Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 55 (11.7.1933)
- Date
- 1933-07-11
- Page
- Seite 328 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 326 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 55, 11. VIL 1933 Vor den Kongreßwaiden in Polen (Von unserem Korrespondenten.) —g. Warschau, 6. JuH. Die Wahibewegung rum zionistischen Kongreß ist in Poleb in vollem Gange. In Ost- und Westgalizien, deren zionistische Verbände von Kongreßpolen getrennt sind, finden die Wahlen schon am Q. Juli statt. Im Gegensatz zu Kongreßpolen ist hier die Stimmung viel ruhiger, die Temperamente viel mehr gebändigt. Es wurden in ganz Galizien gegen 130 000 Schekalim verkauft, es werden also auf dieses Land etwa 50 Mandate entfallen. In Westgalizien ist wie bisher dominierend die ״allgemeinzionistische״ Organisation, aus deren Rethen, wie bekannt, die Initiative zur Gründung des Weltverbandes der Allgemeinen Zionisten noch vor dem letzten Kongreß heryorgegangen ist. ln _ Kongreßpolen steht die allgemein-zionistische Organisation unter dem Einfluß der ״Radikalen“ bzw. des Abg. Grünbaum. Die ehemalige Eth-Liwnoth-Gruppe ist zwar dem Weltverbande der Allgemeinen Zionisten angeschlossen, ist aber an Einfluß und Zahl jetzt sehr schwach; ebenso bilden die ״Radikalen" in Ostgalizien eine sehr kleine Gruppe. (In Westgalizien sind sie überhaupt nicht vorhanden.) Das arheitszionistische Lager schreitet zur Wahl, sowohl in Kongreßpolen als auch in Galizien, mit zwei Listen. Der sogenannte ״Block des arbeitenden Palästina“ umfaßt die Poale Zion, den Hasehomer Hazair, den Hechaiuz und die Gordonia sowie diejenigen Teile der Hitachduth, die die Vereinigung in Danzig akzentiert haben. Dagegen haben die selh'-'tlindig gebliebene Hitachdnth-Partel in Kongreßpolen sowie deren Anhänger in West- und Ostgalizien eine eigene Liste ־/um Kongreß aufgestellt. Die Unterschiede sind hier weniger programmatischer (wenn auch solche vorhanden sind), als parteimäßiger Natur, Die Hitachduth in Polen verteidigt mit großer Zähigkeit ihre selbständige Existenz und will anläßlich, der Kongreßwahlen ihre Anhänger zählen. Die R c v i s i 0 n i s t e n treten, mit Ausnahme Wesfgaliziens, wo keine GroBmanii-Gruppe vorhanden ist, ebenfalls mit zwei listen auf. Die eine, von Jabotinsky geführt und vom Blüh Triimpe'dor unterstützt, repräsentiert wohl die Mehrheit der Revisionisten, die in ihrem Kampfe vor keinem Mittel zuriirkschrecken und nach der letzten ungemein scharfen Erklärung Jabotinskys eine jede Kritik seitens ihrer Gegner als ״Provokation“ brandmarken, die energische und unbedingte Abwehr seitens der Revisionisten verlange. Kein Wunder, daß nach einer solche» Terroransage, die schon hier und da mit Hilfe außerzionistisclier Faktoren in Szene gesetzt wurde, die gegenseitigen Beziehungen der Fraktionen, insbesondere der Revisionisten und der arbeits/ionistisehen Parteien, äußerst gespann* sind und insbesondere in Kongreßpolen die Gefahr tempcramcntvoller Ausbruche und Zusammenstöße leider vorhanden ist. Die Groß m n n n - O r 1! p p e behauptet, die demokratisehen Prinzipien der Zionistischen Weltorganisation hochhalten, den Kongreß unbedingt aufrechterhalten und die Kooperation mit anderen zionistischen Parteien anstreben zu wollen. Es wurde ihrerseits rin neuer revisionistischer Jugendverband mit dem Namen ״Brith Hakanaim“ ins Leben gerufen, der allerdings nach Zahl und Elan dem Brith Trumpeldor weit nachsteht. Die Bemühungen, daß beide revisionistische Gruppen wenigstens zum Kongreß einheitlich Vorgehen, scheiterten an den diktatorischen Forderungen Jabotinskys, der die Führung und die absolute Mehrheit für skh verlangte. Der ,,M i s r a c h i“, dessen Sympathien für den Revislonlsmus in Polen sehr stark sind, hat letztens, unter der Wucht der Ereignisse, beruhigend und vermittelnd eingreifen wollen, leider aber ohne Erfolg. Der Misrachi ist in allen Landesteilen vertreten und tritt überall einheitlich auf. Die Resultate der Kongreßwahlen in West- und Ostgalizien, die schon in den nächsten Tagen bekannt sein werden, werden aber für den Ausgang der Wahlen in Kongreßpoien, die erst am 23. Juli stattfinden, nicht maßgebend sein. In Kongrcßnolcn wurden in diesem Jahre über 250000 Scheka* lim (in Warschau allein über 18 000) verkauft. (Zum XVII. Kongreß wurden in Kongreßpoien 90 000 Schekalim verkauft und 33 Mandate zugewiesen.) Um die zur Verteilung gelangenden über 80 Mandate bewerben sich alle oben aufgezählten Parleien, der Hauptkampf aber wird zwischen dem revislonistisehen und dem arbeitszionistischen Lager geführt, dem die ״Radikalen“ in Kongreßpolen in diesem Kampfe nahestehen. Leider hat dieser Kampf Formenangenommen, die ein jeder aufrichtige Zionist schärfstens verurteilen muß. Dij Jugend wurde in diesen Kampf hineingezerrt, sie bringt ihre ehrliche Leidenschaft und starken Enthusiasmus mit, die aber leider In zwischenfraktionellen Kämpfen verpulvert werden. Es gibt keine Autorität und keine Faktoren, die mit Erfolg beruhigend wirken könnten. * *** Aus dem vorstehenden Bericht unseres polnischen Korrcspondcntcn geht hervor, daß die innerzionistische Situation in Polen ü heraus verworren ist. Die ״Jüdische Rundschau“ hat seit Jahren gegen den Pseudopariamentarismus und das Lieber wuchern des Partei- Wesens innerhalb der jüdischen Nationalbewegung Front gemacht und auf die großen Gefahren hingewiesen, die für das Judentum und den Zionismus daraus erwachsen müssen, daß die entstandenen Gruppen ihre Speziailnteressen über das Wohl der Gesamtheit steilen. Es ist überaus betrüblich zu sehen, daß in der jetzigen für das Judentum so ernsten Zeit, wo der Palästina-Aufbau dringend der geschlossenen Kräfte des Volkes bedarf, der innere Parteikampf derartige Formen annimmt. Man muß dem kommenden Zionistenkongreß mit den größten Befürchtungen entgegensehen. Angesichts dieser Lage verstärkt sich unsere Ueberzeugung, daß die hergebrachte Form des Zionistenkongresses den heutigen Anforderungen und der heutigen Sachlage nicht mehr entspricht und kein geeignetes Instrument für eine positive jtidische Aufbauaktion ist. Es ist höchste Zeit, daß sich denkende jüdische Kreise und vor allem alle wahren Zionisten mit diesem brennenden Problem beschäftigen. Wir haben nicht das Recht, die Entwicklung einfach ihren Weg gehen zu lassen, bis wir vor den verhängnisvollen Ergebnissen stehen, sondern wir müssen rechtzeitig mit scharfen Reformen an Haupt und Gliedern und gründlicher zeitgemäßer Umgestaltung der veralteten politischen Methoden eingreifen. Die Jahreskonferenz der Zionistischen Organisation Amerikas in Chicago (vgl. den Bericht in der vor. Nr.) schloß mit der Annahme einer Resolution, In der an die einzelnen zionistischen Parteien der Appell gerichtet wird, ihre bisherigen Differenzen zu vergessen und sich zu einer Koalition zusammenzuschließen, zu deren Führeni auch Dr, Weizmann gehören soll. Die bisherige Exekutive mit Morris Roth'00erg •n der Spitze wurde «riedergewShlt, Gut und B6sc Der ״Völkische Beobachter“ (München) berichtet am 6. Juli unter der Ueberschrlft ״Deutschland im Kampf gegen das Weltiudentum“ über einen Vortrag von Dr. Schott, dem Herausgeber der Schott-Briefe, der eine Verherrlichung der germanischen Rasse zum Inhalt hatte. Im Verlaufe dieses Vortrags hat der Vortragende, so wird berichtet, aus einem Buch ״Die Memoiren des Satans“ von Hans Hauptmann vorgelesen, worin die Weltgeschichte der letzten hundert Jahre aus der Perspektive des Teufels fcetrachtet wird. In dem Bericht des ״Völkischen Beobachters“ heißt es dann u. a.: ״Nach dem Motto Spenglers: ,Ueber Geschichte muß man dichten‘, wird hier ln genialer Art und Weise die Weltverfolgung des Deutschtums als ein mit allem Raffinement ausgeklügeltes System des Judentums Im Bunde oder als Vertreter des Teuflischen enthüllt.... Aber, trotz dieses Zerstörungssystems des Judentums hat sich das Lichtvolle und Gute im Germanentum wieder durchgerungen.... Dr. Schott betonte, daß der Kampf des Welt- Judentums gegen das neue Deutschland nicht der Sorge um ein paar ihrer Existenz beraubten deutschen Juden entspringe, sondern der ungeheuren Wut, sich in letzter Stunde um die Früchte einer 100jährigen Zerstörungsarbeit gebracht zu sehen. Das neue Deutschland habe einen unerhört harten und schweren Kultur- und Wirtschaftskampf gegen das Judentum zu führen. Aber da nun die Zufuhr neuen Giftes unterbunden sei, sei der Sieg dieses Kampfes, der Sieg des Oufen und Reinen, die Rückkehr zum germanischen Prinzip des Guten gewiß und unaufhaltbar. In diesem Sinne hat der Führer zu diesem neuen deutschen Leben eine göttliche Mission zu erfüllen, die sich als der heroische Kampf des Guten gegen das Böse in der Welt für ewig in die Geschichte der Völker eingraben wird.“ Nach einem klassischen Buch des Judentums steht am Anfang der Menschheitsgeschichte der Satz der Schlanze: ״Ihr werdet sein wie Gott wissend um gut und böse“, der Satz, den bekanntlich Mephisto dem Schüler Ins Stammbuch schreibt. Die Problematik von Out und Böse, der Menschennatur innewohnend, ist der Gegenstand des jahrtausende langen geistigen Ringens des Judentums, dessen zentrale Figuren nicht Kriegsheklen waren, sondern Propheten und Märtyrer. Es ist sicherlich ein guter Rat Spenglers, daß man Geschichte ״dichten“ müsse. Aber man darf sich auch in einer solchen Dichtung die Verteilung von Out und Böse nicht so leicht machen, wie es der Vortrag, über den hier berichtet wird, offenbar getan zu haben scheint. S.A.'Aktion gegen Aerzte Der ״Angriff“ vom 7, d. M. berichtet: Wie die Pressestelle der SA-Oru pne Berlin- Brandenburg mitteilt, hatte sich unter dem Namen ״B e - ratungsstelle für Aerzte“ in Verbindung mit der jüdischen Gemeinde zu Berlin eine Vereinigung marxistischer, kommunistischer und anarchistischer Aerzte aufgetan. Durch einen Zufall gelangte die Liste der Vertrauensmänner dieser Geheimorganisation bei der nationalsozialistischeu Aerztesehaft zur Kenntnis. Die SA-Aerzte Dr. Klaus und Dr. Villain benachrichtigten sofort das Geheime Staatspolizeiamt. An alle SA-Aerzte Berlins erging gestern Alarmbefehl: Sie hatten sich heute morgen um 6 Uhr mit ihren Dienstwagen auf dem Hofe des Geheimen Staatspolizeiamts cinzufinden. 6 Uhr: Die SA- Aerzte melden sich bei dem Adjutanten des Sanitätsgruppenführers, dem Standartenarzt Dr. Hahn. Um 6.15 Uhr: Assessor Ludwig vom Geheimen Staatspoliieiamt, der Leiter der Aktion, gibt die letzten Anordnungen. Jedem Arzt werden 2 Kriminalbeamte zugeteilt. 6.30 Uhr: 30 Wagen flitzen nach verschiedenen Richtungen auseinander, um die Herren Geheimbündler zu einem kleinen Frühstück aufs Polizeipräsidium einzuladen. 8.00 Uhr: 30 marxistische Aerzte sind verhaftet. Die Sichtung des Materials beginnt. Sie ergibt, daß die Aktion im vollen Umfange gerechtfertigt war. Die unter dem friedliehen Namen firmierende Geheimorganisation war eine Zentralstelle der G r e u e I p r o p a g a n d a v e r b r e i - tung. Landesverräterisches Material wurde in Massen gefunden. Marxistisches Material (Fortführung geheimer Wehr- und Sportorganisationen) ist auch im reichen Maße gefunden worden. * Die hier von der SA-Pressestelle mitgeteilte Aktion wird durch die Erwähnung einer Verbindung mit der jüdischen Gemeinde zu einer auch das jüdische Interesse beanspruchendtn Angelegenheit. In der jüdischen Gemeinde war, wie unsern Lesern bekannt, als eine Abteilung der Wirtsehaftshilfe eine ״Beratungsstelle für Aerzte“ eingerichtet worden, die solchen Aerzten, die durch die neuen Maßnahmen der Kassen usw. wirtschaftlich beeinträchtigt sind, zu helfen. Die jüdische Gemeinde hat, wie wir erfahren, wegen ihrer Hineinziehung in den schwer belastenden Bericht der SA-Pressestelle, bei den zuständigen Stellen Vorstellunfen erhoben. Eine endgültige amtliche Verlautbarung des rgebnisses der polizeilichen Untersuchungen steht noch aus. Ende de« *Verein« zur Abwehr" Es wird berichtet: Der vor 42 Jahren zur Zeit der Stöckerichen Propaganda von 535 christlichen Männern der Wissenschaft, der Kunst, der Literatur, des Handels und der Industrie gegründete ״Verein zur Abwehr des Antisemitismus“ hat vor einigen Tagen seine Auflösung beschlossen. Anläßlich seiner Gründung hatte der Verein einen Aufruf erlassen, in dem betont wurde, daß den Initiatoren des Vereins der Kampf gegen den Antisemitismus als Ehrensache gelte. Die Auflösung des Verein* sollte erfolgen, wenn einmal der Antisemitismus erloschen sein würde. Jetzt hat sich der Verein aufgelöst, weil seine Welterarbeit unmöglich geworden ist. Der gute. Wille und die Gesinnung der Gründer des ״Abwehr-Vereins“ soll nicht angezweifeit werden; aber der Zionismus hat schon frühzeitig anerkannt, daß die Judenfrage nicht durch ״Abwehrvereine“, weder christliche noch jüdische, zu lösen ist. Die Judenfrage verlangt tiefere Einsicht und andere, positive Mittel der Abhilfe. Sie ist keine Frage des ״Antisemitismus", den man daher such nicht dmch Traktätchen ״abwehren“ kann, sondern eine Frage der Gestaltung jüdischen Lebens und Wesens. Das ungewollt Schädliche an so edel gemeinten Bestrebungen wie denen des Abwehr-Vereins war, daß sie die Juden einschläferten und ihnen die Pflicht abnahmen, für sich selber elnzusfehen. Gegen Antisemitismus in der Schweiz Basel, 10. Juli. (J.T. A.) Auf Begehren des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes und des Schweizer Zionistenverbamies hat der Strafgerichtspräsident von Basel-Stadt die Beschlagnahme der sogenannten ״Protokolle von Zion“, bzvv. ״Die zionistischen Protokolle“ verfügt und ihre Weitcrverbreitung verboten. Der Israelitische Gemcindebund veröffentlicht gleichzeitig in der Tagespresse folgende Erklärung: ״Seit einiger Zeit werden in der Schweiz zwei in Deutschland gedruckte Schriftwerke vertrieben. Im Inhalt gleichlautend, führt das eine den Titel ״Die Geheimnisse der Weisen von Zion“, das andere ״Die zionistischen Protokolle“. In gleicher Aufmaclmng wird von den Verbreitern dieser Schrift erklärt, ״die zionistischen Protokolle“ seien echt. Gegenüber dieser Behauptung erklärt der Israelitische Oemeindebimd. der Schweiz als Vertreter sämtlicher jüdischer Kultus gemeinden des Landes: ״Die Zionistischen Protokolle“ sind nicht echt, sondern eine antisemitische Fälschung, deren Urheberschaft bekannt ist. Der Fälschungscharakter dieser Machenschäften wurde wiederholt durch Gerichtsurteile festgestellt. Der israelitische Gemeindebnnd der Schweiz, hält das diesbezügliche Material Interessenten zur Verfügung.“ Die ״Nationale Front“ hatte in Luzern eine öffentliche Versammlung einberufen, zu der 1500 Besucher, jedoch in erdrückender Ueberzahl Gegner der antisemitischen Propaganda, erschienen waren. Der vorgesehene Versammlungsleiter wurde abgesetzt und an seiner Stelle ein liberaler Vorsitzender gewählt. Als Abteilungsdivisionär Sonderegger, der Führer der Nationalen Front, das Wort ergreifen wollte, erhob sich ein ungeheurer Tumult. Versuche anderer Redner, gegen die Juden ausfällig zu werden, lösten stüi mischen Protest aus. Das Schlußwort hielt der Liberale Oberst Meyer, der erklärte, man wolle in Luzern weder Fronten noch Judenhaß. Die Ver- Sammlung faßte eine entsprechende Resolution. Kleine Nachrichten Wie die ״Preußische Zeitung“ berichtet, kam es anläßlich des Prozesses gegen den Generallandwirtschaftsdirektor Hippel zu judenteindlichen Kundgebungen im K 6nigsberger Gerichtsgebäude. Der Umstand, daß in den Zuschauerbänken eine Anzahl jüdisch aussehender Interessenten Platz gefunden hatte, rief den Unwillen der Abgewiesenen hervor. Die Erregung wuchs, als die Betreffenden jüdische Rechtsanwälte in Amtskleidung im Gerichtsgebiude bemerkten. Es wurden judenfeindliche Rufe lauf und erst, als die jüdischen Rechtsanwälte veranlaßt worden waren, aas Gebäude zu verlassen, trat Ruhe ein. Die Zeitung fügt hinzu, daß ähnliche Vorgänge sich auch an anderen Gerichten abgespielt haben. New York, 6. Juli. (J.T.A.) Der neuernannte Botschafter der Vereinigten Staaten in Berlin, William Dodd, erklärte vor seiner Abreise nach Europa, er habe bestimmte Instruktionen, von denen er hoffe, daß sie zu einer Verbesserung der Lage der Juden in Deutschland führen würden. Gleichzeitig teilte der Botschafter mit, daß er eine Besprechung mit Präsident Rooscvelt gehabt habe, bei der dieser eine Uebereinstimmung mit seinen, Dodds, Anschייו111 יeen betrefferid das Rassenproblem zu erkennen gab. im übrigen, erklärte Botschafter Dodd, seien die Ansichten Präsident Roosevelts in dieser Frage auf Grund seiner Haltung und seiner Handlungen in den Vereinigten Staaten bekannt. In Toronto fand eine Konferenz von Delegierten aller jüdischen Organisationen Kanadas statt, auf der beschlossen wurde, eine großzügige Sammelaktion zugunsten der Juden in Deutschland einzuleiten. Ferner wurde beschlossen, für den 21. Oktober d. J. einen allgemeinen Kongreß der kanadischen Juden einzuberufen. Arierp&ratfrapt» im Schach Der Berliner ״Montag“ vom 10. d. M. berichtet aus Bad Pyrmont vom 0. Juli: Bel der stark besuchten Hauptversammlung des bisherigen Deutschen Schachbundes e. V. gab der kommissarische Regierungsdirektor beim Oberpräsidium Brandenburg-Berlin, Otto Zander, zunächst bekannt, daß er von Reichsminister Dr. Goebbels mit der Leitung des Großdeutschen Schachbundes beauftragt worden sei. Darauf ent- Wickelte Zander sein Programm. Die verhältnismäßig kleine deutsche Schachgemelnschaft müsse jetzt beweisen, daß sie etwas wert sei. Eine große Werbung müsse für das Schach einsetzen, mit dem Ziel, an der ÜeberbHkkung der Klassengegensätze mitzuwirken. Es sei weniger wichtig, daß die neuen Männer alte Parteimitglieder seien, ausschlagfebend sei, daß Sie fanatisch - nationailtfich und fanatisch-sozialistisch eing#- stellt seien. Es sei Selbstverständlich, daß der Arier-Paragraph durchgeführt werde. Dann erklärte der Redner den Deutschen Schachbund für aufgelöst, der Großdeutsche Schachbund sei von jetzt ab die einzige deutsche Schachorganisation. Bisher galt das Schachspiel als international; bekanntlich gibt es zahlreiche jüdische Schachmeister. Wenn auch in diesen Zweig harmloser spielerischer Betätigung politische Gesichtspunkte herein getragen werden, zeigt dies, daß kein Winkel des deutschen Lebens von der durchgreifenden Politisierung, deren erster Ausdruck immer dir Arierparagraph ist, unberührt bleibt, ״Der Alpdruck von Rapallo". Der ״Völkische Beobachter" vom 8. Juli veröffentlicht einen Bericht ans Paris, worin die Bemühungen von Herriot, Deutschland zu isolieren, geschildert werden, insbesondere habe Herriot versucht, Italien und die Sowjetunion von Deutschland abzuziehen. Der ״Völkische Beobachter“ beschreibt die Absichten des französischen Staatsmannes folgendermaßen: ״Es galt, den ,Alpdruck (soll wohl heißen ״Albdruck“ — A. d. ״J. R.“) von Rapallo‘ zu beseitigen, einen Keil zwischen die freundschaftlichen Beziehungen von Deutschland und Rußland zu treiben.“ Aus diesen Bemerkungen ist zu entnehmen, daß der Vertrag von Rapallo hier als ein großes A k 11 v u m der deutschen Politik gewertet wird. Dieser Vertrag ist aber, wie jedermann weiß, das Werk des damaligen deutschen Außenministers Walther Rath entu, der im ״Völkischen Bcobachter“ und in anderen Blättern beständig als jüdischer Landesverräter und Verderber Deutschlands bezeichnet wird. Wir würden es als ritterlich empfinden, wenn der ״Völkische Beobachter“ bei seiner positiven Bewertung des Rapallo-Vertrages auch Seines Urhebers gedenken würde. Die Relchsvertretung der deutschen Jude« verlautbart: Der ״Bund der jüdischen Arbeitnehmer“ wendet sieh in einem Aufrut an die Jüdischen Arbeitnehmer mit der Aufforderung, ihm beizutreten, und mit der Mitteilung, daß er die Aufgabe übernommen habe, die jüdischen Arbeitnehmer zu sammeln und ihnen eine Interessenvertretung zu bieten. Es wird darauf hingewiesen, daß der ״Bund der jüdischen Arbeitnehmer“ in keinerlei Verbindung mit der Reichsvertretung, dem Zentralaustchuß und sonst einer der ihnen angeschlossenen Organisttionen steht. Es erscheint nicht zweckmäßig, im Jetligen Augenblick, in dem die Oewerkschaftsftage noch ungeklärt ist, die Gründung jüdischer Arbeitnehmer- Organisationen vorzunehmen.