namen wie Mendelssohn und seine Nachfolger Zunz, Geiger, Steinschneider, Jost, Fürst, Grätz und viele' ander«! Aus mehr als einem Grunde fühlten sich also die deutschen Juden dazu berechtigt, den erstem Platz in der allgemeinen Judenheit einzunehmen; sie konnten jedocli nicht ohne grirnmigen Kampf dahin gelangen, und zu der Zeit, von der ich spreche, befand sich dieser Kampf auf seinem Flöhepunkte. Die Juden Deutschlands sahen aut die Juden Osteuropas von oben herab. Sie wußten absolut nichts von deiti bedeutenden und organisierten politischen Kampfe, der damals innerhalb der russischen ludenheit vor sich gjing. Sie wußten nichts von der gewaltigen Renaissance, die die russischen jüdischen Massen emporhob. Niemand hatte eine Ahnung von der neuen hebräischen Literatur, die aufzublühen begann. Und was die jiddische Literatur anbetraf, so hielten es die deutsehen Juden für unter ihrer Würde, von ihr Notiz zu nehmen, denn die jiddische Sprache, deren sie sich schämten und die sie ״Mauscheln“ nannten, war ihnen ein beständiger Dorn im Auge. Sie nahmen es ihr übel, durch sie daran gemahnt zu werden, daß sie noch vor wenigem Generationen keine andere Sprache gekannt haben. Die meisten russisch-jüdischen Studenten studierten Medizin und Chemie. Zu jener Zeit war die Chemie die moderne Wissenschaft, besaß also für die Jugend die größte Anziehungskraft Nur ein winziger Teil der Studenten befaßte sich mit reiner Philosophie, und zwei oder drei studierten Mathematik, ich blieb meinem ursprünglichen Plane treu, mich der Wissenschaft des Judentums zu widmen. Zwei Wege standen mir dazu offen: ich konnte mich entweder in das Rabbinerseminar von Dr. Asriei Hildesheimer, dem Reprisentanfen der extremen Orthodoxie, aufnehmen lassen, oder in die Hochschule für Wissenschaft des Judentums eintreten, die Rabbiner liberaler Richtung ausbildete, aber auch solche Studenten zuließ, die nicht die Absicht hatten, die Rabbinerlaufbahn einzuschlagen. Allerdings war auch diese Hochschule weit vom Reformjudentum entfernt; in Amerika z. B. würde sie heutzutage als Vertreterin des konservativen Judentums betrachtet werden. Ich wußte, daß mir das Seminar Dr. Hildesheimer so gut wie verschlossen war. Die strengen Aufnahmebedingungen und das in der Schule durchgeführte Regime machten diese Anstalt für mich unmöglich. Es interessierte mich aber, das Haupt der orthodoxen deutschen ludenheit kennenzulernen, und so machte ich Dr. Hildesheimer einen Besuch. Er empfing mich um sieben Uhr n10rgen», zu welcher Zeit er bereits die langen Morgengebete hinter sich hatte, und seine erste Frage war, ob auch ich schon gebetet hätte. Wahrheitsgemäß verneinte ich es. Das benutzte er sofort zu einer — in der Form allerdings recht höflichen — Moralpredigt. Die ersten wenigen Minuten der Unterhaltung bestärkten mich darin, daß ich hier nichts zu suchen hatte, und so lenkte ich das Gespräch bald auf das allgemeine Thema der Lage der russischen Juden. Während unserer Unterhaltung erlaubte ich mir eine Fülle hebräischer Satze einzuflechten, nicht um damit zu prunken, sondern weil ich mit meinem Deutsch nicht auskam, Dr. Hildesheimer bekundeie großes Interesse für die Lag« der russischen Judenheit, allein ich sah in ihm einen in überlebten Formen verknöcherten Vertreter der alten Ordnung, welcher für die Probleme einer lebendigen, leidenden und kämpfenden Judenheit nur geringe* Verständnis aufbraehte. Der Stolz Berlins war die Prunkstraße ״Unter den Lin• den“, die am Brandenburger Tor mit seiner Quadriga aus Bronze begann und mit dem Königlichen Schlosse endete. Zu jener Zeit waren die ״Linden•“ nicht allein das Zentrum Berlins, sondern ganz Deutschlands und sogar Europas. Die Hochschule für Wissenschaft des Judentums hatte sieh auch den Weg nach den ״Linden1‘ gebahnt, so daß ihr wenigstens ihre Adresse einen distinguierten Anstrich gab. Allein von der Briefadresse abgesehen, war das Institut, das sich die Ausbildung jüdischer Gelehrten und Führer zum Ziel setzte, höchst unwürdig eingerichtet. Die Berliner Häuser waren ungeheuer tief gebaut, oft hatten sie zwei und auch drei Höfe, deren Quergebäude parallel zur Straße gingen. Im dritten Stock eines viereckigen Gebäudes, das auf einem solchen Hofe stand, verfügte die Hochschule über drei dunkle Räume, die einer anspruchslosen Elementarschule zur Schande gereicht hätten. Als ich das Gebäude zum erstenmal betrat, um mich immatrikulieren zu lassen, war ich geradezu verletzt. Das war also die Verehrung, mit der die deutsche Judenheit die jüdische Thora behandelte! In ihrer Lehrerschaft war die Hochschule fast ebenso ärmlich wie in ihren Räumlichkeiten. Im ganzen gab es dort vier Dozenten: Dr. Joel Müller las Talmudiehre, Dr. David Cassel Geschichte, Dr. Chaim Steinthal Bibelwissenschaft und Religionsphilosophie und Rabbiner Dr. Maybautn Homiletik. Der bedeutendste von ihnen, berühmt als einer der größten Gelehrten auf seinem Wissensgebiet, im wahren Sinne des Wortes eine Leuchte, war Steinthal, Sei spezielles Arbeitsfeld war die philologische und kulturhistorische Forschung; im Verein mit M. Lazarus gründete er die ״Zeitschrift für Völkerpsychologie“, an der die hervorragendsten Gelehrten jener Zeit mitarbeiteten. Steinthals Hauptwerk .,Ursprung der Sprache“ galt als klassisch. Sein Kollege in cier Hochschule, Dr. Cassel, war ein Historiker zweiten Ranges, und ebenso waren Müller und Maybautn nicht besonders prominent. Die Hochschule zählte dreißig Studenten, von denen die meisten Ausländer waren und zum größten Teil aus Galizien und Ungarn stammten. Vier unter uns waren aus Rußland. Die deutsch-jüdischen Studenten wiesen erstaunlich mangelhafte Kenntnisse auf; ihr Wissen auf jüdischem Gebiet entsprach etwa dem eines Chederschülers unserer Heimat im zweiten oder dritten Lehrjahr. Und doch wurden sie im Seminar als die Elite betrachtet und von den Professoren mit ausgesuchter Zuvorkommenheit behandelt. Ihr Anspruch auf besondere Aufmerksamkeit war in ihren Pässen begründet: sie waren ja schließlich Deutsche, während wir anderen Fremdlinge waren. Nach der Aera der Zunz, Geiger und ihrer Kollegen war die deutsche Judenheit mit außerordentlicher Geschwindigkeit von der Höhe der jüdischen Gelehrsamkeit herabgesunken. Die alten Gelehrten waren ausgestorben und ein Ersatz blieb aus. Es kam schließlich zu einem solchen Tiefstand, daß von dem Dutzend Rabbiner der Vereinigten Berliner Gemeinde drei Viertel aus Ungarn importiert werden mußten. Das erklärt, warum die Hochschule die deutschen Studenten so rücksichtsvoll behandelte und ihnen auf jede Art entgegenkam, um sie dem Rabbincrtum zu erhalten. Der Umstand, daß sie deutsch — und ohne fremdländischen Akzent — sprachen, wog ihre sonstigen Mängel auf. Ich muß gestehen, daß ich auf dem Gebiet jüdischen Wissens mehr von den christlichen Universitätsprofessoren als von den jüdischen Dozenten der Hochschule lernte. Der Unterschied zwischen dem jüdischen Gelehrten und seinem Christliehen Kollegen war nur ein quantitativ zeitlicher; für beide lagen die jüdischen Werte auf einem großen Friedhof begraben. Bei dem christlichen Gelehrten war dieser Friedhof mit Nazareth, bei dem jüdischen mit den modernen Zeiten ahgeschlossen. Ein tiefes Pietätsgefühl trieb die jüdischen Forscher an, unserer Vergangenheit die prächtigsten Denkmäler zu errichten und sie reich mit Blumen zu schmücken: ״Hier war einmal eine glorreiche Zeit — möge sie für immer in Frieden ruhen!“ Und das Unvermeidliche trat ein. Ist die Vergangenheit für den modernen Juden tot, so ist der moderne Jude für seine Vergangenheit tot. Unter diesen Umständen konnte die Hochschule dem osteuropäischen Juden nichts bieten, dem! dieser war in einer anderen Sphäre aufgewachsen. Für ihn war das Judentum etwas Lebendiges und Kämpfendes, etwas, was nach neuen Entwicklungsformen strebte. So versuchte ich zum Beispiel, mit den Hochschullehrern eine Unterhaltung über die neue hebräische Literatur, über unsere bedeutenden modernen Schriftsteller und Dichter anzuknüpfen, aber sic begriffen mich einfach nicht. Für sie war Hebräisch etwa? Vergangenes und alle Bemühungen, es zu neuem Leben zu erwecken, schienen ihnen als reinste Kraftvergeudung. Es war unter den Hochschullehrern Sitte, einige der Studenten zum Vorabend des Peßachfcstes in ihr Haus einzuladen. Ich erhielt eine Aufforderung von Dr. Maybaurn. Die Erklärungen, di« ich an jenem Abend über die traditionellen Sitten und Gebräuche des Passahfestes ans dem Munde ein« ״modernen“ Gelehrten zu hören bekam, wetteiferten in Spitz- Bindigkeit mit den abwegigsten Deutungen der alten Maggidim meiner Heimat. Und alles zielte auf das eine hin: zu beweisen, daß der nationale Gedanke niemals in der jüdischen Geschichte eine Rolle gespielt hätte. Selbst die dramatische Episode des Auszugs aus Aegypten sollte nur als Symbol auf gefaßt werden. Ich lenkte das Gespräch mit Absicht atif den neuerwachenden Geist der osteuropäischen Juden hin und sprach von der neuen hebräischen Literatur, die in Rußland im Aufblühen war. Dr. Maybaum glaubte mich mit einem Keulensehlage nlecjerschmettern pj müssen und sagte feierlich: ״Ich schreibe grundsätzlich nicht hebräisch.“ Als ich ihn dann fragte: ״warum nicht?“, antwortete er ruhig: ״weil ich Deutscher bin.“ Ich reagierte darauf nicht weiter, aber etwas später am Abend lenkte ich das Gespräch auf die englische Sprache und sagte ebenso feierlich: ״Ich schreibe grundsätzlich nicht englisch.“ Dr. Maybaum, der mich nicht verstand, sah mich verblüfft an und fragte: ״warum nicht?“ Ich antwortete ebenfalls sehr ruhig: ״Weil ich die Sprache nicht beherrsche.“ Ein zweites Mal wurde ich zu Dr. Maybaum nicht eingeladen. Nr. 6 c- In < Kontrov ״J. R.“ lung de einer lei J u ri g n die im Kamp sucht d Auswirk die jüdi Dabei s als Irrt! zu vert national sie heu Voikskc Ve rk t darf nie hatte k in der sie hatt der die wartend indem problerr heftige d i e Je jüdischhaupt r ten Ve! heutige Nation? scheint sind ül Judenti über ei rung di Da mann weitgel Triump mann einem , werden ganz a Judent! Verhall aber di es dah bisher milante führt 1 schehei Publizi lichkeit (gerne! voll ur Kopf 1 in der histori« erkiärli zu ern bittere! dürfte. Im sich di zum daß w u n g s schreit auf. tiefe die au c s e i si c von deut daß voll! T r. enth der leid dort als d e! sei die stin; von Sie son! Unc (Sp U tierun schrat keil zior stin Zio sein ten, tnül Dci ein: bali ode tun Zei Ne ma r Probl gebra ist al habe!

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