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Jüdische Rundschau · 1933-08-04 · Heft 62 (4.8.1933) · p. Seite 395

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 62 (4.8.1933)
Date
1933-08-04
Page
Seite 395 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 62. 4 Vffl. 1933 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 393 Stimmen des Blutes purch die letzten Ereignisse sind viele faden sich der Blutzusammenhänge bewußt geworden. Das Wisssen um die Bedeutung des Blutes ist Iber nicht erst fetzt erwacht. Bereits zu Beginn dieses Jahrhunderts hat die jüdische Renaissancebewegung ihren Niederschlag in einer Reihe von Richtungen gefunden, die zeigen, wie jüdische Menschen die Macht des Blutes erlebt haben. Die Erinnerung an die Zugehörigkeit zur eigenen Gemeinschaft verpflichtet. Sie fordert Einstehen für diese Gemeinschaft und Verantwortung für sie. Zugleich ist es unsere feste Ueberleugung, daß durch ein Wiederfinden der jüdischen Zusammenhänge und durch eine Besinnung auf die Macht des Blutes wir gegenüber Menschen \nderen Blutes nicht ablehnend oder unduldsam werden, sondern im Gegenteil mit größerem Verständnis und größerer innerer Freiheit auch \nderen Menschen begegnen und ihr Wesen zu würdigen vermögen. Blutbesinnung darf Juden nicht zu Chauvinismus führen, sondern zu ruhiger gelbst sicher heit, die die Voraussetzung einer liebevollen Erfassung auch des Andersartigen ist Wir geben heute einige Stücke wieder, die vor \t1va drei Jahrzehnten entstanden sind. Zugleich beginnen wir eine Serie von Berichten über die neuere Literatur des nationalbewußten Deutsch- 'and, in der uns ein neues Weltgefühl anspricht. Wir beschränken uns nicht auf Bücher ״jüdischen“ Inhalts; wir wollen, im Vollbewußtsein inseres Jüdischseins, die Augen öffnen für das geistige Leben der Menschen, mit denen wir Zusammenleben. Besinnung in der Abendstunde Von Richard Beer-Hofraann. Wir bringen nachstehend aas Richard Beer -Hofmanns ״Der Tod Georgs", dem Roman eines nur sich und seinem Innenleben gewidmeten Einzelnen, der hinaufwächst zum Denken und zum Gefühl für seine Blutgcmeinschafl, einen charakteristischen Abschnitt, den uns der Dichter unter Hinweis auf seine ״Aktualität“ zur Verfiigung stellt. Das Buch ist im Jahre 1900 zum ersten Male erschienen (1928 eine Neuausgabe im Verlag S. Fischer, Berlin). Aber so sehr über das Leben seiner Tage und Nächte erhöht, wie Musik über einsame Töne, war ein drittes Leben — Jas seiner Ahnungen; schwerlos über den beiden Leben schw'ebend, und doch wieder in sie eingesprengt wie edles Erz in schlichtes Gestein; in Träumen manchmal nahend, und stark genug aus Alltäglichem zu reden; wie tremde Hände von!u.fien an ihn rührend, und in ihm pochend wie sein eigenes Blut. Und dies gab ihm diese Abendstunde: Nicht wie ein einsanier Ton, ins Leere, verhallte sein Leben. Verschlungen in rin großes, von Urbeginn gemessenes feierliches Kreisen, trieb, sein Leben, mitdurchtönt von ewigen Gesetzen, die durch Alles klangen. Kein Unrecht konnte ihm geschehen, Leiden ivaren kein Verstoßensein, und der Tod schied ihn nicht von Allem. Denn, vermählt mit Allem, Allem notwendig und Allem unentbehrlich, war jede Tat vielleicht ein Amt, Leiden vielleicht Würden, und der Tod eine Sendung vielleicht. Und der dies ahnte, vermochte, ein Gerechter, durchs Leben zu schreiten; nicht sich betrachtend, sein Blick ins Weite gerichtet, als Greis noch helläugig, zum Staunen bereit, wie ein Kind. Wie Heiliges waren Leib und Seele ihm behütet; seine Füße sicher, nicht benetzt von Blut und Schmutz; wenn er hindurchschritt, stand es wie eine Mauer tu seiner Rechten und Linken. Angst war ihm fremd; denn [voran er schlug — an Verschlosseneres als Felsen — Recht brach für ihn daraus hervor wie sprudelndes Wasser, und percchtigkeit wie ein nicht versiegender Bach. Langsam schritt Paul zwischen schwarzen dürren Hecken pen Weg zurück, den er hierher gegangen war. Er war müde; seine Kehle war trocken und heiß, als hätte er lange geredet; kber ausgeruht und kühl fühlt er seine Schläfen und Augen- Mer, über die der Abendwind strich. Vor ihm her trieb der Find abgefallene buntgefleckte Blätter und wehte sie an pie Sockel der steinernen Götterbilder am Weg. Zu Haufen beschichtet lag dort das Laub, wie das fahle blutiggetigerte feil eines geopferten Tieres. Paul sah hin; irgend einmal im Herbst hatte der Anblick solchen Laubes stark an ihn gerührt; sein Empfinden bekahrte noch die Erinnerung, aber seine Gedanken wußten nichts mehr davon. Irgend etwas hatte es damals ihm bepeutet, Etwas, wie eine Antwort auf Vieles, Oftgefragtes, achtlos konnte er jetzt daran vorbei; aber einmal hatte darpus irgendein Erkennen, unverhüllt, mit nichtlügenden Augen puf ihn gesehen. Gedanken waren damals in ihm aufgewacht pnd, jubelnd über ihre eigene Kraft, unaufhaltsam emporbestiegen — irgend wohin, wohin er nicht wieder den Weg Und. Was damals in ihm gewesen war, schien ihm so unfviederbringlich verloren, als hätte eine Ucbcrmacht es aus Einem Innern gerissen und, für immer unerreichbar, über pie Erde hinaus, in den Weifenraum geworfen. Etwas, was einmal sein gewesen, hatte so verloren gehen können, daß er auch nicht mehr wußte, was er verloren? p'as ihn einmal so sehr erschüttert hatte, von jeher und für Immer unverlierbar, hätte es doch in ihm ruhen müssen. Was pr noch sicher, wenn sein eigenes tiefes Empfinden ihn p verraten hatte? Konnte dann nicht auch für Alles, was f,r jetzt — in dieser Abendstunde — als seinen einzig wirkliehen inneren Besitz fühlte, eine andere Stunde kommen, in Nr es wertlos hinter ihm ins Leere versunken war? So gelöst r°n ihm, daß auch nicht mehr die Erinnerung daran überlebte. I , Oder hatte das, was er damals empfunden hatte, in Wahr- Nit gar nicht ihm gehört? War es vielleicht aus Vielem, das Ihn fremd umgab, an ihn nur herangeweht worden? Und Nr, weil er leer war, hatte-es in ihm keimen und vergänglich Nh entfalten können? I Aber woran wollte er erkennen, daß das Schicksal früherer Nunden nicht auch dieser Abendstunde bereitet war? Das Erkennen, das sie ihm gegeben, hatte er ״Gerechtigkeit׳‘ genannt und wie ein schützendes Schild und Wappen über Nnem Leben aufgerichtet. Aber wußte er denn, ob nicht auch P'es aus Vielem, das ihn fremd umgab, nur herangeweht an |nn war? Aus dem Erinnern an einen Traum, aus dem Schatten fremder Frauen, der über ein dunkles totes Wasser fiel, aus rolken und dem Abend und dem Wind? Welches Zeichen pr ihm denn gegeben, daß dies nicht vergänglich in ihm pr, daß es ihn nicht verlassen konnte, daß er sich dessen pher fühlen durfte, daß es — wie das Blut in seinen Adern — Immer ihm, und nur ihm gehörte? L Manches — er wußte es — konnte anders werden; die pge seines früheren Lebens, die er jetzt verächtlich, haß- Erfüllt verwarf, konnte ein späteres Erinnern milde wieder pporheben, und — um ihrer Schönheit willen ihnen verleihend — gerührt und lächelnd, sie ״Jugend“ nennen. [ Aber, was diese Abendstunde ihm gegeben, blieb; immer ״ ihm und nur in ihm; dem Blut in seinen Adern nicht bloß Nrglcichbar — sein Blut selbst, das zu ihm geredet hatte; Nd darauf zu horchen, hatte diese Stunde gelehrt. I Denn über dem Leben derer, deren Blut in ihm floß, war Percchtigkeit wie eine Sonne gestanden, deren Strahlen sie E'cht wärmten, deren Licht ihnen nie geleuchtet, und vor Nren blendendem Glanz sic dennoch mit zitternden Händen, Ehrfürchtig ihre leidenerfüllte Stirne beschatteten. I Vorfahren, die irrend, den Staub aller Heerstraßen in paar und Bart, zerfetzt, bespiea mit aller Schmach, wanderten; Alle gegen sie, von den Niedrigsten noch verworfen — aber nie sich selbst verwerfend; nicht, in bettelhaftem Sinn, ihren Gott ehrend nach detn Maß seiner Gaben; in Leiden nicht zum barmherzigen Gott — zu Gott dem Gerechten rufend. Und vor ihnen Viele, deren Stern ein großes Fest, Anderen bereitet, war. Rings um sie Feierkleider, das Leuchten edler Steine, flatternde Fahnen und Prunk und der Hall von Glocken und der Gesang vesperlicher Hymnen, und auf Allem ein _ Widerschein von sinkender Sonne, und Flammen, die königliche Hände entfacht — sie selbst an Pfähle geschnürt, das Feuer erwartend, schuldlos Sünden sich erdichtend und ihre Qualen ״Strafe“ nennend, nur daß ihr Gott ein Unbczweifelter, Gerechter, bleibe. Und hinter ihnen Allen ein Volk, um Gnaden nicht bettelnd, im Kampf den Segen seines Gottes sich erringend; durch Meere wandernd, von Wüsten nicht aufgehalten, und immer vom Fühlen des gerechten Gottes so durchströmt, wie vom Blut in ihren Adern: ihr Siegen — Gottes Sieg, ihr Unterliegen — Gottes Gericht, sie selbst sich bestimmend von seiner Macht zu zeugen, ein Volk von Erlösern, zu Dornen gesalbt und auserwählt zu Leiden. Und langsam ihren Gott von Opfern und Räucherungen lösend, hoben sie ihn hoch über ihre Häupter, bis er, kein Kampfesgott von Hirten mehr — ein Wahrer allen Rechtes — über vergänglichen Sonnen und Weiten, unsichtbar, Allem leuchtend, stand. Und von ihrem Blute war auch er. Menschen des Bodens jf. — Ernst Wiechert hat in seinem Roman ״Die Magd des Jürgen Doskocil“ (Albert Langen-Verlag, München), das dumpfe Leben armer, einfacher, erdnaher Menschen geschildert. Der Held, Jürgen Doskocil (er trägt einen slawischen Namen und die Erzählung spielt wohl an einem der Ströme Ostdeutschlands), ist Fährmann und Bauer. Zeit und Landschaft der Handlung sind im Halbdunkel gelassen, es sind deutsche Menschen des 19. Jahrhunderts. Jürgen ist ein Idealbild des deutschen Menschen, rein und edel, schlicht und schwer, stark und getreu. Sein armes und geplagtes Leben ist Dienst, Dienst an der Fähre, zu dem ihn oft in stürmischer und dunkler Nacht die hallenden Schläge an eine verrostete Pflugschar rufen, die am anderen Flußufer aufgerichtet ist, Dienst an der kargen Erde, die seine Mühe segnet. Mit Strom und Erde fühlt er sich aufs innigste verbunden, er versteht ihre Sprache und nimmt an ihrem Leben teil, beinahe sieht es aus, als wäre er selbst Teil dieses Stromes und Teil dieser Erde. Fremd ist ihm die Stadt, ihre Klugheit und Gewandtheit. Aus den geheimnisvollen Strömen des Wassers, aus den Mysterien der Erde, die Leben aus sich liervorkeimen läßt und wie ein dunkler Schoß es wieder in sich aufnimmt, wachsen ihm eine traumhafte Sicherheit und Kraft zu. Insoweit ist er der Bauer schlechthin, der ldealisierte Bauer jeder Erde, der ■russischen wie der chinesischen, «in Typus, wie ihn auch A. D. Gordon als jüdischen Bauern in Palästina in kosmischer Verbundenheit erträumt hat. Aber das Schöne an Wiecherts Roman ist, daß er nicht übertreibt, er sagt nicht: Seht, so ist der Bauer im Gegensatz zum modernen, zerrissenen Menschen, zum Geschöpf des erdfernen Asphaltpflasters. Im Roman ist Jürgen nicht der Typus des Bauern, sondern die Ausnahme. Um ihn herum, um seine Einsamkeit herum, leben in Dörfern andere Bauern, dumpf und eng wie er, aber ohne seine Sicherheit, Güte und Kraft. Der Jammer des Bauerndaseins spricht ungescinvächt aus ihnen. In ihrer Dumpfheit, in der Armut und Monotonie ihres Lebens erliegen sie auch dein Verführer, der sie in ferne Paradiese des Reichtums, des Glanzes, der Sinneslust führen will. Er selbst kommt aus der Ferne, ein Abgesandter der amerikanischen Mormonen, und er vertritt in dem Roman Jürgen gegenüber das böse Prinzip. Nach der Art alter Ge* mälde ist hier mit starken einfachen Farben gemalt, die Gegensätze stehen schroff nebeneinander. Zwischen ihnen aber steht die Frau, in ihrem Innern der bösen wie der gutem Macht untertan, durch Glaube und Aberglaube an beide gekettet, bis sie durch die Tötung des Bösen sich selbst befreit. Sie ist komplizierter als Jürgen, das Fremde und die IJn- Sicherheit sind in sie bereits eingedrungen, aber durch Jiirgen und aus seiner Erde gewinnt sie die Kraft, den Kampf zu bestehen. Fromme Christenmenschen sind sie, von einer einfachen Frömmigkeit, voll Trost und Magie, aber das Christentum ist hier erd- und volksnah geworden, ist wie Jürgen mit Landschaft und Tageslicht verwachsen und mengt sieh mit altem heidnischen Aberglauben, mit den Dämonen der Erde und des Stromes, mit ihrer segnenden Kraft und ihrem unheilvollen Fluch. Und diese Dämonen lassen die Menschen ihre Macht fühlen: Hochwasser und Hungersnot kommen über das Land, Dürre und Brand bringen die Mensehen zur Verzweiflung. Da weckt Jürgen aus seiner stillen Gelassenheit die Kraft des Guten in den Menschen, Jürgen, der selbst unter den Bauern als der Dumpfe und Dumbe gilt. In einer Szene führt er einen Zug der Kinder in die Stadt und seine schlichte, menschliche Art findet auch in der Stadt, ja mehr in der Stadt als in den Dörfern, menschliche Antwort. Vielleicht sind die Gestalten der Beamten zu mensch* lieh gezeichnet, aber die Kraft, die von Jürgen ausgeht, hat auch sie berührt und verwandelt. Das ist der Inhalt des Bu-ches. Es ist ein deutsches Buch und ein nationales Buch. Vom ״Blut“ ist in dem Roman kaum die Rede, seine Menschen sind deutsch, sind es aber in Natürlichkeit, ohne Betonung und Problematik, wie der ganze Roman Kunstwerk ist und sich fern jeder Politik und jeder Polemik hält. Nirgendwo wird die Grenze des Künstlerischen überschritten, nirgendwo ist Propaganda. Dennoch .wirkt das Buch ntebt nur als eine Schilderung schlichten Bauerntums. Es ist kein Roman des Bauernlebens in einem bestimmten Volke und Milieu wie W. S. Revmonts ,Die Polnischen Bauern" oder Pearl S. Bucks ,,Die Gute Erde“. Das Werk übersteigt in einem gewissen Sinne nationale Grenzen, diese aus nationalem Geiste entstandene Literatur stellt wie jede große Kunst übernationale allmenschliehe Dinge dar. Gerade darum wirbt cs in verhaltener Glut für den Boden, für Erdverbundenheit und Erdmagie. Es ist ein Buch des Volkes und vielleicht ungeachtet großen Könnens an manchen Stellen sentimental, es ist ein nationales Buch und dabei ein Buch des einzelnen guten Menschen. Zu zwei Gedichten Die nachfolgenden Bemerkungen nebst den beiden sieh anschließenden Gedichten sind im Juni 1012 in einer inlernen Zeitschrift ״Zionistische Briefe“, herausgegeben vom Verein jüdischer Hochschüler Bar Kochba in Prag, erschienen. An diese grünen Hefte werden sich wohl nur wenige noch erinnern. Wir glauben aber, daß für die Gefühle, aus denen heraus damals ein Studentenkreis diese Publikation vornahm, heute in weiten jüdischen Schichten Verständnis vorhanden sein wird. Die Veröffentlichung führte damals den Titel ״Stimmen des Blutes“. Der moderne Jude, dem das Judentum nicht so selbstvcrstündlich gegeben ist wie etwa einem Deutschen sein Deutschtum, erkennt sein Judentum, das äußere Merkmale fast nicht hat, durch ein inneres Erlebnis, das ihn in dunkler, fast mystischer Weise die besondere Sprache seines Blutes verstehen lehrt. Bei den schaffenden Juden können wir das Bedürfnis wahrnelimen, sich mit dieser dunkeln Macht, die für alles Dichten und Schaffen wesentlich und ausschlaggebend ist, auseinanderzusetzen. Wir geben im folgenden zwei Gedichte wieder, die uns das Erlebnis jüdischer Dichter offenbaren, die die Art und den Rhythmus des in ihren Adern rollenden Blutes als verbindendes Merkmal zwischen Menschen der Gegenwart, der Vergangenheit, der Zukunft empfinden. Mit zarter Innigkeit bringt dieses Gefühl das wundervolle ״Schlaflied an Mirjam“ von Richard Beer-Hofmann zum Ausdruck, das so bekannt ist, daß wir es nicht wiederzugeben brauchen. Im ״Singenden Blut“ von Stefan Zweig wird ausgesprochen, wie das Blut als das Ewige die wechselnden Gestalten der Mensehen belebt, so das Band vergangener und kommender Zeiten herstellend. Das ״Lied des Blutes“ von Hugo Salus, dem Prager Lyriker, zeigt, wie stark der Dichter den Zusammenhang mit den Brüdern seines Blutes fühlt. Stefan Zweig: Das singende Blut In flutendem Dunkel, halb erwacht Und halb mit träumenden Sinnen Hör ich mein Blut durch die Mitternacht Mit kristallenem Singen rinnen: ״Was!)ist du? Ein verdorrter Schaft, Den ich mit Geist durcliglute. Mich zeugt der Erde tiefste Kraft, Das Dunkel, dem ich mich entrafft, Zu dem ich heimwärts flute. Ein Lebenswille reißt mich los. Durch schwindende Gestalten Ström ich zurück zum Mutterschoß. Mein Weg Ist lang. Dich streift er bloß. Du kannst mich nicht behalten. Der Becher, der dein Leben hält, Ist ganz dem Dunkel zu eigen. Mit jedem Atem, der zittert und wellt, Löst sich ein Tropfen, splittert und fällt Zurück in das ewige Schweigen.“ Das Buch erklingt und die Stimme singt Mich ein in purpurnen Traum Und die schwarze Weile des Schlafes trinkt Sie auf in Dunkel und Raum. Hugo Salus 1 Lied des Blutes Du Bruder im Dunkel, was drängt mich zu dir Und drängt auch dich, ich fühl’ es, zu mir? Du kennst mich nicht und ich kenn’ dich nicht, Doch etwas in unseren Herzen spricht: Der ist dein Bruder! Ihn liebe! Und das kann nicht von gestern und heute sein, Ich würd’ nicht so Sieger und Beute sein! Isf anders als Freundschaft und Liebe und Treu, Wie von Uranfang her und doch wieder neu: Dein Blut und mein Blut sind Brüder! Vor fünftausend Jahren — besinne dich doch! —* Trug mein Ahn’ und deiner ein Sklaven joch! Und vor dreitausend Jahren in Qual und Not, Denkst du’s nicht mehr?, dein Ahne bot Meinem den Labtrunk der Liebe! Bruder, wie dunkel mein Herzblut rauscht! Ich fühl’s, wie dein Ohr seinem Raunen lauscht, Und wir hören beide das gleiche Lied, Wie damals, da Ahn’ bei Ahn’ gekniet: Ein Gott drohte beiden vom Himmel. Und der Sturm verweht, es lischt die Glut Und Leid wird Lust: doch Blut bleibt Blut! Und ein Tropfen in mir und ein Tropfen in dir Wissen: Brüder, Brüder sind wir, Brüder aus einem Dunkel...

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