Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 54 (7.7.1933)
- Date
- 1933-07-07
- Page
- Seite 316 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 314 JÜDISCHE RUNDSCHÄ'Ü Nr. 54,7.VII. 1933 Oie Verteilung der1200 zermihate Bericht der Palästina-Amts-Kommission Die Palästina-Amts-Kommission, der die Verteilung der Auswanderer-Zertifikate für Deutschland obliegt, ersucht uns um Abdruck des nachstehenden Berichtes; Die Verteilung der 1200 Zertifikate, die von der Jewish Agency für Auswanderer aus Deutschland zur Verfügung gestellt wurden, ist beendet. Es erscheint daher zweckmäßig, einen Ueberblick über die Arbeiten der Palästina-Amts-Kommission, der die Verteilung obgelegen hat, zu geben. Dieser Bericht kann der Oeffentlichkelt auch die außerordentlichen Schwierigkeiten vor Augen führen, die sich, vielleicht notwendigerweise, bei der Zuteilung dieser Zertifikate ergeben haben. Seit der 4. Alijah im Jahre 1925 und der folgenden Krise war das Palästina-Amt gewohnt, halbjährlich eine Anzahl von 30—100 Zertifikaten zu erhalten, die fast vollkommen durch chaluzisch organisierte Bewerber ausgenutzt wurden. Die jetzige Alijah konnte dagegen keine ausschließliche Chaluz- Alijan werden; vielmehr waren das Palästina-Amt und die für die Verteilung von Zertifikaten zuständige Palästina- Amts-Kommission sich dahin einig, daß in diesem Halbjahr auch solche Menscher! weitgehend berücksichtigt werden mußten, deren wirtschaftliche Lage die Auswanderung zur gebieterischen Notwendigkeit machte. Das Palästina-Amt Berlin erhielt schon im April dieses Jahres 1000 Zertifikate für Einwanderer im Alter von 18—35 Jahren. Die größt: Palästina-Amts-Kommission, die sich laut Beschluß unserer Körperschaften aus sämtlichen an den letzten Kongreßwahlen beteiligten Richtungen zusammensetzt, befaßte sich sofort nach Bekanntwerden der Bewilligung der 1000 Zertifikate mit der Frage, nach welchen Grund- Sätzen die Verteilung vor sich gehen solle, und es wurde zum Beschluß erhöhen, daß im Prinzip die gleichen Riehtlinien zu gelten hätten wie bisher, d. 11., daß abgeschlossene Ausbildung in einem für Palästina notwendigen Beruf und positive Einstellung 711111 Aufbau des Nationalheims vornehmster Maßstab fiir Zuteilung des Zertifikats bleiben müsse. Nur iri besonders gelagerten Fällen solle die eine dieser beiden Vorausset/ungen die andere ersetzen können, und nur in den Fällen solle es gestattet sein, eine rein soziale Begründung zur Anwendung 711 bringen, in denen eine gewisse Sicherheit gegeben zu sein scheint, daß der Einwanderer die Möglichkeit einer Einordnung in Palästina hat. Da es von vornherein klar war, daß die Bearbeitung der einkommenden Bewerbungen ein ganz außergewöhnliches Maß von Arbeit erfordern würde, wurde eine Solider kom tn ission aus drei Mitgliedern gebildet, die in Permanenz faßen und laufend die eingehenden Bewerbungen prüfen und über sie entscheiden sollte. Ein Appellationsverfahren wurde eingerichtet. Die Zahl der Bewerbungen stieg schon in den ersten zwei bis drei Monaten auf Fünftausend. Es liegt auf der Hand, daß die sorgfältige Bearbeitung von über 5000 Bewerbungen nicht im Laufe weniger Wochen erfolgen konnte. Es war notwendig, das ganze Material durchzuarbeiten und die Bewerber auf ihre Brauchbarkeit hin zu prüfen. Es wäre sicherlich eine große Ungerechtigkeit gegenüber vielen Hunderten von Antragstellern gewesen, wenn man Bewilligungen in größerem Umfange vorgenommen hätte, bevor nicht eine ungefähre Gesamt- Übersicht über die Berufsausbildung, über die sozialen und familiären Verhältnisse und auch über die bisherige Einsteilung zum Palästinaaufbau Vorgelegen hätte. Sämtliche Fälle, in denen die Bewerber nicht persönlich bekannt waren oder nicht bereits einwandsfreie Unterlagen über ihre berufliche oder zionistische oder allgemein jüdische Qualifikation mit dem Antrag cingesandt hatten, — etwa zweitausend — wurden durch persönliche Rücksprache mit den Bewerbern in besonders hierzu angesetzten Kommissionssitzungen, sowie durch Rückfrage bei den örtlichen Vertrauensleuten des Palästina-Amts einer Klärung' zugeführt. Es ist selbstverständlich, daß landwirtschaftlich gut ausgebildete Bewerber bei der Zertifikatsverteilung bevorzugt behandelt werden mußten. Die ersten Bewilligungen, die ausgesprochen wurden, gab man an landwirtschaftliche Arbeiter, die unmittelbar aus der 1 lachseharah kamen; diese Menschen haben inzwischen ihre Uebersiedlung vollzogen. Das Palästina- Amt erhielt in außerordentlich großer Zahl Bewerbungen von Personen, die seit 10 —15 Jahren in Deutschland als Handvverker, Händler oder Kaufleute leben und hl ihrem Fragebogen die Angabe machen, daß sie außerhalb Deutschlands, zu Hause bei ihren Eltern, etwa bis zu ihrem 19. Lebensjahr in der Landwirtschaft tätig waren. Es ist der Palästina-Amts- Kommission fast nie möglich gewesen, diese Angaben nachzuprüfen. Einige Stichproben erwiesen, daß man diesen Angaben keinen hohen Wert beilegen kann. Die Arbeiten des Palästina-Amts wurden durch den tag• liehen Besuch einer außerordentlich großen Zahl von Bewerberri erschwert, die Auskunft über den Stand ihrer Bewerbung verlangten und unter Hinweis auf ihre unhaltbare ökonomische Lage eine bevorzugte Behandlung verlangten. Während man in der ersten Zeit noch versuchte, diese dringlichen Fälle vorweg zu behandeln, häuften sie sich im Laufe der Wochen derart, daß mit geringen Ausnahmen eine bevorzugte Behandlung nicht mehr möglich war. Hätte das Palästina-Amt, das trotz der dadurch entstehenden Betriebsstörung fast jeden Sonderfall anhörte und mit den Bewerbern besprach, alle diese Fälle wirklich bevorzugt, dann wäre die fachliche und menschliche Eignung des Bewerbers gar nicht mehr berücksichtigt worden. Das hätte dazu geführt, daß Palästina, anstatt durch die Einwanderung aus Deutschland gefördert zu werden, durch eine Masseneinwanderung schlecht geeigneter Elemente geschädigt worden wäre. Die Angabe des Zertifikat- Bewerbers, daß er ״bereit ist, jede sich ihm bietende Arbeit anzunehmen“, konnte dem Palästina-Amt natürlich nicht ge-!rügen, denn zur Ausübung einer körperlichen Arbeit gehören Voraussetzungen, die im allgemeinen bei den meisten Stadt-Menschen nicht gegeben sind. Dazu kommt noch, daß gerade in sehr vielen solchen Fällen die Antragsteller größere Familien nach Palästina mitbringen würden, während doch ein ungelernter Arbeiter auch in Palästina nicht so entlohnt werden kann, daß er sogleich 4 und mehr Personen mit seiner Arbeit ernähren kann. Im Interesse des Aufbaus von Palästina muß darauf geachtet werden, daß gut ausgebildete Arbeiter und Handwerker einwandern. Es konnte also nicht so verfahren werden, daß nur die Notlage eines Menschen oder einer Familie ihnen zu einem Zertifikat verhilft. Selbstverständlich ist trotzdem in gewissen Fällen die unhaltbare Lage der Betreffenden ausschlaggebend für die Bewilligung gewesen. Diese Erwägungen waren auch oft maßgebend bei der Behandlung einiger Anträge von Akademikern, insbeson״ dere von Rechtsanwälten und Aerzten. Diese Fälle waren für di« Kommission aus dem Grunde besonders schwjerig zu behandeln, weil es sich sehr oft um in der zionistischen! Arbeit jahrelang bewährte Mitarbeiter handelte, die heute von Palästina fernzuhalten fast unmöglich erscheint. Trotrdem glaubte die Kommission auch tu« im Int«ess* des L*n* des, aber sehr oft auch im eigenen Interesse des Bewerbers, keine anderen Gesichtspunkte gelten lassen zu können. Die Frage: wovon sollen sich die Bewerber in Palästina ernähren und wie sollen sie sich einordnen, mußte sich die Kommission pflichtgemäß stellen. Die täglich einlaufende Briefpost mit Nachfragen wann und ob die Bewerbungen berücksichtigt werden, stellte eine große Belastung des Palästina-Amts dar. Die Erledigung von Anträgen, sei es, daß sie bewilligt oder abgclehnt sind, wurde innerhalb 3—4 Tagen dem Betreffenden bekannt gegeben. Zwischenbescheide über Aussichten und Termine der Erledlgung waren in den meisten Fällen unmöglich. Den vielen Ungeduldigen oder Unzufriedenen sei gesagt, daß eine Ablehnung oft sehr schnell hätte stattfinden können; die Kornmission lehnte aber nicht leichten Herzens oder schon bei erster oberflächlicher Prüfung eines Falles ab, sondern legte immer wieder Fälle zu nochmaliger späterer Bearbeitung zurück, um dem Antragsteller eine weitere Chance zu geben, wenn nach Erledigung der zugelassencn auch die Berücksichtigung dieser Zurückgestellten möglich werden sollte. Ein besonderes Problem stellt die Frage der Bewilligung von Zertifikaten für Bewerber dar, die von ihren Verwandten in Palästina angefordert wurden. Früher wurden Verwandten-Zertifikate in Palästina direkt erteilt und zur Aushändigung an das Palästina-Amt geschickt. Diesesmal sind die Palästina-Regierung und die Jewish Agency von dieser Ucbung abgewichen und haben sämtliche in den letzten Monaten von Verwandten Angeforderte an das Palästina- Amt zur Bearbeitung und zur Bewilligung im Rahmen der ersten 1000 Zertifikate überwiesen; da es sich bei diesen An- Forderungen um etwa 400 Personen handelte, ist es auch hier nur möglich gewesen, einen Teil der Bewerber mit Zertifikaten zu versehen. Es ist nicht einzusehen, warum ein solcher junger Mensch nicht eben so gut erst eine Berufsausbiidung und geistige Vorbereitung durchmachen kann, wie man das von jedem anderen Zertifikatbcwerber verlangt. Aehnlich verhält es sich sehr oft in den Fällen, in denen Eltern auf Grund ihrer eigenen zionistischen Vergangenheit einen Anspruch auf Zertifikate für ihre Kinder erheben. Auch von dem aktivsten Zionisten (vielleicht sogar gerade von ihm) muß man verlangen, daß er auch für sein Kind die von allen Palästinawanderern zu fordernden Vorbcdingungen gelten läßt. Sehr erschwert wurde die Arbeit der Kommission durch die notwendigerweise dringliche Erledigung jener Anträge, die aus dem Auslande von Bewerbern kamen, die Deutschfand bereits verlassen hatten und nach Palästina weiterreisen wollten. Man konnte zu keinem anderen Ergebnis kommen, als daß auch an diese Bewerber die Anforderungen gestellt werden mußten, wie an alle anderen. Es wäre gegenüber den in Deutschland gebliebenen Menschen nicht zu verantworten gewesen, hätte man die Tatsache, daß ein Bewerher vor Erteilung des Zertifikates Deutschland verlassen hatte, als besonderen Grund der Zertifikatserteilung anerkannt. Die Bewerber der beiden hier erwähnten Kategorien, die angeforderten Verwandten und die bereits außerhalb Deutschlands Befindlichen, betragen zusammen mehr als die Gesamtzahl der uns zur Verfügung stehenden Zertifikate. Ihre Bevorzugung wäre also gleichbedeutend gewesen mit einer völligen Aus- Schaltung einer Prüfung durch das Palästina-Amt, was sicherlieh nicht im Interesse Palästinas gelegen wäre und einer völligen Zurückdrängung der gut ausgebildeten Bewerber in Deutschland gleichkäme. Gut ausgebildete Landwirte, Gärtner und Bauarbeiter, Gärtnerinnen, Geflügel- und Bienenzüchterinnen, sowie Frauen, die in Küchengroßbetrieben ausgebildet sind, wurden in erster Reihe berücksichtigt. Auch bei diesen Berufen snielt die geistige Vorbereitung auf Palästina, insbesondere die Erlermmg der hebräischen Sprache eine gewisse Rolfe. Es gibt außerdem Berufe, wie Elektrotechnik, aus denen so übermäßig viel Bewerbungen vorliegen, daß eine große Anzahl abgelehnt werden mußte. Die Kommission bemühte sich, die best Ausgebildeten und für Palästina Geeignetsten herauszusuchen. Es versteht sich von selbst, daß eine solche Auswahl die Arbeit verlangsamt. Auch in verschiedenen anderen Handwerkszweigen, die an sich brauchbar sind, lag eine Ueberfiille an Bewerbungen vor. Es handelt sich hier im wesentlichen um Schneider, Schuhmacher, Schneiderinnen und weibliches Hauspersonal. Einige Frauenberufe, di(? man in früherer Zelt als besonders geeignet für Palästina ansah, sind heute ebenfalls infolge Ueberangebots nur noch in besonders günstigen Fällen zu berücksichtigen. Es handelt sich hier um Krankenschwestern, Säuglingspflegerinnen, Kindergärtnerinnen und technische Assistentinnen. Besonders bei Kindergärtnerinnen ist zu berücksichtigen, daß diese nur dann in Palästina in ihrem Berufe Arbeit finden, wenn sie perfekt hebräisch können, was leider nur selten der Fall ist. Die Assistentinnen haben schon deshalb heute weniger Chancen in Palästina, weil bei der starken Einwanderung von Akadcmikern (Chemikern, Aerzten usw.) das Angebot von höher qualifizierten Kräften sehr groß sein wird, denn diese Akademiker werden vielfach gezwungen sein, sich auch in den Nebenzweigen ihres Berufes zu betätigen. Sämtliche In den oben gemachten Ausführungen gegebenen Erwägungen wurden dauernd von der Palästina-Amts• Kommission bei Erledigung ihrer Arbeiten berücksichtigt. Niemals wurde schematisch ein Fall behandelt und abgetan, sämtliche zugunsten der Bewerber mitsprechenden Tatsachen wurden in Erwägung gezogen. Die Kommission besteht nicht aus Personen, die in bürokratischer Welse ein gewisses Arbeitspensum zu bewältigen haben, sondern aus freiwilligen Mitarbeitern, die gerade diese Materie aus jahrelanger Erfahrung von Grund aut kennen, und die sich voll bewußt sind, daß sie sehr oft über Menschenschkksale zu entscheiden haben. Sie wiesen auch, daß ihre Entscheidungen nicht unfehlbar sind, und daß säe wahrscheinlich auch manchmal hinters Licht geführt werden. Aber auf Grund der großen Erfahrungen, die diese Sachbearbeiter haben, ist durchaus anzunehmen, daß derartige Fehlurteile bei der Masse der behandelten Fälle nicht ins Gewicht fallen. Wer von den Abgelehnten nach allem oben Gesagten bei ehrlicher Selbstprüfung annehmen kann, daß ein Fehlurteil vorliegt, hat immer die Möglichkeit des Beschwerdewegs, sein Fall wird vor einer erweiterten Kommission nochmals geprüft und entschieden. Es hat aber keinen Sinn, wie dies so vielfach vorkommt, nach einem ablehnenden Bescheid nun Beschuldigungen zu erbeben. Diese Behauptungen, di« von gewisser Seite bereits den Charakter öffentlicher Verleumdung in auswärtigen Zeitungen angenommen haben, können nur dann einen Zweck haben, wenn sie dem Palästina-Amt mit vollem Tatsachenmaterial vorgelegt werden. Das Palästina-Amt w ürde dankbar sein, wenn man ihm solches Material bringt. Es würde die weitestgehenden Konsequenzen aus solchem Material ziehen. Bisher war es aber nicht möglich. einen Beweis für derartige Anschuldigungen zu erlangen, sondern bei der ersten Prüfung schon stellte es sich immer heraus, daß dumme Gerüchte, die nicht substanziiert werden konnten, als Wahrheit hmgestelit wurden. Das Palästina- Amt steht leider vor der Tatsache, daß es tausend Ein wänderungsgesuche genehmigen kann, während fünftausend Bewerbutigen vorliegen. Diese Aufgabe in einer Weise zu bewältigen, die auch den Abgewiesenen Befriedigung gibt, ist schier unmöglich. Für Bewerber über 35 Jahre wurden weitere200 Zertifikate zur Verfügung gestellt. Es war bisher üblich, daß auch diese Zertifikate dem Palästina-Amt zur freien Verfügung gestellt wurden zur Verteilung an die geeignetsten Bewerber. Bei der diesmaligen Zertifikatsverteilung verlangte die Palästina-Regierung Einlieferung von Namenlisten durch das Palästina-Amt. Das Palästina-Amt hat hiergegen protestiert, da eine sachgemäße Auswahl nur möglich ist in persönlicher Fühlungnahme mit dem Bewerber unter Berücksich־ tigung aller Momente, die für die Bewilligung vorgebracht werden können. Nach wochenlangen Verhandlungen, die durch die Jewish Agency geführt wurden, mußte das Palästina-Amt sich der Forderung der Regierung fügen und Listen nach Palästina schicken, aus denen von der Regierung eine Auswahl getroffen wurde. Die aus Palästina zurückgekommene Liste, aus der das Palästina-Amt wiederum nun seine Auswahl treffen muß, da sie etwa 300 Namen enthält, entspricht nicht den Wünschen des Palästina-Amts. Viele Bewerber, die hätten berücksichtigt werden können, fehlen in diesen amtlichen Listen. Das Palästina-Amt wird sich weiter darum bemühen, für die Zukunft wieder' freie Verfügung auch für diese Kategorien von Bewerbern zu erhalten und hofft, bis zur Herbst-Alijah zu einem zufriedenstellenden Ergebnis zu kommen. Die Palästina-Amts-Kommission hat bestimmt, daß die Zertifikate, die jetzt erteilt worden sind, spätestens im Laufe des Mona ts Juli ausgenutzt werden müssen. Wer im Juli• noch nicht reisen kann, muß das Zertifikat für einen der vielen Bewerber freigeben, deren sofortige Reise möglich ist. Man kann erst dann mit einer neuen Bewilligung von Zertifikaten seitens der Palästina-Regierung rechnen, wenn die 1200 bewilligten Einwanderer im Lande sind und der Nachweis erbracht ist, daß die Einordnung dieser Menschen im Lande möglich und weiter starker Bedarf an Zertifikaten vorhanden ist. Neue Merkblätter über Palästina Das Bedürfnis, konkrete Daten über Palästina und insbesondere über die Eimvanderungsmöglichkeiten zu erhalten, ist überaus groß. Wer einzuwandern gedenkt, bedarf einer ganzen Reihe rein technischer Informationen bezüglich der Fragen der Einreis eerlaubnis, der Bestimmungen über Kapitalübertragung, Zeitbestimmungen, die in Deutschland für solche Fälle geltenden Steuervorschriften usw. Eine weitere wichtige Frage sind die Berufsmöglichkeiten in Palästina, sowie Kosten der Lebenshaltung und andere wichtige Daten bezüglich der in Palästina herrschenden Verhältnisse. lieber alle diese Einzelheiten gibt eine Broschüre Auskunft, die unter dem Titel ״Alijah" (Informationen für Palästina-Auswanderer) in erweiterter und verbesserter Aufläge vom Palästina-Amt Berlin W 15, Meinekcstr. 10, herausgegeben wurde (Preis 0,50 M.), In diesem Flugblatt sind alle wichtigen Informationen zusammcngestellt, die der Palästinawanderer wissen muß. In einem zweiten Flugblatt, betitelt ״C h i n u c h" (Merkblatt über Lehrstätten in Palästina) sind Angaben über einige wichtige Institute für Schulausbildung zusammengestellt, insbesondere über die Hebräische Universitat, die verschiedenen Lehrerseminare, die Realschule und Technikum in Haifa, Landwirtschaftsschulen, Kinderdorf Ben Schemen usw. (Preis 0,40 M.) Schließlich sei noch auf ein Flugblatt hingewiesen ״W as ist der Hechalu 7.?“, herausgegeben vom Deutschen Landesverband Berlin W 15, Meinekestraße 10 (Preis 10 Pf.) Hier wird die Notwendigkeit einer grundlegenden Umwertung in der Berufsauffassung des jungen Juden dargelegt. Die junge jüdische Generation wird auf den Weg der Arbeit verwiesen, und der jüdische Arbeiter wird sein Betätigungsfeld vor allem in der jüdischen Heimstätte in Palästina finden. Ueber die Wege hierzu, über das, was ein junger Mensch von der jüdischen Arbeit _ in Palästina wissen muß und über den Heehaluz und seine Aufgaben finden sich in diesem Flugblatt alle wichtigen Angaben. Es wäre wünschenswert, dieses Heft unter der ji'idisehen Jugend zu verbreiten, damit in diesem entscheidenden Wendepunkt der jüdischen Entwicklung nicht wieder falsche Wege beschriften werden, sondern der junge Mensch mit den Notwendigkeiten seines eigenen Lebens und denen auch des Volkes vertraut wird. Die Ausgabe dieser drei Hefte ist außerordentlich zu be- Bedenkliche Instinktlosigkeit Vor einiger Zeit hat Herr Bruno Woyda, dem von. Jüdischen Landesverband ein wichtiges Amt übertragen wurde, in der ״Jüdisch-liberalen Zeitung‘‘ den bedauerlichen Mißgriff begangen, dafür einzutreten, daß den national empfindenden Juden in Deutschland und auch in den jüdischen Gemeinden die Rechte entzogen werden, während diese nur den ״nationaldeutsch eingestellten Juden“ gewährt werden sollen. Damals neigten wir dazu, nur anzunehmen, daß es sich hier im innerjüdischen Kampfe um eine häßliche Entgleisung handelt. Denn nichts wird jeder feinfühlige Mensch als unzulässiger empfinden, als wenn in einer Zeit schwerer Bedrängnis ein Einzelner oder einige Einzelne sich durch Zurschautragen von Gesinnung auf Kosten der großen Mehrzahl ihrer Gemeinschaft empfehlen wollen, trotzdem der wahre Tatbestand am allerwenigsten diese Versuche rechtfertigt. Die Reichsvertretung der deutschen Juden, die in ihrer Mehrheit aus Liberalen besteht, hat in einem Beschluß diese Aeußerung Woydas ausdrücklich desavouiert und festgestellt, daß ״keine der jüdischen Richtungen irgendwie eine unterschiedliche staatsrechtliche Behandlung anderer Richtungen verlangen dürfe“. Statt nun djese unerquickliche Angelegenheit In Vergessenheit geraten zu lassen, bringt die ״Jüdisch-liberale Zeitung“ vom 1. Juli wieder einen Artikel eines gewissen Hans R 0 s b y, der —* welche Instinktlosigkeit angesichts der heutigen jüdischen Volksstimmung!*) — den Augenblick für gekommen erachtet, um die jüdische Jugend für eine ״restlose Trennung vom Zionismus“ zu gewinnen. Dieser Herr wiederholt die ungeheuerlichen Bemerkungen von Woyda und erteilt der Reichs- Vertretung einen Verweis, weil sie diesen Standpunkt zurückweist. Wir achten die Bekenntnisfreiheit und Diskussionsfreiheit ip innerjüdischen Fragen, aber wir glauben, daß die roße Mehrheit aller deutschen Juden mit Entschiedenheit iese unschöne Art, Interessen einer kleinen Gruppe auf Koster, der Gesamtheit zu vertreten, verurteilt. ’) Der Instinkt der jüdischen Speditionsfirmen, die sich in der ״Jüdisch-liberalen Zeitung“ für Transporte nach Palästina cmpfchten, ist sicherer l