Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 53 (4.7.1933)
- Date
- 1933-07-04
- Page
- Seite 304 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2651273-2653725-2653780--23840-2686752- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 302 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 53, 4. VH. 1933 greifbarer Nahe liegende Aufgaben vomlmmt und von ihnen aus nach und nach den Weg zu weiteren zu finden nicht. I Als die drei wichtigsten Positionen haben wir die Organisation der Judenschaft, ihr Blldun gs we s c n und ihre berufliche Gliederung anzusehen. Oelingt es uns allein auf diesen Gebieten Vorarbeiten zu leisten, so haben wir damit die Möglichkeit gewonnen, auch bei der weiteren Gestaltung unserer Angelegenheiten entscheidend niitzuwirken, 1. Organisation Die Organisation der deutschen Judenschaft hat zu be• ginnen mit der Aufhebung aller bestehenden Landesverbände. Mit ihrer kaum noch die halbe Million erreichenden Seelenzahl kann sic sich den Luxus mehrerer Einzelverbände nicht gestatten. Es liegt auch nicht — wie im großen und viel(- gegliederten Deutschen Reich — das Bedürfnis nach Betonung landschaftlicher Besonderheiten vor. Die Judenschaft ist eine ״Landschaft“. Als solche sieht der Staat sie an, der nicht zwischen preußischen, bayerischen oder andern Juden unterscheidet. Eine ״Landschaft“ ist sie aber auch ihrer Struktur, ihrer seelischen Beschaffenheit nach. Vor allem ist anzunehmen, daß auch bei der staatlichen Regelung ihrer Angelegenheiten die Verhältnisse der Länder nicht berücksichtigt werden. Darum kann ihre politische Zusammenfassung nur in einer für alle in Deutschland lebenden Juden verbindlichen Organisation erfolgen. Der rein politische Charakter der zu schaffenden Organisation, die kurz als ״Detifsehe Judenschaft“ zu bezeichnen wäre, behindert nicht die Möglichkeit zu fernerer religiöser weltanschaulicher und — in gewissem Ausmaße — auch politischcr Differenzierung. Die Verschiedenheiten in den religingen Auffassungen des Judentums werden weiter ihren Ausdruck finden in dm religiösen und kulturellen Institutionen. Ebensowenig kann verhindert werden, daß die jiidisclt-politische Orientierung des einen mehr die zionistische Losung der Judonfrage in den Vordergrund rückt, während der andere die Gegebenheit der Diaspora als schicksalhaften Ausdruck der Israel zugewiesenen Aufgabe betrachtet. Nur für die Assimilation als Tendenz, als politischen Willen, als Absicht der Negierung j ü - di sehen Wesens wird kein Raum mehr sein in der ״Deutschen Jmlenschaft“. Das bedeutet natürlich nicht die Verneinung jeglicher Assimilation überhaupt. Sie ist ja ebensosehr eine Wirklichkeit wie die Diaspora, in der sie sich vollzieht. Die Judeiischnft in Deutschland ist in Sprache, in kultureller und wirtschaftlicher Anteilnahme, in mannigfachen persönlichen und (iruppenhe/iehungen eine deutsche Judenschaft, so wie die in England eine englische ist. Die Zugehörigkeit zur ,Jndeuschaft“ für alle in Deutschfand lebenden Juden ist verbindlich. Das bedeutet, daß kein nach den Gesetzen des Landes als Jude Bc/cichneter das Recht hat, sich den Aufgaben der jüdischen Gemeinschaft zu entziehen. Denn Judoscin beruht nicht auf einen Willensentschluß und einer Hebe rzeugung des einzelnen, sondern auf einer natürlichen Gegebenheit, fiir die die Gesetze des neuen Deutschland zunächst zwar mir einen negativen Ausdruck gefunden haben, der sie aber auch Ihre positive Bedeutung wieder verleihen müssen. Die Pflicht der Dienstleistung für die jüdische Gemeinschaft ist die unumgängliche Voraussetzung fiir die Bewilligung der schweren Aufgaben, die der deutschen Judenschaft harren. Wenn von einem ״Zwang“ der Zugehörigkeit die Rede ist, so braucht der doch keinen bewußten Juden zu schrecken. Seine Fessel umklammert nur die Deserteure, die ihre Gemeinschaft in schwerer Zeit sich selbst überlassen möchten. Die Frage der Leitung der ״Deutschen Judenschaft“ bedarf einer ernsten und verantwortungsbewußten Klärung. Der organisatorische Aufbau der Judenschaft wird nicht auf das Prinzip der Beteiligung aller an der Führung durch Wahl verzichten können. Der Beteiligung aller müssen aber von Anfang an Grenzen bestimmt werden, die einerseits die Dauer einer Führungsperiode der Gewählten und andererseits die Sicherung ihrer Autorität betreffen. Da die Judenschaft kein Staat im Staate ist und über keine Machtmittel verfügt, ist eine gesetzliche Verankerung ihrer Organisation unumganglieh. Die Aufgaben der ״Judenschaft“ erstrecken sich auf alle Angelegenheiten der deutschen Juden, soweit sie organisatorisch geregelt werden können. Das religiös-kulturelle Selbst best immun gerecht der Gemeinden bleibt nach wie vor unantastbar, während ihre Ycrwaltungsautonomic aufgegeben werden muß zugunsten der fiir die gesamte Judenschaft: verbindlichen Verfassung. 2. Bildungswesen Als die vornehmste Aufgabe der Judenschaft ist die Organisation ihres Bildung* wesens anzuschen, dessen äußere Gliederung und innere Ausgestaltung einer besonderen und grundlegenden Darstellung bedürfen. Hier sollen die aktuellen politischen Gesichtspunkte ins Auge gefaßt werden. Da muß zunächst gesagt werden, daß die Führer der deutschen Juden wenig Weitsichtigkeit beweisen, wenn sie die Frage der Schaffung jüdischer Schulen so voll Zögerung und Abwarten behandeln. Diese Verzögerung kann uns zum Verhängnis werden. Daß unsere Kinder in den deutschen Schulen verbleiben, Ist ganz unmöglich. Nur Wirklichkeit«- fremde und völlig erstarrte Doktrinäre, die nie das flutende Leben einer Kindersecle gespürt haben, nichts wissen um seine verletzliche Zartheit sowohl als um die die künftige Persönlichkeit gefährdenden Mittel, mit denen das Kind seine Wunden gewaltsam verschließt, nur Menschen, die den dummen Stolz einer durch nichts zu erschütternden Grundsatzhaftigkeit haben, mögen die Notwendigkeit jüdischer Schulen und jüdischer Erziehung in Frage stellen. Es können keine freien, aufrechten und kampfgestählten Juden hervorgellen aus einer Erziehung, deren Wesen zu einer Demütigung des jüdischen Kindes führen muß, auch wenn sie nicht beabsichtigt ist, aus einer Erziehung, die das jüdische Kind aus* schließt von der Gemeinschaft, die durch diese Erziehung vorbereitet werden soll. Wenn wir mit der Einrichtung jüdischer Schulen zögern, entsteht aber noch eine Gefahr, die nicht geringer ist als die erste. Die Gefahr nämlich, daß die Behörden an den Schulen Judenklassen mit jüdischen Lehrern einrichten. Diese Möglichkeit liegt nahe genug angesichts der Tatsache, daß der Staat für die Regelung der Verhältnisse seiner beurlaubten jüdischen Lehrer eine Lösung sucht. Daß solche Lösung vom jüdischen Standpunkt aus durchaus untragbar wäre, daß sic die staatliche Aufrichtung eines Schulghettos bedeutete, dürfte klar sein. So gilt es auch hier für uns, den ersten Schritt zutun und nicht die Bestimmung der Grenzen vom Staate vornehmen zu lassen. Wir müssen als zweite unserer lebenswichtigen Positionen die jüdische Schule aus- oder neubauen. Dadurch geraten wir nicht in Widerspruch zu den Absichten des Staates, sondern wir führen sie durch ln einer für den Staat und die Judenschaft gleich sinnvollen Weise. Hier haben wir die Möglichkeit, mit der positiven Arbeit zu beginnen, noch ehe die Organisation der Judenschaft erfolgt ist. Die jüdische Schule stellt im großen und ganzen heute schon ein Gebilde dar, das seinem innersten Wesen nach sich ohne Schwierigkeiten 1'n den neu zu schaffenden organisatorischen Rahmen eingliedcrn könnte. 3. Berufliche Neugliederung Als dritte Position, die wir bei der Abgrenzung der jüdisehen ״Landschaft“ aufzubauen hätten, war die berufliche Neugliederung der Juden genannt worden. Hier stehen wir vor unserer schwersten Aufgabe. Ehe einiges darüber gesagt wird, sei eine Bemerkung gestattet, die auch für das vorhergehende gilt. Die Aufgaben, die wir bis zu einer gesetzliehen Neuregelung unserer Verhältnisse bewältigen müssen, haben die deutschen Juden ganz aus eigener Kraft zu lösen. Das erfordert ein unerhörtes Maß an Opferbereitschaft. Die deutschen Juden sind sich durchaus noch nicht klar darüber, was diese harte Zeit von ihnen fordert: Opfer an Gut, Opfer an Zeit und Arbeit, Opfer auch in der gesimumgsmäßigen Stellungnahme m den Forderungen des Tages. Wohlfahrtsspenden und Zehn-Pfennig-Aktionen können uns nicht mehr weiter bringen. Es gilt eine letzte Bereitschaft, einen letzten Einsatz zur Erhaltung als deutsche Judenschaft. Schon einmal hat diese versagt. Ihre liberalen und orthodoxen Teile, als sie vor einem Dutzend Jahren die Bedeutung des Palästinaaufbaus nicht verstehen wollten, ihr zionistischer Teil, als er zu wenig Verständnis zeigte für die ungeheure Kompliziertheit In der seelischen Verfassung der das Deutschtum bejahenden Juden und diese dadurch immer stärker in die Ablehnung trieb. Vertagt da* deutsche Judentum jetzt wieder, so ist es rettungslos verloren. Wir müssen unermeßliche Opfer bringen, auch um die berufliche Neugliederung der Juden durchzuführen. Ohne die Hilfe des Staates durch Bereitstellung von Oedländereien zu Siedlungszwecken u. ä. ist eine grundlegende Aenderung nicht möglich. Aber ehe wir noch mit dieser Hilfe rechnen können, müssen die ersten Schritte von uns bereits getan sein. Dazu brauchen wir die Hilfe jüdischer Grundbesitz er, auf deren Böden Lehrgütcr und andere landwirtschaftliche Ausbiklungsmöglichkeiten auf Kosten der jüdisehen Gesamtheit in der Art zu errichten wären, wie dies schon an einigen Punkten geschehen ist. Ebenso müßten Handwerkerlehrstätten in den großen und mittleren Orten errichtet werden. Jüdischen Handwerksmeistern müssen Beihilfen für Lehrlingsausbildung gewährt werden. Diese Maßnahmen hätten — wie gesagt — nur vorläufigen Charakter. Sie müssen ergänzt werden, sobald der Staat die Absicht zeigt, die Judenfrage in Deutschland auf eine befriedigende Weise zu lösen. Bis dahin stellen die verschiedenen Aus- Bildungsstätten Punkte dar, die den späteren Umfang der Grenzen der jüdischen ״Landschaft“ markieren. Die erste Aufgabe der deutschen Judenschaft war als ein Grenzregulierungsproblem bezeichnet wordfh. Diese wenigen Ausführungen zeigen schon, welche Fülle von Möglichkeiten uns trotz unserer schwierigen Lage noch offenstehen. Wir brauchen aber Mut. Doch nicht den alten jüdischen passiven den Leidensmut. Von ihm spricht man heute gern. Die es tun, sind jene, die sich das Judescin nicht anders denn in seiner Gebundenheit als Objekt vorstellen können. Wir sollen es aber in der Freiheit des sein Schicksal mitgestaltenden Subjekts erleben. Darum brauchen wir einen neuen, aufbauenden, aktiven Mut, wie er sich großartig in der Schöpfung der palästinensischen Aufbaupioniere offenbart. Und wir brauchen Führer, die die Sprache dieses Mutes verstehen lernen wollen. ״Die Geduldeten״ Die ,,Anhaitische Tageszeitung“ vom 28. Juni berichtet über den Jahrmarkt'in Dessau: ״Jahrmarkt in Dessau! Früher war dieser Name gleich* bedeutend mit einem Paradies der jüdischen Oe* sehäftemacher aus Berlin und Leipzig, gleichbedeutend mit einem neuen Unruheherd in der Mitte der Stadt, in dem sich die aktivsten Genossen der KPD. und der Sehufo Sammclten und die wenigen Nationalsozialisten, die sich auf den Markt verirrten, anpöbelten und niedersehltigen. Heute ist das, wie alles andere ja auch, anders geworden. Die Juden, die sich Jahrzehnte hindurch, ja schon vor dem kriege, breitmachten und den deutschen Handelsmann an die Wand quetschten, sind wieder in ihre natürlichen Schranken gewiesen worden. Beim letzten Markt hatten sie gejammert und gestöhnt, weil man ihnen nicht die alten liengewordenen Plätze angewiesen hatte. Die Marktverwaltung war aber ganz zu Recht der Auffassung, daß die jüdischen Privilegien auf eine Sonderbehandlung nur in der Phantasie dieser Herrschaften bestanden. Die Juden verstanden es, die Buden mit der besten Verkehrslage zu ergaunern und die paar Christen in den letzten Teil der Mauerstraße Zwischen Friedhofstraße und Postamt 2 und in die Raumerstraße abzudrängen. Nun ist der Spieß umgedreht worden, der Goldberg und der Lö• wenthal aus der Naunynstraße und der Lothringer Straße in Berlin mußten erfahren, daß die sieben fetten Jahre, die sich inzwischen verdoppelt hatten, endgültig vorbei sind und sie nur noch die Geduldeten ,sind.“ ״Keine vollkommene Lösung.“ Die ״Rostocker Universltätszeitung“ vom 1. Juli 1933 veröffentlicht einen Artikel über .,E u g e n i s c 11 e Gesetzgebung", der u. a. die Möglichkeit der Verhinderung erbkranken Nachwuchses erörtert. Am Schluß des Artikels heißt es: ״Viele Probleme, die in das Gebi et der eugenischcn Gesetzgebung gehören, konnten wegen des geringen Raumes nur angeschnitten werden. Die« Juden- und Mischlingsfrage konnte nicht erörtert werden. Eines ist ziemlich sicher: durch die oben vorgeschlagenen Maßnahmen wird das Judentum weitaus am stärksten getroff e n, da — wie jüdische Rasseforscher selbst angeben — durch die lange Inzucht u. ä. das Judentum mit Erbkrankheiten in besonders hohem Maße belastet ist. Wir müssen uns allerdings klar sein, daß das keine vollkommene Lösung der Frage ist.“ Gegen Boykott jüdischer Firmen Die ״Deutsche Goldschmiedezeitung“ veröffentlicht folgende Zuschrift einer Großhandelsfirma des Ooldsehmiedegewerbes: Durch einen langjährigen treuen Abnehmer war mir zu Ohren gekommen, daß in seiner Innung von einem Mitglied der Antrag gestellt wurde, den Mitgliedern bei Androhung einer Strafe zu verbieten, von Großhandelsfirmen, deren Inhaber jüdischen Glaubens sind, ,Waren zu beziehen. Dieser Antrag w׳ar, da eine Verständigung bei den Mitgliedern nicht zu erzielen war, zurückgestellt worden. Angesichts der unübersehbaren Folgen eines derartigen Beschlusses hielt ich es für geraten, mich an die Handelskammer für den Amtsbezirk Pforzheim zu wenden. Die Handelskammer erhielt von ihrer Spitzenorganisation (dem Deutschen Industrie- und Handelstag) folgende Antwort: ״Betrifft Judenfrage. Das Schreiben der Kammer vom 19. Mai hat uns Veranlaiiune gegeben, uns mit dem Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda in Verbindung zu setzen. Die Auflassung des Ministeriums gehl dahin, daß es sich bei dem von der Kammer angeführten Fall wohl nur um den Antrag einer EinzelpersÖnlichkeit handelt, der kaum von der Innung angenommen werden dürfte, andernfalls würde sich die Innung zu den Absichten der Verlautbarungen der Regierung in Gegensatz setzen. Sowohl der Herr Reichskanzler wie andere Mitglieder der Reichs- und Preußischen Regierung haben wiederholt erklärt, daß jeder bei der Mitarbeit an Deutschlands Wiederaufbau willkommen sei, der guten Willens ist. Solange also ein Geschäftsmann nicht gegen die bestehenden Gesetze verstößt, liegt kein Grund vor, irgendwelche Sondermaßnahmen gegen ihn zu treffen. Es bestehen bekanntlich für die Juden keinerlei Ausnahmegesetze auf wirtschaftlichem Gebiete. Lediglieh die Zulassung zu Beamtenstellen usw. ist durch das Gesetz zur Wiederherstellung de« Berufsbeamtenturm und das Gesetz gegen die Ueberlüllung der Hochschulen und Schulen neu geregelt worden.“ Diese Veröffentlichung ist überaus wichtig, weil daraus hervorgeht, daß sie sich auf Direktiven der Reichsregierung stützt. Wenn also in Zukunft von lokalen Stellen oder untergeordneten Organen ein Boykott jüdischer Kauflcufe in dieser oder jener Form propagiert wird, so stiinde ein solches Verhalten in Widerspruch za der klaren Auffassung der Regierung und sollte daher unter Berufung auf diese Verlautbarung des ״Industrie- und Handelstages“ an zuständiger Stelle gemeldet werden. Aktion gegen Geschäfte in Dortmund Der ״Dortmunder Generalanzeiger“ vom 28. Juni berichtet: ״Schon seit längerer Zeit waren untrügliche Beweise dafür vorhanden, daß auch das Dortmunder Judentum, genau wie in den übrigen Städten des Reiches, unter dem Deckmantcl einer ״Gleichschaltung“ durch vorgeschobene Personen die schlimmste Hetze gegen die nationalsozialistische Bewegung betreiben ließ und gegen deutsches Personal In übelster Weise vorzugehen pflegte. Besonders stark traten diese Zustände in den Einheitspreisgeschäften zu Tage. Wer in dem Verdacht stand, Nationalsozialist zu sein, konnte unweigerlich mit seiner Kündigung rechnen und die Schikane gegenüber den männlichen, wie den weiblichen Angestellten mehrten sich von Tag zu Tag. Auch Dortmund machte in dieser Beziehung keine Ausnahme. Mit Recht wurde daher von der gesamten Groß-Dortmunder Bevölkerung und darüber hinaus auch von unserer l.eserschaft in allen Gr• bieten Westdeutschlands der Aufsatz in unserer gestrigen Dienstag-Ausgabe begrüßt, der sich eingehend mit diesen neuen jüdischen Unverschämtheiten befaßte. Waren doch die Tatsachen der neuen jüdischen Dreistigkeiten bis in alle Kreise der Einwohnerschaft gedrungen und hatten dort bereehtigte Empörung ausgelöst. Weiter war aber auch im Laufe der letzten Tage bekannt geworden, daß viele Dortmuntler jüdische Geschäfte zum 1. Juli eine Anzahl ihrer deutschen Angestellten gekündigt hatten. Auf diese und die anderen jüdischen Unverschämtheiten hin wurden dann am Dienstagmorgen die Eingänge der jüdischen Geschäfte und Warenhäuser sowie der ״Epaläden“vönSA-und$S-Lc uten besetzt, um das kaufende Publikum auf die Volksschädigende Handlungsweise ihres Tuns hinz uw eisen. Der Anmarsch der SA- und SS-Kameraden erfolgte gegen 1/29 Uhr und vollzog sich in der disziplinierten Art und Weise, wie wir cs bei solchen Aktionen gewohnt sind. Soweit sich übersehen läßt, war auch diese neue Boykottaktion, genau wie die erste, die sich gegen die jüdische und marxistische Hetze des Auslandes richtete, von vollem Erfolg begleitet. Nach ungefähr einer Viertelstunde waren zuerst die Epa- und Warenhäuser 1'm Stadtinnern und in den Hauptverkehrsstraßen von den SA- und SS-Leutcn unter Aufsicht genommen. Später standen dann vor jedem Gesebäft, auch vor den sogenannten ״jjleichgeschalteten“, Einzel- oder Doppelposten. Diese neue einzig richtige Art gegen jüdische Unverschämtheiten hatte sich natürlich schnell in den Bevölkerungskreisen herumgesprochen, und bereits in den frühen Mittagsstunden sammelten sich auf den Hauptverkehrsstraßen, Brüekstraße, Hansastraße, WcstenhelKvcg, Rheinische Straße Menschenmengen, von denen die Maßnahmen mit zustimmenden Zurufen begrüßt wurden. Am Nachmittage selbst hatten es viele jüdische Geschäfte vorgezogen, ihre Pforten zu schließ e n. Mit Geschäftsschluß war die Aktion, die überall reibungslos verlaufen ist, beendet.“ Bei der Generalversammlung des Wiener Pen- Klubs kam es zu lebhaften Auseinandersetzungen, weil dem Führer der österreichischen Delegation auf dem Pen-Kongreß in Ragusa, Felix Salten, zum Vorwurf gemacht wurde, daß er sich den dortigen Protesten gegen die jtidenfeindliehe Literaturaktion in Deutschland nicht angeschlosscn habe. Es kam zu einer Spaltung des österreichischen Klubs, da nach Annahme einer Resolution ein großer Teil der Mitglieder ihren Austritt anmeldeten. Das Seltsamste an dieser Angelegenheit ist die Tatsache, daß sich die Vorwürfe gerade gegen Felix Salten richteten, der selbst als Jude bekannt ist. Daß die Unterstützung der offiziellen deutschen Delegation in Ragusa durch einen Juden geschah, ist freilieh Tn keiner deutschen Zeitung erwähnt worden. Das ״Nachrichtenblatt der Reiehsstclle für das Auswanderungswesen“ bringt in seinen Heften vom 15. Juni und 1. Juli den Aufsatz Dr. Arthur Ruppins ״Möglichkeiten für deutsche Juden in Palästina“ aus der ״Jüdischen Rundschau“ vom 21. April d. J., vollinhaltlich zum Abdruck.