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Jüdische Rundschau · 1933-08-04 · Heft 62 (4.8.1933) · p. Seite 397

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 62 (4.8.1933)
Date
1933-08-04
Page
Seite 397 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 62, 4. Vm. 1933 JÜDISCHE RUNDSCHAU־ Seite 395 lisch gedacht, weil hier Im Lande nach der berufhert Erfahrung dieser Menschen im allgemeinen nur Ine sehr geringe Nachfrage besteht. Worauf basierte denn? Meistens doch auf Tätigkeiten Wirtschaft- |11er Art, die aus der liberal istischen, ökonomischen oche der letzten Jahrzehnte stammten. Nach der hiergewonnenen Erfahrung besteht heute auch in icutschland kaum noch Nachfrage, und nur deshalb |nnten ja die deutschen Juden so schnell aus ihren wirthaftlichen Positionen verdrängt werden. DieseNachhge besteht aber auch in Palästina nicht, Ln Palästina ist kein Land, das auf Grund liberalwirt- Laftlicher Anachronismen aufgebaut werden kann, Ldern es muß auf Grund neuzeitlicher Wirtschafts- Innen aufgebaut werden, und diese sind wahrlich nicht!ehr im freihändlerischen und ungebundenen Wirtschaftleiten Kampf Aller gegen Alle der liberalen Epoche zu!licken. Wenn die mitteleuropäischen Juden das nicht ein- (eben, wenn sie nicht schon vor ihrer Einwanderung in ijlästina zu der Erkenntnis gelangen, daß die Dinge, ihnen in Deutschland wirtschaftlich das Rückgrat Urochen haben, also vor allem ihre ausgesprochen ^chronistisch und ״unmodern״ gewordene Wirtschaftsfassung, auch für Palästina nicht taugen, dann wird i allerdings sehr schwer sein, sie hier einzuordnen. Noch lehr erschwert ward aber die Lösung des Problems da- Isrch, daß ein Teil der Immigranten aus Mitteleuropa Iberhaupt keine Ahnung davon hat, was Palästina eigentlich ist. Man kann hier zwei fxlreme unterscheiden: Die einen sind die ״Romantiker", hier eine Art von Idyll erwarten, duftende Orangen- |ame im Gemenge mit historischen Stätten und exotijjhem Orient. Diese sind im allgemeinen sehr entkuscht darüber, daß man hier nicht im paradiesischem Unschuldstande lebt, sondern schwer arbeiten muß, um fein bescheidenes Auskommen zu finden. Dann gibt es Je ״Realisten“, die schwer beleidigt sind, wenn sie nicht schon einige Tage nach ihrer Ankunft einen Genealdirektorposten gefunden haben. Es zeigt sich jedenfalls nmer mehr, daß mit Ausnahme der geschulten Ziofeisten das mitteleuropäische Judentum die ganze Entiirickiung in Palästina während der letzten Jahre einiacli verschlafen hat. Dann soll es aber auch nicht Iso töricht sein, die Schuld an einem etwaigen unan-!genehmen Erwachen der anderen Seite zuzuschieben. Das neue Emwanderungsgesetz Die ״Vossische Zeitung“ veröffentlichte eine Nachricht Ins Palästina über angebliche Verschärfung der Ein- [wanderungsbestimmungen. Diese Nachricht beruht j'iüf einem Irrtum. Das palästinensische Amtsblatt veröffent- [liebte lediglich den Text einer Einwanderungsverordnung, die Ikstimmt ist, die Einwanderungsordnung vom 1. August 1932 [ffl ersetzen. Die Einwanderungsordnung entspricht aber in- [hltlich im großen ganzen auch den bisher geltenden Behtimmungen und bedeutet keine materielle Aenderung, son- Idern lediglich eine neue Kodifikation. Vom jüdischen [Standpunkt ist daran lediglich zu bedauern, daß die ver- [schiedcntlich vorgebrachten Wünsche einer Verbesserung der [Enwanderungsbestimmungen Im Sinne einer Erleichterung [ der jüdischen Einwanderung nicht berücksichtigt wurden. Neuauflage von ״Alijah" Das Merkblatt ״Alijah“ in wesentlich erweiterter Form Nit einer Karte Palästinas und mit vielen Aufsätzen [über Einwanderungsgesetze, Zoll- und Steuerfragen, Lebens- | Verhältnisse, landwirtschaftliche Bedingungen usw. in Palästina ist dieser Tage erschienen. Jeder, der sich mit der Absicht trägt, nach Palästina auszuwandern, muß zweckmäfligerwcise dieses Heft erwerben. Auch denjenigen, die bereits im Besitz der vorigen Ausgaben, insbesondere der ersten Ausgabe vom Mai, sind, wird anempfohlen, die neue 24seitige Ausgabe 111 erwerben. Das Merkblatt ״Alijah“ kostet 0,73 RM. und wird nur gegen Voreinsendung dieses Betrages zuzüglich I ®JO RM. Porto übersandt. ״C h i n u c h“, das Merkblatt über die Lehrstätte-n in Palästina, d. h. über Universität, Seminare und Schulen Pa-!ästinas erschien dieser Tage ebenfalls in neuer erweiterter Auflage. Das Merkblatt kostet 0,50 RM. und wird nur |cge!! Voreinsendung dieses Betrages zuzüglich 0,10 RM. Porto übersandt. Eine Siedlung für deutsche Juden In Palästina. Die Pflan- *ungsgesellschaft J a c h ו n“ m. b. H. hat von dem Jüdischen Nationalfonds in Wadi Chawarit bei Chederah einen großen Bodenkomplex bekommen, um 50 jüdische Familien aus Deutschland anzusiedeln. Die Siedlung wird auf Grund einer gemischten Wirtschaft und auf Selbstarbeit des Siedlers aufge- ״aut. Die finanziellen Bedingungen der Ansiedlung sind sehr günstig. Da die Zahl der Siedler beschränkt ist, wird den Interessenten empfohlen, sich sofort mit der landwirtschaftliehen Abteilung der Palästina-Beratung in Verbindung zu setzen. Mündliche Anfragen in der Palästina-Beratung (Meinekestr, 10) täglich außer Sonnabend und Sonntag von 9—1 Uhr. Wie aus London mitgeteilt wird, wurde dort eine neue Gesellschaft unter dem Namen ־,E m i c a - A ss 0 ci a t i o n“ gegründet, die den Zweck hat, bei der Auswanderung bedürf- ,iger Juden nach Palästina und bei ihrer Ansiedlung daselbst mitzuwirken. Direktoren der neuen Gesellschaft sind: Sir J-tonard Cohen, Präsident der Jewish Colonisation Association (La), Felix M. Warburg (New York), O. E. d’Avigdor Goldsmid (London), Simon Marks (London), Julius Simon (New York), Bernard Flcxner (New York), Dr. Julius Blau (Frankfurt) und Dr. Alfred Klee (Berlin). Wie aus Palästina gemeldet wird, haben viele ägyp« ‘(sehe Juden, die sonst ihre Sommerferien in. Pa* ׳üstina zuzubringen pflegen, sich diesmal nach dem Libanon Gegeben, weil der britische Konsul in Aegypten Schwierig- «eiten bei der Erteilung des Toifristen Visums machte. Der französische Konsul gewährt alle Erleichterungen für den besuch des Libanon. ״Wirtschaflsdieiui Deutschland-Palästina" Wir erhalten folgende Mitteilung: Dr. Asche r, der langjährige Leiter des Palästina-Amts Berlin, hat unter der Bezeichnung ״Wirtschaftsdienst Deutschland—Pafästina G. m.b. H.“ ein Büro geschaffen, das einem seit langem bestehenden Mangel abzuhelfen sucht. Der ״Wirtschaffsdienst Deutschland—Palästina“ arbeitet auf kaufmännischer Grundlage. Er ist keine Stelle, die allgemein Auskünfte erteilt oder eine allgemeine Palästina- Beratung durchführt, wie sie selbstverständlich wie bisher ausschließlich vom Palästina-Amt mit seinen Abteilungen (Zertifikat, Handwerker, landwirtschaftliche Kolonisation, Wirtschaftsstelle usw.) ausgeübt wird. In den Fällen jedoch, wo die Beratung der Auswanderer bereits zu etwas fester umrissenen Plänen gediehen ist, beispielsweise Boden gekauft, Verträge mit Pflanzungsgesellschaften gemacht werden sollen, Teilhaber für ausgearbeitete imd geprüfte Objekte gesucht werden, da beginnt die Tätigkeit des ״W. D. P.״. Der ״Wirtschaftsdienst Deutschland—Palästina“ steht daher auch mit einer Reihe palästinensischer Gesellschaften und Unternehmungen in ständiger enger Verbindung und wird, unter Ausschaltung zu unsicherer oder auch noch nicht genügend durchgearbeitetcr Pläne sehr bald in der Lage sein, eine Reihe ganz konkreter Ansiedlungs- und Investitionsmöglichkeiten aufzuzeigen und zu vermitteln. Im Arbeitsplan des Wirtschaftsdienst Deutschland—Palästina liegt es, die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Palästina im allgemeinen zu fördern und gerade im Zusammenhang mit der starken Auswanderung deutscher Juden auch den Export deutscher Waren nach Palästina zu pflegen, andererseits aber auch alles zu tun, um palästinensischer! Produkten in Deutschland einen Markt zu sichern. Deshalb hat der Wirtschaftsdienst Deutschland-Palästina auch die Vertretung der Levante-Messe 1934 in Tel-Awjw für ganz Deutschland übernommen. Der Wirtschaffsdienst Deutschland—Palästina wird über die Fortschritte seiner Arbeit und über wichtige neue Siedlungsgelegenheit regelmäßig berichten. Der Wirtschaftsdienst Deutschland—Palästina unterhält *eine besondere Abteilung ״Reisedienst" im Zusammenarbeiten mit dem Palestine & Orient Lloyd, Vertretung Berlin. Von geschultem Personal werden alle diejenigen, die zunächst nur zum Studium der Verhältnisse oder bereits auch als endgültige Auswanderer nach Palästina zu reisen wünschen, aufs genaueste und sorgfaltigste beraten und bedient. Das Büro befindet sich: Kurfürstendamm 224 (Ecke Meinekestraße), Telephon: Bismarck 3124. Es ist geöffnet: taglieh von 9—6 Uhr, Sonnabends von 9—1 Uhr. (Beste Verbindüngen: Stadtbahnhot Zoo, Untergrundbahn Uhlandstraße). Die Palästina-Wirisdiaftsstelle teilt uns mit: f. Neugründungen in Palästina: 1. Elektrische Kühlschränke. Es wurden zwei Werkstätten zur Fabrikation elektrischer Kühlschränke gegründet. 2. Eisenbetonröhren. Die Fabrik ״Vianini“, die Eisenbetonröhren für die Bewässerung produziert, wurde an zwei Arbeiter-Kooperativen verkauft und wird von diesen weitergeführt werden. Die Fabrik stellt spezielle Eisenbetonröhren her für Stellen, wo der Druck so hoch ist, daß gewohnliche Zementröhren nicht ausreichen. 3. S t r ic k wa r en -1 ndust r i e. In den letzten Monaten sind einige weitere Unternehmungen in dieser Branche ge- Gründet worden; es bestehen somit in Palästina 15 solcher etriebe, so daß die Möglichkeiten für diese Branche für eine lange Zeit erschöpft zu sein scheinen. 4. Schokolade. Es wurde eine neue Fabrik zur Her- Stellung von Schokolade gegründet. II. Möglichkeiten für neue Unternehmungen: Spielzeugfabrik (Nürnberger Waren). * III. Baubewegung. Tel-Awiw. Im Monat Juni wurden Bewilligungen für den Bau von 30 220 qm gewährt: für 201 Haus-Aufstockungen und -Reparaturen mit 874 Zimmern und 43 Ladenräumen. Die Bewegung scheint nicht nachzulassen, da gleichzeitig im Juni Eingaben für weitere 50 000 qm, d. h. 1474 Zimmer und 39 Ladenräume eingereicht wurden. Haifa. Während die Zahlen für Tel-Awiw autoritativ veröffentlicht werden, ist man in Haifa auf Schätzungen angewiesen. Sachkundige schätzen die Baubewegung in Haifa auf 6000 qm per Monat. Es liegen aber einige Pläne vor, die eine Steigerung der Bauhewegung zur Folge haben werden, u. a. der Bau von 100 weiteren Arbeiterhäusern im Arbeiterviertel Kirjath Hachajim in Haifa-Bay. Jerusalem. Die Baubewegung ist hier abgeflaut. Jerosalem ist die einzige Stadt, in der der Mietzins gefallen ist. Gleichzeitig wird der Bau durch Wassermangel erschwert. IV. Austausch von palästinensischen und deutschen Liegenschaften: Seitens verschiedener Deutscher, •die seit langem in Palästina ansässig sind, besteht Interesse für den Austausch palästinensischer gegen deutsche Liegenschaften, und zwar sowohl ländlicher Grundbesitz in ganz Deutschland wie städtischer Grundbesitz in Hamburg. Nur schriftliche Anfragen sind zu richten an die P a 1 äs t in a-Wi rtsch a f t s st e 11 e, Berlin W 15, Meinekestr. 10. _ Palästina-Reisen. Der Palestine & Orient Lloyd teilt mit: Nächste Abfahrten nach Palästina: 16. Aug. Martha Washington von Triest; 23. Aug, Italia von Triest; 25. Aug. Providence von Marseille; J0. Aug. Marechal Joffre von Marseille (auch Gesellschaftsreise); 30. Aug. Martha Washington von Triest; 8. Septbr. Champoilion von Marseille; 9. Septbr. Roma von Genua (auch Gesellschaftsreise). — Das neue Motorschiff ״Marechal Joffre“ wird bei seiner ersten Reise am 30. August ab Marseille direkt nach Jaffa abgehen, so daß die Reise von Marsaille nach Jaffa in 4‘/2 Tagen zurückgelegt wird. Nähere Auskünfte und Buchungen durch Palestine & Orient Lloyd, Vertretung Berlin N 24, Friedrichstr. 121 (Oranienburger Tor), Tel. Norden D 1 2435/2456, Wie aus London gemeldet wird, hat der Rat der Vereinigten Synagogen Londons einen Betrag von 10 000 Pfund für eine Druck- und V e r 1 a gs ges el 1 s c h a f t in Palästina gestiftet, die den Zweck hat, jüdischen geisti־ gen Arbeitern aus Deutschland durch Schaffung von Arbeitsmöglichkeiten zu helfen. Es soll im ganzen ein Fonds von 100 OOO Pfund aufgebracht werden und die 10 000 Pfund sind mir unter der Bedingung bewilligt, daß ■auch das übrige Kapital zusammenkommt. Der Plan steht unter der Führung von Frau Schoschanah Persitz, der Leiterin des Omanuth-Verlags in Palästina. Frau Persitz hat bereits seit langer Zeit mit maßgebenden jüdischen Kreisen auch in Deutschland Fühlung genommen. [Neüy Mochenson] Der Name Nelly Mochenson ist nur wenig bekannt unter deutschen Juden. In Palästina und Amerika hatte er einen großen und edlen Klang. Nelly Strauß-Mochenson stammte aus Amerika, hatte in der Schweiz studiert. Vom Judentum hatte sie in ihrer Jugend keinen Begriff. In der Schweiz kam sie mit russischen Studenten zusammen, hörte vom Zionismus. Sic kam nach Amerika zurück, studierte sich ins Judentum und Palästina hinein. Sofort nach dem Kriege ging Nelly mit dem ersten Schiff, das aus Amerika hier ankam, nach Palästina. Sie sollte die Ansicdlung der amerikanischen jüdisehen Legionäre in Balfouria durchführen. Die Aufgabe war schwer, besonders für jemand, der ganz neu ins Land kam, aus einem völlig anderen Kreis stammte als die meisten Pioniere jener Zeit. Die sehr zarte kränkliche Frau packte sie mit der ihr eigenen Energie an, ließ sich nicht mit Halbheiten abspeisen, entfaltete Unerschrockenheit, Initiative, hatte immer neue Ideen. In den 13 Jahren, die Nelly in Palästina lebte, hat sie mancherlei Funktionen erfüllt. Unter anderem war sie Sekretärin der medizinischen Organisation ״Hadassah“. Immer wieder zwang sie die Krankheit, sich von jeder öffentlichen Arbeit zurückzuziehen und immer wieder ließ sie ihr Interesse, ihre leidenschaftliche Anteilnahme an den Problemen des Landes, ihr Arbeitswille nicht ruhen. Nach den Unruhen von 1929 übernahm sie zusammen mit Mosche Tschertok, dem jetzigen Sekretär im politischen Departement der Agency, die Redaktion der englischen Ausgabe des ״Dawar“. Ich habe seiten jemanden gefunden, der wie Nelly Palästina kannte und verstand. Sie stand keineswegs positiv zu allem, was hier geschah. Ihre Kritik drang sehr tief, sie rührte an die Wurzel aller Schwierigkeiten. Vor allem schlug sie sich mit zwei Dingen hemm: mit der Araberfrage und allem, was mit Erziehung zusammenhing. Und sie verstand auch wie kaum ein zweiter, daß diese Fragen, die Regelung der jüdisch-arabischen Beziehungen und die Erziehung der Kinder, die Schaffung neuer Formen im Judentum, im Kern miteinander zusammenhingen. Aber Nelly war keineswegs nur Politikerin. Das war nicht nur ein klarer Kopf, ein freier weiter Geist ohne Engherzigkeit und voll Toleranz, sondern eine volle strömende Persönlichkeit. Nelly war von Kind auf krank, sie war immer behindert, Monate hindurch ans Bett gefesselt, von Schmerzen geplagt, im Grunde nie frei zu tun, was sie wollte, viele Jahre unter einer Todesdrqhung. Dabei kämpfte sie diesen Kampf, ohne zu verzweifeln, *sie brachte es fertig, zu arbeiten, sie behielt ihren Humor (und was für ein funkelnder sprühender Humor es war!), sie kümmerte sich immer wieder um andere, wenig um sich. Ihre Persönlichkeit, ihr sauberer Charakter zog Menschen an. Daß es solche Menschen gab wie Nelly, völlig verläßliche Freunde und Kampfgenossen — das war eine der stärksten Stützen. In der letzten Zeit ihres Lehens beschäftigte sie unaufhörlich das Schicksal der deutschen Juden, sie beobachtete die Begegnung gegensätzliciier und doch im tiefsten ver* wandter Judentypen mit der ihr eigenen Lebendigkeit. Halb im Spiel ging sie an eine Aufzeichnung ihrer Eindrücke. Eine dieser Skizzen, aus dem Englischen übersetzt, möge hier, zum Andenken der Verstorbenen, Raum finden. Tel-Awiw. Gerda Luft. Man macht Bekanntschaft Von Nelly Mochenson. So unwahrscheinlich es auch klingt — Martha aus Hamburg war dunkel und sah semitisch aus und Mirjam aus Tel-Awiw war hellblond mit einer unbekümmerten, von Sommersprossen getupften Stumpfnase. Marth? sollte von jetzt an auch Mirjam heißen und sie empfand die Wandlung etwas peinlich. Es war wie der Verlust ihrer Vor-der-Reise• Identität. Tante Ilse hatte sie von der weinenden Mutter und dem Vater fortgeholt, sie war in nicht endenwollenden Eisenbahnfalirten durch Europa gejagt worden (und sic hatte doch immer gedacht, sie liehe das Reisen!), dann an einen unsauberen Dampfer gebunden (der war so ganz anders als die Boote vq!1 Norderney!) und nun war sie mitten in eine fremde Welt gestellt, in der sogar Tante Ilse eine unvertraute Gestalt anzunehmen schien — eine weiß und blaue glitzernde Welt, nicht die gewohnt-geliebte grau-grüne von Zu-Hause. Mirjam, die nebenan wohnte, war auch acht Jahre alt und wie Martha sich etwas knurrend eingestand, ein guter Kerl, obwohl sie sie patronisierte (sie bemutterte, wie Mirjairt behauptet hatte). Mirjam klingelte am Sonntag früh, musterte sie mit Wohlwollen, öffnete ihre Schulmappe und ließ flüchtig zwei in Papier gepackte Bonbons und ein Stück Schokolade sehen. Dabei deutete sie mit einer Kopfbevegung warnend auf ihre geöffnete Wohnungstür, was in der Sprache der größten unterdrückten Minderheit der Welt hieß: ״Sag nichts der Mama!“ Hand in Hand gingen sie die Jarkonstraßc entlang. Himmel und Meer funkelten in der Frühlingssonne. ״Jam“, sagte Miriam, auf das Wasser deutend. ״Jam“, wiederholte gelehrig Martha-Mirjam. ״Seh Hajam", versuchte Mirjam weiter. ״Ich seh Jam“, meinte Martha-Mirjam halb zweifelnd. ״Lo, Lo“, protestierte Mirjam heftig. ״Sch Hajam“. Sie zerbrach sich den Kopf. Wie hieß es nur im Jiddischen? (War schließlich deutsch nicht ein jiddischer Dialekt?) ״Doss is Jam — seh Hajam.“ ״Ach so! Seh Hajam.“ Martha-Mirjam verstand. ״Chawerah“, fuhr Mirjam fort und stieß sie dabei heftig in die Seite. Martha überlegte. Bedeutete Chawerah Mädel oder Herz oder vielleicht Bauchweh? Mirjam griff auf ihre deutschen Kenntnisse zurück. ,Jch dein Chawerah. du mein Chawerah!“ Als praktische fllusirierung holte sie die Bonbons aus der Mappe und gab einen der Martha. Sie schlenderten lutschend weiter und kamen an einem halbfertigen Hause vorbei. Dort war ein heftiger Streit im Gange. Vier oder fünf junge_ Arbeiter standen einem heftig gestikulierenden Mann mit einem Bart gegenüber. Der stand in der Tür eines Schuppens und der Sprecher der Atbeiter schwang peine Arme wie die Flügel einer Windmühle. Die Szene schien irgendwie bekannt. ״Ach, Arbeitslose“, meinte Martha. Mirjam schüttelte den Kopf. ״Schwita!“ ״Schwita?“ Wie macht man ihr das klar? Mirjam stellte ihre Mappe auf dem Pflaster ab. Sie hob einen Ziegelstein auf, der gerade auf der Straße bereitlag, machte die Bewegungen eines Maurers. Dann plötzlich warf sie den Ziegel weg, nahm eine streitlustige Haltung an und rief, während sie mit ihrem rechten Zeigefinger auf die linke Handfläche klopfte: ״Kessef, Kessef!“ Atartha versuchte alles, um ihre Verwirrung zu verber* gen, um so mehr, als Mirjam, am Ort des Streites angelangt, endlich die alles erklärende Formel gefunden zu haben meinte und aus vollem Halse rief: ״Kadimah Hapoel!" Martha rief es auch, so gut sie konnte, um es sich nicht zuvortun zu lassen, aber ein bißchen Angst hatte sie doch. Es war aber kein Grund dazu, denn die Streitenden wandten sich nach ihnen um und lächelten. Ja, Mirjam, die kannte die Weltl

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