Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 60 (28.7.1933)
- Date
- 1933-07-28
- Page
- Seite 375 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2651273-2653725-2653787--23918-2686837- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 60 28 Vif. 1933 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 373 Kulturghetio? Von M o r i t z G o 1 d st e in. Der nachfolgende Artikel stellt ein für die deutschen Juden überaus wichtiges Thema zur Diskussion. Die Schwierigkeit, die sich aus der Ausschaltung der deutschen Juden aus dem Kulturleben ergibt, hat in der Tat bei den deutschen Juden eine gewisse Verwirrung hervorgerufen, so daß auf der einen Seite manche sich durch Beteuerungen ihres unveränderten Festhaltens am Deutschtum helfen zu können glauben, auf der anderen Seite das Ressentiment oft zu einer falschen Abwendung von der deutschen geistigen Welt veranlaßt. Die ״Jüdische Rundschau“ hat in mehreren der Bildungsfrage gewidmeten Artikeln dargelan, wie wir uns die Lösung dieser schwierigen Frage vorstellen: durch klares Bekenntnis zum Judentum und durch das Bewußtsein der Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinschaft soll dem Juden eine innerlich freie Beziehung zu den großen Werken der McnschheitskuUar ermöglicht werden, ohne die Befangenheit des Assimilantentums und ohne ungerechtfertigte natianale Selbstüberhebung. Wenn Dr. Goldstein in seinem Auf- Satz die Parole ״Weilertreiben“ aufstellt, so glauben unr, eine kleine Einschränkung hinzufügen zu müssen: Nach dem, was geschehen ist, müssen Juden, wenn sie ihre kulturelle Betätigung, wie bisher, weite! treiben, dies mit einem höhe ■ ren Grad der Verantwortung gegenüber ihrem Judentum tun als bisher. Denn die verantwortungslose Betätigung der weder im Jüdischen verwurzelten, noch sich zum Judentum bekennenden Kulturarbeiter und geistig Tätigen hat häufig das Judentum in einer sehr unerwünschten und sachlieh auch gar nicht gerechtfertigten Weise belastet. Wir wollen zwar kein Kulturghetto, wir wollen aber auch nicht, daß Juden alles, was von Juden bisher getrieben wurde, weiterlreiben. Red. Wenn man uns deutsche Juden durch Entlassung, durch Maßnahmen des Boykotts, durch Entfernung und Ausschaltung aller Art verhindern will, an dem wirtschaftlichen Wettbewerb teilzunehmcn, so erhebt sich die Frage, ob wir werden leben können. Es ist die Grundfrage, die an jeden von uns unerbittlieh herantritt. Sollte sich heraussteilen, daß wir in Deutschland keine Lebensmöglichkeit finden, so brauchten wir uns nicht den Kopf darüber zu zerbrechen, iri welcher Form wir leben wollen. Wir hätten dann nur die Wahl, zugrunde zu gehen oder auszuwandern — und vielleicht dennoch zugrunde zu gehen. Alle Betrachtungen darüber, wie, unter welchen Um- Ständen, in was für seelischer Verfassung wir leben sollen, setzen voraus, daß wir überhaupt leben. Es wird gestattet sein, mit dieser Voraussetzung zu rechnen; mit der Voraussetzung nämlich, daß nicht ein paar verstreute Judenfamilien kümmerlieh sich halten, sondern daß die großen deutschen Judengemeinden im Kern bestehen bleiben. Man erlaubt uns nicht, am Staatsleben, an Verwaltung und Rechtspflege gleichberechtigt teilzunehmen — wir werden das als Unrecht empfinden; aber wir werden machtlos dagegen sein. Mari sondert uns auch kulturell ab — sofern wir nur erst gesichert leben und zu kultureller Leistung den Atem haben: damit werden wir fertig werden. An der Spitze steht wieder die wirtschaftliche Frage: Wenn jüdische Schauspieler und Regisseure kein Engagement, wenn jüdische Schriftsteller keine Verleger und keine Sortimenter, wenn jüdische Maler keine Aussteller und keine Käufer finden, wovon sollen sie leben? Können alle diese jüdischen Kulturproduzenten von jüdischen Kulturkonsumcnten allein leben? Alle keinesfalls, und das schadet vielleicht nichts. Vielleicht haben zu viele Juden von ihrem Talent zu leben versucht, statt sich zu begnügen, mit ihm ein nüchternes Berufsleben nur feiertäglich zu schmücken■ Vielleicht tut es der Kunst gut, die Zahl der Schaffenden auf die stärksten Begabungen zu beschränken. Auch für sie wird es zunächst ein Kampf um die nackte Existenz geben. Wo früher für einen möglichen Absatz 60 Millionen zur Verfügung standen, da sollen nun 600 000 Menschen ausreichen. Setzen wir aber voraus, daß es materiell irgendwie geht und daß wir also fortan unsere Kultur und unsere Kunst, Theater, Konzert, Vortragswesen, auch wissenschaftliche Lehre und Forschung, auch die Presse, für uns allein treiben: Was kann daraus werden? Aus der geistigen Haltung sowohl der Produzenten wie der Konsumenten ergibt sich zunächst einfach ein Weitermachen, geregelt nur ■von den technischen und materiellen Möglichkeiten, Schauspieler ist eil« deutscher Jude geworden aus der leidenschaftlichen Sehnsucht, Shakespeare zu spielen, oder Schiller, oder Strindberg, oder Hauptmann. Ins Theater sind deutsche Juden gegangen, um Werke dieser Dichter sich Vorspielen zu lassen. Als Regisse ure haben deutsche Juden sich einen Namen gemacht, manche von ihnen in der ganzen Welt, weil sie diese Werke in mustergültigen Aufführungen gezeigt haben, dem Kunstwerk hingegeben, bestrebt, es aus dem Geiste ihrer Zeit zu neuem Leben zu erwecken. Diese Begabungen, diese Sehnsucht der Darsteller und dieses Bedürfnis der Aufnehmenden dauert an. Nichts davon ist deswegen verlorengegangen oder verändert worden, weil sich unsere Lage in Deutschland geändert hat. Wir werden also den Wunsch hegen, das alles weiter zu treiben; wir werden uns das menschliche Recht darauf zusprechen; und es fragt sich allein, wie« weit man uns darin gewähren läßt und ob die materiellen Grundlagen zu beschaffen sind. Theater steht hier nur als Beispiel. Es ist mit der Musik nicht anders; mit der bildenden Kunst, ihrer Her- Erbringung, ihrer Sammlung, Darbietung und Wissenschaftliehen Erforschung; mit der Literatur in allen ihren Zweigen; mit der Wissenschaft und ihrer Lehre. Weitermachen' Wenn wir auch erleben, daß die staatsbürgerliche Gleichberechtigung der Juden zurückgenommen wird: die welthistorische Tatsache ihres Eintritts in die europäische Kulturgemeinschaft läßt sich nicht zurücknehmen. Die Juden sind mündig geworden. Sie haben sich dem Strom des europäischen Geisteslebens geöffnet, der Strom hat sie mit sich fortgetragen. Europäische Kultur und Zivilisation, seit jeher eine Gesamtleistung vieler konkurrierender Nationen, hat seit '100 Jahren auch die Mitlcistung der Juden in sich aufgenommen, die Anteile lassen sich nicht mehr scheiden. Die Juden haben das geistige Leben Europas für ihre Angelegenheit so gut wie für die jedes beliebigen Europäers gehalten, und Europa hat den Anteil der Juden als ebenbürtig und vollgültig aufgenommen und nicht gefragt, ob die Leistung von einem Juden stammt. Seitdem die Juden das mittelalterliche Ghetto verlassen haben, gibt es kein in sich abgeschlossenes, vom übrigen Europa gesebiedenes jüdisches Geistesleben mehr. Die Juden hegen nicht den Wunsch, es wieder aufzunehmen. * Oder doch? Wenn wir kulturell abgesondert werden und uns dadurch getrieben sehen, uns kulturell zusammenzuschließen: liegt es nkht nahe, diesem Zusammenschluß midi einen 54 n n zu geben? Und welches könnte dieser Sinn sein, wenn nicht die Erzeugung einer abgeschlossenen, unterscheidbaren, eingestandenermaßen ״jüdischen“ Kultur? Werden wir in dem bloßen ״Weitermachen“ Genüge finden? Werden wir nicht etwas neues, nämlich unser eigenes machen wollen? Wenn nicht Rückkehr ins Ghetto des Mittelalters, so freiwillige und absichtsvolle Aufrichtung eines sozusagen modernen Ghettos? Der Gedanke drängt sich auf. Er ist gar nicht zu umgehen. Die Forderung wird erhoben werden und ist schon erhoben worden. Sie liegt nahe, und für uns besonders, die wir uns schon vor den Ereignissen dieses Jahres zum jüdischen Volke bekannt und die Erkennbarkeit als Jude für eine ehrende Aus- Zeichnung gehalten haben. Die Forderung muß dennoch abge wiesen werden, weil sie auf einer Verkennung und Ueberschätzung der nationalen Eigenart beruht. Was ist jüdisch? Antwort: die Leistung aller Juden aller Zeiten zusammengenommen. Es ist also sehr Verschiedenartiges, und sogar Entgegengesetztes, mit gleichem Recht jüdisch. Wenn gewisse Eigenschaften, oder Einstellungen, oder Richtungen als ״jüdisch“ im eigentlichen Sinne bczeichnet werden, in Feindschaft oder Billigung, so findet eine willkürliche Auswahl der Möglichkeiten statt, unkritisch und absichtsvoll; wie ich denn tief überzeugt bin, daß alle Charakteristik von Nationen auf einer völlig dilettantischen Gruppen- Psychologie beruht. Zu einer stichhaltigen Charakteristik von Gruppen, und übrigens auch von Individuen, reicht die Wissenschaff noch lange nicht aus. Was also alle Juden zusammen auf kulturellem Gebiet leisten, das ergäbe eine jüdische Kultur, und man hätte sie in Händen, wenn man die jüdische Leistung absondern könnte, so wie es mit der deutschen, französischen, japanischen oder sonst einer nationalen Leistung ohne Umstände möglich ist. Daß man die jüdische Leistung nicht absondern kann, weil sie ln die Leistung anderer Völker hineinverflochtcn ist, das empfinden wir als Tragik. Viele Leute, darunter auch der Verfasser in vieljähriger Denkarbeit, haben sich bemüht, einen Weg zu finden, um diesen Zustand zu überwinden und die jüdische Leistung dennoch abzusondem und wenigstens als jüdische Leistung sichtbar zu machen. Mit dem Ergebnis, daß es nicht gellt. Es wird nur gehen an der Stelle, wo die jüdische Absonderung durch eigenes Land und eigene Sprache naturgegeben ist, und in dem Maße, als sie das ist: Im hebräisch sprechender! Palästina allein kann etwas wie eine ״jüdische“ Kultur entstehen; wobei niemand im voraus weiß, was das sein wird, und erst recht niemand sich wird einfallen lassen, dieser Kultur mit Verstand und Willen eine bestimmte Riehtung zu weisen. Die Absonderung hingegen, die uns jetzt in Deutschland auferlegt wird, schafft nur eine rechtlich-organisatorische, aber keine lebendige Besonderheit. Es bleibt uns, außer gewissen Rechten und außer dem geselligen Verkehr, alles mit unserer deutschen Umgebung gemein: das tägliche Leben, die öffentliehen Vorgänge, der Raum, die Landschaft, das Klima und vor allem die Sprache. 600 000 Juden — wie viel Juden sind das schon, gemessen an allen Juden! Wenn wir uns, wohl oder übel, kulturell auf uns selbst zurückziehen, so gleichen wir nicht dem Bauern, der die eigene Scholle bricht, sondern dem Städter, der seinen Blumentopf ans Fenster stellt. Es bleibt also den deutschen Juden, wenn sie auf sich selbst angewiesen sind, auf kulturellem Gebiete nichts anderes übrig, als weiterzutreiben, was sie schon immer getrieben haben. Vielleicht wird der jüdische Stoff mehr in den Vordergrund treten; unbenutzt ist dieser Stoff ja nie gewesen. Vielleicht wird auch die weitverbreitete Unwissenheit in jüdischen Dingen von einem gründlicheren Wissen abgelöst werden; unbekannt, unerforscht, ungeschrieben ist auch dieses Wissen nie gewesen. Aber ein Kulturghetto werden wir hier nicht aufrichten können, auch wenn wir Grund haben sollten, es aufrichten zu wollen. * Es hätte wenig Sinn, sich einer umständlichen Auseinander- Setzung zu unterziehen, nur um zu beweisen, daß etwas Wür,- sehenswertes nicht erreicht werden kann. Dieses Ergebnis lohnt sich erst, wenn daraus Antrieb, Aufschwung und Ermutigung fließen. Das aber ist der Fall. Von der gleichberechtigten Mitwirkung am Staatsleben sind wir ausgeschlossen. Unsere wirtschaftliche Existenz ist aufs äußerste gefährdet. Wie bewähren wir uns in dieser Lage? Wir halten fest am Geiste. Das ist jüdisch. Wir werden nicht stumpf, wir werden nicht bitter, wir sinnen nicht auf Vergeltung. Wir wahren dem Geiste die Treue, der Gesamtheit und Fülle des geistigen Lebens, an dem wir bisher Anteil genommen haben. Wir verhalten uns aufnehmend und produktiv, wür empfangen und wir geben, je nach unserer Begabung. Wird uns jetzt der Wirkungsraum eingeengt, werden uns die Forschungsstätten verschlossen, dürfen wir nicht mehr vor allen Menschen deutscher Zunge unser Können und Wissen darstellen, so versuchen wir es auf dem Raum, der uns bleibt; wir versuchen es. so gut es geht, mit den Mitteln, die uns geblieben sind. Man wird den Geist nicht hindern, zu uns zu dringen, man wird ihn uns so wenig absperren wie die Luft. Wir stehen ihm offen, lassen uns von ihm befruchten und geben unsere Frucht, wie bisher; weniger Frucht, aber echte Frucht. Man wird sie von uns annehmen, irgendwo in der Welt. Ein Jahrhundert lang haben wir die Teilnahme am europäischen Geist als ein bequemes Recht genossen. Jetzt sind wir in eine Lage geraten, wo Heroismus dazu gehört, um w eiter teilzunehmen. Es hängt von uns ab, von unserer Zähigkeit, von unserer Empfänglichkeit, von unserer seelischen Kraft, von unserer Zuversicht, von unserem Schwung und unserer Leiden- Schaft, ob wir weiter daran teilnehmcn können. Wir werden weiter daran teilnehmen. Mag das, was man uns aufzvvingt, als Ghetto gemeint sein: der Geist wird darin herrschen. Darauf allein kommt es an. Alles andere ist äußerlich. Keine jüdischen Aerzte nach Spanien. Die ״Fraflkf. Ztg.“ berichtet aus Madrid: Der Madrider Aerzteverband hat in seiner letzten Sitzung zu der Einwanderung deutscher Mediziner nach Spanien Stellung genommen. In der Ausspräche ergab sich, welch übertriebene Gerüchte in dieser Beziehung verbreitet sind. Gegenüber Angaben, wonach bereits Hunderte deutscher, vor allem jüdischer Aerzte hier um die Zulassung einpekomn^en seien, betonte der Vorsitzende, bis jetzt sei nur ein einziger Fall bekannt, in dem ein deutscher Mediziner, der zugleich die chilenische Staatsangehörigkeit besitzt, sich einem Examen unterzogen habe. — Die spanische Aerzteschaft zeigt sich dem Zuzug ausländischer Kollegen sehr wenig geneigt. Eine außerordentliche Generalversammlung des Landesverbandes soll grundsätzlich zu der Frage Stellung nehmen. Hast Da vergessen der Deinen, die jammernd sdimachten in Fesseln, Zion, vergissest Da jener unschuldigen Schar, Eines Restes der Herde, die sonst in ruhigen Talern Vor Dir weidete, jetzt fremd und entfernet von Dir? Nimmst Du den Frieden nicht an, mit dem voo jeglicher Seite Sie Dich grüßen, wohin irgendeinTrciber sie trieb? Ach, den Gruß eines Sklaven, der noch in den Fesseln zu hoffen Waget: Es rinnen ihm Zähren nach Zähren hinab <Wie der Tau vom Hermon in nächtlichen Tropfen hinabrollt). Glücklich, könnt' er sie nur weinen in Deinen Schoß, Könnte mit ihrem Bade nur Deine verödeten Hügel Feuchten! Und dennoch nein! sinket die Hoffnung ihm nicht. Heil dem Manne, der harrt, bis er mit jauchzen erblickt, Daß Dein Morgen erscheint, daß Deine Freude nun ausbricht, Daß sich alles erneut, wenn Du Dich wieder ver» jüngst. Juda Halevi (1083 1141), Trauerklage um 7,ion für Tisch'a bean׳. Uebcrsetzuncj von Johann Gottfried Harder (1744—1803). Christentum und Judenfrage Der Sieg der (jlaiibenshewegiing ״Deutsche 0 h r i - sten“ bei den let/'.en Kirchenwahlen schafft eine völlig neue Situation innerhalb der evangelischen Kirche. Die Probienintik der Beziehungen /wischen Nationalismus und Religion hatte bereits seit langen! christliche Theologen und darüber hinaus auch religiös empfindende Laien lebhaft beseht fügt- Auch für uns Juden sind die Vorgänge innerhalb der christlichen Kirche 11 ieilt ohne Wichtigkeit. Denn für die christliche Welt ist die Haltung in der Juden frage gewiß nicht nur ein politisches, sondern auch ein religiöses Pro- Mein. Die Versuche, den völkischen Gedanken mit den Prinzipien des Christentums in Einklang zu bringen, haben bereits eine Literatur geschaffen, auf die wir bei früheren Gelegenheiten hingewiesen haben. Es sei nur a!1 die Schriften Wilhelm Stapels erinnert. Das Programm der ״Deulschcn Christel“, das in dem Sammelbuch ״Die Kirche und das Dritte Reich“ (Verlag Klotz, Gotha) abgedruckt war, bekannte sich zu dem Prinzip der Rassenreinheit und spricht sich demgemäß gegen die Judenmission aus, während bisher die Kirche den ökumenischen Anspruch des Christentums, alle Völker zu umfassen, nicht aufgegeben hatte. in der letzten Zeit fehlte es nicht an christlichen Stimmen in Deutschland, die religiöse Gewissensbedenken gegen die deutsche Judenpolitik geltend machten. Zu ervvähnen ist hier vor allem die Schrift von Johannes Müller, dem bekannten Prediger von Schloß Elmau, der das letzte Heft seiner ״Grünen Blätter“ der nationalen Revolution wid- «net. Johannes Müller bekennt sich zur nationalen Revolution und anerkennt es bis Aufgabe jedes deutschen Menschen, am Aufbau des Vaterlandes auf Grund der durch die Revolution geschaffenen Tatsachen mitzuarbeiten. Zugleich aber äußert Johannes Müller Bedenken gegen die Ueberschätzung von Rasse und Blut und appelliert mit freimütigen Worten a!1 das christliche Gewissen. Nicht die Regierung macht er verantwortlieh, sondern die ״tragikomische Gleichschaltungs-Sucht, die das ganze Volk ergriffen zu haben scheint“, glaubt er gerade im Interesse der deutschen Nationalbewegung kritisieren zu müssen. Johannes Müller geht so weit, zu empfehlen, daß mau die deutschen Juden zur Beteiligung an der nationalen Revolution :uiffordere und ihre unentbehrlichen Kräfte für Deutschland fruchtbar mache. Denn er sieht in der demoralisierenden Wirkung des Antisemitismus auch eine Schwächung des Geistes der nationalen Revolution. Eine andere christliche Stellungnahme zur Judenfrage finden wir im Juniheft des ״Vormarsch“, einer ״cvangelischen Monatsschrift für Politik und Kultur“. Dort veröf!entlieht Lic. Dietrich Bonhoeffer (ein Sohn des bekannten Berliner Psychiaters) einen Aufsatz ״Die Kirche vor der Juden frage“, worin er davon ausgeht, daß ״die in der Geschichte einzigartige Tatsache, daß der Jude unabhängig von seiner Religionszugehörigkeit allein um seiner Rassenziigehörigkeit willen vom Staat unter Sonderrecht gestellt“ werde, dem Theologen zwei neue, getrennt zu hehandelnde Probleme aufgebe: einmal die Frage nach der Beurteihing dieses staatlichen Handelns durch die Kirche und den daraus erwachsenden Aufgaben, und zweitens die Frage nach der Stellung der Kirche zu den getauften Juden in der Gemeinde. Zur ersten Frage bemerkt Bonhoeffer zunächst, daß es gewiß nicht Sache der reformatorischen Kirche sein könne, dem Staat in sein Handeln direkt hineinzureden, vielmehr müsse sie den Staat ״als Erhaltungsordnung Gottes in der gottlosen Welt“ bejahen und sein Ordnungschaffen aner« kennen, möge es nun vom humanitären Gesichtspunkt aus betrachtet gut oder schlecht sein. Diese Haltung der Kirche ergebe sich notwendig aus der ״Radikalität der Trennung des Ortes der frohen Botschaft und des Ortes des Gesetzes“. So könne die Kirche auch in der Judenfrage dem Staat nicht unmittelbar ins Wort fallen. ״Aber das bedeutet nicht, daß sie teilnahmslos das politische Handeln an sich vorüberziehen Hißt, sondern sie kann und soll, gerade weil sie nicht im einzelnen Fall moralisiert, den Staat immer wieder danach fragen, ob sein Handeln von ihm als legitim staatliches Handeln verantwortet werden könne . . . Sie wird diese Frage heute in bezug auf die Judenfrage mit aller Deutlichkeit stellen müssen.“ Damit greife die Kirche nicht etwa in die Verantwortlichkeit staatlichen Handelns ein, sondern schiebe im Gegenteil dem Staat selbst die ganze Schwere der Verantwortung für sein Handeln zu. Weiter führt der Verfasser aus, die Kirche ist den Opfern jeder Gesellschaftsordnung in unbedingter Weise verpflichtet, auch wenn sie nicht der Christliehen Gemeinde zugehören. (״Tut Gutes an Jedermann“.) Gerade in Zeiten der Rechtswandlung dürfe sich die Kirche den genannten Aufgaben keinesfalls entziehen. Hingegen sei ein unmittelbar politisches Handeln jeweils von einem Konzit zu behandeln. — Was schließlich die Getauften betrifft, so seien diese ein Glied der christlichen Gemeinde, deren Ausschluß eine kirchliche Unmöglichkeit darstelle. Während einem freiwilligen Zusammenschluß der judenstämmigen Christen zu einer besonderen Gemeinde kirchlich nichts im Wege stehe, sei ihre erzwungene Ausweisung aus den Gemcinden unzulässig. * Zur Judenfrage äußerten sich ferner kürzlich zwei kirch• liehe Stellen,