Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 53 (4.7.1933)
- Date
- 1933-07-04
- Page
- Seite 305 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 53, 4. Vn. 1933 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 303 Erste Erlebnisse im Heiligen Lande Erster Tag in Palästina Von Herbert Wolff. Die Ankerketten rasseln. Das Stampfen der Schiffsmaschinen, das fünf Tage lang dem Olire gewohntes Geräusch gcworden war, verstummt. In die plötzliche Stille tönt das tiefe Atmen freudigen Erschreckens. Wir sind am Ziele. Mit sehnsuchtsvollem Bangen blickt das Auge auf die theaterhafte Dekoration der Stadt am Ufer, die sich auf rundem Hügel steil erhebt. Bunt die Häuser, flach die Dächer, von Minaretts und zwei Kirchtürmen überragt; dies ist Jaffa. Schon unterscheidet man im flachen Lichte eines orientalischen Morgens das lange graue Zollgebäude, von dem sich eine Kette beflaggter Boote löst und aut den Dampfer zustrebt. Das erste trägt die Flagge Palästinas: Dunkelblau, in der Gösch den Union Jack, in der unteren Ecke das Wort ״Palestine“ im weißen Kreise. Dahinter das Boot der Reederei mit der Flagge Triests. Geduldig wartet der Ein- •warrderungsoffizier, bis der elegant den Gangway ersteigende Hafenarzt das Schiff als quarantänefrei deklariert hat; dann kommt auch er, tropenhelm-bewchrt. an Bord. Mit ihm der negroide Gendarm und zwei jüdische Polizisten. Schmucke Burschen sind das, in ihren ,englischen ״shorts“, im kurzärmligen Hemd, den Tropenhelm keck in die Stirn geschoben, wer die letzte Nacht an Bord, die Lichter des heiligen Landes ersehnend, an Deck durchwachte, friert ein bißchen beim Anblick dieser leichten Bekleidung. Dann kommen die Einwanderungsbeamten der Jevvish Agency, durchweg europäisch gekleidet. Mit ihnen ein paar Bevorzugte, Palästinenser, die Erlaubnis erhielten, ihre erwarteten Freunde persönlich von Bord zu holen. Sie fragen nach einem Namen, plötzlich haben die wartenden Passagiere erfaßt, wer da fragt, und brausend klingt der jüdische Gruß: Schafoin, Kameraden! Freudig erhellen sich die Gesichter, hier sind die ersten, die das große Glück haben, in dem Lande der Sehnsucht zu wohnen, Pioniere vielleicht, denen zu danken ist, daß dieses Land lebt, und die Hände strecken sich ihnen entgegen. Schnell haben sie die ihrigen gefunden, auf diesem Boote ist in fünf Tagen eine große Familie entstanden. Aber noch sind die Formalien der Paßkontrolle 7u überstehen. Viel zu lange dauert den Ungeduldigen diese letzte Stunde, die ihnen den Eintritt in das ersehnte Land der Väter verzögert. Die wenigen Passagiere I. Kajüte sind bald passiert, größeres Gedränge entsteht schon bei den Bewohnern der II. Klasse, die dies zum Teil erst seit der Abfahrt von Lakarna am Tage vorher sind. Tief im geheimen zittert noch ein jeder, ob nicht doch unter irgendeinem Vorwand ihm der Eintritt verwehrt wird, ob das scharfe Auge der Kontrolleure in ihm den ״Touristen“ erkennt, der dieses Land nie wieder verlassen wird. Es geht mit bemerkenswerter Ruhe vorwärts, kaum eine knappe kurze Frage, englisch, deutsch, jiddisch, dann wandert der Paß von Hand zu Hand, die Augen von fünf ruhigen kühlen Männern richten sich kurz, aber scharf auf den Ankömmling, der letzte drückt einen Stempel auf eine Karte, die mit dem Paß übergeben wird. Nur wenige können diese Prozedur so ruhig wie ich überstehen, nur wenige tragen den Vermerk, der ihnen bescheinigt: permitted to remain permanently in the country. Aber alle passieren nach und nach: allmählich hat man auch begriffen, wie das Handgepäck, wie das große Gepäck an Land kommen wird, das Deck ist auf einmal von bunt gckleideten Gestalten bevölkert, die den Fez tragen, den man von Bildern als typische Bedeckung des Mohammedaners kennt, schrille Schreie einer unbekannten Sprache ertönen und man begreift: hier ist der Orient, Europa liegt hinter uns. Der Wind der letzten Nacht hat das Meer aufgewühlt. Wild tanzt das Boot an der Schiffswand entlang auf den Gangway zu; nun halten kräftige Fäuste der braunen Gestalten es an kurzem Strick im Zaum, wie der erfahrene Reiter einen übermütigen Hengst. Die schon an Bord Kameradschaft schlossen, bleiben auch hier noch zusammen; bald kommt der Abschied, der alle trennt. Man springt in das tanzende Boot, Handgepäck fliegt hinterher, nun ist alles erledigt, was fehlt, kommt mit einem anderen Boote an Land. Und nun legen sich die sehnigen Gestalten arabischer Ruderer in die Riemen, jeder Schlag bringt uns dem Ufer näher; doch was ist dort für ein Wogenschwall? Einzelne Felsen ragen hoch aus dem Wasser und schäumend bricht sich an ihnen Welle tun Welle. Es gilt, die Einfahrt zu gewinnen, die unter dem Schwall verborgen, dem Bootsmann sicher bekannt. Mit vermehrter Kraft werfen sich die Ruderer zurück und mit einer strudelnden Woge werden wir hinübergeworfen in das ruhigere Wasser des eigentlichen alten Hafens. Nun halten wir an der Treppe, die zum Zollhaus hinaufführt. Man muß auf den Hafenarzt warten im ersten Stock; noch eine kurze Kontrolle der Pässe, ״Immigrant you go and see theDoctor“, eine neue Karte wird ausgestellt im angrenzenden Raum, dann geht es weiter ins nächste Zimmer, wo eine jugeudliehe Krankenschwester mit herrlich-blauen Augen den Gn!ß bietet ״Schalom“, das erstemal auf diesem heiligen Boden. Aber ungerührt von der inneren Bewegung des Neu-Ankömmlings wird das Formale kühl und kurz erledigt, die lniektionen schnell und gewandt gemacht, dann aber beim Warten auf das Eintrocknen des Impfstoffes kommt ein <}esprach zustande. Sie ist eine Russin, mit fünf Jahren ins Land gekommen, außer der Sprache ihrer Eltern beherrscht sie das Englische und selbstverständlich das Hebräische. Und beim Anblick dieses ruhigen, klaren Gesichtes erfaßt man noch einmal den Sinn des Grußes: Schalom — Frieden, den wir Gehetzten ersehnen. Ja, hier herrscht Frieden, liier ist Sicherheit. — Die Gepäckkontrolle geht rasch, ohne unnötige Schikane vor sich; ein von deutschen Juden gebildetes Hilfskomifee, gekennzeichnet durch weiße Armbinden mit blauer Inschrift in deutscher und hebräischer Sprache, stellt sich unentgeltlich zur Verfügung, beschützt vor Uebervorteilung durch Träger oder Fuhrunternehmer, stellt Gruppen zur ge״ meinsamen Benutzung der Wagen zusammen, empfiehlt Unterkünfte. Sie sind selbst erst wenige Wochen, vielleicht Tage im Lande und helfen schon den nach ihnen Gekommenen. Alles geht mit Ruhe und musterhafter Disziplin vor sich; keine Spur des erwarteten orientalischen Geschreis. Bald rollt der Wagen, von zwei arabischen Pferden gezogen, von einem jüdischen Kutscher gelenkt, durch die staubigen Straßen. Fünf Sprachen spricht der Kutscher. Bald sagt er strahlend: Hier fängt Tel-Awiw an! Was ist das? Eine asphaltierte Straße, baumumstanden, dünn sind sie noch, diese Bäume, aber sie sind da. Neue Häuser links und rechts, Neubauten im Werden, so weit das Auge reicht. Und nun sieht man zur Linken wieder das blaue Meer und rechts öffnet eine europäische Hauptstraße im besten Sinne dieses Wortes sich dem erstaunten Blicke; das ist Allenby-road. Noch ein paar Schritte und man hält vor dem Hotel. Freundlich «mprängt der grau bebartete Wirt, das Käppchen auf dem Kopfe. Früher war er ein reicher Holzhändler in Riga, nun hat er den Frieden dieses Landes gefunden. Einfach und sauber sieht es hier aus. So mag ein kleines Hotel im amerikanischen Westen ausgesehen haben, als der Einwandererstrom sich weiter und weiter vorschob. Man hat Schlimmeres erwartet und ist nicht erstaunt. Rasch ist das Nötigste ausgepackt und geordnet, dann macht die durchwachte Nacht sich geltend, die Natur verlangt ihr Recht. Aber noch sollen die verdrückten Anzüge zum Schneider, denn das hat man schon weg, hier trägt man sich städtisch. Auf das Schellen kommt ein junger Bursche, ein typischer Chaluz; die Verständigung ist schwierig, der Gast spricht noch kein Hebräisch. Endlich versteht er eine Frage: Je suis de Corse, Ajaccio. Hell strahlt das Gesicht, als er vertraute Töne vernimmt. Sein Französisch ist stark italienisch gefärbt, aber verständlich. Als er nach einer Stunde an die Tür klopft, hat er die beiden tadellos aufgebiigelten Anzüge auf dem Arrne. Er bringt warmes Wasser zum Rasieren, und bald bin ich frisch und aufnahmefähig bereit, einen ersten Orientierungs-Spaziergang zu unternehmen. Erst will man es einmal versuchen, die Freunde, denen man avisiert ist, zu erreichen. Es gibt ein Telephon; das Telephonhuch ist hebräisch, aber daneben hängt eines in englischer Sprache. Es ist vom Jahre 1031; die Gesuchten sind nicht zu finden. ״Kann ich Ihnen vielleicht behilflich sein?“ fragt eine sympathische Stimme; eine schlanke blonde Dame hat gefragt, ein blaues Leinenkleid letzten Pariser Schicks umhüllt ihre edlen Linien. Sie fragt nach Name und Adresse, greift zum Hörer: ״Supervisioti, please.“ Oh, Madame, 1 didn’t know thnt you can phone liere in that languagc; thank you verv nuufi, then I can help myself. Schon kehrt die Selbstsicherheit zurück. Das Telephon und seine Auskunft funktionieren tadellos, die Nummer ist bekannt. — Der Teilnehmer antwortet nicht, das soll auch in Europa manchmal Vorkommen. Wer ist diese freundliche Helferin? Man kommt rasch ins Gespräch. Sie ist nicht so jung, wie sic aussieht — vor 11 Jahren ins Land gekommen, als Tei-.Awiw noch eine Wüste war — mit zwei Kindern — die sie selbst versorgen muß, da der geschiedene Gatte sie im Stiel! ließ, Ruhig und selbstsicher erzählt sic, ohne jede Spur von Affektion. Sie ist zufrieden und glücklich, ihr Geschäft in Jerusalem geht gut, sie ist in einer geschäftlichen Angelegenheit hier und fährt morgen zurück. ״Was wäre in meiner Situation aus mir in Europa geworden?“ fragt die frühere Studentin der Medizin, Auch ihr Gesicht trägt das Merkmal des Landes, das in seinem Gruße liegt: Schalom — Frieden. Staubig ist die Straße, die am Meere entlang führt. Hier müßten doch Menschen wohnen. Ja, hier werden bald Mensehen wohnen; Zeile um Zeile erheben sich schmucke Bauten modernsten Stiles, nichts ist ganz fertig, aber alles wird. Hier und dort ist ein schon alter Garten, in dem bunt die Blumen blühen, eine alte Baracke mittendrein — aus Holz mit Blech beschlagen; bald wird auch hier eine schmucke Villa stehen, wie so viele rechts und links. Manches, was hier schon älter ist, erinnert an schlimme Batiperioden Europas, orientalische Grnnewa'd-Villen. Aber überwältigend ist der Unternehmungsgeist, der Hunderte von Menschen schaffen läßt, während auf der anderen Seite dieses Meeres Hunderttausende hungern. Bald geht cs nicht weiter, es kommt Rauland, man hat sich in der Richtung geirrt. Zurück also: während ich staunend auf das ungewohnte Bild tätiger Arbeit blicke, hängt mir eine Zigarette unangebrannt zwischen den Lippen. Ein Sandkarren überholt mich, hält, der Kutscher geht auf mich zu und giht mir freundlich lächelnd aus seiner Zigarette Feuer, nickt und geht, ohne den überraschten Dank abzuwarten; ein freier Sohn eines freien Landes, seiner Menschenwürde bewußt. Hier also beginnt Alfenby Rose!, die Straße zum Meere. Pensionen und Hotels, ein paar Cafes, dann kommen Läden, bescheiden in der Ausstattung, bescheiden die Schaufenster, in denen die Ware ungeordnet liegt, mit Plakaten in unbeholfener Schrift angepriesen. Aber nun kommt eine Biegung, von links mündet ein neuer Boulevard, ein Kino erhebt sich, dessen keine Großstadt sich zu schämen braucht. Der Betrieb nimmt zu, Menschen in hellen Haufen, kein lautes Wort ertönt. Ist das die jüdische Stadt? Blonde Kinder mit großen blauen Augen lächeln mich freundlich an, wenn ich ihnen zunicke, die Mütter strahlen beglückt; welche Mutter täte es nicht, wenn ihr Kind dem fremden Manne gefüllt? Auch diese Hauptstraße ist noch nicht fertig, überall entsteht Neues und in den Nebenstraßen, die zahlreich sind, ist des Bauens kein Ende. An einer Stelle, wo drei Straßenzüge kreuzen, ist ein erhöhtes, überdachtes [,ödest aufgestellt. Eia hübscher Bursche in der kleidsamen Uniform der hiesigen Polizei regelt mit flinken Armbewegungen den zahlreichen Verkehr. Autobusse mehrerer Linien kreuzen sich hier, Araber reiten auf schlanken Eselchen vorüber. Erst, als ich den Posten längst passiert, fällt mir ein, daß auch dieser Beamte, wie alle hier, ein Jude sein muß. Links und rechts reiht sich nun Laden an Laden: alles ein bißchen dürftig, aber anscheinend den Ansprüchen dieses neuen I andes genügend. Erst später habe ich in einem anderen Stadtteil auch elegantere, btsser ausgestattete Läden gefunden. — Rechts ein großes Gebäude mit einer hohen runden Kuppel, die große Synagoge: es gibt noch mehrere kleinere in den Nebenstraßen und einige Bethäuser. Nun kreuzt ein breiter, baumbestandener Boulevard die Hauptstraße, die Rothschildavenue, das vornehmere Wohnviertel, ein älteres Stück Tel- Awiw, Altes gibt es hier ja nicht, und dann erhebt sich rechter Hand die Hauptpost, nach englischem Muster eingerichtcf. mit offenen, durch Messinggitfer gesicherten Schaltern, Schweigend reihen sich die Eintretenden an die wartenden Schlangen, die von den jüdischen Beamten sicher und schnell abgefertigt werden. Nach ein paar Schritten Treffe ich einen Kahinen-Kameraden vom Schiff, einen Elektro-fngenieiir, der, alter Zionist, auf Zertifikat reiste und in den nächsten Tagen seine Stellung in Haifa antreten wird. ״Schalom“, ruft er, .,nun, wie gefällt es Ihnen?“ Und als ich den Mund öffnen will, meiner Begeisterung Ausdruck zu geben für dieses Land der Arbeit, versagt mir die Stimme, Nur eine Träne muß ich rasch aus dem Auge wischen, aber ich schäme mich ihrer nicht. Ich werde auch so verstanden. Professor Heinrich Loewe nach Tel-Awlw berufen. In der letzten Sitzung der RepräscntantcnvcrsammUing der Jüdisehen Gemeinde Berlin wurde bekanntgegeben, daß der frühere Bibliothekar an der Berliner Universitäts-Bibliothek Professor Dr. Heinrich Loewe als Stadt-Bibliothekar nach Tel-Awiw berufen wurde. Professor Loewe, einer der Pioniere des Zionismus in Deutschland, ist Verfasser einer großen Anzahl von Schriften, unter denen sein Buch über die Sprachen der Juden am bekanntesten ist. Große Verdienste hat er sich um die jüdische Bibliothek in Jerusalem erworben. Prof. Loewe ist auch Mitbegründer und Vorsitzender der Soncino-Gesellschaft, die sich die Herausgabe von Faksimiledrucken zur Aufgabe gemacht hat. Die besten Wünsche der deutschen Zionisten begleiten den alten Mitkämpfer und Freund auf dem Weg ins Land der jüdischen Hoffnungen. Briefe einer 12 jährigen Hamburgerin Mirjam C. In den letzten Wachen haben eine Anzahl jüdischer Eltern aus Deutschland ihre Kinder in Erziehungsstätten nach Palästina gehracht. Unser Gesinnungsgenosse Dr. C. in Hamburg, dessen Kinder!Mirjam und Michael sich in Ben Sehrmen befinden, stellt uns Auszüge aus Briefen zur Verfügung, die zeigen, tvie so ein aus Deutschland kammerules Kind die neue Well, in die cs hincimuachsen soll, bei der ersten Begegnung erlebt. Red. (Von Unterwegs) . . . Ich habe schon recht viel gesehen. Am herrlichsten fand ich es in Tetuan. Da waren wir im Arabervierte!. Da stinkt cs scheußlich, aber es ist sehr interessant. Ganz kleine eingebaute Läden, wo die Araber sitzen und nähen und schneidern usw. Dann gehen da ganz verniummt Frauen und Männer spazieren. Und Esel tragen schwere Lasten. Dann waren wir auch im Judenviertel. Auch interessant, nur nicht soviel Leben und Treiben. Dort haben wir eine alte Synagoge besichtigt. Ganz klein. Unten ein paar Bänke für Männer, oben eine kleine Galerie für Frauen. An der Seitenwand des Zimmers hängen lauter Jalirzeitlichtcr von den Verstorbenen. . . . Genua ist eine schöne Stadt, hochgelegen. Ich freue midi schon auf Ben Schemen. (Nach sechs Tage!: in Ben Scheinen) . . . Jetzt bin ich in Palästina. Wunderschön ist es liier in Ben Schemen. Es ist von beiden Seiten mit Feldern umgeben. Die Kakteen wachsen so auf der Wiese rum. Es ist hier wundervoll. Hier sicht inan fast keine Pferde, sondern nur Esel mit Arabern drauf. Das sieht sehr komisch aus. Ich mag so gerne Aloh.'inunedaiier sehen. Ich finde, sie sehen so komisch (merkwürdig) aus. Das Weiter ist herrlich,!•'liegen giht es allerdings hier viel, aber ich habe mich schon daran gewöhnt. Es gibt liier sogar auch Spatzen. Wie geht es meinem süßen Minki (Kanarienvogel)? . . . Die Zeit geht wie ein Traum so schnell. Die Kinder situ! hier alle sehr nett. Wir haben welche, die aus Polen und Rußland sind, aus Wien usw. ich schlafe nur mit deutschen Madeln zusammen. Wir sind im ganzen sichen in einem Zimmer. Alle Mädel sind entzückend. Die eine heißt Mirjam B . . sie ist eine Berlinerin und so lustig. Sie Licht sehr viel, so lange, bis sie Bauchkrämple kriegt. Darm Gerda \V _ . ., auch eine kleine nett!' Dirn, dann Rahcl B . . ., die auch sehr lieh ist, usw. Alle sind sehr kameradschaftlich. Meine Zimmcrgenossiimen sind entzückend. Morgens machen wir immer unsere Betten, dam 1 wird gefegt und gescheuert. Ich arbeite sehr gern, ich muß stopfen, nähen, waschen. Es macht sehr viel Spaß. Nachmittags müssen wir schlafen. Morgens und abends duschen wir. Hier ist auch ein Bade- Bassin, wo wir morgens baden und schwimmen. Wir haben sehr viel Freizeit. Wir klettern oft aut Bäume, das macht riesig viel Jux. Wir lernen sehr viel hebräisch. Wenn wir etwas hebräisch können, kommen wir in die Klasse. Wir haben noch kein elektrisches Licht in unserem Zimmer . . . . . . Hier ist es herrlich. A11 die Hitze haben wir uns schon sehr gewöhnt. Zuerst war es mir sehr schwer, mich hier einzugewöhnen, aber jetzt finde ich es hier knorke, ganz herrlich. Das Essen ist fabelhaft. Es gibt liier sehr viel Obst. Abends Brot mit Marmelade. Sonnabends gibt es viel Kuchen und sonst knorke Sachen. Jetzt esse ich gerade ganz kleine Weintrauben und kleine Pfirsiche, ganz wunderbar, natürlich alles geklaut. Wir haben hier eigene Weintrauben im Feld. Abends wird getanzt, Polka und Hora. Ich habe natürlich mitgetanzt, allerdings haben sie alle gelacht, weil ich cs noch nicht konnte . . . . . . Das Wetter ist wunderbar. Augenblicklich sind hier Wüstenwinde. Das ist ein ganz starker Wind, der den Sand hochwirbelt. Wir haben am Freitag einen Cbamsintag gehabt. Das war furchtbar. Morgens um 7 Uhr hatten wir 35 Grad um! so nachmittags rum hatten wir 50 Grad. Wir lagen alle auf den Betten oder unter der Dusche. Wir haben soviel geduscht und gebadet an dem Tag, bis nachher kein Wasser mehr da war. Wir sind fast die ganze Nacht durchgewandelt, weil wir nicht schlafen konnten. Wir brauchten an dem Chamsintag nichts zu tun. Weißt Du, was ein Chamsin ist? Ein Wüstenwind, der wirbelt alles hoch. Wir konnten gar nk'l'.ts sehen. Bald machen wir einen Ausflug zu den Apfelsinenbäumen von Ben-Schemen. Palästina ist ein sehr steiniges Land. Neulieh waren wir im I־lerzl-Wald. Und da hat midi eine Dame gefragt, wer f (erz! ist und ich wußte es nicht. Ich habe ihn ja nur bei Dir als liilil hängen gesehen und habe k:h einfach gesagt: ach so, der Mann mit dein Bart. Da haben sie alle furchtbar gelacht l.mi nun fragt mich jeder, wer ist Herzl? . . . Mich halfen sie liier alle für eine Palästinenserin. Die hebräischen Kinder fragen alle, woher es kommt, daß ich so schwarz hin, wenn ich aus Germania komme. Mutti besucht uns immer Sonntags. Ich freue mich schon aut Februar, wenn Du kommst. Dr. St . . . war hier, er wohnt in Tel-Awiw. Und Ruth kommt nach Ben-Schemen, Hier ist’s wunder-, wunderschön, ich bin ganz begeistert. Grüße . . . Lebewohl. Tausende Küsse Deine Mirjam. Zwei Berliner Konzertchörc (etwa 70 jüdische Sänger, Dirigenten: Spott und W i 11 a w e r) gaben ihr Debüt in der Alten Svnagoge und in der Synagoge Prinzregentenstraße. Jede Vereinigung bot ihre bester! Progranunnummern. Spott ist ein Dirigent auf breiter Basis, unsentimental, straff und populären Tendenzen geneigt. Winawer ist ein ekstatischer Chassid und ein Techniker, der mit Finessen operiert. Wie er seinen Chor mit der Rechten hinfegt, das ist ein prachtvoller Eindruck. Beide Chöre haben schon heute ihr Gesicht, beide werden mit den Erfahrungen wachsen und ihre Originafitäten ausbildeii. Aus den! Programm ragten hervor: .,Sefiras lioomer“ von Alman, ״Unessane tokef“ von Birnbäum, ״Adaunoi, Adaimoi“ von Lewandowski und Rosowski (beide Nummer!( von Gladstein ausgezeichnet bearbeitet), ,,Die Musinke oisgegeben“ von Gladstein und ,,As Moschiach wet kumen“ von Winawer. Etwa elf Solisten ließen sich vernehmen, alle gut auf ihre Art. Herausgehoben seien die drei prachtvollen Tenörc: Magido, Resnick und Hartenberg. —- Die beiden Chöre und ihre ganze echt jüdische Wirksamkeit ist eines der wenigen erfreulichen Ergebnisse unserer Not. Unsere tiefgefühlten Sympathien und Wünsche sind mit diesen beiden Künstlerkollcktiven, die nach Ost und West ziehen, um ausländischen Juden und Nichtjuden einen Begriff von der Berliner synagogalen Chorkunst darzubieten und um in der schwersten, ernstesten Zeit sich neue Arbeitsmöglichkeifen zu erobern. Mögen sie der Berliner Jüdischen Gemeinde und den Gönnern, denen die finanzielle Grundlage zu danken ist, allüberall Ehre bereitem — Herr Dr. Schildberger leitete, orientierend, die Abende ein. Und Herr Ehren re ich gab am zweiten Abend den Eort/ielieudeii mit einem herzlichen Abschiedswort das Geleite. Arno Nadel.