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Jüdische Rundschau · 1933-07-07 · Heft 54 (7.7.1933) · p. Seite 317

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 54 (7.7.1933)
Date
1933-07-07
Page
Seite 317 (sequence 9)
Language
German
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DIE JÜDISCHE SCHULE Blätter für jüdische Erziehung 7. Juli 1933 Beilage der ״Jüdischen Rundschau“ Nummer 2 Unsere Beilage ״Die jüdische Schule“ hat im Kreise der jüdischen Lehrer und Erzieher lebhaften Widerhall gefun- ו den. Wir ersehen daraus, mit welcher gewaltigen inneren ‘Anteilnahme die jüdische Ocffcntlichkeit heute die Frage der Bildung und Zukunft der jüdischen Kinder begleitet. Die ideelle Bedeutung jüdischer Erziehung als seelischen Rückhalt hat soeben ein Nichtjude, Lloyd George, in einer (an anderer Stelle unserer Zeitung wiedergegebenen) Rede gewürdigt. Vielen Jaden jedoch fehlt diese Erkenntnis noch. Wir müssen leider feststeilcn, daß man an die Schaf• fung der für unsere Kinder heute besonders wichtigen Einrichtungen nur sehr zügernd hcrangeht. Um so wichtiger ist es, daß die jüdische Oeffentlichkeit sich mit den Fragen der jüdischen Schule und des jüdischen Unterrichts ständig belaßt. Je stärker auch an den deutschen Schulen die Rassenlehrc zum Fundament der Erziehung wird, um so dringlicher ist es, den jüdischen Schülern ein Aequivalcnt zu gehen, das sie vor seelischem Schaden bewahrt. Unsere Erziehungs-Beilage wird auch weiter sowohl die grundsätzliehen Fragen, als auch Einzelfragen behandeln. Wir rechnen dabei auf die aktive Mitarbeit aller an einem neuen jüdischen Erziehungswesen interessierten Kreise. Zugleich verweisen wir auf den Beitrag ״Unser Bildungsziep' von Martin B u b e r in der heutigen Nummer. Jüdisches im Zeichen* und Werkunterricht Von Adele Rosenbaum-Reifenberg (Berlin). Dem Zeichen- und Werkunterricht wurde an den heutigen jüdischen Schulen fast immer die angemessene Bedeutung zuerkannt. Wie in diesem Unterricht bewußtes tudentum gepflegt werden kann, darüber möchte ich einiges erichten. Von kunstgeschichtlich wichtigen Epochen und Personlichkeiten werden diejenigen, die einen besonderen Zusammenhang mit der Bibel und der jüdischen Geschichte haben, auch unter diesem Gesichtspunkt behandelt. Bilder von Synagogen und Kultgeräten. eine Rekonstruktion des Tempels wurde gezeigt; das jüdische Museum wurde besucht. Auch Abbildungen von palästinensischen Ausgrabungen aus den Büchern meines Bruders Dr. Adolf Reifenberg (Jerusalem) ״Palästinensische Kleinkunst“ und ״Architektur und Kunstgewerbe im alten Israel“ erweckten großes Interesse der Kinder. Von der großen außerjüdischen Kunst haben besonders Michelangelo und Rembrandt wegen ihres Verhältnisses zum Alten Testament für uns eine ״jüdische“ Bedeutung. Es ist selbstverständlich, daß den Kindern auch gezeigt werden muß, was Juden in der bildenden Kunst, als Baumeister, als Maler, Bildhauer und als Kunsthandwerker im Mittelalter wie in den letzten Epochen geschaffen haben. Israels, Pissaro, Liebermann, Ury wurden gezeigt und besprochen; ebenso, um den Zusammenhang mit der Gegenwart zu wahren, auch die Kunst der jüngeren Generation. Es gibt kaum etwas, was augenblicklich die Kinder mehr interessiert als die Briefe ihrer nach Palästina gegangenenMitschiiler; soweit wie möglich, habe ich diese veranlaßt, ihre Briefe zu illustrieren, ihre Eindrücke zeichnerisch wiederzugeben. Auch hiermit möchte ich diese Bitte nochmals öffentlich wiederholen, da eine solche biidliehe Mitteilung von Kind zu Kind den Hiergebiiebenen viel mehr gibt als eine Photographie; die palästinensische Land- Schaft wird den Kindern dadurch viel anschaulicher und unterstützt den Zeichenunterricht bei der Darstellung biblischer Motive. Die Bibel In ihrer großartig-einfachen Anschaulichkeit, in ihrer naiven Eindringlichkeit ist ja die größte Fundgrube für die malerische Erfindungsgabe unserer Kinder; es gibt immer wieder neue Motive, an denen sie sich versuchen. Am meisten aber beeinflußt unsere Schüler Form und Inhalt der jüdischen Feste; an einigen Beispielen möchte ich zeigen, wie der Zeichen- und Werkunterricht benutzt werden kann, um diese vorzubereiten und zu gestalten. Rosch Haschanah: Es werden schön geschriebene mit ornamentalen Zeichnungen versehene Glückwünsche an die Eltern entworfen und ausgeführt. Nach dem Fest wird die Aufgabe geste11t; Eindrücke von der häuslichen und fottesdienstüchen Feier wiederzugeben. Ein Kalender mit ildlichen Darstellungen wird angefertigt. Jom Kippur; Darstellung eines betenden Juden in großem Tallis und weißem Hemde; anschließend Betrachtung von Bildern jüdischer Maler, die dies Motiv behandeln. Aufgäbe für die Kinder, das ״Anbeißen“ darzustellen. Besonders Beliebt ist bei Kindern die Wiedergabe des Schofarbläsers. Chanukka h: Anfertigung von Chanukkah-Leuchtern in Holz, Metall oder jn Keramik. Die Hauptfeier in der Schule besteht meist aus einer Theateraufführung; ein von mir verfaßtes Stück äst mehrmals in den Berliner jüdischen Schulen aufgeführt worden, wobei aus pädagogischen Gründen niögliehst viele Kinder mitwirkten (einmal 120). Die Zusammenstellung der Kostüme wurde im Zeichenunterricht vorher besprochen und entworfen, alle Requisiten und Embleme wurden von den Kindern selbst hergestellt, desgleichen Programme und Plakate für die Aufführung. Purim: Schon wochenlang vorher beschäftigt gerade dieses Fest die Kinder. Dem Charakter des Festes entsprechend wurde es meist als Jahrmarktsvergnügen begangen. Bau der Zelte und Ausschmückung des Raumes besorgen die Kinder, die kleine selbst angefertigte Gegenstände (Lese- Zeichen, Kästchen Mappen usw.) verkaufen. Besonderes Vergnügen machen der! Kindern selbstgeformte groteske Masken zur Verkleidung. Der Höhepunkt des Festes ist ein Puppenspiel, das die Purimgeschichte in lustiger Form behandelt. Die Puppen sind gewöhnlich aus Stoff, Holz, Pappmache oder ganz primitiv aus Kartoffeln geschnitzt. Natürlich wird die Purimgeschichte auch ernst behandelt, alle Geschehnisse der Erzählung werden gezeichnet und gemalt, auch wurde auf Peraamentpapier die Megille geschrieben und mit Bildern verziert, die in ihrer Naivität an mittelalterliche Darsteliungen erinnerten. Chamischah aßar bischwat: Das Neujahr der Bäume wird durch Zeichnen und Malen von Obst und knospenden Bäumen behandelt. Ebenso ist das pflanzen der Bäume ein schönes Thema, im Werkunterricht werden Körbe für das Obst geflochten oder Schalen modelliert. Peßach; Illustrationen zur Hagada. Darstellung des Sederabends, Entwürfe für die Bemalung einer Sederschüsscl. Wo Mittel vorhanden sind, kann ein besonders guter auf Porzellan gemalt und gebrannt werden. Bemalen einer Mazzedecke nach eigenen Ideen mit kochfesten Stoff-Farben. Schawuoth: Darstellung der Ernte, Ruth auf dem Felde, Tanz ums goldene Kalb. Herstellung von Gesetzestafeln, aus Holz gesägt oder aus Pappe geschnitten, mit Goldbuchstaben bemalt. Betrachtung der einschlägigen Bilder besonders von Michelangelo und Rembrandt. Lag beomer: lm Werkunterricht werden Pfeil und Bogen angefertigt, im Zeichnen Darstellung von Bogenschützen. TIscha beaw: Befrachtung von Bildern aus Jertisalern, besonders Klagemauer, die Rekonstruktion des Tempels. Aufgaben im Zeichnen aus diesen Gebieten, ebenso Betrachtung der hierzu gehörigen Bilder über die Zerstörung Jerusalems und über Jeremias (Michelangelo, Bendemann, Ury). Sukkot: fm Werkunterricht wird die Laubhütte gebaut und mit Laub geschmückt. Unsere Laubhütte wurde voriges Jahr wie folgt dekoriert: Eine Klasse fertigte einen großen Streifen mit einem passenden biblischen Spruch an; die hebräischen Buchstaben wurden aus Papier ausgeschnitten und aufgeklebt. Dieser Streifen wurde ohen ringsherum befestigt, darunter kam ein Fries mit Darstellungen einer Ernte in Palästina, aus Buntpapier geschnitten, auf Goldgrund, eine Kollektivarbeit verschiedener Klassen. Körbe aus Bast und Behälter für das Obst aus bunter Pappe wurden gemacht und mit bemalten Bändern geschmückt. Laternen aus Buntpapicr, Holz und aus Metall mit jüdischen Emblemen wurden in die Sukkah gehängt, und Transparente, die glasfensterartig wirkten. Sittich at tliora: Fahnen werden geklebt, die Umziige im Tempel werden von den Kindern besonders gerne gemalt und gezeichnet. So war also für diese Fächer 1'n den jüdischen Schulen bereits ein klares Programm vorhanden, das durch die Berufs Umschichtung noch ausgebaut und erweitert werden muß. Werkstattausbildung für die jüdische Jugend Von Anselm Bing (Lehrer der jikl. Schule Klopstockstr.). Die Forderung der Berufs Umschichtung ist lür die Judenheit kein Novum. Sachliche Beurteiler der Judenfrage haben sie seit Jahren gefordert. Hier braucht deshalb nicht theoretisch dargelegt zu werden, weshalb die Berufsumschichtung nötig ist. In kurzen Umrissen soll vielmehr gezeigt werden, wie!reute sofort mit der Ausbildung der jüdischen Jugend zu Handwerkern begonnen werden kann. Wenn auch der denkende Jude das Handwerk schätzt, so muß er doch häufig bewußte Hemmungen überwinden, bevor er cs geistigen Berufen gleichordnet. Viele Eltern sind noch immer der Meinung, daß die Akadeniikerlaufbahn das Erstrebenswerteste sei und bleibe. Wird diese Ansicht auch nicht offen ausgesprochen, so klingt sie doch immer wieder durch. Das ist ein Vorurteil. Denn der jüdische Handwerker von heute wird hier und in Palästina vor Aufgaben gestellt sein, die seine ganze Kraft, seine Intelligenz und sein künstlerisches Einfiihlungsvermögen in Anspruch nehmen. Er muß der Ingenieur seiner Maschinen, der Rechenmeister seiner Kalkulation lind der Künstler seiner Entwürfe sein. Die jüdische Schule in ihrer heutigen Form soll und kann keine Berufsausbildung geben. Sic hat andere pädagogische Aufgaben, und die ihr anvertrauten Kinder sind altersmäßig noch nicht geeignet für eine wie immer geartete Berufsausbildung. Was die jüdische Schule tun kann, um ihren Schülern den Weg zum f l a ri d vv e r k e r b e r u f zu ebnen, ist jm Augenblick der Ausbau des Werkunterrichts. Der Werkunterricht wird die Freude am Werken und den Sinn für praktische Handarbeit erwecken und entweder nach der geschmacklich-künstlerischen Seite zum dekorativen und plastischen Gestalten kommen oder zur rein handwerküchen, nüchternen und ganz korrekten Arbeit hin füll reu. In den Zug der künstlerischen Gestaltung hinein gehören: Reißtcchnik, Mosaik, Stoffklebearbeiten, Glasmalerei, Her- Stellung von Transparenten, Tonen, Puppenköpfe für Kasperletheater, Relief aus Papiermache für den Erdkundcuntcrricht, Linolschnitt, Preßspanradierung, Festraumgestaltung und ahnliebes. Zum Handwerklichen hin führen die korrekten Papparbeiten, das Buchbinden, leichte Holzarbeit und Metallbearbeiiung. Ich skizziere nun einen Vorschlag, der ohne große Schwierigkeiten sofort durchführbar ist. Eine Tischlerei-Werkstatt mit zirka 40 Arbeitsplätzen wird in einem günstig gelegenen Raum eingerichtet. Ein jüdischer Tischler arbeitet, unterstützt von zwei Gesellen, mit seinen 40 Lehrlingen acht Stunden täglich. Begonnen von den einfachsten Handgriffen bis zur Herstellung qualifizierter üebrauchsinöbel wird in 11,4 Jahren die Ausbildung gegeben, zu der ein Lehrling ,,unter normalen Llmstiinden“ drei Jahre braucht. Denn hier fällt jede Ausnutzung der Lehrlinge zu Arbeiten, die nicht in der Berufsausbildung liegen, fort. Der Meister hat hierbei das größte Interesse daran, seine Lehrlinge in kürzester Zeit zu wirklich tüchtigen Gesellen zu machen. Nach genauester Kalkulation würde die Einrichtung einer Werkstatt mit Maschinen und Material etwa 4000 M. kosten. Die Ausbildungskosten für den einzelnen Lehrling würden gestaffelt werden. Beim Absatz der in dieser Werkstatt hcrgesfellten Möbel würden die Schüler am Gewinn in angemessener Weise beteiligt werden, wodurch ein besonderer Anreiz zu guter und rascher Arbeit gegeben wäre. Es würde also hier beim Lehrling niemals das Gefühl aufkommen; ich bezahle das Lehrgeld, der Meister muß mir die Tischlerei beihringen. Er würde sich vielmehr initverantwörtlich für den Betrieb fühlen und die Qualität seiner Arbeit im eigenen Interesse steigern. Diesem Tiscblereibetrieb kann nach kurzer Zeit eine Schlosserei angegliedert werden, in der vom Hufbcsclilag bis zum Automotor alles gelehrt wird, was ein Schlosser braucht. Oh diese Werkstätten durch ähnliche Arbcilsräume (Maschinenbau, Elektrotechnik, Weberei, Malerwerkstatt) vergrößert werden sollen oder nicht, wird von der Gcschicklichkejt der Meister und von dem Bedürfnis der jüdischen Jugend nach handwerklicher Ausbildung abhängen. Diesen Werkstätten müßte ein Meisierkursus angeglicdert werden, in dem die begabtesten Gesellen in der Kalkulation, im Planzeichnen und der mathematischen Konstruktion ihres Werkfaches Weiterarbeiten. So würde ein Stamm von tüchtigen jüdischen Handwerksmeistern geschaffen, der in der Lage ist, die jungen Menschen zu guten Handwerkern zu erziehen. Dieser Plan ist einfach genug, ihn zu verwirklichen, bedart es nur der Initiative geeigneter Führer. Geschichtsunterricht In der jüdischen Schule Von Dr. Alex Bein. Alle modernen Nationalbewcgungen wurden begleitet von Bestrebungen zur Belebung von Sprache und Geschichte, ja nicht selten gehen Sprach- und Geschichlsbewegung den eigentlich national politischen Bestrebungen voraus. Was ist Grund und Sinn dieser Verbindung? Das Ziel nationaler Bewegungen ist die Volkspersönlieh k eit. Als Persönlichkeit bezeichnen wir einen Mensehen, den wir als Einheit empfinden: Einheit insofern, als wir spüren, daß seine Handlungen seinem Wesen, seinen Einsichten, seinem Wollen entspringen, mehr von innen veranlaßt oder wenigstens gelenkt oder getönt werden, als von außen her; daß er in den verschiedenen Perioden seines Lebens trotz vielfachen Wandels in Aussehen, Handlungen, Ansichten im letzten Grunde immer derselbe ist; Einheit schließlich nicht zuletzt dadurch, daß er sich selbst so erloht, daß seine Stellungnahme zu allem einen festen Bezug aus dieser Einheit erhält, nichts F.rgrüheltes hat, sondern aus der Kontinuität seines Lehens und Erlebens erwächst. Das ist in übertragenem Sinne auch das Ziel nationaler Bewegungen: Aus den Massen der einzelnen ״nnti“, der in einen Zusammenhang mit ähnlichen Voraussetzungen Geborenen, wollen sie eine Einheit schaffen, eine Menschengruppe, die ihr Schicksal als Aufgabe nimmt, und diese in möglichst vollkommener Weise nusführen will; die sich als Gesamtheit empfindet und so handelt über Raum hinweg und über Zeit hinweg; als Erbin und Vollstreckerin ihrer Vergangenheit als des Lebens ihrer Ahnen mul als Wegbereiterin ihrer Zukunft als der Zukunft ihrer Kinder. Die Pessach- Haggadah bezeichnet den als Bösen, der fragt; ״Was bedeutet En eh dieser Dienst?“ Er schloß sich damit aus der Gesamtheit aus, weil er sich von ihr distanzierte, ihr Schicksal nicht als das seine empfand und anerkannte. Aus dom Gesagten ergibt sich von selbst, daß neben der Besinnung auf die Sprache — in der ja auch Geschichte wirksam ist — das /.iiriiekgehen aut die Geschichte seihst, die Beschäftigung mit ihr, das Einlehen in sie eine der wesentlichsten Hillen auf dem Wege zur Einzelwie zur Volkspersönlichkeit ist. Tatsächlich bestehen ja zwischen Einzel- und Volkspersünliehkeit oft harte, zuweilen tragische Spannungen, aber im Tiefsten kein Gegensatz. Wo der Einzelmensch in tiefere Gründe bohrt, stößt er auf Elemente und Gemeinsamkeiten, die das Wesen eines Volkes ausmachen, spürt er, daß er sieh nur in der Gemeinschaft derer wirklieh erfüllen kann, aus deren Wurzelbodon er entsproß, daß ihre Geschichte die Verlängerung und in Wesentlichem Begründung seiner eigenen ist. Drei Aufgaben hat man der Geschichtsbetrachtung Zugeschrieben, oder besser gesagt, in dreierlei Weise wirkt die Geschichte auf die Menschen, auch und gerade, wenn der Geschichtsschreiber nach der Rankesehen Forderung nur erzählt, wie es w irklich gew esen. Als V o r b i 1 d wirken ihre großen Gestalten auf das Gemüt und den Willen jedes Empfänglichen, Unverbildeten. Durch kritische Zer- Setzung tötet sie alles, was, sterbensreif, noch ein das Leben hinderndes Dasein fristet, indem sie das Werden und Vergehen der Formen aus den Gegebenheiten schildert, den zeitlichen, vergänglichen Ausdruck sondert von dem dauern» den Sinn. Und eben dabei zeigt sich der innere Zusammen hang (neben der äußeren Verflechtung) in der Geschichte eines Volkes in allen Epochen seiner Entwicklung, das Schicksalhafte in Kampf und Not, in Aufschwung und Niedergang. So wird der Einzelne durch die Geschichte gezwangen, sich als Glied einer Kette zu sehen, die von Üranfängen über ihn hinwegtührt, wird ermahnt, angefeuert, gehemmt, zur Beseitigung von Schlacken genötigt, Er kann klarer seine Aufgaben erkermen und wissend und wollend handeln. Als Einzelner und als Angehöriger der Gruppe seiner Herkunft, seines Volkes: Er wird sieh als einzelner dieser Vergangenheit oft entgegenstemmen und doch als letztes immer wieder emirfinden, daß er dann mit sich selbst ringt. Er wird mehr und mehr mit der Vergangenheit: seines Volkes sich eins fühlen und in selbstverständlicher Weise von ״Wir“ sprechen, wenn es sich um seine Vorfahren handelt. So wirkt die Geschichte — richtig betrieben, d. h. nicht durch bloßes Fernen von Wissensstoff, sondern durch Aneignung in wirklichem Sinn — auf das gleiche Ziel hin, das auch nationale Bewegungen erstreben: Verantwortliche Eingliederung des Einzelnen in die Gesamtheit. Erhöht sie dabei Kenntnis und Liebe zum eigenen Volk, so wird sie doch, wahrhaft verstanden und gelehrt, nicht zu nationalem Hochmut führen; denn sie zeigt die Volksgcschichte eingebettet in die Geschichte von Völkergruppen, die Geschichte der Menschheit und darüber hinaus des Alls, dessen letzte Gesetzlichkeiten uns nur zu ahnen, nicht zu erkennen gegeben ist. Hat die Geschichte schon allgemein große Bedeutung für die Völker, so in besonderem Maße für uns. Ob ein Italiener, ein Franzose seine Geschichte kennt und erlebt, ist nicht von so ausschließlicher Bedeutung: sein Boden, seine Sprache und Sitte, sein Staatswesen, das ganze Leben zwingen ihn auf jeden Fall in den Zusammenhang seiner Geschichte hinein. Anders bei uns. Bis in das ausgehende achtzehnte Jahrhundert hinein lagen ähnliche Verhältnisse vor; Beschränkt in vielem, waren wir innerlich aneinandergebunden durch die feste Verankerung im religiösen Gesetz, in Tradition und Sitte, durch ein gemeinsames typisches Schicksal. Wir hatten keine Geschichls Schreibung (und kaum wirkliche Geschichte), aber ein ungebrochenes Geschiebt» Bewußtsein. Wir fühlten uns als Volk, als ein von der Außenwelt verschmähte» zwar, aber doch als Gottesvolk, mit einer ewigen Aufgabe für die Welt, mit einer großen Vergangenheit und einer wohl in weiter Ferne liegenden, aber als so sicher erwarteten Zukunft, daß Messiasse wie Sabbntai Zewi eine riesige gläubige Anhängerschaft finden konnten. Das änderte sich mit der Emanzipation, die sicher eine geschichtliche Notwendigkeit mit weitreichenden, segensreichen Folgen für uns war, die man nicht verkleinern soll; aber mich mit ebenso verhängnisvollen. Sie stellte uns völlig in eine neue Spraclnvelt und in eine neue Geschichtswelt, sie entfremdete uns unserer eigenen Geschichte, sie brach unser Geschiehtsbewußtsein. Wenn nur noch die Religion, wie m jetzt hieß, uns von der Umwelt scheiden .sollte, .«0 mt1ßt,fc es scheinen, als oh nicht nur im äußeren Geschehen, al« ob in allem deren Geschichte auch die unsere sei; um mehr, als dieses alleinige Kriterium für unser Sonder,«ein, die Religion, nur für ■immer engere Kreise wirkliche Leben#-

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