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Jüdische Rundschau · 1933-06-23 · Heft 50 (23.6.1933) · p. Seite 279

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 50 (23.6.1933)
Date
1933-06-23
Page
Seite 279 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 50, 23. VI. 1933 f0mSCHE RUNDSCWÄÜ יי־ Seite 277 Persönliche Bekenntnisse Dr. Sahm znr Jndenfrage Bei dem Empfang der amerikanischen Kommunalpolitiker itn Berliner Rathaus hielt Oberbürgermeister Dr. Sahm eine Ansprache, in der er gemäß der Veröffentlichung der ״Deutschen Allgemeinen Zeitung“ (andere Zeitungen naben den Passus gar nicht oder ganz gekürzt wiedergegeben) über die Judenfrage folgendes gesagt hat: ״Gestatten Sie mir noch ein offenes Wort zur J u - den frage, die auch in Amerika die Gemüter in einem übermäßigen Grade erhitzt hat. Sie haben in den Hauptverkehrsväerteln Berlins die großen jüdischen Warenhauspaläste in vollem Betrieb gesehen, Sie können überall jüdische Geschäfte, jüdische Aerzte, jüdische Lokale antreffen. Sie sehen also, daß auch die Juden hier in Berlin, wie überall in Deutschland, ruhig, ohne Störung ihren Oeschäften nachgehen können. Sie werden nirgends pogromähnliche Vorgänge bemerkt haben, wie sie in anderen Ländern so häufig an der Tagesordnung sind. An der Tat- Sache aber, wie stark auch heute noch trotz gewisser Einschränkungen das öffentliche Leben In Deutschland und der Reichshauptstadt mit Juden durchsetzt Ist, können Sie ermessen, ,wie unverhältnismäßig groß der Einfluß des Judentums vor der nationalen Erhebung ln Deutschland gewesen sein muß. Auch heute nach der Einführung der starken Beschränkung der Zulassung jüdischer Rechtsanwälte ist z. B. immer noch ein Drittel aller Berliner Rechtsanwälte jüdischer Rasse, obwohl der Anteil der Juden auf die Bevölkerung kaum 2 beträgt. Aus diesem Beispiel können Sie sehen, daß das deutsche Volk wohl ein Recht hatte, den Anteil der Juden In manchen Berufsständett auf das normale Maß zu beschränken in einer Zeit, in der Millionen Deutscher ohne Arbeit und Brot auf der Straße liegen.“ Angesichts der übertriebenen und entstellten Nacfidchten über Judenverfolgungen, die im Ausland vielfach verbreitet waren und leider noch heute manchmal verbreitet werden, ist es verständlich, daß der Oberbürgermeister den amerikanischen Gästen diese Erklärungen abgab. Vom jüdisehen Standpunkt aber müssen wir betonen, daß die Judenfrage nicht lediglich eine Frage des Geschäftes ist. Ueber die Frage der Teilnahme von Juden an bestimmten Berufskategorien und der hier notwendigen Veränderungen würden sich einsichtige Juden sehr gern aussprechen, zumal das Problem der Berufsum9chichtung schon seit Jahren in jüdischen Kreisen als dringlich empfunden wird. Was aber die Juden in Deutschland und darüber hinaus auch anderswo wohnende Juden zutiefst erschüttert hat, ist die in Deutschland verbreitete Ansicht, daß die Juden als Juden ein minderwertiger, korrupter und hassenswerter Menschenschlag seien and aus diesem Grunde bekämpft werden müßten. Hier liegt für ehrbewußte Juden der Kern des Probien«. Naumann •Versammlung Der ״Verband nationaldeutsch er Juden“ veranstaltete dieser Tage im Logenhaus, Joachimsthal er Straße, eine Mitgliederversammlung, zu der anscheinend — außer der Presse — auch eine Anzahl von Nichtmitgliedern und Nichtjuden eingeladen waren. Der Vorsitzende des Verbandes, Dr. Max Naumann, hielt ein fast zweistündiges Referat, in welchem er unter Anführung von Zitaten aus früheren Schriften und aus seinen eigenen letzten Artikeln darlegte, wie seine Gruppe zu der deutschen nationalen Erhebung steht. Aus seiner Rede ging hervor, daß anscheinend auch innerhalb des Verbandes recht scharfe Kritik an den Methoden des Kampfes geübt wurde, unter anderem scheint das Mitteilungsblatt und insbesondere der Plakatsäulenanschlag Dr. Naumanns bekämpft worden zu sein. Naumann versuchte in seiner Rede, diese Maßnahmen zu rechtfertigen, indem er betonte, in einer Lage wie der heutigen sei ״Schontmgslosigkeit Pflicht“. Im weiteren Verlauf setzte sich Naumann mit den ״nichtjüdischen Volksgenossen“ auseinander, kritisierte die antijüdische Haltung des Nationalsozialismus, dessen Verdienste um die nationale Erhebung anerkannt werden müßten, und wandte sicli in längeren Ausführungen gegen die Rassentheorie. Er glaubt, die antijüdische Politik werde sich nicht halten. Als Beweis führt er u. a. an, daß man früher auch dem Zentrum vorgeworfen habe, es sei ultramontan“, suche seine Ziele jenseits der Alpen, und aus diesem Grunde habe der Registerrichter die Eintragung der Zentrnmspartei ins Vereinsregister abgelehnt. Diese Einsicht hat, aber Dr. Naumann und andere Redner nicht verhindert, denselben Vorwurf des ״Ultramontanismus“, dessen Unhaltbarkeit er selbst beweisen wollte, gegen andere jüdische Gruppen, die ihm nicht passen, zu erheben. Naumann erklärte den deutschen Nationalismus als ״Erziehungsziel“ für die Juden. Technische Vorschläge hierfür habe er in einer Eingabe zusammengefaßt, die als Niederschlag einer Unterredung mit einem hohen Staatsmann der Regierung eingereicht wurde und dort zirkuliert habe. Die Regierung habe jedoch bisher nicht in dem wünschenswerten Maße die jüdischen Ratschläge angehört. Int innerjüdischen Teil des Vortrags griff der Redner den C.-V. und den ״Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten“ schart an, während er die Zionisten als ״unerzielibar" ganz ausschaltete. In der Diskussion, die einen beträchtlichen Tiefstand aufwies, wurden die Gedankengänge Naumanns mit mehr oder weniger Geschick variiert. Oft geriet man in kleinbürgerlich-private Auseinandersetzungen, manchmal wieder verstieg man sich in Verhimmelung der deutschen nationalen Erhebung, die sicherlich auf einen echten Deutsehen recht peinlich gewirkt hätte. Dem außenstehenden Beobachter mußte auffallen, wie stark das ״jüdische“ Aussehen der Redner und der Versammlungsteilnehmer war. Man kann sich kaum einen eindrucksvolleren Nachweis des tiefgehenden Typen-Unterschieds zwischen Juden und Nichtjuden denken als das Schauspiel dieser Versammlung mit ihren Rednern. Dieser Eindruck wurde noch unterstrichen, als sich einer der wenigen nichtjüdischeti Anwesenden zu Worte meldete und mit schnarrender Stimme einige utmütige Worte an die Versammlung richtete, die mit egeisterung aufgenommen wurden. Der Gesamteindruck dieser Veranstaltung war ein recht deprimierender; man hatte das Gefühl einer schweren seelischen Verkrüppelung bei diesen Menschen, die einen Ausweg aus ihrer persönlichen Tragödie nicht finden. Dabei soll gerechterweise anerkannt werden, daß Dr. Naumann manche richtige Hinwendungen, die auch von anderen Juden geteilt werden, gegen die neue Gesetzgebung erhob. Wir stimmen ihm auch zu, wenn er betont, man dürfe die Judenfrage nicht bagatellisieren, treilich sehen wir sie anders als er, und gerade auch in dem neuen nationalen Staat denken wir uns ihre Lösung, dem Charakter des Staates angepaßt, anders als Dr. Naumann. Wenn Dr. Naumann hervorhob, es sei zu bedauern, daß die Regierung bisher die Meinung der Juden nicht eingeholt und nicht berücksichtigt hat, so können wir uns diesem Bedauern gleichfalls anschließen; nur muß festgestellt werden, daß Dr Naumann, der ein kleines Häuflein hinter sich hat, nicht der Vertreter der deutschen Juden ist. Wir wünschen, daß die Regierung mit den legitimierten Instanzen des deutsehen Judentums und nicht mit einem Outsider in Fühlung tritt. Wir haben tn den letzten Wochen häufig Briefe and Ar• tikel von Juden erhalten, die durch die Ereignisse der letzten Zeit zum Umdenken der Judenfrage veranlaßt worden sind. Solche Aeußerungen sind natürlich ganz persönlich, und doch glauben wir annehmen za können, daß viele Menschen, die in der gleichen seelischen Lage sind, ähnlich empfinden. Obwohl solche Gedanken oft nicht in allen Einzelheiten mit den Formulierungen übereinstimmen mögen, die bei nationaljüdisch erzogenen Menschen, die sich mit den Problemen seit langer Zeit befassen, üblich sind, glauben wir doch, daß sie lebendigen Einblick gewähren in das, was in vielen deutsch-jüdischen Menschen vorgeht. Wir beginnen heute mit der Veröffentlichung solcher Bekenntnisse. Red. Schwergewichts-Verlegung Der Verfasser des nachfolgenden Beitrags ist ein Nichtzionist and Frontkämpfer (Offizier). In dem Verhalten der deutschen Juden gegenüber dem Zettgeschehen sind zwei grundsätzlich verschiedene Einst cllungen zu beobachten. Die eine betont: ״Ich bin deutsch und Ich bleibe deutsch, kein Mensch und keine Gesetzgebung kann an dieser innerseelischen Tatsache etwas ändern. Und diese Wahrheit wird über kurz oder lang auch von der anderen Seite anerkannt werden müssen.“ Der Ausgangspunkt dieser Einstellung ist richtig. Die deutschen Juden and deutsch, und zwar nicht nur als Staatsangehörige, als in der deutschen Heimat und in der deutschen Kultur Verwurzelte, sie haben als von der deutschen Mutter- Sprache im Denken, Fühlen, Wollen und im Lebensrhytlimus geprägte Menschen auch Anteil am deutschen Volkstum. Das hat neuerdings S c h m i d t - R o h r, ein arischer Forscher, in seinem bedeutsamen Werke ״Die Sprache als Bildnerin der Völker“ (Jena, Diederichs, 1932) hervorgehoben und nachgewiesen. Diese Einstellung — nennen wir sie die optimistische — hat jedoch einen großen Mangel. Sie übersieht zwar nicht das, was geschehen ist Sie sinnt vielmehr auf praktische Maßnahmen zur Erleichterung augenblicklicher Not und auf wirtschaftliche Umstellungen für die Zukunft (der Optimismus eht ja selten so weit, eine völlige Aufhebung der die Juden eschränkenden Gesetze zu erhoffen). Aber sie ver kl einert das, was geschehen ist. Die Ungeheuerlichkeit des Stoßes, den man uns versetzt hat, sieht sie, nach Ucbervvindüng des ersten Schocks, als Bagatelle an. Wir müssen uns jedoch dessen bewußt bleiben, daß mit uns eine moralische Verfemung und Entwürdigun g vorgenommen worden ist, eine Krankung unser aller Ehre. Auch soweit Ausnahmen gemacht werden (Frontkämpfer), sind die Betroffenen nur vorzugsweise geduldet, nicht etwa als Volksgenossen anerkannt! Von dieser Paria-Behandlung wird jeder nicht Abgestumpfte ein dauerndes Brandmal zurückbehalten, und danach kann unser Verhältnis zur deutschem Umwelt nie mehr das frühere, unbefangene sein. Die Philosophiti Marie Luise Enckendorff spricht einmal davon, welch existenzieller Tiefsinn darin lag, daß in früherer Zeit auf einem geohrfeigten Manne, wie unschuldig er auch geschlagen worden war, ein Makel blieb. Wären wir deutschen Juden noch von unverbildeter Wesenstiefe, wir hätten allesamt nach dieser entsetzlichen Kränkung Hand an uns gelegt. Gewiß, eine Fülle von vernünftigen ״Gründen“ hat uns (mit Ausnahmen, deren Andenken heilig ist) davon abgehalten, hat das ursprüngliche Gefühl der Befleckung und Scham gehemmt. Aber keine Gründe gibt es dafür, daß wir uns alle Folgerungen aus dem Geschehenen ersparen können. Nein, wir müssen sie, soweit wir noch ein Gefühl für Ehre haben, ziehen, mögen sie auch schmerzlich sein und dem Hange zum weitergehen auf den bisherigen bequemen Wegen widersprechen. Insbesondere können wir uns nicht damit trösten, daß nicht das ganze deutsche Volk das Geschehene billige, das man so und so viele arische und sogar nationalsozialistische Bekannte habe, die trösten und vertrösten. Selbst ein Wandel der Dinge, an den zu glauben kindlich ist, würde den Schlag, der auf uns brennt, nicht auslöschen.... Und so bleibt jedem, der nicht empfindungslos ist gegenüber einer von Staatswegen erfolgten Entehrung größten Stils, nur die zweite mögliche Einstellung übrig: das, was den Grund für die Erniedrigung abgegeben bat, das wollen wir hochhalten, darauf wollen wir stolz sein — und wir dürfen es. Es ist das Jüdische in uns, unsere jüdische Erbsubstanz, tlie ja so stark ist, daß sie selbst in Sprößlingen aus Mischehen sich geltend macht. Wir wollen uns wieder besinnen auf die andere Komponente unseres Wesens, die den meisten deutsichen Juden in schematischer Auffassung nur ein ״Zweites“, Zweitrangiges, neben der deutschen war. Ihr Vorhandensein hat sogar Schmidt-Rohr (a. a. O.) bet aller Anerkennung der Zugehörigkeit der deutschen Juden zum deutschen Volkstum zu der Wendung veranlaßt, sie seien unter den Deutschen ״eine verhältnismäßig besonders scharf geprägte Untergruppe“ (neben anderen). Dieses unser ,,zweites“ Wesenselement wollen wir hervorheben, pflegen, klären, stärken und vertiefen. Dann wird uns bewußt werden, daß bei aller Verwurzelung im Deutschtum, bei aller Eineigiuing deutschen Wesens, hier noch etwas anderes an seelischer Kernmasse da ist, was tatsächlich unverschüttet, aber von unserer Gedankenwelt und Willensrichtung bisher — beim einen mehr, beim andern weniger — verdeckt war. Die Wieder e n tdeckung unserer jüdischen Substanz wird unsdann zur Wiederentdeckung des jüdischen Gesamtzusammenlianges, zum jüdischen Volke führen. An der Hand seiner großen Geschichtsschreiber Grätz und Dtibnow werden wir uns in seine Schicksale vertiefen und daraus das volle Verständnis für das Geschehen unserer Zeit schöpfen. Besonders Dubnows letzter Band (10) und die wieder zeitgemäße klassische Diagnose des Diaspora-Judentums von Leon Pinsker (״Auto-Emanripation“ 1882) geben uns den Schlüssel dazu. ״Und wo bleibt dann unser Deutschtum, das Du selbst anerkennst?“ wird man mich fragen. Hier setzt die schmerzliehe Folgerung ein, von der ich oben sprach. Sie ist unvermeidlich. wenn man nicht den Kopf in den Sand stecken will. Wir bleiben der deutschen Heimat, der deutschen Muttersprache und Kultur, dem Guten und Edlen deutschen Wesens, seinen Menschen und Werten in Liebe und Bankbarkeit verbunden. Aber wir übersehen nicht mehr die ״geschichtliche Schranke“, wir vergessen nicht mehr unser jüdisches Eigenwesen und unsere jüdische Eigenart, wir verlegen vielmehr unser Schwergewicht auf diese Seite unseres Wesens, ohne die andere anzutasten oder gar aus uns herausztireißen, wir bekennen uns offen und entschieden zur jüdischen Gesamtheit, zum jüdischen Volke, zur jüdischen Zukunft, Das bedeutet nicht, wie vielfach angenommen wird, die Notwendigkeit der persönlichen Uebersiedhmg nach Palästina. Wohl aber folgt daraus auf der einen Seite eine weitgehende, oft schmerzhafte Zurückhaltung, auf der andern die tätige Begeisterung für dieses Land als die wiedererstandene Heimstatt« des jüdischen Volkes und vielleicht schon unserer eigenen Kinder, und es folgt weiter daraus die eigenständige, autonome Gestaltung der jüdischen Dinge in den bisherigen Heimatländern. Die Lösung der hiermit zusammenhängenden Fragen ist die Aufgabe, die uns Zurückbleibenden jetzt obliegt. Wir gehen stolz und getröstet, mutig und gestärkt an sie heran, als volksbewußte Juden deutscher Kultur. Briefe an die Redaktion Halle, 15. Juni 1933. An die Redaktion der ״Jüdischen Rundschau“, Berlin W15, Meinekestr. 10. Sehr geehrte Herren! Wenn ich Ihnen heute schreibe, so denken Sie nicht, daß Äch Ihnen aus irgendwelchen egoistischen Gründen schreibe und plötzlich aus konjunkturpolitischen Motiven ״Zion“ und mein Judentum entdeckt habe. Aber es wird Sie interessieren, daß ich, der jahrelang im C-V. mit an führender Stelle earbeitet habe, ich, der jahrelang die Zionisten erbittert ekämpft, sie für den zunehmenden Antisemitismus verantwortlieh gemacht habe, heute ein ״Anderer“ geworden bin. Ich sehe ein, daß die liberalistiscli-individuclle Behandlung der jtidenfrage vollkommen verfehlt war, daß damit weder dem Judentum, noch dem Deutschtum geholfen wurde. Mit Opportunitätspolitik kommt man hier nicht weiter! Die Judenfrage kann nur aus der Behandlung seines Volks- und Rassentums. gelöst werden, muß von den Niederungen des politischen Lebens und Kampfes losgelöst lind in ruhiger und vornehmer Sachlichkeit und Menschlichkeit Besprochen werden. Sie können sicli denken, daß diese neue Betrachtungsweise, ein seelischer Umbruch und Aufbruch für mich darstellt, für mich, der bisher sein Judentum mir als private, religiöse Angelegenheit ansall. lieber und i!1 dem Gewitter•sturm, der sich über uns entlud, habe ich mein Judentum wiedergefunden, und bitte Sic, mich von nun an als Mitkämpfer und Mitstreiter für ein neues, regeneriertes, stolzes und starkes Judentum betrachten zu wollen. Hochachtungsvoll Ihr ergebener Dr. E. Oppcnheimc r. * Gchenkirchen, den 9. Juni 1933. An die Redaktion der ״Jüdischen Rundschau“ Berlin W15 ׳. Habe durch Zufall einige Exemplare Ihrer geschätzten Zeitung in die Hände bekommen. Mit Gier und Wissensdurst habe ich Zeile für Zeile gelesen und nun weiß ich es: bei Ihnen herrscht impulsives jüdisches Leben und mit offenen Augen schauen Sie in die Wahrheit. Ein Stück meines Lebens lief ich herum, wie tausend und abertausend jüdischer Mitmenschen, mit zugebundenen Augen. Für alles hatten wir ein offenes Auge, einen lebendigen Oedanken, ein mitfühlendes Herz, — eine jüdische Frage gab es für uns nicht. Und nun bekenne ich — es ist nicht Schuld, nur Schicksal. Der Mensch ist nun einmal ein Produkt des Ortes und der Umgebung, in denen zu leben er gezwungen ist. Bin aus dem Osten als Jüngling, als unreifer Mensch, nach Deutschland gekommen, aus dem Teil des Ostens, wo slavische und germanische Kultur sich schon näher berühren müssen, habe als Sohn orthodoxer Eltern eine nichtjüdische Schule besucht. Meine Mitschüler waren Polen, Deutsche, Russen und Juden. Der Zionismus hat bei uns eine große Rolle gespielt. War es mir doch schon als kleinem Chorknaben vergönnt, im Jahre 1012 bei einem großen Bankett zu Ehren Sokolows einstudierte hebräische Lieder zu singen. Die Intoleranz der jüdischen Orthodoxie, der Fanatismus des erwachenden Zionismus in der Sprachenfrage, das Nichtsehen-Wollcn bestehender sozialer Differenzen — all das hat mich zum Auch- und Zufallsjudcn gemacht. Aber ich hatte geistige und kulturelle Interessen. Mit mehreren Ihrer Gesinnungsfreunde leitete ich als kaum Sechzehnjähriger Arbeiterbildimgskurse, habe eine große jüdische ßibliothek mitverwaltet, habe nach der Inflation mitgeholfen, daß arme arbeitslose jüdische Handwerker und Angestellte keine Not litten. Unzählige Vorträge und Dichter-Gedächtnisreden habe ich ehrenamtlich im Rheinland und Westfalen gehalten. Dann kam meine Abkehr vom Judentum. Die intolerante fanatisch-gegnerische Einstellung des ortho doxen Juden zum jüdischen Freidenker, die haßerfüllte Gegnerschaft des ״wesflerischen“ deutschen Juden zum hergelaufenen Arbeiterwanderredner (so hczeichncte mich in einer nichtjüdischen Oeffentlichkeit ein Führer des liberalen Judentums), der unverständliche ungeistige, hinter den Kulissen gegen mich geführte Kampf hat mich zur Abkehr vom Judentum gezwungen. Sie werden fragen: warum kamen Sie nicht zu uns? Ich bin kein Zionist geworden, weil die geistige Formung des jungen Menschen oft für sein ganzes Leben bestimmend ist. Trotzdem bekenne ich mich zum Palästina-Gedanken. Wer genug Idealismus, Opfersinn, gesunde menschliche Arbeitskraft oder Kapital mit beweglichem Schaffenstalent hat, •der soll bei der ersten Gelegenheit nach Erez Israel gehen. Er soll hingehen und helfen, daß das körperlich und geistig vcrbuckelte Judentum verschwindet und an seiner Stelle das aufrechte schaffensfrohe, schöpferische Judentum entsteht. Unser Schicksal müssen wir selbst zu meistern versuchen. Es genügt nicht mehr, wenn wir unserer tagtäglichen Tätigkeit und den recht und schlecht gehenden Geschäften nachgehen. Wir sind gewillt, offen in das Lehen zu schauen und bekennen: jawohl, wir sind keine ״Staatsbürger mosaischen Glaubens", wir sind Juden, Menschen einer Rasse, eines Stammes, eines Volkes, die aber gewillt sind, historisch bewiesen und bewährt, gute Staatsbürger des Gastlandes zu sein. Und wenn man uns nicht gestattet, geistig und kulturell an den großen Werten der deutschen Kultur mitzuarbeiten, dann arbeiten und wirken wir für uns und unter uns. Alle früheren Gegensätze müssen beim geistigen Neuaufbau und Neuorientierung verschwinden. Achdüth Israel sei die Parole. Mit mir denken im selben Sinne Tausende und Abertausende abseitsstehender Juden, die den Mut zur offenen Erklärung noch nicht besitzen. Ich schließe meinen Brief mit den Worten aus einem meiner Aufsätze vor acht Jahren über die jüdische Bibliothek: nicht schlagen und nicht ignorieren. Unterstützen wollen wir die Hände, die für uns schaffen. Mit jüdischem Gruß Ihr Elias Paluszak.

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