Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 63 (8.8.1933)
- Date
- 1933-08-08
- Page
- Seite 407 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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?33 jüdische Rundschau Seite 405 Um lera! Kegi :r d 1e, t Ve 3 b Nr. 63, 8. VIII. 1933 Die Zahl der ״Nichtarier״ in Deutschland Ein Schätzungsvemich Von Dr. Ludwig Herz ns Zu dem Artikel von Dr. Ernst Kahn in Nr. 59 sind eine Reihe von Zuschriften und Äußerungen aus den erschiedenen Kreisen zugegangen. Ein besonderes Interssc für das Thema ist begreiflicherweise in den Kreisen \er Betroffenen selbst, das heißt, der nicht zur jüdischen teligion gehörenden Nichtarier festzuslellen. Wir veröffentichcn nachstehend einen ans zugegangenen Aufsatz, der zu •ticas anderen Resultaten gelangt als Dr. Kahn. Red. Die Statistik zählt nur, wieviel Einwohner Deutschlands er jüdischen Religionsgemeinschaft angeboren. Auch die an”(letzte Volkszählung vom 16. Juni 1933 versucht nicht darüber limius die jüdische Abstammung zu erfassen. Es muß daher ut andere Weise die Feststellung versucht werden, wieviel Nichtarier“ es in Deutschland gibt. Hierzu gehören in erster Linie diejenigen Juden, die ihre eligionsgemeinschaft verlassen haben. Die tavsl ujstrittswellen haben Kämme und Täler gehabt. In den Jahä v< eil 1810 bis 1823 ließen sich nach Zollschan: ״Das Rassepro- ץ, Vl!lern“ von den 3610 Juden in Berlin nicht weniger als 1236 atifcn. Die Kurve senkt sich dann im dritten Viertel des 0. Jahrhunderts, um dann wiederum stärker anzuschwellen, )ie Zahl der Austritte betrug in Berlin 1881 bis 1887 durchhnittlich jährlich 66, zehn Jahre später 186, im Dureliscnitt ar 0 h itnia! :invt de *ge m A rurdi te d r de die Us inuti chn e ve r V( h.; ezei! it es;n, a cy i ־such er Jahre 1911 bis 1921: 249. Aus dieser Zahl der Uebertritte 1 Berlin können jedoch Schlüsse auf ihre Zahl in »reuBen nicht gezogen werden. Während sieh, wie oben er- ■dlint, in Berlin 1810 bis 1823 fast ein Drittel aller ortstisässigen Juden taufen ließ, waren es im übrigen Preußen 011 rund 124 000 nur 1382. Die Austritte steigen aber auch ort. In den alten Provinzen im Durchschnitt der Jahre 1881 lis 1891 auf jährlich 160, 1891 bis 1897 auf jährlich 291, im .!.;enden Jahrzehnt in ganz Preußen auf jährlich 480. Wassernami im ״Israelit“ berechnet für die Zeit von 1880 bis 1909 ic Zäh! der Austritte aus den jüdischen Gemeinden in Prcueri auf 15 233. Es bedarf keiner Ausführung, daß solche Zahengruppen, so aufschlußreich sie soziologisch sind, nur ymptoma tischen Wert haben, zu einer nur annähernlen Berechnung der Nichtaricr jedoch nicht einmal für Preue Ve len ausreichend Noch viel weniger für das ganze Reich. Dazu nmmt, daß die Zahl der evangelischen Judentaufen zwar für ie Zeit von 1880 bis 1919 in Preußen auf 9460, im Reich auf 1 660 festgestellt worden ist, für die katholischen jedoch;endÄahlen überhaupt nicht veröffentlicht worden sind. Auch die auf (!ach eigener Angabe sehr vorsichtige Schätzung des evangelichen Geistlichen de la Roi, der den Verlust der deutschen udenschaft im 19. Jahrhundert auf 21500 angibt, hilft uns icht weiter. Schon deswegen nicht, weil in dieser Summe die Dissidenten nicht eingerechnet sind. Ihre Zahl ist aber gerade 1ei Juden erheblich. Beruhen alle diese Angaben über die Austritte aus lein Judentum auf privater Arbeit, so wird die Zahl der •1 i s c h c h e n in Preußen seit 1871, in Deutschland seit 90! statistisch aufgenommen. Es kamen in Deutschland 1901 1is 1924 auf 93 000 jüdische Ehen 25000 Mischehen, d. h. 6!׳'» w0 (in Preußen 39,2 0,1925 ,(0׳ auf 2904 jüdische Ehen 1273, 926 auf 2665: 1231. 1927 auf 278g: 131. Das sind fast 0 0׳״, ein Satz, der die Höchstprozentsätze der Vorkriegszeit n den Großstädten (1905: Hamburg0/0 49,5 ־, Berlin 44 «0׳, ■tünchen 36,4 0/0) übersteigt. In Preußen wurden bis zum Jahre 900 8100 Mischehen geschlossen, von denen 1900 noch 4152 )estanden. Diese Zahl gibt aber kein« Vergleichsmöglichkeit ür die anderen Bundesstaaten. Während der Prozentsatz der tischehen aut alle Ehen überhaupt in Preußen von 4,8 auf ,8 stieg, steigt er in Bayern von 3,66 auf 4,38 0/0, in Baden 0,27 011׳ auf 0,84 0/0, in Hessen betrug er nur 0,6 ״/o. Nun können ja erst die Nachkommen aus Mischhen zu den Nichtariern gezählt werden, soweit sie nicht dem udentum verbleiben. Das ist aber nur hei etwa ein Viertel der Gnder der Fall. Die Geburtenzahl ist jedoch zum mindesten eit der Jahrhundertwende erschreckend niedrig. Die Rassenheoretiker erklären es entweder physiologisch aus der Verchiechterung־ der Rasse durch Kreuzung oder aus einem h“z®?ychol°gischen Mangel an Empfmdungseinheitiichkeit, der ichrif 'reude an zahlreicher Nachkommenschaft nicht schaffe. 501'of ücherlich darf aber nicht außer Acht gelassen werden, daß 0j iiese Mischehen in der Hauptsache in den großen Städten uf!ן jnd in sozial gehobenen Schichten: im Adel, in der hohen n v;s iourgeoisie, in intellektuellen Kreisen geschlossen werden, die ,n s'j־ »ewußt oder unbewußt die neumalthusianischen Lehren be- ™olgen. Wie dem auch sei, während 1900 die Kinderzahl in hristlichen Eben 4,13, 1907 4,07, in jüdischen 2,83 bzw. 2,65 )etrug, betrug sie in Mischehen nur 1,42 bzw. 1,13. Selbst venn es möglich wäre, die Zahl der Nachkommen aus Mischheil mit einer gewissen Sicherheit zu berechnen, würde bei iesem Versickern der Nachkommenschaft für die Berechnung er Zahl der Nichtarier nur wenig gewonnen sein. Sie kann iso nur geschätzt werden. Und zwar auf dem Wege, daß nan das Wachstum der Gesamtbevölkerung mit der der Juden ergleicht. Die bei den Juden Ausscheidenden müssen bei ler Gesamfbevölkerung zum Vorschein kommen. Die Bevölkerung stieg in Deutschland von 1864 bis 1925, m Jahre der vorletzten Volkszählung■, um etwas über 63 0/0, he der Juden jedoch nur um etwas über 1()״>. Voraussetzung st, in welchem Verhältnis die Vermehrung der beiden Reihen!!einander steht. Nach der Zeitschrift ״Demographie und Statistik der uden“ war am Anfang dieser Zeitspanne der Geburtsiiberchub der Juden 13,8 ״/<> gegen nur 10,4 0/0 der Gesamtbevöl- :erung. Er sinkt aber seit den 90er Jahren stetig, so daß um lie Zukunft ihrer Glaubensgenossen besorgte Juden bereits len Untergang der deutschen Judenschaft vor Augen sahen. Der Geburtenrückgang wurde jedoch durch Wanderung in loppelter Beziehung ausgeglichen. Zunächst war in der Peiode der großen überseeischen Auswanderung der Prozentatz der jüdischen Auswanderer erheblich geringer als der der iesamtbevälkerung. Dagegen war der Prozentsatz der jüdichen Zuwanderung erheblich stärker. 1900 waren z. B. von '87 737 Ausländern im Reich 38 844 Juden, d. h. etwa ft',6 0/־ :egen noch nicht 1 ״/o; 1905 von 526120 Ausländem 41 113, 1• h. fast 7 0/0 gegen noch nicht 0,9%. Die starke Zuwandeung nach dem Weltkrieg ist bekannt, sie betrug 1914 bis 925 : 525 375, davon 283 000 Ausländer. Der Anteil der jüdi. K ״ chen Zuwanderung war bisher nicht veröffentlicht worden. *ra sfach einer offenbar auf Grund des statistischen Materials m* ™ ,!!gestellten Berechnung des ״Völkischen Beobachters“ betrag;r. in Preußen 70 700. Auf Grund dieser Tatsachen können w schätzen, daß trotz des Geburtenrückganges die Juden ich im gleichen Schritt mit der Gesamtbevölkerung ver- “ehrt hätten, wenn nicht Austritte sie herabgedrückt hätten. Als Arier im Sinne des Gesetzes gilt aber nur der, lessen Großeltern bereits bei der Geburt getauft worden ind. Zum mindesten soll weiter hinauf nicht geprüft werden, wir müssen demnach um drei Generationen zurtickgehen. In Reußen betrug in den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts er Prozentsatz der Juden zur Gesamfbevölkerung 1,33 pro 000 und blieb bis 1864 etwa stetig, Für das übrige Deutschaber! eine ane isorc nd l vd m ä! •off ihru; »tt nord rklär;y st 5 Fn igsva :höre ו \v1 rn, mitt n ko on d > f 0 ■e c hl 1 sein aearti be d« eilt.!011 t, da Polizi; rev :mad n 5a im V e n Mi eutscl nung ität sagt hili ätscht stelle eutsd; r ri ikörp ־te. i dfeh' fliehe Imwt Ar h elstig ei, « ׳ w e I. Ni t ve a t H ich N u״. wrf us•־! Zutf Dm die I&flgKell des ״Hulfurbundes“ Ein Brief Dr. Kurt Singers Der Leiter des Kulturbundes deutscher Juden, Dr. Kart Singer, sendet uns die folgenden Ausführungen. Obwohl Dr. Kurt Singer keineswegs auf den Inhalt des von ihm erwähnten Artikels der ״Jüdischen Rundschau“ eingeht, sondem gegen ganz andere Anschauungen polemisiert, die wir nicht vertreten haben, gehen wir seinen Ausführungen Raum, schon weil wir das starke Bekenntnis zum bewußten Judentum, das darin enthalten ist, durchaus würdigen. Zur Klärung des Sachverhaltes und um keine Legendenbildung zuzulassen, müssen wir jedoch in einer Nachbemerkung noch einmal zu der Sache Stellung nehmen. Red. Zurzeit Flirns-Waldhaus, 31. Juli 1933. Sehr geehrte Redaktion! Ihr Aufsatz ״Warum Nathan der Weise?“ in Nr. 59 der ״J ü d. Ru nd schau“ weckt mich aus einer Stille, die ich fern von Berlin dazu nutzen wollte, die gesamten künstlerischen Pläne des Winters zu durchdenken, soweit sie der ״Kulturbund deutscher Juden“ sieh zur Aufgabe stellt. Bei dem Temperament, mit dem Zionisten ihre Ideale verfechten, habe ich diesen Weckruf zur Besinnung erwartet; bei der Offenheit, mit der sich auch die bisherigen Assimihitions-Juden zur Judenfrage bekennen, und zwar als Juden, die deutscher Kultur ihre geistige Bildüng, ihr Wissen und ihre heutige Leistung verdanken, werden sie nicht von heule auf morgen eine Wandlung an Haupt und Gliedern, an Kopf und Herz verlangen. Die Duldsamkeit, die Lessings weiser Nathan predigte und forderte: soll sie unter Juden verlorengegangen sein? Wir stehen mit Bewunderung vor der Energie zionistischer Arheit, national - jüdischer Erfolge. Die Goldadern Ihrer am Boden Palästinas in Jahrzehnten geleisteten Pionier-Tätigkeit sind allen, die Augen haben, sichtbar geworden. Wir anderen, die wir nicht als Zionisten an eine neue Aufgabe herantraten, wir rufen Sie auf, ohne Angriffslust uns gewüliren, unsere Pläne sich bewähren zu lassen. Gewiß: eine schwere Prüfung war nötig, uns sehend zu machen. Aber nicht jeder, der passiv abseits stand, muß heute als ein Konjunktur-Ueberläufer sein ״Oschamnu“ aus der Brust herausschreien. Gewaltige Umwälzungen im Aeußeren bringen auch gewaltige Umwälzungen im Innern der Menschen mit sich. Bedenken Sic: wir stehen am Uebergang, am Anfang. Unsere Gesinnung, als Juden für Juden dienen und schaffen zu wollen, ist wert, in aller Ehrlichkeit anerkannt zu werden. Hier also, in unserer Haltung als Juden, sehe ich gar keinen Anlaß zur Polemik. Wir wollen als Juden ja nicht im ״Kulturbund“ Politik treiben, sondern Kunst machen, die außerhalb eng umgrenzter Axiome ästhetische und stilistische, nicht weltpolitische Kritik verträgt und heraufbeschwört. Es kann gar keine Rede davon sein, daß der ״Nathan“ gerade als ein etwa zeitgemäßes kämpferisches Werk zuerst auf die Bretter gebracht werden soll. Sein sprachlicher, sein theatermSßiger, sein Rollen-Wert und dazu die rein-menschliche, zeitlose Seelen-Gebärde: das sind die Akkorde, die hier harmonisch zusammenklingen. Genau so, wie im ersten Opernwerk, das wir spielen wollen, im ״Figaro“, nicht die revolutionäre Tendenz der Beaumarchais• sehen Dichtung, sondern die im hellen Aether über der Welt geisternde Musik Mozarts den Ausschlag für die Wahl und den Wert des Werkes gab. Der Künstler im Juden sucht sich den Weg zu dem Herzen der jüdischen Hörer• sehaft. Wollte der Jude übeT den Künstler triumphieren, so müßte die Liturgie und das chassidische Volkslied das einzige Thema unserer musikalischen Veranstaltungen sein. Das hieße aber, den Ast absägen, auf dem Früchte wachsen sollen. Wahrhaftige Kunst ist international. Und so lange die deutsche Sprache unsere Umgangssprache ist, in der wir denken, so lange Beethovens Sinfonie unser Gewissen rührt, so lange Kant nicht anders als Spinoza zum Fundament unseres Urteilens und Verstehens geworden ist, — so lange müssen wir auch frei bekennen: sie sind unser. Unser Schicksal, das Schicksal der Juden im Jahre der nationalen Revolution, führt 11ns unweigerlich zusammen. Die Trage ist ja gar nicht mehr: Zionist oder Assimilation s- Jude, sondern: Bekenntnis-Jude oder Abtrünniger. Im Kulturbund sollen sich alle bewußten Juden die Hand reichen, empfangend und gebend. Der Aufgaben sind so viele, und ich kann sie nur in Stichworten wiederholen. 1. Soziale: Hunderte von entthronten, entlassenen, zur Resignation verdammten Menschen Arbeit zu geben, Existenz, Lebensmut, Sammlung. Tausenden die Möglichkeit zu verschaffen, an Problemen und Werken der Dichtkunst, Malerei, Musik wieder anteilnehmend Interesse zu finden. Erwerbslose aus der Stagnation herausreißen. In den Arbeitsprozeß sich einfügen. Der Jugend Werte der Kultur zu vermitteln. 2. Ethische: Die Gegensätze zwischen Reich und .1Arm ausgleichen oder einreißen. Die religiöse und r-assenhaft-e Verbundenheit der Juden manifestieren. Den Glauben an Gott und die Lichtseiten sei bst schwerster Prüfungen predigen und erhalten. Aus dem Bekennen zu .1 Judentum in der Not ein stolzes Bewußtsein für bessere Zeiten zimmern. Das Leid zum Ferment des Mensch-unter-Menschen-Seins machen. Bescheiden werden, demütig sein. Anerkennen und Herz hexvähren. Die kritisch-intellektuelle Ader mit Milch ruhiger und frommer Denkungsart füllen. Für das Schöne und Erhabene empfangsbereit bleiben. 3. Künstlerische un d geistige: Lehren und 1ernen. Wissen und Erkenntnis. Glauben und lieben. Kunstwerke sehen und erleben. Musik fassen, hören und begreifen. Den Geist am Geist Größerer stählen. Den Menschen als Geschöpf Gottes, als Winziges im Riesen-Kosnios empfinden. Im Theater einen Spiegel des Lebens, im Dichtwerk eine Allegorie des Daseins ahnen, in der Mystik der Musik das Transzendentale erspüren. Hinstreben zu dem Ziel, ein wissender, erkennender, selbstkritischer, bescheidener Teil des großen Ganzen zu sein, als Einzelner der Gemeinschaft mit Fühlen und Handeln verpflichtet zu sein. Aus Kunst Leben zu schöpfen, aus dem Leben heraus, auch wenn es irrt, den geraden, hellen Weg zur heilenden Kunst zu finden. So fasse ich den Sinn des Kulturbundes, iiir den wir mit dem Herzen, nicht nur mit dem Gehirn des Juden bei den Behörden geworben, gekämpft haben. Hier wollen, hier müssen wir alle Zusammengehen. Ein Bund, eine Gemeinschaft, ein Wollen, eine Heiigion. Sind wir hierin nicht einig? Es gibt kein Auseinander mehr. Die Not hat uns zusammengeschmiedet. Als bewußte Juden schreiten wir den Weg ab, auf dem die Meilensteine jüdischen Geistes, jüdischer Wissenschaft und Gelehrsamkeit, jüdischer Ethik und Religion stehen; den Weg, auf dem deutsches Genie auch uns Juden Dichtung und Musik, 'Theater und Bildnerei in die Wurzeln hundertjähriger fruchtbarer Bäume pflanzte. Ueber alle Gegensätze hinweg, die ihren Sinn verlieren, wenn es um die Selbstbehauptung geht: reichen wir uns die Hände! Verehrungs voll: K urt Singe r. Nachbemerkung Zu den Ausführungen von Dr. Singer sei festgestc'lt: 1. Wir stimmen in der Bewertung von Lcssings ״Nathan der Weise“ mit dem Einsender überein. Wogegen wir uns wandten, war lediglich die Motivierung, die Herr Julius Bab in seiner Rede für die Aufführung dieses Werkes geeben hat. Es ist erfreulich, daß Dr. Singer in seinem Brief ierin unseren Standpunkt vollständig teilt. (Der Vergleich mit dem ״Figaro“ stimmt freilich nicht.) 2. fn unserem Aufsatz in Nr. 59 haben wir darauf hingewiesen, wie sehr bei den neu in die jüdische Kulturarbeit eingetretenen Personen die Anschauung über die Judenfrage ״noch in den Kinderschuhen steckt“ was sich auch darin zeige, daß man glaubt, wir Nationaljuden wollten sämtliche kulturellen Bedürfnisse ״nur durch jüdische Produkte befriedigt haben“. Trotz dieser Klarstellung erliegt auch Dr. Singer leider dies em Irrtum. Sonst wäre cs unmöglich, daß er in seiner Polemik gegen den erwähnten Artikel uns vorhält: ״Wollte der Jude über den Künstler triumphieren, so müßte die Liturgie und das chassidische Volkslied das einzige Thema unserer musikalischen Veranstaltungen sein.“ Die ״Jüdische Rundschau“ aber, gegen die sich diese Bemerkung Dr. Singers wendet, hatte folgendes geschrieben: ״Es ist selbstverständlich für uns Nationaljttden, daß wir die Werke großer Dichter und großer Musiker als solche genießen wollen und daß sie uns viel lieber sind als minderwertige Produkte jüdischer Provenienz. Es würde lächerlich wirken, wenn etwa nur Opera jüdischer Komponisten gespielt werden sollten. Das ״jüdische“ eines solchen Kulturbundes darf unseres Erachtens nicht darin bestehen, daß er nun engherzig• 1'n der Abstarnmung dieses oder jenen Künstlers, dessen Werk aufgeführt werden soll, heruinstochert, sondern darin, daß er sich bewußt ist und in seinen Mitgliedern das Bewußtsein stärkt, daß sie a 1 s Juden zusammengeschlosscn sind und als Juden diese Kunst oder Kulturgüter empfangen..,. Für die Welt offen sein, aber als Juden: das ist es, was das neue Judentum von dem alten Assimilationsjudentum unterscheidet.“ 3. Wir würdigen vollständig die schwierige Prohlematik, vor der der Kulturbund in seiner Tätigkeit steht. Wir sind selbstverständlich bereit, positiv mitzuarbeiten. Wir haben aber die Führer des Kulturbundes — in sehr höflicher Form, wie wir glauben — gewarnt, sich auf die schiefe Ebene einer politischassimilatorischen Begründung ihres Tuns zu begebe!!, wie das in manchen Reden der Propaganda- Veranstaltungen leider geschehen ist. Audi wir deutschen Zionisten verdanken, um mit Dr. Singer zu reden, ״der deutsehen Kultur unsere geistige Bildung“ usw. Wir werden dies stets offen lind dankbar bekennen, aber wir wenden uns dagegen, daß man aus dieser Tatsache den Ansprach herleitet, nun von jüdischer Seite das deutsehe Volk zu belehren, w a s deutsch s e i. Diese Verlockung ist hei der altgewohnten Denkweise mancher jetziger Führer des Kulturbundes nur zu naheliegend, und darum muß dieser Punkt mit allem Nachdruck unterstrichen werden. Nicht in polemischer Absicht, sondern weil, wie wir in Nr. 59 sagten, die neu in der jüdischen Kulturarbeit stehenden Personen ״ihre eigenen Gedankengänge nicht immer zu kontrollieren in der Lage sind“ und wir in diesen Dingen vielleicht eine etwas größere ״Erfahrung“ haben und uns daher für verpflichtet halten, auf Gesichtspunkte hinzuweisen, die von anderen leicht übersehen werden. hn übrigen aber sei nochmals gesagt, daß wir die ersten sind, die alle in den jüdischen Kreis und in jüdische Arbeit Zuriickkehrenden mit Freude brüderlich begrüßen und für die gemeinsame Sache mit ihnen wirken wollen. llllllllllllllllllllllllllllllllll1nlllll:llllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllilllllllllllllll|llllllllllllllllllllllllllllllllillllll|lllll|||||||l|||||||||IIIIIMIIIIIIIIIIIIIilllllllllllllllNIIIIIIIIIIIIIIIIIIII1lllllHIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIII!and sind auch nur einigermaßen brauchbare Zahlen nicht greifbar. Preußen umfaßte vor 1864 nur die Hälfte des jetzigen Deutschen Reiches, die Zahl der Juden war dort ebenso wie die Zahl der Taufen und Mischehen etwas höher als in den meisten anderen deutschen Staaten. Wir setzen in roher Schätzung die Zahl der Juden in Deutschland mit 13 °/0 ein und erhalten nunmehr folgendes Bild: Gesamtbevölkerung Deutschlands 1840 32,8 Millionen Gesamtbevölkerung Deutschlands 1925 62,4 Millionen Steigerung also 29,6 Millionen =90 ״׳״ Juden in Deutschland: 1840 rund 427 900 1925 564 900 Bei einer Steigerung von gleichfalls 90 % hätte die Zahl der Juden getragen müssen 1925 811 300 Die Zahl der ״Nichtarier“, die sich nicht mehr zur jüdischen Religion bekennen, betrug also 1925 247 300 Diese Zahl übersteigt die von Herrn Kahn in Nr. 59 dieser Zeitschrift geschätzte um etwa 50 p0׳, bleibt also — gleichfalls zu meiner Ueberraschung — weit hinter den Ergebnissen zurück, die ich erwartet hatte. Die deufsdhen Emigranten in Frankreich Die ״Frankf. Zfg." meldet aus Paris: Der franz ös i sc he Ministerrat hat sich, wie wir hören, mit verschiedenen Fragen befaßt, welche durch die Emigration deutscher Juden und Sozialisten nach Frankreich gestellt werden. Das Innenministerium schätzt die Zahl der sich gegenwärtig in Frankreich aufhaltenden deutschen Flüchtiinge auf 40 000. Ob die französische Regierung irgendwelche Maßnahmen ins Auge gefaßt hat, wird nicht bekannt. Man crf׳ährt nur. daß in gewissen französischen Grenzstädten eine leichte Beunruhigung über die Kon kurr e n z g e f a 11 ז im Entstehen sei, welche durch eingewnnderte deutsche Rechtsanwälte, Mediziner oder Kaufleute für die betreffenden französischen Berufe geschaffen werden. Polizeiliche Geschäftsschließung. In Rottwell am Neckar wurde das jüdische Schuhgeschäft Öko polizeilich geschlossen und der Inhaber in Schutzhaft genommen, nachdem eine große Menschenmenge vor dem Geschäft wegen des Verkaufs billiger als ״Ramschware“ bezeichncter Schuhe eine Protest-Demonstration veranstaltet hatte.