Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1933-07-11 · Heft 55 (11.7.1933) · p. Seite 327

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 55 (11.7.1933)
Date
1933-07-11
Page
Seite 327 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2651273-2653725-2653782--23865-2686779
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 55,11. VIT. 1933 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 325 ׳״/ 1933 ellung zu n auslän- Jen Kopf ir uns in m irgend es dabei ״Maner Ztg.“ ts Judenufschland eil Juden ktiven mg, der »fähigen n F ü h -;en. Aber t leichter eti Kund- Erleichtejüdischen redigkeit, geradezu hen. So isch-jüdi- 1er durch e Juden- ״Unser irin wird jüdischen Golding: n, Georg deutschwürde ne zu c e n. in- :echte der Deutschnodemen itea deui- מ diese ch erherch diese he Geist Leistunnicht nur Jas Weltleistes der gro• ins deut- Deutschlichkeiten s e seine deutsches Cunst mit itoren best mitzurelanglos. n jüdigebrachte :rung des Respektsimila- 1g besondie jüdi- ■er reprä- :n Juden 5 solche ist, wenn nicht gemg eines t ein »eit von der :ne Land worden, rabischen eil dieses ht, klafft. es, nicht ie Krank- Die Panstitution wird sich t und mit üdisch!in als zu inen und ieten und ug, es zu stein. 1iger Zeit Jukt des c als panun der Geschick lästinensi- 11 bald in :ine sehr den. . Hopkins iition hat eit vielen us dem nagoge während kmal. Aut ler Juden Führung ißung in Die deutsche Jodenfrage im Unterhans Die Debatte, die am 5. d. M. im englischen Unterhaus im Rahmen einer Budgetberatung des Auswärtigen Amtes stattfand und be! der auch über Deutschland gesprochen wurde, zeigte wieder die eigentümliche Rolle, die die J u d e n f r a g e in solchen politischen Erörterungen speziell in den angelsächsischeu Ländern spielt. Die englische Politik und Kultur beruht auf den Grundlagen der Toleranz und der Gleichachtung aller Individuen als Staatsbürger, ungeachtet ihrer Religion und Rasse. Damit ist nicht gesagt, daß R a s s e n f r a g e n für die Engländer gleichgültig sind, vielmehr wird gesellschaftlieh gerade seitens des konservativen England eine Schranke auch gegenüber den Juden bewußt aufrechterhalten; aber im politischen und staatsbürgerlichen Leben dürfen diese Dinge keine Rolle spielen, sie gehören in eine ״private“ Sphäre. Das neue Deutschland aber entsteht aus einer ganz andersartlgen Staats- und Lebensphilosophie. Hier ist das Prinzip der ״Totalität“ aufgestellt, die das Private fast nicht kennt, und die völkische Weltanschauung läßt Toleranz gegen andere Rassen nicht zu. Wenn die Engländer sich gegen diese so eiementar und wuchtig aufgetretene Lehre wenden, dann tun sie das nicht auf jüdische Veranlassung und auch nicht in erster Linie um der Juden willen, sondern sie verteidigen das P r i n ־ zip, auf dem sie fußen. Es ist darum auch kein Zufall, daß in diesem Punkt alle englischen Parteien einig sind, und einen kontinental-europäischem Leser des englischen Par־■ lamentsberichts mutet es sonderbar an, wie die Hauptredner der einander feindlichsten Parteien einander ankomplimentieren und den gegenseitigen Reden zustimmen. Für Deutschland, in dessen außenpolitischem Kalkül England eine große Rolle spielt, ist dieser Gegensatz politischer Anschauungen nichts Ueberrasdiendes, aber letzten Endes werden außenpolitische Beziehungen nicht von solchen Weltanschauungsfragen, sondern von den realen Interessen der Staaten entschieden. Wir erleben dauernd, wie Staaten ganz verschiedener innerer Struktur und verschiedener gedanklicher Konzeption miteinander Verträge schließen und sonstige politische Verbindungen eingehen, wenn das Interesse es erfordert. Es ist daher für die deutschen Juden wichtig, anläßlich derartiger außenpolitischer Vorgänge das Verhältnis von Innenpolitik und Außenpolitik richtig abztvschätzen. Die deutschen Juden müssen wissen, daß trotz aller Betrachtungen, die etwa englische Staatsmänner auf Grund ihrer politischen Weltanschauung (des Liberalismus) über die Judenfragen anstellen, wenig zur Entwirrung der Frage des Verhältnisses der Juden in dem von einer ganz andern, der nationalsozialistischen Weltanschauung beherrschten Deutschland beigetragen wird. Englands und der anderen Länder (e t nschließlich Deutschlands) Hilfe zur Lösung der Jaden frage kann nur insofern produktiv sein, als diese Länder den Aufbau eines neuen Judentums unterstützen, das in sich selbst die Quelle der Gesundung trägt, durch seine attra ktive Kraft die Juden an sich fesselt und dadurch die andern Völker, die die Juden ablehnen, von ihnen befreit. Nachstehend geben wir an der Hand der in verschiedenen Zeitungen erschienenen Berichte einen UeberbKck über den Verlauf der Debatte, soweit sie sich mit den Juden beschäftigte. (Der größere Teil der Reden, der der Frage der Abrüstung galt, gehört nicht zu dem Gegenstand, über den w i r zu sprechen haben, obwohl sich gerade hier zeigte, daß die ״Deutschfeindliehkeit“ des Unterhauses, von der die deutsche Presse spricht, ihre Hauptmotive nicht in der Judenfrage hat ) Die Debatte wurde eingeleitet durch den Führer der Opposition, George Lansbury, der an die englische Regierung appellierte, sie möge die Initiative für eine Aktion des Internationalen Roten Kreuzes zugunsten der Flüchtlinge aus Deutschland ergreifen. Ferner fragte er den Außenminister, ob nicht auf Grund von Art. 11 des Völkerbundpaktes die Angelegenheit der Behandlung von Minderheiten in Deutschland aufgegriffen werden könne. (Art. 11, Abs. 2 laufet: ״Es wird weiter festgestellt, daß jedes Völkerbundsmitglied das freundschaftliche Recht hat, die Aufmerksamkeit der Bundesversammlung oder des Rats auf jeden Umstand zu lenken, der von Einfluß auf die internationalen Beziehungen sein kann und daher den Frieden oder das gute Einvernehmen zwischen den Nationen, von dem der Friede abhängt, zu stören droht.“ — Anm. d. Red.) Sir Austen Chamberlain betonte, es sei für einen ehemaligen Außenminister natürlich, mit großer Zurückhaltung über die internen Angelegenheiten eines anderen Land es zu reden. Es sei ja leicht, noble Gesinnungen auf Kosten eines Dritten zu äußern, und wenn man über anderer Leute Angelegenheiten redet, könne man leicht mehr Schaden als Nutzen stiften. Aber es sei schwer für England, in wirklich freundschaftlichen Beziehungen zu einem Land zu stehen, das aus seiner Politik die Gedanken verbannt, die für alle britischen Parteien grundlegend sind. ״Können wir wirklich freundschaftlich mit einer Nation stehen, die aus Gründen der Rasse ein Volk innerhalb ihrer eigenen Grenzen brandmarkt und ihm die bürgerliche Gleichberechtigung verweigert?“ Der Redner führte weiter aus, daß manche Vorgänge in Deutschland die Empfindungen der Engländer verletz;!! und verbreitete sich dann über die Politik, die er selbst als Außenminister getrieben habe, um, wie er sagte, Deutschland als gleichberechtigt in den Kreis der Nationen zu bringen lind der Politik der ״Nadelstiche“, die auf Versailles folgte, ein Ende zu machen. Col. Wedgwood (Unabhängiger) befürwortete ein Zusammengehen Englands und Amerikas zwecks Einflußnahme auf die deutsche Regierung in der Judenfragc. Abg. Bernays (liberal) schilderte die Eindrücke einer Deutschlandreise und fragte die Regierung, ob für jüdische Emigranten aus Deutschland nicht mehr in England geschehen könne als bisher. Abg. Jänner (liberal) besprach die Wirtschaftliehen Auswirkungen der deutschen Politik für die Juden, Abg. Mander trat der oft geäußerten Ansicht, es handle sich bei den deutschen Judengesetzen nur um einen Uebergang, entgegen. Die Debatte wurde abgeschlossen durch eine Rede des Außenministers Sir John Simon der 1t. a. etwa folgendes sagte: Es seien in England Anzeichen von Beunruhigung über die allgemeine Situation, besonders aber über die Lage, in der sich gewisse Minderheiten in D e u t sc hl an d — damit seien nicht nur die Juden gemeint — befinden, vorhanden gewesen. Was über Deutschland gesagt worden sei, sei nicht im Geist engstirniger Kritik geäußert worden. Es war der wahrhafte Ausdruck einer Reaktion des englischen Volkes als Ganzes. Es gab in England seit vielen Jahren eine starke Strömung innerhalb der öffentlichen Meinung, lie keineswegs blind war gegen Deutschlands Fordemnfen im Zusammenhang mit seiner Nachkriegsstellung. Die ragik liege darin, daß die letzten Ereignisse so stark dazu beigetragen hätten, daß «in Teil dieser Sympathie, die Deutschland seiner Ansicht nach nötig habe, verloren habe, und zwar gerade bei denen, die Deutschland am freundliebsten gesinnt gewesen waren. Das englische Volk sei gerecht und großherzig, aber gewisse Dinge könnte es nur schwer verstehen. Er hoffe überhaupt, daß die Zeit kommen wird, in der England mit gutem Gewissen und ganzem Herzen zu der Lösung der europäischen Probleme beitragen könnte. Das aber könne nur geschehen, wenn es volles Vertrauen in die gerechte Behandlung der Minoritäten in allen Teilen der Welt setzen könne. Was die Zulassung von Flüchtlingen aus Deutschland nach England betreffe, so habe er hierüber Erkundigungen eingezogen. Anscheinend würden die Einwanderungsvorschriften in einer die jüdischen Kreise Englands befriedigenden Weise (? — A. d. R.) gehandhabt. Die Behörden hätten ihr Möglichstes getan, um mit den verantwortlichen Vertretern der jüdischen Gemeinschaft innerhalb und außerhalb des Parlaments, die sich mit der Angelegenheit befassen, in Verbindung zu bleiben. Was die Frage Palästina betreffe, so seien, den letzten Informationen zufolge, alle von den Vertretern der Jewish Agency in Deutschland vorgebrachten Ansuchen berücksichtigt worden. Der Außenminister erklärte, er werde bezüglich dieses Punktes weitere Erkundigungea cinziehen und deren Ergebnisse dem Hause mitteilen. * Die ganze deutsche Presse hat zu der englischen Unterhaus-Debatte Stellung genommen und besonders die Anfriffe Sir Austen Chamberlains und die Erklärung Sir ohn Simons zurückgewiesen. Das halbamtliche W. T. B. hat d^zu einen Kommentar verbreitet, worin es heißt: ״Sir John Simon erklärt zwar, daß er die deutschen Probleme in aller Freundschaftlichkeit behandeln wolle, und es liegt uns sicherlich fern, daran zu zweifeln. Wir wollen abeT doch zum Ausdruck bringen, daß ebensowenig wie es die englische Regierung gern sehen würde, wenn man sich in innerpolitische Angelegenheiten einmischt, auch Deutschland es ablehnt, wenn ein fremder Staatsmann, wie Simon es vor dem Unterhaus getan hat, sich mit deutschen innerpolitischen Fragen beschäftigt. Dieser Wunsch ist um so mehr gerechtfertigt, als Sir John Simon weder im Hinblick auf Tatsachen richtig unterrichtet ist, noch auch dem, was in Deutschland vor sich geht, das notwendige Verständnis entgegenbringt, wo in Deutschland halbverhungerte Menschen gefunden sein sollen, bleibt sein Geheimnis. Daß ferner die Judenfrage nicht, wie es immer wieder geschieht, als eine Rassenfrage schfechthin behandelt werden darf, sollte ihm bekannt sein, handelt es sich doch in erster Linie darum, das jüdische Element in Deutschland auf das Maß an Beteiligung am öffentlichen Leben und an sonst!-! gen Einflüssen in Beruf usw. zurückzuführen, wie ihm seiner anteiligen Bevölkerungsziffer tatsächlich zukommt. Wenn es auch schon außerordentlich schwierig sein wird, andern Völkern Ratschläge zu geben, wie sie sich ihr innerpolitisches Leben gestalten sollen, so ist dies dann um so bedenklicher, wenn es auf Grund von falschen Informationen und ohne Verständnis für die deutschen Vorgänge geschieht, dazu noch von einem so verantwortungsvollen Platz aus, wie es der englische Staatssekretär getan hat.“ Die ״Frankl Ztg.“ vom 9. d. M. schreibt in ihrem Leitartikel: ״Gibt die Angelegenheit der deutschen Juden- Schaft die geeignete Basis für eine Debatte im Unterhaus über die englisch-deutschen Beziehungen? ln dem Augenblick, wo man annimmt, es sei zur Lösung des Problems der Judenschaft in Deutschland vom Ausland her beizutragen, verkennt man, daß man hier eine Frage anschneidet, die Im eminenten Sinne eine innerdeutsche geworden ist. Daran ändert auch der Umstand nichts, daß ganz augenscheinlich jenes rassenmäßige Denken, das einem neuen Deutschland zur Voraussetzung gemacht wird, von englischer Psychologie sich grundsätzlich unterscheidet. Für die Lösung der in diesem Bereich sich ergebenden Probleme bleiben ausschließlich diejenigen verantwortlich, die es aut sich genommen haben, Deutschland eine neue Gestalt zu geben.“ Ist Palästina ״Provinz"? Eindrücke von einer Palästinareise, Nachdem man — als eben aus Palästina zurückgekehrfer Tourist — von Tel-Awiw und Hadar-Hakarmel, vom Emek und dem Scharon und noch von tausend anderen Dingen erzählt hat, wird man am Ende, und nicht nur von der Sache Fernstehenden, sondern auch von Freunden und Anhängern, auf den Zahn gefühlt: ״Ist Palästina nicht Asien? Ist es nicht Orient? Und — ist es nicht ein bißchen abseits, ist es nicht ,Provinz‘?“ Diese Frage hört man besonders in Westeuropa, in den Städten, wo Komfort und Weltverkehr selbstverständliche Dinge sind. Man hört sie aus dem Munde von Leuten, die sich ein Leben ohne Morgen-, Mittag- und Abendblatt, ohne Schnellverkehr und automatisches Telephon nicht denken können. Hinter dieser Frage lauert die Angst, daß man sich durch Seßhaftmachung in Palästina freiwillig außerhalb der großen Welt verbannt. Es soll hier nicht darauf eingegangen werden, ob die Bewertung der zivilisatorischen Errungenschaften von Berlin, Paris, London oder New York in jeder Hinsicht berechtigt ist, und ob die Rückkehr zu einem, vom jüdischen Standpunkte aus gesehenen, natürlichen, normalisierten Leben innerhalb der eigenen Gemeinschaft nicht hundertmal schwcrer wiegt. Ich will lieber versuchen auf die Frage Antwort zu geben, die an mich gestellt wurde. Zunächst ist, vorwegnehmend, zu sagen: Palästina, «Jas neue jüdische Palästina, ist anders. Viel- ״THEODOR HERZL LEBT“ Zwei Gedenkfeiern tum Jahrestag des Sdtöpfcn der Zionist. Bewegung Dienstag, 18. Juli, 20H Uhr im Bach - Saal! Lützow- Straße 76. Reditati EUIS ADERBACH Mittwoch, 19• Juli. 20אUhr im Lelirervereiiiehau•• Alexanderplatz Redner: SIEGFRIED BANOWITZ In beiden Feiern: Orchester jüdischer Musiker Leitung: Michael Taube. Ei mole rachamim: Leo Golanin. Rezitationen: Meinhart Maur. Karten zu RM 2,-, 1.50, 1,-, 0,50• Reservierte Karten müssen bis 8ps testens Monttß bzvr. Dienstag, 2 Uhr im Büro der B. Z. V., Meinekcst*10 .׳ abgeholt sein. An der Abendkasse» keine Reservierungen. BERLINER ZIONISTISCHE VEREINIGUNG leicht wird es einst, wenn der große jüdische Aufbau in den Hauptdingen vollendet sein wird — und wann ist ein lebendiger Organismus jemals vollendet? — möglich sein, Vergleiche zwischen dem ״Judenland Palästina“ und anderen Ländern anzustellen. Heute, wo im jüdischen Palästina alles in Bewegung und im stürmischen Werden ist, wo Energien und Wegrichtung, nicht aber abgeschlossenes Werk und gebahnte Wege, die Hauptsache sind, können keine Vergleiche angestellt werden, und darum muß der zusammengefaßte Eindruck so lauten, wie er ausgedrückt wurde: Palästina ist anders! Tragen die jüdischen Pioniere und Einwanderer Europa mit sich und setzen sie es in Palästina unverändert fort? Europäisieren sie Asien oder orientalisieren sie Europa? Diese Fragen können noch nicht beantwortet werden. Eins muß man im Auge behalten: Europa ist nicht nur eine bestimmte Lebensform, ist nicht nur Zivilisation, sondern auch Landschaft, Licht und Luft, in Palästina sind Landschaft, Licht und Luft anders; darum muß zwangsläufig das Europäische, welches die jüdischen Einwanderer ins Land bringen, im Laufe der Entwicklung nicht nur abgewandelte Form annehmen, sondern auch einen andern, innern Sinn bekommen als in der europäischen Heimat. Andererseits sind die jüdischen Einwanderer, trotz Rassentheorie, keine Asiaten. Darum können sie, in der ersten Generation und vielleicht auch in vielen folgenden, keine Orientalen werden. Drittens: die Welt wird durch tausend Faktoren immer stärker zu einer höheren Einheit, und Orient und Okzident rücken durch die vielen andern Methoden des Verkehrs und der Mitteilung nicht nur zeitlich, sondern auch räumlich näher. Sie gehen ineinander über, allmählich, ohne scharfen Knick. Der Tieferblickende erkennt trotzdem: ln Palästina entsteht aus der Verbindung zwischen jüdischen Menschen, dem Lande und den europäischen Methoden etwas Neues, das jetzt noch nicht fertig ist. Palästina ist anders. Ist Palästina .,Provinz“? Und ״Provinz“ kann ja überall sein; in England, in Deutschland und in Frankreich. Damit wir uns verstehen: Was ist ״Provinz“? Eine eindeutige Definition ist schwer zu gehen. Vielleicht wird folgendes die Vorstellung klar machen, die man an den Begriff ,,Provinz“ zu knüpfen hat. ״Provinz“ ist etwas abseits Liegendes, in der ״großen Welt“, auch der des eigenen Landes, Unbekanntes, ist Gegend, wo das Leben geruhsam verläuft, wo es nur abwechslungsloscn Alltag gibt. Provinz ist ein Rayon, wo seine Majestät ״man“ regiert ln der Provinz trägt ״man“ sich so und nicht anders, ln der Provinz geht ״man“ in ein bestimmtes Lokal und meidet ״man“ ein anderes, ln der Provinz benimmt ״man“ sich nicht so und nimmt ״man“ stets Rücksicht In der Provinz hat man vor nichts so viel Angst als vor dem Gerede der Leute, und klatscht ״man“ mehr als überall in der Welt. In die Provinz gelangt nur das Echo der großen Ereignisse und die Stimme der Provinz dringt nur gedämpft und sehr selten zur Kenntnis der Entscheidenden. In der Provinz ist man mißtrauisch, dem Neuen unzugänglich, und nirgends fühlen sich Herkommen, und mag es noch so sinnlos sein, sowie Heuchelei so wohl wie in der , Provinz“. In die ״Provinz“ verirren sich nur sehr selten Menschen, von denen nur 10 aufs Dutzend gehen. Die Perspektive der ״Provinz“ macht das Geschehen der Welt schief und verzerrt. Provinz schließlich muß nicht in jeder Hinsicht ״Provinz“ sein. Es ist nicht unbedingt nötig, daß irgendeine Gegend Zentrum in jeder Hinsicht sein muß, um nicht als Provinz zu gelten. Es genügt, daß eine Gegend in irgend einer Be- Ziehung, auf dem Gebiete der Kunst, Wissenschaft, neuer Gemeinschaftsformen einmalig oder gewesener Schauplatz großer historischer Vergangenheit ist, damit sie nicht Provinz sei. Eine in wenig Jahren gewachsene Millionenstadt ln Amerika kann Provinz sein, während das viel kleinere Athen niemals zur Provinz herabzusinken vermag. Nun erst kann cs verstanden werden, wenn die Bezeichnung ״Provinz“ für das jüdische Palästina mit Entschiedenheit abgelehnt wird. Die Städte Palästinas, sowohl die vor Jahrtausenden begründeten wie auch die ncuentstandenen, sind aller Welt 'bekannt. Es gibt Orte mit einer Bevölkerung von vielen Hunderttausenden, deren Namen der Kulturmenschheit fremd sind und bleiben werden. Jerusalern, Haifa, Tibcrias und auch Tel-Awiw sind jedermann bekannt. Das jüdische Palästina kann sich nicht beklagen, daß es ein vergessener Winkel ist und seine Bewohner keine Beachtung finden. Im Gegenteil, das jüdische Palästina steht nicht nur im Brennpunkt des Interesses von Juden auf dem ganzen Erdenrund, sondern ist Gegenstand der Aufmerksamkeit für jedermann, der sich für große menschliche Bewegungen interessiert. Auch in Palästina kann man dessen gewärtig sein, daß man die führenden Menschen der Welt irgend einmal von Antlitz zu Antlitz zu sehen bekommt. Man hat in Palästina das Gefühl, mitten im Strome des Weltgeschchens zu leben. Die Menschen in Palästina sind aufgeschlossen, allem Neuen zugänglich, persönlich frei und der Quälgeist ״man“ peinigt niemanden. Dieser Zustand ist auf die große Zahl von Pioniermenschen zuriiekzuführen, die bisher ins Land gekommen sind. Die Auslese von Energie, Intelligenz und Idealismus verschiedenster Grade beherrscht die öffentliche Meinung, und darum ist das jüdische Palästina nach keiner Hinsicht Provinz im üblen Sinne des Wortes. Hinzu kommt, daß Palästina auch zivilisatorisch keine ״Provinz“ ist. Es geschieht immer was, und das hält die Menschen in Spannung und läßt sie weder geistig noch moralisch verfetten. Einst sagte mir ein europäischer Globetrotter: Am besten wäre es, man könnte in Berlin wohnen, in Wien essen und in Paris leben. Ich glaube: das jüdische Palästina entwickelt sich nach einer Richtung, die es einem geistig bewegliehen, interessierten, kultivierten Menschen ermöglichen wird, in Jerusalem, Haifa oder in Tel-Awiw zu wohnen, zu essen und zu leben. Außerdem besteht nicht nur die Möglichkeit, sondern die fast an Gewißheit grenzende Wahrscheinlichkeit, daß Palästina, die Stätte großer historischer Vergangenheit, nicht nur ein Zentrum neuer Gemeinschaftsformen, sondern auch ein Brennpunkt aller möglichen Interessen zwischen drei Kontinenten werden wird. An dieser Entwick- Iung teilzunehmen und Zeuge dieses Werdens zu sein, bedeutet nicht Verbannung in kolonisatorische Wildnis, sondern Aufstieg zu einem erfüllten Leben auf hoher, weithin sichtbarer Warte. s. n. Unter Bezugnahme auf die Zuschrift, die Sir Robert Waley Cohen über Kapitalanlage in Palästina an die ״Times“ richtete (vgl. ״Jüd. Rundschau“ Nr. 53), schreibt in der letzten Nummer Dr. W. H. McLean, konservatives Mitglied des Unterhauses, an die ״Time s“ einen Brief, worin darauf hingewiesen wird, daß nicht nur Menschen und Geld für die Entwicklung eines Landes nötig sind, sondern auch Absatzmarkte. Diesen Gesichtspunkt habe man bisher vemachlässigt, was einer der Hauptgründe der Weltkrise ist. ״Da ich,“ schreibt der Einsender, ״in den ersten Jahren des Wiederaufbaus Palästinas nach dem Kriege den Vorzug hatte, diese Arbeit fördern zu dürfen und ich eine Liebe zu dem Lande habe, hoffe ich, daß die günstige Ent- Wicklung, die Sir Robert voraussagt, eintreten wird. Aber sie kann nur dann dauerhaft sein, wenn sie auf der hier erwähnten ökonomischen Basis, nämlich durch die Sicherung von Absatzmärkten, durchgeführt wird.“ 1

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.