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Jüdische Rundschau · 1933-08-01 · Heft 61 (1.8.1933) · p. Seite 387

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 61 (1.8.1933)
Date
1933-08-01
Page
Seite 387 (sequence 3)
Language
German
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fr. 61,1. Vm. 1933 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 385 Der Sinn des Geschehens Von Elfride Bergel-Gronemami. Wenn rin Menscfi am hellichten Tage, etwa mitten im Oeder Tauentzäenstraße, eine religiöse Offenbarung zu haben auptet, werden wir ihn ohne Zögern für geistesgestört hal- Was wir deutsche Juden aber in diesen Wochen erleben, wenn wir recht hinhören, in nidhts weniger unglaubhaft ad dennoch ist cs vollste Wirklichkeit. | Man muß es sich einmal klarmachen, was uns, mitten in der aeimnislosen Helle des 20. Jahrhunderts, geschehen ist. Wir, : wir so stolz sind auf unsere Aufklärung, so voller Skepsis, so rchdrungen von unserm gesunden Menschenverstände — wir leben es, daß wir aus dem Dunkel des Weltgeschehens an- ■rufen werden, deutlich und unüberhörbar. Wir glaubten nicht |hr so recht an das ״unentrinnbare Judensdücksal“, es schien fast nur noch unentbehrliches Ingredienz von Predigten und »•gleichen, wir dachten uns diesem Schicksal längst entlauda, auf einmal, hat es uns eingeholt. Mitten im Tages- |1t der Zivilisation geschah das geradezu Absurde: Das metagsische Gesetz unseres Daseins enthüllte und bewies sich wieder. Das Bestehen von Gesetzen erkennt man daran, daß aus liselben Zuständen immer dieselben Folgen entstehen. Das, p uns jetzt geschieht, ist die Wiederholung eines leidvoll Erlebten: Immer wenn wir glauben, ganz und Unterschiedszu unserer Umwelt zu gehören, in völliger Gleichberechti- ^ng an ihrem geistigen und seelischen Schicksal teilnehmen dürfen, wenn wir unser Anderssein fast vergessen haben — Inn reißt es uns zurück in das Abgesondertsein. Es ist uns Icht gewährt, sorglos, unproblematisch, friedvoll zu existie- Immer auf der Höhe der Assimilation an andere, glück- Jhere Völker ereilt uns der Ruf aus dem Dunkel. Unser Dajinsgesetz verlangt unerbittlich, und es ist nicht zu über- Wir dürfen uns nicht in andern verlieren, wir sollen c * ך gesonderte Gemeinschaft, unvermischt und ungetarnt, unser ereJfSen leben. Das ist so deutlich, daß auch der Spötter, auch ►rüf" ׳ Skeptiker von dieser Wahrheit angerührt wird: Wir jhen unter einem besonderen Gesetz. 16ch,! Man sträubt sieh zuerst, in die rationelle Kühle seiner?i-a jsteshaltung diese unheimliche Erkenntnis einzulassen, man n)׳e icht et, sich damit in Abenteuer und Gefahren von unüber- ^5'^baren Folgen zu stürzen — aber es hilft alles nichts: Eine icht ist über uns, die will, daß wir nicht tergehen. Ob wir uns zur Ewigkeit verflucht, ob uns zu ihr begnadet fühlen, das muß jeder für sich scheiden. Aber das Eine tut sich uns allen kund und erüttert uns: Der Wille der Geschichte redet eder zu uns. Wieder wie einst empfangen wir ״in Don- und Blitz und schwerem Gewölk“ den Befehl: Israel zu!. Wie der Forscher, der in die Geheimnisse der Schöpfung dringt, von ihrer tiefen Zweckmäßigkeit ergriffen, den walden Willen in der Natur erkennt, so sehen wir auch in der Zu. itigen Phase unseres Schicksals eine tiefe Zweckmäßigkeit: ' » *dem, was uns zu zerstören droht, liegt schon der Keim zu erer Rettung. Wir wissen es wohl alle, daß die Entwicklung des deuten Judentums ■unaufhaltsam zu seinem Untergang gert und auch das Ostjudentum in dem Maße, in dem es sich deutschen jeweils assimilierte, in den Auflösungsprozeß lgcilieingezogen hätte. Jetzt erkennen wir, daß gerade in diesem yerjrtschreitenden Angieidhen an die Umwelt die Ursachen zum üscliiwachsen des Antisemitismus zu suchen sind und damit also ch des Zurückgeworfenwerdens in unser eigenes Schicksal, ,us unserm irrtum entstand die Notwendigkeit, zu dem uns ri ich. ־ich' übe,# itcrl b!;! tl :stimmten Wege zurückzukehren — wie die Krankheit, die den Körper eitKlringt, selbst die Stoffe hervorruft, die sie ekämpfen sollen. Und wiederum: So ewig gleich auch das jüdische Schicksal so variabel und an die jeweiligen Verhältnisse angepaßt A ind doch die Mittel, deren sich die Geschichte bedient. Im spanischen Mittelalter wurde der Angriff gegen die Region geführt. Sie war das Herz der jüdischen Gemeinschaft, er zentrale Punkt, zu dessen Verteidigung sich alle Kräfte zuammenfanden. Sie anzugreifen hieß, den Lebenskern selbst edrohen — und ohne Zögern standen alle Glieder der Geicinschaft zusammen, um ihn zu verteidigen. Wer von uns bezweifelt es, daß heute ein Kampf, der sich egen unsere Religion richtete, mit größter Wahrscheinlicheit zu unserm Untergang geführt hätte? Wieviele von uns, eien wir ehrlich, wären fest geblieben, hätten nicht die Not, £' üe Existenzbedrohung zum Vorwand genommen, um sich von aü lem leidvollen Schicksal des Judeseins zu trennen? Es hätte iele Tausende von Marannen gegeben, die, anders als die panischen, ohne Vorbehalt ins andere Lager übergegangen i <®׳ären. Darum waren andere Mittel nötig, um das Judentum wiealfPer zu sich zurückzuführen. Weil es so viele zur Desertion berite Menschen gab, wurden wir mit einer eisernen Kette zuanimengeschlossen. Keiner kann fortlaufen. Da der religiöse Haube nicht mehr stark genug war, die Gemeinschaft zusam- »enzuhalten, mußte die gemeinsame Abstammung Zielpunkt les Angriffs und damit unentrinnbare Fessel werden. Und nun — es ist wie ein Wunder — ln dieser Zwangserbundenheit erwachen wieder scheinbar abgestorbene Kräfte u neuem Leben. Auch in schon längst dem Judentum Entfrem- ''*en erheben sich Jüdischer Stolz und jüdisches Selbstgefühl. P >as so oft als peinlich empfundene Wort ״Jude“ gewinnt für eie einen adligen Klang, in dem der Stolz des Auserwählteins zu einem besonderen, tragisch« Schicksal mitschwingt. 11 *as Elementare des geschichtlich« Geschehens, die gleichsam!■mittelbare Berührung mit der Urkraft, die Bestätigung des deileheimnisses unserer Exist«z hat uns zutiefst aufgewühlt. Wir udeiliien uns in all unserm Unglück, trotz der Zerstörung unseres 1K“■ (teriellen Lebens, dennoch begnadet. Uns ist die alte Geheit neu geworden: Daß etwas mit uns gemeint dgen arier mit ־hielf tung nach :mey Be- Dies, daß wir nicht vergessen sind, diese Gewißheit vertieft 1, je mehr wir unserm Schicksal nachsinnen. Wäre uns, was heute ereilt, vor 30, 40 Jahren geschehen, ■wir hätten in der an der Zukunft erzweifein müssen. Und jetzt — wer muß nicht mit Ergriffenheit der Fügung bewußt werden, daß Palästina Wirklichkeit geworden ist? Zweitausend Jahre schwi um den Aufbau des He niemals in all dieser Ze lgt jüdische Sehnsucht um dieses ligen Landes. Zweitausend Jahre, t ist sie anderes gewesen als nur!sucht. Erst in unsem Tagen, w«ige Jahrzehnte, bevor!ende von uns sich eine neue Heimat suchen müssen, wird diese Sehnsucht neu formuliert, wird sie als realpolitische Aufgäbe begriff«, wird ihre Verwirklichung in Angriff graommen. Selbst w«n man ganz nüchtern, ganz kritisch, ganz skeptisch ist — kann man sich der Erkmntnis von der tief« Verflochtraheit dieses Geschehens verschließen? Muß man nicht einen ״Sinn“ In dies« Verkettungen sehen? Das Erkennen eines metaphysisch« Sinns ist vielleicht das wesentlichste Merkmal religiöser Anschauung. Vielleicht wird darum aus dieser Phase unserer Geschichte, in der sich allen deutlich dieser Sinn offenbart, ein neugestärktes religiöses Bewußtsein erwachs«. Vielleicht werden wir wieder uns als würdige Glieder unseres alten religionsbegabten Stammes erweisen, vielleicht wird uns noch einmal des Glück neuer religiöser Schaffenskraft beschieden sein. Und heute erwächst uns aus der Erkenntnis, daß der Sinn unseres Daseins nicht romantische Vorspiegelung ist, sondern sich immer wieder in der Geschichte als existent erweist, der einzige Trost, den es für uns Juden geben kann: In all unserer Verlassenheit sind wir nicht verlassen, im größten Unglück erleben wir die tiefe Wirklichkeit unseres atlen Spruches: ״Siehe, nicht schläft und nicht schlummert der Hüter Israels“. Die Palästinafrage in der C.-V.־ Zeitung Polemik Dr. Maybaum-Dr. Brodnitz. Die letzte ״C. - V. - Z e i t u n g“ veröffentlicht eine intercssante Kontroverse über ״Deutsches Judentum und P a 1 ä s t i n a w a n d e r u n g“. Der Gedankenaustausch wird eingeleitet durch einen Artikel von Rabbiner Dr. Ignatz May bäum. Der Verfasser, auch* unseren Lesern bekannt, vertritt seine spezifisch theologische Auffassung des Juden- Problems, die ihn dazu veranlaßt, gerade in den jetzigen Palästinawanderern, die nicht von einer Ideologie, sondern von einem Schicksal getrieben Palästina aufsuchen, besondere Scndlinge Gottes zu sehen. Er ist ein Gegner jedes ״politischen“ Judentums; Judentum sei Religion, und der Zionismus gehört für ihn als Bewegung ״so zum Judentum wie die hebräische Sprache zum jüdischen Gebetbuch, wie der jüdische Kalender zum jüdischen Gotteshaus, wie das jüdische Schicksal zum jüdischen Glauben“. Freilich ist man schon etwas verblüfft, wenn Maybautn sagt, das Wesen des Zionismus sei besser aus Selma Lagerlöfs ״Jenisalem“ als aus Theodor Herzls Schriften zu begreifen. Der GeaanKe des tief religiös-metaphysischen Urgrundes der zionistischen Bewegung wurde hier unseres Erachtens in einer sehr unglücklichen Form ausgedrückt. Besonders b e f r e m - dend aber wirkt der erste Teil von Maybaums Artikel, in welchem er den C.-V.-Lesem darlegen zu müssen glaubt, dab das ausgewanderte deutsche Judentum in Palästina eine Art ״Auslands-Deutschtum“ darstellt, und demC.-V. die Rolle zuweist, diesem palästinensischen Judentum sein Deutschtum zu erhalten. Noch abstruser wird dieser Gedanke, wenn sich der Verfasser zu dem Satz versteigt, ״Palästina wird mit den Kräften der deutschen Kultur aufgebaut“. Solche maßlose Ueberschätzung des bisher äußerst geringen Anteils der deutschen Juden am Palästinaaufbau zeugt von einer völligen Unkenntnis der Tatsachen und von einer doktrinären Einstellung, die offenbar ihre Quellen in einem anderen Schrifttum hat als in dem jüdischen. Wir würden wünschen, daß der geschätzte Verfasser diesen seinen Aufsatz selbst als eine bedauerliche Fehlfeistung, entstanden offenbar aus einer bestimmten Gemüts- Verfassung im Verein mit dem Wunsch, die C.-V.-Leserschaft zu beeindrucken, erkennt. Die Ausführungen Maybaums finden in der C.-V.-Zeitung eine entschiedene Zurückweisung in einem Artikel von Dr. Friedrich Brodnitz, einem der Führer der jungen C.-V.-Generation und Sohn des Vorsitzend« des C.-V, Dr. Friedrich Brodnitz, der unbeschadet seiner nichtzionistischen Grundauffassung seit der Gründung der Jewish Agency sich mit aktivem Interesse an den Palästinabestrebungen beteiligt, charakterisiert zunächst den Irrtum Dr. Maybaums, durch seinen Hinweis auf das deutsche Interesse die C.-V.-Leserschaft gewinnen zu wollen. Er führt dann weiter aus: ״. . . Es scheint mir eine vollkommene Verkennung der tatsächlichen Gegebenheiten zu sein, wenn man den auswandernden deutschen Juden in das Auslandsdeulschtum einordnen will. Der junge deutsche Jude — und er wird das Hauptkontingent der auswandernden stellen — verläßt seine bisherige Heimat, weil sie ihn von allen wesentlichen Bezirken ihres eigenen geistigen Lebens und ihres werktätigen Schaffens fernhält Sie erkennt ihn nicht als gleichwertigen Deutschen an, zieht zwischen sich und ihm die Scheidelinie mit der Vollständigkeit, die den totalen Staat kennzeichnet. Wenn er irgendwo in der Welt versuchen wird, neue Wurzeln zu fassen, wird man ihn dort nicht als ausw-andernden Deutschen, sondern als auswandernden Juden Iretrachten, der wegen seiner Zugehörigkeit zum Judentum neue Lebenspfade gehen muß. Maybaum erwähnt die französischen Hugenotten. Sie wurden in Preußen empfangen, nicht als Auslandsfranzosen, sondem als verfolgte Glaubcnsbrüder. Ihren Glauben, die Welt ihres gemeinschaftlichen Fiihlens suchten sie auf neuem Boden zu erhalten, an ihr Franzosentum erinnert» heute nur noch einige Namen. Heute gehen viele deutsche Juden in andere!.ander: der Arzt, weil er wegea seines Judentums nicht mehr Arzt, der Anwalt, weil er seines Judentums wegen nicht mehr Anwalt sein kann, der Lehrling, weil ihm Zugang zu handwerklicher Ausbildung wegen seines Judentums versperrt ist, viele, weil sie es nicht ertragen können, daß sie nicht: mehr vollberechtigte Glieder des deutschen Volkskörpers sein sollen. Und diese Menschen sollen sich als Ausländsdeutsche ansehen? Wer gibt ihnen die Legitimation, Pioniete des Deutschtums auf vorgeschobenem Postem zu sein, wenn ihre eigene Heimat sie nicht Eh Rückblick auf va.sr• OaseNcM*! ZvratSrang das •eiten Tue pale / V.rlu.t dar staatlich•» Satbatindlgkalt / Krauizflg. / Var- Imlhung aua Spanten: 7 1■ ■־in A 4 Ul Er#*!•rast / Auabllek mm U III 5fa A YY Der Tag unseres Schicksals Uabar dlesas Titan!■ sprechen Mittwoch, 2. VIII. (10. Aw), 20»/* Uhr Logenhaus, KDIatStr. 10 (Qartenaaal! Dr. M. Bandmann, Dr. F. Bergmann, H. U. Herrmann, Dr. ft Kaufmann BERLINER ZIONISTISCHE VEREINIGUNG Bezirfetgrvpp• Sevtgnyplati zu ihren Söhnen rechnet? Man muß einmal den Mut haben, diesen Dingen mit allen ihren Folgerungen in die Augen au sehen. Es ist ganz selbstverständlich, daß die deutschen Juden, die hier bleiben, alles tun müssen, um sich den Zusammenhang mit deutscher Kultur nicht nehmen zu lassen. Ihnen gibt der Boden, auf dem sie trotz allem weitcrlebcn, die Sprache, die sie sprechen, das gcncrationcnalte Leben ihrer Vorväter in diesem Lande ihr Recht. Aber auch sie werden — und diese Auffassung habe ich schon vor Jahren in den sogenannten guten Zeiten vertreten — nicht geistig leben können, wenn sie nicht wissen werden und cs sich bewußt machen, daß es eine Stelle auf dieser Erde gibt, wo Menschen nicht trotz, sondern wegen und nur durch ihr Judentum!eben. Die dreißig Millionen Ausländsdeutsche, soweit sie noch innere Beziehung zu ihrem Abstammungsland haben, wissen, daß man mit ihnen rechnet, daß man alles zu tun versucht — heute mehr denn je —, um die Zusammenhänge immer inniger zu gestalten. Die deutsehen Juden dürfen in der großen Organisation, der diese Arbeit anvertraut ist, nicht mehr mitschaffen. Wenn das deutsche Volk an dem durch Juden repräsentierten Auslandsdcutschtura interessiert wäre, hätte es längst den altdeutschen Sprachschatz des Jiddischen für sich entdeckt. Gerade Dr. Maybaum, der sich erst kürzlich an anderer Stelle (in der ,Jiid. Rundschau“ ־— A. d. R. *J- R.u) gegen die Peinlichkeit eines übertriebenen deutschen Bekenntnisses gewandt hat, müßte Verständnis dafür haben, daß die hinausgehenden. Juden sich nicht als auslandsdcutschc Vorkämpfer betrachten können, wenn die ״um das Auslandsdcutschtum interessierte Politik ihre Mitarbeit unzweidcutigerwebe ablehnt. Vnd nun zieht der deutsche Jude, der hinauszugehen bereit ist, nscli Palästina. Kann er dort nach dem Rezept Maybaums leben? IcK glaube, dort erst recht nicht. Zunächst einmal: Ist Pa'ästlfu* für ihn wirklich ״fremdes Feld“? Man mache sich doch einmal ganz frei von allen theoretischen Betrachtungen und horche, in sein. Inneres hinein. Wer da nicht etwas Besonderes spürt, ein Gefühl der "Verbundenheit, ein ganz u n d o g m atisches Zugehörigkeitsgcfühl, sei es auch noch c׳> unentwickelt, der schlage sein Zeit auf, wo in der Welt sich ihm eine Chance zu bieten scheint, aber nicht in P a 1 ä s t i n a! 1er wird an diesem Lande keine Freude haben und das Land keine breude an ihm. Wer aber auch nur etwas davon in sich spürt, der kann den Versuch wagen. Er wird das Land auch dann nicht ab ״Fremde“ betrachten, wenn es ihm manche Annehmlichkeit bürgerlicher Existenz aheren Stils nicht bieten kann. Es ist auch selbstverständlich, daß der cinwanderadc deutsche Jude die Kräfte seiner deutsch-kulturellen Vergangenheit nicht verleugnen wird. Das wird drüben nur von kurzsichtigen Fanatikern verlangt werden. Die brennende Begeisterung und die restlose 'Hingabe an das Aulbauwerk hat einen Arlosoroff nicht gehindert — in einem der Nachrufe war cs zu lesen — auch drüben. m seinem Hölderlin sein großes dichterisches Erlebnis zu sehen. Wenige Wochen vor seiner Ermordung setzte er mir in einer Unterhaltung, die ich als große Erinnerung bewahre, auseinander, wie sehr man in den wirklich führenden Kreisen Palästinas Verständnis für die Lage der einwand er n den deutschen Juden habe. Man verspreche sich sehr viel von ihrem Können, ihrem hohen Bildungsstand, ihrer systematischen Arbeitskraft. S;e sollten in lebendiger, wechselseitiger Beziehung mit dem deutschen Judentum verbleiben. Aber sie müßten eines mitbringen: den Willen zur absoluten Einordnung. Palästina ist kein fertiges Land, das nun eine Emigrantenschar aufnimmt. Es ist ein werdendes Land. Es muß von seinen Söhnen verlangen, daß sie ihre beste Kraft ihm widmen. Der palästlnenslsche Jischuw, der um seine Stellung im Gefüge der Politik und Wirtschaft des Landes kämpft, kann sich den Luxus nicht leisten, sich״ in eine Anzahl landsmannschafthchcr Minoritäten zu spalten. Und eine solche Minorität sind dort die deutschen Juden. Was alle dort* eint, ist das Bewußtsein, daß hier Judesein nicht ein Minus, nich^ ei ne gleichgültige Nebeneigenschaft;, sondern ein Plus ist. Und dar*^ gerade die säkularisierte staatsbürgerliche Mitverantwortung, von e Maybaum mit Recht spricht. Die Zusammenhänge mit der Kultur ™ח* alten. 'Heimatlandes, die keineswegs unterschätzt werden sollen, pI;, . mau im stillen für sich, aber man proklamiert sic besser nicht י Denn das ist die große Gefahr der Maybaumschen Ausführungen, י sie die Lage der deutschen Juden in Palästina außerordentlich _י schweren können. Daß sie denjenigen Wasser auf ihre Mühlen lei^ die den einwandernden deutschen Juden mit Mißtrauen gegemibe stehen, die fürchten, daß man nicht aus innerer Uebcrzeugung, sondern aus wirtschaftlichem Zufall hinüberkommt. Kein Land der V eit, und Palästina am wenigsten, das im Aufbau begriffen ist, könnte eine Reservatio mentalis bet denen dulden, denen cs die Tore weit öffnet. Kur die Leistung für das Land selbst legitimiert. Palästina hat recht, wenn es einen von denen, die beim Entsumpfen heute blühenden Landes ihr Leben ließen, höher schätzt, als hundert, die mit. vorgefaßter Theorie beladen ins Land kommen•“ Dr. Brodnitz kündigt schließlich eine Reihe informativer Artikel über Palästina an, die in der ״C.-V.-Zeitung“ erscheinen sollen. Bedenklicher Broschürenverkauf In den Straßen Berlins wird jetzt eine Broschüre verkauft, die den Titel führt ״Die internationale Pest. Vom David- bis zum Sowjetstern“. Als Verfasserin zeichnet eine gewisse M ariamie Obucho w. Die Broschüre ist vielleicht das Schlimmste, was an antisemitischer Agitation noch jemals vorgekommen ist. Die Verfasserin, offenbar eine russische Emigrantin, die einen Zusammen- Schluß von Deutschland und Rußland im Kampf gegen die Juden befürwortet, wirft die Frage auf; ״Wer ist überhaupt der einzig Schuldige in der Welt seit Tausenden von Jahren?“ Auf diese, sowie auf eine Reihe ariderer Fragen gibt sie die Antwort: ״Der Jude, das heißt die internationale Pest.“ Es heißt dann weiter, der Jude sei ״die gefährlichste Vergiftung, an der die Welt seit Jahrtausenden gelitten hat“, und am Schluß des Vorworts sagt die Verfasserin: ״Richtig gelesen und verstanden wird jeder Deutsche und Russe das erforderliche Radikalmittel gegen die internationale Rest zeitig anzuwend« wissen.“ Die Verfasserin weiß, wie aus dem letzten Satz hervorgellt, nicht einmal grammatisch richtiges Deutsch zu schreiben, aber sie will dem deutschen Volk Lehren erteilen, die wahrscheinlich bei vielen kritiklosen Lesern ein williges Ohr finden werd«. Darum ist diese Broschüre überaus ge fahrlieh und die zuständigen Behörden sollten der Sache ihre Aufmerksamkeit zuwenden und eine Verbreitung dieser aufreizenden Broschüre im Interesse der öffentlichen Ruhe und Ordnung verbieten. Es geht dooh nicht, daß man mit solch« Broschüren, die auf die Sensationslust des Publikums speku- Heren, Geschäfte macht und Leuten Geld — sei es auch nur 10 Pfennig — aus der Tasche lockt Einlielerung ins Konzentrationslager Das Conti-Büro meldet: Der jüdische Verwaltungsdirektor Dr, Ernst R e c h n i t z und der jüdische Handlungsgehilfe Albert Rosenthal, beide aus Breslau, wurden in Schutzhaft genommen und in das hiesige Konzentrationslager eingeliefert. Rosenthal hat in dem amtlichen Blatt der Synagoge!!gemeinde Breslau in einem Artikel ״Ich suche ineine Brüder“ unwahre Behauptungen über die Behandlung der Juden in Deutschland veröffentlicht, die geeignet sind, einer lügenhaften Greuelpropaganda neue Nahrung zu verleihen. Dr. Reclinitz trägt für das Erscheinen des genannten Artikels die preßgesetzliche Verantwortung.

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