Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 52 (30.6.1933)
- Date
- 1933-06-30
- Page
- Seite 293 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Drei Tage sind vergangen seit dem Schuß am Meer in Tel- Awiw. Es wird wieder gearbeitet, geatmet und gelebt. Am Mittwoch kam er zurück von einer Reise durch Europa. Er war müde, halb erdrückt •von dem Schicksal der Juden im Galuth. In Palästina hatten wir dringlich auf ihn gewartet. Man brauchte ihn überall. Er konnte nicht eine Stunde der Ruhe haben, weil die Arbeit drängte. Er kam mit neuen Plänen; er brachte eine Schilderung aus dem Galuth, klar und schneidend, und er brachte seine Projekte für Hilfe, für Arbeit. Am Mittwoch begann er seine Tätigkeit, am Freitag wurde er erschossen. Vor der Totenkammer im Spital ging zwölf Stunden lang eine Menschenkette vorüber, ohne eine Lücke und ohne einen Aufenthalt. Viele Stunden standen die Mensehen in der glühenden Sonne, still, fast ohne ein Wort und warteten, bis die Reihe an sie kam, ihn zu sehen. Sie kamen zu Zehntausenden. Juden aus allen Ländern der Welt. Viele kannten ihn. Sehr viele hatten ihn nie gesehen. Alle wußten von ihm. Es gab einen kühlen und tiefen Trost. Das Gesicht des Toten. Stunde um Stande lag er da, klug, scharfsinnig, glücklich. Ein Lächeln um den Mund, halb selig und halb ironisch, wissend, geduldig und erlöst. Ein Lächeln der Erfüllung, der Sicherheit und Stärke. Am Abend haben wir ihn hinübergebracht in das Arbeiterhaus in Tel - Awiw, wo sein zweites Zuhause war. Durch eine drückende Stille und Dunkelheit haben wir ihn getragen. Am Morgen haben wir ihn begraben. Durch Mauern von Menschen hindurch, durch eine erstarrte, schweigende, von Menschen vollgepackte Stadt. Er liegt gut und sicher in der Stadt, die er liebte, versorgt von all den Tausenden, für die er arbeitete. Ueber dem Grab liegen die Aehren und ersten Trauben aus dem Emek, Das Land zittert unter der Erregung, wie es noch nie gezittert hat. Aber es ist still. Es gibt nicht die Spannung zwischen Juden und Arabern, die sonst einem Morde folgte. Niemand weiß, wer der Wahnsinnige war, der die Kugel feuerte. Der große Trost, daß auch Araber diesem Sarge folgten, wurde uns nicht zuteil. Aber die Spannung, der Haß, der solche Schrecknisse begleitet, ist uns bisher erspart geblieben. Es ist ruhig im Lande. Die Regierung hat der Presse Schweigen über den Mord geboten. Sie will ohne Störung ihre Untersuchungen führen; sie fürchtet die bitteren Folgen einer politischen Auswertung der Tat, von welcher Seite sie auch vollbracht sein möge. Die Presse hält das Schweigen. Sie bringt ihre Schilderungen, sie bringt die lakonische Nachricht aus dem Oberkommissariat, daß ein Verdächtiger dem Untersuchungsrichter übergeben wurde. Aber mitten im Leben und in der Arbeit, die nach der Stauung der letzten Tage wieder in ihren Bahnen fließen, blättert man durch die Seiten der palästinensischen, der zionistischen Geschichte, wägt, was man getan und was man unterlassen. Was wir auch geleistet haben, wie wir uns auch mühten, es war alles zu wenig, es war zu oberflächlich. Die Lücken unseres Tuns grinsen uns an. Bis in die Tiefen erschüttert, sehen wir hinaus über die Politik, über unser tägliches Tun, das wir in Treue weiterführen, in die Ewigkeit unserer Ziele und unseres Schicksals. Der Schuß war eine Malinung. Sie soll uns nie verklingen. Am Grabe Chajim Arlosoroff ist dahingegangen und keine menschliche Macht vermag ihn wieder ins Leben zurückzurufen. Aber in unsere Hand ist es gegeben, ob sein Geist unter uns weifcerleben soll. In aller Treue zu seiner Partei sah Arlosoroff über sie hinaus auf das große Ganze und hatte Verständnis für alle Strömungen im jüdischen Volke, die sich am Aufbau von Erez Israel beteiligen wollen. Sein Weitblick, seine Freiheit von allen Vorurteilen, seine glänzende Begabung, seine geistige Elastizität, die ihn befähigte, sich ivechselnden Umständen anzupassen, machten ihn zum Führer. Kein anderer ist in so jungen Jahren wie er in der zionistischen Welt an eine führende Stelle gelangt, kein anderer Führer ist so jung wie er dahingegangen. Ein Meteor, das leuchtend dahinschießt, den Himmel aulglänzen läßt und erlischt. Die tiefe Trauer, die alle Kreise des Jischuw erfaßt hat, die einmütige Huldigung, die der Jischuw dem Wirken des toten Führers darbringt, beweisen, daß wir noch nicht rettungslos in Parteiungen zerspalten, daß wir noch einmütigen Handelns fähig sind. Wenn wir in dieser Stunde nationaler Trauer uns darauf besinnen, daß wir alle dasselbe Ziel haben, wenn wir es auch auf verschiedenen Wegen suchen, und daß diese Einheit des Zieles uns über alle Parteiungen hinaus verbindet, dann hat Arlosoroff nicht vergeblich gelebt und dann ist er nicht vergeblich gestorben. Jerusalem, den 19. Juni 1933. Arthur Ruppia. Die Untersuchung gegen Stavsky Jerusalem, 27. Juni. (J. T. A ) Die arabische Tages- Zeitung ״Falastin“ hatte gemeldet, der Mörder Dr. Arlqsoroffs sei nach dem Libanon-Gebiet entflohen und die palästinensische Polizei habe sich an die Polizei Libanons um Auslieferung des Täters gewandt. Die palästinensische Polizei erklärte auf eine Anfrage der J. T. A., daß dieser Bericht unzutreffend sei. Inzwischen wird die polizeiliche Untersuchung gegen Abraham Stavsky fortgeführt. Die Polizei glaubt, damit auf der richtigen Spur zur Aufklärung des Verbrechens zu sein. An der Mordstelle wurden Fußspuren gefunden, die dem Fußabdruck Stavskys entsprechen. Wie jetzt bekannt wird, wurde die Untersuchung gegen Stavsky auf Veranlassung seiner Wirtin eingeleitet, die als erste durch eine Anzeige bei der Polizei den Mordverdacht auf Stavsky lenkte. Fmi Arlosoroff verbleibt unerschütterlich bei ihrer Ueberzeugung, in Stavsky den Komplizen des MÖrders ihres Mannes erkannt zu haben. Als Stavsky ihr zum erstenmal gemeinsam mit 13 anderen jungen Leuten vorgeführt wurde, wirkte sein Anblick so stark auf sie, daß sie in Ohnmacht fiel. Die Identität des vor einer Woche bei Kirjat Anawim tot aufgefundenen jungen Juden konnte nunmehr festgestellt werden. Es handelt sich um den landwirtschaftlichen Arbeiter Joschua Gozavatzker aus Kfar Saba. Der Tote war Mitglied der Histadruth Haowdim und war als ruhiger, politisch gemäßigten Mensch bekannt. Er hatte mit einem Bruder, der Elektriker ist, in Tel-Awiw gewohnt. Vorige Woche war er nach Rechoboth gefahren, um dort einen freien Tag zu verbringen und ist nicht mehr nach Tel-Awiw zurückgekehrt. Die Polizei nahm im Hause Gozavatzkers eine Haussuchung vor, bei der nichts Verdächtiges gefunden wurde. Der Bruder Gozavatzkers glaubt, daß dieser in einem Anfall von Melancholie Selbstmord begangen hat. Weitere Kondolenzen Der Direktor des Internationalen Arbeitsamtes in Genf, H. B. Butler, hat an den Vertreter der Zionistischen Organisation beim Völkerbund, Dr. Victor J a - cobsohn, anläßlich des Todes Dr. Arlosoroffs ein Beileidsschreiben gerichtet, worin es u. a. heißt: ,,Dem Intcrnationalen Arbeitsamt war das Opfer dieses schändlichen Attentats wohl bekannt; es wußte die großen staatsmännischen Fähigkeiten Dr. Arlosoroffs, seine unbedingte Hingabe an die Sache der Arbeiter Palästinas, seinen Sinn für Gerechtigkeit und Versöhnung, der der Gesamtheit der Bevölkerung Palästinas zugute kam, hoch zu schätzen. Zusammen mit der Jewish Agency beklagt es das allzu frühe Hinscheiden eines Mannes, der Palästina und der gesamten Menschheit wertvolle Dienste geleistet hat und noch geleistet hätte.“ * Auch der ״Reichsbtmd Jüdischen Frontsoldaten“ hat der Z. V.t. D. in einem von Dr. Löwenstein Unterzeichneten Telegramm seine aufrichtige Teilnahme zu dem schweren Verlust anläßlich des tragischen Todes von Dr. Arlosoroff ausgesprochen. Das Begräbnis Herr Max Hirsch, Berlin, übersendet uns die Abschrift eines Briefes, den er von seiner Frau aas Tel-Awiw erhalten hat und worin persönliche Eindrücke von dem Begräbnis mitgeteilt werden. Wir glauben, daß gerade aus einem, sol■ eben, ursprünglich nicht für die Oeffentlichkeit bestimmten Privatbrief die Stimmung der an der Leichenfeier ieihtehmenden Bevölkerung deutlich wird und bringen daher den Brief nachstehend xunt Abdruck, Red. Tel-Awiw, den IQ. Juni. Tage der starken Depression, des tiefen Ernstes und der tiefen Trauer liegen hinter uns. Gestern war die Beerdigung des allgemein beliebten und tief betrauerten Arlosoroff. Aus allen Städten, aus allen Kolonien, was überhaupt nur Beine hatte, war zugegen. Alle Dächer, alle Baikone, alle Bäume und alle Bürgersteige waren voll von Menschen besetzt. Ein tiefer Ernst lagerte auf allen. Alle Schulen rückten aus. Arbeiter aller Kategorien in blauen Blusen, Pfadfinder in Tracht. Organisationen und Verbände aller nur vorhandenen Arten, alles mit schwarzen Trauerbändchen am Hemd. Eine Unmenge von blau-weißen Fahnen mit schwarzer Umrandung wurden vorangetragen, Rabbiner mit langem Kaftan und ״Streimel“. Einer, sagt man, war der Gcrrer Rebbe. Alle fremden Konsuln, manche von ihnen in malerischer Tracht. Junge Mädchen und Burschen, blau-weiß gekleidet, trugen Kränze (ich habe sie fast richtig gezählt, es waren 65), die meisten aus Rosen und Nelken. Es war ein ungeheurer Zug. Alles ging Schritt für Schritt, toternst und mit hängenden Köpfen. Alle hier vorhandenen Chasonim (Kantoren) sangen das ״El Mole Rachamim“, darunter der leider gestern einem Herzschlag erlegene Josselc Rosenblatt. Eine derartige Beerdigung soll in Palästina noch me dagewesen sein. Dabei herrschte eine außerordentliche Disziplin. Berittene Polizei sorgte für Ordnung. Alle Ehren, die einem Sterblichen zuteil werden können, sind diesem jüdischen Führer erwiesen w orden. Er wie die Tat bilden immer noch das Stadtgespräch. Wie schrecklich, schrecklich! Hoffentlich bleiben weitere unangenehme Folgen aus. Dieser Fall muß auch bei Euch vielleicht gar einen noch stärkeren Eindruck hervorgerufen haben! Von 11 Uhr waren alle Geschäfte geschlossen, auch der Omnibusverkchr ruhte ganz, ich ging bis zur Mitte der Allenbystraße. Dann ging ich in ein Singer-Nähmaschinengeschah hinein und bat, mir einen Stuhl herausnehnten zu dürfen, was mir der Inhaber freundiiriist gewährte. Viele folgten meinem Beispiel und als der Zug ankam, stellte ich mich auf den Stuhl, so daß ich Gelegenheit hatte, alles, genau zu übersehen. Leitier keine lustige Begebenheit, wie es der Karneval am Purim ist. Möge es nur noch Schalem bei uns geben! B I i m e Hirsch. Gedenkfeiern in ganz Palästina Jerusalem, 27. Juni. (J. T. A.) Die allgemeine jüdisehe Arbeiterorganisation Palästinas hat im ganzen Lande Gedenk- und Trauerfeiern für Dr. Arlosoroff veranstaltet. An der im Beth Haarn in Tel-Awiw abgehaltenen Trauer, feier nahmen 8000 Personen feil. Ansprachen hielten der Chefredakteur des ״Dawar“, Berl Katzenelson, das ehemalige Mitglied der Zionistischen Exekutive Joseph Sprinz a k und Chaim Nachmann B i a 1 i k, der zu Ruhe ■und Zurückhaltung aufrief. Dia Btlder zeigen oben rechts: den Trauer :ug, in dem der Sarg von Arbeitern getragen wird, links: Jüdische Matrosen un Zuge, mien rechts: Das Spalier, links: Menschenmassen in Straßen und auf den Dächern. om Begräbnis in Tel-Awiw ׳-;•-RjgVi vin;syi;’ ׳־• mp)