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Jüdische Rundschau · 1933-07-25 · Heft 59 (25.7.1933) · p. Seite 366

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 59 (25.7.1933)
Date
1933-07-25
Page
Seite 366 (sequence 2)
Language
German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 59, 25. VIL 1933 Seite 364 ihre Lieferanten nachzuweisen hätten, ob sie in die Kate• gorie ״deutsches Unternehmen“ gehörten, ein Begriff, der bei Anerkennung des zitierten Grundsatzes jeglicher Be• slimmbarkeit ermangelt. Obwohl nicht der geringste Anlaß besteht, anzunehmen, auf» die Reichsregierung bei anderen als kommunalen Auf• traggebern andere Grundsätze maßgebend wissen will, gibt es zahlreiche einwandfreie Belege dafür, daß sonst im Wirtschaftsleben die Ausschaltung sogenannter ,,n ichtdeutscher“ Firmen noch immer für möglich und wünschenswert gehalten wird. Offenbar glauben manche Süllen sogar diese der Reichsregierung mit Rücksicht auf das Oesamtwohl unerwünschte Ausschaltung in planmäßiger Form organisieren zu sollen. Jedenfalls fiat ein Verband seinen Mitgliedern mitgeteilt, daß allgemein bindende Rieht• iinien für die Zulassung von Firmen zu öffentlichen Auf• trägen herausgegeben werden würden und daß in diesen Richtlinien nach ״deutschen“ und ״undeutschen“ Firmen unterschieden werden solle. Solange die Richtlinien noch nicht erschienen seien, würden die Industrie- und Handels• karrtmern allen zu ihrem Bezirk gehörigen Firmen aut Anfordern authentische Bescheinigungen über ihren Charakter ausstcllen. Nicht alle Handelskammern scheinen sich nur auf diese Funktionen zu beschränken; es ist uns das Schreihen einer norddeutschen Kammer bekannt, in dem von einer Hrrna die Abgabe einer Erklärung verlangt wird, ״ob der Inhaber arischer Abstammung ist oder nicht und ob sich der überwiegende Teil des Geschäfts- Kapitals in arischem, nichtarischem oder ausländischem Bcritz befinde.“ Ein Vorgehen, das autoritative Stellen als unzweckmäßig für Stadtverwaltungen gekennzeichnet haben,!.;חהו nicht iur den Bereich der Handelskammern zweckmäßig e in. Ein Bedürfnis nach derartigen Einzelbefragungcn und Umfragen wird allerdings solange bestehen, wie von irgendwelchen Stellen, die Aufträge, zu vergeben haben, auf inlän- Jischc Firmen die Begriffe ״deutsch“ und ״nichtdeutsch“ angewandt werden, statt sich an die von der Reichsregicrung aufgestellten Grundsätze zu halten, die auch der Volkswirtschaftlichen Erfahrung entsprechen. Selbst unbewußtes Zusammenwirken einzelner könnte manche der betroffenen Firmen dahin gebracht haben, für sich in Deutsch- I 3 n d keine Exisfenzmögliclikcit mehr zu sehen. Vielleicht haben auch solche Fälle mit dazu beigetragen, die Gefahr der Bctr iebsabwanderung wieder akut erscheinen zu lassen. Entweder mußte allgemein im geschäftüchen Leben die Weisung־ der Reichsregierung befolgt werden, daß in Deutschland alle Unternehmungen Heimatrecht haben, die dem Interesse der deutschen Volkswirtschaff dienen, oder es müßte die Möglichkeit ins Auge gefaßt werden, daß es Firmen gibt, die sich mit Abwander iir.gspläncn befassen." Die ״Jüdische Rundschau“ hat am 4. Juli die in der ..Deutschen Goldschmiede/eitung“ abgedruckte Antwort des Deutschen fndustrie- und Handeistages wiedergegeben, worin eine Information über die Absichten der Reichsrcgier urig in dieser Frage enthalten war. ln dieser Mittellung wurde darauf hingewiesen, daß für Juden keinerlei Ausnahmegesetze auf wirtschaftlichem Gebiete bcstehen. Diese Richtlinien haben sich, worauf wohl auch die ״Frankfurter Zeitung“ in ihrem zitierten Artikel aufmerksam machen will, noch nicht auf der ganzen Linie d u r c h g e s e t z t. Dies bestätigen uns einige Zuschriften von Geschäftsleuten, die uns im Zusammenhang mit der erwähnten Veröffentlichung der ,,Goldschmiedezeitung“ zugekomrnc« sind. Ferner.ist auf ein B e i s pi.c 1, der letzten Zeit hinzuweisen. _ Der Reicbsmiuister der Finanzen hat bekanntlich Richtlinien für die Gemeindebehörden zu dem Gesetz über Förderung der Eheschließungen erlassen, worin die Verkautsstellen angegeben werden, die zur Entgegennähme von Bedarfsdeckungsscheinen der Ehestands-Darlehen berechtigt sind. Hierbei wird angeordnet, daß alle Verkaufsstellen, deren 111haher n i c h t a r i s c 11 e r Abstammung sind, nicht zu- 2 u I a s s e n sind. Regierungsstellen haben bei mehreren Gelegenheiten ausdrücklich fesfgestellt, daß der ,,Kampfbund für den gewerblichen Mittelstand“ keine offizielle Institution ist und daß ihm kein Recht der Einflußnahme bei Vergebung yon Lieferungen zustehen soll. Für die Existenz der jüdischen Geschalte und Unternehmungen insbesondere in Mittelstädten und kleineren Städten ist aber die von dem Kampfbund getriebene Agitation immerhin so fühlbar, daß man unter Umstänwn von einer Erschütterung der wirtschaftlichen Grundlage dieser Unternehmungen sprechen kann. Auch dies kann als ein Motiv zur Betriebsverlegung in Frage kommen. Im ״Dortmunder Generalanzeiger“ vom 1 I. Juli fanden wir z. B. einen ausführlichen Bericht über einen Vortragsabend, wo verschie- *Fiie Vorträge über das Thema ״Der jude in der deutschen Wirtschaft“ gehalten wurden. Dort sagte z. B. Ortsgruppenkiter Dr. Brüninghaus: ״Unsere heiligste Aufgabe ist es, in solchen Uebergangv/citen den deutschen Volksgenossen so zu erziehen, daß J u d e n laden gleich welcher Art ge - mieden werden. Wenn diese Erziehung richtig durchgeführt wird, wird es gar nicht nötig sein, einen aktiven Kampf weiterzuführen.“ Wir haben bereits mehrmals darauf hingewiesen, daß bei der engen Verschlungenheit auf wirtschaftlichem Gebiet eine Ausstoßung der Juden aus der deutschen Wirtschaft viel mehr Wirtschaftskreise in Mitleidenschaft ziehen würde als die Agi- ז atoren meist selbst übersehen können. Darum wäre zu wiiir• sehen, daß der nationalsozialistische Staat, nachdem seine Grundlagen nunmehr unerschütterlich sind, auch diese Nachklangserscheinungcn einer revolutionären Epoche in der Wirtsrhaft nunmehr beenden würde, damit die gesamte Wirt- Schaft dem neuen Aufbau dienen kann. Gegen Jüdische Händler lm ״B ü t o w c r Anzeiger“ vom 18. Juli finden wir folgende Anordnung des Bauernführers des Kreises Bütow:1 ״Trotz wiederholter Warnungen kommt es immer noch vor, daß deutsche Bauern ihre Erzeugnisse an Vieh und Getreide jüdischen Händlern verkaufen. Ich ordne hiermit an, daß dieses sofort aufhört. Die zur Ernährung des deutschen Volkes verwandten Produkte sind nur durch die Genossenschaften oder durch deutsche Händler auf den Markt zu bringen. Wer gegen diese neue Anordnung verstößt, stellt sich damit außerhalb der deutschen Staatsgemeinsehaft und wird rücksichtslos bestraft. Die einzelnen landwirtschaftlichen Bezirks- sowie Ortsofemänner weise ich an, mir von jedem Verstoß gegen meine Anordnung nfmentlieh Mitteilung zu machen." Die nationalsozialistische Wirtschaftsanschauung hat natürlich praktische Konsequenzen, die zu einer neuen Form der Organisierung des Vertriebs agrarischer Produkte füllicn. Wenn jedoch speziell die Ausschaltung jüdischer Händler agrarischer Produkte in dieser scharfen Weise postuliert wird, dann wird durch den Gang dieser Entwicklung ein jüdischer Berufsstand vernichtet, für den entweder eine andere Erwerbstätigkeit gefunden werden muß oder dem nur der!Weg der Auswanderung bleibt, Gegen antideutschen Boykott Der ״Völkische Beobachter“ berichtet aus Amsterdam: ״In Amsterdam findet zurzeit eine ״Jüdische Welt• konterenz" statt, die unter dem Vorsitz des Juden Samuel Untermeyer, New York, eines der gehässigsten Boykotthetzer in den Vereinigten Staaten, steht. Zur Beratung stehen nicht nur Maßnahmen zum Boykott deutscher Waren, sondern überhaupt das sogenannte ״Problem“ der deutsch-jüdischen und anderer Flüchtlinge, deren eventuelle Beschäftigung und Auswanderung. Am Donnerstag nun wurde eine Entschließung von diesem Kongreß gefaßt, in der es u. a. heißt: Der Boykott deutscher Waren, deutscher Erzeugnisse und der Schiffahrt in der ganzen Welt sei die einzig wirksame Waffe des Weltjudentums zur Verteidigung seiner Rechte und des Eigentums in Deutschland. Infolgedessen würde der in vielen Ländern bereits gefaßte Boykottbeschluß erneut bestätigt und zu seiner Durchführung in der ganzen Welt aufgerufen. Zu diesem Kongreß nimmt Professor Dr. Cohen, der unter den jüdischen Emigranten eine bedeutende Rolle spielt, im ״Algcmeeit Hand eis bl ad“ in bemerkenswerter Weise Stellung. In seinem Artikel stellt er auf Grund ausdrücklicher Ermächtigung fest, daß weder der American Jewish Congrcss noch das American Jewish Cominittee (die fast alle amerikanischen Juden umfassen) irgend etwas mit den Besprechungen des Herrn Untermeyer zu tun hätten, ebensowenig auch die offiziellen Organisationen in Holland, England oder irgendeinem anderen Land. Es handele sich hierbei uni ein privates Unternehmen von Herrn Unter 111 eye r, für das er allein die Verantwortung zu tragen habe und an dem nur einige lournalisten und Privatleute ohne offizäelie Funktion tcilnehmen würden.“ Der hier erwähnte Professor Cohen ist keineswegs, wie aus der Fassung des ״V, B.“ mißverstanden werden kennte, ein Emigrant, sondern ein repräsentativer h o 11 ä ri d i - scher Jude. Sonach geht aus dem Zeugnis des ,,V.B.“ hervor, daß die offizielle Führerschaft der ausländischen Juden keine derartigen Aktionen gegen die deutsche Wirtschaft mitmacht und daß das manchmal zur Begründung der Ausschaltung von Juden in Deutschland herangezogene Argument irrig ist. Daß die deutschen Juden alle gegen die deutsche Wirtschaft gerichteten Bestrebungen mißbilligen, muß schon darum einleuchtcn, weil sie selbst ein Glied dieser Wirtschaft sind. Wir haben z. B. von einem Fall Kenntnis erhalten, der die Untauglichkeit der Boykottwaffc für politische Auseinandersetzungen deutlich illustriert: Ein jüdischer Geschäftsmann in Deutschland erhielt aus Amcrika von einem jüdischen Kunden die Mitteilung, daß er ihm seinen Auftrag entziehe, weil er von einer ״deutschen Firma“ nicht kaufen wolle; denselben Auftrag vergab er ״nach der Tschechoslowakei“, und zwar an eine Firma in einer nordböhmischen (sudetendeutschen) Stadt, deren Inhaber Nationalsozialist urfd Antisemit ist. So wurde also die Absicht in ihr Gegenteil verkehrt, weil eben Boykott überhaupt in der heutigen Wirtschaftsentwicklung nicht durchführbar ist. Dem Ausland gegenüber gelten auch jüdische Geschäftsleute Deutschlands als ״deutsch“, in Deutschland bezeichnet man sic häufig als ״nichtdeutsch". Beide Male haben sie den Nachteil zu tragen, * Wie die T. U. aus London meldet, fand dort am 20. Juli eine ״Kundgebung gegen die angeblichen Judenverfolgungen in Deutschland־“ statt. Es wird mitgeteilt, daß sich ein Zug vor mehreren tausend Leuten, meistens jungen Leuten, aber auch alten Rabbinern, aus dem londoner Lastend nach dem Hyde Park begaben, wo eine Reihe von Ansprachen gehalten wurde. Es wurden auch Protestentschließungen verlesen, in denen zum Wirtschafts-Boykott gegen Deutschland aufgefordert wird. Die treibende Kraft, so heißt es im Bericht der T,U. weiter, war der jüdische Führer (?) Hauptmann Webber. Wie die ״DAZ.“ aus London meldet, hat am 24, d. M. der ״Zentraiausschuß der Juden des britischen Reiches“ (gemeint ist wohl der ״Board of Deputies“) einen Resolutionsantrag, der den Boykott deutscher Waren propagierte, mit 110 gegen 27 Stimmen abgelehnt. Lord Roihermere Am 10. Juli veröffentlichte Lord R o t h e r m er e, der Herausgeber der Londoner Zeitung ״Daily Mail“, in seinem Blatte einen großen Artikel aus Deutschland, worin er im Gegensatz zu der Haltung vieler anderer englischer Zeitungen sich rückhaltlos für den Nationalsozialismus aussprach und tegeistert schilderte, was er in Deutschland gesehen hat. Der ״Völkische Beobachter“ veröffentlichte diesen Artikel am 11. Juli unter der Ueberschrift ״Lord Rothermere durchbricht die antideutsche Hetze“. In dem ״Handbuch der Judenfrage“ von Theodor Fritsch (Hammer-Verlag, Leipzig) finden wir auf Seite 286 der 31. Auflage in dein Abschnitt ״Die Beeinflussung der öffentlichen Meinung“, Unterabteilung ״Ausländische Presse.“, die folgende Darstellung: ״Die Vertrustung der englischen Presse hat in der letzten Zeit große Fortschritte gemacht: die größte und mächtigste Gruppe ist die des Lord Rothermere, des Bruders des wiederholt als Rassejuden bezeichnten Deutschenhassers Northcliffe.“ Von jüdischer Seite wurde wiederholt festgestellt, daß Northcliffe kein Jude war und daher ist auch Lord Rothermere kein Jude. Die eingeschworenen Antisemiten aber, für die das Handbuch von Fritsch mit seinen vielen Irrtümcrn und Entstellungen unfehlbarer Mcnfor ist, müßten eigentlich stutzig werden. Man stelle sich vor, daß Lord Rothermere einen" weniger freundlichen Artikel über Deutschland geschrieben hätte, gewiß hätte es nicht an Journalisten gefehlt, die unter Berufung auf Fritschs ״Handbuch der Judenfrage“ von einer ״jüdischen Hetze“ gesprochen hätten. Vielleicht können die Antisemiten aus diesem Beispiel sehen, daß das Prädikat Jude oft von ihnen mißbraucht wird. Die Lage der jüdischen Arbeitnehmer Der nachfolgende Artikel, der uns von einem Kenner der Verhältnisse zugehl, bi tont mit liecht die Notwendigkeil, die Interessen der jüdischen Arbeitnehmer wahrtmehmen. Dies ist zuweilen auch gegenüber jüdischen Unternehmern notwendig; wir erhielten Zuschriften,die uns darauf aufmerksam machen, daß manche jüdischen Unternehmer unter Vorspiegelung eines angeblichen Zwanges zur Gleichschaltung jüdische Arbeitnehmer henachteiligen oder entlassen, was sicher nicht im, Sinne der Regierung gehandelt ist, die stets betont, daß der Arbeitgeber sich seiner Ff lichten gegenüber den Arbeitnehmern bewußt sein muß. Was die in dem nachfolgenden Artikel gegebenen Anregungen für praktische Maßnahmen betrifft, so hallen wir es für selbstverständlich, daß ihre Durchführung nur in Fühlung mit den zuständigen offiziellen deutschen Stellen erfolgen kann. Red, Das größte Kontingent der im Erwerbsleben stehenden Juden in Deutschland stellen zweifellos die Arbeitnehmer, von diesen insbesondere die Angestellten. Man wird eher zu niedrig als zu hoch schätzen, wenn man die Zahl der jüdisehen Arbeitnehmer mit 55—60000 angibt, von denen sich sicherlich etwa 50000 im Angestelltenverhältnis befinden. Die Umwälzung in Deutschland hat sich nicht damit bcgnügt, die Juden, die sich in führenden Staatsstellungen befanden, zu beseitigen, sondern die übergroße Zahl der jüdisehen Arbeitnehmer bat unter dem Ansturm ihre Stellung aufgeben müssen. Sind durch die Gesetzgebung für die Beainten und die Behördcnangestellten auch nur einige wenige Sicherungen gegeben (Kncgsteilnahmc, Anstellung vor dein 1. August 1914, Verlust des Vaters im Kriege), — die im Privatverhältnis befindlichen Angestellten konnten noch nicht einmal durch diese Sicherungen irgendwelche Vorteile erreichen. Nicht nur die gleichgeschalteten Betrieb«, wie eine ganze Reihe von Warenhäusern und größeren Einzelhandelsgeschaffen, sondern auch jüdische Unternehmer rrnrdcn gezwungen. ihr jüdisches Personal zu entlassen. Rechtsmöglichkeiten, sich zur Wehr 7.u setzen, sind für die übergroße Zahl der jüdischen Arbeitnehmer nicht gegeben. Bis zum 30. Juni 1933 gehörte eine erhebliche Zahl der jüdischen Arbeitnehmer zwar gewerkschaftlichen Organisationen an, doch hat beisnielsweise der GDA. bereits seit Anfang Juni in vielen seiner Geschäftsstellen es abgelehnt, jüdische Arbeitnehmer zu vertreten. Seit dem 1. Juli ist die Lage für die jüdischen Angcstellten noch verzweifelter geworden. Auf Grund ihrer Mitglied- Schaft in den alten Organisationen stand ihnen selbstverständlieh neben der Rechtsberatung auch der Anspruch auf Unter- Stützung im Falle von Stellungslosigkeit zu. Diese Unter- Stützungen wuchsen mit der Dauer der Mitgliedschaft in den gewerkschaftlichen Organisationen. Mit der Errichtung der ״Deutschen Arbeitsfront“ und der Ueberführung beispielsweise aller kaufmännischen männlichen Angestellten in de» Deutschen Handlungsgehilfenverband und sämtlicher weiblichen Angestellten jn den Verband weiblicher Angestellten, wurden auf Grund des Arier-Paragraphen der Deutschen Arbeitsfront alle jüdischen Arbeitnehmer aus den neuen Organisationen ausgeschlossen. Damit haben sie auch alle Ansprüche, die auf Grund ihrer Mitgliedschaft entstanden waren, verloren. Man wird die Zahl der gewerkschaftlich organisierten, jüdischen Arbeitnehmer wiederum sehr niedrig annehmen, wenn man sie auf 35 000 beziffert. Legt man zugrunde, daß die jüdischen Arbeitnehmer im Durchschnitt nur fünf Jahre organisiert gewesen sind und einen durchschnittlichen Beitrag von monatlieh 3,50 M. geleistet haben, so ergibt sich, daß in den Kassenbeständen der zun neuen Deutschen Arbeitsfront gehörigen Organisationen sich etwa 1,5 Millionen Mark aus jüdischen Mitgiiederkreisen befinden. Man wird annchmen dürfen, daß etwa 33R3 0/0 der eingegangenen Beiträge zu _ Verwaltungszwecken gebraucht wurden, so daß immer noch die Summe von rund 1 Million Mark übrig bleibt. Die wichtigste Aufgabe im Interesse der jüdisollen Arbeitnehmer muß im Augenblick die Gründung einer jüdischen Arbeitnehmerorganisation sein. Nack Aussagen namhafter Führer der Nationalsozialisten würden Schwierigkeiten von dieser Seite nicht zu erwarten sein, wenn sich diese Organisation auf soziale Hilfsmaßnahmen beschränken würde. (Vgl. einen Beitrag von Stöhr im Mai-Heft des ״Deutschen Arbeitertums“.) Eine weitere Aufgabe für die Organisation müßte natürlieh darin bestehen, ihren Vertretern das Recht der Prozeß- Vertretung vor den Arbeitsgerichten und den Instanzen der Sozialversicherungen zu geben, um Ansprüche ihrer Mitglied- Schaft auch vor den zuständigen Instanzen vertreten zu können. Vielleicht das wichtigste Betätigungsfeld hätte darin zu bestehen, die bereits vorhandenen jüdischen Arbeitsnachweise in den Rahmen dieser Organisation einzuspannen und stärker als es bisher der Fall ist, zu zentralisieren, um eine sich über ganz Deutschland erstreckende Vermittlung jüdischer Arbeitnehmer vorzunehmen. Da es m. E. nur eine Frage der Zeit ist, wie lange die jüdischen Arbeitnehmer noch den Ersatzkrankenkassen der in der Deutschen Arbeitsfront zusammengeschiossencn Organisationen angehören dürfen, erwächst auch hier eine wichtige Aufgabe. Eine weitere Frage wirft sich auf, ob näm!ich_ die Allgemeinen Ortskrankerlkassen die Mitgliedschaft von Nichtariern aut die Dauer nilassen werden. In diesem Zusammenhang interessiert natürlich auch, ob den jüdischen Mitgliedern dieser verschiedenen Krankenkassen zugemutet werden darf, jüdische Aerzte ihres Vertrauens nicht aufsuchen zu dürfen. Die Bildung einer jüdischen Bernfskrankenkassc für Arbeitnehmer erscheint also im Hinblick auf diese Darlegungen als eine der dringendsten Aufgaben des Tages. Neben diesen vordringlichsten Dingen gibt es eine Reihe von Fragen untergeordneter Bedeutung, die aber auch der Klärung bedürfen. Hier soll nur eine angedeutet werden. Es lassen sieh natürlich im Rahmen dieses Artikels nicht alle Fragen entscheiden. Seine Aufgabe soll sein, alle Interessenkreise darauf aufmerksam zu machen, daß hier ein Aufgabengebiet liegt, dessen Bearbeitung nicht durch langwierige, theoretische Erörterungen, sondern durch den sofortigen, praktischen Beginn in Angriff genommen werden muß, H. M. Ein Schlag für die Juden? Der ״Völkische B e 0 b« achter“ veröffentlicht am 21. Juli einen Bericht aqs London unter der dicken Ueberschrift ״Ein neuer Schlag f i) r die englischen Juden“. Darin wird mitgeteilt, daß die ״Times“ in der kommenden Woche Auszüge aus Hitlere Buch ״Mein Kampf“ bringen wird. Diese Nachricht, die von allen deutschen Zeitungen mitgeteilt wurde, beweise, daß das repräsentative englische Organ seine Leser über die Ideenwelt des neuen Deutschlands informieren will. Warum muß der ״Völkische Beobachter“ auch bei einer solchen Nachricht die Juden hereinziehen? Die ״Times“ informiert ihre Leser sachlich über alle Vorgänge 1n der Welt, und sie hat sich bei ihrem Entschluß sicher w«ler von Sympathien noch von Antipathien für. die Juden leiten lassem Salfe arisch. Einer unserer Leser sendet uns den Prospekt dar Reichs-Seifenmesse, die im Herbst 1933 in Berlin »tattfindet. Für die Teilnehmer ist eine Postkarte beigelegt, aut der etwaig« Reflektanten für Ueberlassung von Ausstellungsraum erklären müssen, daß die Firma arisch ist. Wir glauben, daß hier wieder ein Fall vorliegt, wo die Anwendung des A.rier-Paragraphen zu weit getrieben ist und über das hinausgeht, was im Sinne der Wirtschaftspolitik der Reichsregierung liegt. Denn bei derartigen Veranstaltungen sollte zweckmäßigcrwcisc nach Qualität und nach wirtschaftlicher Bedeutung, nicht aber nach Abstammung gefragt werden. Oder ob etwa die Messeleitung die Juden von der Seifenausstellung atisschließen will, um Weiter von 1 ״seitensefjeuen“ Juden reden zu können?

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